Klassifikation von Neologismen in der deutschen Gegenwartssprache


Hausarbeit (Hauptseminar), 1999

16 Seiten


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1. Gliederung

2. Einleitung
2.1. Abgrenzung
2.2. Arbeitsdefinition
2. Forschungsüberblick

3.1. Klassifikationsmöglichkeiten nach Fleischer / Barz
3.2. Klassifikationsmöglichkeiten nach Lehrer
3.3. Klassifikationsmöglichkeiten bei Anglizismen nach Guilbert
3.4. Klassifikationsmöglichkeiten bei englischen Kompositionen nach Ungerer / Schmid
3. Analyse des Wortkorpus
3.1. Neuwörter
3.2. Neubedeutungen
3.3. Neubezeichnungen
3.4. Grenzfall: Spezifizierende Kompositionen
3.5. Sonderfall: adhoc-Kompositionen
3.6. Fazit

4. Literaturangaben

5. Quellenangaben Anhang

A Das Wortkorpus

2. Einleitung

Diese Hausarbeit bearbeitet Neologismen in der deutschen Gegenwartssprache mit dem Schwerpunkt der Möglichkeiten der Klassifikation. Die Arbeit umfaßt zwei Hauptteile. Zum einen wird ein kleiner Forschungsüberblick gegeben, zum anderen soll anhand eines Wortkorpus praktisch gearbeitet werden.

2.1. Das Wortkorpus

Das Wortkorpus setzt sich aus Wörtern zusammen, die hauptsächlich zwischen dem 9. April 1999 und dem 7. Mai 1999 in der Wochenzeitung Die Woche, der Tageszeitungen Frankfurter Rundschau und Die Tageszeitung sowie der Halbjahresschrift Hochschulanzeiger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung publiziert worden sind. Bearbeitet werden solche Wörter, die im Sinne der Arbeitsdefinition zu der Gruppe der Neologismen zu zählen sind. Das Textkorpus ist bei der intensiven Lektüre der oben genannten Publikationen entstanden. Wörter, die mir unbekannt waren oder solche, die mir neu erschienen, habe ich zunächst wertfrei gesammelt. Später habe ich diese anhand der Arbeitsdefinition bewertet und sie zudem noch mit dem Deutschen Universalwörterbuch 1 des Duden von 1996 weiter aussortiert. Nur solche Wörter, die im Sinne der Arbeitsdefinition als Neologismen zu bezeichnen sind, fanden Eingang in das Wortkorpus. Keine Beachtung findet in dieser Arbeit der Grad der Anerkennug oder Bekanntheit der bearbeiteten Neologismen sowie deren Eingang in die Standardsprache, da für eine solche Bewertung die empirische Grundlage fehlt.

Somit hat diese Hausarbeit einen sicherlich subjektiven Charakter. Außerdem stützt sie sich auf ein kleines Korpus, so daß nicht von einer Allgemeingültigkeit der Ergebnisse gesprochen werden kann.

2.2. Die Arbeitsdefinition

Als Arbeitsdefinition liegt dieser Arbeit die von Burkhard Schaeder aus dem Metzler Lexikon Sprache 2 zugrunde.

Ein Neologismus ist nach Schaeder eine ,,neu entstandene lexikalische Einheit, die (noch) nicht Eingang in das Lexikon der betreffenden Sprache gefunden hat"3. Schaeder unterscheidet

a) neue Wörter (Neuwörter), das heißt Lexeme, die erstmals neue beziehungsweise neu etablierte Gegenstände oder Sachverhalte bezeichnen,
b) Neubedeutungen (Neusememe), das heißt Bedeutungen (Sememe), die vorhandenen Sememen bereits existierender Wortschatzeinheiten (Lexeme) neu hinzugefügt werden,
c) Neubezeichnungen, das heißt neue Bezeichnungen für bereits existierende Gegenstände und Sachverhalte.

