Renaissance und Humanismus (1470 - 1600)


Seminararbeit, 2000

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Inhalt

LITERATURVERZEICHNIS

Renaissance und Humanismus (1470 - 1600)

1 1. Zum Begriff "Humanismus"
1.1. Historischer Hintergrund
1.2. Kulturelle Voraussetzungen
1.3. Dichtung

2. Das Wesentliche im Humanismus
2.1. Literarische Formen
2.2. Autoren und Werke :
2.2.1. Beispiel für Martin Luther: "Bibelübersetzung "
2.2.1.1. Textbeispiele von Martin Luther
2.2.2. Beispiel für Hans Sachs: "Das Scharaffenland"
2.2.3. Der bedeutendste Humanist „Erasmus von Rotterdam (1466-1536)"

LITERATURVERZEICHNIS

Renaissance und Humanismus (1470 - 1600)

1. Zum Begriff "Humanismus"

Im Allgemeinen deutet der Begriff Humanismus auf eine geistige Richtung hin, die durch Beschäftigung mit antiken Schriftstellern, Dichtern, Philosophen und Wiederbelebung antiker Bildung eine Höchstentfaltung der menschlichen Persönlichkeit als Ideal erstrebt. Daher könnte man davon ausgehen, dass es sich um eine geistige Welthaltung handelt, die aus dem Studium und Erlebnis der Antike und ihrer Erkenntnis menschlichen Wertes und künstlerischer Formen hervorgeht und deren Menschenbild auf literarische, sprachliche und logische Grundlage.

Im Folgenden soll Renaissance und Humanismus als eng miteinander verknüpfte Richtungen in das Thema einführen. Hierfür folgt eine kurze stichwortartige Einteilung:

- europäische Bewegung, besonders in Italien vertreten - Gegenbewegung zur Scholastik und der damaligen kirchlichen Autorität - Früh- (1420-1500), Hoch- (1500-1533) und Spätrenaissance (1533-1600) - Wiedergeburt des Gedankenguts aus der Antike (allseitig ausgebildete Menschlichkeit, individuelle Persönlichkeitsentfaltung, »Der Mensch ist das Maßaller Dinge«)

Renaissance (frz. = Wiedergeburt oder Wiedererwachen): europäische Bewegung der Wiederbelebung antiker Kunst und Gedanken seit 1350, ausgehend von Italien; als Epochenbegriff von Zeitgenossen nicht benutzt, statt dessen reformatio. Im 19. Jahrhundert wird der Begriff Renaissance in der Betrachtung der französischen Kunstgeschichte gebraucht, dann übertragen auf die Literatur. Humanismus: Rückbesinnung (im wesentlichen gelehrter Kreise) auf den Humanitas-Begriff der römischen Antike.

1.1. Historischer Hintergrund

Um den Humanismus und seine Wirkungsbereiche im Wesentlichen erfassen zu können, soll darauf eingegangen werden, welche historischen Hintergründe diese Bewegung begünstigt haben. - Entdeckung Amerikas (1492) - frühkapitalistische Tendenzen (Fugger) um 1600 - durch den Humanismus bedingte neue astronomische Erkenntnisse, Erfindungen, Weltbildsveränderung - erhebliche Kostenersparnisse bei der Buchherstellung durch Gutenbergs Buchdruckmaschine mit beweglichen Lettern (1445), Bücher erfahren eine größere Verbreitung.

Nach dem Fall Konstantinopels 1453 verbreiten sich von Italien aus in größerem Umfang antike Wissenschaft und Kultur in Mitteleuropa. Fülle an naturwissenschaftlichen und technischen Erkenntnissen (Galilei, Kepler; Böheim: Globus, Henlein: Taschenuhr); es entsteht ein naturwissenschaftlich-mechanischer Fortschrittsglauben. Auflösung der mittelalterlich-ständischen Ordnung: Die Politik wird abhängig vom Geld bürgerlicher Kaufleute, der frühkapitalistischen Handelshäuser (Fugger, Welser). Suche nach neuen Handelswegen => 1492 Endeckung Amerikas; Kopernikus: heliozentrisches Weltbild (statt des geozentrischen). Wachsendes städtisch-bürgerliches Selbstbewußtsein; das kirchliche Bildungsmonopol wird durchbrochen. Luthers Reformation bringt eine geistige Erneuerung und einen Wandel der Sprache. 1453 Einnahme Konstantinopels durch die Türken. 1492 Entdeckung Amerikas durch Columbus. 1517 Martin Luthers Thesen gegen den Ablaß, Beginn der Reformation.

