Wirkung von Wirtschaftswachstum, Arbeitskosten und Strukturwandel auf die Arbeitskräftenachfrage


Seminararbeit, 1999

14 Seiten, Note: 1,3


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Die Wirkung von Wirtschaftswachstum, Arbeitskosten und Strukturwandel auf die Arbeitskräftenachfrage

1. Einleitung

Das Thema dieser Ausarbeitung ist die Wirkung von Wirtschaftswachstum, Arbeitskosten und Strukturwandel auf die Arbeitskräftenachfrage in Deutschland.

Wir leben in einem Land, was einerseits zu den führenden Industriemächten der Welt zählt und andererseits mit ständig steigender Arbeitslosigkeit zu kämpfen hat. In den letzten Jahrzehnten hat es keine Regierung geschafft, das Problem Arbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen. Auch die vollmundigen Versprechungen der jetzigen rot-grünen Regierung im Wahlkampfjahr 1998, die Arbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen, und den Erfolg ihrer Politik daran zu messen, haben sich bisher als unerfüllbar erwiesen. Nachdem das erste Bündnis für Arbeit unter der Regierung Kohl keinerlei Ergebnisse brachte und frühzeitig wieder in der Schublade verschwand, hofft nun die Regierung Schröder im zweiten Anlauf alles besser zu machen. Bei über 4 Millionen Arbeitslosen und einer immer größer werden Kluft zwischen Gut- und Besserverdienenden und denen, die auf Arbeitslosengeld und Sozialhilfe angewiesen sind, sind tiefgreifende Maßnahmen nötig. Einerseits gibt es hervorragende Möglichkeiten für junge, gut ausgebildete Leute in der Wirtschaft Karriere zu machen. Andererseits gibt es auch viel zu viele, für die die Luft auf dem Arbeitsmarkt immer dünner wird. Zu denen Zählen Leute mit geringen Qualifikationen sowie Arbeitnehmer im alter zwischen 45 und 60 Jahren, die ihren Job verloren haben und auf der Suche nach neuer Arbeit sind. Immer häufiger passiert es auch, daß junge Schulabsolventen keine Lehrstelle bekommen. Inhalt dieser Arbeit ist es, zu zeigen, wie es im Verlaufe der letzten Jahrzehnte zu einem ständigen Anstieg der Arbeitslosigkeit bei gleichzeitigem Wirtschaftswachstum kommen konnte. Dabei möchte ich unter anderem näher auf Faktoren eingehen, die die Arbeitskräftenachfrage in Deutschland nachhaltig beeinflußt haben. Hier sind zu nennen Wissen und Kapital, die Arbeitskosten und der Einfluß von Innovationen. Zur Bearbeitung dieses Themas stand mir der „ Bericht der Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sachsen“ von 1996 zur Verfügung.

2. Steigende Arbeitslosigkeit in Deutschland trotz zunehmender Produktionsleistung

Die Entwicklung der Produktionsleistung in Deutschland läßt sich am Bruttoinlandsprodukt ablesen. Betrachtet man den Zeitraum von 1970 bis 1995 kann man erkennen, daß das BIP pro Kopf der Wohnbevölkerung um rund zwei Drittel zugenommen hat. Gleichzeitig konnte aber ein Absinken des Arbeitsvolumens pro Kopf der Wohnbevölkerung um rund ein Fünftel beobachtet werden. Dazu kam es, weil sich die Arbeitsproduktivität pro Erwerbstätigenstunde seit 1970 mehr als verdoppelt hat. Man kann also sagen, ein Arbeiter produziert 1995 pro Stunde mehr als ein Arbeiter im Jahr 1970 pro Stunde.

Da sich seither das Arbeitskräfteangebot durch verstärkte Individualisierungsprozesse und Erwerbsorientierung erhöht hat, stieg die Arbeitslosigkeit erheblich an. Durch technischen und organisatorischen Fortschritt ist es möglich, eine steigende Produktion von Waren und Dienstleistungen mit sinkender durchschnittlicher Arbeitszeit und zunehmenden Erwerbseinkommen zu realisieren. Diese steigende Produktivität wurde jedoch durch Erhöhungen von Lohn und Gehaltssummen überkommpensiert, wodurch es zu einem Anstieg der Lohnstückkosten kam. Es war daher für die Unternehmen lohnenswert, in effektivere Maschinen und bessere Arbeitsorganisationen zu investieren. Daneben kam es Mitte der 70er Jahre zum Einsatz flexibler und kostengünstiger Nicht - Normarbeitsverhältnisse. Steigenden Arbeitskosten führten zu Umstrukturierungs- und Rationalisierungsmaßnahmen.

