Autobiographische Schreiben in psychischen Krisensituationen, Magersucht


Seminararbeit, 1997

24 Seiten


Gratis online lesen

Inhaltsverzeichnis

1.1 Einleitung
1.2 Inhalt des Buches "Das Haus der verrückten Kinder" von Valérie Valère
1.3 Psychische Analyse
1.4 Der Aspekt des autobiographischen Schreibens

2.1 Einleitung zu "Mein Weg aus der Magersucht"
2.2.1 Inhalt des Buches " Mein Weg aus der Magersucht" von Kathrin Seyfahrt
2.2.2 Tagebuch
2.3 Psychische Analyse
2.4 Der Aspekt des autobiographischen Schreibens

3 Vergleich der beiden Bücher

1.1 Einleitung

In der folgenden Arbeit werde ich zunächst den Inhalt des Buches "Haus der verrückten Kinder" von Valérie Valère wiedergeben, um einen Überblick zu liefern. Dieser Überblick ist als Basis für das Verständnis aller übrigen Ausführungen wichtig und vor allem notwendig, wenn es um den Vergleich der beiden Bücher geht.

Im zweiten Kapitel meiner Arbeit werde ich dann versuchen, die Ursachen für Valéries Erkrankung zu beleuchten und dabei ihre selbst gelieferten Erfahrungen einzubringen. Es kristallisiert sich im Laufe ihres Berichtes immer deutlicher heraus, welche Rolle ihr Elternhaus dabei spielt und daß sie unter extrem schwierigen Bedingungen groß geworden ist. Letztlich sind nämlich einzig und allein ihre Eltern schuld daran, daß sie depressiv und magersüchtig geworden ist.

Anschließend gehe ich auf den autobiographischen Aspekt ein. Hier zeigt sich dann, daß Valérie Valère schreibt, um zu vergessen, letztendlich aber nicht vergessen kann und den richtigen Weg zum glücklichen Leben nicht findet.

Im letzten Teil dieser Arbeit, den wir beide gemeinsam schreiben, werden wir unsere Bücher vergleichen. Es sollen Unterschiede und Gemeinsamkeiten aufgezeigt werden und abschließend resümiert werden.

1.2 Inhalt des Buches "Das Haus der verrückten Kinder" von Valérie Valère

Valérie Valère ist ein dreizehn Jahre altes Mädchen, das in Paris lebt und aufgrund ihrer Erkrankung an Anorexia mentalis (Pubertätsmagersucht) in eine dortige psychische Klinik eingeliefert wird. Diese Zeit ist für sie sehr belastend, da sie sich selbst dagegen wehrt, daß ihr geholfen wird.

Valérie bezeichnet die Klinik, in der sie therapiert werden soll, als gefängnisähnliches Heim und als "Haus der verrückten Kinder", da nach ihrem Ermessen dort -außer ihr selbst- niemand ‘normal’ ist.

Der Beginn ihrer Erkrankung zeichnet sich im Urlaub mit ihrer besten Freundin und deren Familie ab. Sie versteht sich nicht mehr so recht mit dieser Freundin, so daß der Vater Valérie zurück nach Paris zu ihren Großeltern bringt. Dort bleibt sie solange, bis ihre alleinerziehende Mutter aus dem Urlaub kommt. Da sie immer weniger ißt und sie das Essen ihrer Großmutter mehr und mehr verweigert und weil sie immer so traurig ist und weint, geht ihre Mutter mit ihr zu verschiedenen Ärzten und Psychiatern. Da diese erkennen, daß Valérie magersüchtig ist, weisen sie sie -ganz gegen Valéries Willen- in diese Klinik ein.

In ihrem Buch, das sie zwei Jahre später schreibt, berichtet sie von alldem, was sie während des viermonatigen Klinikaufenthaltes erlebt hat und liefert Erfahrungen, die auf den möglichen Grund ihrer Erkrankung schließen lassen.

Während ihres Aufenthaltes hat sie nur ein Motto: sie will sich nicht kriegen lassen. Dies ist eine Redewendung, die sie unzählige Male in ihrem Buch wiederholt und womit deutlich werden soll, daß sie niemand an sich heran läßt. Sie haßt alle, die ihr zu essen bringen und überhaupt alle Erwachsenen. Sie beschuldigt sie, heuchlerisch, egoistisch und gemein zu sein und hat jegliches Vertrauen zu ihren Mitmenschen verloren. Auf die Frage, weshalb sie das Essen verweigert, gibt sie keine Antwort, reagiert gereizt oder sagt, es ginge niemand etwas an. Sie geht auch davon aus, daß ohnehin niemand ihr Problem versteht. Wird Valérie konkret gefragt, ob ihr Elternhaus dabei eine Rolle spielt, dann wird sie erst recht wütend und schweigt.

In ihrem Klinikzimmer ist sie ganz allein und hat nichts, womit sie sich beschäftigen kann. Erst wenn die Patienten eine bestimmte Menge zugenommen haben, bekommen sie zur Belohnung ein Buch, Papier und Stift, etc. Valérie aber wird schon vom Anblick des Essens übel und in der ersten Zeit nimmt sie weiter ab. Eigentlich möchte sie sterben, andererseits aber ist es ihr Ziel, sich nicht kriegen zu lassen und eines Tages die Klinik als ‘Sieger’ verlassen zu können. Die Forderungen, die dazu aber notwendig sind, will sie nicht erfüllen.

Als sie eines morgens vor dem Spiegel steht, sieht sie ihr blasses Gesicht, ihre Ringe unter den Augen und ihre violetten Lippen. Dies bezeichnet sie als ihre Schminke und findet sich eigentlich nicht abscheulich. Dies ist ein typisches Symptom für diese Krankheit.

Die Atmosphäre in ihrem Zimmer macht ihr zusätzlich schwer zu schaffen. Das Fenster ist angestrichen, so daß ihr der Blick nach draußen verwehrt wird. Das Eingesperrtsein ist für sie ohnehin das Schlimmste. Ihre Zimmertür ist nämlich immer abgeschlossen und wenn jemand die Tür aufschließt, dann nur, um sie mit Essen zu quälen. Das Aufschließen der Tür traumatisiert sie.

Während ihrer Zeit in der Klinik will sie zunächst selbst den Grund ihrer Krankheit herausfinden, schwört sich aber, diesen dann niemandem mitzuteilen.

Bald stellt sich für den Leser ersichtlich heraus, daß der Grund ihrer Anorexie im Elternhaus liegt.

Ziemlich am Anfang ihres Buches schreibt Valérie, daß sie ein ungewolltes Kind ist und oft von ihrer Mutter verstoßen wurde. Sie könne nichts dafür, daß ihre Eltern keine Verhütungsmittel benutzt haben und wolle am liebsten sterben. Dies ist ein typisches Phänomen, wenn ein Kind merkt, daß es im Grunde ein ungeliebtes Kind ist. Valérie beschreibt den Tod als ‘sich mit der geliebten Herrin vereinen’, wobei sie mit ‘Herrin’ den Tod meint. Etwas weiter schreibt sie dann, wie sehr sie ihre Mutter haßt.

Im weiteren Verlauf ihres Erfahrungsberichtes kristallisiert sich immer mehr heraus, daß ihre Familie der Grund ihrer psychischen Erkrankung ist. Zunächst erwähnt sie ihre Mutter und deren früheres Umfeld. Dabei wird deutlich, daß diese im Prinzip ihre eigenen Kindheitserfahrungen auf Valérie projiziert hat. Über sie sagt Valérie folgendes aus: "Meine Mutter hat die Phase einer Enttäuschung in ihrer Jugend nicht überwunden. Eine unerfüllte Liebe. Außerdem hat ihre Mama sie traumatisiert, indem sie ihr wiederholte, sie sei ein Nichtsnutz, sie sei häßlich, faul und würde die Männer nie verführen können. Sie machte meine Mutter dafür verantwortlich, daß sie seit deren Geburt ein gelähmtes Bein hatte. »Du wirst immer eine absolute Null bleiben.« Ergebnis: Sie hat sich in die >männlichen< ... Arme des ersten verfügbaren Liebhabers geworfen und hat zwei gräßliche kleine Babys gekriegt. Darunter mich."

Auch in der Kindheit des Vaters ist viel geschehen, das wiederum sein Verhalten erklärt.

