Die Bedeutung von wirtschaftspolitischen Utopien, Gedankenexperimenten und Modelle


Seminararbeit, 1998

14 Seiten, Note: 1,7


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Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Definition
1. Utopie
2. Gedankenexperiment
3. Modell

Abgrenzung der Begriffe Utopie, Gedankenexperiment und Modell aus wirtschaftspolitischer Sicht
Die Anwendung von Utopie, Gedankenexperiment und Modell in der Wirtschaftspolitik
1. Wirtschaftspolitische Konzeption als angewandte Utopie
a) Der wissenschaftliche Sozialismus
b) Der Ordoliberalismus
2. Gedankenexperimente zur Analyse von Wirkungszusammen- hängen
3. Modelle zur Analyse komplexer wirtschaftspolitischer Probleme

IV. Wesentliche Kritikpunkte an den wirtschaftspolitischen Methoden Utopie, Gedankenexperiment und Modell

Literaturverzeichnis

Einleitung

Diese im Rahmen des Seminars ,,Angewandte Wirtschaftspolitik" erstellte Arbeit soll dem Leser die Bedeutung der wirtschaftspolitischen Utopie, Gedankenexperiment und Modell verdeutlichen.

Zunächst sollen die drei oben genannten Begriffe definiert und ein erster Überblick über verschiedene Arten und Modifikationen dieser wissenschaftlichen Arbeitsmethoden gegeben werden.

Im zweiten Kapitel erfolgt eine begriffliche Abgrenzung, die jedoch auch eine enge Beziehung zwischen wirtschaftspolitischen Utopien und Konzeptionen aufzeigen wird. In diesem Abschnitt soll dem Leser auch vermittelt werden, dass vor dem wirtschaftspolitischen Hintergrund Gedankenexperimente und Modelle viele Gemeinsamkeiten aufweisen. Im Hauptabschnitt dieses Referats (Kapitel III) liegt die Konzentration auf der Anwendung von Utopie, Gedankenexperiment und Modell in der wirtschaftspolitischen Praxis, wobei die Bedeutung von Utopien anhand von wissenschaftlichen Konzeptionen erläutert wird. Im weiteren Verlauf dieses Abschnittes sollen Gedankenexperimente und Modelle hinsichtlich ihrer praktischen Relevanz dargestellt werden, der Schwerpunkt liegt hierbei auf der Untersuchung der wissenschaftlichen Aussagekraft dieser beiden Methoden. Im abschließenden IV. Kapitel werden die Hauptkritikpunkte an Utopien, Gedankenexperimenten und Modellen herausgearbeitet.

2 I. Definition

1 I.1. Utopie

Der Begriff ,,Utopie" stammt ursprünglich von dem griechischen Wort ,,ou topos", was soviel bedeutet wie ,,kein Ort" bzw. der ,,Nichtort".

Inhaltlich spiegelt eine Utopie die Schilderung eines erdachten, erhofften oder befürchteten, nirgends realisierten Gesellschaftszustands wider.1

Im alltäglichen Sprachgebrauch findet der Begriff ,,Utopie" seine Anwendung im Sinne eines nicht durchführbaren Zukunftsbildes statt. Im Laufe der Zeit haben sich verschiedene Richtungen von Utopien herauskristallisiert: zum einen existiert die Utopie als eine Denkform, zum anderen nimmt die Utopie in der Literatur eine bedeutende Rolle ein. Auch im Bereich der Soziologie ist die Entwicklung des gesellschaftswissenschaftlichen Denkens mit utopischen Formen und Inhalten eng verknüpft.2 In der Literatur sind utopische Werke oft in Form von Reiseberichten geschrieben, richten sich meist satirisch gegen die bestehende Staatsform und entwerfen einen Idealstaat. Beispiele hierfür sind die utopischen Werke von Thomas Morus ,,De optimo rei publicae statu sive de nova insúla Utopia" (1516) oder Tomasso Campanellos` ,,La città del sole" (1608). Utopien verkörpern Beschreibungen von Idealzuständen menschlichen Beisammenseins. Sie fordern eine völlige soziale Harmonie, was eine völlige Gleichheit, einen Zustand völligen Friedens sowie vollständige Befriedigung menschlicher Bedürfnisse impliziert. Utopien muss ein programmatischer Charakter zugebilligt werden, sie beinhalten als erstrebenswert angesehene Ziel-Kombinationen bzw. Zustände und weisen somit einen stationären Charakter auf. Sie bringen Gesellschaftskritik zum Ausdruck, indem sie in unüber-sehbarem Widerspruch zu bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen stehen. Die Utopie beansprucht eine zeitlose und objektive Gültigkeit, sie ist gekennzeichnet durch eine völlige Kompromisslosigkeit und lehnt somit jegliche Toleranz gegenüber Andersdenkenden ab. Utopien sind einer wissenschaftlichen Überprüfung entzogen. Die klassische, bis ca. 1900 vorherrschende, idealisierenden Utopie ist seit den beiden Weltkriegen einer modernen Form der Utopie gewichen, die Ausdruck der Skepsis, des Pessimismus, des Zynismus oder der Verzweiflung ist. Diese ,,negative" Utopie (oder Gegen-Utopie) gipfelt in der Darstellung eines gespenstischen Inferno, in dem die Perfektion der Technik, der Wissenschaft und der Machtausübung endet.3

I.2. Gedankenexperiment

Unter einem Gedankenexperiment versteht man eine Methode zur Analyse von Wirkungszusammenhängen zwischen mehreren (für die Erklärung eines Phänomens als relevant beurteilten) Faktoren, Elementen oder Variablen. Im Gedankenexperiment werden solche Zusammenhänge gedanklich vorgestellt, indem die betreffenden Faktoren zunächst rein theoretisch isoliert, geordnet und in ihrem Verhältnis zueinander variiert werden. Das Gedankenexperiment dient der Überprüfung der logischen Konsistenz und der Konsequenzen von Gedankensystemen. Es findet immer dann Anwendung, wenn ein reales Experiment nicht oder noch nicht möglich ist.4

Weiterhin wird ein Gedankenexperiment als methodisch angelegter Versuch in Wissenschaft und Technik zur Klärung von Vorgängen und Umständen sowie zur Bestätigung von Theorien gesehen.5

I.3 Modell

Ein Modell ist eine vereinfachende bzw. abstrahierte Darstellung zur Analyse und Beurteilung komplexer Vorgänge. Es wird zum Zwecke speziell solcher Problemlösungen herangezogen, deren Durchführung am Original nicht möglich oder zu aufwendig wäre. Modelle haben in den Wirtschaftswissenschaften einen hohen Stellenwert. Im groben lassen sich drei Typen von Modellen unterscheiden: Beschreibungsmodelle, Erklärungs-Modelle und Entscheidungsmodelle. Mit Hilfe der ersten Kategorie von Modellen lassen sich reale Objekte deskriptiv erfassen. Erklärungsmodelle sind als Anwendung von Theorien auf mehr oder weniger typische Tatbestände zu interpretieren. Entscheidungsmodelle werden zur Lösung von wohlstrukturierten Entscheidungsproblemen herangezogen und sollen zu einer maximalen Zielerreichung verhelfen. Gleichgültig, ob Modelle verbal, graphisch oder mathematisch-analytisch dargestellt werden, ist zunächst festzulegen, welche Größen überhaupt in das Modell einbezogen werden.

II. Abgrenzung der Begriffe Utopie, Gedankenexperiment und Modell aus wirtschaftspolitischer Sicht

Die Differenzierung der oben genannten Begriffe kann aus wirtschaftlicher Sicht anhand der Anwendbarkeit der Methoden für die Praxis geschehen. Utopien sind für die wirtschaftspolitische Praxis schwer zu handhaben. Grund dafür ist der ideale Zustand, der durch sie beschrieben wird. Diese in der Realität selten existierende Form, verbunden mit der durch Utopien verkörperten absoluten Kompromisslosigkeit, impliziert eine schwere Übertragbarkeit auf die Praxis. Im zweiten Kapitel werde ich deshalb zeigen, wie sich ursprünglich entwickelte Utopien als Weiterentwicklung in Form Konzeptionen in der Wirtschaftspolitik durchsetzen lassen. Entscheidender Faktor hierbei ist, dass die strengen Forderungen von Utopien, die eine unbeschränkte Gültigkeit verlangen, abgeschwächt wird. Wichtig für die Relevanz einer Konzeption für die Praxis, ist die Tatsache, dass Konzeptionen die Existenz unterschiedlicher Interessen und den damit verbundenen Interessenkonflikten, akzeptieren.

Der für die Wirtschaftspolitik entscheidende Punkt in der vorangehenden Definition von Gedankenexperimenten ist deren Eignung zur Analyse von Wirkungszusammenhängen. Aber gerade diese Eigenschaft gestaltet die Abgrenzung der Begriffe Gedankenexperiment undModell vor dem Hintergrund der Wirtschaftspolitik recht schwierig. Grund dafür ist eine engeBeziehung, die zwischen den beiden wissenschaftlichen Methoden besteht. Die gemeinsame Basis finden Modell und Gedankenexperiment in der Reduktion von Komplexität durch Abstraktion von vielen Aspekten der Realität. Dennoch existiert in der Anwendung von Gedankenexperiment und Modell ein wichtiger Unterschied.

Zum einen bieten Gedankenexperimente keine Lösungen oder Lösungsansätze für komplexe Probleme, sie dienen vielmehr als ,,wissenschaftliches Spielzeug" für den Anwender, um unüberschaubare Ursache-Wirkungs-Ketten genauer unter die Lupe nehmen zu können. Im Gegensatz zur Arbeit mit Modellen, erlaubt es ein Gedankenexperiment, weniger theoretisch und fundiert arbeiten zu müssen. Modelle helfen, die Wirkungen gedachter Veränderungen einzelner Faktoren zu studieren; es handelt sich gewissermaßen um nicht-empirische Gedankenexperimente.

Ein wesentlicher Unterschied zwischen Utopie und Gedankenexperiment liegt in meinen Augen im stationären Charakter der Utopien begründet. Im Gegensatz zur Beschreibung eines Zustandes, steht beim Umgang mit Gedankenexperimenten der dynamische Prozess der Veränderungen, die sich aufgrund variierender Annahmen ergeben, im Vordergrund.

III. Utopie, Gedankenexperiment und Modell in der Wirtschaftspolitik

III.1. Wirtschaftspolitische Konzeption als ,,angewandte Utopie"

Zur Veranschaulichung der Rolle von Utopien für die Wirtschaftspolitik werden nun zwei wirtschaftspolitische Konzeptionen herangezogen, die sich aus der Form der klassischen Utopie ergaben. Konzeptionen können als Richtschnur bzw. Leitbild für wirtschaftspolitische Aktivitäten gesehen werden, entscheidender Unterschied zur Utopie ist die höhere praktische Anwendbarkeit aus den in Kapitel II erläuterten Gründen.

Zum einen soll hier die Konzeption des wissenschaftlichen Sozialismus dienen, in der die Entwicklung vom Kapitalismus zum Kommunismus als Notwendigkeit angesehen wurde. Des weiteren werde ich das Konzept des Ordoliberalismus, das eng mit dem Namen Walter Eucken verknüpft ist, aufgreifen.

1. Der wissenschaftliche Sozialismus

Die Konzeption des Sozialismus entstand aus der Tatsache, dass das freiheitliche Denken des Liberalismus zwar einen beispiellosen Wirtschaftsaufschwung brachte, jedoch für breite Bevölkerungsschichten gravierende soziale Missstände zur Folge hatte. Auf diese ,,soziale" Frage wusste das damals liberale ökonomische Denken keine Antwort, weil es sich politische Enthaltsamkeit auferlegt hatte. Als Konsequenz aus dieser politischen Machtlosigkeit entstand als Gegenposition zum bestehenden Konzept der Sozialismus. Das wohl theoretisch fundierteste Konzept der voneinander abweichenden Formen der sozialistische Bewegungen, der wissenschaftliche Sozialismus, wurde von den beiden Wirtschaftstheoretikern Karl Marx (1818-1883) und Friedrich Engels (1820-1895) entwickelt. Es sollte zeigen, dass die Entwicklung vom Kapitalismus zum Kommunismus eine Notwendigkeit darstellt, wofür Marx eine intensive Analyse des Kapitalismus zur Verdeutlichung der Widersprüche innerhalb des Systems anstellte.

Ansatzpunkt von Marx waren die vorherrschenden Produktionsverhältnisse, auf deren Grundlage er eine Unterteilung der damaligen Gesellschaft in Kapitalisten (Eigentümer an Produktionsmitteln) und Arbeiter (Nichteigentümer) vornahm. Der Arbeiter setzte das einzige ihm zur Verfügung stehende Produktionsmittel, seine körperliche Arbeit, zur Produktion für den Kapitalisten ein. Der Wert der Arbeit war bestimmt durch den Reproduktionswert des Arbeiters, also denjenigen Geldbetrag, den der Arbeiter für Nahrung, Wohnung, Kleidung und seine Familie benötigte.

Fakt war jedoch, dass der Kapitalist den Faktor Arbeit nur einsetzen würde, wenn dieser einen Mehrwert schaffe, der eigentlich dem Arbeiter zustehen würde, jedoch vom Kapitalisten abgeschöpft würde. Dieser Sachverhalt war Grundlage der von Marx proklamierten Ausbeutungshypothese.

Da nach Marx das Privateigentum an Produktionsmitteln die zentrale Ursache der Fehlentwicklung des Kapitalismus ist, tritt er für eine Änderung der Produktionsverhältnisse ein; das Privateigentum an Produktionsmitteln muss abgeschafft werden. Konstruktive Elemente, also alternative Lösungs-Vorschläge bezüglich den privatwirtschaftlichen Eigentumsverhältnissen (z. B. Vergesellschaftung oder Verstaatlichung) oder auch die geplante Rolle des Staates in seinem Konzept, fehlten jedoch völlig.

2. Der Ordoliberalismus

Die Grundkonzeption des Ordoliberalismus wurde Anfang der dreißiger Jahre in Freiburg entwickelt und hatte nach dem Zweiten Weltkrieg großen Einfluss auf die Entwicklung einer Wirtschaftsordnung für die entstandene Bundesrepublik.

Ausgangspunkt für dieÜberlegungen von Walter Eucken (1891-1950) war, dass die passiveRolle des Staates im laissez-faire-Liberalismus nicht zu optimalen Ergebnissen führte, denn sie hatte vielfältige Wettbewerbsbeschränkungen zur Folge. Durch Ausnutzung der gewährten Freiheiten durch verschiedene Wirtschaftssubjekte hatten sich Ende des 19. Jahrhunderts zahlreiche private Monopole und Kartelle gebildet.

Eucken entwickelte folgende Grundsätze seiner wirtschaftspolitischen Konzeption

- Der Staat und die Wirtschaftspolitik sollten für die Wirtschaftssubjekte berechenbar sein.
- Die Wirtschaftspolitik soll der Freiheit und Würde der Menschen gerecht werden.
- Die individuellen Freiheitsrechte dürfen sich nicht derart ungehindert entfalten können, dass die Rechte Dritter sowie der staatlichen Autorität untergraben werden.

Im Gegensatz zum laissez-faire-Liberalismus ging Eucken nicht davon aus, dass sich freier Wettbewerb von alleine einstellt, nach Auffassung des Ordoliberalismus war er auf Dauer nicht überlebensfähig. Die negativen wirtschaftlichen Folgen des Liberalismus mit seinem Nachtwächterstaat, veranlassten Eucken, den Staat zu einer positiven aktiven Wettbewerbs- Politik aufzufordern. Er sollte die notwendigen Voraussetzungen für einen freien Wettbewerb schaffen. Wettbewerbsleitbild des Ordoliberalismus ist dabei das Modell der vollkommenen Konkurrenz, die Wirtschaftspolitik des Staates sollte vor allem darauf gerichtet sein, die Voraussetzungen für diese Wirtschaftsstruktur herzustellen. Diese Ordnungspolitik stellte den ent-scheidenden Teil der Wirtschaftspolitik im Ordoliberalismus dar, was bei Eucken in folgenden Prinzipien zum Ausdruck kommt.

Das Grundprinzip entsprach also einer aktiven Wettbewerbsordnungspolitik mit Orientierung am Modell des ,,vollständigen Wettbewerbs".

Es sollte eine Währungsordnung geschaffen werden, die eine Stabilität des Preisniveaus garantiert. Weiterhin sollte ein offener Zugang zu allen Märkten gewährleistet sein. Das Prinzip weitgehender Vertragsfreiheit sowie die Garantie des Privateigentums sollten die Voraussetzungen für einen freien Wettbewerb schaffen. Ein weiterer wichtiger Punkt in Euckens Konzeption war die Konstanz der Wirtschaftspolitik.

Eucken war sich jedoch bewusst, dass nicht auf allen Märkten vollständiger Wettbewerb herrschen kann und dass auf einigen Märkten der Wettbewerb nicht immer zu wünschenswerten Ergebnissen führt. Daher sollte der Staat in zweiter Reihe auch Prozesspolitik betreiben, was bedeutet, er sollte seine Aktivitäten auch derart ausrichten, in den Ablauf des Wirtschaftsprozesses regulierend einzugreifen. Dies sollte beispielsweise durch eine Monopolaufsicht oder die Korrektur der Einkommensverteilung durch eine progressive Einkommensbesteuerung geschehen. Weiterhin sah Eucken eine staatliche Intervention bei anomalen Angebotsverhalten vor, was zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt der Fall war und in Form von Mindestlöhnen korrigiert werden könnte. Zusammenfassend betrachtet enthielt die Konzeption des Ordoliberalismus von Walter Eucken sowohl konstituierende als auch regulierende Prinzipien für die wirtschaftspolitische Rolle des Staates. Sie ist zwar in sich schlüssig und konsistent, trotzdem stellt sie keine umfassende wirtschaftspolitische Konzeption dar.

III.2. Gedankenexperimente zur Analyse von Wirkungszusammenhängen

Die wirtschaftspolitische Bedeutung von Gedankenexperimenten liegt begründet in deren Eigenschaft als Hilfsmittel zur Analyse von Wirkungszusammhängen. Gedankenexperimente helfen, um Phänomene zu verstehen, was die enorme Bedeutung für die wirtschaftspolitische Analyse bestärkt.

Entscheidender Vorteil ihrer Benutzung ist, dass sie unter Zuhilfenahme diverser Vernachlässigungen von Externalitäten eine lockerere Behandlung der Zusammenhänge ermöglichen. Diese Tatsache erlaubt, nicht ganz so fundiert arbeiten zu müssen wie in der Theorie. Die oftmals komplexen und unüberschaubaren Ursache-Wirkung-Beziehungen, werden durch Gedankenexperimente für den Betrachter plötzlich handhabbar.

Gedankenexperimente können einen zentralen Punkt in der Kausalkette Problem - Experiment - Modell - Lösung bieten. Sie stellen somit einen wichtigen Zwischenschritt bei der Aufklärung komplexer Fragen dar. Der Ausgang von Gedankenexperimenten ist in den meisten Fällen ungewiss, was einen großen Spielraum für die Deutung der aus Experimenten resultierenden Konsequenzen bietet. Anwendung finden Gedankenexperimente immer dann, wenn reale Experimente nicht oder noch nicht möglich sind, dies kann sowohl aus sachlichen, zeitlichen oder auch finanziellen Gründen der Fall sein. Gedankenexperimente weisen keine zielkonforme Instrumentenauswahl auf.

Bei der Klärung der Methodenfrage in der Wirtschaftspolitik zeigt sich, dass sehr wertvolle Anregungen von den Naturwissenschaftlern entliehen werden können, die ein sehr genaues Verhältnis zur Wirklichkeit erreichen und damit sehr genau gearbeitet haben. Es ist jedoch in den Wirtschaftswissenschaften kaum möglich, zu experimentieren. Würde man ein Experiment, z.B. über das Verhalten der Nachfrager auf einem bestimmten Markt, veranstalten, so würden sich die Beteiligten großenteils anders verhalten als in der wirtschaftlichen Realität. Es lag daher nahe, Modelle und die Arbeit an ihnen für fehlende Experimente zu benutzen.

III.3. Modelle zur Analyse komplexer wirtschaftspolitischer Probleme

Die wirtschaftspolitische bzw. wirtschaftliche Bedeutung von Modellen liegt begründet in deren Eigenschaft, komplexe Sachverhalte durch Vereinfachung und Abstraktion analysierbar zu machen. Sie dienen in der Wirtschaftspolitik somit als Ersatz für diverse verbale Erklärungen von Zusammenhängen, deren Feststellung und Interpretation ohne Zuhilfenahme abstrakter Darstellungsformen nicht möglich wäre. Die zentrale Funktion von Modellen (egal welcher Form) liegt in der Tatsache, dass man sich bei deren Anwendung auf wenige relevante Faktoren und deren Einwirken auf die Situation beschränkt.

Auf dem Gebiet der Wirtschaftspolitik kommen vorwiegend Beschreibungs-Modelle, die zur Schilderung der wirtschaftspolitischen Situation dienen, sowie Erklärungsmodelle zur Anwendung, mit deren Hilfe Ursachen und Folgen diverser Zustände verdeutlicht werden sollen. Entscheidungsmodelle kommen hier weniger zum Tragen, da nur in seltenen Fällen wohlstrukturierte Entscheidungssituationen vorliegen.

In vielen wirtschaftspolitischen Situationen müssen die vereinfachenden Darstellungen zu Rate gezogen werden, da eine Vielzahl von Faktoren das Gesamtgeschehen beeinflussen und wesentliche Interdependenzen leicht übersehen werden könnten.

Als konkretes Beispiel der Anwendung von Modellen lässt sich in der Wirtschaftspolitik das für den deutschen Elektrizitätsmarkt entwickelte Pool-Modell anführen. Ziel der Modellbetrachtungen ist die Schaffung eines Großhandelsmarktes für den Strom, wobei die Stromerzeugung vom Strom-Verkauf getrennt wird. Eine nähere Ausführung der Modellbeschreibung würde jedoch den Rahmen dieser Seminararbeit übersteigen.

Da es in der Realität oftmals eine große Anzahl von Variablen und Beziehungen gibt, muss bei der Entwicklung eines Modells eine individuell fest-gelegte Verminderung der für das Modell relevanten Zahl von exogenen und endogenen Größen vorgenommen werden. Diese Beschränkung kann nach verschiedenen Gesichtspunkten erfolgen:

1. Beschränkung auf Variablen, die für den Wirtschaftsprozess charakteristisch bzw. wichtig sind und als wirtschaftspolitisch relevant angesehen werden.
2. Beschränkung auf Variablen eines Teilgebietes des wirtschaftlichen Gesamtzusammenhanges (Partial-Modell).
3. Beschränkung auf die statische Betrachtung und damit auf Variablen der laufenden Periode. Derartige Beschränkungen erscheinen zulässig, wenn die betreffenden Modelle für die Lösung kurzfristiger wirtschafts-politischer Probleme entworfen werden.

Die unter 2. beschriebenen Partial-Betrachtungen nehmen in der Wirtschaftspolitik eine entscheidende Rolle ein. Nur mit deren Hilfe lassen sich komplizierte Gesamtzusammenhänge durch Addition verschiedener Partial-Betrachtungen darstellen.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Modelle verschiedenen Zwecken dienen.

Bestimmte modellartige Vorstellungen benötigt man bereits zur Beschreibung und Klassifikation ökonomischer Phänomene. Eine zentrale Rolle spielen sie insbesondere bei der Erklärung wirtschaftlicher Zusammenhänge und Zustände. Hier müssen sie als Denkmodelle das in der Naturwissenschaft übliche Experiment ersetzen, da letzteres aus verschiedenen Gründen in den Sozialwissenschaften nur bedingt möglich ist.

IV. Wesentliche Kritikpunkte an den wirtschaftspolitischen Methoden Utopie, Gedankenexperiment und Modell

Die Kritik an der wirtschaftspolitischen Utopie liegt auf der Hand. Ihr stationärer Charakter, der eine Vernachlässigung jeglicher dynamischer Elemente der Wirtschaftspolitik bedingt, sowie die Zielbeschreibung eines idealen Zustandes, bewirken eine geringe praktische Relevanz von Utopien. Ein weiterer wichtiger Kritikpunkt ist die Notwendig, dass wissenschaftliche Methoden einer ständigen Überprüfung unterliegen und unter Umständen hinsichtlich zwischenzeitlich geänderter Wertvorstellungen korrigiert werden müssen. Trotz dieser tiefgreifenden Einwände stellt die wirtschafts-politische Utopie ein wichtiges Hilfsmittel für die Wissenschaft dar.

Die Kritikpunkte an Gedankenexperimenten und Modellen lassen sich in einem relevanten Punkt zusammenfassen, an dem die Wissenschaft den Vorteilen dieser Methoden Tribut zollen muss, denn die durch Vereinfachung hergestellte Überschaubarkeit und Handhabung eines Modells bzw. Gedankenexperimentes bietet gleichzeitig den größten Ansatzpunkt von Kritik und Einwänden. Nahezu jedes Modell lässt sich an diesem Punkt kritisieren, da bei Modellbetrachtungen oftmals eine Vielzahl von ent-scheidenden Variablen (sowohl endogen als auch exogen) vernachlässigt werden müssen, um damit arbeiten zu können. Der Aussagegehalt eines Gedankenexperiments über seine logische Richtigkeit und seinen möglichen empirischen Gehalt dürfen nicht mit dem empirisch abgesicherten Wahrheitsgehalt einer Aussage gleichgesetzt werden.

Die operationale Bedeutung der ökonomischen Modelle für die Klärung wirtschaftlicher Probleme wird um so geringer, je kleiner die Zahl der Modellvariablen ist. Begründung hierfür ist die Tatsache, dass es die Wirtschaftspolitik mit gesamtwirtschaftlichen Problemen zu tun hat, die es erforderlich machen, dass die Lösungsmodelle neben den relevanten Zielvariablen auch jene endogenen und exogenen Größen enthalten, die für die Beziehungen zwischen den Zielvariablen indirekt von Bedeutung sind.

Die Anpassung eines Modells an die jeweilige wirtschaftspolitische Problemstellung ist aus mehreren Gründen sehr schwierig. Oftmals ist es praktisch kaum möglich, eine für die Modellbildung ausreichend genaue Information über die Nebenbedingungen zu beschaffen. In vielen Fällen müssen die nicht vollständigen und quantitativ ungenauen Angaben der Wirtschaftspolitik ergänzt und verbessert werden.

Aufgrund von Wirtschaftlichkeitsblindheit und Unfruchtbarkeit, die Modellen und Gedankenexperimenten des öfteren vorgeworfen wurde, gingen einige Wirtschaftswissenschaftler dazu über, den Zusammenhang mit der Wirklichkeit ganz abzustreifen. Einige Modellkonstrukteure versuchten gar nicht mehr, Abbilder der Wirklichkeit zu entwickeln, sondern bildeten aus ihrer Phantasie Modell, aus denen sich bestimmte wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen ziehen lassen, was natürlich unter solchen Voraussetzungen unzulässig ist. Auch wird die Modellmethode öfters benutzt, um unbeweisbare und sogar falsche Thesen unter dem Mantel wissenschaftlicher Wahrheit ins breite Publikum zu bringen. Die Schwierigkeit der Modelle ist überhaupt, dass in der Realität Dutzende, meist wohl Hunderte von Faktoren da sind, deren Vorhandensein, Fehlen oder Änderung von Bedeutung für das erzielte Ergebnis ist.

Will man also erfolgreich mit Modellen arbeiten, so muss man, von Ausnahmefällen abgesehen, sehr genaue Beschreibungen liefern. Die Modellarbeit läuft also auf den Besitz einer Theorie und die Auslegung der Fakten anhand dieser Theorien hinaus. Beides ist aber nichts anderes als normale empirische Wirtschaftsforschung.

Literaturverzeichnis

1. Bertelsmann, ,, Das moderne Lexikon" (1984), Gütersloh

2. Ernst Bloch, ,, Freiheit und Ordnung" (1946), Aurora-Verlag, New York
3. ,, Brockhaus Enzyklopädie" (1970), 19. Band, F. A. Brockhaus Wiesbaden
4. Gabler Wirtschaftslexikon, 14. Auflage (1997), Gabler-Verlag, Wiesbaden
5. Herbert Giersch, ,, Allgemeine Wirtschaftspolitik", 1. Bd (1961) Gabler-Verlag, Wiesbaden
6. ,, Meyers Enzyklopädisches Lexikon", 9. Auflage, Bibliographisches Institut Mannheim
7. Manfred Streit, ,, Theorie der Wirtschaftspolitik" (1991), 4. Auflage Werner-Verlag, Düsseldorf
8. ,, The New Palgrave", a dictionary of Economics (1987) Macmillan Press Limited, U.K.
9. ,, Vahlens Großes Wirtschaftslexikon", 2. Auflage, Beck-dtv-Verlag

[...]


1 Brockhaus Enzyklopädie, 1974 / 19. Band

2 Brockhaus Enzyklopädie, 1974 / 19. Band

3 Brockhaus Enzyklopädie, 1974 / 19. Band

4 Meyers Enzyklopädisches Lexikon, 3. Auflage

5 Bertelsmann, Das moderne Lexikon 1984

14 von 14 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung von wirtschaftspolitischen Utopien, Gedankenexperimenten und Modelle
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Veranstaltung
Allgemeines Seminar "Angewandte Wirtschaftspolitik"
Note
1,7
Autor
Jahr
1998
Seiten
14
Katalognummer
V95443
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Utopien, Modelle, soziale Marktwirtschaft, Eigenschaften von Utopien
Schlagworte
Bedeutung, Utopien, Gedankenexperimenten, Modelle, Allgemeines, Seminar, Angewandte, Wirtschaftspolitik, Prof, Ritter, Professur, Hochschuldidaktik, Wirtschaftswissenschaften, Johann, Wolfgang, Goethe-Universität, Frankfurt, Main
Arbeit zitieren
Stefan Seibel (Autor), 1998, Die Bedeutung von wirtschaftspolitischen Utopien, Gedankenexperimenten und Modelle, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/95443

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