2.1. Die Entwicklung von Produktionsleistung und Arbeitsvolumen in internationalen Vergleich

Man kann sagen, Produktionsleistung und Arbeitsvolumen haben sich auseinander entwickelt. Diese Entwicklung ist aber international verschieden. In den USA stieg sowohl das BIP als auch das Arbeitsvolumen pro Kopf der Wohnbevölkerung , während eine vergleichsweise stärkere Zunahme des BIP pro Kopf in Deutschland und in Japan verbunden war mit einem sinkenden Arbeitsvolumen pro Kopf. Das bedeutet einen Anstieg der Arbeitsproduktivität in Deutschland und in Japan. In Westdeutschland wuchs das BIP pro Kopf von 1970 bis 1995 im Geldwert von 1991 um rund 63% während sich gleichzeitig das Arbeitsvolumen pro Kopf der Bevölkerung um 22,5 % vermindert hat. In Zahlen ausgedrückt ist das ein BIP pro Kopf 1970 von 25.440 DM bei einer Arbeitszeit von 857 Stunden gegenüber einem BIP pro Kopf 1995 von 41458 DM bei einer Arbeitszeit von 664 Stunden. Das BIP pro Arbeitsstunde hat sich also mehr als verdoppelt. Durch eine gleichzeitige Verminderung des Anteils der Erwerbstätigen an der Wohnbevölkerung um lediglich 1% verminderte sich die individuelle Arbeitszeit der Erwerbstätigen seit 1970 um 20% auf rund 1560 Jahresarbeitsstunden 1994. Diese Verminderung der Arbeitszeit fand vor allem bei den geringfügig Beschäftigten und bei den Teilzeitkräften statt.

Eine ähnliche Situation wie in Westdeutschland bot sich auch in Japan. Auch hier verminderte sich die Arbeitsvolumen pro Kopf bei gleichzeitigem Anstieg des BIP. Anders ist die Situation in den USA. Bei einem Anstieg des BIP um rund 54 %, stieg das Arbeitsvolumen um 21 %.

2.2. Gründe für diese Entwicklung

Wie kann man sich diese Unterschiede erklären? Grund hierfür ist ein stark gestiegener technischer und organisatorischer Fortschritt durch hohen Sachkapitaleinsatz in Westdeutschland und in Japan.

Tabelle 1: Jahresdurchschnittliche Wachstumsrate des technischen und organisatorischen Fortschrittes in Westdeutschland, Japan und den USA 1960 - 1995.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In Tabelle 1 ist zu erkennen, daß die Fortschrittsrate der USA in fast allen Zeiträumen niedriger ist, als die Japans und Westdeutschlands.

Diese niedrige US-amerikanische Fortschrittsrate beruht unter anderem auch auf einer Zunahme von niedrig qualifizierten Beschäftigungen während der 80er Jahre. Diese war mit 1,5% pro Jahr deutlich stärker als in Japan mit 0,7%1.

In Deutschland nahm die Zahl der niedrig qualifizierten Beschäftigungen zwischen 1980 und 1990 sogar leicht ab. Dagegen stieg die Zahl der hoch qualifizierten Beschäftigungen in Deutschland und den USA in diesem Zeitraum durchschnittlich um 2,5 % pro Jahr und in Japan sogar um 2,8 % pro Jahr an. Es ist zu vermuten, daß die im Schnitt besser ausgebildeten und qualifizierteren Erwerbstätigen in Deutschland und in Japan zu dem anfangs angesprochenen höheren Anstieg der Arbeitsproduktivität gegenüber den USA beitrugen.

Ausbildung und Qualifikation wird durch Investitionen in das Schul- und Ausbildungssystem aufgebaut. Es wird ein Humankapital geschaffen und durch Lernprozesse und Erfahrungen in der Produktion sowie durch Fortbildungen weiterentwickelt.

Schaubild 1 zeigt, daß seit 1960 die Ausgaben für Forschung und Entwicklung sowie für die Ausbildung in weitaus höherem Maße gewachsen sind als der Einsatz von Kapital, Arbeit und Energie. Es sollte also durch die Produktion von Wissen die Fortschrittsrate erhöht werden. Mit der Steigerung der Wissensproduktion wurde auch die Effizienz der übrigen Produktionsfaktoren Arbeit, Kapital und Energie verbessert. Das bewirkte nicht nur eine Beschleunigung des wirtschaftlichen Wachstums , sondern auch eine Zunahme des BIP.