Seine Mutter war verwitwet und hatte angeblich eine besondere Vorliebe für Jungen. Die meiste Zeit aber verbrachte er bei den Jesuiten. Die Mutter wollte für ihren Sohn immer eine hübsche Frau, er allerdings war schwul. Und weil sich das nicht gehörte, heiratete er. Der Vater von Valérie war aber keineswegs ein guter Ehemann, sondern fuhr heimlich mit seiner Geliebten nach Griechenland, unter dem Vorwand, dort berufliche Termine zu haben.

Die deshalb und auch wegen anderer Gründe vor den Kindern ausgetragenen Diskussionen der Eltern endeten nicht selten mit Handgreiflichkeiten oder im Demolieren von Gegenständen.

In bezug auf Sex bekam Valérie auch eine Menge von ihren Eltern mit, sowohl theoretisch, als auch praktisch. Das, so denke ich, hinterläßt bei jedem Kind Spuren. Hinzu kommt, daß - für Valérie wissentlich- zu Hause Pornovideos existieren.

Ihr Vater hatte sehr häufig Beziehungen zu anderen Frauen und er nahm auch Valérie einmal mit in ein Hotelzimmer und sogar in das Bett, so daß sie alles mitbekam.

Schließlich folgte die Trennung der Eltern und auch als die Mutter einmal einen Geliebten zu sich nach Hause holte, bekam Valérie alles mit.

Ihr ist zwar bewußt, daß nicht alle Menschen so sind wie ihre Eltern, sagt aber, daß man dies nicht bedenkt, wenn man nur mit so schlechten Menschen zusammenlebt. Aus dem Grund, daß ihre Eltern so schlecht waren (was sie zwangsläufig sehr stark psychisch belastet hat) und sie selbst nie so werden wollte, bekam sie Magersucht. Weil aber für ihr Dafürhalten in der Klinik auch nur schlechte Menschen sind, die ihr bloß das Essen aufzwingen wollen, kann ihre Krankheit sich nicht bessern.

Zudem beneidet Valérie die anderen Kinder in der Klinik, die verrückten Kinder, wie sie sie nennt. Sie nämlich sind imstande, die Welt zurückzuweisen und haben einen privaten Bereich. Das ist ebenfalls ein typisches Merkmal psychisch kranker Menschen, die nämlich nur alles eigene negativ sehen und alles, was andere haben -und sei es noch so negativ- als positiv oder besser erachten.

Eines Morgens, als sie in den Spiegel sieht, erschreckt sie sich. Trotzdem ist es für sie immer ein Sieg, wenn sie nicht das tut, was man von ihr dort verlangt, obwohl sie sehr schwach ist und merkt, daß sie keine Kraft mehr hat.

Um sie aber doch zum Essen zu motivieren, versuchen die Ärzte und Schwestern es damit, daß ihre Mutter sie besuchen darf, mit dem Hintergedanken, daß sie dann schnell nach Hause möchte und die dafür erforderlichen Kilo zunimmt. Da Valérie aber weiterhin schweigt, wissen sie nicht, daß sie ihre Mutter eigentlich gar nicht sehen möchte. Auch als Valérie so stark abgenommen hatte, daß eine Nasensonde in Erwägung gezogen wurde, sollte die Mutter geholt werden, um sie zum Essen anzuregen.

Eines Tages kommt eine andere, neue Schwester zu ihr, um das Frühstück zu bringen. Wie die anderen Krankenschwestern auch, versucht sie, Valérie zum Essen zu animieren. Diese Krankenschwester hat allerdings mehr Erfolg bei ihr als alle anderen. Sie nämlich versucht Valérie klarzumachen, daß es so nicht weitergehen kann und daß sie sie für intelligent hält. Dies regt Valérie zum Nachdenken an und sie sieht ein, daß sie selbst sehr stur ist. Die Tatsache, daß sie für intelligent gehalten wird, gibt ihr Kraft. Über diese Schwester denkt sie weiter nach.

Sie merkt, daß sie sehr verbohrt ist und auch, daß sie sich im Prinzip wohl helfen lassen will, aber nur von jemandem, der sie nicht wie eine Verrückte behandelt; eben so, wie diese Schwester.

Im weiteren Verlauf ihrer Überlegungen entwickelt sich bei Valerie eine Traumvorstellung, die sie zum Essen motivieren soll, um aus der Klinik herauszukommen.

Sie fängt an, sich das "Draußen" so wunderschön vorzustellen. Sie träumt davon, ein eigenes Zuhause mit schöner Atmosphäre zu haben, viele gute Freunde, einen Beruf, der ihr Spaß macht. Sie sagt sich nur immer wieder, daß sie nicht aufgeben darf, daran zu glauben. Diese Vision führt dazu, daß sie tatsächlich ißt. Anfangs bricht sie zunächst alles wieder aus, weil ihr Magen nur kleine Portionen gewöhnt ist, dann steigert sie sich, auch, damit sie keine Nasensonde bekommen muß. Ihre Wut auf all jene, die sie wie eine Verrückte behandeln, bleibt allerdings erhalten und dann ißt sie manchmal auch aus Wut. Sie will aus der Klinik entlassen werden und sich anschließend an ihnen rächen. Ihre Phantasie entwickelt sie dann immer weiter, so daß sie tatsächlich immer mehr ißt, um draußen ein neues Leben beginnen zu können. Ihre Traumwelt ist alles, was ihr irgendwie hilft.

Einem anderen magersüchtigen Mädchen auf der Station versucht Valérie nun genauso entgegenzutreten, wie sie es erlebt hat. Weil sich das Mädchen ähnlich wie sie verhält, wird Valérie wütend und nun beginnt sie zu verstehen, weshalb die Schwestern sich ihr gegenüber auch so verhalten haben.

Zur Belohnung, daß sie nun schon soviel zugenommen hat und vernünftig ißt, darf ihre Mutter sie erneut besuchen. Sogar ihr Vater, der nun in Kanada lebt, wird kontaktiert und kommt Valérie besuchen. Sie stellt sich zu ihren Eltern so freundlich wie möglich, obwohl sie beide abgrundtief haßt und froh gewesen wäre, wenn sie sie nicht hätte sehen müssen.

Zwischendurch bekommt sie dann auch immer wieder ihre depressiven Phasen und sie sagt sich, daß sie sich umbringen wird, sobald sie aus der Klinik entlassen ist. Dann erzählt sie, daß man nicht von einem auf den anderen Tag magersüchtig wird, sondern daß das ein Prozeß ist, mit dem man sich mehr und mehr abfindet; es ist wie schleichender Selbstmord.

Als Valérie ausreichend zugenommen hat, um entlassen werden zu können, will sie >draußen< beginnen, ihre Vision zu realisieren. Schnell merkt sie jedoch, daß dies gar nicht möglich ist. Sie hat kein Ziel mehr und beginnt, sich selbst abgrundtief zu hassen. Manchmal bezeichnet sie sich sogar als "Putzlappen". Genau so, wie Valérie sich haßt, haßt sie auch weiterhin ihre Mutter, aber ihr fehlt die Kraft, es ihr direkt zu sagen.

Ihr äußeres ist nun draußen, aber ihr inneres ist in dem "Gefängnis" Klinik geblieben und das macht ihr sehr schwer zu schaffen. Ihr Leben besteht nur noch aus permanenten Depressionen.

1.3 Psychische Analyse

Valérie Valères Magersucht beruht ganz zweifellos auf einem psychischen Problem, das seinen Ursprung nicht im Wunsch nach Anerkennung durch Gewichtsabnahme findet, der dann zur Magersucht führen kann. Zu Beginn ihrer Krankheit ißt sie immer weniger, weil sie großen Kummer hat. Allgemein gesehen ist das ganz natürlich, daß man weniger ißt, wenn man psychische Probleme hat. Bei ihr haben die Eltern aber eine so tiefe Wunde in ihre Seele gerissen, daß sie von dem Kummer und den Depressionen nicht wieder befreit wird. Durch den Druck in der Klinik, essen zu müssen, kann sie erst recht keine Nahrung aufnehmen. Das Essen, das sie bekommt, redet sie sich aus, indem sie es richtig ekelhaft bezeichnet, so daß selbst mir als Leser oft der Appetit verging.

Die Ursachen ihrer Magersucht liegen also eindeutig in ihrem Elternhaus. Weil sie aber niemandem von diesen Problemen erzählt, kann ihr auch niemand wirklich helfen und so erstickt sie praktisch daran.

Da sie darüber nicht spricht, können ihre Therapeuten sie auch nicht entsprechend behandeln, sondern handeln falsch, indem sie die Eltern Valérie besuchen lassen. Die Schuld, daß Valérie nicht über ihre Probleme mit dem Elternhaus spricht, liegen meiner Meinung nach nicht bei ihr. Magersucht ist ein seelisch bedingtes Leiden und sie kann eindeutig nicht über dieses Problem offen reden. Hinzu kommt, daß ihr überhaupt alles erst im Laufe der Zeit in der Klinik richtig bewußt wird.

Ihre Wut auf die Eltern ist sehr groß und überträgt sich auch auf all jene, die ihr eigentlich helfen wollen. So erkennen die Therapeuten nicht Valéries wirkliches Problem und behandeln nur symptomatisch, anstatt ursächlich. Einerseits ist das verständlich, da Valérie schweigt. Andererseits denke ich, hätten die Psychologen längst ihr Problem erkennen müssen. Allein die Tatsache, daß sie immer resigniert, wenn sie gefragt wird, ob sie Probleme mit den Eltern hat, zeigt schon deutlich genug, daß genau dort etwas nicht stimmt. Zweifellos ist Valérie eine besonders schwierige Patientin, die aber auch besonders viel durchgemacht hat. Sie spricht häufiger davon, daß ihre Eltern sexbesessen sind; das zeigt schon deutlich genug, daß sie in der Hinsicht sehr viel mitbekommen haben muß und das hinterläßt bei jedem Kind Spuren.

In ihrem Buch schreibt sie manchmal, daß sie am liebsten sterben möchte. Wenn ein Kind sterben möchte, dann sind eigentlich immer die Eltern daran schuld.

Zu anderen Zeitpunkten verspürt sie dann aber auch wieder den Wunsch, geheilt zu werden, merkt aber, daß sie es alleine nicht schaffen kann. Die Krankenschwestern verhalten sich ihr gegenüber nicht selten ziemlich robust und diesen Umgang kann sie nicht gut haben.

Natürlich muß man auch bedenken, daß sicher jeder irgendwann so handeln würde, wenn man sich nett zu einer solchen Patientin verhält und doch keine Einsicht erfährt.

Was Valérie aber braucht, sind keine "schlauen Sprüche", sondern Akzeptanz. Dies erreicht die eine Schwester, die sie für intelligent hält und ihr zutraut, die erforderlichen Kilo zuzunehmen, um entlassen werden zu können. Valérie will also im Endeffekt schon, daß sie unterstützt wird, aber nur von einer Person, die sie nicht für dumm und minderwertig hält.

Dann wird ihr Verhalten auch vernünftiger. Nur wenn ihre Eltern sie besuchen "dürfen", wird sie wütend, weil sie die Ursache ihrer Krankheit sind, die sie unglaublich belastet.

Durch das Gespräch mit der Krankenschwester denkt sie nach und entwickelt dabei ihre Traumvorstellung. Diese Vision besteht aus einer Geborgenheit, die sie nie hatte und sich (weil es ein menschliches Grundbedürfnis ist) natürlich sehnlichst wünscht.

Am Ende schafft sie es aber nicht, ihren Traum zu realisieren (was im Prinzip voraussehbar war). Ihre Mutter dominiert weiterhin und Valérie ist ja auch irgendwie abhängig von ihr. Zudem hat sie gar keine Kraft dazu, ihren Traum zu leben. Ihr Leben kommt ihr zu sinnlos vor, um es füllen zu können.

Auch wenn man sie in dieser Klinik vor dem sicheren Tod bewahrt hat, alles erinnert sie immer wieder daran und in ihren Gedanken ist sie auch nach ihrer Entlassung immer noch in diesem "Gefängnis".

Im Grunde befindet sich Valérie Valère in einem Teufelskreis. Sie kann mit niemandem über ihr Problem "Elternhaus" reden und auf der anderen Seite kann ihr wiederum niemand adäquat helfen, weil er ihre Probleme nicht kennt.

1.4 Der Aspekt des autobiographischen Schreibens

Insgesamt gesehen hat es Valérie Valère zunächst geholfen, ihr Buch zu schreiben, wenn man es als Versuch betrachtet. Zwar war es wohl keine endgültige Hilfe, da in der Information zu diesem Buch erwähnt wird, daß sie im Alter von 21 Jahren stirbt (der Grund ist nicht genannt, liegt aber nahe). Doch zunächst einmal war es für sie hilfreich, die Erlebnisse durch Schreiben zu verarbeiten. Sie selbst äußert sich folgendermaßen dazu: "Diese vier Monate blieben so gegenwärtig in mir, daß ich begriffen habe: wenn ich mich über diese Zeit, die ich im Haus der verrückten Kinder verbracht habe, nicht äußerte, würde sie mich hemmen, würde sie sich zwischen mich und das Leben stellen. Ich mußte das überwinden."

Ihren Bericht hat sie -zwei Jahre nach ihrer Entlassung- innerhalb von drei Wochen geschrieben und ihn auch anschließend nicht mehr durchlesen wollen. Erst als sie erfuhr, daß dieser Zeugenbericht veröffentlicht werden sollte, hat sie ihn auf formale Fehler korrigiert. Dazu schreibt sie: "Dies ist kein literarisches Werk. Ich habe mich nicht in aller Ruhe, in der Einsamkeit meines Zimmers ans Schreiben gemacht und mit klarem Kopf das treffendste Wort gesucht. Es gibt keine vernünftigen Wörter, um die Welt der Verrückten zu beschreiben. Ich weigere mich, diesem Text einen gepflegten, geschliffenen Stil zu geben. Es handelt sich nicht um etwas Abstraktes, um intellektuelle Hirngespinste, sondern um durchlebtes Leid. Ich gebe keine netten Gefühle wieder, und ich erzähle keine Geschichten mit logischen Verkettungen Wenn man in der Haut einer Verrückten steckt, drückt man seine Wut nicht in vernünftigen, logischen Sätzen und manierlichen Wörtern aus."

Valérie Valère hat durch dieses Schreiben den Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik wieder aufleben lassen, um ihn so möglicherweise eher vergessen zu können und um sich von den täglichen Demütigungen zu befreien. Die zwei Jahre nach dem Klinikaufenthalt verlebt sie zwar in einer anderen Umgebung, fühlt sich aber genauso gefangen und isoliert, wie in der Klinik. Zu ihrer Isolation schreibt sie: "Die schlecht verarbeiteten Erinnerungen quälen einen und schießen einem gerade dann aus dem Mund, wenn sie es nicht sollten. Und dann kommen Aggressivität, Groll, Schmerz - lauter Dinge,die mit Einsamkeit und Isolierung bestraft werden, denn die Leute haben Angst davor. Sie fühlen sich bedroht, und man bleibt für ewig in dieser Zelle und in seinem Groll mit dem Licht der Hoffnung."

Sie glaubt nicht, daß sie die richtigen Worte gefunden hat, um das ganze Elend korrekt zu beschreiben. Sie hat sich eigentlich Worte gewünscht, die beim Leser das Gefühl erwecken, gegen das sie schon so lange kämpft. Valérie hält diese Unfähigkeit für ihr eigenes Versagen und schreibt, daß sie nicht die Macht hätte und daß überhaupt im Leben nichts Macht über die Sensibilität der Leute hat.

Lange und ausführliche Beschreibungen fehlen in ihrem Buch und das liegt daran, daß Valérie nur blitzlichtartige Eindrücke ihrer Außenwelt aufnehmen kann. "Die Bilder, die mich ansprechen, sind die, die mich schockieren, sie zwingen mich, die anderen abzulehnen, mich in meine Traumwelt zu flüchten, >meine Neurose zu nähren<, wie sie sagen."

Den Psychologen hätte sie gerne gezeigt, wie dumm sie doch waren. Sie haben Valérie nicht geheilt, sondern in sich selbst eingesperrt. Weiter sagt sie, daß sie nie den richtigen Weg finden wird und sich für verloren hält. Ihre Mutter ersetzt nun zu Hause die Ärzte und Schwestern aus der Klinik und beachtet ihre eigene Tochter nicht mehr. Sie ist wie ein Möbelstück, ohne Bedeutung und ohne Persönlichkeit. Sie hat ihre Tochter nie geliebt. Valérie hat es so gewollt, und damit ihre Mutter ein reines Gewissen hat, gibt sie ihr Geld. Von diesem Geld geht Valérie nachmittags ins Kino, um sich so der Realität zu entziehen und wieder in eine Traumwelt zu versinken. Angst hat sie vor dieser Frau, die sie nur ungern als ihre Mutter bezeichnet, nicht mehr. Sie betrachtet sie als eine lächerlich gewordene Autorität.

Ihrer Ansicht nach besitzen die Leute nichts außer ihrem Reich des Sex, was erneut ihre Einstellung zu diesem Thema -aus für sie gutem Grund- verdeutlicht.

"Ich versuche die Welt wiederzufinden, ich sehe mir alle Wege an, bevor ich den falschen wähle, aber es gibt keinen Hinweis, und niemand will mir die Hand reichen, oder vielmehr, ich will keine ergreifen. Angst bedrückt mein Herz. Hier ist die Einsamkeit weniger schön, denn sie ist falsch, obwohl sie den Anschein hat, ehrlich zu sein. Sie ist schmerzlicher.

Leben, was bedeutet das? Ich weiß es nicht. Ich meine, ich weiß nicht, ob ich dieses Mal den richtigen Weg gefunden habe. Es gelingt mir nicht zu vergessen, und ich werde noch oft schreiend aufwachen, weil ich das leise Geräusch des Schlüssels gehört habe, der sich im Schloß dreht."

Dieses Zitat, das zweifellos ihre depressive Stimmung aufzeigt, macht deutlich, daß ihr nicht adäquat geholfen wurde und sie praktisch keinen roten Faden hat, der sie leiten könnte. Ihr Leben besteht nur aus vegetieren.

In ihren Augen hat nichts einen Sinn und das Leben ist für sie ein Labyrinth, indem sie sich nicht mehr zurechtfindet und wohl nie zurechtfinden wird.

Im Prinzip läßt sich abschließend resümieren, daß es Valérie Valère einerseits -wie schon am Anfang dieses Abschnittes gesagt- geholfen hat, ihre Erinnerungen aufzuschreiben, andererseits es ihr aber den erhofften Lebensmut nicht gebracht hat. Es war letztendlich ein Versuch, der nicht geglückt ist. Sie hat es nicht geschafft, ihren Lebensweg zu finden und im Grunde ganz neu anzufangen. Möglicherweise stand ihr dabei auch ihre Mutter ganz massiv im Weg. Hinzu kommt, daß ihre Kindheitserfahrungen so gravierend waren, daß sie es schon von daher nicht schaffen konnte. Sie verstand die Welt nicht und konnte sich nicht vorstellen, daß ihr jemand hätte helfen können.

2.1 Einleitung zu "Mein Weg aus der Magersucht"

In dem Buch "Mein Weg aus der Magersucht" von Kathrin Seyfahrt beschreibt eine junge Frau ihre Fortschritte und Rückschläge während ihrer Therapie. Sie führt in dieser Zeit ein Tagebuch, das sehr offen ihre Zweifel, Träume, Ängste und Gefühle ausdrückt. Es wird darüberhinaus deutlich, wie sehr ihr das Schreiben dabei hilft, mit der Krankheit umzugehen. An verschiedenen Stellen bemerkt sie, daß sie durch das Schreiben eine Situation nochmal aus anderer Perspektive sieht und dadurch besser damit umzugehen lernt.

Zunächst werde ich im folgenden die ersten Kapitel kurz wiedergeben, um einen kurzen Einblick in die Vorgeschichte der Erkrankung zu vermitteln. Bei den Tagebucheintragungen werde ich mich darauf beschränken, markante Eintragungen hervorzuheben und ansonsten einen Überblick über den Therapieverlauf geben.

2.2.1 Inhalt des Buches " Mein Weg aus der Magersucht" von Kathrin Seyfahrt

Das Buch beginnt bereits mit einem Vorwort der Autorin (K. ), indem sie darauf eingeht, warum sie dieses Buch geschrieben hat. Sie will damit betroffene Frauen zu einer Therapie ermutigen und ihnen die Angst vor der psychosomatischen Klinik nehmen. Dann geht sie auf Gründe ein, die bei ihr zur Magersucht geführt haben. Das Ziel, ihren Freund zum Partner zu gewinnen, scheitert, nun will sie sich beweisen, daß sie wenigstens eines kann, nämlich abnehmen.

K. beschreibt, wie ihr die eigenen Tagebucheintragungen dabei geholfen haben, sich mit ihrem Leben auseinanderzusetzen und ihre eigene Entwicklung nachzuvollziehen.

Am Anfang befindet sich K. in einer Krise. Sie beschreibt, daß es schwer schien und sicherlich auch war, aus dem Teufelskreis der Magersucht auszubrechen, daß es sich aber gelohnt hat. Mit ihrem Buch will sie anderen Betroffenen Mut machen, diesen Weg ebenfalls anzutreten, weil das Leben ohne die Magersucht erstrebenswert ist.

Im nächsten Kapitel beschreibt K. die Anfänge ihrer Sucht. Zunächst will sie einfach nur abnehmen. Sie ist 167 cm groß und wiegt mit 69 kg mehr als Normalgewicht. Zunächst fällt es ihr leicht, abzunehmen, sie ist verliebt und verliert die ersten Kilos problemlos. Gleichzeitig lockert sie die Beziehung zu ihrem derzeitigen und langjährigen Freund H. Bis zu ihrem dreißigsten Geburtstag setzt sie sich das Ziel, fünfundfünfzig Kilo zu wiegen. Sie schafft es mit Hilfe einer Diät und hält dieses Gewicht etwa ein Jahr lang.

H. zieht um, in ihre Nähe zwar, aber nicht mit ihr zusammen, wie sie erhofft hatte, so daß sie ihre Beziehung überdenkt, sich zwar weiter von ihm lösen, sich aber (noch) nicht von ihm trennen will. Sie genießt einen schönen Sommer und macht Urlaub, zunächst mit Hans, dann alleine. Zwar hat es im Urlaub mit H. Spannungen gegeben, trotzdem empfindet sie den Urlaub als sehr schön. Alleine in Hamburg kommen ihr allerdings Trennungsgedanken. Das Zusammen- und trotzdem Aneinandervorbei-Leben empfindet sie nicht mehr als befriedigend, zumal sich keine Perspektive auf ein Zusammenziehen ergibt. Mit dieser Erkenntnis wächst das Gefühl, versagt zu haben. In vielen Diskussionen beendet K. schließlich die Beziehung zu H.

K. erlebt die folgende Zeit sehr aktiv, erhält Besuch von ihrer Mutter, unternimmt viel mit Freunden und Kollegen und flüchtet sich in Verabredungen, um "immer etwas um die Ohren zu haben". Schließlich bemerkt sie, daß sie diese Treffen nur als Flucht nutzt und beginnt, wieder häuslicher zu werden um sich selbst kennenzulernen.

Dabei kommt ihr wieder der Gedanke an das Abnehmen und sie beschließt, wieder weniger zu wiegen, sie wird langsam aber sicher süchtig danach. Wage, Kalorien und Kilos bestimmen ihr Leben. Durch ihr Dünnsein fühlt sie sich als etwas besonderes, fühlt sich stark. Als sie im Mai 1984 nach Hamburg zu ihrer Mutter fährt, wiegt sie 51 Kilo, die Mutter reagiert mit Besorgnis. Eine Freundin warnt sie vor der Magersucht, doch K. streitet diese Gefahr ab. Ihr Essen bei Verabredungen besteht fast ausschließlich aus Salat, Getränke sind Kaffee und Mineralwasser. Ihr Traumgewicht ist 48 Kilo, die sie schließlich erreicht. Die ersten körperlichen Folgen zeigen sich durch das Ausbleiben der Periode, was K. als eher positiv empfindet. Sie beschließt, auf 45 Kilo abzunehmen und beschleunigt das durch Appetitzügler, durch die sie noch weniger ißt. Ende Oktober zeigt ihr die Computerwaage 11,8 kg unter Idealgewicht an, was sie noch zu weiterem Abnehmen anregt. Sie verspürt inzwischen kaum noch Hunger, wenn ihr Magen sich dennoch meldet hilft sie sich mir einer Möhre oder einem halben Apfel. Die einzige unangenehme Begleiterscheinung ist ständiges Frieren, langes Sitzen auf ungepolsterten Stühlen wird langsam unbequem. K. muß ständig ihre Kleidung ändern lassen, sogar die Füße werden mit der Zeit um eine ganze Schuhgröße kleiner.

Trotz Kleidergröße 34 fühlt sich K. beim Blick in den Spiegel nach wie vor zu dick. Andere Frauen, die mit Sicherheit mehr wiegen, als sie selbst, empfindet sie als schlank, als viel dünner als sie selbst und eifert ihnen nach. Sie ernährt sich nun überwiegend von Magerjoghurt und Magerquark, dazu kommen Obst und Gemüse. K. kocht und backt für Freundinnen, probiert aber selbst nur kurz oder spuckt sogar diesen Bissen, nachdem sie ihn geschmeckt hat, wieder aus. Sie gönnt ihrem Körper kaum noch Ruhe, damit er die aufgenommenen Kalorien direkt wieder verbraucht. Als K. über Weihnachten nach Hamburg fliegt, wiegt sie 43 Kilo. Selbst auf das Flehen der Mutter hin, mehr zu essen, nimmt sie nicht mehr zu sich und besorgt sich wieder Appetitzügler, aus Angst, immer noch zuviel zu essen.

Im Nachhinein sieht K. ein, wie sehr ihre Mutter zu dieser Zeit gelitten hat, weil Bekannte sie auf den Zustand der Tochter ansprechen. Sie weiß auch, daß sie mit ihrer Art, K. nie zum Essen zu zwingen, richtig gehandelt hat, weil sie ihr dadurch die Verantwortung für den eigenen Körper überlassen hat. Dadurch konnte K. relativ schnell die Gefahr für ihren Körper erkennen.

Das Jahr 1985 beginnt K. mit dem Wunsch, noch weiter abzunehmen, ihr Ziel ist die 40-Kilo- Marke. Sie ißt noch weniger und die Appetitzüglerkapsel mit dem Morgenkaffee, deren Dosis sie später erhöht, wird zur Gewohnheit. Selbst der Verweis, daß diese Kapseln nicht länger als 4 Wochen einzunehmen sind, hindert sie nicht daran. Was dazu führte, daß sie langsam immer depressiver wird. Dazu kommt, daß sie immer häufiger friert. Selbst den Wunsch, sich Samstags abends einen Teller Nudeln zu gönnen, versagt sie sich, was ihre Depressionen noch unterstützt.

Inzwischen bemerken auch die Kollegen die Veränderungen an K. Sie sieht schlecht aus, ist nach der Arbeit geschafft und erkennt beim Blick in den Spiegel selbst ihren langsamen Verfall. Sie verliert ihre Kraft, friert selbst dick eingepackt und wenn sie im Bett liegt, kann kaum noch einschlafen, wiegt inzwischen zwischen 39 und 40 Kilo und fühlt sich immer noch zu dick.

Langsam erkennt sie, daß es so nicht weitergehen kann, daß sie aber auch alleine nicht aus dem Teufelskreis heraus kommt. Sie schreibt einer Magersüchtigen, die einen Leserbrief in der Zeitung verfaßt hat und erhält von dieser eine Schilderung ihres Leidensweges und ihres Weges aus der Magersucht, der ihr Mut macht, selbst eine Therapie in Angriff zu nehmen.

Nachdem zwei Gespräche mit einer Psychologin scheitern überweist der Internist sie Mitte 1985 in eine Psychosomatische Klinik. Nach Erledigung der Formalitäten werden K. im Juni 6 Wochen Kuraufenthalt in der Klinik Roseneck in Prien genehmigt.

Zunächst schreckt K. bei dem Gedanken auf einen eventuell sogar 10-wöchigen Aufenthalt in Prien zurück, freundet sich aber, nachdem sie einen ehemaligen Patienten der Klinik kennenlernt, doch damit an. Die Wartezeit empfindet K. als sehr lang. Schließlich steht ihr Aufnahmetermin für den 29. Juli fest. Mit dieser Erleichterung wächst ihre Angst davor, ihre Freiheit zu verlieren, in der Klapsmühle zu landen, Angst, dort gemästet zu werden.

H. begleitet sie schließlich in die Klinik. Ihre Befürchtungen bestätigen sich nicht, sie ist angenehm überrascht von ihrer neuen Bleibe. Sie hat bereits Post bekommen und fühlt sich schnell heimisch. Nach der Gewöhnung an den Klinikalltag kann es am 5. August richtig losgehen. K. faßt Vertrauen zu ihrem Therapeuten und verlängert ihren Aufenthalt schließlich auf 12 Wochen.

2.2.2 Tagebuch

Durch Gespräche findet K. guten Kontakt zu C. und empfindet dadurch ihr erstes Wochenende in der Klinik als sehr angenehm. Auch im folgenden wird deutlich, wie wichtig ihr persönliche Kontakte und auch Freundschaften zu anderen Patienten sind. Mit gemischten Gefühlen erwartet K. die erste Gruppentherapie bei L. Sie lernt dort die anderen Gruppenmitglieder kennen und erfährt mehr über deren Gründe für den Kuraufenthalt. Sie fühlt sich wohl, empfindet Geborgenheit, Wärme und Hoffnung. Sehr positiv bemerkt sie, daß alle Patienten unterschiedliche Krankheiten haben.

Als das erste Wiegen ansteht bekommt K. Angst davor, zugenommen zu haben und beschließt, wieder weniger zu essen. Wie sich herausstellt, hat sie nicht zugenommen.

In einem Brief legt K. ihrer Mutter die Gründe dafür dar, daß sie ihren Aufenthalt verlängert hat. Sie merkt selbst, daß ihr Selbstvertrauen fehlt und sieht schon jetzt, daß Gruppe und Therapeut ihr dabei helfen werden.

Im Einzelgespräch bemerkt K., daß sie ihrem früheren Freund H. noch viel zu sagen hat. Sie schreibt ihm einen Brief, in dem sie um ein Gespräch bittet.

Sie macht große Fortschritte und schafft es sogar, eine ganze Pizza zu essen und zu genießen. Mehrfach wird in diesem Buch K.´s Versuch erwähnt, sich ein Eis zu kaufen. Zunächst ohne Erfolg, später mit einem schlechten Gewissen. Nach einiger Zeit kann sie ohne Reue Eis essen und es sogar genießen.

Als eine der schlimmsten Sitzungen empfindet K. den 20.8., als es um Schuldgefühle und darum, wie sie andere Menschen belasten, geht. Mehrere Gruppenmitglieder kommen mit diesem Thema nicht zurecht, eine verläßt sogar den Raum. Sie beenden die Sitzung jedoch damit, sich gegenseitig Mut zuzusprechen. In den folgenden Tagen unterhält sich K. lange mit C. über ihre gemeinsame Krankheit. Beide schöpfen viel Kraft daraus.

In der Ergotherapie soll K. zum Thema "Spinne im Netz" malen. Sie verbindet mit diesem Thema Gefangensein und setzt ihr "Idealgewicht" 48 kg in das Zentrum des Bildes. In der Körperwahrnehmung wird ihr der eigene Zwiespalt zwischen dem Verstand, der ihr Untergewicht signalisiert und der inneren Stimme, die ihr "Abnehmen" zuflüstert, bewußt. In der Einzeltherapie stellt der Therapeut nach einem langen Monolog fest, daß K. anscheinend nie Fragen hat. Es stellt sich heraus, daß sie auch keine konkreten Wünsche äußern kann und K. resümiert, daß in ihrer Beziehung immer H. Wortführer war. Sie bekommt den Auftrag, jeden Tag einen konkreten Wunsch zu äußern. Als der Therapeut auf ihre Bitte hin sagt, was ihm an ihr gefällt fällt es ihr schwer, das zu glauben. Sie kommt mit Komplimenten nicht klar, weiß nicht, ob er es auch so meint und merkt für sich, daß sie ihre positiven Eigenschaften häufig in Frage stellt.

Obwohl sich K. in ihrem "Glashaus" Roseneck sehr wohl fühlt bleibt ihr die Angst, "draußen" nicht klarzukommen. Sie entdeckt das Malen für sich, findet darin Ruhe, Freude, Glück und Entspannung und erkennt auch ein gewisses Talent. Nach dem Wochenende fühlt sie sich ausgeglichen und erlebt den Wochenanfang als positiv, was sie auf das Malen zurückführt.

K. erlebt Stimmungsschwankungen. Der Verstand sagt "Zunehmen", das Gefühl sagt "Abnehmen", sie hat Angst vor Tiefen, vor Gefühlen, vor dem Fallen lassen. Sie will Bindung auf der einen, Freiheit auf der anderen Seite. Durch ihre Trennung ist ihre Abwehr geschwächt, sie will sich ändern, weiß aber nicht für wen. Sie kann noch nicht sagen, daß sie es für sich tut, weil sie bisher immer alles für andere getan hat, vielleicht auch tun mußte. Bisher hat sie nach den Erwartungen anderer, ihres Freundes, ihrer Mutter, ihrer Tante, gelebt. Sie bekommt Angst, fühlt sich überfordert.

Ein positives Erlebnis ist für K., daß sie ihre anfängliche Unsicherheit in Gesellschaft überwindet und durchaus in der Lage ist, interessante und auch lustige Konversation zu betreiben. Sie faßt den Vorsatz, zuhause wieder mehr unter Leute zu gehen, einzuladen und Einladungen anzunehmen.

Durch den Bericht von B. über ihre Beziehung wird K. eigenes Fehlverhalten in ihrer Beziehung zu H. deutlich. Sie hat sich hinter dem Abnehmen versteckt.

In der Gruppe stehen "Wünsche" auf dem Programm, K. überwindet sich und äußert einen konkreten Wunsch an eine Mitarbeiterin des Hauses. Sie ist überrascht, wie einfach es ihr fällt und wie problemlos der Wunsch erfüllt wird. In der Ergotherapie malt sie sich als Tier, als bunten Schmetterling. Ihre Familie malt sie als Fisch und Vogel, wobei ihre Mutter der Fisch und K. der Vogel ist. Auch im Einzel wird ihre Beziehung zur Mutter aufgenommen, sie wird sich über Freude und Bedenken über den anstehenden Besuch von Mutter und Tante klar. K. erkennt, daß sie die Zeit zurückdrehen möchte, sie ißt wieder Brei, durch ihre Magersucht wird sie in die Zeit vor der Pubertät "zurückversetzt", sie braucht weder BH´s noch bekommt sie ihre Periode, ihre Malerei ist kindlich naiv, sie denkt über das "Kind in mir" nach. Selbst ihre Schuldgefühle vor der Mutter, die von Psychologie nicht viel hält, versetzen sie in die alte Mutter - Kind - Konstellation, in der das Kind, das etwas angestellt hat, Angst vor der Mutter hat. K. fühlt sich durch die Ansprüche und Erwartungen der Mutter überfordert.

K. wird sich klar darüber, daß sie mit ihrer Magersucht Aufmerksamkeit gesucht hat. Sie hat es genossen, wenn die Leute sie auf ihr Abnehmen angesprochen haben, zunächst bewundernd, später besorgt. Ihr Selbstwertgefühl ist sehr schwach entwickelt, sie hat Angst, beim Essen "verfressen" zu wirken, fühlt sich unvollkommen, nach wie vor zu dick, dabei ist alles, was sie will, so sein zu dürfen, wie sie ist. Dadurch, daß sie soviel Gewicht auf ihr Gewicht legt, nimmt sie sich selbst nicht wichtig. Sie erlaubt sich nicht, gesund zu werden.

Im Einzelgespräch sprechen sie über K.´s Magersucht, über die Beziehung zu H. , über K.´s Probleme. Beim Bericht einer Patientin in der Gruppe erkennt K. sich vielfach wieder und ist bedrückt. K. übernimmt, nachdem die Therapeutin sie anspricht, das Wort, analysiert die Szene, die sich zuvor zwischen der Patientin und E. entwickelt hat und merkt plötzlich, wie sie im Mittelpunkt steht. Sofort bekommt sie ein schlechtes Gewissen deswegen, auf der anderen Seite spürt sie Bewunderung. Die Situation gibt ihr Kraft und Entspannung, sie merkt, daß sie sich nicht immer nur unterbuttern lassen muß.

Langsam nähert sich K´s Aufenthalt in Prien dem Ende. Sie weiß, daß sie ein großes Stück weiter gekommen ist. Den Besuch von Tante und Mutter empfindet sie als sehr positiv. Sie kann den beiden ihren Standpunkt klarmachen und erfährt Verständnis. Ein wichtiger Erfolg, den sie mit einer Freundin feiert, ist das Wiedereinsetzen ihrer Periode.

Durch die verschiedenen Therapieformen wächst ihr Selbstvertrauen. In abendlichen Gesprächen und kleinen Feiern erlebt sie Gesellschaft als sehr positiv. K. ist durchaus bewußt, daß sie noch nicht vollkommen geheilt ist und weiterhin Therapie braucht. Sehr viel Kraft schöpft K. aus dem Feedback, daß ihr die anderen Gruppenmitglieder geben. Ein Mann bezeichnet sie als Mensch, nicht mehr als Puppe, für die er sie zuvor gehalten hat. K. genießt ihr letztes Wochenende in Prien mit den neu gewonnenen Freundinnnen, freut sich aber inzwischen auch auf ihr zuhause. Dort angekommen begibt sich K. in die empfohlene Einzeltherapie und bekommt bald die Zusage für einen wöchentlichen Therapieplatz.

In der Zeit nach dem Klinikaufenthalt führt K. zunächst kein Tagebuch mehr. Sie denkt zwar nach wie vor viel an´s Essen, sagt aber, daß es nicht mehr "Thema Nummer eins" ist. Sie hat gelernt, wieder mit Menschen umzugehen und ein Stück von dem für magersüchtige Frauen recht typischen Perfektionismus abgelegt. Sie erlebt ein schönes Treffen mit E., einer Freundin aus Prien und verbringt einen schönen Jahreswechsel bei ihrer Mutter. Dann merkt sie für sich, daß sie noch nicht wirklich geheilt ist, als sie erfährt, daß H. mit seiner Freundin zusammenziehen will. Was sie in 10 Jahren nicht geschafft hat vollbringt diese Frau in so kurzer Zeit. K. zweifelt wieder an sich und beginnt wieder mit Tagebucheintragungen. Zunächst denkt sie, sie käme damit klar, später fühlt sie sich wieder als Versagerin, will wieder beweisen, daß sie wenigstes etwas kann, nämlich Abnehmen. Sie muß sich selbst für ihre Fehler bestrafen, verzichtet wieder auf alles, was Kalorien hat und merkt langsam, wie sie wieder in ihr altes Suchtschema zurückverfällt. Trotz ihrer ambulanten Therapie erlebt K. einen Rückfall, so daß sie sich nach einiger Zeit wieder in eine Kurklinik einweisen läßt. Auch dort empfindet sie die Zeit als sinnvoll und schön, die Klinik ist nicht so, wie man sich ein Krankenhaus vorstellt und K. findet wiederum guten Anschluß und erfährt dadurch soviel Zuspruch, daß der Aufenthalt erfolgreich ist. Mit vielen guten Vorsätzen verläßt K. die Klinik. Zurück in München beginnt sie wieder zu malen. Sie läßt alles ruhiger angehen, genießt ihr Leben und will die Jahre der Magersucht auf keinen Fall verdrängen, da sie jetzt gelernt hat, damit umzugehen. Im Anhang berichtet K. noch von einigen Situationen, die sich aus ihrer Magersucht ergeben, beispielsweise ihre Jobsuche, die beinahe an ihrer (überstandenen) Magersucht gescheitert wäre, oder eine Krisensituation, in der ein banales Problem sie fast wieder in ihr altes Suchtschema getrieben hätte.

2.3 Psychische Analyse

In diesem Buch wird eine wichtige Ursache der Magersucht deutlich. K. hat wenig Selbstvertrauen. Sie läßt sich von ihrer Mutter, ihrer Tante, ihrem Freund "unterbuttern", gibt selten Kontra und hat Probleme damit, ihre eigenen Wünsche zu äußern. Dadurch hat sie natürlich auch Probleme auf der Beziehungsebene zu diesen Personen. H. war immer der Wortführer in ihrer Beziehung, vor ihrer Mutter muß sie sich heute noch rechtfertigen und sie muß lange überlegen, wie sie vor Tante und Mutter rechtfertigt, daß sie länger in Prien bleiben will, als ursprünglich geplant. An ihren Überlegungen sieht man darüber hinaus, wie wichtig ihr die Meinung anderer ist. Sie will beachtet werden. Zunächst fand sie ihre Beachtung darin, daß andere sie darauf ansprachen, wie gut sie abgenommen habe. Das wurde sozusagen schon zur "Sucht", denn auf die Dauer hören diese ÁKomplimente´ natürlich auf, weil die Schlankheit zur Normalität wird. Daraus entstand bei K. der Wunsch, weiter abzunehmen, um wieder darauf angesprochen zu werden, auch wenn aus der Bewunderung mit der Zeit Besorgnis wurde.

Ein weiterer wichtiger Faktor in diesem Buch ist das Gefühl, versagt zu haben. Die Beziehung zu H. ist gescheitert. Aufgrund des mangelnden Selbstbewußtseins nimmt K. die Schuld auf sich, statt sie auf beiden Seiten zu sehen. Dadurch fühlt sie sich verantwortlich. Da sie es nun nicht geschafft hat, diese Beziehung aufrecht zu erhalten oder gar mit H. zusammen zu ziehen, muß sie sich und den anderen beweisen, daß sie wenigstens etwas kann, nämlich abnehmen. Sie nimmt ab, fühlt sich aber weiterhin zu dick, will weiter abnehmen und übersieht und überhört dabei alle Warnungen, die andere und ihr eigener Körper ihr geben. Dabei hatte K. das Glück, selber zu merken, daß etwas nicht in Ordnung ist und rechtzeitig in eine Therapie zu gehen. Auch wenn K. Rückschläge erlebt, ausgelöst durch unvorhersehbare Situationen oder auch durch das Gefühl, wieder versagt zu haben, als H. mit seiner neuen Freundin so schnell zusammenzieht, bemerkt sie selber die Anzeichen der Sucht und sucht, wenn sie sich nicht selber wehren kann, professionelle Hilfe.

Genau wie K. sich in ihrem Buch beschreibt, sind viele magersüchtige Frauen sehr korrekt.

Sie erlauben sich selbst nicht, ihre Schwächen zu zeigen, Disziplin ist oberstes Gebot. Es fällt ihnen schwer einzugestehen, daß sie ein gesetztes Ziel nicht erreichen können. Als Ausgleich dazu muß dann ein anderes Ziel um so besser, schneller, genauer erreicht werden. Beobachtet man magersüchtige Frauen z.B. in der Ergotherapie kann man sehen, mit welcher Genauigkeit und mit welchem Ehrgeiz sie an die Arbeit gehen.

Die Frauen zeigen Härte gegen sich selbst aber oft Nachsicht gegenüber anderen. Sie ermutigen andere zum Essen, empfinden andere, die meistens eher dicker sind, als sie selbst, als schlank und eifern ihnen nach. Wie K. es beschreibt, kocht und backt sie für andere, ißt aber selbst kaum oder auch gar nichts, probiert und spuckt es unter einem Vorwand wieder aus.

Man kann bei diesem Buch keinen einzelnen Grund für die Magersucht erkennen. Angefangen hat es auf dem typischen Wege: "Sie beginnen mit einer Diät, vermeiden Süßigkeiten und andere hochkalorische Nahrungsmittel und haben auch nach Erreichen ihres Idealgewichtes weiterhin das Gefühl, übergewichtig zu sein. Die geplante, anfangs vielleicht sinnvolle Diät gerät den Betroffenen außer Kontrolle: Sie müssen weiter hungern, das Hungern wird zur Sucht".

Selbst wissenschaftlich steht noch nicht eindeutig fest, woher Anorexie eigentlich kommt und warum heute auch ältere Frauen (früher kam diese Krankheit fast ausschließlich bei heranwachsenden Mädchen vor) unter der Magersucht leiden. Eine mögliche Erklärung ist, daß die Mädchen und damit heute auch die betroffenen Frauen, Ámit dem Hungern ihre Eigenständigkeit ausdrücken wollen´, was bei K. sehr deutlich wird. Ein Faktor, den ein Artikel beschreibt, wird von K. ebenfalls erwähnt. Sie schreibt: "Ich weiß heute ebenso, wie klug meine Mutter gehandelt hat, daß sie mich nie zum Essen gezwungen oder mir etwas aufgedrängt hat." . Im Artikel heißt es: "Das Hungern bedeutet oft ein Stück Macht über die Familie, die natürlich besorgt reagiert und immer wieder zum Essen auffordert." Heute hat K. dieses Schema erkannt und empfindet das Verhalten der Mutter als positiv. Bemerkenswert ist darüber hinaus, daß K.´s Verhältnis zur Mutter zwar als relativ problematisch, nicht aber als schlecht dargestellt wird. Häufig grenzen sich Magersuchtkranke von der Familie ab, da viele Ursachen für diese Erkrankung im familiären Bereich liegen. Zwar erkennt K. die Probleme, die sie mit ihrer Mutter hat und hatte, macht ihr aber daraus keinen Vorwurf. Die Mutter hat K. in eine gewisse "Perfektion" getrieben, die, wie oben erwähnt, häufig bei magersüchtigen Patientinnen vorliegt. Sie hat immer betont, wie toll K. dieses und jenes kann und hat sehr viel Wert auf ihre Stärken gelegt, so daß es negativ erschien, Schwächen einzugestehen. Zudem wurde Egoismus als schlecht abgetan und damit verhindert, daß K. ihre eigenen Stärken wirklich als positiv empfinden kann. Es fällt ihr bei der Therapie schwer, ein ernst gemeintes Kompliment als solches anzunehmen und zu glauben. Man kann der Mutter in diesem Fall keinen Vorwurf machen, sie hat K. nach bestem Wissen und nach den gängigen Regeln und Gebräuchen der Gesellschaft und ihrer eigenen Erziehung erzogen. Somit ist die derzeitige Gesellschaft mit ihren Idealbildern und Normen ein Stück weit Schuld an dieser Krankheit, bei K. sowie bei vielen anderen Patientinnen.

2.4 Der Aspekt des autobiographischen Schreibens

Wie K. wiederholt schreibt, hat Ihr das Schreiben, wie auch das Malen, während der Therapie sehr geholfen. So schreibt sie z.B.: "Es fällt mir leichter, meine Gedanken und Gefühle niederzuschreiben, als sie auszusprechen. Und hab´ ich sie erst zu Papier gebracht, wird es mir auch etwas wohler. So bin ich froh, dieses hiermit getan zu haben und fühle mich erleichtert" .

Im Vorwort gibt K. an, daß sie zunächst nur ein Tagebuch geführt hat, dieses aber unverändert veröffentlicht hat, um anderen Frauen zu helfen, die Magersucht zu besiegen. K. hat erkannt, wie sehr ihr die Therapie geholfen hat und wie sehr es ihr auch weiterhin, wenn auch nur sporadisch, hilft, Gedanken, Erlebtes und Gefühle niederzuschreiben, gerade dann, wenn sie wieder in eine Krisensituation kommt. Durch das Schreiben reflektiert sie das Erlebte und ihr eigenes Verhalten und kann dadurch Fehler erkennen, die sie in ihre Sucht treiben und dieses dann verhindern.

Insgesamt denke ich, war es für K. eine sehr wichtige und sinnvolle Erfahrung, ihre Gefühle und Gedanken während der Therapie in einem Tagebuch niederzuschreiben. Sie hat sich und sicher auch vielen anderen Betroffenen damit geholfen und kann jederzeit, wenn ein Rückfall droht oder sie einfach das Bedürfnis hat, sich mitzuteilen, auf dieses Mittel zurückgreifen. Das vorliegende Buch zeigt deutlich, wie sinnvoll es im allgemeinen ist, in Krisensituationen zu schreiben, um zu erkennen, welche Verhaltensschemata man selbst in sich hat, um zu reflektieren und aus dem Geschehenen, aus Fehlern und positiven Ansätzen zu lernen.

Als einen völlig anderen Aspekt möchte ich meine eigenen Erfahrungen mit diesem Buch beschreiben. Wenn man die Ausgangssituation von K. betrachtet fühle ich mich, rein körperlich in einer ähnlichen Lage.

Statt davor abzuschrecken hat mich dieses Buch dazu animiert, abzunehmen. Durch dieses Buch, aber auch, weil ich davon ausgehe, daß mein Verstand sich rechtzeitig einschalten würde und weil ich viel zu gerne esse, sehe ich mich nicht in der Gefahr, magersüchtig zu werden, habe es aber tatsächlich geschafft, ein paar Kilos loszuwerden. Eine Gefahr sehe ich allerdings bei Frauen wie mir, die in der Situation sind, leichtes Übergewicht zu haben und damit unzufrieden sind. Dennoch würde ich dieses Buch Frauen, die magersüchtig sind, durchaus empfehlen, da es sehr gut die positiven aber auch negative Erfahrungen der Therapie wiedergibt und so vielleicht die Angst vor dem ersten Schritt nimmt.

3 Vergleich der beiden Bücher

So unterschiedlich wie die Autorinnen sind natürlich auch die Bücher. Zwar beschreiben beide Frauen dieselbe Krankheit, jedoch liegen unterschiedliche Ursachen zugrunde. Darüber hinaus sind die Therapieansätze komplett verschieden. Während sich Kathrin Seyfahrt freiwillig in ärztliche Behandlung begibt und dadurch in eine Klinik eingewiesen wird, erfolgt die Einweisung Valérie Valères gezwungenermaßen. Natürlich spielt das Alter der beiden Frauen eine große Rolle, was sich auf die Ursachen für die Krankheit auswirkt. Während bei V. das Elternhaus hauptsächlich ausschlaggebend war, spielt bei K. die gescheiterte Beziehung zu H. eine ebenso große Rolle wie ihr Verhältnis zu ihrer Mutter.

Da sich K. freiwillig in die Therapie begibt ist bei ihr der Wunsch, zuzunehmen und wieder ein "normales" Leben zu führen größer, als bei V. Diese hat noch nie ein "normales" Leben führen können und hat im Gegensatz zu K. ernsthafte Suizidgedanken. Im Klappentext wird berichtet, daß V. im Alter von 21 Jahren stirbt, wobei der Grund nicht explizit genannt wird.

K. hingegen kann nach einem Rückfall wieder ein relativ normales Leben führen, in dem sie sich zu ihrer überstandenen Sucht bekennt. V. nimmt nur dadurch zu, daß sie in eine Traumwelt flieht, die sie außerhalb der Klinik vergeblich zu realisieren versucht. Für K. ist bereits während der Therapie klar, daß es "draußen", außerhalb ihres "Glashauses" anders, schwieriger sein wird, die neu erworbene Sicherheit und das Selbstvertrauen aufrecht zu erhalten.

Der gravierende Unterschied liegt natürlich im Therapieansatz. Während V. nur in ihrem Zimmer ist und zum Essen bzw. Zunehmen gezwungen wird, ist die Therapie in Roseneck auf die Psyche der Patienten ausgerichtet. Durch Einzel-, Gruppen- und Ergotherapie lernen sie, alte Verhaltensmuster zu durchschauen und ggf. abzulegen. Sie erkennen, was andere Personen in ihrem Leben für eine Rolle spielen und wie sie damit umgehen können. Dazu kommt, daß K. viele Einsichten durch das normale Leben in der Klinik und den Umgang, die Gespräche, die Freizeitgestaltung mit anderen Patientinnen gewinnt. Ihr Entschluß zu malen, der für den Verlauf der Therapie sehr förderlich war, ist aus dem Gespräch mit einer anderen Patientin entstanden. Auch ihre neue Sicherheit in größeren Gesellschaften ist aus einer positiven Erfahrung in der Freizeit entstanden. K. denkt auch unabhängig von den Therapieeinheiten sehr viel über sich selbst nach. V. hingegen beschäftigt sich überwiegend damit, ihren Traum zu verwirklichen. Um das zu erreichen muß sie zunehmen, also essen.

Das Essen an sich spielt wiederum bei K.´s Therapie kaum eine Rolle, sie wird nicht gezwungen und erlebt damit Erfolgserlebnisse, wenn sie ohne Reue eine ganze Pizza oder ein Eis essen kann.

Zusammenfassend haben wir festgestellt, daß K.´s Therapieansatz erheblich effektiver und sinnvoller als der von V. ist. Das zeigt sich auch dadurch, daß K. wieder ein normales Leben führen kann, während bei V. keine wirkliche Einsicht erkennbar ist. Sollte K. in eine erneute Suchtsituation geraten, wird sie die Verhaltensmuster erkennen und entsprechend handeln oder Hilfe suchen. V. hat dazu keine Hilfestellung erhalten, da die Ursachen der Sucht nie behandelt wurden.

Von daher würden wir einer Magersüchtigen nur das Buch von Kathrin Seyfahrt empfehlen, da es konkret Hilfestellung geben kann. Das Buch von Valérie Valère hingegen könnte beim Leser eher das Gegenteil bewirken und von einer Therapie abschrecken. K. rät dem Leser in dieser Situation auf jeden Fall zur Therapie, wobei sie zugibt, daß es nie einfach ist. V.´s Bericht wirkt eher abschreckend und deprimierend.

23 von 24 Seiten

Details

Titel
Autobiographische Schreiben in psychischen Krisensituationen, Magersucht
Autor
Jahr
1997
Seiten
24
Katalognummer
V95496
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Autobiographische, Schreiben, Krisensituationen, Magersucht
Arbeit zitieren
Katrin Krimphove (Autor), 1997, Autobiographische Schreiben in psychischen Krisensituationen, Magersucht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/95496

Kommentare

  • Gast am 17.4.2003

    Autobiographische Schreiben in psychischen Krisensituationen, Magersucht.

    Nach erstem Überfliegen denke ich, sie haben alle Aspekte aufgenommen und diese auch detailliert und von verschiedenen Seiten dargestellt.

    Ich werde Ihnen nach näherer Studie noch genauere Kommentare zum Inhalt sowie zur sprachlichen Ausführung geben.

  • Gast am 18.4.2003

    Autobiographische Schreiben in psychischen Krisensituationen, Magersucht.

    Die inhaltliche Notengebung befasst sich ausschliesslich mit den Texten über das Buch "Das Haus der verrückten Kinder", währenddessen sich die sprachliche und formale Note mit dem gesamten Dossier beschäftigt.

    Der Inhalt wird mit 2/3 gewichtet, die Sprache mit 1/3.

    Anmerkung: Die Noten laufen nach schweizerischem "Recht". Es gilt: 6=sehr gut, 5=gut, 4=genügend, 3=ungenügend, 2=schlecht, 1=sehr schlecht. Noten unter 4,0 gelten als ungenügend. Die Noten werden auf 1/10 gerundet.

    1. Inhalt

    Einleitung erster Teil gut, im zweiten Teil wird bereits zuviel interpretiert und sogar schon eine "zu tiefe" Aussage gemacht 3.5
    Inhaltsangabe Zu lange, zu viele Details, eigene Gedanken (Minuspunkte)Im Präsens gehalten, textbezogen (Pluspunkte) 3
    Psychische Analyse (2x) Erster Satz bleibt ohne "Beweise" stehenWiederholungen zur InhaltsangabeEtwas einseitige Interpretation 4.5 (x2)
    Autobiographisches Schreiben Gut: Am Anfang über V.V.s Zukunft zu informieren, Direkte Reden von V.V., Form des Buches wird behandeltSchlecht: zu wenige eigene Gedanken 5.5

    2. Sprache

    Anspruch Bemerkungen Note
    Aufbau (Einleitung, Hauptteil, Schluss) Schluss ist zuwenig ausgestaltet 5
    Angemessenheit der Textgestaltung Zwischenresumés fehlen 4.5
    Angemessenheit der Wortwahl und des Ausdrucks Teilweise noch Wortwahl nahe der Mundart, Dialekt 4
    Interpunktion, Orthographie, Grammatik Sicher, Wortwahl kann verbessert werden 5.5

    Inhaltsnote (Durchschnitt): 4.2
    Sprachnote (Durchschnitt): 4.75

    Gesamtnote: 4.4

  • Gast am 8.5.2003

    bergiffserklärung.

    Hallo liebe LeserInnen der Kommentare, ich suche zwecks erarbeiten einer Hausarbeit über Essstörungen eine Begriffserklärung zu Anorexia mentalis. Sollte das nur ein älterer Begriff für A.nervosa sein? Ich konnte dazu nichts finden. Bitte antwortrt mit mal mit Lit.Angabe. Danke und Tschüß

Im eBook lesen
Titel: Autobiographische Schreiben in psychischen Krisensituationen, Magersucht



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden