Der demokratische Transitionsprozess in Taiwan. Entstehung und Konsolidierung der Demokratie


Bachelorarbeit, 2015

55 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Entwicklung der Fragestellung und Ziel der Arbeit
1.2 Aufbau und Vorgehensweise der Arbeit

2. Theoretischer Bezugsrahmen
2.1 Demokratiebegriff
2.1.1 Pluralistisch-repräsentative Demokratie nach Robert A. Dahl
2.1.2 Erweiterter Demokratiebegriff: Geschlechtergerechte Demokratie
2.2 Begriffsbestimmung: Politisches System, Regime und Staat
2.3 Begriffsbestimmung: Transition, Transformation, Demokratisierung und Systemwechsel
2.4 Typologie politischer Systeme
2.4.1 Demokratische Regime
2.4.2 Autoritäre Regime
2.4.3 Totalitäre Regime
2.5 Transformationsphasen
2.5.1 Zusammenbruch des alten Systems
2.5.2 Institutionalisierung / Demokratisierung
2.5.3 Konsolidierung der Demokratie
2.6 Zusammenfassung des theoretischen Zugangs

3 Ursachen und Voraussetzungen der Demokratisierung in Taiwan 1895 bis 1986
3.1 Geschichte
3.1.1 Japanische Besatzungszeit 1895 bis 1945
3.1.2 Taiwan unter der chinesischen Nationalregierung der Kuomintang 1945 bis 1949
3.2 Sozioökonomische Entwicklung nach 1949
3.3 Politische Entwicklung 1949 bis 1986
3.3.1 Außenpolitische Entwicklung: Ein-China-Politik und außenpolitische Isolation
3.3.2 Innenpolitische Entwicklung: Sicherung der autoritären Herrschaft
3.3.3 Liberalisierung und Entstehung einer Oppositionsbewegung und -partei
3.4 Zusammenfassung

4. Der Transformationssprozess in Taiwan 1987 bis 2000
4.1 Systemübergang
4.2 Institutionalisierung: Wahlen und Verfassungsgebung
4.3 Konsolidierung der Demokratie
4.3.1 Institutionelle Konsolidierung
4.3.2 Repräsentative Konsolidierung
4.3.3 Verhaltenskonsolidierung der informellen politischen Akteure
4.3.4 Konsolidierung der Bürgergesellschaft
4.4 Zusammenfassung

5. Taiwan heute: Herausforderungen und Aussichten
5.1 Die Unabhängigkeitsfrage und der China-Faktor
5.2 Die Frage der Geschlechtergerechtigkeit
5.2.1 Ökonomische Partizipation der Frauen in Taiwan
5.2.2 Politische Partizipation der Frauen in Taiwan

6. Fazit und Ausblick

7. Literatur

1. Einleitung

Schon viele der jungen Demokratien der ersten Demokratisierungswelle1 im 19. Jahrhundert und der zweiten Demokratisierungswelle nach dem Ende des zweiten Weltkrieges erwiesen sich als nicht stabil und brachen zusammen (vgl. Huntington 1991). Auch vielen Staaten der dritten Welle, die seit Mitte der 1970er Jahre autoritär und totalitär regierte Staaten Asiens, Lateinamerikas, Süd- und Osteuropas erfasste und Demokratisierungsprozesse in Gang setzte, gelang es nicht, ihre Demokratien nachhaltig zu stabilisieren. Besonders in Asien brachten die Demokratisierungsprozesse der dritten Welle hauptsächlich hybride Regime und defekte Demokratien hervor (vgl. Merkel 2003: 99; Croissant 2013: 2). Die Republik China auf Taiwan2 ist neben Südkorea eines der beiden Länder, dem eine Systemtransformation zur konsolidierten Demokratie gelungen ist und gilt als Erfolgsbeispiel für Demokratisierung in dieser Region (vgl. Merkel 2003: 115; Diamond 2008: 220; Croissant 2014: 2; Schubert 2008: 425). Von Freedom House (2014), einer Organisation, die jährlich den Status der Freiheitsrechte und der politischen Rechte in Staaten weltweit erfasst, wird Taiwan als „frei“ eingestuft3 und laut Bertelsmann Transformationsindex (BTI 2014), der die Qualität von Demokratie, Marktwirtschaft und politischem Management in 129 Transformationsländern bewertet, steht Taiwan im Jahr 2014 an erster Stelle. Damit hebt sich das kleine Land Taiwan erheblich von den anderen asiatischen Ländern der Dritten Welle ab und macht es zu einem äußerst interessanten Fallbeispiel, welches wertvolle und aufschlussreiche Informationen zu den Bedingungen und Faktoren beitragen kann, die für die Entwicklung und Stabilisierung von Demokratien notwendig sind. Durch ein solches Wissen lassen sich Demokratisierungsprozesse eventuell durch bewusste politische oder wirtschaftliche Steuerung beeinflussen und können von außen unterstützt werden (vgl. Merkel 2003: 11).

1.1 Entwicklung der Fragestellung und Ziel der Arbeit

In der wissenschaftlichen Literatur wird oft auf den Zusammenhang von sozioökonomischer Entwicklung und Demokratisierungsprozessen verwiesen (vgl. z. B. Lipset 1959; Diamond 1992; Ruschemeyer 1992). Doch auch andere asiatische Staaten haben mittlerweile leistungsfähige und innovative Ökonomien entwickelt, ohne dass auf der politischen Ebene Tendenzen in Richtung Demokratie zu erkennen sind. Besonders deutlich wird dies am Beispiel der Volksrepublik China und Vietnams, die trotz wachsender Wirtschaftsleistungen weiterhin autoritär regiert werden (vgl. Croissant 2013: 2). Den demokratischen Systemwechsel einzig als Folge der wirtschaftlichen Modernisierung zu betrachten, wäre demzufolge verkürzt. Es stellt sich also die Frage, welche Faktoren den Systemwechsel in Taiwan begünstigt haben. Was waren die Voraussetzungen, Ursachen und Verlaufsmuster der einzelnen Transformationsphasen? Ausgehend von der Annahme, dass der komplexe Prozess des Systemwechsels nicht allein durch strukturelle Veränderungen und singuläre Ereignisse erklärt werden kann und das Handeln der politischen Eliten einen maßgeblichen Einfluss auf die Chancen für eine Demokratisierung hat, stellt sich zudem noch die Frage, wodurch das strategische Akteurshandeln erklärt werden kann und wie Strukturen und Handlungen miteinander interagieren. Es wird davon ausgegangen, dass die Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten der Akteure durch die gegebenen Strukturen innerhalb des Systems eingeschränkt sind, was zunächst eine Analyse dieser Strukturen erforderlich macht. Dabei sollen die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Veränderungen in ihrer wechselseitigen Verschränkung erfasst werden.