Schaubild 1: Quellen wirtschaftlichen Wachstums in Westdeutschland 1960-1995

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3. Einflußfaktoren auf die Arbeitskräftenachfrage in Deutschland

3.1. Veränderte Arbeitskräftenachfrage durch Einsatz von Wissen und Kapital

Neben den altbekannten Produktionsfaktoren Arbeit, Boden und Kapital hat sich das Wissen in der Nachindustriegesellschaft als vierter Faktor etabliert und hohe Bedeutung für Wohlstand und stabile Beschäftigung gewonnen2. Die Industriegesellschaft wird nach und nach von der Wissensgesellschaft abgelöst. Wissen und Kapital sind die treibenden Kräfte hinter dieser Entwicklung. Diese wird entscheidend geprägt von den Entwicklungen auf dem Gebiet der Informations- und Kommunikationstechnik sowie durch andere Schlüsseltechnologien wie etwa der Biotechnologie. Das durch Forschung und Entwicklung neu gewonnene Wissen ermöglicht der exportorientierten deutschen Volkswirtschaft Wettbewerbsvorsprünge vor der zunehmenden internationalen Konkurrenz. Von den Fortschritten auf dem Gebiet des wissenschaftlichen Wissens hängt es ab, wie schnell und in welcher Art sich der soziale Wandel in der modernen Industriegesellschaft vollzieht.3

Es gibt aber unterschiedliche Arten von Wissen. Zum einen gibt es Wissen, das an materielles Sachkapital, wie zum Beispiel Fertigungsanlagen, Fertigprodukte und Werkzeuge gebunden ist. Zum anderen ist Wissen unmittelbar mit dem individuellen Humankapital verbunden.

Als drittes gibt es ungebundenes Wissen, welches weder mit materiellem Sachkapital noch mit individuellen Humankapital verbunden ist. Dazu zählen Patente, neue Produktionsverfahren und frei verfügbarer Wissensbestand aus Forschung und Entwicklung.4 Laut Machlup haben diese drei Wissensarten unterschiedliche Wissensströme. Das sachkapitalgebundene Wissen erhöht den Wert und die Rendite des Sachkapitals, daß humankapitalgebundene Wissen schlägt sich in der Einkommenshöhe nieder und die Nutzung des ungebundenen Wissens erhöht die Produktivität. In der heutigen Wissensgesellschaft steigt die Bedeutung des Humankapitals und geringe Qualifikation hat schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

In Branchen mit innovativen Waren und Dienstleistungen steigt der Einsatz von Sachkapital und technischem Fortschritt. Da ist es nur logisch, daß von den Unternehmen qualifizierte, gut ausgebildete und leistungsfähige Beschäftigte nachgefragt werden. Hier kommt es auch auf selbständiges Handeln, ein breites Allgemeinwissen und Entscheidungskompetenz an. Damit wird einfache Arbeit „ in der Gesellschaft, die sich immer eindeutiger auf wissensintensive Güter spezialisiert immer weniger nachgefragt... „.5 Diese Entwicklung kann man in fast allen Ländern der OECD beobachten. Hier ging zwischen 1970 und 1991 der Anteil der Erwerbstätigen mit geringer Schul- und Berufsausbildung zurück. Dabei waren große Verluste im verarbeitenden Gewerbe zu verzeichnen. Der Anteil der Erwerbstätigen mit höherer und hoher Schulbildung stieg dagegen an.

Das liegt größtenteils am technischen Wandel, der die Qualifikationsprofile von den eher manuellen Fertigkeiten hin zum Umgang mit wissensbasierteren Techniken verschob.

Für ein Land ist es nun wichtig, vorhandenes Humankapital im Land zu halten und neues von außen anzuziehen.

3.2. Der Einfluß von Innovationen auf die Arbeitskräftenachfrage

Weiterhin ist es aber von noch größerer Bedeutung, daß vorhandene Wissen in Innovationen umzusetzen, da nur so neue Arbeitsplätze entstehen können. In Deutschland wurde im Vergleich zu Japan und den USA , daß durch Forschung und Entwicklung vorhandene technologische Wissen zu langsam in Produktions- und Prozeßinnovation umgesetzt. Bei entsprechender Umsetzung dieses Wissens hätten neue Absatzmärkte erschlossen werden können, was wiederum zu neuen Arbeitsplätzen geführt hätte.

Wie kommt es durch Innovation zu neuen Arbeitsplätzen?

Es gibt zwei Arten von Innovationen. Zum einen die Prozeßinnovation und zum anderen die Produktinnovation. Die Prozeßinnovation richtet sich an den Herstellungsprozeß und ermöglicht einen effizienteren und kostengünstigeren Einsatz von Arbeit und Kapital durch eine Verbesserung der Produktionsweisen und der Organisationsformen. Das erhöht die Arbeitsproduktivität und ermöglicht mit weniger Arbeitskraft eine höhere Produktionsleistung. Auf den ersten Blick könnte man meinen, daß diese Entwicklung sich schädlich auf die Arbeitskräftenachfrage auswirkt. Doch erst im zweiten Schritt können sich positive Beschäftigungseffekte ergeben, da die Güternachfrage infolge der niedrigeren Preise steigt.

Bei der Produktinnovation ergibt sich ein anderes Bild. Um neue Produkte oder Dienstleistungen herstellen zu können, werden Investitionen benötigt, was wiederum zur Schaffung von Arbeitsplätzen führt. Es kann dann natürlich der Fall eintreten, daß diese Innovativen, leistungsfähigeren Waren oder Dienste bei der Verwendung in anderen Unternehmen zu einem rationellerem Arbeiten beitragen und Arbeitsplätze abgebaut werden.

Die ökonomische Leistungsfähigkeit eines Landes, sein wirtschaftliches Wachstum und seine Anteile am Weltmarkt hängen von seiner Innovationsfähigkeit ab. Wenn es gelingt, Grundwissen schnell in Produkt und Prozeßinnovation umzusetzen, kann all das gesteigert und der Arbeitsmarkt durch eine höhere Arbeitskräftenachfrage stabilisiert werden. Zu geringe Innovationstätigkeit vermindert dagegen die Arbeitskräftenachfrage.

Aber Innovation ist ein soziales Phänomen. Hier kommen Kreativität, Wünsche und Bedürfnisse von Einzelpersonen und Gesellschaften zum Ausdruck. Innovationen sind stark mit dem sozialen Klima verknüpft in dem sie entstehen. Sie können aber auch selbst Auswirkungen auf das soziale Klima haben. Zum Beispiel können negative Folgen neuer Technologien oder mangelnd vermarktete innovative Produkte deren Akzeptanzschwelle erhöhen und zu einem innovationsfeindlichen Klima beitragen.

Zwischen 1990 und 1992 betrug der Anteil neuer und veränderter Produkte am Gesamtumsatz in allen innovierenden Unternehmen mehr als 60 %.

Das war gegenüber den anderen europäischen Ländern ein überdurchschnittlich guter Wert. Daneben erwarben deutsche Unternehmen 1992 häufiger als andere europäische Länder neue Techniken. Dadurch erwarben drei Viertel aller kleinen und ca. 60 % der anderen Unternehmen einen höheren technischen Stand. Der Grund für diese Entwicklung sind kräftige Investitionstätigkeiten und ein starkes Wirtschaftswachstum in der Zeit nach der Vereinigung Deutschlands. Trotz allem werden in Europa Forschungsergebnisse und technologische Kompetenzen nicht schnell genug in Innovationen und Wettbewerbsvorteile umgesetzt.6

Eine Umfrage des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung in der Industrie ergab, daß Rentabilitätsrisiken, Finanzierungsengpässe und fehlende steuerliche Anreize die schnelle Umsetzung von Innovationsprojekten verhinderten.

Bei Unternehmen in Deutschland stehen hohe Innovationskosten, lange Amortisationsdauer, fehlendes Eigenkapital, leichte Imitierbarkeit und hohes Marktrisiko bei den Innovationshemmnissen an vorderster Stelle.

Eine Erhebung der EU-Kommission innerhalb Europas ergab, daß bei den befragten deutschen Unternehmen Kapitalmangel die größte Innovationsbarriere darstellte. Daneben rangierten noch fehlende Kompetenz, Probleme mit den geistigen Eigentumsrechten und ungenügende technische Möglichkeiten. In Deutschland gibt es zudem noch im Vergleich zu anderen europäischen Ländern einen relativ unterentwickelten Risikokapitalmarkt, woraus sich Wettbewerbsnachteile für kleine und mittlere Unternehmen in Deutschland ergeben. Zudem dauert in Deutschland die Gründung von Unternehmen zu lange. Mit durchschnittlich 56 bis 168 Tagen dauert eine Existenzgründung im Vergleich zu Frankreich, Irland und Großbritannien bis zu 120 Tage länger.7 Das ist bei der Einführung neuer und innovativer Waren und Dienstleistungen ein Nachteil für deutsche Unternehmen. Könnten die Verfahren und Vorgänge, im Zusammenhang mit Existenzgründungen und Innovationen beschleunigt werden, ergäben sich weiteres Potentiale bei der Arbeitskräftenachfrage. Dazu gehören auch die Verkürzung von Genehmigungsverfahren sowie eine Lockerung von Gesetzen und rechtlichen Regelungen.

3.3. Wirtschaftswachstum und Rezession

Wie im Punkt 2 erwähnt, kam es infolge steigender Arbeitsproduktivität und gleichzeitigem Anstieg des Arbeitskräfteangebotes zu steigender Arbeitslosigkeit in Deutschland. Es drängen immer mehr Personen auf den Arbeitsmarkt und neue Arbeitsplätze müssen geschaffen werden. Arbeitsplätze können entstehen, wenn die Produktionsmöglichkeiten steigen. Im Zeitraum zwischen 1984 bis 1992 gab es einen Anstieg der Produktionsmöglichkeiten um 3 % und zwischen 1992 und 1996 nur noch um 2 %. Das war zu wenig, um genügend neue Arbeitsplätze zu schaffen. Der Grund dafür lag darin, daß in Deutschland zu wenig in beschäftigungsintensive Bereiche der Volkswirtschaft investiert wurde.

Statt dessen wurde 1994 und 1995 die meisten Investitionen für Kostensenkung (43 bzw. 39 %) und zum Ersatz veralteten Sachkapitals (31 bzw.32 %) vorgenommen.

Für Produktinnovationen mit 12 bzw. 13 % und für Kapazitätserweiterung mit 8 bzw. 10 % wurde der weitaus geringere Teil investiver Mittel bereitgestellt. Dies zeigt, daß die Unternehmen vorrangig ihre Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit durch Kostensenkung und Rationalisierung steigern wollten. Ein weiterer Grund für erhöhte Arbeitslosigkeit ist die niedrige Auslastung des Produktionspotentials. Unter Produktionspotential versteht man die gesamtwirtschaftliche Produktion , die bei Vollbeschäftigung aller volkswirtschaftlichen Produktionsfaktoren hergestellt werden könnte.8

Diese Auslastung unterlag phasenweise starken konjunkturellen Schwankungen. In der Phase des Abschwunges kam es zum Abbau von Produktionskapazitäten, die dann im darauffolgenden Aufschwung nicht mehr zur Verfügung standen. Solch eine Abschwungphase mit darauffolgender Aufschwungphase hinterließ immer Arbeitslose. Man könnte denken, daß die im Abschwung abgebauten Arbeitskräfte im Aufschwung wieder benötigt werden und es zu keiner Verringerung der Beschäftigten kommt. Dem ist aber nicht so. Das hat den Grund, daß im Aufschwung durch Investitionen in neue Anlagen und effektivere Organisationen neue Produktionskapazität aufgebaut wird. Diese benötigt wegen ihrer technischen und organisatorischen Fortschrittlichkeit weniger Arbeit als vorher. Eine Rezession hat also immer positive Auswirkungen auf die Entwicklung neuer und kostengünstigerer Produktionsverfahren aber nachhaltig negative Auswirkungen auf die Arbeitskräfte- nachfrage. In Westdeutschland gab es zwischen 1960 und 1995 vier konjunkturelle Tief- und drei nachhaltige Hochphasen. Das sind die Tiefphasen von 1967, 1974/75, 1981/82 und 1993. In allen Phasen zeigte sich das gleichen Bild. Es gab einen unterdurchschnittlichen Zuwachs an Produktionspotential und das BIP stagnierte oder schrumpfte. Die Unternehmen verringerten ihre Nachfrage nach Investitionsgütern und bauten ihre Produktionskapazität durch zurückhaltende Konsumgüternachfrage der privaten Haushalte und des Auslandes kaum oder gar nicht aus. Eine geringe Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen führte zu unterdurchschnittlich ausgelasteten Produktionskapazitäten und zu einer sinkenden Nachfrage nach Arbeit.

Die Hochphasen von 1969/70, 1979/80 und 1990/91 zeigen ebenfalls ein gemeinsames Bild. Es gab hohe Zuwächse beim Produktionspotential und beim Bruttoinlandsprodukt. Diese kamen zustande durch steigende Investitionen in neue Technologien bei ausgeweiteten und zunehmend ausgelasteten Produktionskapazitäten. Das allein genügte aber nicht, um den vollständigen Abbau der jeweils in der vorherigen Tiefphase entstandenen Arbeitslosen zu erreichen und schon gar nicht, um die zusätzlich auf den Arbeitsmarkt strömenden Erwerbspersonen zu beschäftigen.

Schaubild 2 zeigt, daß eine Abnahme der Produktionskapazität eng mit einem Anstieg des Arbeitslosenanteils verbunden ist. Dieser Arbeitslosenanteil wiederum geht bei nachfolgend steigender Kapazitätsauslastung im Aufschwung um weniger zurück, als er vorher angestiegen war.

