Die Reichssprüche von Walther von der Vogelweide. Bildlichkeit im Hochmittelalter.


Hausarbeit, 2002
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Entstehung und Aufführung
1.1 Auftragsdichtung?
1.2 Der Vortrag
1.3 Orale Noetik

2 Die Reichssprüche
2.1 Sprecherrollen
2.2 Bildlichkeit

Zusammenfassung

Einleitung

Diese Hausarbeit versucht eine Interpretation der Reichssprüchen von Walther von der Vogelweide, die die Bedingungen deren Entstehung und Vortrag berücksichtigt.

Als fahrender Sänger hatte Walther im politischen Aktionsraum nicht von Anfang an einen Platz. Die Reichssprüche waren wahrscheinlich die ersten politischen Sang-sprüche in der höfischen Sphäre. Sie entstanden um 1200, zu einer Zeit ohne fest geschriebene Verfassung, ohne staatliches Gewaltanwendungsmonopol. fride und reht wurden nicht durch schriftlich fixierte Regeln, sondern durch andere Mechanismen gewahrt und stabilisiert. Im mittelalterlichen Personenverbandsstaat war „jedes soziale Handeln politisch Handlungsberechtigter potentiell Politik“[1], für jeden Träger von Macht war seine êre dabei das höchste Gut und sicherte entscheidend seinen status, seinen Rang in der Gesellschaftsordnung.

Auch die Reichssprüche richten sich nach den ungeschriebenen Gesetzen, die das politische Handeln zu Walthers Zeit bestimmten. In ihnen manifestiert sich die Beziehung Sänger- Gönner- Publikum. Der Schwerpunkt der Interpretation liegt nicht auf dem Inhalt, sondern auf formalen Aspekten, die es erlauben, die Reichssprüche in den Kontext der politischen Kommunikation einzuordnen.

Im ersten Teil sollen die Entstehungsbedingungen von Literatur im Mittelalter im allgemeinen und der Reichssprüche im besonderen knapp umrissen werden. Die Bedingungen von Entstehung und Aufführung der Reichssprüche sind zentral für ihre Interpretation. Der zweite Teil beschäftigt sich mit der Interpretation der Reichssprüche. Der Blick richtet sich mehr auf Formen und Stilmittel, weniger auf den Inhalt. Die Zusammenfassung greift noch einmal die wichtigsten Ergebnisse der Untersuchung auf.

1 Entstehung und Aufführung

1.1 Auftragsdichtung?

„Für die Entschlüsselung einer funktional angelegten Literatur aber ist die entscheidende Figur nicht allein, nicht einmal primär, der Dichter, sondern in hohem Maße der Adressat. Dies gilt für die Entstehung des Textes welcher auf sein jeweiliges Publikum hin konzipiert wurde, dies muß konsequenterweise auch für die Interpretation gelten.“[2]

Wie jeder Dichter im Mittelalter, der seine Tätigkeit nicht als Nebenbeschäftigung zu einem eigentlichen „Beruf“ betrieb, war Walther von der Vogelweide auf einen Gönner angewiesen. Erst als er den Wiener Hof verlassen musste, wurde er zum fahrenden Berufsdichter. Eric Marzo-Wilhelm hält es für unwahrscheinlich, dass von der Kanzlei Philipps von Schwaben bereits ein konkreter Auftrag für die Sangsprüche an den Dichter gegangen sein könnte. Dazu war die Gattung des politischen Sangspruchs einfach noch zu neu, erst Walther konnte sie überhaupt am Hof etablieren. Marzo-Wilhelm weist ausserdem am Inhalt verschiedener Sprüche nach, dass Walther wohl kaum über ein solches Insider-Wissen verfügt hat, wie sie ihm die Kanzlei vermittelt hätte.[3] Dennoch war er deshalb noch lange nicht frei in seiner Themenwahl, sondern war um so mehr darauf angewiesen, dass das Publikum ihn nach der Vorführung belohnte und beschenkte. Er konnte sich also kaum kritische Töne leisten, selbst wenn er gewollt hätte. Die mittelalterlichen Zuhörer hätten auf Kritik oder unvorhergesehene Kränkungen vielleicht sogar aggressiv reagiert. Man kann deshalb davon ausgehen, dass die Reichssprüche nicht nur eine individuelle Aussage des Künstlers Walther von der Vogelweide sind. In jedem Fall spiegeln sie die Stimmung eines staufisch gesinnten Publikums wieder, greifen die Gesinnung am Hof von Philipps Anhängern auf.