Diese Arbeit versucht, die praktischen Beispiele aus publizierten Texten in die vorgeschlagene Klassifikation nach Neuwörtern, Neubedeutungen und Neubezeichnungen einzuteilen. Dazu wird das vorhandene Korpus zu Rate gezogen werden.

3. Forschungsüberblick

3.1. Klassifikationsmöglichkeiten nach Fleischer / Barz

Wolfgang Fleischer und Irmhild Barz schlugen in Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache 4 eine Klassifikation von Neologismen in zwei Klassen vor. Sie unterscheiden zum einen okkassionell benutzte Wörter und zum anderen usuell benutzte Wörter. Okkassionalismen werden als textsortenbezogen definiert. Sie sind zwar dem Sprachsystem zugehörig, nicht jedoch der Sprachnorm. Usuell benutzte Wörter gehören nach Fleischer und Barz der Sprachnorm an und haben Eingang in das Lexikon der Sprache gefunden. Durch häufige Benutzung sind sie gesellschaftlich akzeptiert und werden oftmals sogar in das Wörterbuch aufgenommen.

Das Textkorpus enthält für beide vorgeschlagenen Klassifikationen zahlreiche Beispiele.

Beispiele für okkassionell benutzte Wörter in Zeitungen sind ,Anti-Amerikanismus`, ,Albright-Doktrin`, ,Großmacht-Revanchismus`, ,Kriegs-Enthusiasmus` oder ,Ethno- Nationalsimus`. Solche adhoc-Bildungen werden in Zeitungen gern und oft verwendet. Meist werden sie nur ein einziges Mal benutzt oder aber nur während eines bestimmten Zeitraumes, wie etwa internationale Krisen. Solche ,,Bindestrich-Kompositionen" gehören fest zum Stil einzelner Journalisten und Zeitungen. Bei ,Kriegs-Enthusiasmus` beispielsweise bestünde ansonsten kaum ein Grund, eine Komposition mit Bindestrich zu bilden. Beispiele für usuell benutzte Wörter sind ,Fußballvermarkter`, ,Nuklearpotenz`, ,Parteienfinanzierungskommisson` oder ,Trümmertrio`. Solche Bildungen sind unauffällig, eben weil sie der Sprachnorm angehören.

3.2. Klassifikationsmöglichkeiten nach Lehrer

Adrienne Lehrer erarbeitete 1996 in ihrem Aufsatz Why neologisms are important to study 5 drei Klassifikationsmöglichkeiten. Sie befaßt sich mit Kompositionen, local schemas sowie mit dem Analogie- und Regelbildungen. In der Kategorie der Kompositionen unterscheidet sie fünf verschiedene Sorten, die sich über ihrer Komponenten definieren: Substantiv/Adjektiv-Kompositionen, Adjektiv/Substantiv-Kompositionen, Substantiv/Verb- Kompositionen, Verb/Substantiv-Kompositionen und Substantiv/Substantiv-Kompositionen. Beispiele für die verschiedenen Sorten aus dem Wortkorpus:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Adjektiv/Adjektiv-Verbindungen, wie ,mächtigtuerisch`, finden bei Lehrer allerdings keine Erwähnung. Auch die Benutzung von Abkürzungen als eine Konstituente, wie bei ,NATO- Sprech`, spart Lehrer aus. Eine Untergliederung der Substantiv/Substantiv.Kompositionen nimmt Lehrer in ihrem Aufsatz auch nicht vor. Worte, wie ,B-Klasse-Hitler`, ,Bundesbindenträger`, ,Parteienfinanzierungkommission` oder ,Vorwahlkampfthema`, sind somit nicht exakt zu klassifizieren und müßten gegebenfalls zu den Substantiv/Substantiv- Kompositionen gezählt werden.