Karl V. 1519-1556. Vereinigung des spanischen Weltreiches mit Deutschland in Personalunion. Kampf um die politische Voherrschaft in Europa zwischen Habsburg und Valois: um das Erbe Burgunds. Errichtung der absoluten Fürstenmacht. 1524-1525 der große Bauernkrieg in Deutschland. Festigung der deutschen Territorialstaaten . 1529 Türken vor Wien. 1546 Luthers Tod, der Schmalkaldische Krieg. 1555 Augsburger Religionsfriede: Kompromißlösung der Konfessionsstreitigkeiten gibt den Landesfürsten und den freien Städten Religionsfreiheit.

1.2. Kulturelle Voraussetzungen

Entsprechend der historischen Hintergründe sind während der geistigen Richtung auch kulturelle Voraussetzungen nicht außer Acht zu lassen. Denn sie ergänzen sich gegenseitig und sind nicht scharf voneinander zu trennen. Die Zeit ist gekennzeichnet durch umstürzende Ereignisse auf allen Gebieten, durch die "Entdeckung des Menschen, die Entdeckung der Welt".1492 entdeckt Columbus Amerika, 1498 Vasco da Gama den Seeweg nach Ostindien. Die erste Weltumseglung glückt. Kopernikus stürzt das ptolemäische Weltbild des Mittelalters ("De revolutionibus orbium coelestum"1543). Seit der Erfindung der Buchdruckerkunst durch Gutenberg ist für alle neue Erkenntnisse und Lehren die Möglichkeit unbegrenzter Verbreitung geschaffen.

Die in Italien aufblühende Renaissance stellt dem Mittelalter ein neues Bild des auf sich selbst gestellten, allseitig gebildeten Menschen entgegen, fordert die Freiheit der Wissenschaft und bringt in der Politik den Typ des Machtmenschen hervor, den Machiavelli in seinem Buch "I1 principe" beschreibt. Zum Vorbild wird die Antike, deren Erforschung und Pflege sich der Humanismus widmet: wahre Bildung ist für ihn nur über die Kenntnis der römisch- griechischen Kultur möglich. Der bedeutendste Humanist, Erasmus von Rotterdam, sucht einen harmonischen Ausgleich von Antike und Christentum in einem christlichen Humanismus.

In Deutschland wird der Humanismus zurückgedrängt durch die Reformation Martin Luthers, der das innere Leben auf den in der Bibel geoffenbarten Glauben an die göttliche Gnade und Erlösung gründet. Gegenüber der weltlich-wissenschaftlichen Richtung anderer Länder wird das deutsche geistige Leben durch die Fragen des Glaubens und durch eine leidenschaftliche religiöse und konfessionelle Auseinandersetzung bestimmt.

Das Ideal höchster individueller Persönlichkeitsentfaltung nach antikem Vorbild wird angestrebt; eine Versöhnung von Antike und Christentum wird versucht. Nebeneinander lateinischer und deutscher Schriften, viele Übersetzungen italienischer Texte ins Deutsche => Entwicklung eines neuen Prosastils.

1.3. Dichtung

Die deutsche Dichtung ist kein ebenbürtiger Ausdruck der großen geistigen Bewegungen dieses Zeitraums. Im Volksbuch von Doktor Faust spiegelt sich nur die Fragwürdigkeit des Renaissancegeistes wider. Die Humanisten pflegen die lateinische Dichtung, nur Ulrich von Hutten.

Das große literarische Ereignis ist Luthers Bibelübersetzung, durch die er den Grund zur hochdeutschen Gemeinsprache legt. Luther schafft auch das protestantische Kirchenlied. Im übrigen ist die deutsche Literatur der Reformationszeit durch den konfessionellen Kampf bestimmt und satirisch ausgerichtet. Wesentlich satirischen Charakter tragen die Werke von Sebastian Brant, Thomas Murner und Johannes Fischart. Im Reformationsdrama werden die Fragen des Glaubens diskutiert. Schließlich blüht eine reiche, oft recht derbe Schwankliteratur, die in Sammlungen wie Wickrams "Rollwagenbüchlein" zusammengefaßt wird. In Hans Sachs findet das städtische Bürgertum noch einmal einen gefälligen Vertreter; seine bleibende Leistung liegt in seinen gereimten Schwänken und seinen Fastnachtsspielen.

2. Das Wesentliche im Humanismus

In dem berühmten Brief Ulrichs von Hutten an Dürers Freund, den Nürnberger Humanisten und Ratsherrn Willibald Prickheimer, bekennt sich Hutten hymnisch zu der neuen Zeit, die um 1500 hereingebrochen war: "Ich will mich bemühen, immer Hutten zu bleiben, niemals mir selbst untreu zu werden, sondern die krummen Pfade des Lebens gerade durchzuwandeln..., o Jahrhundert, o Wissenschaften! Es ist eine Lust zu leben... die Studien regen sich, die Geister blühen auf. Du aber, Barbarei, nimm einen Strick und erwarte deine Verbannung."

Wir treten in ein Jahrhundert gelöster Kräfte. Warum wirkte diese Zeit um 1500 so faszinierend auf die Menschen? Bisher hatte der Mensch namenlos in der Kirche gekniet, in der Menge an dem Bau der Dome mitgearbeitet. Er erwacht jetzt zu sich selbst. Wie ein Triumph- und Ehrenbogen wölbt sich über dieser Zeit das Motto: "Entdeckung der Welt, Entdeckung des Menschen." In einer Zeitspanne von dreißig Jahren, von 1492-1522, werden Amerika entdeckt, der Seeweg nach Ostindien gefunden, der Stille Ozean erreicht, die erste Erdumseglung vollendet.

1543 schreibt Kopernikus in Frauenburg am Frischen Haff seine Schriften: "De revolutionibus orbium coelestium" (Über Bewegungen himmlischer Welten). Er erweitert den Raum ins Ungemeßene und erschließt eine ungeheure sphärische Welt, in der die Erde und zahllose Planeten kreisen.

Ebenso lehrt der italienische Dominikaner GIORDANO BRUNO (1548-1600), daßdas Weltall unendlich, unser Sonnensystem nur eins von den unzähligen, unsere Erde gleich einem Atom sei. Gott ist nach seiner Meinung nicht außerhalb oder über, sondern in der Natur. Jeder Weltkörper stellt nach Brunos Glauben eine Stufe der Vollkommenheit dar, d.h. einen der möglichen Grade der Vergeistigung. In dem Menschen lebt die Sehnsucht, dem einen, allen Welten innewohnenden Sein, dem Urquell des Wahren, Guten, Schönen zuzustreben. Wer sich in der Weite des Alls zu verlieren scheint, findet sich in der Unendlichkeit seines inneren Lebens wieder. Zwischen ihm und der unendlichen Form vermitteln das Schöne, die Kunst, die wahre Philosophie, die zugleich Poesie, Malerei und Musik ist. In diesem seligen Bewußtsein, seiner Selbstvervollkommnung zuzustreben, hat auch der Tod für den Menschen keinen Schrecken mehr.

Die Entdeckungen erweitern so nicht nur den geographischen Horizont, sondern vermitteln auch ein neues Lebensgefühl. Der Mensch besinnt sich auf die in ihm liegenden schöpferischen Kräfte und versucht, sich selber zum Mittelpunkt der Welt zu machen. Ein neues Bild von der Welt, von den Beziehungen des Einzelmenschen zum Kosmos, von der Ordnung und Schönheit dieses Kosmos, formt sich in seiner Seele.

In Politik und Kunst kommt es zu umwälzenden Neuerungen. Die nationalen Staaten des neueren Europa bilden sich aus. Moderne Stadtstaaten entstehen zuerst in Italien. Das 1514 entstandene Buch des Italieners Machiavelli "Il principe" (Der Fürst) löst den staatlichen Machtwillen aus dem Zusammenhang mit Sittlichkeit und Religion und weißden Menschen zu überzeugen, daßes für ihn nur ein oberstes Gesetz, das der reinen Zweckmäßigkeit, gebe.

All das Neue, das die Entdecker und Forscher, Philosophen und Künstler hervorbrachten, blieb dabei nicht mehr auf einen kleinen Kreis beschränkt. Die um 1455 von Johannes Gutenberg aus Mainz erfundene Kunst, mit beweglichen, gegossenen Metalllettern zu drucken, die man dann wieder für weitere Drucke verwenden kann, ließdie Menschen in bisher verschlossene, wissenschaftliche Gebiete hineinsehen. Mit der Erfindung des Letterndruckes wurde die Möglichkeit unbegrenzter Vervielfältigung geschaffen. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts belief sich die Zahl der gedruckten Bücher bereits auf 10 bis 12 Millionen. Das gesprochene Wort wurde vom geschriebenen und gedruckten abgelöst. Dadurch hob sich das Urteil und Selbstbewußtsein weiter Volkskreise.

Es gärte in Deutschland, die Zeit war voller Unruhe. Auf den Landstraßen zogen Transportkolonnen, denn wegen der Unsicherheit vermied man Einzelfahrten. Man wanderte in Gruppen von Land zu Land -und stand diskutiert zusammen im Wirtshaus, in der Burse. Lieder, Anekdoten, satirische Gedichte, Schwänke, Flugschriften, Holzschnitte gingen von Hand zu Hand. Jeder wollte sich selber ein Urteil bilden und konnte es, weil der Buchdruck es jedem möglich machte, zu lesen und zu hören. Das von Italien her Europa überflutende Diesseitsgefühl belebte die Kunst und Wissenschaft.

Im Geiste der Renaissance, aber ebenfalls auf deutsche Weise ging der Naturphilosoph, Artz, Chemiker und Biologe PARACELSUS VON HOHENHEIM (1493-1541), der ein unstetes Wanderleben führte, an die ungelösten Rätsel des Lebens heran, die man jetzt zu enthüllen wagte und hoffte. Er beobachtet die geheimnisvollen Beziehungen zwischen den Körpern, Seelen und guten und bösen Geistern. "Die Welt und alles, was wir in ihrem Umkreis von ihr sehen und greifen, ist nur das halbe Teil der Welt. Das, was wir nicht von ihr sehen, ist ebenso umfangreich an Art und Gewicht. Das liegt daran, daßnoch ein halber Mensch existiert, in welchem die unsichtbare Welt wirkt und sich abbildet. "Er stößt vor in die Welt des Unbewußten und läßt ahnen, daßauch dieses Unbewußte teilhat an der Bildung und Geschichte des einzelnen wie ganzer Völker. Diese Welt des Sichtbaren und Unsichtbaren können wir wahrnehmen, weil unsere Sinne, unsere Vorstellungen, unser Denken und Fühlen in einer Einheit in uns verbunden sind und zu gleicher Zeit zusammenwirken. Dieses Gefühl, die Natur in ihrer "Ganzheit" und "Einheit" zu empfinden, hebt uns über uns empor, erfüllt uns mit Freude und schenkt uns Kultur des Geistes und des Herzens.

Aus dem Willen, die Natur zu beobachten und zu erforschen, entwickelte sich der Gedanke der modernen Wissenschaft. Ungeahnte Möglichkeiten eröffneten sich dem forschenden Geist. Aber diese tieferen Einblicke in das Wesen des Kosmos erhöhten nicht nur das Lebensgefühl der Zeit, sondern gaben andererseits auch, oft mißverstanden und oberflächlich gehandhabt, Raum zu Scharlatanerien und zu vorgetäuschter Zauberei, wobei niedrige Leidenschaften sich austoben konnten, Habsucht, Lust am Betrug und Spiel mit der Unwissenheit der Menschen.

In diesen aufgeregten, unruhvoll gärenden Zeiten, die durch Männer wie Faust hier, Paracelsus dort gekennzeichnet sind, formten sich schließlich die neuen Weltanschauungen zu einem geschlossenen Weltbild aus in dem Humanismus. Der Name Humanismus leitet sich ab aus den wieder aufgenommen "studia humanitatis", dem Studium der griechischen und römischen Schriftsteller Cicero, Livius, Catull, Ovid, Tacitus, Plautus, Terenz, Horaz, Vergil, Aristoteles, Thukydides, Hormer. Zwar war die Kenntnis der Antike im ganzen Mittelalter lebendig geblieben, aber erst jetzt wurde diese Antike als Ganzes zum Vorbild und zur Richtschnur der Lebensführung. Nur auf dem Weg über die Kenntnis der römisch- griechischen Kultur schien wahre Bildung möglich. Daher der Eifer, mit dem die Humanisten klassische Texte aufspürten, kommentierten und herausgaben, daher auch das starke Selbstgefühl, mit dem sich die lateinisch schreibenden Gelehrten von der Masse des Volkes abhoben. Wie in der Ottonenzeit wurde wiederum das Latein zur Dichtersprache der Gebildeten. "Ein Humanist ist ein Mensch, der die menschlichen Dinge liebt; der Kunst und Literatur, besonders die Griechenlands und Roms dem trockenen Licht der Vernunft oder der mystischen Flucht ins Unbekannte vorzieht; der der Allegorie mißtraut; der kritische Ausgaben mit Varianten und notae variorum anbetet; der eine Leidenschaft für Manuskripte hat, die er entdecken, erbetteln, borgen oder stehlen möchte; eine beredte Zunge, die er fleißig übt, eine scharfe Zunge, die bei Gelegenheit in den Jargon von Fischweibern ausbricht oder einen Gegner mit einem Epigramm trifft" (E. R. Curtius). Erst in dieser Zeit kam der Typus des Humanisten zur wahren Geltung. Er befreite die Dogmatik von ihren Fesseln, bejahte das Diesseits und ordnete das Chaos der Zeit im Sinne eines christlichen Humanismus neu.

Die Humanisten bildeten eine über die Landesgrenzen hinwegreichende Gemeinschaft gleichgesinnter, auf die Antike als Vorbild eingeschworener Geister; ihr gehörten Männer an, die die ungestörte Stille des Studierraums über alles liebten, aber auch andere, die in einem abenteuerreichen Wanderleben die neuen Erkenntnisse kämpferisch zu verbreiten suchten. Ihr anerkannter Führer war der "König der Wissenschaften".

2.1. Literarische Formen

Kennzeichnend für den Humanismus sind folgende Gattungsformen:

- Meistersang (entstanden aus dem höfischen Minnesang), Volkslied (entstanden aus der niederen Minne) - Helden-, Ritter-, Abenteuerromane - Fabeln, Novellen, Schwänke, Fazetien (gesammelt und gebündelt herausgegeben) - Andachts-, Gebets-, Sterbebüchlein - Streitgespräche, Fastnachtspiele (Verspottung), Narrenliteratur (Till Eulenspiegel) - Volksbücher (Historia von D. Johann Fausten, Die Schildbürger)

Meistersang: Hans Sachs (1494 - 1576), Nürnberger Schuhmacher und Poet: Fastnachstsspiel. Vertreter des Meistersanges - von Zunfthandwerkern getragen - erster Höhepunkt städtisch- bürgerlicher Kultur. Handwerker und Landsknechte als Hauptgestallten; sein ‘Knittelvers’ wird von Goethe im ‘Faust’ aufgenommen, die ‘Wittenbergische Nachtigall’ (1523), ein Lied zur Verbreitung der Lehre Luther, in Richard Wagners Oper "Die Meistersinger" wiederholt.

Volksbücher: Entstehung der Volksbücher: Schildbürger (1598), das Volksbuch vom Doktor Faust (1587) => Christopher Marlowes ‘Faust’, in Deutschland als Puppenspiel bekannt geworden, Lessings ‘Faust’-Fragment, Goethes ‘Faust’.

2.2. Autoren und Werke :

Erasmus von Rotterdam (1466/69 - 1536) bedeutendster Vertreter des Humanismus, Ständekritik, sehr feine Ironie, lehnte Luthers religiöse Radikalisierung ab, Das Lob der Torheit

Ulrich von Hutten (1488 - 1523): neulateinische Prosadialoge, brühmtes Gedicht: "Ich hab’s gewagt!". Unterstützung Luthers,

2. Teil der Dunkelmännerbriefe

Sebastian Brant (1458 - 1521):

Das Narrenschiff (1494), löste Narrenliteraturflut aus Martin Luther (1483 - 1546):

Reformator, 1517 Thesenveröffentlichung, Das Neue Testament Deutsch, Übersetzung der Bibel um 1534 ins Deutsche in einer »allgemein verständlichen Sprache«, Flugschriften Von der Freiheit eines Christenmenschen und An den christlichen Adel deutscher Nation "Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche". Ungeheure Wirkung . Versuch, den Institutionen der Kirche den einzelnen als Individuum unter göttlicher Gnade gegenüberzustellen (sola fide - Erlösung allein durch den Glauben!).

Johann Fischart

Johann Geiler von Kaisersberg

Johannes von Tepl

Der Ackermann aus Böhmen, Streit zw. Ackermann und Tod

Thomas Murner

Hans Sachs

Der fahrende Schüler im Paradies, Das Kälberbrüten, Das heiße Eisen

Jakob Wimpfelin

2.2.1. Beispiel für Martin Luther: "Bibelübersetzung "

Martin Luther: Sendbrief vom Dolmetschen (1530), führt die Umgangssprache in die Literatur ein ("den Leuten aufs Maul schauen!"). Luthers Bibelübersetzung (1534) ist ein entscheidender Beitrag zur Schaffung einer einheitlichen neuhochdeutschen Sprache.

2.2.1.1. Textbeispiele von Martin Luther

Martin Luther: Sendbrief vom Dolmetschen (1530, Ausschnitte)

[...] Ich hab mich des geflissen im Dolmetschen, das ich rein und klar Deutsch geben möchte. Und ist uns wol oft begegnet, das wir vierzehn Tage, drey, vier Wochen haben ein einiges Wort gesucht und gefragt, haben dennoch zu weilen nicht gefunden. [...]

Als wenn Christus spricht ex abundantia cordis os loquitur. Wenn ich den Eseln sol folgen, die werden mir die Buchstaben furlegen und also dolmetschen: außdem Uberflußdes Hertzen redet der Mund. Sage mir, ist das deutsch geredt? Welcher Deutscher sagen, er wolt den sagen, es sey das einer allzu ein gros Hertz habe, oder zu vil Hertzes habe, wie wol das auch nicht recht ist, denn Uberflus des Hertzen ist kein Deutsch, so wenig als das deutsch ist, Uberflus des Hauses, Uberflus des Kachelofens, Uberflus der Banck. Sondern also redet die Mutter ym Haus und der gemeine Man: wes das Hertz vol ist, des gehet der Mund uber. Das heist gut deutsch geredt, des ich mich geflissen, und leider nicht allewege erreichen noch troffen habe. Denn die lateinischen Buchstaben hindern aus der Maßen seer gut deutsch zu reden. [...]

2.2.2. Beispiel für Hans Sachs: "Das Scharaffenland"

Das Schlaraffenland

Eine Gegend heißt Schlaraffenland,

den faulen Leuten wohlbekannt;

die liegt drei Meilen hinter Weihnachten.

Ein Mensch, der dahinein will trachten,

mußsich des großen Dings vermessen

und durch einen Berg von Hirsebrei essen;

der ist wohl dreier Meilen dick;

alsdann ist er im Augenblick

im selbigen Schlaraffenland.

Da hat er Speis und Trank zur Hand;

da sind die Häuser gedeckt mit Fladen,

mit Lebkuchen Tür und Fensterladen.

Um jedes Haus geht rings ein Zaun,

geflochten aus Bratwürsten braun;

vom besten Weine sind die Bronnen,

kommen einem selbst ins Maul geronnen.

An den Tannen hängen süße Krapfen

wie hierzulande die Tannenzapfen;

auf Weidenbäumen Semmeln stehn,

unten Bäche von Milch hergehn;

in diese fallen sie hinab,

daßjedermann zu essen hab.

Auch schwimmen Fische in den Lachen,

gesotten, gebraten, gesalzen, gebacken;

die gehen bei dem Gestad so nahe,

daßman sie mit den Händen fahe.

Auch fliegen um, das mögt ihr glauben,

gebratene Hühner, Gäns©und Tauben;

wer sie nicht fängt und ist so faul,

dem fliegen sie selbst in das Maul.

Die Schweine, fett und wohlgeraten,

laufen im Lande umher gebraten.

Jedes hat ein Messer im Rück ;

damit schneid t man sich ab ein Stück

und steckt das Messer wieder hinein.

Käse liegen umher wie die Stein.

Ganz bequem haben s die Bauern;

sie wachsen auf Bäumen, an den Mauern;

sind sie zeitig, so fallen sie ab,

jeder in ein Paar Stiefel herab.

Auch ist ein Jungbrunn in dem Land;

mit dem ist es also bewandt:

wer da häßlich ist oder alt,

der badet sich jung und wohlgestalt't

Bei den Leuten sind allein gelitten

mühelose, bequeme Sitten.

So zum Ziel schießen die Gäst ,

wer am meisten fehlt, gewinnt das Best;

im Laufe gewinnt der Letzte allein;

das Schlafrocktragen ist allgemein,

Auch ist im Lande gut Geld gewinnen:

wer Tag und Nacht schläft darinnen,

dem gibt man für die Stund©einen Gulden;

wer wacker und fleißig ist, macht Schulden.

Dem, welcher da sein Geld verspielt,

man alles zwiefach gleich vergilt,

und wer seine Schuld nicht gern bezahlt,

auch wenn sie wär eines Jahres alt,

dem mußder andere doppelt geben.

Der, welcher liebt ein lustig Leben,

kriegt für den Trunk einen Batzen Lohn;

für eine große Lüge gibt man eine Kron'.

Verstand darf man nicht lassen sehn,

aller Vernunft mußman müßig gehn;

wer Sinn und Witz gebrauchen wollt,

dem wär kein Mensch im Lande hold.

Wer Zucht und Ehrbarkeit hätt lieb,

denselben man des Lands vertrieb,

und wer arbeitet mit der Hand,

dem verböt man das Schlaraffenland.

Wer unnütz ist, sich nichts läßt lehren,

der kommt im Land zu großen Ehren,

und wer der Faulste wird erkannt,

derselbige ist König im Land.

Wer wüst, wild und unsinnig ist,

grob, unverständig zu aller Frist,

aus dem macht man im Land einen Fürsten.

Wer gern ficht mit Leberwürsten,

aus dem ein Ritter wird gemacht,

und wer auf gar nichts weiter acht't

als auf Essen, Trinken und Schlafen,

aus dem macht man im Land einen Grafen.

Wer also lebt wie obgenannt,

der ist gut im Schlaraffenland,

in einem andern aber nicht.

Drum ist ein Spiegel dies Gedicht,

darin du sehest dein Angesicht.

2.2.3. Der bedeutendste Humanist „Erasmus von Rotterdam (1466-1536)"

Er stammte aus Holland, war Mönch im Augustinerkloster Gouda, verließden Orden und nahm Dienst beim Bischof von Cambrai. Mit den Gelehrten und Humanisten aller Länder führte er Gespräche und einen Briefwechsel. 1513 kam er das erstemal nach Basel. Seit 1521 blieb er dauernd dort. Bei seinem ersten Kommen wurde er wie ein König gefeiert. Verse und Briefe, die er an Einzelpersonen oder an Städte schrieb, wurden wie Kostbarkeiten gehütet. Seine geistige Welt ist ungeheuer weiträumig. Er studierte die Werke des klassischen Altertums, gab lateinische und griechische Schriftsteller und Denker heraus wie Origenes, Augustinus, Plautus, Ternz, Seneca, Livius, Plinius Sueton und Demosthenes, Ptolemäus und Aristoteles. 1516 erschien eine kritische Ausgabe des Novum testamentum gracce von seiner Hand; sie wurde grundlegend für Luthers Bibelübersetzung. Vorher (1500) waren schon von ihm erschienen eine Sammlung von 4000 antiken Sprichwörtern: "Collectanea adagiorum" und sein Handbüchlein des christlichen Ritters: "Enchiridion militis christiani" (1502). Als Gelehrter und Erzieher bewundern wir ihn in seinen vertraulichen Gesprächen über Kunst und Wissenschaft "Colloquia familiaria", als geistreichen Satiriker in seinem "Lob der Torheit" (1509).

Man hat Erasmus den "ersten Europäer" genannt. Damit wird nicht nur auf seine internationalen Beziehungen zu den Gelehrten in ganz Europa angespielt. Diese Bezeichnung will den geistigen Raum bezeichnen, in dem er lebte: er drängte auf Ausgleich und Harmonie, auf eine große Bruderschaft im Geiste rationaler Besonnenheit, auf eine Versöhnung jener Elemente, die das innere Fundament des Abendlandes bilden. In den Evangelien findet er die ewigen Wahrheiten, die den Menschen helfen, sich gegenseitig zu verstehen. In Liebe, Toleranz, Demut soll er sich beugen vor dem Unerforschlichen: das sind Wahrheiten, die er schon bei Plato, Sokrates Seneca findet, die von der Antike in den Flußder Zeit, in das Mittelalter, in die Renissance hinüberströmen. So versucht er Antike und Christentum, Sokrates und Christus, Vernunft und Menschlichkeit zu versöhnen. Die Tugend ist für ihn lehrbar im sokratischen Sinne, sie soll sich in einem christlichen Humanismus verbinden mit der Liebe zu den Menschen.

Erasmus war der Typus des geistig wirkenden Menschen, eine versöhnliche, auf Distanz bedachte Natur, kein Held. Das Dumpf-Chaotische vieler Zeitgenossen, die tumultuarische, oft ungezügelte Wildheit der Deutschen empfand er als unheimlich. Nur versteckt sagte er die Wahrheit, wie in seiner Satire Das Lob der Narrheit. Er läßt die Narrheit eine Lobrede über sich selber halten. Die Zuhörer sind auch Narren. Die Narrheit predigt dem Menschen als Wahrheit das, was dumm und töricht ist. Wer darf dem Menschen die Wahrheit unmittelbar sagen?

Als Erasmus sah, daßseine Kritik an dem Papsttum die Reformation förderte, zog er sich aus dem theologischen Streit zurück. Er veröffentliche die Schrift " Vom freien Willen", auf die Luther mit der Gegenschrift "Vom geknechteten Willen" antwortete. In der Gegenüberstellung dieser beiden Kampfschriften erkennt man den Gegensatz zwischen Humanismus und Reformation. Erasmus will in Anlehnung an die Alten, die Kirchenväter und die Bibel soviel wie möglich für die Selbstherrlichkeit des Menschen retten. Er sieht in der Vernunft und im Willen, in einer christlichen Gesinnung und einer gelehrten Frömmigkeit die Möglichkeit, vor Gott zu bestehen. Demgegenüber betont Luther die Nichtigkeit des Menschen, die Ohnmacht des menschlichen Willens und seiner Vernunft. Er sieht im Selbstbewußtsein des Menschen, der kraft seiner Vernunft glaubt, Gott zu ergründen, eine Anmaßung. Gott ist nach Luther über alle Vernunft. Sinn und Rettung des Menschen liegen nur im Glauben. Erst wenn die Gnade Gottes über den Menschen kommt, die er im Glauben, im Gebet erringen und erfühlen kann, ist er „ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan". Erasmus glaubt, daßder Geist des Menschen bereits ein göttlicher Funke sei, das im Menschen Geist und Fleisch sich geeint haben und der Mensch sich des rechten Weges bewußt sei. Der Humanist Erasmus glaubt an eine Verbindung des freien Willens im Menschen und der göttlichen Gnade. Für den Reformator Luther ist „aller Glaub ein göttlich Werk in uns".

Der Briefwechsel des Erasmus mit den Gelehrten und den politisch führenden Männern seiner Zeit zeigt, wie allen Humanisten gemeinsam war, auf die Quellen zurückzugehen; zu dem lateinischen Studium gesellte sich das Studium des Griechischen und Hebräischen. Johannes Reuchlin (1455-1522) war der berühmteste Gäzist seiner Zeit und verfasste die erste hebräische Grammatik. Konrad Celtis (1459-1508) gründete literarische Gesellschaften; er wurde zum poeta laureatus gekrönt. Seine Liebesgedichte Libri amorum deuten voraus auf Johann Christian Günther und Goethe. Er gab die Dramen der Gandersheimer Nonne Hrotsvitha heraus, veröffentlichte eine „Ars versificandi et cerminum" und einen ommentar zu Germania. Seine Zeitgenossen nannten ihn den Erzhumanisten. In einem bewegten Wanderleben tauchte er tief in den Strom seiner Zeit: er war Weltmann und Gelehrter. Rein im Nationalen, Politischen, fast bis an die Grenze des Agitators gehend, wirkte als unerschrockener Kämpfer für den Humanismus.

LITERATURVERZEICHNIS

BURGER, H.Otto. Deutsche Literatur im europäischen Kontext. Max Gehlen Verlag, Berlin, 1969.

GRABERT, W. -MULOT, A. Geschichte der deutschen Literatur. Bayrisches Schulbuchverlag, (5.Auflage) 1959.

RUPPRICH, Hans. Die deutsche Literatur vom späten Mittelalter bis zum Barock. C.H.BeckÁsche Verlagsbuchhandlung, München, 1970.

WILPERT, v. Gero. Sachwörterbuch der Literatur. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart, (7. Auflage) 1989.

URL: http://www.snafu.de/~mcthree/literatur/epochen/fruehneuhochdeutsch. html (12.12.1999)

URL: http://olsnsrv.cs.uni-magdeburg.de/OLSN/Wissen/Deutsch/Literatur/Epochen/ren_hum. html (12.12.1999)

URL: http://gutenberg.aol.de/sachs/gedichte/schlaraf. htm (12.12.1999)

URL: http://www.htl-rankweil.vol.at/projekte/millennium/t_ren. htm (12.12.1999)

14 von 15 Seiten

Details

Titel
Renaissance und Humanismus (1470 - 1600)
Autor
Jahr
2000
Seiten
15
Katalognummer
V95219
Dateigröße
399 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Renaissance, Humanismus
Arbeit zitieren
Hatice Dilek Özden (Autor), 2000, Renaissance und Humanismus (1470 - 1600), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/95219

Kommentare

  • Gast am 17.12.2000

    Einsame Spitze!.

    Halli hallo!
    Deine Hausarbeit ist genau das, was ich gesucht habe! Dort ist alles Wichtige kurz und knapp, aber dennoch genau erklärt. Ein ganz großes Lob, wirklich - PRIMA!
    Tschö - Liz B.

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