1.2 Der Vortrag

Die Reichssprüche waren, wie überhaupt der Großteil mittelalterlicher Literatur, auf den Vortrag ausgelegt. Leider sind die genauen Umstände ihrer Aufführung(en ?) nicht mehr in allen Einzelheiten nachzuvollziehen. An welchem Hof kamen sie genau zur Aufführung? Wer war unter den Zuhörern/Zuschauern? Der dritte Reichsspruch entstand deutlich später als die ersten beiden, nämlich nach Philipps Bannung durch Innozenz III. Wurden die Sprüche also getrennt aufgeführt? Wurden sie im Laufe der Zeit verändert und später zusammen vorgetragen? Die schriftliche Fixierung der Reichssprüche, die etwa ein Jahrhundert nach ihrer Entstehung erfolgte, kann über die Vortragssituation jedenfalls keinerlei Auskunft geben. Es muß sogar die Frage erlaubt sein, ob die Sprüche jemals genau so vorgetragen wurden, wie sie in den Handschriften zu finden sind. Walter Haug bemerkt,

„daß die dieser Dichtung eigentümliche Existenzweise der Vortrag ist. Und wenn man diese Vortragsdichtung verschriftlicht, verändert man ihre Existenzweise so fundamental, daß es sich fragt, ob es überhaupt möglich ist, von den schriftlichen Überlieferungen aus auf die mündlichen Vorstufen zurückzugreifen.“[4]

Von oralen Kulturen weiß man, dass sie einen Text, eine Geschichte, von Vortrag zu Vortrag veränderten und den jeweiligen Bedingungen und Bedürfnissen anpassten. Zwar macht es die strenge, aufeinander bezogene Komposition der Reichssprüche im nachhinein unwahrscheinlich, dass sie von Aufführung zu Aufführung variiert wurden, doch darf man nicht vergessen, das die ersten beiden Strophen wohl einige Zeit alleine, ohne die dritte, existierten und vorgetragen wurden.

Auch die genauen Umstände des Vortrags der Reichssprüche sind nicht mehr nachzuvollziehen. Dem Forscher liegt heute zur Interpretation nur noch der Text vor. Die Aufführung dagegen umschloss Text, Musik, Gestik, vielleicht Tanz. Wahrschein-lich ebenso nonverbale Begleithandlungen wie Gesten, Gesichtsausdruck oder Körperhaltung. Kostüme und Requisiten könnten benutzt worden sein. Die Stimme kann mit Pausen, durch Intonation und Akzente wichtiges betonen. Dies alles kann die Bedeutung hervorheben, unterstützen, erweitern.[5]

[...]


[1] Bernd Thum: Politik und soziales Handeln im Mittelalter. In Elementarformen dargestellt an der Chronistik und der politischen Spruchdichtung des Ostalpenraums im 13. und 14. Jahrhundert. Habilitationsschrift Karlsruhe 1976, S. 297.

[2] Eric Marzo-Wilhelm: Walther von der Vogelweide. Zwischen Poesie und Propaganda. Untersuchungen zur Autoritätsproblematik und zu Legitimationsstrategien eines mittelalterlichen Sangspruchdichters. Frankfurt a. M. 1998 (Band 70, Reihe B in: Regensburger Beiträge zur deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft. Hg. von Bernhard Gajek), S. 15.

[3] Marzo-Wilhelm: Walther von der Vogelweide. Zwischen Poesie und Propaganda, S. 53-63.

[4] Walter Haug: Mündlichkeit, Schriftlichkeit und Fiktionalität. In: Modernes Mittelalter. Neue Bilder einer populären Epoche. Hg: Joachim Heinzle. Frankfurt a. M./ Leipzig 1994, S.379.

Eine entgegengesetzte Position vertritt Thomas Cramer. Er glaubt, mhd. (Minne-)Lyrik sei vor allem lesend rezipiert worden. Thomas Cramer: Waz hilfet âne sinne kunst? Lyrik im 13. Jahrhundert; Studien zu ihrer Ästhetik. Berlin 1998.

[5] Helmut Tervooren: Die Aufführung als Interpretament mittelhochdeutscher Lyrik. In: Aufführung und Schrift in Mittelalter und früher Neuzeit. Hg. von Jan-Dirk Müller. (Band 17 Germanistische Symposien. Berichtsbände. Hg. von Wilfried Barner.) Stuttgart 1996.

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Details

Titel
Die Reichssprüche von Walther von der Vogelweide. Bildlichkeit im Hochmittelalter.
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)  (Institut für Deutsche Sprache und Literatur)
Veranstaltung
Politische Kommunikation im Mittelalter. Am Beispiel der Reichssprüche von Walther von der Vogelweide
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
16
Katalognummer
V9519
ISBN (eBook)
9783638162036
Dateigröße
568 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Reichssprüche, Walther, Vogelweide, Bildlichkeit, Hochmittelalter, Politische, Kommunikation, Mittelalter, Beispiel
Arbeit zitieren
Andrea Geiss (Autor), 2002, Die Reichssprüche von Walther von der Vogelweide. Bildlichkeit im Hochmittelalter., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/9519

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