Schaubild 2: Kapazitätsauslastung in Westdeutschland im Verhältnis zum Arbeitslosenanteil zwischen 1966 und 1996.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aufgrund dieser Entwicklung stellt sich nun die Frage, wie der Anstieg der Arbeitslosigkeit verringert bzw. die Arbeitslosigkeit abgebaut werden kann. Untersuchungen zufolge ist steigende Beschäftigung eng mit zunehmendem Wirtschaftswachstum und verstärktem Aufbau von Produktionskapazitäten verbunden. Es gibt einen Wachstumswert des BIP, ab dem zusätzliche Beschäftigung erfolgt. Das ist die sogenannte Beschäftigungsschwelle. Langfristig ist diese Schwelle in Deutschland gesunken. Wirtschaftswachstum ist also beschäftigungsintensiver geworden. Hauptsächliche Gründe hierfür sind der sektorale Strukturwandel von der industriellen zur Dienstleistungsproduktion, daß verlangsamte Wachstum des Kapitalstocks, die verringerte durchschnittliche Jahresarbeitszeit sowie die Zunahme von Teilzeitarbeit und geringfügiger Beschäftigung. Betrachten man einmal drei konjunkturell ähnliche Zeitabschnitte wird dies deutlicher. Für die Gesamtwirtschaft sank die Beschäftigungsschwelle, bezogen auf die Zahl der Erwerbstätigen, von 3,7 % (1960 - 1973) auf 2,4 % (1974-1983) und 1,2% (1983-1994)9. Bezogen auf die Erwerbstätigenstunde ergeben sich mit 5,4% ( 1960-1973), 3,4% (1974-1983) und 2,7% (1983-1994) dagegen höhere Werte.

Das bedeutet, das zwischen 1983 und 1994 das Arbeitsvolumen der Gesamtwirtschaft schon bei einem BIP - Wachstum von 1,2 % anstieg, während die Erwerbstätigkeit erst bei einem Wachstum von 2,7 % zunahm. Im langfristigen Trend zwischen 1960 und 1994 ergeben sich mit einer Beschäfti- gungsschwelle bezüglich des Arbeitsvolumens von 4,4 % und bezüglich der Erwerbstätigkeit von 2,2 % deutlich höhere Werte. Das ist auch der Grund, warum es trotz vergleichsweise hoher durchschnittlicher Zunahme des BIP und des zugrundeliegenden Produktionspotentials nicht in allen konjunkturellen Aufschwungphasen zu einem steigenden Arbeitsvolumen kam und dessen fallender Trend bis heute nicht aufzuhalten war.

Hier zeigt sich auch ganz deutlich der Trend vom produzierenden und verarbeitenden Gewerbe hin zu Dienstleistungsunternehmen. Zwischen 1960 und 1994 nahm die Erwerbstätigkeit im verarbeitenden Gewerbe erst bei einem BIP - Wachstum von 3,8 %, das Arbeitsvolumen gar erst ab einem Wachstum von 5,2 % zu. Das bedeutet, daß die Beschäftigungsintensität des wirtschaftlichen Wachstums in der Industrie niedriger als in der Gesamtwirtschaft war. Somit mußte die Beschäftigungsintensität in anderen Bereichen der Volkswirtschaft gestiegen sein. Diese Bereiche sind private Dienstleistungsunternehmen und der Staat. Bei einem Produktionszuwachs von 1 % stieg die Beschäftigungsintensität bei Dienstleistungsunternehmen von 0,53 zwischen 1960 und 1973 auf über 0,7 zwischen 1973 und 1994.

Es zeigt sich insgesamt, daß ein höheres Beschäftigungsniveau in Deutschland bei steigendem Wirtschaftswachstum prinzipiell möglich ist.

3.4. Die Bedeutung der Arbeitskosten und die Rolle der Tarifpartner

Ein weiterer bedeutender Einflußfaktor auf die Arbeitskräftenachfrage sind die Lohnstückkosten. Die Lohnstückkosten sind das Verhältnis von Arbeitskosten zur Wertschöpfung der Erwerbstätigen. Und gerade im Zuge der Globalisierung, das heißt bei globalen Absatz- und Beschaffungsmärkten und bei internationalen Produktionsmöglichkeiten, steigt der Kosten- und Wettbewerbsdruck für deutsche Unternehmen.

Steigen nun die Lohnstückkosten, das heißt, der auf ein produziertes Stück entfallende Anteil an den Lohnkosten, ist es entscheidend, ob der Unternehmer diese Kosten auf die Preise überwälzen kann. Gelingt es ihm, so können kostensenkende Entlassungen vermieden werden. Kann er es wegen internationaler Preiskonkurrenz nicht, ist zusätzliche Arbeitslosigkeit unvermeidlich. Es kommt dann zu Rationalisierungsmaßnahmen und die Arbeitskräftenachfrage sinkt. Betrachtet man nun den Zeitraum von 1961 bis 1993 läßt sich ein „ ausgeprägter negativer und zeitlich versetzter Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Lohnstückkosten und der Beschäftigungszahlen“ erkennen.10

Im Schaubild 3 ist dieser Zusammenhang gut zu erkennen. Infolge steigender Lohnstückkosten sank die Arbeitskräftenachfrage, da aber das Arbeitskräfteangebot nicht im gleichen Umfang sank sondern zunahm, stieg auch die Arbeitslosigkeit an.

Wenn nun aber die Lohnstückkosten nur moderat oder gar nicht steigen, so konnte in der Vergangenheit stets ein Anstieg der Beschäftigung und ein Rückgang der Arbeitslosigkeit beobachtet werden.11 Auch diese Entwicklung kommt im Schaubild 4 zum Ausdruck. Die Reaktion des Arbeits- losenanteils auf die Entwicklung der Lohnstückkosten findet immer zeitversetzt statt. Aber es sind nicht allein die Lohnstückkosten, die für die Arbeitslosigkeit verantwortlich sind.

Die Lohnstückkosten sind abhängig von den Arbeits- und Personalkosten. Diese wiederum setzen sich zusammen, aus den Direktentgelten und den tariflichen, betrieblichen und gesetzlichen Personal- zusatzkosten.12 Die tariflichen und betrieblichen Personalzusatzkosten werden dabei von den Tarifpartnern bestimmt, während die gesetzlichen Kosten von den Sozialversicherungsbeiträgen abhängen und somit vom Staat bestimmt werden.

In Deutschland entfielen zwischen 41 und 45% der Personalkosten auf die Personalzusatzkosten. Auf die tariflichen und betrieblichen Personalzusatzkosten entfielen zwischen 20 und 24% der Personalkosten. Also die Hälfte der Personalzusatzkosten entfallen auf tarifvertraglich vereinbarte oder betriebsspezifisch gewährte Zusatzleistungen. Daran läßt sich der Einfluß der Tarifpartner erkennen.

Schaubild 3: Veränderung von Lohnstückkosten und Arbeitslosenanteil in Westdeutschland von 1969-1993

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bei der Zunahme der Arbeitslosigkeit in Deutschland kommt den Tarifpartnern eine mehr oder weniger entscheidende Rolle zu. Im Zuge von Tarifverhandlungen werden die Direktentgelte und die tariflichen Zusatzleistungen von den Tarifpartnern bestimmt. Wie schon erwähnt, machen diese ca. ¾ der Arbeitskosten aus. Aber über die Höhe des ausgehandelten Gesamteinkommens bestimmen die Tarifpartner auch indirekt das Niveau der gesetzlichen Personalzusatzkosten und Sozialver- sicherungsbeiträge, die von Arbeitnehmern und Arbeitgebern abzuführen sind. Dabei orientiert sich der tarifpolitische Verteilungsspielraum an den jeweils vorher erzielten, durchschnittlichen Produktivitätsverbesserungen der Unternehmen.13 Aber diese Produktivitätsverbesserungen entstehen nicht nur durch technischen oder organisatorischen Fortschritt, sondern auch durch Personalabbau. Wenn nun aufgrund einer Produktivitätsverbesserung, die durch Personalabbau realisiert wurde, höhere Entgelte tarifpolitisch vereinbart werden, steht dem aber keine entsprechend zunehmende Wertschöpfung gegenüber. Das führt dazu, das die Lohnstückkosten wieder steigen, was wiederum Zeitversetzt zu einem Rückgang der Arbeitskräftenachfrage führt.14 Die Unternehmen nehmen weitere Entlassungen vor, was später wiederum zu einem statistischen Anstieg der Arbeitsproduktivität führt. So sind in Deutschland jeweils zu Beginn konjunktureller Abschwünge hohe Tarifabschlüsse und steigende oder kaum sinkende Lohnstückkosten zu beobachten. Dabei hätte in dieser Phase eine tarifpolitische Zurückhaltung das Ausmaß der Arbeitslosigkeit begrenzen können.

Zu Beginn einer Rezession herrscht niedrige Kapazitätsauslastung und steigende Lohnstückkosten führen zu einer zusätzlichen Belastung der Kostensituation der Unternehmer. Diese Zunahme der Arbeitskosten bei gleichbleibender oder nur wenig steigender Arbeitsproduktivität führt zu Entlassungen und erzeugt Anreize für den Einsatz von technischen und organisatorischen Fortschritt. Ein weiteres Problem liegt darin, das die ausgehandelten Löhne über Flächentarifverträge für alle tarifgebundenen Unternehmen gleichermaßen gelten. So kann eine Differenzierung zwischen Regionen, Branchen, einzelnen Betrieben und Qualifikationen entsprechend den jeweiligen Knappheitsverhältnissen und Leistungsfähigkeiten nicht im vollen Umfang erfolgen. Dies kann nur geschehe, wenn die Tariflöhne, die den Charakter eines Mindestlohnes haben, niedrig genug festgelegt sind und den Unternehmern Spielräume lassen. Eine Differenzierung der Löhne wird verhindert, wenn in Tarifrunden die Abschlüsse für eine Branche unverändert auf die übrigen Regionen übertragen wird.15

Man kann sagen, eine fehlerhafte Einschätzung des Verteilungsspielraumes durch die Tarifpartner führt über steigende Lohnstückkosten und über eingeschränkte Investitionstätigkeit zu Arbeitslosigkeit.

Literaturverzeichnis:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Weiterhin möchte ich erklären, daß mir zur Erstellung dieser Ausarbeitung nur der Bericht der Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sachsen zur Verfügung gestanden hat. Mit Ausnahme der Quelle „ Gablers Wirtschaftslexikon, 12 . Auflage“ sind alle Literaturangaben zweitangaben.

[...]


1 Vgl. OECD (1996g) S. A68, Vgl. Anmerkung 189 zur Def. der totalen Faktorproduktivität

2 Gugenberger (1996) bezeichnet uns als „..eine Gesellschaft, in der das Wissen zur ersten Produktivkraft avanciert“.

3 Vgl. dazu Stehr, N. (1994) S. 26

4 Vgl. Machlup, F. (1984), S. 430-431

5 Guggenberger , B (1996) S. 28,

6 Vgl. Europäische Kommission (1996), S. 14

7 Vgl. Europäische Kommission ( 1996) , S. 50

8 Vgl. Gablers Wirtschaftslexikon 12. Auflage, Band 4, S. 1016

9 Vgl. Hof, B. (1995) , S. 73.

10 Fink, O. /Zohlnhöfer, W. (1996) in ihrem Bericht an die Kommission für Zukunftsfragen.

11 Vgl. Fink, O. / Zohlnhöfer, W. (1996) S. 15 ff

12 Vgl. Hemmer, E. (1996), S. 53

13 Vgl. Fink, O./Zohlnhöfer, W. (1996), S. 13 ff.

14 Siehe dazu Abschnitt 3.2.

15 Vgl. Fink, O/ Zohlnhöfer, W. (1996) S. 4 ff

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Details

Titel
Wirkung von Wirtschaftswachstum, Arbeitskosten und Strukturwandel auf die Arbeitskräftenachfrage
Hochschule
Westsächsische Hochschule Zwickau, Standort Zwickau
Veranstaltung
Seminar Arbeitsmarkt
Note
1,3
Autor
Jahr
1999
Seiten
14
Katalognummer
V95317
Dateigröße
379 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wirkung, Wirtschaftswachstum, Arbeitskosten, Strukturwandel, Arbeitskräftenachfrage, Seminar, Arbeitsmarkt
Arbeit zitieren
Torsten Wagner (Autor), 1999, Wirkung von Wirtschaftswachstum, Arbeitskosten und Strukturwandel auf die Arbeitskräftenachfrage, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/95317

Kommentare

  • Gast am 16.4.2002

    wirkung von Wirtschaftswachstum....

    leider bietet diese Arbeit keine Übereinstimmung von Grafiken und KOmmentaren; auch zuwenig Begründung für die angeführten Thesen. Z.b. wird eine Grafik gezeigt, in der Veränderungen der Lohnstückkosten und Arbeitslosenquote einander gegenübergestellt werden. Bei steigenden
    Lohnstückkosten steigt auch die Arbeitslosenquote und umgekehrt. In der Begründung wird dann angeführt, daß die Lohnstückkosten u.a. durch Personalabbau sinken würden. Was normalerweise zum Anstieg der AL Quote führen würde. Dann aber würden diese Kurven nicht gleichgerichtet verlaufen.
    Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Mangelnde Kaufkraft bzw. NAchfrage verringert die Auslastung des Produktivkapitals und die Lohnstückkosten steigen. Gleichzeitig steigt auch die Arbeitslosigkeit, weil Firmen Personal entlassen.

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