Mit den local schemas führt Lehrer eine weitere Möglichkeit ein, die Neologismen klassifizieren können. Unter local schemas versteht sie Wörter, die eine gemeinsame Wortbildungskomponente haben. Diese Wortbildungskomponente ist allerdings nur während eines bestimmten Zeitraumes oder an einem bestimmten Ort ,,in Mode". Als Beispiele taugen aus dem Wortkorpus Wörter, wie ,B-Klasse-Hitler`, ,Balkan-Hitler`, ,Behelfs-Hitler` oder ,Serben-Hitler`. Die Wortbildungskomponente -Hitler ist dabei sowohl zeitlich auf den Kosovo-Krieg, als auch in Bezug auf den Effekt schwerpunktmäßig auf Deutschland begrenzt.

Eine weitere Möglichkeit der Klassifikation ist für Lehrer die Unterscheidung von Analogie- und Regelbildungen. Beispiele für Analogiebildungen aus dem Wortkorpus sind ,Balkanisierung` (zu Arisierung), ,entalbanisieren` (zu entnazifizieren), ,Fusionitis` (zu beispielsweise Bronchitis), ,Intendantenstadl` (zu Musikantenstadl) oder ,Serbisierung` (zu Arisierung). Interessant erscheint mir dabei der Aspekt der Konnotation. Bei ,entalbanisieren` wechselt die Konnotation in Bezug auf entnazifizieren ins Gegenteil. ,Balkanisierung`, ,Serbisierung` und ,Fusionitis`, als ,,Krankheit" gekennzeichnet durch das Suffix -itis, übernimmt hingegen die Konnotation Unklar ist die Konnotation bei ,Intendantenstadl`, weil sie von der persönlichen Einstellung zum Musikantenstadl abhängig ist. Solche Neologismen können dadurch im Zusammenhang als unpassend erscheinen. Regelbildungen richten sich nach den gängigen Wortbildungsregeln. Beispiele sind ,Öko-Krieg` oder ,neo-konservativ`. Diese drei Vorschläge von Lehrer fügen sich allerdings nicht zu einem schlüssigen Bild und stellen als Ganzes kein geeignetes Modell eine klare Klassifikation von Neologismen dar.

3.3. Klassifikationsmöglichkeiten bei Anglizismen nach Guilbert

Guilbert erarbeitete eine Klassifikation von Anglizismen im Französischen6. Er unterscheidet fünf Klassen: Lehnübersetzungen, Kreative Neuprägungen, Französisierungen, Analytische Umschreibungen und Bedeutungs-erweiterungen bzw. Bedeutungseinengungen. Dieser Klassifikations-vorschlag ist auf das Deutsche übertragbar.

Guilbert charakterisiert die verschiedenen Klassen wie folgt. Bei den Lehnübersetzungen werden die semantischen Bestandteile des fremden Ausdrucks mehr oder weniger genau durch landessprachliche Entsprechungen ersetzt. Als Beispiele nennt er ,,compact disc / disque compact" oder ,,online / en ligne".

Die kreativen Neuprägungen zeichnen sich dadurch aus, daß der semantische Inhalt durch mehr oder weniger originelle Erfindungen mit autochthonem Entsprechungen übersetzt werden. Beispiele für kreative Neuprägungen sind ,,design / stylique" oder ,,fast food restaurant / restauration rapide".

Die Französisierungen bzw. Eindeutschungen umfassen nach Guilberts Vorstellungen auch zweisprachige Kompositionen. Zu Guilberts Französisierungen zählen unter anderem ,,doping / dopage" und ,,manager / manageur".

Die analytischen Umschreibungen sind in der unmittelbaren Nähe zu den kreativen Neuprägungen anzusiedeln. Die Grenze zwischen diesen beiden Klassen ist nicht immer eindeutig zu ziehen. Analytische Umschreibungen sind besipielsweise ,,airbag / sac gonflable" oder ,,mountain bike / velo tout terrain".

Bei den Bedeutungserweiterungen und Bedeutungseinengungen werden bereits bestehende landessprachliche Lexemein ihrer Bedeutung erweitert oder eingeengt. Beispiele für solche Neologismen sind ,,comeback / retour" oder ,,hardware / matériel".

3.4 Klassifikationsmöglichkeiten bei englischen Kompositionen nach Ungerer und Schmid

Friedrich Ungerer und Hans-Jörg Schmid erarbeiteten in ihrem Aufsatz Englische Komposita und Kategorisierung 7 von 1998 eine Klassifikation für englische Substantiv-Substantiv- Kompositionen. Sie unterscheiden Art-von-Beziehungen und Teil-Ganzes-Beziehungen. Diese Unterscheidung erarbeiten sie aus dem Determinans-Determinatum-Paradigma (modifier/head-paradigm), nachdem bei Kompositionen die erste Konstituente der Spezifikation der zweiten, allgemeineren Konstituente dient. Dieses Verhältnis zwischen den beiden Konstituenten beschreiben sie mit Art-von-Beziehung. Beispiele für solche Kompositionen aus dem Wortkorpus sind ,Albright-Doktrin`, ,Bundesliga-Business`, ,Ethno- Nationalismus`, ,Öko-Krieg` oder ,Umwelt-Krieg`. Gerade die beiden letzten Beispiel unterstreichen die Spezifikation der zweiten Konstituenten, die in diesem Fall identisch ist, durch die erste Konstitutente.

Bei den Teil-Ganzes-Beziehungen ist die erste Konstituente die allgemeinere. Die zweite hingegen beschreibt semantisch einen Teil der ersten Konstituente. Ungerer und Schmid führen das Beispiel ,,chairleg" (Stuhlbein) an. Die zweite Konstituente ,,Bein" ist dabei ein Teil des ,,Stuhls", der die erste Konstituente darstellt.

Des weiteren erarbeiten Ungerer und Schmid drei Stadien der Lexikalisierung, nach denen Neologismen durchaus Klassifiziert werden könnten: (reine) Spezifikationskomposita, angereicherte Komposita und voll lexikalisierte Komposita. Die Spezifikationkomposita folgen dem modifer/head-paradigm, während die angereicherten Kompositionen weniger speziell sind. Das bedeutet, daß die einzelnen Konstituenten bei den Rezipienten auch semantisch weniger eng zugehörige Attribute assoziieren. Bei entsprechend deutlicher Ausprägung wird eine Aufnahme der Komposition ins Wörterbuch unumgänglich. Als Beispiel führen die Autoren ,,wheelchair" (Rollstuhl) an, der mehr eine Behinderung assoziiert als einen Radstuhl. Beispiele aus dem Wortkorpus sind ,Serben-Hitler` oder ,Balkan-Hitler`, wo die Verbrechen des Nationalsozialismus in Deutschland auf die heutige Republik Jugoslawien projiziert werden sollen. Bei den voll lexikalisierten Kompositionen leistet eine Konstituente überhaupt keinen Beitrag mehr zur Gesamtbedeutung. Ein Beispiel für solche Kompositionen ist ,,holidays" (Ferien).

4. Analyse des Wortkorpus

Innerhalb der Wortkorpus-Analyse werde versuchen, die Wörter des Korpus entsprechend der Arbeitsdefinition zu klassifizieren. Zunächst werden die scheinbar eindeutigen Fälle diskutiert, ehe die Grenz- und Sonderfälle analysiert werden.

4.1. Neuwörter

Das Wortkorpus weist eine Reihe von Wörtern auf, die den Neuwörtern zugerechnet werden können. Einige lassen sich zu Gruppen zusammenfassen: ,Balkanisierung`, ,entalbanisieren`, ,FDPisierung` und ,Serbisierung` sowie ,Clintonismus` und ,Kohlismus`. Beide Gruppen weisen Ähnlichkeiten in der Wortbildung auf. Unter diesem Gesichtspunkt passen auch die Wörter ,Fusionitis` und ,Peaceniks` zu diesen Gruppen. Sämtliche Wörter bedienen sich geläufiger Wortbildungsmethoden, indem sie den Stämmen Suffixe wie -isierung, -isieren, - ismus oder -itis anhängen. Dadurch wird auch die Konnotation der Ableitungen bestimmt. Das Anhängen von -itis beispielsweise rückt die neue Kreation in die Nähe von Krankheiten, deren Namen häufig mit Hilfe von -itis gebildet werden, was sich sicherlich negativ auf die Konnotation auswirkt. Die Bildung von ,Peaceniks` erinnert an Sputnik oder Tschetnik und bekommt durch das Anhängen von -nik auch etwas regelmäßiges.

Gänzlich neue Wörter stellen ,Netiquette` und ,Webmaster` dar. In beiden Fällen wird ein neuer Sachverhalt oder ein neuer Beruf mit einem neuem Wort benannt. In dem Fall von ,Webmaster` handelt es sich allerdings um eine hundertprozentige Übernahme eines englischen Terminus. Zudem ist ,Webmaster` ein Begriff der Fachsprache der Computer- und Softwarebranche. Auch ,Netiquette` ist dieser Branche zuzurechnen. In Analogie zu Etiquette in Form von Benimmregeln beschreibt es Benimmregeln für das Internet - ,Netiquette`. In diesem Fall kann von einem echten Neuwort gesprochen werden, gleichwohl es sich bekannter Komponenten bedient. In allen anderen Fällen fällt eine eindeutige Zuordnung zu den Neuwörtern schwer, weil Wörter gebildet werden, die zwar neue Sachverhalte benennen, aber mit standardisierten Wortbildungsmethoden und Wortbildungselementen arbeiten. Zudem sind sie sehr fachspezifisch gebraucht und stehen in einem gewissen zeitlichen Rahmen. Das rückt sie in die Nähe eines Jargons. Schaeder deckt mit seiner Definition lediglich die Standardsprache ab. Trotzdem passen die zuvor genannten Beispiele auch bei den genannten Vorbehalten am ehesten in die Schaeder'sche Kategorie der Neuwörter.

4.2. Neubedeutungen

Zwei eindeutige Neubedeutungen aus dem Wortkorpus sind ,[Di und Dodi wurden in Paris] getunnelt` und ,[Der smarte Brite ist der] Gameboy [der Nato]`. Der letztere Ausdruck bedient sich erneut einem englischen Terminus, der allerdings zumindest umgangssprachlich etabliert ist. Die Neubedeutung des Gameboy besteht in der Übertragung der ursprünglichen Bezeichnung eines elektronischen, steuerbaren Spielgerätes auf die Rolle des Nato-Sprechers Jamie Shea. Die neue Bedeutung von Gameboy soll Shea als Spielball der Nato-Strategen darstellen.

Bei ,[Di und Dodi wurden in Paris] getunnelt` hingegen wird ein Begriff aus dem Fußballjargon, in dem ein Beinschuß gemeinhin als Tunnel bezeichnet wird und ein Spieler folglich einen anderen tunneln kann, auf den tödlichen Unfall des prominenten Paares in Paris übertragen. In diesem Fall liegen die Bedeutungen von tunneln weit auseinander. Im Vordergrund dieser Neuschöpfung der taz dürfte vielmehr die Tatsache stehen, daß sich der Unfall in einem Tunnel ereignete. Dennoch handelt es sich hierbei im Schaeder'schen Sinne um eine Neubedeutung des Verbes tunneln.

4.3 Neubezeichnungen

Im Wortkorpus befinden sich auch einige Beispiele für Neubezeichnungen:

,Bundesbindenträger`, ,isolationistisch`, ,mächtigtuerisch`, ,[er] pantoffelte` und ,rente [sich, wer kann]. Diese Wörter beschreiben allesamt bereits bestehende Sachverhalte. ,Mächtigtuerisch` sind Personen, die sich für mächtig halten und das auch zur Schau tragen, ,isolationistisch` beschreibt den gleichen Zustand wie ,abgrenzend`. Etwas kreativer fallen die folgenden Beispiele aus. Mit dem ,Bundebindenträger' ist der Kapitän einer deutschen Nationalmannschaft gemeint, ,[er] pantoffelte` beschreibt eine bestimmte Art und Weise, die Karriereleiter zu erklimmen. ,Rente [sich, wer kann]` bezieht sich auf die neuen Verpflichtungen nach einer Rentenreform und spielt sprachlich mit diesem Zusammenhang. ,Rente` wird hier als Verb mit der Bedeutung ,absichern` verwendet.

In allen Beispielen werden bereits bestehenden Sachverhalten und Praktiken neue Bezeichnungen gegeben. Diese bedienen sich allerdings wiederum bereits bekanntem Wortmaterial.

4.4. Grenzfall: Spezifizierende Kompositionen

Eine Reihe von Worten aus dem Wortkorpus sind keiner der Schaeder'schen Kategorien eindeutig zuzuordnen. Es handelt sich dabei ausschließlich um spezifizierende Kompositionen. Es lassen sich vier verschiedene Gruppen unterscheiden. Die größte Gruppe stellen Worte wie ,Albright-Doktrin`, ,Ethno-Nationalismus`, ,Kriegs-Enthusiasmus`, ,Management-Brigade`, ,netztauglich`, ,Prospekt-Kompetenz` oder ,Öko-Krieg` dar. Bei diesen Kompositionen spezifiziert die erste Konstituente die zweite Konstituente, wobei diese in einen gänzlich anderen Zusammenhang gesetzt werden kann. Oftmals sollen so Konnotationen geschaffen werden. Diese Kompositionen beschreiben (nicht gänzlich) neue Gegenstände oder Sachverhalte. Die neu geschaffenen Kompositionen bedienen sich allerdings geläufiger Basismorpheme. Sie sind meist funktional und dienen der Zeilenökonomie in Publikationen.

Wörter wie ,Metacomputer` oder ,Metamaschine` spezifizieren ebenfalls und zwar in Form einer Größendarstellung durch den Gebrauch des Präfixes ,meta`. Der Begriff der ,Vollkasko- Wildnis` bezeichnet eine besondere Form der Wildnis, wobei ein besonderer Effekt durch den Gegegensatz von ,Vollkasko` und ,Wildnis'entsteht. Besonders interessant ist der Begriff des ,Rockismus-Verdacht`. Die Konstituente ,Rockismus` spezifiziert den zweiten Teil der Komposition ,Verdacht`. Die erste Konstituente stellt dabei einen Neologismus der Kategorie der Neuwörter dar. Dadurch wird die gesamte Komposition zu einer neuen lexikalischen Einheit.

Alle genannten Beispiele bewegen sich in dem Schaeder'schen Klassifizierungsvorschlag in einer Grauzone zwischen den Neuwörtern und den Neubedeutungen. Alle Wörter beschreiben neue Sachverhalte oder Gegenstände, was sie für die Kategorie der Neuwörter qualifiziert. Sie bedienen sich allerdings existierender Lexeme, was sie wiederum in die Kategorie der Neubedeutungen einordnet.

4.5. Sonderfall: adhoc-Kompositionen

Adhoc-Kompositionen kommen in journalistischen Texten häufig vor und stellen daher einen großen Teil der Beispiele aus dem Wortkorpus dar. Sie lassen sich dabei in zwei Gruppen aufteilen. Zum einen gibt es solche Kompositionen, die aus ökonomischen Überlegungen heraus gebildet werden und somit sehr funktional sind, zum anderen gibt es Kompositionen mit denen der Autor einen bestimmten Effekt erzielen möchte.

Beispiele für die funktionalen Kompositionen sind ,Parteienfinanzierungs-kommission`, ,Rechtfertigkonstrukte` oder ,Vorwahlkampfthema`. Solche Kompositionen beschreiben sachlich konkrete, alltägliche Sachverhalte. Zu den Kompositionen, die einen bestimmten Effekt erzielen sollen, zählen unter anderem ,Auschwitzkeule`, ,B-Klasse-Hitler` oder ,Staatsratten`. Mit diesen Kompositionen werden Parallelen geschaffen oder eine gewünschte Konnotation erreicht.

Trotz der Unterteilung in funktionale Kompositionen und solche, die auf einen bestimmten Effekt hinzielen, lassen sich diese Gruppen nicht pauschal den Schaeder'schen Klassifikationsvorschlägen zuordnen. Die meisten der Beispiele gehören zu den Neubezeichnungen. Den Sachverhalt beispielsweise, den Walser mit ,Auschwitzkeule` beschrieben hatte, gab es auch schon vor dieser Bezeichnung. Daher wird mit dieser Wortkreation ein bereits bestehender Sachverhalt lediglich neu bezeichnet.

Viele dieser Beispiele lassen sich den Neubedeutungen zuordnen. Die Analogiebildungen mit ,-Hitler` sind Neubedeutungen. Dabei wird allerdings auf die übertragene Bedeutung von ,Hitler` zurückgegriffen und nicht auf den Namen. In Übertragung auf Slobodan Milosevic soll dieser in die Nähe des Grauens des Nationalsozialismus in Deutschland gestellt werden. Auch die Analogiebildung ,Intendantenstadl` fällt unter die Neubedeutungen. Konstrukte wie ,Parteienfinanzierungskommission` oder Vorwahlkampf-thema sind Neuwörter. Bei ihrem erstmaligen Erscheinen bezeichneten sie eindeutig neue Sachverhalte. Die Konstituenten der neu geschaffenen Kompositionen sind allerdings, wie schon in einigen vorherigen Beispielen, bereits bekannt.

Nicht genau zuzuordnen sind die Wörter ,Staats-Ratten` und ,Trümmertrio`, die sicherlich in diesem speziellen Fall des Gebrauchs als Neuwörter zu klassifizieren sind. ,Trümmertrio` spielt auf die deutschen Regierungsmitglieder Gerhard Schröder, Joschka Fischer und Rudolf Scharping an. Eventuell sind auch schon in der Vergangenheit drei Personen als ,Trümmertrio` bezeichnet worden. In diesem Fall müßte man diese Wortschöpfung als Neubedeutung klassifizieren.

4.6. Fazit

Abschließend soll noch ein weiterer Neologismus diskutiert werden und ein sortiertes Wortkorpus vorgestellt werden.

Während des Kosovo-Krieges ist der ,Kollateralschaden` bei Politikern, Militärs und Journalisten in Mode gekommen. Diese verharmlosende Neuschöpfung stellt einen geplanten Neologismus mit bekannten Konstituenten dar. Das Die Adjektiv/Substantiv-Komposition wurde als beschönigende und verharmlosende Bezeichnung für Fehltreffer verwendet. ,Kollateral` meint seitlich angeordnet, benachbart. Ob diese Fehltreffer beabsichtigt oder unbeabsichtigt sind, geht aus diesem Wort nicht direkt hervor. Im allgemeinen Sprachgebrauch werden unbeabsichtigte Fehltreffer mit ,Kollateralschaden` bezeichnet, so daß dieses Wort als Neubezeichnung klassifiziert werden muß. Im Falle von beabsichtigten Fehltreffern kann durchaus von Neubedeutungen gesprochen werden. Die Konstituente ,Schaden` bekäme in diesem Falle eine neue Bedeutung. Menschen nähmen nicht weiter Schaden im Sinne einer ,,Beeinträchtigung" oder im Sinne einer ,,ungünstigen Folge"8, sondern sie würden zu eingeplanten Opfern.

Die meisten, der in Zeitungstexten produzierten Neologismen sind nicht eindeutig einer der Schaeder'schen Klassifikationsvorschlägen zuzuordnen. Sie bewegen sich in einer Grauzone zwischen den Neuwörtern und den Neubedeutungen. Die Masse der Neuwörter stützt sich auf bereits bekannte Konstituenten. Trotzdem sind sie im Sinne Schaeders Neuwörter. Auch Schaeder führt in seiner Definition Beispiele mit Bekannten Konstituenten, wie ,Babyjahr` oder ,Klettverschluß` an.

Die Neubedeutungen in Zeitungstexten sollen oftmals einen gewissen Effekt erzielen und stützen sich somit auf Analogiebildungen, die eine bestimmte Konnotation auf das neue Wort projizieren soll.

Auch viele der Neubezeichnungen zielen auf einen bestimmten Effekt ab, gleichwohl in dieser Klasse auch einige funktionale Schöpfungen zu finden sind.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4. Literaturangaben

Arbeitsgruppe für Sprachberatung und Lexikografie der Universität Essen (Hrsg.): Deutsches Wörterbuch. Bergisch Gladbach: Honos Verlag, 1996.

Duden. Deutsches Universalwörterbuch. 3. völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich: Dudenverlag, 1996.

Fleischer, Wolfgang / Barz, Irmhild: Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache. Tübingen: Niemeyer, 1995.

Glück, Helmut (Hrsg.): Metzler Lexikon Sprache. Weimar: 1993. Guilbert: www.nineties.com/zongo/francoph/franc003.html

Lehrer, Adrienne: Why neologisms are important to study. In: Lexikology. Vol. 2. 1996.

Schaeder, Burkhard: Neologismus. In: Glück, Helmut (Hrsg.): Metzler Lexikon Sprache. Weimar: 1993.

Ungerer,Friedrich / Schmid, Hans-Jörg: Englische Komposita und Kategorisierung. In: Rostocker Beiträge zur Sprachwissenschaft. Heft 5: Kognitive Lexikologie und Syntax. Rostock: Universität, Philosophische Fakultät, 1998.

6. Quellenangaben

Die Tageszeitung: Hamburg, 30. April 1999.

Die Woche: Nr. 15, Hamburg: 09. April 1999.

Die Woche: Nr. 16, Hamburg: 16. April 1999.

Die Woche: Nr. 17, Hamburg: 23. April 1999.

Die Woche: Nr. 18, Hamburg: 29. April 1999.

Die Woche: Nr. 26, Hamburg: 25. Juni 1999.

Die Woche: Nr. 27, Hamburg, 02. Juli 1999.

Frankfurter Allgemeine Zeitung: Hochschulanzeiger, Ausg. 41, Frankfurt, SoSe 1999.

Frankfurter Rundschau: Nr. 87/15, Frankfurt: 15. April 1999.

Frankfurter Rundschau: Nr. 88/15, Frankfurt: 16. April 1999.

Frankfurter Rundschau: Nr. 94/16, Frankfurt: 23. April 1999.

Frankfurter Rundschau: Nr. 99/17, Frankfurt: 29. April 1999. Frankfurter Rundschau: Nr. 105/18, Frankfurt: 07. Mai 1999. Frankfurter Rundschau: Nr. 129/27, Frankfurt: 08. Juni 1999.

Gebäudemanagement: Nr. 3/98, 1998.

Anhang

A: Das Wortkorpus

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


1 Vgl.: Duden. Deutsches Universalwörterbuch, 1993.

2 Vgl.: Glück, Helmut (Hg.), 1993.

3 Vgl.: Glück, Helmut (Hg.), 1993, S. 415.

4 Vgl.: Fleicher, Wolfgang / Barz, Irmhild, 1995.

5 Vgl.: Lehrer, Adrienne, 1996.

6 Vgl.: Guilbert.

7 Vgl.: Ungerer, F. / Schmid, H.-J., 1998.

8 Vgl.: Deutsches Wörterbuch, 1996, S. 997.

16 von 16 Seiten

Details

Titel
Klassifikation von Neologismen in der deutschen Gegenwartssprache
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Veranstaltung
Hauptseminar ,,Neologismen im Deutschen"
Autor
Jahr
1999
Seiten
16
Katalognummer
V95223
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Klassifikation, Neologismen, Gegenwartssprache, Hauptseminar, Deutschen
Arbeit zitieren
Björn Josten (Autor), 1999, Klassifikation von Neologismen in der deutschen Gegenwartssprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/95223

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