Obwohl mit der Demokratisierung eines politischen Systems und der staatlichen Institutionen nicht zwangsläufig eine Veränderung der gesellschaftlichen Macht- und Geschlechterverhältnisse verbunden ist, wird in der Analyse von Demokratisierungsprozessen die Genderperspektive häufig vernachlässigt. Auf Grund des begrenzten Umfangs der Arbeit kann die Rolle der taiwanischen Frauen als Akteure im Transformationsprozess selbst ebenfalls nur marginal beleuchtet werden. Da jedoch die Ergänzung um eine Genderperspektive in dieser Arbeit ein Anliegen ist, soll hier weiterhin die Frage aufgeworfen werden, wie sich die ökonomischen und sozialen Lebensumstände der taiwanischen Frauen seit der Demokratisierung verändert haben und ob daraus abgeleitet werden kann, dass mehr Geschlechtergerechtigkeit erzielt werden konnte. Dies berührt auch die Frage der politischen Partizipation. Davon ausgehend, dass die Repräsentation und Partizipation aller Staatsbürgerinnen und Staatsbürger wesentliche Kriterien von Demokratien sind, formale Partizipations- und Repräsentationsrechte für Frauen jedoch nicht ausreichend sind, um ihre faktische Repräsentation und Partizipation auch wirklich zu erfassen, soll untersucht werden, inwieweit die Voraussetzungen für eine Repräsentation und faire Partizipation der Frauen in Taiwan an politischen Entscheidungen gegeben sind. Besteht für sie die Möglichkeit, ihre Präferenzen gleichberechtigt in den politischen Prozess einzubringen oder sind sie systematisch aus dem politischen Raum ausgeschlossen?

Aus diesen Ausführungen ergeben sich folgende zwei leitende Fragestellungen: Welche Faktoren im nationalen und internationalen Kontext haben den demokratischen Systemwechsel in Taiwan begünstigt? Hat sich der Demokratisierungsprozess positiv auf die Lebensumstände der Frauen ausgewirkt und zu mehr Geschlechtergerechtigkeit beigetragen?

Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, diese Fragen zu beantwortet. Dabei werden Erkenntnisse der Transformationsforschung auf das Beispiel Taiwan angewendet und der Demokratisierungsprozess nach einem prozessorientiertem Ansatz analysiert.

1.2 Aufbau und Vorgehensweise der Arbeit

Die vorliegende Bachelorarbeit gliedert sich in einen theoretischen und einen empirischen Teil und umfasst insgesamt 6 Kapitel.

Im Anschluss an die Einleitung im ersten Kapitel, in der an das Thema herangeführt, die leitende Fragestellung entwickelt und das Ziel der Arbeit geklärt werden, werden im zweiten Kapitel auf der Grundlage des gegenwärtigen Forschungsstandes der theoretische Bezugsrahmen der Arbeit 5 entwickelt und zentrale verwendete Begriffe und Konzepte definiert. Besondere Beachtung findet hierbei Wolfgang Merkel Standardwerk „Systemtransformation“ (1999; 2010).

Im dritten Kapitel werden die Faktoren, die die Voraussetzungen und Bedingungen für den Systemwechsel in Taiwan geschaffen haben, unter Betrachtung der historischen, sozialen, wirtschaftlichen und politischen Bedingungen und Entwicklungen während der autoritären Herrschaft bis 1986 identifiziert, wobei die erklärenden Faktoren sowohl auf der Ebene der Strukturen als auch auf der Ebene der Akteure und deren Handlungen vermutet werden. Zum besseren Verständnis wird zu Beginn des Kapitels kurz die japanische Kolonialzeit von 1895 bis 1945 thematisiert.

Im vierten Kapitel wird schließlich der konkrete, in Taiwan stattgefundene Systemwechselprozess entlang der von Merkel vorgenommenen Phaseneinteilung in Systemübergang, Institutionalisierung und Konsolidierung betrachtet (vgl. Merkel 2010: 94). In diesem Abschnitt werden - ebenfalls unter der Annahme des Zusammenspiels von strukturellen Bedingungen und Akteurshandeln - entscheidende, in gegenseitiger Dependenz zueinander stehende Entwicklungen, Ereignisse und Entscheidungen dargestellt, die den Demokratisierungsprozess vorangebracht haben. Ein besonderes Gewicht wird dabei insbesondere auf die Entwicklung der institutionellen Ausgestaltung des neuen politischen Systems gelegt, da der Erfolg des Systemwechsels maßgeblich an der zügigen und dem Kontext angemessenen Etablierung demokratischer Institutionen hängt (vgl. Rüb 1994: 111). Auch der Prozess der Konsolidierung der Demokratie wird vertieft betrachtet, da dieser Prozess gerade angesichts der vielen defekten Demokratien und hybriden Regime in Ostasien als besonders schwierig und störanfällig erachtet wird. Hierbei wird stark auf das Konsolidierungskonzept von Merkel (2010: 110ff.) Bezug genommen, welches eine Betrachtung des Konsolidierungsprozesses mit angemessener analytischer Schärfe ermöglicht.

Das Thema der Vertiefung der jungen konsolidierten Demokratie und dabei entstehende Herausforderungen werden im fünften Kapitel dargestellt, welches jedoch auf Grund des begrenzten Umfangs der Arbeit nur kurz angeschnitten werden kann. Im Mittelpunkt dieses Abschnittes steht die Frage der nationalen Identität und damit zusammenhängend Taiwans Verhältnis zu China. Außerdem werden aus einer Genderperspektive die konkreten Auswirkungen der Demokratie auf das Leben der Frauen in Taiwan analysiert.

Abschließend werden im sechsten Kapitel die Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst und ein Fazit gezogen sowie eine vorsichtige Prognose über die Zukunft der Demokratie in Taiwan aufgestellt.

Im empirischen Teil wurde auf Primärquellen, soweit sie in englischer Sprache zur Verfügung standen, sowie auf Sekundärquellen zurückgegriffen.

2. Theoretischer Bezugsrahmen

Im folgenden Kapitel sollen die in der Arbeit verwendeten Grundbegriffe und Konzepte definiert und der theoretische Rahmen dargestellt werden.

