Zarathustra für einen Solo-Spieler


Ausarbeitung, 1995

43 Seiten


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Zarathustra

Ein Ein-Personen-Stück

Collage mit Texten von Friedrich Nietzsche und Analogien von H.K.J. Fritsche

Diese Stück ist gewidmet dem überragenden Schauspieler und treuen Freund Hans-Peter Minetti. Besonderen Dank gehört Frau Prof. Annemarie Pieper, die mit ihrer Zarathustra Interpretation den Autor in seiner bestärkt und damit zu dieser Bearbeitung erst ermutigt hat.

Das Stück gibt dem Schauspieler viel Freiheit zur eigenen Gestaltung. Die entsprechenden Anweisungen sind als Richtlinien zu sehen, können aber, dem Charakter und Kunst des Schauspielers entsprechend, sinngemäss angepasst werden. Wichtig ist, dass Pathos allenfalls als parodierendes Überzeichnen eingesetzt wird, die Texte aber möglichst von überflüssigen Emotionen befreit dargeboten werden. Zwangsläufige aus den Texten entstehende Erregung oder Pathos, soll durch den Schauspieler als Spieler des Zarathustra immer wieder gebrochen werden, sodass damit die Figur Zarathustra zwischen Zarathustra und dem Schauspieler, sowie dem Schauspieler, der Zarathustra spielt oszilliert und die Texte so aus vielen Blickwinkeln umspielt werden können.

Bühne: Vielleicht im Hintergrund schwach angedeutet Bergzüge. Lichtstimmung diffus bis kalt. Bühnengestaltung sehr karg. Zu Beginn Projektion der griechischen Schrift des Fragmentes B52 von Heraklit:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Weltzeit - ein Kind ist sie, das spielt, ein Brettspiel spielend: eines Kindes ist die Herrschaft)

An Requisiten werden einige Spielgegenstände, Klötze, ein grosser Stein oder steinerne Bank, ein Tisch und ein Spiegel gebraucht. Die Szenerie ist eher karg und soll möglichst wenig vom Wort ablenken. Die Stimmung unbestimmt durchlichtet.

Musikalische Gestaltung: Verwendet werden Motive aus der Parsifal-Ouvertüre von Richard Wagner in einer Orchestrierung und Bearbeitung durch den Liechtensteinischen Komponisten Marco Schädler. Marco Schädler ist Komponist verschiedener Theater- und Ballettmusik, sowie von Messen, Orchester- und Kammermusik.

Die Musik wir ab Band gespielt. Zu Beginn des Stückes und während der ganzen Szene mit dem spielenden Kind Ouvertüre zu Parsifal, die sich mit dem Auftreten des Schauspielers langsam zur Dissonanz verschiebt. Die Dissonanzen verstärken sich, bei erkennbaren Parsifal- Motiven während der "Probe-Szene" des Schauspielers und werden zu Minimal-Patterns in der Verwandlung. Diese Minimal-Patterns (als "Minimals" bezeichnet), nach einzelnen prägnanten Motiven der Parsifal-Ouvertüre entnommen, treten im späteren Verlauf zur Unterstützung entsprechender Schlüsselwörter auf. In der Schluss-Szene lösen sich die Patterns in Pentatonik oder Dreiklänge auf und bilden einen schwebenden Klangteppich, wenn Zarathustra zum spielenden Kinde geworden. Folgende Minimals werden eingesetzt: "Übermensch" - "Der Letzte Mensch".

Szenen und Ablauf:

Ein Kind tritt auf, liest den Spruch und beginnt zu spielen. Parsifal Ouvert ü re setzt ein; zu den langsamen Ver ä nderungen spielt sich das Kind in den Hintergrund. (Die Szene mit dem Kind kann auch weggelassen werden. Dann soll der Text der deutschen Ü bersetzung durch eine Stimme ab Band gelesen, oder zus ä tzlich projiziert werden).

Der Schauspieler tritt auf, setzt sich an den B ü hnenrand und beginnt aus den DionysosDithyramben zu lesen:

Nicht lange durstest du noch,

verbranntes Herz!

Verheissung ist in der Luft,

aus unbekannten Mündern bläst mich’s an,

- die grosse Kühle kommt

Meine Sonne stand heiss über mir im Mittage

seid mir gegrüsst, dass ihr kommt

ihr plötzlichen Winde ("Ihr pl ö tzlichen Winde.." imitierend, ihr kühlen Geister des Nachmittags! parodierend)

Die Luft geht fremd und rein.

Schielt nicht mit schiefem

Verführerblick

die Nacht mich an ?

Bleib stark, mein tapfres Herz!

Frag nicht: warum? -

(Pathetisch werdend:)

Tag meines Lebens!

die Sonne sinkt.

Schon steht die glatte

Flut vergüldet.

Warm atmet der Fels:

schlief wohl zu Mittag

das Glück auf ihm seinen Mittagsschlaf?

In grünen Lichtern

spielt Glück noch der braune Abgrund herauf.

(etwas irritiert:)

Tag meines Lebens!

gen Abend geht’s!

Schon glüht dein Auge

halbgebrochen,

schon quillt deines Taus (fragend, zweifelnd, mit Tränengeträufel, zunehmendem Unverst ä ndnis:)

schon läuft still über weisse Meere

deiner Liebe Purpur,

deine letzte zögernde Seligkeit

Heiterkeit,

er stutzt kurz, und beginnt nochmals:

(nun verstehend)

Heiterkeit, güldene, komm!

du des Todes,

heimlichster, süssester Vorgenuss!

- Lief ich zu rasch meines Wegs?

Jetzt erst, wo der Fuss müde ward,

holt dein Blick mich noch ein,

holt dein Glück mich noch ein.

Rings nur Welle und Spiel.

Was je schwer war,

sank in blaue Vergessenheit, -

müssig steht nun mein Kahn.

Sturm und Fahrt - wie verlernt er das!

Wunsch und Hoffen ertrank,

glatt liegt Seele und Meer.

(Pathetisch kulminierend:)

Siebente Einsamkeit ...

(Fragend:)

Siebente Einsamkeit Einsamkeit...

Er unterbricht irritiert, da er sp ü rt, dass er den Text entweder nicht versteht, zumindest er aber so nicht dargeboten werden kann.

Seine Verunsicherung und Erregung sucht er abzufangen, indem er im Nietzsche-Buch einen anderen Text w ä hlt. W ä hrend er im Buch bl ä tternd sucht, spricht er, als Nietzsche, folgenden Prolog:

Ich bin ein Jünger des Philosophen Dionysos, ich zöge es vor, eher noch ein Satyr zu sein, als ein Heiliger.

Von mir werden keine neuen Götzen aufgerichtet; die alten mögen lernen, was es mit thönernen Beinen auf sich hat. Das letzte, was ich versprechen würd’, wäre, die Menschheit zu "verbessern".

Wer die Luft meiner Schriften zu athmen weiss, weiss, dass es eine Luft der Höhe ist: eine starke Luft. Man muss für sie geschaffen sein, sonst ist die Gefahr keine kleine, sich in ihr zu erkälten. Das Eis ist nahe, die Einsamkeit ungeheuer - aber wie ruhig alle Dinge im Lichte liegen! Wie frei man athmet!

Philosophie, wie ich sie gelebt, ist das freiwillige Leben in Eis und Hochgebirge. Innerhalb meiner Schriften steht für sich mein ZARATHUSTRA, es ist das eigentliche Höhenluft-Buch.

Hier redet kein "Prophet", keiner jener schauerlichen Zwitter von Krankheit und Willen zur Macht, die man Religionsstifter nennt. Man muss vor Allem den Ton, der aus diesem Munde kommt richtig hören!: Die stillsten Worte sind es, welche den Sturm bringen, Gedanken, die auf Taubenfüssen kommen lenken die Welt.

(Nun hat er den gesuchten Text gefunden. Der Schauspieler wandelt sich in Ausdruck und Maske im Verlauf der Vorrede Zarathustra zu Zarathustra.)

Als Zarathustra dreissig Jahre alt war, verliess er seine Heimat und den See seiner Heimat und gieng in das Gebirge. Hier genoss er seines Geistes und seiner Einsamkeit und wurde dessen zehn Jahre nicht müde. Endlich aber verwandelte sich sein Herz, - und eines Morgens stand er mit der Morgenröthe auf, trat vor die Sonne hin und sprach zu ihr also:

"Du grosses Gestirn! Was wäre dein Glück, wenn du nicht Die hättest, welchen du leuchtest!

Zehn Jahre kamst du hier herauf zu meiner Höhle: du würdest deines Lichtes und dieses Weges satt geworden sein, ohne mich.

Aber ich wartete deiner an jedem Morgen, nahm dir deinen Überfluss ab und segnete dich dafür.

Siehe! Ich bin meiner Weisheit überdrüssig, wie die Biene, die des Honigs zu viel gesammelt hat, ich bedarf der Hände, die sich ausstrecken.

Ich möchte verschenken und austheilen, bis die Weisen unter den Menschen wieder einmal ihrer Thorheit und die Armen wieder einmal ihres Reichthums froh geworden sind.

Dazu muss ich in die Tiefe steigen: wie du des Abends thust, wenn du hinter das Meer gehst und noch der Unterwelt Licht bringst, du überreiches Gestirn!

Ich muss gleich dir, untergehen, wie die Menschen es nennen, zu denen ich hinab will.

So segne mich denn, du ruhiges Auge, das ohne Neid auch ein allzugrosses Glück sehen kann!

Segne den Becher, welcher überfliessen will, dass das Wasser golden aus ihm fliesse und überallhin den Abglanz deiner Wonne trage!

Siehe! Dieser Becher will wieder leer werden, und Zarathustra will wieder Mensch werden."

- Also begann Zarathustra’s Untergang.

.." Also begann Zarathustra's Untergang" mit dieser Schlusszeile ist er auf den imagin ä ren Berg (einen Klotz oder andere vom Kind zur ü ckgelassene Spielrequisiten) gestiegen.

Er blickt sich verwundert lange um. Ist er nun vortragender Schauspieler oder Zarathustra oder ein Schauspieler der Zarathustra zu spielen sucht.

(Als Zarathustra :)

Untergang! Ein Aufgang. Zeugt so der Gegensatz den andern unendlich fort. Anfang und Ende sind auf dem Kreis selbiges und alles was ist, ist durch sein Gegenteil zugleich, so wie das Einfache gleich dem Schwierigen sich selbst.

Werte! Keine Werte: Musik, Tanz, Gebärde: Ewige Bewegung, stete Heiterkeit.

(Aus dem Buche weiterlesend, Zarathustra spielend:)

Vor meinem höchsten Berge stehe ich und vor meiner längsten Wanderung: darum muss ich erst tiefer hinab als ich jemals stieg:

- tiefer hinab in den Schmerz als ich jemals stieg, bis hinein in seine schwärzeste Fluth! So will es mein Schicksal: Wohlan! Ich bin bereit.

Woher kommen die höchsten Berge? So fragte ich einst. Da lernte ich, dass sie aus dem Meere kommen.

Diess Zeugniss ist in ihr Gestein geschrieben und in die Wände ihrer Gipfel. Aus dem Tiefsten muss das Höchste zu seiner Höhe kommen. -

(Normal weiterlesend:)

So stieg Zarathustra allein das Gebirge abwärts und Niemand begegnete ihm. Als er aber in die Wälder kam, stand auf einmal ein Greis vor ihm, der seine heilige Hütte verlassen hatte, um Wurzeln im Wald zu suchen. Und also sprach der Greis zu Zarathustra :

"Nicht fremd ist mir dieser Wanderer: vor manchem Jahre ging er hier vorbei. Zarathustra hiess er; aber er hat sich verwandelt.

Ja, ich erkenne Zarathustra. Rein ist sein Auge, und an seinem Munde birgt sich kein Ekel. Geht er nicht daher wie ein Tänzer?

Verwandelt ist Zarathustra, zum Kind ward Zarathustra, ein Erwachter ist Zarathustra: was willst du nun bei den Schlafenden?"

(Zarathustra spielend:)

Ich liebe die Menschen und bringe ein Geschenk, keine Almosen! Dazu bin ich nicht arm genug. Und was macht der Heilige im Walde? Er macht Lieder und singt sie, und wenn er Lieder macht, lacht, weint und brummt er und also lobt er Gott.

Sollte es denn möglich sein! Dieser alte Heilige hat in seinem Walde noch nicht davon gehört, dass Gott todt ist! -

(Zarathustra spricht zu sich, vor sich hin, w ä hrend langsam das Minimal Ü bermensch eingeblendet wird.)

Befreiung, Befreiung von lastender Schwere toter Gedanken. Öffnung! ... welch weiter Blick, wenn Einengung fällt. Ja wahrlich er ist tot: es lebe der Gott des Auf- und Untergangs. Was wäre er ohne den Menschen, lebend seinen Tod, er aber unsterblich stirbt des Menschen Leben. In diesem Weltspiel ist er, der Mensch, unentbehrlicher Mitspieler.

Ich, Zarathustra, will ihn zum Spiel befreien.

So will ich denn zu ihnen sprechen:

(Zarathustra beginnt eine Rede zu ü ben:)

Ich lehre euch den Übermenschen.

Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden soll. Was habt ihr gethan, ihn zu überwinden?

Alle Wesen bisher schufen Etwas über sich hinaus: und ihr wollt die Ebbe dieser grossen Fluth sein und lieber noch zum Thiere zurückgehn, als den Menschen überwinden?

(Minimals ausblenden)

(etwas pathetisch:)

Was ist der Affe für den Menschen? Ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham. Und ebendas soll der Mensch für den Übermenschen sein: ein Gelächter oder schmerzliche Scham.

(Zu sich erl ä uternd:)

Der alles spiegelnde Affe vergisst zuletzt sich selbst im erstarrten Bild seiner selbst, vergisst im ewigen imitieren sich auf das Leben selbst.

(Zarathustra ü bt weiter seine Rede, nun mit ver ä chtlichem Unterton:)

Was ist der Affe für den Menschen? Ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham. Und ebendas soll der Mensch für den Übermenschen sein: ein Gelächter oder schmerzliche Scham.

Ihr habt den Weg vom Wurme zum Menschen gemacht, und Vieles ist in euch noch Wurm. Einst wart ihr Affen, und auch jetzt noch ist der Mensch mehr Affe, als irgend ein Affe.

Zu sich, angeekelt:

Ja, der Wurm-Mensch, kriecherisch, heuchlerisch benutzt, beschmutzt er alles und jeden zu seinem Ziel: nur seinen niederen Nutzen im Sinn, wie will er da Leben gewinnen, sich zum Übermenschen bilden ?

Und weiter in der Rede:

( Ü bermensch Minimal einblenden)

Seht, ich lehre euch den Übermenschen!

Der Übermensch ist der Sinn der Erde. Euer Wille sage: der Übermensch sei der Sinn der Erde!

Pause bis Musik ausgeblendet ist.

Mit neuem Ansatz, recht sachlich:

Ich beschwöre euch, meine Brüder, bleibt der Erde treu und glaubt Denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden! Giftmischer sind es, ob sie es wissen oder nicht.

Verächter des Lebens sind es, Absterbende und selber Vergiftete, deren die Erde müde ist: so mögen sie dahinfahren!

Einst war der Frevel an Gott der grösste Frevel, aber Gott starb, und damit starben auch diese Frevelhaften.

(Steigernd:)

An der Erde zu freveln ist jetzt das Furchtbarste und die Eingeweide des Unerforschlichen höher zu achten, als den Sinn der Erde!

Einst blickte die Seele verächtlich auf den Leib: und damals war diese Verachtung das Höchste: - sie wollte ihn mager, grässlich, verhungert. So dachte sie ihm und der Erde zu entschlüpfen.

Nicht eure Sünde - eure Genügsamkeit schreit gen Himmel, euer Geiz selbst in eurer Sünde schreit gen Himmel!

Seht, ich lehre euch den Übermenschen!

Wieder zu sich:

Ü bermensch-Minimal erklingt ganz leise im Hintergrund.

Nur das tätige Ich ist Übermensch und Faust’en gleich gilt:

(zitierend:)

.. denn nur wer strebend sich bemüht, den können wir erlösen

weiter zu sich:

Der Übermensch ist der, der sich immer neu selbst überschreitet, vom Ende des Anfangs ew’ger Lauf: Immerwährender Tanz, ewige Wiederkehr!

Weiter die Rede ü bend:

Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Thier und Übermensch, - ein Seil über dem Abgrunde.

Ein gefährliches Hinüber, ein gefährliches Auf-dem-Wege, ein gefährliches Zurückblicken, ein gefährliches Schaudern und Stehenbleiben.

Was gross ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke und kein Zweck ist: was geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass er ein Übergang und ein Untergang ist.

(Musik ausblenden.)

Nachsinnend:

Der Weg des Übermenschen ist der Weg, der entsteht, wenn er ihn geht. Übergang - Untergang - Auf- und Niedergang, gleicher Bewegung Wort.

Weiter, innig:

Ich liebe Die, welche nicht zu leben wissen, es sei denn als Untergehende, denn es sind die Hinübergehenden.

Ich liebe die grossen Verachtenden, weil sie die grossen Verehrenden sind und Pfeile und Sehnsucht nach dem anderen Ufer.

Ich liebe Die, welche nicht erst hinter den Sternen einen Grund suchen, unterzugehen und Opfer zu sein: sondern die sich der Erde opfern, dass die Erde einst des Übermenschen werde.

Beiseite:

Denn wie will denn einer wahrhaft überwinden, wahrhaft leben, der nur nach den Sternen schielt, seine Tugenden hier dem toten Drüben opfert?

Weiter, fest:

Ich liebe Den, welcher lebt, damit er erkenne, und welcher erkennen will, damit einst der Übermensch lebe. Und so will er seinen Untergang.

Ich liebe Den, dessen Seele sich verschwendet, der nicht Dank haben will und nicht zurückgiebt: denn er schenkt immer und will sich nicht bewahren.

Vor sich hin, suchend, zweifelnd:

Doch wie werden sie mit tauben Ohren hören, blinden Augen sehen; schreien und lachen werden sie und ihr Applaus erstickt jeglichen Sinn.

Muss man ihnen erst die Ohren zerschlagen, dass sie lernen, mit den Augen hören? Muss man rasseln gleich Pauken und Busspredigern? Oder glauben sie nur dem Stammelnden?

Sie haben Etwas, worauf sie stolz sind. Wie nennen sie es doch, was sie stolz macht? Bildung nennen sie’s, es zeichnet sie aus vor den Ziegenhirten.

Drum hören sie ungern von sich das Wort "Verachtung". So will Ich denn zum ihrem Stolze reden.

(Minimal "Der letzte Mensch" einblenden:)

So will ich ihnen vom Verächtlichsten sprechen: das aber ist der letzte Mensch.

Gesammelt und klar:

So werde ich also zum Volke sprechen:

Sachlich:

Seht! Ich zeige euch den letzten Menschen

Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern? - so fragt der letzte Mensch und blinzelt.

Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte Mensch, der Alles klein macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar, wie der Erdfloh; der letzte Mensch lebt am längsten.

"Wir haben das Glück erfunden" - sagen die letzten Menschen und blinzeln.

Sie haben die Gegenden verlassen, wo es hart war zu leben.

Leicht ver ä chtlich:

Man arbeitet noch, denn Arbeit ist eine Unterhaltung. Aber man sorgt, dass die Unterhaltung nicht angreife.

Man wird nicht mehr arm und reich: Beides ist zu beschwerlich. Wer will noch regieren? Wer noch gehorchen? Beides ist zu beschwerlich.

Zynisch:

Man ist klug und weiss Alles, was geschehn ist: so hat man kein Ende zu spotten. Man zankt sich noch, aber man versöhnt sich bald - sonst verdirbt es den Magen.

Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht: aber man ehrt die Gesundheit.

Musik ab.

"Wir haben das Glück erfunden" - sagen die letzten Menschen und blinzeln.

Zarathustra hat sich etwas in Rage geredet und h ä lt leicht verbittert inne. L ä uft auf und ab, seine Mimik spiegelt den Ekel und die Verachtung f ü r den letzten Menschen in seiner Mittelm ä ssigkeit und Selbstgen ü gsamkeit.

Im Lauf st ö sst Zarathustra aus:

und dieser letzte Mensch -

dieser Mensch ist er noch Mensch -

der Mensch im Mittelmass -

lebt der Mensch in seinem Mittelmass!?

Rastlos, herumgehend:

Nichts -

nichts wagt er -

noch strebt er - wohin!

nichts bewegt er -

bewegt er sich ?

Nun ruhiger, im Zwiegespr ä ch mit sich selbst:

Sie aber werden ihn wollen, ihn den letzten Menschen. Wie können sie nach dem Übermenschen streben, da sie Tod für Leben, Leben für Tod genommen.

Alles haben, nichts geben, doch der Übermensch ist jener, der alles gibt und nichts hat: er ist verströmendes Leben, sich immerwährend neu erschaffend, in immer neuer Form, im ewig gleichen Streben.

Doch der letze Mensch ist der,

der sagt zum Augenblick:

zitierend:

"verweile doch du bist so schön"

wegwerfend:

drum ist’s um ihn geschehn.

Mit Selbstzweifel:

Jener aber, der das Alte hält und Neuem entgegenstrebt, gleicht er nicht dem Seiltänzer, der über sich stolpert und noch tiefer fällt?

Emphatisch:

Lass ihn fallen!

Solange er fällt ist Leben in ihm.

Lass ihn lernen befreit zu fliegen

ohne Netz zu stürzen, auf das Neue zuzustürzen.

Nun ganz verzweifelt:

Doch wo, wo finden sie sich die Flieger, die Stürzer, die Steiger?

Etwas ruhiger, traurig:

Gefährten brauch ich und lebendige,- nicht todte Gefährten und Leichname, die ich mit mir trage, wohin ich will.

Sondern lebendige Gefährten brauche ich, die mir folgen, weil sie sich selber folgen wollen - und dorthin, wohin ich will.

Pause. Zarathustra sammelt sich und spricht ruhig:

Und so will ich zu Gefährten sprechen:

(Zarathustra probt eine Ansprache zu imagin ä ren Gef ä hrten.)

Viele wegzulocken von der Heerde - dazu kam ich. Zürnen soll mir Volk und Heerde:

Räuber will Zarathustra den Hirten heissen.

Hirten sage ich, aber nennen sich die Guten und Gerechten. Hirten sage ich: aber nennen sich die Gläubigen des rechten Glaubens.

Siehe die Guten und Gerechten!

Wen hassen sie am meisten?

Den, der zerbricht ihre Tafeln der Werthe, den Brecher, Ver-brecher: - das aber ist der Schaffende.

Gefährten sucht der Schaffende und nicht Leichname, und auch nicht Heerden und Gläubige.

Die Mitschaffenden sucht der Schaffende, Die, welche neue Werthe auf neue Tafeln schreiben.

Den Schaffenden, den Erntenden, den Feiernden will ich mich zugesellen: den Regenbogen will ich zeigen und alle die Treppen des Übermenschen.

Zarathustra h ä lt inne, heiter erregt und froh gestimmt. Fr ö hlichkeit erf ü llt ihn, auch Vers ö hnung:

Er weiss sich nun nicht mehr verlassen; er sp ü rt schon die Gef ä hrten um sich.

Zu den imagin ä ren Gef ä hrten spricht er freundlich:

Gleich dem Regenbogen spannt sich der Übermensch zwischen Licht und Dunkel: seine Treppen führen hinan, hinab- dazwischen ruht nur der Tod.

Das Bewegende,

das Bewegte lebt,

ist Tanz:

Mit Begeisterung:

Zarathustra lehrt Euch seinen Tanz tanzen!

Zarathustra tanzt, erst langsam z ö gernd, mit kleinen Menuett-Schritten, die imagin ä ren Gef ä hrten gr ü ssend, sein Tanz wird zunehmend ausgelassen.

Zarathustra von Heiterkeit erf ü llt lacht und tanzt.

Und zum Tanz singt, spricht Zarathustra wie folgt:

Ich würd nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde.

H ä lt inne, besinnt sich:

Und als ich meinen Teufel sah, da fand ich ihn ernst, gründlich, tief, feierlich: es war der Geist der Schwere, -

(Zarathustra ’ s Tonfall wird parodierend, wenn er vom "Geist der Schwere" spricht) dann ernst:

durch ihn fallen alle Dinge.

Nicht durch Zorn, sondern durch Lachen tödtet man.

wieder lachend tanzend:

Auf, lasst uns den Geist der Schwere tödten!

In ruhigerem Tanz:

ich habe gehen gelernt: seitdem lasse ich mich laufen.

Ich habe fliegen gelernt: seitdem will ich nicht erst gestossen sein, um von der Stelle zu kommen.

Der Tanz wird freier, ausgelassener:

Jetzt bin ich leicht, jetzt fliege ich,

jetzt sehe ich mich unter mir

JETZT TANZT EIN GOTT DURCH MICH !

Zarathustra tanzt weiter. Sein Tanz beruhigt sich wird leicht, bald nur noch angedeutet. Er setzt sich auf einen Stein. Ist klar gesammelt, freundlich heiter und gel ö st.

An das Publikum:

Wer die Menschen einst fliegen lehrt, der hat alle Grenzsteine verrückt; alle Grenzsteine selber werden ihm in die Luft fliegen, die Erde wird er neu taufen - als "die Leichte".

Der Vogel Strauss läuft schneller als das schnellste Pferd, aber auch er steckt noch den Kopf schwer in schwere Erde: also der Mensch, der noch nicht fliegen kann.

Schwer heisst ihm Erde und Leben; und so will es der Geist der Schwere! Wer aber leicht werden will und ein Vogel, der muss sich selber lieben: - also lehre ich.

Nicht freilich mit der Liebe der Siechen und Süchtigen: denn bei denen stinkt auch die Eigenliebe!

Man muss sich selber lieben lernen - also lehre ich - mit einer heilen und gesunden Liebe: dass man es bei sich selber aushalte.

Fast in der Wiege giebt man uns schon schwere Worte und Werthe mit: "gut" und "böse" - so heisst sich diese Mitgift.

Zarathustra hat einen Entschluss gefasst:

So lass ich sie denn in ihr Stammbuch folgendes schreiben:

Schreibt w ä hrend er spricht in ein altes, grosses Buch:

Die drei Verwandlungen des Geistes:

Wie der Geist zum Kameel wird, und zum Löwen das Kameel, und zum Kinde zuletzt der Löwe.

Vieles Schwere giebt es dem Geiste, dem starken tragsamen Geiste, dem Ehrfurcht innewohnt: nach dem Schweren und dem Schwersten verlangt seine Stärke.

Was ist so schwer? so fragt der tragsame Geist, so kniet er nieder, dem Kameele gleich, und will gut beladen sein.

Aber der Mensch nur ist sich schwer zu tragen! Das macht, er schleppt zu vieles Fremde auf seinen Schultern. Dem Kameele gleich kniet er nieder und lässt sich gut aufladen.

Was ist das Schwerste, ihr Helden? so fragt der tragsame Geist, dass ich es auf mich nehme und meiner Stärke froh werde.

Ist es nicht das: sich erniedrigen, um seinem Hochmuth wehe zu thun? Seine Thorheiten leuchten zu lassen, um seiner Weisheit zu spotten?

Oder ist es das: von unserer Sache scheiden, wenn sie ihren Sieg feiert? Auf hohe Berge steigen, um den Versucher zu versuchen?

Alles diess Schwerste nimmt der tragsame Geist auf sich: dem Kameele gleich, das beladen in die Wüste eilt, also eilt er in seine Wüste.

Aber in der einsamsten Wüste geschieht die zweite Verwandlung: zum Löwen wird hier der Geist, Freiheit will er sich erbeuten und Herr sein in seiner eigenen Wüste.

Seinen letzten Herrn sucht er sich hier: feind will er ihm werden und seinem letzten Gotte, um Sieg will er mit grossen Drachen ringen.

Welches ist der grosse Drache, den der Geist nicht mehr Herr und Gott heissen mag? "Dusollst" heisst der grosse Drache. Aber der Geist des Löwen sagt "ich will".

"Du-sollst" liegt ihm am Wege, goldfunkelnd, ein Schuppenthier, und auf jeder Schuppe glänzt golden "Du sollst!"

Tausendjährige Werthe glänzen an den Schuppen, und also spricht der mächtigste aller Drachen:

"aller Werth der Dinge - der glänzt an mir."

"Aller Werth ward schon geschaffen, und aller geschaffene Wert- das bin ich. Wahrlich, es soll kein "Ich will" mehr geben!"

Also spricht der Drache.

Wozu bedarf es des Löwen im Geiste?

Was genügt nicht das lastbare Thier, das entsagt und ehrfürchtig ist?

Neue Werthe schaffen - das vermag auch der Löwe noch nicht:

Aber Freiheit sich schaffen zu neuem Schaffen - das vermag die Macht des Löwen.

Freiheit sich schaffen und ein heiliges Nein auch vor der Pflicht: dazu bedarf es des Löwen.

Recht sich zu nehmen zu neuen Wehrten - das ist das furchtbarste Nehmen für einen tragsamen ehrfürchtigen Geist. Wahrlich, ein Rauben ist es ihm und eines raubenden Thieres Sache.

Als sein Heiligstes liebte er einst das "Du-sollst": nun muss er Wahn und Willkür auch noch im Heiligsten finden, dass er sich Freiheit raube vor seiner Liebe: des Löwen bedarf es zu diesem Raube.

Aber was vermag nun das Kind, das auch der Löwe nicht vermochte?

Was muss der raubende Löwe auch noch zum Kinde werden?

Unschuld ist das Kind und Vergessen, ein Neubeginnen, ein Spiel, ein aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung, ein heiliges Ja-sagen.

Ja, zu Spiele des Schaffens bedarf es eines heiligen Ja-sagens: seinen Willen will nun der Geist, seine Welt gewinnt sich der Weltverlorene.

Dies sind also die drei Verwandlungen des Geistes: wie der Geist zum Kameele ward, und zum Löwen das Kameel, und der Löwe zuletzt zum Kinde.--

Zarathustra schliesst das Buch; der Spruch von Heraklit erscheint wieder.

Zarathustra wird wieder der Schauspieler, der Zarathustra spielt:

Er liest den Spruch verstehend, erst auf griechisch, dann auf deutsch:

Weltzeit - ein Kind ist sie, das spielt, ein Brettspiel spielend; eines Kindes ist die Herrschaft.

Er ü berlegt und sucht sich den Satz zu deuten:

Ja, was vermag die einzelne Figur des Brettspiels ohne Miteinander im Gegeneinander!

Jede Figur ist Figur bloss

zur andern Figur

und zusammen im Gegen-Miteinander entsteht das Spiel,

das ernste Spiel des Kindes um des Spieles willen gespielt.

Langsam wird der Schauspieler wieder Zarathustra :

Der Sieg, bah!

Ein leichtes dem Starken, den Schwachen zu erniedrigen,

wie billig als Schwacher dem Starken zu buhlen!

Ein rechtes Spiel ist’s im gleichen Gegeneinander-Minteinender, im ewigen Spiel,

im Spiel mit sich selbst.

Jeder Zug ein Überwinden,

jeder Gegenzug der Überwinder des Überwindens,

ewige Wiederkehr des Gleichen!

-doch nie des Selben:

Vielfalt in der Einheit, Einheit in aller Vielfalt.

Nun ganz Zarathustra :

Der Ernst des Kindes erst, frei von Zwecken und Frommen, vermag das Spiel zu spielen. Befreit nur ist das Kind von der Bürde des Überkommenen, sein die Zukunft.

Noch kennt es demütigende Selbsterniedrigung vor altem Popanz: ein Kind geht aufrecht und kniet nicht dem Kamele gleich.

Es ist sich selbst Wollen, kennt noch Sieg, noch Niederlage.

Auch wenn der raubende Geist des Löwen von Kamel-Lasten den Menschen befreit und ihm sein Wollen wieder gibt, überwindet erst das Kind durch sein Ja das Nein. Seine Werte stehen für sich, sein Wollen ist immer Wollen über-sich-hinaus, lebendiges, spielerisches Wollen, wie ein aus sich rollendes Rad.

Sich neu besinnend:

Doch mahnen sollt’ ich Gefährten und Brüder, zu vieles verstellt ihren Pfad:

So sei denn meine Rede, wie folgt:

Stellt sich vor dem Spiegel in Position, ü bt Haltung zu einer neuen Rede:

Es giebt Prediger des Todes: und die Erde ist voll von Solchen, denen Abkehr gepredigt werden muss vom Leben.

Voll ist die Erde von Überflüssigen, verdorben ist das Leben durch die Viel-zu-Vielen. Möge man sie mit dem "ewigen Leben" aus diesem Leben weglocken!

Da sind die Fürchterlichen, welche in sich das Raubthier herumtragen und keine Wahl haben, es sei den Lüste oder Selbstzerfleischung. Und auch ihre Lüste sind noch Selbstzerfleischung.

Sie sind noch nicht einmal Menschen geworden, diese Fürchterlichen: mögen sie Abkehr predigen vom Leben und selber dahinfahren!

Da sind die Schwindsüchtigen der Seele: kaum sind sie geboren, so fangen sie schon an zu sterben und sehnen sich nach Lehren der Müdigkeit und Entsagung.

Sie wollen gerne todt sein, und wir sollten ihren Willen gut heissen! Hüten wir uns, diese Todten zu erwecken und diese lebendigen Särge zu versehren!

"Das Leben ist nur Leiden" - so sagen Andere und lügen nicht: so sorgt doch, dass ihr aufhört! So sorgt doch, dass das Leben aufhört, welches nur Leiden ist!

"Wollust ist Sünde", - so sagen die Einen, welche den Tod predigen.

"Gebären ist mühsam", - sagen die Andern - wozu noch gebären? Man gebiert nur Unglückliche!" Und auch sie sind Prediger des Todes.

Und auch ihr, denen das Leben wilde Arbeit und Unruhe ist: seid ihr nicht sehr müde des Lebens? Seid ihr nicht sehr reif für die Prediger des Todes?

Ihr Alle, denen wilde Arbeit lieb ist und das Schnelle, Neue, Fremde, - ihr ertragt euch schlecht, euer Fleiss ist Flucht und Wille, sich selbst zu vergessen.

Sich unterbrechend:

Die grossen Verneiner können sich nicht verneinen, denn in ihrem Nein steht das falsche Ja. So fliehen sie in ihre wilde Arbeit und nennen ihren Fleiss Preis, ihr Regen Segen, und wie sie sonst noch preisen ihre Flucht.

Ich sehe und sah Schlimmeres und mancherlei so Abscheuliches, dass ich nicht von Jeglichem reden und von Einigem nicht einmal schweigen möchte: nämlich Menschen, denen es an Allem fehlt, ausser dass sie Eins zuviel haben - Menschen, welche Nichts weiter sind als ein grosses Auge, oder ein grosses Maul oder ein grosser Bauch oder irgend etwas Grosses, - umgekehrte Krüppel heisse ich Solche.

Weiter in seiner Rede:

Wenn ihr mehr an das Leben glaubtet, würdet ihr weniger euch dem Augenblicke hinwerfen.

Aber ihr habt zum Warten nicht genug Inhalt in euch - und selbst zur Faulheit nicht!

Überall ertönt die Stimme Derer, welche den Tod predigen: und die Erde ist voll von Solchen, welchen der Tod gepredigt werden muss.

Oder "das ewige Leben": das gilt mir gleich, - wofern sie nur schnell dahinfahren!

Schweigt ersch ö pft.

Leise zu sich:

Lassen wir sie dahinfahren in ihr ewiges Leben, damit sie uns das lebendige Leben lassen.

Schweigen.

Sich aufrichtend:

Wann werden sie entdecken:

Die Liebe zum Leben sei die höchste Hoffnung: und die höchste Hoffnung sei der höchste Gedanke des Lebens!

Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden soll!

Dies sei ihr höchster Gedanke.

Denn im Tun wird der Übermensch erfahren, offenbart sich Sinn im Leben. Jede Stufe ist soviel, um überwunden zu werden, ein ewiges Werden.

Aufb ä umend:

Einst sagte man Gott, wenn man auf ferne Meere blickte; nun aber lehrte ich euch sagen: Übermensch .

Gott ist eine Muthmaassung; aber ich will, dass euer Muthmaassen nicht weiter reiche, als euer schaffender Wille.

Könntet ihr einen Gott schaffen ? - So schweigt mir doch von allen Göttern! Wohl aber könntet ihr den Übermensch schaffen.

Nicht ihr vielleicht selber, meine Brüder! Aber zu Vätern und Vorfahren könntet ihr euch umschaffen des Übermenschen: und Diess sei euer bestes Schaffen! -

H ä lt inne, beruhigt sich. Neue Zweifel kommen ihm:

Doch sie werden mich fragen:

So zeige dein Tun Zarathustra! Beweise Deine Taten, denn sie verstehen nicht, Werden wird nur bei sich.

Bitter:

Wo die Einsamkeit aufhört, da beginnt der Markt; und wo der Markt beginnt, da beginnt auch der Lärm der grossen Schauspieler.

In der Welt taugen die besten Dinge noch Nichts, ohne Einen, der sie erst aufführt: grosse Männer heisst das Volk diese Aufführer.

Wenig begreift das Volk das Grosse, das ist: das Schaffende. Aber Sinn hat es für alle Aufführer und Schauspieler grosser Sachen.

Um die Erfinder von neuen Werthen dreht sich die Welt: - unsichtbar dreht sie sich.

Doch um Schauspieler dreht sich das Volk und der Ruhm: so ist der Welt Lauf.

Geist hat der Schauspieler, doch wenig Gewissen des Geistes. Er glaubt immer an Das, womit er am stärksten glauben macht - glauben an sich macht!

Der Schauspieler stockt, schient ein H ä nger zu haben, beginnt erneut:

Geist hat der Schauspieler, doch wenig Gewissen des Geistes Zu sich.

Geist spricht er uns Schauspielern ab, der grosse Philosoph und Dichter und nennt Zarathustra doch ein Tänzer...

ein Gaukler, Mime also

und spricht Nietzsche an anderem Ort nicht selbst von den Schauspielern der Tugend:

zitiert:

Wie sollte man nicht alle Künste aufgewendet haben, um seine Tugend zur Schau zu bringen, vor Allem vor sich selber, schon um der Übung willen! Was nützte eine Tugend, die man nicht zeigen konnte oder die sich nicht zu zeigen verstand! Diesen Schauspielren der Tugend tat das Christenthum Einhalt: dafür erfand es das widerliche Prunken und Paradieren mit der Sünde.

Der Mime der Griechen gegen den Schauspieler der erlogenen Sündhaftigkeit des Christentums. Die Tugend des Schauspielers gemessen an seiner eigenen Aufrichtigkeit.

Die Aufrichtigkeit zur Rolle, in der Rolle, in seiner kritischen Haltung oder in der Bedingungslosigkeit?

Schauspielerei nur eine Täuschung oder "Wahrspielerei lediglicher Mangel an Talent?

Und wie schreibt der Schöpfer unseres Zarathustra an anderem Ort:

Um die Menge zu bewegen.

- Muss nicht Der, welcher die Menge bewegen will, der Schauspieler sein selbst sein? Muss er nicht sich selbst erst in’s Grotesk-Deutliche übersetzen und seine ganze Person und Sache in dieser Vergröberung und Vereinfachung vortragen ?`

Nimmt ein Buch und liest daraus:

Die Lebens-Fürsorge zwingt fast allen eine bestimmte Rolle auf, ihren sogenannten Beruf; Einigen bleibt dabei die Freiheit, eine anscheinende Freiheit, diese Rolle selbst zu wählen, den Meisten wird sie gewählt.

Beiseite:

So sind wir Schauspieler im Punkte der scheinbaren Freiheit doch privilegiert !?

Das Ergebnis ist seltsam genug: fast alle Europäer verwechseln sich in einem vorgerückten Alter mit ihrer Rolle, sie sind selbst Opfer ihres "guten Spiels", sie haben selbst vergessen, wie sehr Zufall, Laune, Willkür damals über sie verfügt haben, als sich ihr "Beruf" entschied - und wie viele andere Rollen sie vielleicht hätten spielen können : denn es ist nunmehr zu spät! Tiefer angesehen ist aus der Rolle wirklich Charakter geworden, aus der Kunst Natur.

Und wir, die Schauspieler, wir machen Natur zur Kunst, aus flüchtigem Vergehen Monumente.

Liest weiter:

Wo der Einzelne überzeugt ist, ungefähr Alles zu können, ungefähr jeder Rolle gewachsen zu sein, wo Jeder mit sich versucht, improvisirt, neu versucht, mit Lust versucht, wo alle Natur aufhört und Kunst wird... Die Griechen, erst in diesen Rollen-Glauben - einen Artisten- Glauben, wenn man will - eingetreten, machten wie bekannt, Schritt für Schritt eine wunderliche und nicht in jedem Betracht nachahmenswerthe Verwandlung durch: sie wurden wirklich Schauspieler.

Aber was ich fürchte, was man heute schon mit Händen greift, falls man Lust hätte, darnach zu greifen, wir modernen Menschen sind ganz schon auf dem gleichen Wege; und jedes Mal, wenn der Mensch anfängt zu entdecken, inwiefern er eine Rolle spielt und inwieweit er Schauspieler sein kann, wird er Schauspieler...

So trifft denn die grosse Schauspieler-Schelte Nietzsches uns letztlich alle:

liest weiter:

Vom Problem des Schauspielers:

Das Problem des Schauspielers hat mich am längsten beunruhigt; ich war im Ungewissen darüber (und bin es mitunter jetzt noch), ob man nicht erst von da aus dem gefährlichen Begriff "Künstler" - einem mit unverzeihlicher Gutmüthigkeit bisher behandelten Begriff - beikommen wird. Die Falschheit mit gutem Gewissen; die Lust an der Verstellung als Macht herausbrechend, den sogenannten "Charakter" beiseite schiebend, überfluthend, mitunter auslöschend; das innere Verlangen in eine Rolle und Maske, in einen Schein hinein; ein Überschuss von Anpasssungs-Fähigkeiten aller Art, welche sich nicht mehr im Dienste des nächsten engsten Nutzen zu befriedigen wissen: Alles das ist vielleicht nicht nur der Schauspieler an sich?..

Ein solcher Instinkt wird sich am leichtesten bei Familien des niederen Volkes ausgebildet haben, die unter wechselndem Druck und Zwang, in tiefer Abhängigkeit ihr Leben durchsetzen mussten, welche sich geschmeidig nach ihrer Decke zu stecken, auf neue Umstände immer neu einzurichten, immer wieder anders zu geben und zu stellen hatten, befähigt allmählich, den Mantel nach jedem Winde zu hängen und dadurch fast zum Mantel werdend, als Meister jener einverleibten und eingefleischten Kunst des ewigen Verstecken- Spielens, das man bei Thieren mimicry nennt: bis zum Schluss dieses ganze von Geschlecht zu Geschlecht aufgespeicherte Vermögen herrisch, unvernünftig, unbändig wird, als Instinkt andre Instinkte kommandiren lernt und den Schauspieler, den "Künstler" erzeugt. Auch in höheren gesellschaftlichen Bedingungen erwächst unter ähnlichem Drucke eine ähnliche Art Mensch: nur wird dann meistens der schauspielerische Instinkt durch einen andren Instinkt gerade noch im Zaume gehalten, zum Beispiel bei den "Diplomaten", - ich würde übrigens glauben, dass es einem guten Diplomaten jeder Zeit noch freistünde, auch einen guten Bühnenschauspieler abzugeben, gesetzt, dass es ihm eben "freistünde".

So spielen wir alle "unser" Spiel, wir spielen ob mit dem Ernst des Kindes in seinem Weltspiel?...

Und wir Schauspieler?

Wir spielen das Spiel. Unser Spiel ist die Darstellung der Möglichkeiten des Spiels, Hinweis für die "Lebensspieler" zu erweiterten Auswahlmöglichkeiten in ihrem meist engen, festgefahrenem Rollenverständnis, oder eben nicht Rollenverständnis: Sie verwechseln Rolle mit Realität, wo Schauspieler spielerisch Realitäten in Rollen proben!

Und hier scheint der Schauspieler seiner selbst zu erliegen: so nehmen wir Schauspieler, Ihr Lebensspieler die Schelte Nietzsche als Mahnung eines stetig Besorgten:

liest weiter:

Es ist der beglückenste Wahn der grossen Schauspieler, dass es den historischen Personen, welche sie darstellen, wirklich so zu Muthe gewesen sei, wie ihnen bei ihrer Darstellung, - aber sie irren sich stark darin: ihre nachahmende und errathende Kraft, die sie gerne für ein hellseherisches Vermögen ausgeben möchten, dringt gerade nur tief genug ein, um Gebärden, Töne und Blicke und überhaupt das Äusserliche zu erklären; das heisst, der Schatten von der Seele eines grossen Helden wird von Ihnen erhascht, sie dringen bis nahe an die Seele, aber nicht bis in den Geist ihrer Objecte. Vergessen wir doch nie, dass der Schauspieler ein idealer Affe ist und doch so sehr Affe, dass er an das "Wesen" und das "Wesentliche" gar nicht zu glauben vermag: Alles wird ihm Spiel, Ton, Gebärde, Bühne, Coulisse und Publikum

Nach der Beendigung der Lesung zu sich:

Der Schauspieler also kein Schöpfer, nur Imitator, Affe, sein Spiel nur wohlfeil!

Ist es nicht so, dass der Schauspieler seiner Schöpfung das Höchste opfert: sich selbst. Tief steigt er hinab in die Erfahrung und Wissen seiner Gefühle und Regungen, menschlicher Empfindungen um es endlich im Äusseren, jedem sichtbar, als Monument abzubilden. In seiner Tat verweilt der Augenblick, drum ist es um ihn selbst gescheh’n. Und je mehr er die Empfindungen nach aussen trägt, je weiter entfernt er sich von der inneren Quelle: sein stetes Leiden ist die Gefahr des eigenen Verlustes.

Doch sein Spiel ist Welterprobung, ist die realste aller Realitäten: seine Muskeln,. seine Knochen werden Ängsten, Erinnerungen, Lust und Leiden zum sichtbaren Ausdruck geliehen.

Es ist das Blut des Schauspielers, welches Faust durchpulst, Hamlet durchschaudert.

Mein Kopf, eines Schauspielers Kopf höre nur den Applaus und alles nur ein Jahrmarkt eigener Eitelkeiten oder Anpassungen aus Lebensangst.

Dann ende hier dies Stück.

Möge Zarathustra für sich selbst sprechen; lassen wir den Philosophen selbst durch Raum und Zeit in unseren Köpfen singen, betrachten wir seinen Tanz.

W ä hrend diesen Worten hat sich der Schauspieler langsam gedreht und steht nun mit dem R ü cken zum Publikum. Lange verharrt er so. Im Hintergrund ganz leise Ü bermensch Minimals.

Nach langem Schweigen rezitiert der Schauspieler, immer noch mit dem R ü cken zum Publikum, folgendes Gedicht:

Durch so viel Formen geschritten,

durch Ich und Wir und Du,

doch alles blieb erlitten

durch die ewige Frage: wozu?

Das ist eine Kinderfrage.

Dir wurde erst spät bewusst,

es gibt nur eines ertrage

- ob Sinn, ob Sucht, ob Sage -

dein fernbestimmtes: Du musst.

Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere,

was alles erblühte, verblich,

es gibt nur zwei Dinge: die Leere

und das gezeichnete Ich.

Die Minimal-Patterns verklingen langsam bei der zweitletzten Strophe. Bei der Zeile:

".. es gibt nur zwei Dinge "

herrscht Stille.

Danach schweigt der Schauspieler einen kurzen Moment und geht dann langsam, wider zur B ü hnenmitte, wobei er folgenden Text spricht:

Langsam ist das Erleben allen tiefen Brunnen: lange müssen sie warten, bis sie wissen, was in ihre Tiefe fiel.

Abseits vom Markte und Ruhme begiebt sich alles Grosse: abseits vom Markte und Ruhme wohnten von je die Erfinder neuer Werthe.

Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit: Fliehe dorthin, wo rauhe, starke Luft weht!

( Mit der Zeile: ".. fliehe mein Freund..." hat sich der Schauspieler wieder ganz zum Publikum gedreht. Er ist nun wieder Zarathustra. )

Zarathustra spricht nun direkt zum Publikum:

Wahrlich, die Menschen gaben sich alles, ihr Gutes und Böses.

Wahrlich, sie nahmen es nicht, sie fanden es nicht, nicht fiel es ihnen als Stimme vom Himmel.

Werthe legte erst der Mensch in die Dinge, sich zu erhalten, -

er erst schuf den Dingen Sinn, einen Menschen-Sinn! Darum nennt er sich "Mensch", das ist: der Schätzende.

Schätzen ist Schaffen: hört es, ihr Schaffenden! Schätzen selber ist aller geschätzten Dinge Schatz und Kleinod.

Durch das Schätzen erst giebt es Werth: und ohne das Schätzen wäre die Nuss des Daseins hohl. Hört es, ihr Schaffenden!

Wandel der Werthe, - das ist Wandel der Schaffenden. Immer vernichtet, wer ein Schöpfer sein muss.

Immer verzichtet, wer ein Schöpfer sein will.

Zu den Werten, die ich geschaffen, gesellen sich in Unzahl jene, die ich nicht geschaffen: so bin ich im Schaffen Vernichter im Vernichten Schöpfer.

Die Werte der Herde, Vernichtung dem befreiten Ich. Keine Fragen mehr, nur noch Antworten, das Ver-Anworten des gezeichneten Ich:

Nachh ö rend, zitierend:

Es gibt nur zwei Dinge: die Leere

und das gezeichnete Ich.

Nach einer Pause zu sich:

Doch die Heerde wird sagen: alle Vereinsamung ist Schuld, wer sucht geht leicht selber verloren. So werde ich ihnen zurufen:

Als Rede:

Frei nennst du dich? Deinen herrschenden Gedanken will ich hören und nicht, dass du einem Joche entronnen bist.

Frei wovon? Was schiert das Zarathustra !

Hell aber soll mir dein Auge künden: frei wozu?

Kannst du dir selber dein Böses und dein Gutes geben und deinen Willen über dich aufhängen wie ein Gesetz? Kannst du dir selber Richter sein und Rächer deines Gesetzes?

Furchtbar ist das Alleinsein mit dem Richter und Rächer des eigenen Gesetzes.

Aber einst wird dich die Einsamkeit müde machen, einst wird dein Stolz sich krümmen und dein Muth knirschen. Schreien wirst du einst "ich bin allein!"

Schreien wirst du einst: "Alles ist falsch!"

Es giebt Gefühle, die den Einsamen tödten wollen.

Kennst du, mein Bruder, schon das Wort "Verachtung"? Und die Qual deiner Gerechtigkeit, Solchen gerecht zu sein, die dich verachten?

Du zwingst Viele, über dich umzulernen; das rechnen sie dir hart an. Du kamst ihnen nahe und giengst doch vorüber: das verzeihen sie dir niemals.

Du gehst über sie hinaus: aber je höher du steigst, um so kleiner sieht dich das Auge des Neides. Am meisten aber wird der Fliegende gehasst.

Und alle werde sie dich hassen, mehr noch sie werden dir Achtung mit Verachtung tauschen, bis dass du in ihrem Schmutze um Achtung buhlst.

Und wenn du ihre Achtung so wiedererlangst, wirst du dir selbst zum grössten Feind und Verächter.

"Wie wollt ihr gegen mich gerecht sein!

- musst du sprechen -

ich erwähle mir eure Ungerechtigkeit als den mir zugemessenen Theil!"

(Minimal "Der Letzte Mensch" einblenden)

Und hüte dich vor den Guten und den Gerechten!

Sie kreuzigen gerne Die, welche sich ihre eigene Tugend erfinden, - sie hassen den Einsamen.

Und was für Schaden auch die Bösen thun mögen: der Schaden der Guten ist der schädlichste Schaden.

Und was für Schaden auch die Welt-Verleumder thun mögen: der Schaden der Guten ist der schädlichste Schaden.

Oh meine Brüder, den Guten und Gerechten sah Einer einmal in’s Herz, der da sprach. "es sind die Pharisäer." Aber man verstand ihn nicht.

Das aber ist die Wahrheit: die Guten müssen Pharisäer sein, - sie haben keine Wahl!

Die Guten müssen Den kreuzigen, der sich seine eigene Tugend erfindet! Das ist die Wahrheit!

Den Schaffenden hassen sie am meisten: den, der Tafeln bricht und alte Werthe, den Brecher - den heissen sie Verbrecher.

Die Guten nämlich - die können nicht schaffen: die sind immer der Anfang vom Ende: -

- sie kreuzigen Den, der neue Werthe auf neue Tafeln schreibt, sie opfern sich die Zukunft, - sie kreuzigen alle Menschen-Zukunft!

Die Guten - die waren immer der Anfang vom Ende. -

Hüte dich auch vor der heiligen Einfalt!

Alles ist ihr unheilig, was nicht einfältig ist; sie spielt auch gerne mit dem Feuer - der Scheiterhaufen.

"Dem Reinen ist Alles rein" -so spricht das Volk. Ich aber sage euch: den Schweinen wird Alles Schwein!

Darum predigen die Schwärmer und Kopfhänger, denen auch das Herz niederhängt: "die Welt selber ist ein kothiges Ungeheuer."

Denn diese Alle sind unsäuberlichen Geistes; sonderlich aber Jene, welche nicht Ruhe, noch Rast haben, es sei denn, sie sehen die Welt von hinten, - die Hinterweltler!

Denen sage ich in’s Gesicht, ob es gleich nicht lieblich klingt: die Welt gleicht darin dem Menschen, dass sie einen Hintern hat, - so Viel ist wahr!

Es giebt in der Welt viel Koth: so Viel ist wahr! Aber darum ist die Welt selber noch kein kothiges Ungeheuer!

(Musik ab.)

Manchem Menschen darfst du nicht die Hand geben, sondern nur die Tatze: und ich will, dass deine Tatze auch Krallen habe.

Aber der schlimmste Feind, dem du begegnen kannst, wirst du immer dir selber sein; du selber lauerst dir auf in Höhlen und Wäldern.

Einsamer, du gehst den Weg zu dir selber! Und an die selber führt dein Weg vorbei an deinen sieben Teufeln!

Einsamer, du gehst den Weg des Schaffenden: einen Gott willst du dir schaffen aus deinen sieben Teufeln!

Mit deiner Liebe gehe in deine Vereinsamung und mit deinem Schaffen, mein Bruder; und spät erst wird die Gerechtigkeit dir nachhinken.

Mit meinen Thränen gehe in deine Vereinsamung, mein Bruder. Ich liebe den, der über sich selber hinaus schaffen will und so zu Grunde geht.-

Vor sich hin:

Und auf deinem einsamen Wege wird das Geschrei der Herde schwächer in deinen Ohren klingen, deine Tränen von deinem Lächeln zerstrahlt.

Und in deinem Über-sich-selber-hinaus-wollen, wirst du ganz Übermensch sein!

Die Herde, ja sie trachtet nach Wohlergehen, Behaglichkeit; sie rechnen und berechnen und wähnen, vom Tode schon eingeholt, Unsterblichkeit.

Der Einsame aber er wählt das ewig Fliessende; denn der Fluss dauert solange er fliesst.

Denn noch immer gilt:

In dieselben Flüsse steigen wir und steigen wir nicht; wir sind es und wir sind es nicht.

Zarathustra ist erfreut, sich an diesen Spruch erinnert zuhaben. Er sucht ihn sich selbst zu erl ä utern und macht daraus eine kleine Rede.

Wenn das Wasser Balken hat, wenn Stege und Geländer über den Fluss springen: wahrlich, da findet Keiner Glauben, der da spricht: "Alles ist im Fluss."

Sondern selber die Tölpel widersprechen ihm. "Wie? sagen die Tölpel, Alles wäre im Flusse? Balken und Geländer sind doch über dem Flusse!"

"Über dem Flusse ist Alles fest, alle die Werthe der Dinge, die Brücken, Begriffe, alles "Gut" und "Böse": das ist Alles fest! -

Kommt gar der harte Winter, der Fluss-Thierbändiger: dann lernen auch die Witzigsten Misstrauen; und, wahrlich, nicht nur die Tölpel sprechen dann: "Sollte nicht Alles - stille stehn?"

"Im Grunde steht Alles stille" -, das ist eine rechte Winter-Lehre, ein gut Ding für unfruchtbare Zeiten, ein guter Trost für Winterschläfer und Ofenhocker.

"Im Grunde steht Alles still" -:dagegen aber predigt der Thauwind!

Der Thauwind, ein Stier, der kein pflügender Stier ist, - ein wüthender Stier, ein Zerstörer, der mit zornigen Hörnern Eis bricht! Eis aber -- bricht Stege!

Oh meine Brüder, ist jetzt nicht Alles im Flusse?

Sind nicht alle Geländer und Stege in’s Wasser gefallen?

Wer hielte sich noch an "Gut" und "Böse"?

"Wehe uns! Heil uns! Der Thauwind weht!" - also predigt mir, oh meine Brüder durch alle Gassen!

Zu sich:

Ja, so werd’ ich’s ihnen deuten. Und weiter will ich meine Gefährten mahnen:

Wieder zum Publikum:

(Minimal Ü bermensch einblenden.)

Doch auch wenn Du einsam gehst, bleib mir der Erde treu, mit der ganzen Macht eurer Tugend. Also bitte und beschwöre ich euch.

Lasst sie nicht davon fliegen vom Irdischen und mit den Flügeln gegen ewige Wände schlagen! Ach, es gab immer so viel veflogene Tugend!

Hundertfältig versuchte und verirrte sich bisher so Geist wie Tugend. Ja, ein Versuch war der Mensch, lasst uns seine Verheissung im Übermenschen erfüllen.

Nicht nur die Vernunft von Jahrtausenden - auch ihr Wahnsinn bricht an uns aus. Gefährlich ist es, Erbe zu sein.

Euer Geist und eure Tugend diene dem Sinn der Erde, meine Brüder: und aller Dinge Werth werde neu von euch gesetzt!

Darum sollt ihr Kämpfende sein! Darum sollt ihr Schaffende sein!

Arzt, hilf dir selber: so hilfst du auch deinem Kranken noch. Das sei seine beste Hülfe, dass er Den mit Augen sehe, der sich selber heil macht.

Tausend Pfade giebt es, die noch nie gegangen.

Wachet und horcht, ihr Einsamen! Von der Zukunft her kommen Winde mit heimlichem Flügelschlagen; und an feine Ohren ergeht gute Botschaft.

Ihr Einsamen von heute, ihr Ausscheidenden, ihr sollt einst ein Volk sein; aus euch, die ihr euch selber auswähltet, soll ein auserwähltes Volk erwachsen: - und aus ihm der Übermensch.

Wahrlich eine Stätte der Genesung soll noch die Erde werden! Und schon liegt ein neuer Geruch ums sie, ein Heil bringender, - und eine neue Hoffnung!

(Musik ausblenden.)

Zarathustra schweigt ersch ö pft. Viel Kraft haben ihn seine Reden, seine Erprobungen gekostet. Er wirkt aber heiter und gelassen. Langsam weicht seine M ü digkeit und liebevolles Betrachten zeichnet sein Gesicht.

Fast z ä rtlich beginnt er zum Publikum zu sprechen:

Allein gehe ich nun, meine Jünger! Auch ihr geht nun davon und allein! So will ich es. Wahrlich, ich rathe euch: geht fort von mir und wehrt euch gegen Zarathustra !

Heftiger:

Und besser noch: schämt euch seiner!

Leise:

Vielleicht betrog er euch.

Wieder wie zu Beginn:

Der Mensch der Erkenntnis muss nicht nur seine Feinde lieben, sondern auch seine Freunde hassen können.

Eindringlich:

Man vergilt seinem Lehrer schlecht, wenn man immer nur Schüler bleibt.

Fr ö hlich:

Und warum wollt ihr nicht an meinem Kranze rupfen?

Leicht spottend:

Ihr verehrt mich; aber wie, wenn eure Verehrung eines Tages umfällt? Hütet euch, dass euch nicht eine Bildsäule erschlage!

Ihr sagt, ihr glaubt an Zarathustra ? Aber was liegt an Zarathustra ?

Ihr seid meine Gläubigen: aber was liegt an allen Gläubigen!

Ernsthaft:

Ihr hattet auch noch nicht gesucht: da fandet ihr mich. So thun alle Gläubigen; darum ist es sowenig mit allem Glauben.

Nun heisse ich euch, mich verlieren und euch finden; und erst wenn ihr mich Alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren.

Mehr zu sich:

Wahrlich, mit anderen Augen, meine Brüder, werde ich mir dann meine Verlorenen suchen;

mit einer anderen Liebe werde ich euch dann lieben.

Wieder direkt. Minimal Ü bermensch einblenden:

Und einst noch sollt ihr mir Freunde geworden sein und Kinder Einer Hoffnung: dann will ich zum dritten Male bei euch sein, dass ich den grossen Mittag mit euch feiere.

Zunehmend erhaben, aber ohne Pathos, mit ernster Heiterkeit:

Und das ist der grosse Mittag, da der Mensch auf der Mitte seiner Bahn steht zwischen Thier und Übermensch und seinen Weg zum Abende als seine höchste Hoffnung feiert: denn es ist der Weg zu einem neuen Morgen.

Alsda wird sich der Untergehende selber segnen, dass er ein Hinübergehender sei; und die Sonne seiner Erkenntnis wird ihm im Mittag stehen.

Zarathustra schweigt, verlorenen in eigene Visionen, getragen von eigener erhabener Heiterkeit. Er wendet sich ab. Zarathustra wird wieder zum Schauspieler, der nun mit dem Buch in der Hand in den Vordergrund tritt und liest:

Todt sind alle Götter: nun wollen wir, dass der Übermensch lebe.

diess sei einst am grossen Mittage unser letzter Wille! -

Also sprach Zarathustra .

Nun ganz vorn, wie zu Beginn des St ü ckes an der Rampe sitzend.

Das St ü ck endet wenn Zarathustra nun ganz ruhig, heiter und gelassen den Dithyrambus "Die Sonne sinkt" schmucklos "erfindet" und mit der Schlusszeile:

... Silbern, leicht, ein Fisch, schwimmt nun mein Nachen hinaus...

beginnt der Schauspieler, beginnt Zarathustra zu spielen, so wie das Kind zu Beginn des St ü ckes. Die Projektion des Heraklit Fragmentes erscheint wieder. Im Vordergrund spielt der Schauspieler zufrieden, selbstvergessen. Dazu erklingen ü bergeleitet aus dem Ü bermenschMinimal die aufgel ö sten Parsifal-Kl ä nge.

Nicht lange durstest du noch,

verbranntes Herz!

Verheissung ist in der Luft,

aus unbekannten Mündern bläst mich’s an,

- die grosse Kühle kommt

Meine Sonne stand heiss über mir im Mittage

seid mir gegrüsst, dass ihr kommt

ihr plötzlichen Winde

ihr kühlen Geister des Nachmittags!

Die Luft geht fremd und rein.

Schielt nicht mit schiefem

Verführerblick

die Nacht mich an ?

Bleib stark, mein tapfres Herz!

Frag nicht: warum? -

Tag meines Lebens!

die Sonne sinkt.

Schon steht die glatte

Flut vergüldet.

Warm atmet der Fels:

schlief wohl zu Mittag

das Glück auf ihm seinen Mittagsschlaf?

In grünen Lichtern

spielt Glück noch der braune Abgrund herauf.

Tag meines Lebens!

gen Abend geht’s!

Schon glüht dein Auge

halbgebrochen,

schon quillt deines Taus

Tränengeträufel,

schon läuft still über weisse Meere

deiner Liebe Purpur,

deine letzte zögernde Seligkeit

Heiterkeit, güldene, komm!

du des Todes,

heimlichster süssester Vorgenuss!

- Lief ich zu rasch meines Wegs?

Jetzt erst, wo der Fuss müde ward,

holt dein Blick mich noch ein,

holt dein Glück mich noch ein.

Rings nur Welle und Spiel.

Was je schwer war,

sank in blaue Vergessenheit, -

müssig steht nun mein Kahn.

Sturm und Fahrt - wie verlernt er das!

Wunsch und hoffen ertrank,

glatt liegt Seele und Meer.

Siebente Einsamkeit!

Nie empfand ich

näher mir süsse Sicherheit

wärmer der Sonne Blick.

- Glüht nicht das Eis meiner Gipfel noch?

Silbern, leicht, ein Fisch,

schwimmt nun mein Nachen hinaus

Die B ü hne bleibt offen.

H.K.J. Fritsche1 21. April 1994

[...]


1 2. Fassung Zarathustra (Neuer Text "Schauspieler") H.K.J. Fritsche 21. April 1994

43 von 43 Seiten

Details

Titel
Zarathustra für einen Solo-Spieler
Autor
Jahr
1995
Seiten
43
Katalognummer
V95497
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zarathustra, Solo-Spieler
Arbeit zitieren
Hermann K.J. Fritsche (Autor), 1995, Zarathustra für einen Solo-Spieler, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/95497

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