2.1 Demokratiebegriff

Bei dem Versuch, den häufig benutzten Begriff Demokratie zu definieren, fällt schnell auf, dass dies ein schwieriges Unterfangen darstellt, denn “[d]emocracy has been defined in hundreds of ways“, wie Michael Coppedge nüchtern feststellt (Coppedge 2012: 12). Außerdem veränderten sich die Theorien der Demokratie im Laufe der Zeit stetig. In der heutigen internationalen und vergleichenden Demokratieforschung existiert keine allgemeingültige Definition von Demokratie, vielmehr herrscht Einigkeit in der Uneinigkeit, sodass eine Vielzahl von Demokratietheorien, sowohl minimale, als auch anspruchsvolle, nebeneinander existieren. Es gibt unterschiedliche Konzepte und Modelle, die aus jeweils unterschiedlicher Perspektive mit unterschiedlichem Erkenntnisinteresse und Bewertungsmaßstäben verschiedene Elemente als konstitutiv für diese Herrschaftsform ansehen4. Huber, Ruschemeyer und Stephens (1997: 323f.) identifizieren drei grundsätzliche Demokratiekonzepte: die formale, die partizipatorische und die soziale Demokratie. Diese sollen nachfolgend dargestellt werden. Die formale, auch repräsentative oder pluralistische Demokratie, legt ihren Fokus auf die formalen demokratischen Institutionen und das Vorhandensein liberaler demokratischer Regeln und Normen. Nach Dachs (2008: 24) handelt es sich hierbei um eine empirische, inputorientierte Minimaldefinition von Demokratie, in deren Mittelpunkt die Herstellung von Repräsentativität und Kontrolle stehen. Der Partizipation der Bürgerinnen wird nur ein geringes Interesse beigemessen.

Wie Dachs (ebd.) weiterhin darstellt, handelt es sich bei der partizipatorischen Demokratie um ein eher normatives Konzept, bei dem die formalen Demokratiekriterien ebenfalls erfüllt sind, das Demokratieprinzip jedoch nicht nur auf die politische Sphäre beschränkt, sondern auf andere gesellschaftliche und wirtschaftliche Teilbereiche ausgedehnt wird. Der Schwerpunkt liegt auf einem hohen Partizipationsniveau aller Bürger, ungeachtet sozialer Kategorien wie Geschlecht oder Ethnizität. Dabei wird Partizipation nicht nur auf die Teilnahme an Wahlen beschränkt, sondern schließt auch andere Formen der politischen Mobilisierung sowie die Vertretung von Bürgerinteressen im politischen Prozess, zum Beispiel durch Parteien, ein.

Eine soziale Demokratie, so führt der Autor weiter aus, kennzeichnet eine hohe Qualität der Demokratie. Sie hat den Anspruch, sozial gerechte Politikergebnisse zu produzieren, das heißt, es wird eine relativ gleiche Verteilung von wirtschaftlichen und sozialen Gütern angestrebt.

2.1.1 Pluralistisch-repräsentative Demokratie nach Robert A. Dahl

In der sozialwissenschaftlichen Transformationsforschung findet häufig das Demokratiekonzept des amerikanischen Politikwissenschaftlers Robert Dahl Anwendung. Dahl (1971: 2ff.) bezeichnet die real existierenden Demokratien als Polyarchien, um diese vom Idealtyp der vollständigen Demokratie5, der in der Wirklichkeit so nicht vorkommt, abzugrenzen.

Nach Dahl (1971: 5) sind zwei Grundprinzipien für Demokratien kennzeichnend: „public contestation and the right to participate in elections and office“, also politischer Wettbewerb und die Möglichkeit aller Bürgerinnen und Bürger zur politischen Partizipation. Eine Regierung müsse sich außerdem für die Präferenzen ihrer Bürger, und zwar unabhängig der Herkunft oder des Inhaltes, verantwortlich fühlen und den Bürgern wiederum die Möglichkeit gewähren, ihre Präferenzen zu verfassen und diese gegenüber den Mitbürgern und der Regierung im Rahmen individueller und kollektiver Handlungen zu vertreten (vgl. ebd.: 2). Dafür müssten die Institutionen einer Gesellschaft folgende acht Garantien gewährleisten können: erstens das Recht, Vereinigungen zu bilden oder sich ihnen anzuschließen, zweitens das Recht auf freie Meinungsäußerung, drittens das Recht zu wählen, viertens das Recht, in öffentliche Ämter gewählt zu werden, fünftens das Recht der politischen Eliten, um Unterstützung und Wählerstimmen zu werben, sechstens das Recht und die Möglichkeit, alternative Informationsquellen zu benutzen, siebtens die Abhaltung freier und fairer Wahlen und achtens die Existenz von Institutionen, die die Regierungspolitik von Wählerstimmen und anderen Ausdrucksformen von Präferenzen der Bürger abhängig machen (vgl. ebd.: 3; 1989: 221). Erst wenn diese acht Minimalbedingungen erfüllt sind, könne von einer Demokratie gesprochen werden.

Die prozedural-institutionelle Bestimmung des Demokratiebegriffs nach Dahl ist stark inputorientiert und berücksichtigt nicht die Resultate des politischen Systems. Dem liegt die optimistische Annahme zu Grunde, dass „ ,gute‘ Prozeduren und Institutionen in der Regel ,gute‘, gemeinwohldienliche Ergebnisse zeitigten“ (Schmidt 2008: 214).

2.1.2 Erweiterter Demokratiebegriff: Geschlechtergerechte Demokratie

Mit dem auf Minimalkriterien beruhenden Demokratiebegriff von Dahl können die Ausprägungen dieser Staatsform nicht in ihrer ganzen Komplexität begriffen werden. Es eignet sich weniger dafür, die feinen Unterschiede hinsichtlich der Qualität der Demokratie zu beschreiben. Deshalb wird Dahls Demokratiekonzept, welches zwar in der Politikwissenschaft viel Beachtung findet und häufig angewendet wird, auch kritisiert. So weisen zum Beispiel Vertreterinnen der feministischen Demokratietheorie darauf hin, dass Geschlechterungleichheiten in der minimalistischen, inputorientierten und auf politischen Wettbewerb, Partizipation und Bürgerrechte fokussierten Demokratiedefinition nicht berücksichtigt würden (vgl. z.B. Grugel 2002). Überhaupt ist auffällig, dass Genderaspekte jenseits der feministischen Wissenschaft in den etablierten Demokratietheorien so gut wie gar nicht thematisiert werden. Phillips (1991: acknowledgements) konstatiert, dass diese Theorien Frauen systematisch ausschließen: „It is bad enough that women were overlooked in the calls for freedom, equality and that all-too-precisely named ,rights of men‘: equally worrying in an ostensibly fairer age is that women are excluded from the theory even when acknowledged in the official demands“ (vgl. auch Pateman 1989; Paxton 2009).

Demokratietheoretiker bedienen sich in der Regel einer geschlechterneutralen Sprache und definieren Demokratie über scheinbar universelle Konzepte wie das allgemeine Wahlrecht. Sie argumentieren, dass der Terminus „alle Staatsbürger“ Frauen einschließe. Demzufolge hätten sie die gleichen formalen Rechte und die gleichen Gelegenheiten, sich an politischen Entscheidungsprozessen zu beteiligen und diese mit zu gestalten. Paxton (2009: 146) weist darauf hin, dass bei dieser 8 Argumentation die patriarchalen Geschlechterverhältnisse, die anscheinend der realen politischen Gleichberechtigung mehr im Weg stehen als angenommen, nicht berücksichtigt werden. Denn die Realität sieht in den meisten Demokratien der Welt anders aus. Es existiert allenfalls eine formale Gleichberechtigung, aber die tatsächliche Rolle der Frauen im politischen System ist eher marginal und es existiert keine reale Geschlechtergleichheit bei der politischen Beteiligung und Repräsentation. Sie sind systematisch unterrepräsentiert, nicht ausreichend in politischen Strukturen präsent und in politische Entscheidungsprozesse eingebunden. Das hat nach Fuchs und Hoecker (2004: 2) zur Folge, dass Fraueninteressen im von Männern dominierten politischen Raum nicht vertreten oder marginalisiert und somit unzureichend durchgesetzt werden.

Betrachtet man die Gleichheit aller Staatsbürgerinnen und Staatsbürger als das wichtigste demokratische Prinzip, dann muss es angesichts der bestehenden Geschlechterungleichheiten als nicht erfüllt angesehen werden. Insofern kann Demokratie nicht als vollständig verwirklicht und konsolidiert gelten, wenn ein relevanter Teil der Bevölkerung, die Frauen, von ihren Errungenschaften ausgeschlossen ist, sondern nur, wenn alle Staatsbürgerinnen und Staatsbürger vom Staat vertreten und geschützt werden. Gerade an der Festlegung der kollektiv bindenden Rechtnormen müssen sowohl Männer als auch Frauen, bestenfalls entsprechend ihres Anteils an der Bevölkerung, beteiligt sein, da sich diese Gesetze und Entscheidungen auf beide Geschlechter auswirken.

Findeisen (2008: 49) erkennt in ihrer Forschungsarbeit über Frauen in Indonesien, dass es im Sinne einer geschlechtergerechten demokratischen Repräsentation und Partizipation an politischen Entscheidungsprozessen notwendig sei, politische Strategien und Maßnahmen zu ergreifen, um die geschlechterspezifischen Ungleichheiten auszugleichen. Findeisen macht zusätzlich auf die Rolle der zivilgesellschaftlichen Akteure und Organisationen aufmerksam, denen sie außerhalb staatlicher Institutionen emanzipative und erweiterte Möglichkeiten der politischen Beteiligung zuspricht und deren Einflussmöglichkeiten deshalb gestärkt werden müssten (vgl. auch Sauer/Wöhl 2011: 14f.; Phillips 1991). Und schließlich unterstreicht die Autorin in Anlehnung an die feministische Forderung „Das Private ist politisch!“ die Notwendigkeit der Auflösung der Trennung des gesellschaftlichen Lebens in eine öffentliche, den Männern zugeschriebene und eine private, den Frauen zugeschriebene Sphäre6. Diese Auflösung müsse mit einem gesellschaftlichen Wandel der geschlechterbezogenen Rollenverständnisse verbunden sein (vgl. auch Pateman 1989; Phillips 1991). Der feministischen Demokratietheorie nach könne eine echte Demokratie, also Volksherrschaft, nur entstehen, wenn strukturelle Geschlechterungleichheit als relevantes Thema beim Aufbau und der Weiterentwicklung von Demokratie in den Blick genommen und bekämpft würden (vgl. Pateman 1989).

Um die Gleichheit bzw. Ungleichheit der demokratischen Repräsentation von Frauen zu erfassen, unterscheidet Paxton (2009: 148f.) zwischen formaler, deskriptiver und substantieller Repräsentation. Formale Repräsentation meint demnach das formale Recht der Frauen, politisch zu partizipieren, also zu wählen und gewählt zu werden. Deskriptive Repräsentation bezieht sich auf das Verhältnis von Frauen in der Legislative und ihrem Anteil an der Bevölkerung. Wie Paxton herausstellt, sind Frauen in den meisten Staaten der Welt hier unterrepräsentiert (vgl. ebd.). Gleiche formale Rechte führen also nicht automatisch zu gleicher politischer Partizipation. Von substanzieller Repräsentation könne schließlich gesprochen werden, wenn Interessen von Frauen im politischen Prozess explizit berücksichtigt werden würden.

2.2 Begriffsbestimmung: Politisches System, Regime und Staat

Für den Politikwissenschaftler David Easton (1957) ist das politische System ein ausdifferenzierter Teil des gesamtgesellschaftlichen Systems, mit dem es in einer Austauschbeziehung steht. Es beschreibt den politischen Handlungsraum und ist definiert „by all those actions more or less directly related to the making of binding decisions for a society” (Easton 1957: 385). In Eastons Konzeption zielt das politische System also auf die Herstellung gesamtverbindlicher Entscheidungen ab, indem Inputs (gesellschaftliche Forderungen und Unterstützungsleistungen) aus den anderen Umwelten und deren Teilbereichen zu Outputs (Entscheidungen und Maßnahmen) verarbeitet werden. Diese wiederum würden auf die Gesellschaft ein- und auf das politische System in Form neuer Forderungen oder Unterstützungsleistungen zurückwirken und sowohl die Legitimität als auch die Stabilität oder Instabilität des politischen Systems bedingen. Instabile politische Systeme würden versuchen, durch Wandel und Anpassung, zum Beispiel Liberalisierung, ihr Überleben zu sichern (vgl. ebd.).

Da es sich hierbei um zentrale Aspekte der Transitionsforschung handelt, ist das Konzept des politischen Systems durchaus vorteilhaft für die Untersuchung von Transitionen. Ein weiterer Vorteil des Systembegriffs liegt in seiner Anwendbarkeit auf die verschiedenen, teilweise gleichzeitig ablaufenden und sich gegenseitig beeinflussenden Transformationsprozesse der Teilsysteme in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur, gerade wenn angenommen wird, dass sich nicht nur das politische System, sondern auch die sozioökonomischen Gesellschaftsstrukturen umfassend verändert haben. In Anlehnung an Merkel (2010: 11ff.) schließt die undogmatische Verwendung des Systembegriffs die gleichzeitige Verwendung anderer politischer Ordnungsbegriffe wie Regime nicht aus und wird in dieser Arbeit verwendet.

Im Regimebegriff werden in der vergleichenden Politikwissenschaft die spezifischen Ausprägungen erfasst, wie politische Herrschaft organisiert ist. Politische Herrschaft wird von Max Weber (1980: 38f.) als „die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden“ definiert. Politische Herrschaft zielt also auf die Durchsetzung politischer Entscheidungen innerhalb eines Herrschaftsterritoriums ab. Fishman (1990: 428) bezeichnet die formelle und informelle Organisation von politischer Herrschaft und die jeweils unterschiedlich ausgeprägten Beziehungen dieser Herrschaftszentren zur Gesellschaft als Regime.

Nach Lauth (2002: 107) ist ein Regime, um funktionieren zu können, an die Existenz eines Staates gebunden und kann ohne das Machtpotential eines Staates keine Herrschaft über die Mitglieder einer Gesellschaft ausüben. Dabei beruhe der Staat auf der Funktionsfähigkeit seiner Institutionen (vgl. auch Lauth/Wagner 2002: 24f).

2.3 Begriffsbestimmung: Transition, Transformation, Demokratisierung und Systemwechsel

Der Begriff Transition kommt aus dem Englischen bzw. Spanischen (transicion) und bedeutet ,Übergang‘. O'Donnell/Schmitter (1986: 6) bezeichnen als Transition „the interval between one political regime and another“. Als Transition zur Demokratie kann also nach O'Donnell/Schmitter das Intervall zwischen der Auflösung eines autoritären oder totalitären Systems und der Etablierung einer neuen, demokratischen Herrschaftsstruktur gelten. Simultan dazu wird in der Transitionsforschung auch der Begriff der Demokratisierung politischer Systeme7 8 benutzt (vgl. Nohlen 1988: 4; Potter 1997: 3).

Auch Merkel (2010: 66) betont in seiner Definition des Begriffs Systemtransformation die Ablösung grundlegender Herrschaftsstrukturen durch neue, welche sich in Prozessen „erheblicher Ent differenzierung (,Auflösung‘) der alten Institutionen und anschließender De differenzierung (,Aufbau‘)“ vollziehe. Insofern erscheint es legitim, die Begriffe Systemwechsel und Transition zur Demokratie im Folgenden synonym zu verwenden.

Der Begriff der Transformation wird von Merkel (2010: 66) als Oberbegriff für alle Formen von Regime- und Systemwechsel gesehen und hier auch so verwendet.

2.4 Typologie politischer Systeme

Für die Entscheidung, ob eine Transformation eines politischen Systems vorliegt oder nicht und das Verständnis des Transformationsprozesses ist es unabdingbar, politische Systeme zu definieren und voneinander abzugrenzen. Nach Linz (2000: 2) werden politische Systeme typologisiert, indem die Komplexität und Vielfalt der unterschiedlichen Systeme auf eine begrenzte Zahl von Typen herunter gebrochen wird, die sich noch ausreichend voneinander unterscheiden, aber auch genügend gemeinsame Elemente haben. Gemäß der Gemeinsamkeiten und Unterschiede könnten verschiedene Typen gebildet werden.

Im Folgenden soll eine Typologie politischer Systeme vorgestellt werden, die sich im Wesentlichen an der von Wolfgang Merkel (2010) ausgearbeiteten Einteilung orientiert.

Merkel (2010: 22ff.) unterscheidet zunächst zwei Grundtypen: Demokratie und Autokratie. Innerhalb des autokratischen Typus differenziert er noch einmal zwischen autoritären und totalitären Regimen, sodass er letztendlich drei Regimetypen identifiziert: Demokratie, autoritäre Regime und totalitäre Regime*. Merkel (ebd.) klassifiziert Systeme gemäß der Merkmalsausprägung folgender sechs Kriterien politischer Herrschaft: 1. Herrschaftslegitimation, 2. Herrschaftszugang, 3. Herrschaftsstruktur, 4. Herrschaftsanspruch, 5. Herrschaftsweise und 6. Herrschaftsmonopol.

2.4.1 Demokratische Regime

Für demokratische Regime sind laut Merkel (1999: 26) folgende Merkmalsausprägungen kennzeichnend: 1. die Herrschaft ist durch das Prinzip der Volkssouveränität legitimiert, 2. der Herrschaftszugang ist offen, das heißt, es existiert ein universelles Wahlrecht und die Regierenden werden in gleichen, freien, allgemeinen und geheimen Wahlen gewählt, 3. die Herrschaftsstruktur ist pluralistisch, das heißt, die staatliche Macht ist nicht in der Hand einer einzelnen Person oder Gruppe, sondern im Sinne der Gewaltenteilung auf viele Herrschaftsträger verteilt, 4. der staatliche Herrschaftsanspruch ist begrenzt und rechtsstaatlich definierten Grenzen unterworfen, 5. staatliche Gewalt ist verbindlich und legitim normiert und folgt rechtsstaatlichen Grundsätzen und 6. lediglich die demokratisch und verfassungsgemäß legitimierten Institutionen treffen die allgemein bindenden politischen Entscheidungen.

2.4.2 Autoritäre Regime

Nach Merkel (2010: 41f.) sind in autoritären Systemen die Herrschaftskriterien der demokratischen Funktionslogik so stark verletzt, dass sie durch autoritäre Herrschaftsmerkmale ersetzt werden. Das bedeutet nach Merkels Definition autoritärer Regime im Einzelnen, dass 1. die Legitimation der Herrschaft durch Mentalitäten9 (z.B. Nationalismus, Patriotismus, Modernisierung) hergestellt wird, 2. der Herrschaftszugang erheblichen Einschränkungen unterworfen ist, das heißt, dass zwar formell das Wahlrecht existieren kann, aber real keine oder stark eingeschränkte freie und faire Wahlen stattfinden, 3. der Pluralismus der Herrschaftsstruktur stark eingeschränkt ist und die staatliche Gewalt nur ungenügend auf mehrere Herrschaftsträger verteilt ist, 4. der Herrschaftsanspruch gegenüber den Bürgern nicht klar begrenzt ist und tief in die Individualsphäre hineinreicht, 5. die Ausübung staatlicher Herrschaft kaum rechtsstaatlichen Grundsätzen folgt, sondern eher repressiv ausgeübt wird, um die Herrschaftserhaltung zu sichern sowie die Ausübung staatlicher Gewalt nicht verbindlich normiert ist und 6. das Herrschaftsmonopol bei Akteuren wie Oligarchen, Führern oder Juntas liegt, die nur teilweise oder gar nicht durch demokratische Verfahren und Institutionen legitimiert sind.

2.4.3 Totalitäre Regime

Stellt man sich die politischen Systeme auf einem Kontinuum vor, dann stellen totalitäre Regime einen Gegenpol zu den demokratischen Regimen dar. Sie erfüllen kein Herrschaftskriterium, das für demokratische Systeme kennzeichnend ist, sondern weisen nach Merkel folgende Merkmale auf: 1. die Herrschaftslegitimation beruht auf Ideologien und Weltanschauungen 2. der Herrschaftszugang ist geschlossen, es existiert kein Wahlrecht, 3. die staatliche Macht konzentriert sich auf einen einzigen Machtträger bzw. ein Machtzentrum, 4. der staatliche Herrschaftsanspruch gegenüber den Bürgern ist unbegrenzt, durchdringt die Individualsphäre und zielt auf die umfassende Kontrolle der Gesellschaft ab, 5. die staatliche Herrschaft beruht nicht auf rechtsstaatlichen Grundsätzen, sondern wird repressiv und terroristisch ausgeübt und 6. das Herrschaftsmonopol wird von einem Führer oder einer Partei beansprucht, die nicht demokratisch legitimiert sind.

2.5 Transformationsphasen

In der Transitionsforschung wird zwischen der Errichtung einer Demokratie und deren Konsolidierung unterschieden, da, wie Schmidt (2008: 439) feststellt, die Errichtung demokratischer Institutionen noch nicht deren feste Verwurzelung bedeutet. Bis in die 1980er Jahre lag der Schwerpunkt der Forschung auf dem Regimeübergang, seit den 1990er Jahren ist eher die Frage nach der erfolgreichen Konsolidierung der Demokratie in den Mittelpunkt des Forschungsinteresses gerückt.

O'Donnell/Schmitter (1986: 7ff.) entwickelten ein idealtypisches, politikwissenschaftlich einflussreiches Phasenmodell von Systemwechseln, in dem der Wechsel in die Phasen Liberalisierung, Demokratisierung und Konsolidierung eingeteilt wurde. Da das Modell aber hauptsächlich an den Transitionsprozessen in Südeuropa und Lateinamerika orientiert war, wurde es von Merkel (2010) modifiziert, um eine höhere Generalisierbarkeit auch für andere Verlaufsformen zu erzielen10. Merkel (ebd.: 94ff.) unterteilt Systemwechsel vom autokratischen System zur Demokratie in drei Phasen: 1. Das Ende des autokratischen Systems, 2. Institutionalisierung der Demokratie und 3. Konsolidierung der Demokratie. Diese Phasen werden zu Analysezwecken idealtypisch konstruiert. In der Realität sind sie nicht immer scharf voneinander abgrenzbar, sondern besonders die Phasen der Institutionalisierung und der Konsolidierung überlappen sich oftmals. Eine Einteilung in Phasen ist aber durchaus sinnvoll, um den Verlauf und die Prozesse der Transition präziser analysieren zu können.

2.5.1 Zusammenbruch des alten Systems

Beim Übergang von autokratischen zu demokratischen Systemen wird in der Transitionsforschung zwischen den verschiedenen Ursachen, die einen Zusammenbruch des alten Systems auslösen, und den Verlaufsformen des Übergangs unterschieden. Beides wirke sich auf die nachfolgenden Phasen der Transition aus (vgl. z.B. Merkel/Thiery 2002: 195; Schmidt 2008: 431; 436).

2.5.1.1 Ursachen

Obwohl die ursächlichen Faktoren für einen konkreten Systemwechsel nur in einer spezifischen, den konkreten Fall betreffenden Analyse erfasst werden können, können auf Grund der großen Zahl an bereits durchgeführten Fallstudien allgemeine Aussagen über das Zusammenwirken verschiedener Ursachen getroffen werden. Die wichtigsten Faktoren für den Zusammenbruch von Systemen sieht Merkel (2010: 97) zum einen in strukturellen Veränderungen in den politischen, wirtschaftlichen oder ökonomischen Teilsystemen und zum anderen in den Handlungen der politischen oder zivilen Akteure. Diese beiden Dimensionen müssten immer aufeinander bezogen werden, um Interdependenzen erkennen zu können, denn politische, wirtschaftliche und soziale Veränderungen auf der strukturellen Ebene könnten bestimmte Handlungen bedingen oder umgekehrt könnten sie die Reaktion auf spezifische Handlungen sein.

Jürgen Rüland (1994: 291) erkennt in ökonomischen Wandlungsprozessen und internationalen Einflüssen die bedeutendsten Ursachenfelder für Systemwechsel. Bei Merkel (2010: 98ff.) werden diese Ursachenkomplexe spezifiziert. Er unterscheidet zwischen systeminternen und systemexternen Ursachen, die zu einem Systemzusammenbruch führen könnten.

Systeminterne Ursachen

Gemäß Merkel (ebd.) handelt es sich um systeminterne Ursachen für den Zusammenbruch autokratischer Systeme, wenn deren Herrschaft nicht mehr ausreichend legitimiert ist. Bedingt durch die repressive Herrschaftsweise und die Herrschaftsorganisation, die große Teile der Bevölkerung von politischer Mitsprache ausschließt, sei für autokratische Systeme ein ständiges Legitimationsdefizit systemimmanent (vgl. auch O'Donnell/Schmitter 1986: 15; Huntington 1991: 46ff), welches unter bestimmten Bedingungen zu einer Legitimitätskrise führen könne.

Eine Möglichkeit für autoritäre Regime, diese nicht legitimierte Herrschaft auszugleichen, sei der Weg der ökonomischen Modernisierung. Scheitert diese, könne das Regime in eine Legitimitätskrise geraten, die sich in umfangreichen gesellschaftlichen Protesten ausdrücken könne, da die von der Bevölkerung erwarteten Werte und Güter nicht mehr geliefert würden. Akteurstheorien zufolge könne es zu einer Spaltung innerhalb der Regimeeliten in konservative Hardliner und veränderungsbereite Softliner11 kommen, wenn unter ihnen keine Einigkeit bezüglich der beiden möglichen Strategien Repression oder Liberalisierung, mit der das Regime auf die Proteste reagiert, besteht (vgl. O'Donnell/Schmitter 1986: 15f.). Beide Strategien könnten zum Zusammenbruch des Systems führen, da ihre Auswirkungen von den Regimeeliten bestenfalls abgeschätzt, aber nicht vorher bestimmt werden könnten.

Merkel führt weiterhin aus, dass auch eine erfolgreiche Modernisierung die Ursache für einen Systemwechsel sein könne, wenn der Staat dadurch seine eigene Legitimitätsgrundlage untergräbt und von der Bevölkerung als nicht mehr zeitgemäß empfunden wird (vgl. auch Schmidt 2008: 438). Darauf wurde insbesondere von Vertretern des modernisierungstheoretischen Ansatzes hingewiesen (vgl. z.B. Lerner 1958; Lipset 1959; Diamond 1992; Ruschemeyer u.a. 1992; Przeworski/Limongi 1997; Boix/Stokes 2003). Demnach würden sich in Folge der Modernisierung die Sozialstruktur und die Klassenkonstellationen einer Gesellschaft verändern. Durch die Entwicklung der Wirtschaft vom ländlichen Agrar- zum städtischen Industrie- und Dienstleistungssektor gehe der Einfluss der reaktionären systemstützenden Großgrundbesitzer zugunsten einer Arbeiterklasse und einer modernen, gut ausgebildete Mittelschicht zurück (vgl. Moore 1969; Lipset 1981; Ruschemeyer u.a. 1992). Die breiten Massen wiederum, deren ökonomische Existenz durch die Effekte der Modernisierung weitgehend abgesichert sei, würde politische Partizipations- und Freiheitsrechte sowie gesellschaftliche Aufstiegschancen fordern. Sie wären die Träger einer entstehenden sozialen und politischen Opposition. Merkel (2010: 98) spricht in dem Zusammenhang von „nichtintendierten Effekte[n] der Modernisierung“, da die politischen Eliten mit der Wahl der Modernisierungsstrategie das eigentliche Ziel, nämlich die Wiederherstellung der Legitimität und Festigung der autokratischen Herrschaft, nicht erreicht hätten.

Systemexterne Ursachen

Die häufigste systemexterne Ursache für das Ende eines autokratischen Regimes ist für Merkel die Kriegsniederlage (vgl. auch Stepan 1986). Wird In einem militärischen Konflikt mit einem demokratischen Staat eine Niederlage erlitten, würden von den Siegermächten häufig demokratische Strukturen eingeführt und überwacht werden. Eine andere Form sei die humanitäre Intervention als Angriffskrieg von Staatenkoalitionen mit dem Ziel, Demokratie einzuführen12. Auch der Wegfall wichtiger externer Unterstützung für autokratische Herrschaftseliten könne, mitunter mehr noch als die Unterstützung der demokratischen Opposition, das Ende eines autokratischen Regimes herbeiführen. Und schließlich weist Merkel auf die von Huntington (1991: 46) erkannten Dominoeffekte hin, die zwar nicht ursächlich für Systemzusammenbrüche seien, aber demokratische Bestrebungen im eigenen Land verstärken und Entscheidungen der Herrschaftseliten beeinflussen könnten, wenn andere autokratische Systeme im regionalen Umfeld kollabieren. Gemäß der Theorie Huntingtons (1991), dass sich Demokratisierungen zeitlich konzentriert und regional wellenförmig ausbreiten, könnten diese Effekte als Vorbilder für weitere Demokratisierungen gelten.

2.5.1.2 Verlaufsformen von Systemübergängen

Wie sich ein Systemübergang konkret gestaltet, wird maßgeblich von den Ursachen für den Zusammenbruch des alten Regimes beeinflusst. In der Transitionsliteratur ist auch von der Pfadabhängigkeit der Systemwechsel die Rede. Nach Merkel (2010: 101; vgl. auch Schmitter/Karl 2009) gibt es sechs idealtypische Verlaufsformen für die Ablösung autokratischer Systeme13: 1. die l angandauernde Evolution, die nur während der ersten Demokratisierungswelle beobachtet werden konnte und während der sich die Demokratie evolutionär und nicht auf Grund dramatischer historischer Ereignisse entwickelt hätte, 2. den Staatszerfall und -neugründung in Folge des Zerfalls eines autokratischen Imperiums, 3. den v on Regimeeliten gelenkten Systemwechsel, bei dem die Ablösung des alten Systems von den alten autokratischen Eliten initiiert und die Einführung der neuen Strukturen weitestgehend kontrolliert würde und bei dem Teile der Macht von den alten Regimeeliten in das neue Regime transferiert werden könnten, insbesondere, wenn die Opposition schwach sei und die alten Eliten noch über Machtressourcen verfügen würden, 4. den v on unten erzwungenen Systemwechsel, bei dem weite Teile der Bevölkerung mobilisiert sein müssten und in massiven, selbst mit dem Einsatz repressiver Mittel nicht mehr zu unterdrückenden, Protesten gegen das autokratische Regime politische, soziale und/oder wirtschaftliche Veränderungen erzwingen und in dessen Verlauf die alten Regimeeliten vollständig entmachtet werden würden, 5. den ausgehandelten Systemwechsel, der aus einer Pattsituation zwischen den alten Regimeeliten und der Regimeopposition resultiere, in der keine Seite ausreichend Macht besitze, die neuen Herrschaftskriterien allein festzulegen und dies in Form von Kompromissen und Pakten erfolge und 6. den Regimekollaps, der die Folge eines meist durch externe Faktoren ausgelösten völligen Legitimitäts- und Machtverlust sei.

Systemübergänge verlaufen in der Realität selten so idealtypisch wie bei Merkel dargestellt. Häufig mischen sich die Formen. Nach Schmitter/Karl (1992, zitiert nach Schmidt 2008: 437) beeinflusst der Weg des Systemübergangs die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Demokratie erfolgreich entwickelt. Den Autoren zufolge hätten die durch Teile der alten Regimeeliten und die Opposition initiierten Systemwechsel die größte Chance auf eine stabile Demokratie14.

2.5.2 Institutionalisierung / Demokratisierung

Liberalisierung

Die Phase der Liberalisierung geht im Phasenmodell von O'Donnell/Schmitter (1989: 9) der Phase der Demokratisierung voraus, wobei Liberalisierung nicht zwangsläufig zur Demokratie führen muss. In der Liberalisierungsphase versuchen demnach die autokratischen Herrschaftseliten unter Beibehaltung der realen Machtverhältnisse, das System kontrolliert zu öffnen. Das Ziel ist es, die durch ein Legitimitätsdefizit erzeugten Spannungen abzubauen und die autoritäre Herrschaft durch eine breitere Unterstützung der Bürgerinnen und Bürger zu legitimieren. Dies soll durch eine Zurücknahme von Repression sowie den Ausbau und die Erweiterung der Freiheitsrechte der Bürger erreicht werden. O'Donnell/Schmitter (1986: 7) beschreiben Liberalisierung als „process of making effective certain rights that protect both individuals and social groups from arbitrary or illegal acts committed by the state or third parties”.

Wie bereits erwähnt, ist bei Merkel die Liberalisierungsphase der Phase der Demokratisierung nicht zwingend vorgeschaltet, sondern kann auch synchron mit der Demokratisierung ablaufen oder ganz ausbleiben, wie zahlreiche Systemwechsel der zweiten und dritten Demokratisierungswelle belegen.

[...]


1 Samuel Huntington (1991) erkennt abgrenzbare Zeitperioden, in denen sich vermehrt autokratische Systeme in Demokratien wandeln. Diese Zeitperioden nennt er „waves of democratization“ (ebd.: 13).

2 Im Verlauf der Arbeit wird die Republik China auf Taiwan nur kurz Taiwan genannt. Der völkerrechtliche Status der Republik China auf Taiwan ist umstritten. China betrachtet Taiwan als abtrünnige Provinz, während Taiwan sich als souveränen Staat sieht. Taiwan übt das staatliche Machtmonopol innerhalb seines Territorium aus, das die Inseln Taiwan, Penghu, Matsu und Kinmen umfasst.

3 Freedom House misst politische Rechte und Freiheitsrechte anhand der Demokratiekriterien von Dahl (1971; vgl. auch Kapitel 2.1 dieser Arbeit) auf einer aggregierten Skala von 1 bis 7. Werden Werte von 1,0 bis 2,5 gemessen, gelten diese Länder als „frei“, bei Werten von 3,0 bis 5,0 als „teilweise frei“ und bei Werten von 5,5 bis 7,0 als „nicht frei“ (Freedom House 2014).

4 Ein guter Überblick über die verschiedenen Demokratietheorien findet sich bei Schmidt (2008).

5 Die idealtypische Demokratie weist nach Dahl fünf Merkmale auf: 1. zielgenaue und wirksame Partizipation aller Bürger, 2. gleiches Wahlrecht und Stimmengleichheit insbesondere bei den entscheidenden Abstimmungsstufen, 3. aufgeklärter Wissensstand aller Bürger, 4. finale Kontrolle der Agenda der Politik durch den Demos und 5. Inklusion aller abstimmungsfähigen erwachsenen Staatsbürger (Dahl 1998: 38f., 1989: 108ff., zitiert nach Schmidt 2008: 213).

6 Siehe dazu die kurze, aber lohnenswerte historische Rückschau zur Sphärentrennung von Öffentlichkeit und Privatheit bei Sauer/Wöhl (2011: 2ff.).

7 Davon abgegrenzt werden muss die Demokratisierung als Phase im Transitionsprozess (vgl. Kapitel 2.5.5).

8 Darüber hinaus kann noch zwischen zahlreichen Subtypen und hybriden Regimen unterschieden werden (vgl. z.B. Diamond 1999; Linz 2000; Croissant/ Thiery 2001; Merkel u.a. 2003; Morlino 2008).

9 Nach Linz (2000: 132) sind Mentalitäten auf einer emotionalen Ebene angesiedelt und stellen „Wege des Denkens und Fühlens“ dar. Im Gegensatz dazu seien Ideologien Gedankensysteme, die auf einer rationalen Ebene intellektuell ausgearbeitet und strukturiert sind.

10 Die Transitionsprozesse in Südeuropa und Lateinamerika wurden zumeist von alten Regimeeliten eingeleitet (O'Donnell/Schmitter 1986). Laut Merkel (2010: 94) könne das Phasenmodell nach O'Donnell/Schmitter nicht für andere Verlaufsformen insbesondere der dritten Demokratisierungswelle, zum Beispiel für Revolutionen von unten, angewendet werden. Außerdem ginge einer Demokratisierung nicht immer zwingend eine Liberalisierung voraus, wie von O'Donnell/Schmitter in ihrem Phasenmodell angenommen (ebd.: 105).

11 Als Hardliner bezeichnen O'Donnell/Schmitter diejenigen, welche unter allen Umständen eine Aufrechterhaltung des autokratischen Systems befürworten. Softliner dagegen gehen davon aus, dass in Regimekrisen durch politische Zugeständnisse gegenüber der Bevölkerung die Legitimität der Regimes letztendlich wieder hergestellt und die politischen Machtverhältnisse konserviert werden könnten.

12 Merkel (2010: 100) weist darauf hin, dass diese Form der Demokratisierung von außen nicht zwangsläufig stabile Demokratien hervorbringe, wie die Beispiele in Afghanistan und Irak zeigen.

13 Stepan (1986: 5) identifiziert hingegen acht verschiedene Pfade zur Demokratie: 1. International restoration after external reconquest, 2. Internal reformulation, 3. Externally monitored installation, 4. Democratization initiated from within authoritarian regime, 5. Society-led termination, 6. Party pact, 7. Organized violent revolt (led by democratic parties), 8. Marxist led revolutionary war (zitiert nach Rüb 1994: 119f.).

14 Weiterführend zu Transformationspfaden, insbesondere in Bezug auf die Rolle der Eliten und Massen im Transitionsprozess, siehe Burton u. a. (1992).

Ende der Leseprobe aus 55 Seiten

Details

Titel
Der demokratische Transitionsprozess in Taiwan. Entstehung und Konsolidierung der Demokratie
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Sozialwissenschaften)
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
55
Katalognummer
V952802
ISBN (eBook)
9783346296610
ISBN (Buch)
9783346296627
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Demokratie, Taiwan, Konsolidierung, Demokratisierung, Transition, Transformationsphasen, Institutionalisierung, Systemübergang, Geschlechtergerechtigkeit, Systemwechsel, Genderperspektive, politische Partizipation, Demokratiebegrif
Arbeit zitieren
Manuela Plöger (Autor), 2015, Der demokratische Transitionsprozess in Taiwan. Entstehung und Konsolidierung der Demokratie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/952802

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der demokratische Transitionsprozess in Taiwan. Entstehung und Konsolidierung der Demokratie



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden