Hoffmann, E. T. A. - Lebensansichten des Kater Murr


Facharbeit (Schule), 1997

43 Seiten, Note: 6 (CH)


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Inhalt

1 Vorwort

2 Inhalt

3 Struktur und Aufbau

4Über den Autor

5 Personen
5.1 Portrait vom Kater Murr
5.1.1 Wie Murr zu den Wissenschaften kam
5.1.2 Charaktermerkmal Grössenwahn
5.1.3 Murr und die Liebe
5.1.4 Murr und die Aussenwelt
5.2 Lebensabschnitte des Katers Murr
5.2.1 Gefühle des Daseins, die Monate der Jugend.
5.2.2 Lebenserfahrungen des Jünglings. Auch ich war in Arkadien.
5.2.3 Die Lehrmonate. Launisches Spiel des Zufalls.
5.2.4 Erspriessliche Folgen höherer Kultur. Die reiferen Monate des Mannes.
5.3 Portrait des Kapellmeisters Johannes Kreisler
5.3.1 Kreislers Jugend
5.3.2 Kreisler zwischen Göniöhnesmühl und Sieghartsweiler
5.3.3 Kreisler im `Kater Murr'
5.4 Portrait von Meister Abraham Liscov

6 Die Handlung
6.1 Ein Wort im Voraus
6.2 Der 1. Band
6.3 Der 2. Band

7 Theorie und Geschichte
7.1 Literaturgeschichtliche Ortung
7.1.1 Bezüge zur Aufklärung
7.1.2 Sturm und Drang und Klassik
7.1.3 Romantik
7.1.4 Zur Modernität des Romans
7.2 Literaturtheoretische Ortung

8 Vermittlerrollen
8.1 Virtuelle Personen
8.2 Die Aufgabe der Virtuellen Personen

9 Wirkungsgeschichte

10 Textprobe

11 Nachwort

12 Quellenangabe und Bibliographie

1 Vorwort

Die vorliegende Deutscharbeit entstand im Sommersemester der dritten Klasse Jahrgang 97/98 an der Kantonsschule Zofingen im Typus C. Die Zielsetzung war, eine Arbeit über ein Buch eines deutschen Autors aus dem Idealismus zu verfassen.

Wir haben uns für die `Lebensansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern' von Ernst Theodor Amadeus Hoffmann entschieden. Es liegen zwei Bände des Werkes vor, es blieb jedoch bis zu Hoffmanns Tod 1822 unvollendet. Es ist nicht mehr genau nachvollziehbar, wie wir auf dieses Werk gekommen sind, aber wir können von uns behaupten, Neuland zu betreten. Es ist jedenfalls keinem der Autoren bekannt, dass schon jemals eine Deutscharbeit darüber verfasst hätte.

Ein Wort zum besseren Verständtnis: Zentrierte Texte in kursiver Schrift stammen aus dem `Kater Murr'. Zitate aus anderen Quellen sind mit einer Fussnote versehen, die eine kurze Quellenangabe macht. Für die vollständige Quellenangabe ist der Leser gebeten, die Bibilographie zu konsultieren. Im Text haben wir der besseren Leserlichkeit halber den Titel von Hoffmanns Werk jeweils auf `Kater Murr' verkürzt.

Das vorliegende Papier ist also gleichsam Experiment, und wir hoffen, dem anspruchsvollen Aufbau und der internationalen Bedeutung von Hoffmanns `Kater Murr' gerecht zu werden.

Martin Althaus & Daniel Frank

Im Mai 1998

Bruno fügt an: Die Katzheit hat eine wechselhafte Geschichte hinter sich. Als wir vor mittlerweile etwa 5000 Jahren den Menschen zu domestizieren begannen, rechnete keiner von uns damit, wie wechselhaft sie werden sollte. Im Alten Ägypten wurden wir verehrt, wie Gottheiten, wie Könige und Königinnen behandelt. Grabmähler wurden uns zu Ehren errichtet. Doch dann, im mittelalterlichen Europa, wurden wir von denen verfolgt, die wir uns als Begleiter ausgesucht hatten. Die Menschen beschuldigten uns, mit dem Teufel - wer immer das ist - im Bunde zu stehen und verbrannten uns, wie sie sich auch gegenseitig verbrannten. Manche von uns behaupteten schon damals, wir hätten einen Pakt mit der Grossen Ratte abgeschlossen, als wir uns dem Homo Sapiens anschlossen. Aber die Zeiten haben sich geändert. Mit Hilfe der Menschen eroberten wir auf deren Schiffen die ganze Welt, etablierten uns in Amerika, Australien und Afrika. Und im 18. Jahrhundert gelang es uns schliesslich, die geistigen Fesseln, die uns der Mensch aufzuzwingen versuchte, abzustreifen und einige grosse Gelehrte gingen aus unseren Reihen hervor: einen davon nennt Murr als seinen Ahnherren: den gestiefelten Kater, über den der Mensch Ludwig von Tieck in einem seiner Bücher berichtete.

Und nun schreiben zwei Menschen, die kaum ihr Babyfell abgelegt haben, eine Arbeit über meines Artgenossen Werk. Nun, die Arbeit ist ja durchaus... hübsch, jedoch vermisste ich die Sichtweise der Felidae in der ganzen Angelegenheit und habe mir deshalb die Freiheit herausgenommen, dort, wo es mir notwendig erschien, Ergänzungen und Korrekturen durchzuführen. Um jedoch die Verdienste der beiden Menschen nicht zu schmälern, habe ich meine Kommentare durch das Akronym `Bfa' für `Bruno fügt an' gekennzeichnet.

Doch genug gesagt, nicht ich bin es, um den es hier geht, es ist der Kater Murr, vor dem ich mich demütig verneige. Und in aller Bescheidenheit füge ich mich ein in die Reihe der grossen Felidae: Ra, der ägyptische Sonnengott, der gestiefelte Kater und last but not least Murr.

Bruno

3 Struktur und Aufbau

Keinem Buche ist ein Vorwort nötiger als gegenwärtigem [...].

Dies ist Hoffmanns Auftakt zum `Kater Murr', die Einführungsworte des vom fiktiven Herausgeber dem Werk beigefügten Vorworts. Und Hoffmann (sowohl als Autor wie als Herausgeber) hat recht mit seiner Feststellung, denn in seiner Erscheinung unterscheidet sich der `Kater Murr' von allem, was epochentypisch ist. Das Buch setzt sich zusammen aus einer chronologisch geordneten, in sich geschlossenen Lebensbetrachtung des Katers und ungeordneten, fragmentarischen Ausschnitten aus der Biographie des Kapellmeister Kreisler, die die Lebensbetrachtung unterbrechen. Letztere werden als Makulaturblätter bezeichnet (MakBl). Folgt im Textverlauf wiederum ein Teil der Katerbiographie, ist diese durch das Akronym M.f.f. (Murr fährt fort) gekennzeichnet

Der Herausgeber erklärt dies durch die fiktive Entstehungsgeschichte des Buches. Dergemäss soll nämlich der Kater Murr jeweils die Rückseiten der Blätter aus Kreislers Biographiemanuskripts für seine eigenen Notizen benutzt haben. Bei der Drucklegung der `Lebensansichten des Katers Murr' habe sich nun, so Hoffmann in seiner Herausgeberrolle, ein Fehler eingeschlichen und einige Seiten aus Kreislers Biographie seien aus Versehen mit in Druck gegangen.

Mit diesem Aufbau des Werkes war Hoffmann seiner Zeit weit voraus. Erst mit dem Beginn der Moderne machte Hoffmanns Aufbau Schule. Die Textsorte des `Kater Murr' wurde in dieser Epoche als Montage bekannt, die `dem hektischen Lebensrhythmus einer zusammenhangslos scheinenden Welt'1 zu entsprechen sucht. Hoffmann war sich dieser `Auflösungserscheinungen' der romantischen Harmonie und All-Einheit offenbar bereits bewusst, ebenso der Gefahren, die sich aus diesen `Auflösungserscheinungen' für den Künstler ergeben. Man rechnet den `Kater Murr' deshalb der Schwarzen Romantik an, als deren Meister Hoffmann bezeichnet wird.2

Der `Kater Murr' bleibt in seiner Gesamtheit Fragment. Zwar führt Hoffmann den zweiten Band mit Murrs Tod sinnvoll zu Ende, jedoch bleibt er die vom Biographen versprochene Aufklärung über die unklaren Passagen aus Kreislers Leben schuldig:

`Wie es eigentlich mit der Mitteilung dieser Nachrichten herging, sollst du, sehr lieber Leser! noch vor dem Schlusse des Buchs erfahren, und dann wirst du vielleicht das rhapsodische Wesen des Ganzen entschuldigen, vielleicht aber auch meinen, dass, trotz des Anscheins der Abgerissenheit, doch ein fester, durchlaufender Faden alle Teile zusammenhalte.' Seite 47

Man muss sich jedoch immer vor Augen halten, dass der `Kater Murr' ein unvollendetes Werk ist. Hoffmann stellt in der `Nachschrift des Herausgeber' einen dritten Band in Aussicht, der nach dem Tode des Katers das

`von Kreislers Biographie noch Vorgefundene den geneigten Lesern mittelit' Seite 370

Mit dieser Unvollständigkeit kann auch der sehr komplizierte Handlungsablauf entschuldigt werden, der es dem Leser zu Anfang nicht einfach macht, sich in den Text einzulesen. Mit zunehmendem Fortschreiten der Handlung eröffnen sich dem Leser jedoch Verbindungen, die den Akteuren notwendigerweise verborgen bleiben müssen. Parallelen in der Handlung, Schnittstellen, unvermitteltes Vorgreifen der Handlung und der daraus resultierende Déjà-vu- Effekt bilden gerade eines der wichtigsten humoristischen Stilmittel, mit denen Hoffmann arbeitet.

Obwohl die Murr-Geschichte und die Kreisler-Biographie getrennt verlaufen, gibt es einige Punkte, an denen sie sich treffen. Diese Angelpunkte sind von zentraler Bedeutung für den Verlauf der beiden Geschichten. Eine permanent vorhandene Schnittstelle ist die Person von Meister Abraham Liscov. Er verbindet die zwei Geschichten durch seine blosse Anwesenheit, ist er doch einerseits Vertrauensperson von Johannes Kreisler und andererseits der Meister vom Kater Murr. Ohne ihn wäre der Leser wohl verloren und würde irgendwo zwischen den Fragmenten steckenbleiben, krampfhaft auf der Suche nach Zusammenhängen.

Es gibt aber auch Schnittstellen im Handlungsfaden. Die erste bildet gleichzeitig den Startpunkt für die Murr-Geschichte. Es handelt sich dabei um das Fest am Hof. Abraham ist anwesend und findet im Park in einem Bach den kleinen Murr. Der Kater befindet sich also selbst am Hof, eine deutlichere Verknüpfung gibt es fast gar nicht.

Eine zweite Verknüpfung ergibt sich gegen Ende der Handlung. Abraham begibt sich auf eine längere Reise und übergibt den Kater seinem Freund Kreisler, damit dieser auf ihn aufpasse. Somit vereinigt Murr die beiden Geschichten in sich. Interessant dabei ist: Diese Begebenheit wird im ersten Makulaturblatt geschildert, ist also Beginn der Kreisler-Geschichte. Aus der Sicht von Murr erscheint diese Episode erst ganz am Schluss, im letzten Biographie- Abschnitt. Der Kreis hat sich somit geschlossen.

Abschliessend bleibt zu sagen, dass selbst die Murrhandlung, von der sich der Leser zu Anfang Kontinuität und Abgeschlossenheit erwartet, durch des Katers frühen Tod Fragment bleiben muss. Und damit werden die Versprechen des Biographen in ihr Gegenteil verkehrt: nicht die Kreislerhandlung gleicht sich in ihrer Struktur der Murrhandlung an, nicht die Kreislerhandlung wird zu einem vollständigen Ganzen erweitert, es ist genau umgekehrt. Die Murrhandlung wird zerrissen, die Biographie muss unvollständig bleiben durch den plötzlichen Tod des Protagonisten, sie gleicht sich dadurch der Kreislerhandlung an in ihrer Unvollkommenheit. Niemals wird der Leser erfahren, ob sich auch Murr hätte mit den Problemen des schwarzromantischen Künstlers, mit dem drohenden Wahnsinn herumschlagen müssen. Und ob er wie Abraham siegreich aus diesem Kampf hervorgegangen wäre; geistig gesund und sich selbst treu geblieben,

4 Über den Autor

Hoffmann wird am 24. Januar 1776 in Königsberg in Preussen als Sohn des Hofgerichtsadvokaten Christoph Ludwig und seiner Frau Louise Albertine Hoffmann geboren. Seine Eltern taufen ihn auf den Namen Ernst Theodor Wilhelm, erst zu einem späteren Zeitpunkt nimmt er aus Verehrung für Mozart dessen zweiten Vornamen Amadeus an und nennt sich Ernst Theodor Amadeus, unter welchem Namen er auch alle seine Werke veröffentlichte und in die Literaturgeschichte einging.

Hoffmann ist gerade zwei Jahre alt, als seine Eltern sich scheiden lassen. Das Kind wächst in der Familie der Mutter auf. In dieser Zeit baut Hoffmann eine enge Bindung zu seiner Tante Charlotte, genannt `Füsschen' auf, die im `Kater Murr' verewigt wurde. Während Hoffmanns Vater im Jahre 1781 von Königsberg weg versetzt wird, tritt Hoffmann in die reformierte Burgschule ein, die er bis 1792 besucht. In dieser Zeit lernt er Theodor Gottfried Hippel kennen, Neffe des gleichnamigen Schriftstellers. Hoffmann besucht ab 1790 Musikstunden beim Domorganisten Podbieski sowie Zeichenunterricht beim Maler Saemann.

1792 immatrikuliert sich Hoffmann an der Universität in Königsberg, wo er das Studium der Rechte beginnt. Neben seinem Studium erteilt er Klavierstunden, wo er 1794 Dora Hatt kennenlernt und eine leidenschaftliche Beziehung zu ihr aufbaut. Diese Liebe findet ihren Niederschlag in seinem Werk `Das Majorat'. Ein Jahr später macht Hoffmann sein erstes Examen und arbeitet im Folgenden als Referendar am Gericht in Königsberg.

Im Abstand von nur etwas mehr als einem Jahr sterben 1796/97 Hoffmanns Eltern. Hoffmann trennt sich von Dora Hatt, verlässt Königsberg und zieht nach Glogau. 1798 verlobt er sich mit Minna Doerffer, der Tochter seines Onkels, bevor er nach bestandenem Referendarsexamen nach Berlin versetzt wird.

1802 löst Hoffmann seine Verlobung mit Minna. Er ist inzwischen Assessor am Obergericht in Posen, wird jedoch wegen Karikaturen einflussreicher Persönlichkeiten der Posener Obrigkeit strafversetzt. Im Juli heiratet Hoffmann Marianna Rorer, genannt Mischa. Er wird zum Regierungsrat ernannt.

1805 wird Hoffmanns Es-Dur-Symphonie erstmals aufgeführt, nachdem ihr schon diverse Singspiele vorausgegangen waren. In demselben Jahr wird Hoffmann Vater einer Tochter, die er Cäcilia tauft. Ein Jahr später marschieren die napoleonischen Truppen in Preussen ein. Hoffmann verweigert den Treueeid auf die französische Flagge und verliert seine Stellung bei den preussischen Behörden. Das darauffolgende Jahr wird für Hoffmann sehr schwierig. Er erkrankt schwer, will nach Wien auswandern, erhält jedoch kein Visum. Sein Versuch, eine künstlerische Laufbahn zu ergreifen, scheitert. Im August stribt seine Tochter Cäcilia.

Von 1808 bis 1812 arbeitet Hoffmann am Bamberger Theater. Er gerät in eine schwere Persönlichkeitskrise und glaubt, wahnsinnig werden zu müssen. In diese Zeit fällt eine leidenschaftliche Beziehung zu einer seiner Gesangsschülerinnen, deren Familie untersagt ihr allerdings nach kurzer Zeit den Kontakt zu Hoffmann.

1813 erhält Hoffmann das Angebot, Kapellmeister in Dresden zu werden. Er beginnt mit der Niederschrift der `Nachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza'. `Don Juan' erscheint. Ausserdem verfasst er den Entwurf zum `Goldenen Topf'. 1814 folgt die Erzählung `Die Automate'. Im selben Jahr schreibt Hoffmann auch den ersten Band der `Elixiere des Teufels'. Die ersten zwei Bände der `Fantasiestücke in Callots Manier' erscheinen. Im September desselbigen Jahres zieht Hoffmann nach Berlin, wo er am Kammergericht arbeitet und Fouqué, Tieck, Bernhardi und Chamisso kennenlernt. Endlich gelingt Hoffmann der Durchbruch. Gerade in literarischen Kreisen wird er hochgeschätzt.

1816 wird Hoffmanns Oper `Undine' uraufgeführt und erlebt im folgenden Jahr dreizehn Wiederholungen. Bis 1818 ist Hoffmann sehr produktiv. Es erscheinen unter anderem `Der Artushof', `Klein Zaches genannt Zonniober', der zweite Teil der `Nachtstücke' sowie `Meister Martin der Küfner und seine Gesellen'.

Im Sommer 1818 erwirbt Hoffmann einen Kater, den er auf den Namen Murr tauft. Im Oktober beendet er seine Arbeit an der Erzählung `Das Fräulein von Scudéry'. Hoffmann wird 1819 in die Untersuchungskommission zur Ermittlung hochverräterischer Verbindungen berufen, kann sich allerdings mit deren Verhalten nicht anfreunden. Er fordert wiederholt die Freilassung sogenannter Demagogen und übt sowohl im `Kater Murr' als auch in der Erzählung `Meister Floh' harsche Kritik am System. Letztere wird später aus diesem Grunde verboten. Im Dezember 1819 erscheint der erste Band des `Kater Murr', vordatiert auf 1820.

1820 erscheint die Erzählung `Prinzessin Brambilla', 1821 im Dezember der zweite Band zum `Kater Murr', wiederum vordatiert auf 1822. In der Nacht vom 29. auf den 30. November stirbt Hoffmanns Kater Murr.

Anfang des Jahres 1822 erkrankt Hoffmann schwer. Die preussischen Behörden beschlagnahmen das Manuskript von `Meister Floh' und gegen Hoffmann wird ein Disziplinarverfahren eröffnet. Im Februar diktiert Hoffmann seine Verteidigungsschrift und den Schluss des Märchens `Meister Floh'. Im März schliesslich verfasst er sein Testament und erleidet bald danach eine völlige Lähmung. Um den 10. Juni diktiert Hoffmann die Anekdote `Naivität' und die Erzählung `Der Feind', die allerdings unvollendet bleibt. Zwei Wochen später, am 25. Juni 1822 stirbt Ernst Theodor Amadeus Hoffmann im Alter von 46 Jahren.

5 Personen

Es mag vielleicht etwas ungewöhnlich anmuten, die Personenbeschreibung vor die Zusammenfassung der Handlung zu plazieren, jedoch erschien uns diese Massnahme im Sinne des Verständnisses als notwendig. Wie wir bereits unter dem Titel `Struktur und Aufbau' bemerkt haben, erschliesst sich die Handlung dem Leser nicht ohne weiteres.

5.1 Portrait vom Kater Murr

Nach einem Fest am Hof befindet sich Abraham Liscov auf dem Heimweg durch den Park. Als er eine Brücke überquert, hört er unter sich ein klägliches, hohes Miauen. Ein kleines Kätzchen klammert sich an einen Pfeiler, kann sich nur mit grösster Mühe über Wasser halten. Abraham überlegt nicht lange, rettet das Tierchen aus dem Bach, steckt es in seine Rocktasche und nimmt es mit nach Hause.

Die Katze entpuppt sich als Kater und Abraham nennt ihn Murr. Das Fell des Katers ist von seltener Schönheit. Die grauen und schwarzen Streifen auf dem Rücken laufen auf dem Kopf zusammen und bilden auf der Stirne die wunderlichsten Muster. Der Schweif ist ebenfalls gestreift und dabei äusserst lang und stark. Scheint die Sonne ins Fell, kann man sogar an einigen Stellen noch goldgelbe Streifen wahrnehmen.

Vom ersten Augenblick an hat sich Abraham in den Kater vernarrt und macht es sich in der Folge zur Aufgabe, ihn aufzuziehen.

5.1.1 Wie Murr zu den Wissenschaften kam

Kater Murr merkt er bald, dass sich Abraham oft mit den Wissenschaften beschäftigt. Er studiert dicke Bücher in seinem kleinen Studierzimmer. Das weckt Murrs Neugier, er möchte wissen, was in den Büchern und Manuskripten so alles steht. Als der Meister abwesend ist, schleicht sich Murr ins Zimmer, springt auf den Schreibtisch und beginnt in aller Seelenruhe Manuskripte zu zerfetzen. Dabei merkt er nicht, dass Abraham ins Zimmer kommt und empfängt eine kräftige Tracht Prügel. Das verdirbt dem Kater aber die Lust auf die Wissenschaften nicht. Bei der nächsten Gelegenheit macht er es sich wieder auf dem Tisch bequem und öffnet ein Buch, den `Knigge', lässt es aber heil. Als er wiederum von Abraham überrascht wird, lacht dieser nur, da es aussieht, als ob der Kater in dem Buch lesen würde. Von da an lässt der Meister den Kater gewähren, er darf sich im Studierzimmer aufhalten.

Murr macht es sich zur Gewohnheit, hinter Abraham zu sitzen, wenn dieser liest. Abraham liest oft laut in den Büchern, so kann Murr gleichzeitig die Zeichen im Buch sehen und die Stimme des Meisters hören. Auf diese Art erlernt der Kater in kurzer Zeit das Lesen. Doch bald schon genügt ihm das nicht mehr.

Wie ich nun fertig las und ich mich täglich mehr mit fremden Gedanken vollstopfte, fühlte ich den unwiderstehlichen Drang, auch meine eignen Gedanken, wie sie der mir inwohnende Genius gebar, der Vergessenheit zu entreissen, und dazu gehörte nun allerdings die freilich sehr schwere Kunst des Schreibens.

Seite 35

Mit dem Schreiben ist es dann so eine Sache. Murr versucht krampfhaft, dem Meister abzuschauen, wie dieser die Feder führt, kommt aber dabei auf keinen grünen Zweig. Schliesslich hat er eine Idee.

Ich vermutete nämlich, dass die Unmöglichkeit, die Feder, den Stift so zu halten wie mein Meister, wohl in dem verschiedenen Bau unserer Hände liegen könne, und diese Vermutung traf ein. Ich musste eine andere, dem Bau meines rechten Pfötchens angepasste Schreibart erfinden und erfand sie wirklich, wie man wohl denken mag.

Seite 35

Der Leser erfährt nicht, wie denn nun die Erfindung aussieht. Es ist aber zu vermuten, dass es sich um eine Feder handelt, die nicht stabförmig, sondern irgendwie breit gebaut ist, sodass sie von einer fingerlosen Pfote gehalten werden kann.

Nachdem der Kater einige Schwierigkeiten mit dem Tintenfass überwunden hat, steht seiner literarischen Karriere also nichts mehr im Wege.

Damit die Welt sich dereinst nicht zankeüber die Zeitfolge meiner unsterblichen Werke, will ich hier sagen, dass ich zuerst den philosophisch-sentimental-didaktischen Roman schrieb: "Gedanke und Ahnung oder Kater und Hund". Schon dieses Werk hätte ungeheures Aufsehen machen können. Dann, in allen Sätteln gerecht, schrieb ich ein politisches Werk unter dem Titel: "Über Mausefallen und deren Einfluss auf Gesinnung und Tatkraft der Katzheit", hierauf fühlt' ich mich begeistert zu der Tragödie "Rattenkönig Kawdallor". Auch diese Tragödie hätte auf allen nur erdenklichen Theatern unzählichemal mit dem lärmendsten Beifall gegeben werden können.

Seite 35/36

5.1.2 Charaktermerkmal Grössenwahn

Wie wir alle wissen, sind Katzen äusserst eigenwillige und stolze Tiere, sie lassen sich nur schwer durch Menschen erziehen. Diese Eigenschaften treffen natürlich auch auf unseren guten Kater Murr zu. Doch es bleibt nicht nur beim Stolz. In seinen philosophischen Höhenflügen arten diese Gefühle in wahre Arroganz und schieren Grössenwahn aus, wobei Murr das Geschlecht der Katzen - und sich selbst im Besonderen - zur Krone der Schöpfung erhebt.

"Mich erfreute des Meisters Lob ganz ungemein, mit innerm Wohlbehagen fühlte ich meine Überlegenheitüber mein ganzes Geschlecht,über ein ganzes Heer verirrter Kater ohne Ortsinn und wunderte mich, dass ich selbst das ganz Ungemeine meines Verstandes nicht hinlänglich eingesehen."

Seite 130

Diese Worte denkt Murr, nachdem er nach langem Irrlauf in der Stadt wieder zu Hause

angekommen ist. Was er später allerdings nur kurz in einem Nebensatz antönt ist, dass ihn der Pudel Ponto, sowie ein wütender Schornsteinfeger auf den richtigen Nachhauseweg gebracht haben. Doch dies sind in den Augen Murrs sowieso nur unwichtige Details, Hauptsache, er streicht das Lob seines Meisters ein.

B.f.a.: Ich möchte an dieser Stelle die Betrachtungen der frevelhaften Menschensöhne kurz unterbrechen und, der geneigte Leser wird mir dabei zustimmen, meine vehemente Opposition anbringen. Es ist, gelinde gesagt, eine Unverschämtheit, im Zusammenhang mit der Katzheit das Wort "Grössenwahn" zu formulieren, ist doch der Kater als solches das, im Bezug auf die Körperlänge, kleinere Geschöpf als der Mensch.

So wisset denn, das Geschlecht der Felidae ist erhaben über die anderen, im Dunste der Randexistenz einherwandelnden, diesen Erdball bevölkernden Wesen. Besonders das Menschengeschlecht sollte den Mund nicht allzu voll nehmen. Wir sind überlegen, was die körperlichen Fähigkeiten wie Klettern, Springen, um nur wenige Beispiele zu nennen, anbelangt. Dabei wissen wir Katzen, wie es sich leben lässt. Die uns bereits angeborenen Lieblingsbeschäftigungen wie Schlafen, Faulenzen und an der Sonne liegen, weiss der Mensch irgendwie nicht zu schätzen, nein, er rennt vielmehr ständig irgendwelchen anstrengenden Tätigkeiten hinterher, die er "Arbeiten" nennt.

Im Übrigen, die Erziehung der Menschen ist ein Kinderspiel. Jüngling, der du frisch bei einem Meister eingezogen bist, passe jetzt gut auf und lerne von mir, der die Weisheiten erfahren, und mit der Brillanz seines Verstandes, und der Scharfsinnigkeit seines Geistes aufs Papier gebracht hat. Willst du gekrault werden, was, so glaube ich, keine wahre Katze je ablehnt, lass einige anmutige Töne hören, welche von den Menschen "Schnurren" genannt werden, bist du aber hungrig oder durstig, so äussere dich durch ein deutliches "Miau", in welche du ruhig einige, wenn auch gespielte, Gefühle der Wehklage einbringen darfst.

Für den Kater Murr sind Lob, Ansehen, Bewunderung und sein Ruf sehr wichtig. Bei fast allem, was er tut, überlegt er sich, wie der Rest der Katzenwelt wohl darauf reagieren wird und ob dadurch sein Ansehen steigt.

Und es macht mir doch so viel Freude, wenn ich tüchtig bewundert werde, selbst das Lob junger, gemeiner, ungebildeter Kater tut mir unbeschreiblich wohl. Ich weiss sie vor Erstaunen ausser sich selbst zu setzen, aber was hilft's, sie können doch, bei aller Anstrengung, nicht den rechten Lobposaunenton treffen, schreien sie auch noch so sehr mau - mau! - An die Nachwelt muss ich denken, die mich würdigen wird. Schreib' ich jetzt ein philosophisches Werk, wer ist's, der die Tiefen meines Geistes durchdringt? Lass' ich mich herab, ein Schauspiel zu dichten, wo sind die Schauspieler, die es aufzuführen vermögen? Lass' ich mich ein auf andere literarische Arbeiten, schreib' ich z. B. Kritiken, die mir schon deshalb anstehen, weil ichüber alles, was Dichter, Schriftsteller, Künstler heisst, schwebe, mich gleichüberall selbst als, freilich unerreichbares, Muster, als Ideal der Vollkommenheit hinstellen, deshalb auch allein ein kompetentes Urteil aussprechen kann, wer ist's, der sich auf meinen Standpunkt hinaufzuschwingen, meine Ansichten mit mir zu teilen vermag? - Gibt es denn Pfoten oder Hände, die mir den verdienten Lorbeerkranz auf die Stirne drücken könnten?

Seite 159

5.1.3 Murr und die Liebe

Den Dichtern ist nicht allemal ganz zu trauen, nach dem, was ich aber sonst darüber weiss und gelesen habe, muss die Liebe eigentlich nichts anders sein als ein psychischer Krankheitszustand, der sich bei dem menschlichen Geschlecht als partieller Wahnsinn darin offenbart, dass man irgendeinen Gegenstand für etwas ganz anders hält, als was er eigentlich ist, z. B. ein kleines, dickes Ding von Mädchen, welche Strümpfe stopft, für eine Göttin.

Seite 114

Dies ist in den frühen Jünglingsjahren Murrs Einstellung zur Liebe. Eine Krankheit, ein vorübergehendes Leiden, ein heilbarer Zustand. Aus diesen nüchternen Begriffen wird klar, dass Murr die Liebe noch nicht selbst erlebt hat. Er hat nur darüber gelesen und glaubt nun, alles zu wissen.

Als sich Murr unsterblich in eine Katzendame namens Miesmies verliebt, treffen ihn die Gefühle und Emotionen mit voller Kraft. Da Murr anfänglich von Miesmies abgewiesen wird, fällt er in tiefen Liebeskummer.

Ha, welcher Zustand! - mir schmeckte kein Bissen, die Wissenschaften ekelten mich an, ich mochte weder lesen noch schreiben.

Seite 161

Da versucht der Kater, seinen Gefühlen auf die Spur zu kommen und sich klar zu werden über seine Situation, indem er Bücher über die Liebe liest.

Endlich fuhr es mir plötzlich durch den Sinn, dass ich in irgendeinem Schauspiel gelesen, ein gleichgültiger Sinn und ein verwilderter Bart seien sichere Kennzeichen eines Verliebten! - Ich schaute in einen Spiegel. Himmel, mein Bart war verwildert! - Himmel, mein Sinn war gleichgültig!

Seite 161

Als kurz darauf die Liebe Murrs von Miesmies erwidert wird, schwebt der Kater im siebten Himmel. Beim gemeinsamen Singen von Arien und Opern schwappen seine Gefühle für die hübsche Kätzin über. Er widmet ihr Gedichte und Bücher, doch sehr bald merkt Murr, dass seine Zuneigung für Miesmies abflaut. Als er dann noch erfährt, dass die Katze ein Verhältnis mit einem fremden Kater hat, ist es mit der Liebe engültig vorbei. Die beiden trennen sich in Frieden und Murr wendet sich erneut mit vollem Elan den Wissenschaften zu.

In der ganzen Art und Weise der Liebe von Murr offenbaren sich stark romantische Elemente. Von praktisch einem Tag auf den anderen wechseln seine Gefühle ins entgegengesetzte Extrem. Es ist ein Auf und Ab, weiss und schwarz, Tag und Nacht. Dargestellt wird dies sehr gut durch Murrs Arbeit an den Wissenschaften. Vor seiner Liebschaft war er verbissen daran, vom Moment an, als er Miesmies kennenlernte, scherte er sich keinen Deut mehr darum, um schlussendlich wieder bei seiner angestammten Tätigkeit zu landen.

5.1.4 Murr und die Aussenwelt

Kater Murr mag ein genialer Dichter, Denker und Philosoph sein. Was er aber mit Sicherheit nicht hat, ist Lebenserfahrung. Die lässt sich im Kämmerlein und Studierzimmer des Meisters Abraham nicht erlangen. Lebenserfahrung mit allem was dazugehört: Umgang mit anderen Individuen, richtige Selbsteinschätzung, ein gesunder Mittelweg zwischen Egoismus und Rücksicht usw.

Es gibt, zugegebenermassen selten, Momente, in denen sich Murr klar wird über seine Position im sozialen Gefüge und über sein Manko in der Praxis des Lebens. Seine Bedenken und Zweifel verfliegen aber jeweils sehr schnell und weichen dem gewohnten Gefühl der Selbstsicherheit und Selbstverherrlichung.

Wie kommt es, sprach ich zu mir selbst, indem ich sinnig die Pfote an die Stirn legte, wie kommt es, dass grosse Dichter, grosse Philosophen, sonst geistreich, lebensweise, sich im sozialen Verhältnis mit der sogenannten vornehmeren Welt so unbehülflich zeigen?

Seite 346

Unbehülflich zeigt sich Murr auch, als er auf einem seiner Ausflüge in die Stadt hungrig wird. Er möchte gerne bei einem Mädchen ein Stück Wurst erbetteln, stellt sich aber so ungeschickt an, dass es nach Diebstahl aussieht und das Kind mit einem Ast nach dem Kater wirft. Zutiefst beschämt und schmollend muss Murr nachher eine Rede vom Pudel Ponto hinnehmen, in der es um des Katers Weltfremdheit geht.

Sieh, Freund Murr, immer hast du geprahlt mit deiner Wissenschaft, mit deiner Bildung, immer hast du vornehm getan gegen mich, und nun sitzetst du da, verlassen, trostlos, und all die grossen Eigenschaften deines Geistes reichen nicht hin, dich zu belehren, wie du es anfangen musst, deinen Hunger zu stillen und nach Hause zurückzuzfinden zu deinem Meister.

Seite 101

5.2 Lebensabschnitte des Katers Murr

Murr teilt seine Biopraphie in vier Phasen ein, die sich nach markanten Punkten in seinem Leben richten. Es sind auch diese vier Abschnitte, in welchen sich seine Einstellungen, Gefühle und Emotionen unterscheiden und ändern.

5.2.1 Gefühle des Daseins, die Monate der Jugend.

Murr geniesst die unbeschwerten Tage seines jugendlichen Lebens. Er verbringt sie mit Faulenzen, Nachdenken und Lernen. In dieser Zeit lernt er auch Lesen und Schreiben. Der Kater ist stark triebgeleitet, doch gleichzeitig schon dichterisch tätig. Er schreibt Sonette und andere Gedichte, allesamt schwermütig und tiefgründig, des jungen Romantikers Feder entsprungen.

5.2.2 Lebenserfahrungen des Jünglings. Auch ich war in Arkadien.

In dieser Phase erlebt Murr erste Tiefschläge. Er ist plötzlich zu nichts mehr motiviert, wird faul und träge. Er nennt diese Zeit auch die `Lümmelwochen'. Er erhält erste Lehren vom Pudel Ponto, der sich viel geschickter im Leben zu bewegen weiss. Die Episode mit Miesmies, Murrs grosser Liebe, findet ebenfalls in den Jünglingsjahren statt. Er wird nach ihrer Trennung reifer, was er als Anlass nimmt, in die nächste Lebensphase überzugehen.

5.2.3 Die Lehrmonate. Launisches Spiel des Zufalls.

Wie schon anfangs des vorherigen Abschnitts, verfällt Murr in Trägheit und er verliert die Lebensfreude. Was ihn diesmal rettet, ist der weise Kater Muzius, der ihn in die Katzburschengemeinschaft einbringt. Dies ist ein erneuter Höhepunkt in Murrs Leben, doch schnell geht es wieder bergab. Die Gemeinschaft fällt auseinander und Murr erkennt, dass er verwildert und dreckig geworden ist. Der absolute Tiefpunkt ist erreicht, als Muzius stirbt. Allerdings ist Murrs Denken jetzt viel rationaler geworden, als es noch in seiner Jugend war.

5.2.4 Erspriessliche Folgen höherer Kultur. Die reiferen Monate des Mannes.

Durch seine dichterische Tätigkeit findet Murr den Weg nach oben wieder, kann sich aus seinem seelischen Schmerz befreien. Wiederum erhält er Unterricht von Ponto, wie man sich in der Gesellschaft zu benehmen hat. Schlussendlich erkennt Murr aber, dass er nicht in die Welt hinaus, sondern ins Reich der Wissenschaften gehört.

Vom emotionalen Verlauf her gesehen, sind sich alle diese vier Abschnitte ähnlich. Zu Beginn jeder Phase befindet sich Murr in einer Krise (ausser beim ersten, da ist er ganz einfach noch zu jung). Er ist faul, träge, traurig, freudlos oder frisst zuviel. Als Retter erscheint jeweils ein älterer und somit weiserer Freund, namentlich Ponto oder Muzius. Dank diesem findet er einen Weg aus dem Tief heraus zu höchster Glückseligkeit, zum Beispiel zur Liebe oder zur Burschengemeinschaft. Nach kurzer Zeit jedoch entpuppt sich das Glück als Luftschloss und bricht zusammen. Murr zieht sich dann jeweils ernüchtert und eine Stufe reifer zurück und widmet sich den Wissenschaften.

Dieses gefühlsmässige Auf und Ab ist als typisch romantisches Element des Werkes zu betrachten (vgl. auch Kap. 7.1.3)

5.3 Portrait des Kapellmeisters Johannes Kreisler

5.3.1 Kreislers Jugend

Johannes wird in eine sehr musikalische Familie geboren. Er lebt recht zufrieden in einer grossen Familie mit vielen Tanten und Onkeln. Zu einer dieser Tanten, Sophie, baut Kreisler ein besonders inniges Verhältnis auf. Diese Tante findet sich nebenbei auch in Hoffmanns eigener Biographie. Sowohl Hoffmanns, wie auch Kreislers Tante werden `Füsschen' gerufen und auch der junge Hoffmann liebte seine Tante über alles.

Als die Tante an einer schweren Krankheit stirbt, stürzt dies den kleinen Johannes in eine tiefe Depression:

Du kannst dir deutlicher die dumpfe Betäubung denken, in der ich wohl ein paar Jahre [!] fortleben mochte, als ich Tante Füsschen verloren, wenn ich dir sage, dass der Tod meiner Mutter, der in diese Zeit fällt, keinen sonderlichen Eindruck auf mich machte.

Seite 88

Offenbar geht der Tod der Mutter an Johannes' Vater nicht so spurlos vorbei wie am Sohn. Der junge Kreisler wird einem seiner Onkel übergeben und lebt fortan in der kleinen Stadt Göniönesmühl. Dieser Onkel jedoch macht sich mit der Erziehung des jungen Kreislers nur wenig Mühe.

[...] denn der Oheim zog oder erzog mich ganz und gar nicht, sondernüberliess mich der Willkür der Lehrer, die ins Haus kamen, da ich keine Schule besuchen und auch durch irgendeine Bekanntschaft mit einem Knaben meines Alters die Einsamkeit des Hauses, das der unverheiratete Oheim mit einem alten, trübsinnigen Bedienten allein bewohnte, nicht stören durfte.

Seite 89

In die Zeit beim Oheim fallen Kreislers erste musikalischen Studien. Und in der Folge dieser Studien macht Johannes Kreisler mit Abraham Liscov bekanntschaft, der sich in Göniöhnesmühl als Klavierstimmer und Orgelbauer beschäftigt. Liscov, der spätere Meister Abraham, ist in dieser Zeit noch ein gar unruhiger Geist, er macht die wildesten Spässe und mutet beinahe schon wahnsinnig an:

Herr Liscov blieb ernst, aber plötzlich rutschte der Knabe herab und versank unter des Flügels Gestell, worüber der Orgelbauer, der ihm mit einem Ruck die Fussbank unter den Füssen weggezogen, ein unmässige Lache aufschlug. Beschämt rappelte sich der Knabe hervor, doch in dem Augenblick sass Herr Liscov auch schon vor dem Flügel, hatte einen Hammer hervorgezogen und hämmerte auf das arme Instrument so unbarmherzig los, als wolle er es in tausend Stücke schlagen.

Seite 104

Nach diesem Erlebnis nimmt sich Liscov dem jungen Kreisler und seiner Erziehung an. Er führt Johannes in die Geheimnisse der Musik ein und bildet ihn zu einem guten Komponisten.

5.3.2 Kreisler zwischen Göniöhnesmühl und Sieghartsweiler

Anders als Liscov es plant und wünscht, entscheidet sich Kreisler für eine Laufbahn als Legationsrat am Hof des Fürsten Irenäus, wo er die Nachfolge des in die Jahre gekommenen Onkels in dieser Position übernehmen soll. Soweit dem Leser im `Kater Murr' bekannt wird, bekommt Kreisler auch tatsächlich diese Stellung. Aber noch bevor er sich richtig eingewöhnen kann, wird das Land des Fürsten Irenäus vom Grossherzog geschluckt. Kreisler, der schon zuvor nicht wirklich glücklich war in seiner Stellung, nimmt dieses Ereignis und ein Gespräch mit der Rätin Benzon, in dem sie alle Künstler verurteilt, die sich nicht vollends zu ihrer Kunst bekennen, als Gelegenheit, sich vom Hof davonzumachen. Kurz bevor er abreisen kann, steckt ihm die Rätin die Berufung zum Kapellmeister am Hof des Grossherzogs zu.

An dieser Stelle verliert sich Kreislers Spur im `Kater Murr'. Der Leser weiss nicht, was zwischen diesem Abend am Hof des Fürsten Irenäus und seinem überraschenden Auftauchen im Park in der `Gitarrenszene' (vgl. Kap. 6.2) alles geschehen ist.

Kreisler taucht als Figur aber nicht nur im `Kater Murr' auf. Hoffmann hat dieselbe Figur auch schon in seinen `Fantasiestücken in Callots Manier' verwendet. Inwieweit die dort beschriebenen Ereignisse in Kreislers Leben aber auch für den Murr-Kreisler zutreffen, kann nicht erörtert werden. Weitere Aufklärung hätte vermutlich der dritte Band des `Kater Murr' gebracht.

5.3.3 Kreisler im `Kater Murr'

Im zeitlichen Ablauf beginnt die Kreislerhandlung mit der Gitarrenszene, während der Julia und Hedwiga Kreisler im Park antreffen. Die Kreislerhandlung endet chronologisch betrachtet mit der Wiedervereinigung von Abraham und Kreisler, vermutlich, nachdem letzterer aus dem Kloster zurückkehrt. Was sich dazwischen abspielt, soll in der nachfolgenden Skizze dargestellt werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Auffällig ist, dass die gesamte Murrgeschichte sich vermutlich während Kreislers Klosterzeit abspielt. Im letzten Murrkapitel des `Kater Murr' berichtet der Kater, dass er jetzt beim Kapellmeister in Dienste treten werde, weil Meister Abraham die Stadt verlasse.

Die Kreislerhandlung lässt sich während der Handlungszeit am Hof nur sehr schwer verfolgen. Es lässt sich nicht genau bestimmen, wie lange Kreisler im Kloster lebt. Dass das Fest am Ende der Klosterzeit stattfindet, lässt sich auch nicht mit letzter Sicherheit bestimmen. Zwar gibt es Hinweise und Textstellen, die diesen Schluss unterstützen, mit letzter Sicherheit kann diese Aussage aber nicht untermauert werden.

Hier wird dem Leser das Fehlen des dritten Bandes des Buches schmerzlich bewusst, der vielleicht über diese und andere Unklarheiten hätte Aufschluss geben können. So erfährt der Leser beispielsweise, dass `Kreisler' nicht des Kapellmeisters wahrer Name ist. Wie dieser wahre Name allerdings lautet und aus welchem Grund der Kapellmeister ihn abgelegt hat, erfährt der Leser nicht.

5.4 Portrait von Meister Abraham Liscov

Das Leben von Meister Abraham Liscov lässt sich nach dem Wissen, das sich aus dem `Kater Murr' gewinnen lässt, in drei Phasen einteilen: die Zeit, in der er zuerst als Severinos Lehrling, später als Severino selbst als Zauberer durch Süditalien zog, später seine Tätigkeit als Orgelbauer unter dem Namen Abraham Liscov, während der er auch die Bekanntschaft des jungen Kreisler macht und schliesslich seine Zeit als inoffizieller Berater am Hof des Fürsten Irenäus, in die die Murrhandlung fällt.

Abraham hat im Verlaufe seines Lebens schon sehr viel erlebt. Aus diesen Erlebnissen ist es ihm gelungen, einen nicht kleinen Schatz an Lebensweisheit zu gewinnen. Er scheint die Lage - zumindest in seiner gefestigten Phase als Berater am Hof - immer im Griff zu haben, immer zu überblicken. Für Kreisler ist er ein ruhiger Anker, an dem sich der unbändige Geist des Kapellmeisters festhalten kann.

Abraham ist eine Persönlichkeit, die sehr gut in Hoffmanns Vorstellung der Romantik illustriert. Er ist ein Künstler, der sich auf dem schmalen Grat zwischen der Wahnsinn verheissenden Innenwelt und der künstlerfeindlichen Philisterwelt wohnlich eingerichtet hat. Damit hat er das existenzielle Problem des schwarzromantischen Künstlers erfolgreich gelöst.

6 Die Handlung

6.1 Ein Wort im Voraus

Die Handlung des `Kater Murr' ist wie gesagt nicht linear und erschliesst sich dem Leser nicht leicht. Die Autoren haben sich überlegt, Kater und Kreisler zu trennen und sie in eine chronologische Abfolge zu bringen, doch mussten sie zum Schluss gelangen, dass damit dem Werk nicht Genüge getan werden kann. Eben diesen Fehler hat Hans von Müller in seinem `Kreislerbuch' 1903 gemacht, in dem er beide Elemente getrennt aufführte. Das Werk wird von Loquai als Gipfel der `editorischen Entstellung' genannt. Die Autoren haben sich also entschlossen, jedes Makulaturblatt und jedes Murrblatt einzeln zusammenzufassen und die Handlung fast schon tabellarisch aufzuführen. Sie sind sich bewusst, dass sich dadurch Feinheiten der Zusammenspiels der beiden Teile vielleicht nicht so gut darstellen lassen, doch ist auf die wichtigsten dieser Angelpunkte an anderer Stelle bereits eingegangen worden.

6.2 Der 1. Band

Murr: Murr berichtet, wie er von einer Hand gepackt und in eine warme Dunkelheit gesteckt wird. Als eine Hand später nach ihm greift, schlägt er seine Krallen in die Hand und erntet dafür sogleich zwei Ohrfeigen. Dem noch blinden Murr werden Milch und ein warmes Lager angeboten. Schliesslich öffnet der junge Kater nach einiger Zeit die Augen und erblickt zum ersten Mal Abraham und die Welt.

Makulaturblatt: Abraham und Kreisler unterhalten sich über ein Fest am Fürstenhof, bei dem Abraham für die `Special Effects' zuständig war. Das Fest war eine Katastrophe gewesen. Ein Gewittersturm war aufgezogen und hatte das ganze in eine Schlammschlacht verwandelt. Auf dem Nachhauseweg von diesem Fest entdeckte Meister Abraham Murr, der sich verzweifelt an einen Brückenpfeiler klammerte und um Hilfe schrie, rettete den Kater und steckte ihn in seine Rocktasche, wo er ihn vergass. Während dem Gesrpäch zwischen Abraham und Kreisler präsentiert Abraham Murr dem Kapellmeister und übergibt diesem den Kater gleichermassen:

"Dies ist", fuhr Meister Abraham fort, "dies ist der Herr Kapellmeister Johannes Kreisler, bei dem du in Dienste treten wirst."

Seite 29

Murr fährt fort: Der Kater berichtet allgemein über die Monate seiner Jugend, über seine (Aus-) Bildung bei Meister Abraham und seine ersten Bemühungen, sich der Schrift der Menschen zu bedienen, die er zuvor aus des Meisters Büchern abgeschaut hatte.

MakBl: In diesem Makulaturblatt findet sich eine Beschreibung der Verhältnisse in Sieghartshof und Sieghartsweiler, Hauptorte der Handlung (sowohl im Murr- als auch im Kreislerteil). Einige wichtige Charaktere werden eingeführt und vertieft, darunter die Rätin Benzon, Fürst Irenäus und Prinz Ignaz. Weiter wird erklärt, was Abrahams Rolle am Hofe ist.

Murr: Murr trifft seine Mutter Mina auf einem nahen Dachboden. Die beiden unterhalten sich, und Mina warnt den Kater davor, seine Begabung dem Meister zu offenbaren:

Sowie Meister Abraham erfährt, dass du schreiben kannst, lieber Murr! macht er dich zu seinem Kopisten[...]

Seite 45

MakBl: Hier wird die `Gitarrenszene' beschrieben: Prinzessin Hedwiga und Julia lustwandlen im Park, als sie den ihnen fremden Kreisler beobachten, der mit seiner Gitarre schimpft und sie schliesslich ins Wasser wirft. Julia birgt das Instrument, zupft einige Akkorde darauf und entzückt Kreisler mit ihrer Stimme. Bei Hedwiga führt Kreislers unvermitteltes Auftauchen zu einer ersten Nervenkrise.

Murr: Murr lernt Ponto, den Pudel, und dessen Sprache kennen. Der Kater schreibt sein erstes Buch: `Gedanke und Ahnung oder Kater und Hund'

MakBl.: Die Rätin Benzon rügt Kreisler wegen dessen Auftreten im Park, das der Prinzessin einen schweren Schlag versetzt hat.

Murr: Pontos Meister, ein Gymnasialprofessor, kommt zu Meister Abraham und überreicht ihm eines von Murrs Manuskripten, das Ponto ihm gebracht habe. Er beschuldigt den Meister, dem Kater das Lesen und Schreiben beigebracht zu haben. Abraham glaubt ihm nicht, unterbindet jedoch Murrs Zugang zu seiner Bibliothek.

MakBl.: Kreisler und Abraham wohnen einem Festakt bei, während dem Kreisler über seine Jugend ausgefragt wird. Er gibt aber nur zögerlich etwas preis und nur, weil Abraham direkt neben ihm steht und die Wahrheit seiner Aussagen überprüfen kann.

Murr: Murr legt sich in einem Handwägelchen schlafen und gelangt so unfreiwillig in die `Aussenwelt' jenseits des ihm gewohnten Dachstuhls. Der arme Kater wird von Hunden gehetzt und von lauten Stimmen erschreckt, er versucht, einem Mädchen die Wurst zu stehlen und wird natürlich beschimpft. Schliesslich trifft er aber den Pudel Ponto, der ihn endlich zu Hause abliefert; nicht ohne vorher einige abschätzige Bemerkungen über Murrs Bildung und Weltfremdheit gemacht zu haben.

MakBl.: Der Leser erfährt, wie der junge Johannes Kreisler und Abraham Liscov, der spätere Meister Abraham, Bekanntschaft machen. Abraham erteilt Kreisler Unterricht.

Murr: Murr und Ponto sprechen zusammen über Ehrlichkeit. Ponto vertritt die Ansicht, ehrlich müsse man nur dort sein, wo man ertappt werden könne. Murr hält mit Kants kategorischem Imperativ dagegen.

MakBl.: Meister Abraham muss dem Fürsten gegenüber Rede und Antwort über Kreisler stehen. Bei einem Liederabend im Schloss, bei dem Kreisler, Julia und Hedwiga anwesend sind, versucht Kreisler, Hedwiga zu becircen, während Julia sich nach dem Kapellmeister sehnt und ob einem Duett mit ihm in höchstes Entzücken gerät.

Murr: Ein Haus nahe demjenigen von Meister Abraham brennt. Murr hat nichts besseres zu tun, als ein Gedicht zu verfassen das mit den Worten `die Hoffnung lebt - ich rieche Braten!' endet. Einige Helfer eilen heran, darunter auch der Gymnasialprofessor, der sich vom Kater in seiner Position bedroht fühlt und deshalb vorschlägt, ihm den Hals umzudrehen, solange der Meister nicht in der Nähe sei.

MakBl: Kreisler und Hedwiga üben Gesang. Kreisler erfährt von der Prinzessin, weshalb sie bei seinem Anblick beim dem ersten Treffen während der `Gitarrenszene' so zutiefst erschrocken war: Kreisler gleicht dem Maler Ettlinger, der die Prinzessin als kleines Mädchen zu töten versucht hatte, nachdem er verrückt geworden war. Weiter erfährt man in diesem recht langen Makulaturblatt noch einiges aus Abrahams Leben.

Murr: Murr lernt Miesmies kennen und verliebt sich Hals über Kopf in sie. Er versucht, aus Büchern alles über die Liebe zu erfahren und lehnt sich besonders an Ovid an.

MakBl.: Prinz Hektor kommt nach Sieghartshof, um um der Prinzessin Hand anzuhalten, jedoch verliebt er sich während dem Willkommensfest in Julia und macht die Bekanntschaft mit Kreisler, den er als Nebenbuhler erkennt. Hedwiga fürchtet sich vor dem Prinzen, hält ihn für ein Monster.

Murr: Miesmies wird Murr untreu. Der Kater duelliert sich mit seinem Nebenbuhler und muss gehörig Prügel einstecken. Muzius, ein weiser Kater und wichtiger Vertreter der Burschenschaft, kümmert sich um Murr, während der an fürchterlichem Liebeskummer leidet und überzeugt ihn schliesslich, sich von Miesmies zu trennen. Murr ist von seiner Liebe `geheilt' und kann zum Alltag zurückkehren:

"Auch ich war in Arkadien", rief ich und legte mich auf die schönen Künste und Wissenschaften eifriger als jemals.

Seite 182

MakBl: Julia und Kreisler spazieren im Park. Der Prinz stösst dazu und macht Julia den Hof, diese allerdings spricht sich indirekt für den Kapellmeister aus, indem sie ihn zu einem Duett auffordert. Der Prinz ist darüber natürlich nicht erfreut. Schliesslich gesellt sich auch Abraham zu der Gruppe, der über des Prinzen dunkle Vergangenheit im fernen Neapel bescheid weiss und ihm ein Bild zeigt, dass den Prinzen Hals über Kopf den Hof verlassen lässt, nicht ohne jedoch vorher seinem Adjutanten den Auftrag zu geben, Kreisler zu töten. Noch am selben Abend, nachdem sich die Gruppe aufgelöst hat, fallen im Park Schüsse, und am nächsten Morgen wird Kreislers Hut blutverschmiert im Park aufgefunden. Alle halten den Kapellmeister für tot.

6.3 Der 2. Band

Murr: Kater Murr bereut, dass er Miesmies verlassen hat und beginnt, zuviel zu fressen und faul zu werden. Da kommt Kater Muzius auf Besuch und versucht, die Lebensfreude in Murr wieder zu wecken. Er hält ihm einen Vortrag über die beiden grundsätzlich verschiedenen Katzentypen: Die Katzburschen und die Katzphilister.

Mak.bl.: Prinzessin Hedwiga verfällt in eine Art Starrkrampf, den der Arzt auf psychische Ursachen zurückführt. Währenddessen trauert Abraham um Kreisler, der ja vermutlich tot ist. Allerdings ist noch immer keine Leiche aufgetaucht.

Murr: Murr erhält von Muzius eine Lektion: Katzburschen sind ehrlich, kollegial, uneigennützig, herzhaft, edel usw. Katzphilister dagegen verlogen, faul, träge, und Murr befände sich auf dem besten Weg, ein Philister zu werden. Danach gehen die beiden auf ein Burschenfest, wo viel gelacht, gedichtet, gegessen und getrunken wird.

Mak.bl.: Meister Abraham bekommt einen Brief vom tot geglaubten Kreisler. Dieser erzählt, er habe nur einen Streifschuss am Kopf erhalten und den Schützen danach erstochen. Bei seiner Flucht in die Wälder sei er auf einen alten Freund, Pater Hilarius gestossen. Kreisler entschliesst sich, mit ihm ins Kloster zu gehen.

Murr: Murr findet den Kater, der ihm Miesmies ausgespannt hat. Nachdem er einige Wunden hat kassieren müssen, erwischt Murr seinen Gegner am Hals, sodass dieser ohnmächtig umfällt.

Mak.bl.: Johannes Kreisler findet eine tiefe innere Ruhe im Kloster, seine Wahnvorstellungen des `Doppelgängers' verschwinden. Erst jetzt erfährt er, wen er in Notwehr erstochen hatte: den Adjutanten des Prinzen Hektor.

Murr: Als sich Muzius verletzt, fällt die Katzburschgemeinschaft mangels Führung recht schnell auseinander, und die inzwischen erworbenen guten Sitten verfliegen ebenso schnell.

Mak.bl.: Hedwiga hat starke psychische Probleme, ihre Freundin Julia betreut sie. Julia gesteht Hedwiga, dass sie sich in Kreisler verliebt hat.

Murr: Kater Muzius ist seinen Verletzungen erlegen. Die Katzburschen treffen sich ein letztes Mal, um Muzius zu beerdigen. Es werden ergreifende Grabreden gehalten, doch dann sehr schnell zum üppigen Leichenschmaus übergegangen, worüber der tote Muzius vergessen geht.

Mak.bl.: Kreisler versteht sich gut mit dem Abt des Klosters. Sie treffen sich und philosophieren ausgiebig.

Murr: Ponto ist wegen eines Beziehungsstreits zwischen Herrchen und Frauchen aus dem Haus geflogen und wohnt jetzt bei Baron Alzibades von Wipp.

Mak.bl.: Abraham wird von seiner Vergangenheit eingeholt, denn Prinz Hektor erkennt in ihm Severino. Hektor findet endlich seine Liebe zu Hedwiga erwidert, was zu einem ziemlichen Durcheinander und einigen Ohnmachtsanfällen am Hof führt.

Murr: Murr nimmt Unterricht bei Ponto und lernt dabei, sich zu benehmen und in Gesellschaften zu unterhalten. Plötzlich geht ihm aber ein Licht auf: Er hat unter Hunden ja eigentlich gar nichts zu suchen! Da konzentriert er sich wieder auf die Wissenschaften. Als Abraham abreisen muss, wird Murr dem Kapellmeister Kreisler übergeben.

Mak.bl.: Kreisler erfährt die Wahrheit über die Vergangenheiten von Abraham und vom Mönch Cyprianus. Prinz Hektor ist der Bruder von Cyprianus und hat ihm in Neapel im Streit ein Messer durchs Herz gestossen. Der Mönch überlebte aber die Verwundung. Meister Abraham war zur selben Zeit ebenfalls in Neapel und suchte Chiara. Eine alte Zigeunerin gab ihm ein Bildchen, in welchem der Beweis für den Mordversuch versteckt war.

Nachschrift: Kater Murr stirbt nach kurzem Leiden in der Nacht vom 29. Auf den 30. November. Anfang Dezember verschickt Hoffmann an seine Freunde und seinen Verleger folgende Todesanzeige3:

In der Nacht vom 29. bis zum 30. November d. J. entschlief, um zu einem bessern Dasein zu erwachen, mein theurer Zögling der Kater Murr im vierten Jahre seines hoffnungsvollen Lebens. Wer den verewigten Jüngling kannte, wer ihn wandeln sah auf der Bahn der Tugend und des Rechts, misst meinen Schmerz und ehrt ihn durch Schweigen. Berlin, den 1. Decbr. 1821

Hoffmann

7 Theorie und Geschichte

7.1 Literaturgeschichtliche Ortung

Band eins von Hoffmanns Erzählung wurde 1819 niedergeschrieben und im Dezember desselben Jahres veröffentlicht, allerdings auf 1820 vordatiert. Auf Band zwei musste die Leserschaft zwei Jahre warten, bis zum Dezember 1821. Wiederum hatte Hoffmann den Band vordatiert auf 1822. Damit fällt das Werk ins letzte Viertel der Romantik.

Tatsächlich ist das Werk der Romantik anzurechnen, auf die vielen epochentypischen Elemente werden wir an anderer Stelle noch eingehen. Jedoch finden sich auch eine ganze Anzahl Bezüge zu anderen Epochen, die allerdings mehr oder minder harte Seitenhiebe enthalten gegen Goethe, Kant und nicht zu letzt gegen die Romantik selbst. Im folgenden wird versucht, eine Übersicht über die Epochenbezüge zu geben und sie mit Textbeispielen zu belegen. Einen Anspruch auf Vollständigkeit dieser Aufstellung können und wollen wir allerdings nicht erheben.

7.1.1 Bezüge zur Aufklärung

Hoffmann lebte in einer Zeit, in der Europa noch immer von Monarchien beherrscht wurde. Er hat die Französische Revolution und Napoleons Europafeldzug miterlebt. Über Hoffmanns politische Ansichten sollen hier keine Angaben gemacht werden, jedoch idealisiert er in gewisser Weise den Hof von Sieghartsweiler. Fürst Irenäus von Sieghartshof ist nämlich nicht mehr wirklich an der Macht. Sein Land untersteht direkt dem Grossherzog. Der Fürst hat für sein Land eine ansehnliche Abfindung erhalten. Das Volk allerdings verehrt `seinen' Fürsten dermassen, dass es das höfische Treiben unterstützt und gemeinsam mit der Fürstenfamilie die Illusion einer tatsächlichen Macht aufrechterhält.

Fürst Irenäus erhielt sich beides, das Hofleben und die Liebe für die Künste und Wissenschaften, indem er einen süssen Traum ins Leben treten liess, in dem er selbst mit seiner Umgebung sowie ganz Sieghartsweiler figurierte.

Seite 37/38

Man sollte jetzt allerdings nicht meinen, dass Hoffmann ein bedingungsloser Royalist war oder dem absolutistischen System blind ergeben. Immer wieder äussert er bisweilen ziemlich harsche Kritik an den herrschenden Sitten.

Was bei dem Mann ohne Rang und Stand eine Absurdität zu nennen, ist bei ihnen [den hohen Personen] bloss die angenehme Kapriole eines ungemeinen Geistes, welche Staunen erregen muss und Bewunderung.

Seite 119

Überhaupt strotzt Hoffmanns Arrangement des Hofes zu Sieghartsweiler mit seinen Personen nur so vor bissigen Anspielungen: dass es sich bei dem höfischen Treiben um nicht mehr als eine Illusion handelt, dass beinahe sämtliche Mitglieder der Fürstenfamilie mehr oder minder schwere psychische Schäden aufweisen, dass scheinbar jedes Mitglied sein eigenes Süppchen zu kochen scheint, in eigene Intrigen verstrickt ist, all das schimmert immer wieder zwischen den Zeilen hervor und stellt den ganzen Hof fast schon lächerlich dar.

Die Konzeption des Hofes, die Hoffmann gewählt hat, ist allerdings nicht das einzig Aufklärerische, was sich im `Kater Murr' finden lässt. So nimmt Murr beispielsweise einmal bezug auf Kants kategorischen Imperativ, wenn er sagt:

[...] ein jeder müsse so handeln, dass seine Handelsweise als allgemeines Prinzip gelten könne [...].

Seite 111

Und noch auf derselben Seite des `Kater Murr' feuert Hoffmann gleich noch eine Breitseite gegen das noch immer vorhandene Standesdenken ab. Der Pudel Ponto, ein Freund Murrs, sagt über seinen eigenen Oheim Skaramuz:

[...] wie es denn nun bei alten Leuten gewöhnlich der Fall, [hängt er] an verjährten Vorurteilen [...]. Er wunderte sichüber unser [Pontos und Murrs] Beisammensein, da die Ungleichheit unseres Standes jede Annäherung verbieten müsse.

Seite 111

Hoffmann bezeichnet also das Standesdenken als ein verjährtes Vorurteil. Überhaupt war Hoffmann politisch ziemlich liberal eingestellt, was ihm mehrmals Probleme mit den Behörden einbrachte. Eines seiner späten Werke, der `Meister Floh' wurde zuerst sogar von den preussischen Behörden verboten, weil es eine zu stark politisch angehauchte Episode enthielt. Es wurde erst veröffentlich, als besagte Episode aus dem Werk getilgt worden war. Auch ist Hoffmann wegen politischer Karrikaturen einmal strafversetzt worden.

7.1.2 Sturm und Drang und Klassik

Weder zum Sturm und Drang noch zur Klassik gibt es so viele offensichtliche Bezüge wie zur Aufklärung. Jedoch ist die Konzeption der Jugend des Katers ein gutes Beispiel für ein Werk aus dem Sturm und Drang. Sein unbeschwertes Jugendleben, seine ersten Erfahrungen mit der Liebe und seine fast naiven Begegnungen mit der weiten Welt `riechen' stark nach Sturm und Drang.

Was die Klassik anbelangt, sind die Parallelen noch schwieriger aufzuzeigen. Sie äussern sich vor allem in Zitaten aus klassischen Stücken, die Murr - auch sinnentstellend - verwendet, so beispielsweise das Anfangszitat aus Goethes `Egmont':

Es ist doch etwas Schönes, Herrliches, Erhabenes um das Leben! - "O du süsse Gewohnheit des Daseins!" [aus Goethes `Egmont', 5. Aufzug] ruft jener niederländische Held in der Tragödie aus. So auch ich, aber nicht wie der Held in dem schmerzlichen Augenblick, als er sich davon trennen soll - nein! - in dem Moment, da mich eben die volle Lust des Gedankens durchdringt, dass ich [aus jener süssen] Gewohnheit [...] durchaus nicht willens bin, jemals wieder hinauszukommen.

Seite 15

Goethes war übrigens auf Hoffmanns Werk nicht besonders gut zu sprechen...4

7.1.3 Romantik

Im Folgenden sollen anhand von Beispielen einige wichtige, epochentypische Merkmale des Werkes aufgezeigt werden. Die Theorie über die sogenannte Schwarze Romantik ist unter `Literaturtheoretischer Ortung' nachzulesen (vgl. Kap 7.2).

Zu Beginn einige Worte zum Gegensatz zwischen Burschen- und Philisterwelt, ein typisches schwarzromantisches Element.

Sag ich Euch nun, dass der Katzbursch offen, ehrlich, uneigennützig, herzhaft, stets bereit, dem Freunde zu helfen, ist, dass er keine andere Rücksichten kennt, als die Ehre und redlicher Sinn gebieten, genug, dass der Katzbursch durchaus der Antipode des Katzphilisters ist, so werdet Ihr keinen Anstand nehmen, Euch zu erheben aus den Philistertum, um ein ordentlicher, tüchtiger Katzbursch zu werden.

Seite: 213

Dies sind Kater Muzius' Worte an Murr, als sich dieser in einer Phase der Trägheit nur immerzu hinter seinen Büchern versteckt und der Welt den Rücken zukehrt.

Der Unterschied zwischen Bursch und Philister ist wichtig in der Katzenwelt. Um die beiden Typen noch einmal kurz zu charakterisieren: Der Bursch lebt frei nach seinem Herzen und seinen Gefühlen. Er weiss das Leben auf alle Arten zu geniessen. Ehre und Kameradschaft sind bei ihm grossgeschrieben. Er setzt sich für seine Kameraden ein und hat auch die Gewissheit, dass sich die andern für ihn einsetzen. So entsteht eine verschworene Gemeinschaft, in der sich die Individuen gegenseitig stützen und halten.

Der Philister dagegen ist meist ein Einzelgänger, der vor lauter Regeln und Pflichten vergisst, zu leben. Er hat keine Freunde, da er nicht bereit ist, jemandem zu helfen, weil er sich dabei unter Umständen in eine missliche Lage bringen könnte. Er lebt angepasst in einer rationalen Welt.

Murr, und dies ist das romantische Element, ist hin und her gerissen zwischen den beiden Ideologien. Er zeigt eindeutige Merkmale eines Burschen, wenn er voller Lebensfreude auf den Dächern wandelt und seine grosse Liebe Miesmies mit überschäumendem Herzen preist und besingt. Ebenso, wenn er sich mit anderen Burschen trifft, sie gesellig miteinander essen, trinken und Reime erfinden. Jedesmal aber fällt Murr zurück in die düstere Philisterwelt, in der Verstand und Wissenschaften regieren. Er bleibt in seinen vier Wänden und wagt nicht einmal mehr, die Dächer zu betreten.

p>Seine beiden besten Freunde aus der Tierwelt, Kater Muzius und Pudel Ponto, stammen aus den verschiedenen Welten. Muzius ist ein typischer Bursch, er ist auch in der Gemeinschaft auf einer höheren Position. Ponto dagegen entspringt der Philisterwelt. Wo er auch hinkommt, schafft er es, durch demütiges, unterwürfiges Verhalten seine Ziele zu erreichen. Er hält es nicht einmal für unwürdig, seinen Freund Murr zum Schein zu jagen, um damit seinem Herrchen zu gefallen.

In gewisser Weise auch ein typisch romantisches Element scheinen das Verhalten und die geistige Gesundheit einiger der Charaktere vor allem im Kreislerteil zu sein. Dies wurde schon weiter oben als Bezug zur Aufklärung angeführt, dort jedoch das Schwergewicht auf die höfische Situierung des Konzepts gelegt. Hier soll aber auf die psychologischen Aspekte eingegangen werden.

In der Kreisler-Biographie tauchen einige Personen auf, deren Geisteszustände dem Leser

bizarr anmuten. Scheinbar wandeln fast alle Charakteren am Rande des Wahnsinns. Als erstes ist hier Johannes Kreisler selbst zu nennen. In der Zeit, in welcher er am Hof lebt, ist er oft schreckhaft, wenn er alleine im Park spaziert. Er meidet Tümpel und Seen, denn sieht er darin sein Ebenbild gespiegelt, bekommt er seltsame Zustände.

Kreisler erwachte aus dem Traume und erblickte seine dunkle Gestalt im Wasser. Da war es ihm, als schaue ihn Ettlinger, der wahnsinnige Maler, an aus der Tiefe. "Hoho", rief er herab, "hoho, bist du da, geliebter Doppeltgänger, wackerer Kumpan?"

Seite: 146

Kreisler zeigt eindeutige Anzeichen einer Schizophrenie. Als zweites Ego betrachtet er den erwähnten Ettlinger. Dieser war ein Maler, der vor Jahren am Hof gearbeitet hatte. Die damals dreijährige Prinzessin Hedwiga verehrte ihn wie einen Gott. Er spielte viel mit ihr, malte ihr Bilder und bastelte ihr lustige Figuren. Doch eines Tages wurde er wahnsinnig und gewalttätig und hätte beinahe die kleine Hedwiga ermordet. Er wurde danach in ein Irrenhaus verfrachtet.

Kreisler glaubt, dass seelisch irgendwie mit Ettlinger verwandt ist, und vergleicht sich oft mit ihm. Beide leben am Hof und beide sind Künstler, deshalb denkt Kreisler, dass ihn einmal das gleiche Schicksal ereilen wird. Dies trifft jedoch bis zum Ende des zweiten Bandes nicht ein, denn vom Moment an, als sich Kreisler zurückzieht und im Kloster lebt, beruhigt sich sein Gemütszustand, und seine Krankheit verschwindet vorerst.

Aber noch mehr als das alles, er glaubte an sich selbst, verschwunden war jener gespenstische Doppeltgänger, der emporgekeimt aus den Blutstropfen der zerrissenen Brust.

Seite: 245

Anders bei Prinzessin Hedwiga. Sie erholt sich während des ganzen Buches nicht von ihrem psychischen Stress. Sie ist krankhaft überspannt, was die Wurzeln in der traumatischen Begegnung mit Ettlinger hat. Oft verfällt die Prinzessin in unerklärliche Zustände oder fällt in Ohnmacht. Der Hofarzt ist mehr oder weniger hilflos, er flösst ihr zwar jeweils Heiltropfen ein und holt sie mit Riechsalz zurück ins Bewusstsein, kann aber langfristig nichts bewirken.

Ihr Bruder, Prinz Ignaz, ist fast 30 Jahre alt, befindet sich aber noch auf dem geistigen Niveau eines Kindes. Er ist zurückgeblieben, ein Narr und beinahe blödsinnig, wie er im Buch bezeichnet wird. Seine Lieblingsbeschäftigung ist das Spiel mit seiner Tassensammlung.

Dabei stellt er alle seine Trinkbecher auf, ordnet sie neu, wechselt sie aus und kann sich so stundenlang vergnügen. Zuweilen hat er auch recht seltsame Einfälle. Er liess sich zum Beispiel einmal einen Vogel fangen und an einem Kronleuchter mit Schnur befestigen. Daraufhin holte er eine Spielzeugkanone und schoss auf das Tier, bis es tot war.

Alle diese Charaktere sollen eine Art Zwischenwelt darstellen. Sie leben nicht ganz in der uns gewohnten Welt, aber auch noch nicht ganz im Traum. Sie bewegen sich irgendwo im Grenzbereich, stehen auf der Schwelle. Oft genügt ein kleines Vorkommnis, um die Welt zu wechseln, um hinüber oder wieder zurückzufallen. Auch in diesem Zusammenhang sind die Begriffe Burschenwelt, oder besser Künstlerwelt, und Philisterwelt angebracht. Im Bereich dazwischen ist der künstlerische, gefühlsgeleitete Mensch anzusiedeln. In der Philisterwelt kann er nicht glücklich werden. Deshalb bleibt für ihn nur noch die Flucht in ein anderes Reich, das Reich in seinem Innern. Dabei läuft er aber Gefahr, an den unversöhnlichen Gegensätzen zwischen Innen- und Aussenwelt zu scheitern, oder den Weg zurück in die Wirklichkeit nicht mehr zu finden.

Als letzten Themenbereich in Sachen typisch romantischer Eigenheiten wird im Folgenden auf das romantische Weltbild im wahrsten Sinne des Wortes eingegangen, auf die Inszenierung der Handlung, auf die `Kulissen', denn selbst diese sind in vielen Details romantisch, man glaubt, den Stil romantischer Maler wie etwa C. D. Friedrich darin wiederzuerkennen.

Eine weite Landschaft, Dämmerung, die Silhouette eines verdorrten Baumes am Horizont, ein Mensch irgendwo verschwindend klein in der Ferne. Der Prototyp eines romantischen Gemäldes. E. T. A. Hoffmann versteht es grossartig, diese visuellen Eindrücke und damit verbundenen Gefühle in Worte zu fassen.

Wie ein goldner Schleier lag der Schein der sinkenden Sonne ausgebreitetüber dem Walde. Kein Blättlein rührte sich. In ahnungsvollem Schweigen harrten Baum und Gebüsch, dass der Abendwind komme und mit ihnen kose. Nur das Getöse des Waldbachs, derüber weisse Kiesel fortbrauste, unterbrach die tiefe Stille. Arm in Arm verschlungen schweigend, wandelten die Mädchen fort durch die schmalen Blumengänge,über die Brücken, dieüber die verschiedenen Schlingungen des Bachs führten, bis sie an das Ende des Parks, an den grossen See kamen, in dem sich der ferne Geierstein mit seinen malerischen Ruinen abspiegelte.

Seite: 47

Dies ist wahrlich nichts anderes als ein Bild in Worten. Die Stimmung ist friedlich und idyllisch. Um dieses Textbeispiel romantisch nennen zu können, ist aber noch ein Gegensatz nötig. Dieser offenbart sich in den Ruinen auf dem fernen Hügel, die düstere und bedrohliche Gefühle verbreiten.

7.1.4 Zur Modernität des Romans

Hoffmanns Erzählkonzpet im `Kater Murr' war damals seiner Zeit weit voraus. Erst mit der Entfaltung der Moderne rund einhundert Jahre später machte diese Textsorte, diese Art der Konzeption, verbreitet Schule und wurde als `Montage' bezeichnet. Die Montage versucht in der Moderne, dem hektischen Lebensrhythmus einer zusammenhangslos scheinenden Welt zu entsprechen. Gemeint ist die lose Reihung von Szenen, die auf den ersten Blick keine Gemeinsamkeiten aufweisen, keinen sogleich erkennbaren handlungsmässigen oder sachlichen Zusammenhang. Dies ist in gewisser Weise auch beim `Kater Murr' der Fall. Zwar haben die einzelnen Komponenten durchaus Bezüge untereinander, wie bereits im Kapitel `Struktur und Aufbau' erwähnt, jedoch sind diese nicht sofort offensichtlich, und von einem chronologischen Zusammenhalt kann gerade im Kreislerteil keine Rede sein.

Offenbar war sich Hoffmann bereits zu seiner Zeit klar über die Fragilität der Realität, offenbar bemerkte er die Ungereimtheiten im idealistischen Weltbild, die sich ja nicht zuletzt in der Unvereinbarkeit der zwei Welten der Schwarzen Romantik zeigt.

Ein weiteres Novum für Hoffmanns Zeit war die Miteinbeziehung des Lesers in die Handlung. Loquai spricht in seinem Nachwort zum `Kater Murr' vom `Leser als Mitspieler'5. Denn nur dem Leser können sich die humoristischen Arrangements vollkommen erschliessen, etwa in der Person des Biographen oder des eigenmächtigen Schriftsetzers, die Anspielungen auf andere literarische Werke (oftmals Shakespeare, Goethe, Tieck). Den Figuren müssen diese Parallelen, diese Anspielungen, auch die Querverweise zwischen Murr- und Kreislerteil notwendigerweise verborgen bleiben; sie können im Rahmen ihrer Rollen im Roman nichts davon erfahren.

Dieses Miteinbeziehen des Rezipienten war ungewöhnlich und neu für die damalige Literatur. Es forderte vom Leser eine intellektuelle Anstrengung, indem sich der Reiz, der Humor der Geschichte nur beim Überdenken des Handlungsverlaufs offenbart.

7.2 Literaturtheoretische Ortung

Hoffmann war ein Romantiker. Dies sollte im vorangehenden Titel klar geworden sein. Aber mit dieser Einteilung ist es nicht getan. Hoffmanns Dichtung liefert nämlich den wohl bedeutendsten Anteil an der sogenannten `Schwarzen Romantik'. Diese seine Dichtung lässt inmitten der kunstfeindlichen, rationalen Philisterwelt, die auch Muzius im `Kater Murr' anprangert, eine andere, geheimnisvolle Welt entstehen, die voll ist von sinnlichen Reizen, spukhaft und unheimlich.

Der Künstler ist hin und her gerissen zwischen den beiden Welten, zwischen Philistertum und Kunstwelt, die gleichsam seinem Inneren entspringt und ihm entspricht. Der Versuch, diese beiden Welten muss zum Scheitern führen: der Künstler ist im Spannungsfeld zwischen dem geheimnisvollen Reich der Phantasie und der rationalen äusseren Welt gefangen und muss an den Gegensätzen beider Welten zerbrechen.

Taucht der Künstler ganz in die innere Realität ab, in die Künstlerwelt, so droht er sich darin zu verlieren, der zerstörerischen und berauschenden Macht der Phantasie zu erliegen und die Bezüge zur Realität zu verlieren; er wird `aus der Realität gerückt'; er wird verrückt. Versucht er jedoch, seinem Schicksal durch eine Flucht in die Philisterwelt zu entgehen, so muss der Künstler die Erfahrung machen, dass er in dieser rational bestimmten Welt, die angefüllt ist mit Konventionen und Regeln, seine künstlerische Erfüllung nicht finden kann. Eben diese Konventionen, die der Philisterwelt ihre Stabilität verleihen, unterdrücken das künstlerische Denken.

Im `Kater Murr' sind es der Kater selbst und vor allem Kreisler, die sich diesem Problem des romantischen Geistes ausgesetzt sehen. Murr, der zwischen Burschen- und Philisterwelt pendelt, ohne in einer der beiden wirklich glücklich werden zu können und sich schliesslich in den sicheren Hafen der Wissenschaften flüchtet und Kreisler, der in seiner gestörten Persönlichkeit immer am Rand des Wahnsinns wandelt, einerseits vor den Geistern und Dämonen, die er in seinem Innern vermutet, zu fliehen versucht, andererseits plötzlich von der Künstlichkeit im negativen Sinne der höfischen Welt erdrückt zu werden scheint und auch vor ihr fliehen muss. So ist gerade der Kapellmeister hilflos in eben diesem Spannungsfeld gefangen, scheinbar ohne eine Chance, sich zu befreien, weshalb auch der Nachlassverwalter Hoffmanns, Hitzig, für den dritten Band den Kollaps Kreislers voraussagt.

8 Vermittlerrollen

Zwischen den Erzählebenen von Kreisler und Murr und dem Leser hat Hoffmann eine weitere Ebene in seinem Konzept verankert. Es ist eine Ebene, die sich dem Leser erst auf den zweiten Blick eröffnet. Es ist eine Ebene, deren einzige Aufgabe es ist, zwischen dem Leser und den Akteuren des Romans zu vermitteln. Es ist oftmals diese Ebene, die den Leser zum Mitspieler macht.

8.1 Virtuelle Personen

Bevölkert wird diese `Zwischenwelt', die einerseits über den Handlungsebenen von Murr und Kreisler, andererseits natürlich unterhalb der realen Welt liegt, von nur drei `Personen': da ist zu allererst der Herausgeber, der sich selbst Hoffmann nennt, weiter der Biograph Kreislers, eine bemerkenswerte Person, und schliesslich der Drucksetzer, über den sich Hoffmann (der Autor) mokiert.

Alle drei haben keinen Einfluss auf die Handlung. Sie sind nur Beobachter, haben keine Möglichkeit, etwas am Geschehen zu ändern. Der Leser erfährt nichts über sie, was über ihre direkte Rolle hinausgehen würde. Der Name des Biographen bleibt dem Leser verborgen, über den Schriftsetzer erfährt er kaum mehr, als dass er exisiert. In diesem Sinne wirken diese `Personen' - bewusst in Gänsefüsschen gesetzt - irreal, entrückt, eben virtuell, nur scheinbar vorhanden.

Hoffmann geht in seiner Herausgeberrolle so weit, dass er das Buch unter der Anmerkung `Herausgegeben von E. T. A. Hoffmann' publiziert hat. In einem `Vorwort des Herausgebers' erklärt er, wie es zu der merkwürdigen Struktur der Buches gekommen sei, dass nicht er selbst das Buch geschrieben habe und dass er den Kater gar nicht persönlich kenne, sondern dass ihm das Manuskript von einem Freund übergeben worden sei. Wir treffen den Herausgeber danach nur noch zwei Mal an, einmal in einer Nachschrift zu dem aus versehen mit abgedruckten Vorwort Murrs, das eigentlich hätte unterdrückt werden sollen, und schliesslich am Schluss des Buches, als er dem Leser die traurige Nachricht vom Tod des Katers überbringt.

Der Biograph Kreislers wurde von Hoffmann (dem Autor) nach Meinung der Verfasser besonders interessant angelegt. Denn dieser Biograph hält sich nicht immer an seine Rolle. Immer wieder tritt er in Erscheinung, tritt er heraus aus der Anonymität des Chronisten und bringt seine eigene Meinung dar, spricht den Leser direkt an, etwa, wenn er über den Informationsmangel klagt:

Der Biograph erschrickt abermalsüber das total Abrupte der Nachrichten, aus denen er gegenwärtige Geschichte zusammenstoppeln muss. Wäre es nicht schicklich einzurücken gewesen, welche Instruktion Meister Abraham dem Kapellmeister erteilte [...]. Doch kein einziges Wörtlein weiss der unglückliche Biograph zur Zeit von jener Instruktion [...].

Seite 185

Und immer wieder verspricht der Biograph Besserung. Immer wieder verspricht er, die fehlenden Teile noch nachzureichen und die offenen Fragen zu klären.

Doch! geduldige dich, günstiger Leser, noch ein wenig, bemeldeter Biograph setzt seinen Schreibedaumen zum Pfande, dass noch vor dem Schluss des Buchs auch dieses Geheimnis an den Tag kommen soll.

Seite 185

Das Versprechen kann nicht eingehalten werden. Durch den Tod Hoffmanns kommt es niemals zur Niederschrift eines dritten Bandes. Schade, kann man nur sagen. Und zugleich auch reizvoll, denn die offenen Fragen, die sich im Nichts verlierenden Handlungsfäden regen die Phantasie des Lesers an, fordern gleichsam seinen Intellekt.

Als letzter bleibt der Schriftsetzer zu nennen. Hoffmann (der Autor) hat mit dieser Zunft nicht die besten Erfahrungen gemacht, er wirft ihnen vor, durch bewusste `Druckfehler' seine Texte zu verfälschen. Im Original des `Kater Murr' zählt er vierzehn solche Druckfehler auf, die angeblich durch den Schriftsetzer verursacht worden seien, mit der Anmerkung, dass die wahren Autoren nicht schlechter oder besser dargestellt seien sollen, als sie wirklich sind.

8.2 Die Aufgabe der Virtuellen Personen

Hoffmann (der Autor) arrangiert einen Roman, der - wie an anderer Stelle schon erwähnt - voll ist von verstecktem Humor. Dieser Humor offenbart sich vor allem in den virtuellen Personen, gerade im Biograph, in seinem verzweifelten Kampf mit Kreislers Leben. Oder wenn Hoffmann seine Nachschrift zum unterdrückten Vorwort mit den Worten `Das ist zu arg!' eröffnet.

Letztendlich ist es aber immer noch Hoffmann, der das ganze Wechselspiel zwischen den Handlungsebenen insezeniert; und er tut dies mit einer grandiosen Sicherheit, mit einem erstaunlichen Gefühl für die Empfindungen des Lesers und nicht zuletzt mit einem grossen Einfühlungsvermögen in die Feinheiten der Sprache, wenn er etwa den Wechsel vom Murrteil in ein Makulaturblatt schafft, ohne aus dem Textrhythmus zu geraten. Nicht zuletzt diese Eigenschaft zeichnet Hoffmann als grossen Literaten seiner Zeit aus.

Um die Funktion der Virtuellen Personen als darzustellen, soll die untenstehende Skizze dienen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

B. f. a.: Man sollte meiner Meinung nach die Bedeutung Hoffmanns als Herausgeber nicht überbewerten. Ich möchte diesem grossen Gönner und Förderer meines Geschlechts nicht zu nahe treten, aber wer sich nicht als fähig erweist, ein so grosses Werk wie das des edlen Murr, jenes Juwel europäisch-felidaischer Kultur, fehlerfrei drucken zu lassen, dem kann ich auch nur sehr bescheidene Vermittlerfähigkeiten beimessen; als ob dieses Glanzlicht am Literaturhimmel eines Vermittlers bedürfte!

9 Wirkungsgeschichte

Dem `Kater Murr' war im deutschen Sprachraum sehr lange nur sehr wenig Erfolg beschert. Goethe verurteilte das Werk, er war nicht glücklich darüber, wie viele seiner Werke persifliert wurden. Der grösste Teil der Leserschaft verstand den `Kater Murr' als zwei Geschichten in einem Band, ohne inhaltliche Bezüge. Zwar erfreute sich das Buch grosser Beliebtheit und erlebte im 19. Jahrhundert mehrere Neuauflagen, aber der grosse Erzählungsbogen wurde nicht bemerkt oder nicht goutiert. Das führte so weit, dass der Murrteil als hübsche Tiergeschichte weiterentwickelt wurde (David Hermann Schiff: Nachlass des Katers Murr, 1826) bis zum Erscheinen des `Kreislerbuches' 1903. Aber nicht einmal diese `editorische Entstellung' (Loquai) konnte dem `Kater Murr' schaden, was zweifellos für die Qualität des Werks spricht.

Erst mit den Jahren begannen Leserschaft und Forscher die spielerischen Momente des Textes zu begreifen, die versteckten Details wahrzunehmen, die Querverweise innerhalb des Buches. Dies geschah zuerst im Ausland, etwa in Frankreich oder Russland; Dostojewskij war von dem Roman begeistert, ebenso Baudelaire. Dementsprechend suchte sich der `Kater Murr' vom Ausland aus seinen Platz in der Weltliteratur. Dass sich der Roman im eigenen Lande nicht etablieren konnte, hängt mit den Folgen des klassischen Bildungsideals zusammen, das eine Trennung der hohen von der niederen, der sogenannten Unterhaltungsliteratur durchgesetzt hat, die sich in vielen Belangen bis heute erhalten hat. In dieser rigorosen Form, wie sie im deutschen Sprachraum praktiziert wird, ist die Trennung in Europa einzigartig.

So gesehen war für den `Kater Murr' sein ungeheurer Humor, sein hoher Unterhaltungswert ein Nachteil, was seine Rezeption in Deutschland erschwert hat, ebenso wie seine sperrig und unfertig scheinende Struktur. Erst im 20. Jahrhundert, als sich die von Hoffmann schon bemerkten Brüche in der Realität auszuweiten begannen und offenbar wurden und von der Literatur verlangten, sich diesen veränderten Bedingugen anzupassen, wurde Hoffmanns Konzept von Forschern und Leserschaft verstanden und entsprechend gewürdigt.

Thomas Mann betonte die europäische Bedeutung des `Kater Murr'; er las ihn während er am `Doktor Faustus' arbeitete. Hermann Hesse rühmte Kreisler als Künstlerfigur und Oswald Spengler stellte den `Kater' sogar neben Faust. Murr fand literarische Nachkommen unter anderem in Viktor von Scheffels Hiddigeigei und Gottfried Kellers `Spiegel, das Kätzchen' aus den `Leuten von Seldwyla'.

Hoffmann schreibt in einem Brief an seinen späteren Biographen Hitzig 1821, im `Kater' werde jetzt und künftig seine Bedeutung als Schriftsteller liegen. Diese Selbsteinschätzung des Autors Hoffmann hätte zutreffender nicht sein können. Offenbar wusste Hoffmann sehr genau, worin der Wert und die Bedeutung seines Romans lagen. Der `Kater Murr' ist nicht nur ein bedeutendes Stück humoristischer Roman, sowohl für den deutschsprachigen wie auch für den europäischen Raum, er ist auch Wegbereiter für die Moderne gewesen, einhundert Jahre, bevor die Epoche der Moderne ihren Höhepunkt erreicht.

Die Schlussworte möchten die Verfasser Loquai überlassen. Er bringt den `Kater Murr' auf den Punkt und man kann sich seiner Meinung nur anschliessen:

Kater Murr ist virtuose Kombinatorik, ein humoristisches Erzählfest von weltliterarischem Rang, das bei allem Unterhaltungswert und aller Spielfreude zwischen den Zeilen in jene Abgründe blicken lässt, von denen sich der moderne Mensch auf der Bühne des Lebens bedroht sieht. 6

Bruno fügt an: Kater Murr ist ad valorem zuallererst ein Vertreter meines edlen Geschlechts!

Ich muss Herrn Loquai rügen, wenn er meinen genialen Artgenossen auf ein literarisches Ereignis reduziert. Wir dürfen nicht vergessen, der Kater hat gelebt, das ist erwiesen. Und selbst, falls es - wie die Zweibeiner immer wieder behaupten, dank ihrer so hoch gelobten Rationalität - nicht der Kater gewesen sein sollte, der diese Biographie verfasst hat, sondern tatsächlich Hoffmann, hat Murr doch wohl den Anstoss zu diesem grossen Werk gegeben, und dafür müssen wir alle ihm dankbar sein.

10 Textprobe

Das folgende Textbeispiel soll zeigen, wie abrupt die Wechsel zwischen den Teilgeschichten zuweilen stattfinden. Die Passage ist im ersten Abschnitt des Buches, den "Monaten der Jugend", auf den Seiten 55-57 situiert. Die Szene aus der Kreisler-Biographie spielt am Hof, wo Prinzessin Hedwiga und ihre Freundin Julia zum ersten Mal dem Kapellmeister Johannes Kreisler begegnen und auf seltsame Weise von ihm fasziniert sind.

Kater Murr seinerseits befindet sich in einer ersten, leichten Lebenskrise, aus der er dank seiner Studien wieder herausfindet.

"Nimmermehr", rief die Prinzessin, "nimmermehr sehe ich ihn wieder, den - unbequemen Narren." "Ei, Hedwiga", sprach die Benzon lachend, "welcher Geist gab Ihnen das Wort unbequem ein, das nach dem, was vorgegangen, viel besser passt, als Sie vielleicht selbst glauben und ahnen mögen."

"Ich weiss auch gar nicht", begann Julia, "wie du auf den Fremden so zürnen magst, liebe Hedwiga! - Selbst in seinem närrischen Tun, in seinen wirren Reden, lag etwas, das auf seltsame und gar nicht unangenehme Weise mein Innerstes anregte." - "Wohl dir", erwiderte die Prinzessin, indem ihr die Tränen in die Augen traten, "wohl dir, dass du so ruhig sein kannst und unbefangen, aber mir zerschneidet der Hohn des entsetzlichen Menschen das Herz! - Benzon! - wer ist es, wer ist der Wahnsinnige?" - "Mit zwei Worten", sprach die Benzon, "erkläre ich alles. Als ich mich vor fünf Jahren in -"

(M.f.f.) - michüberzeugte, dass in einem echten, tiefen Dichtergemüt auch kindliche Tugend wohnt und Mitleid mit dem Bedrängnis der Genossen.

Eine gewisse Schwermut, wie sie oft junge Romantiker befällt, wenn sie den Entwicklungskampf der grossen erhabenen Gedanken in ihrem Innern bestehen, trieb mich in die Einsamkeit. Unbesucht blieben, mehrere Zeit hindurch, Dach, Keller und Boden. Ich empfand mit jenem Dichter die süssen, idyllischen Freuden im kleinen Häuschen am Ufer eines murmelnden Bachs, umschattet von düster belaubten Hängebirken und Trauerweiden, und blieb, mich meinen Träumen hingebend, unter dem Ofen. So kam es aber, dass ich Mina, die süsse, schöngefleckte Mutter, nicht wiedersah. - In den Wissenschaften fand ich Trost und Beruhigung. O es ist etwas Herrliches um die Wissenschaften! - Dank, glühender Dank, dem edlen Mann, der sie erfunden.

[. . .]

Durch diese Art zu studieren gewann mein Geist diejenige Biegsamkeit und Mannigfaltigkeit, mein Wissen den bunten, glänzenden Reichtum, den die Nachwelt an mir bewundern wird. Die Bücher, die ich in dieser Periode des dichterischen Schwermuts hintereinander las, will ich hier nicht erwähnen, teils, weil sich dazu eine schicklichere Stelle vielleicht finden wird, teils, weil ich auch die Titel davon vergessen, und dies wieder gewissermassen darum, weil ich die Titel meistenteils nicht gelesen und also nie gewusst habe. - Jedermann wird mit dieser Erklärung zufireden sein und mich nicht biographischen Leichtsinnes anklagen.

11 Nachwort

B.f.a.: Bevor ich grosszügig den jungen Menschen-Schriftstellern das letzte Wort in ihrem bescheidenen Werk überlasse, möchte ich doch noch einige Bemerkungen einschieben.

Als mir das Manuskript zu diesem Heft zum ersten Mal unter die Pfoten kam, musste ich mich beherrschen, nicht die mir von der Natur gegebene Kraft der Krallen einzusetzen, und die Blätter in tausend Stücke zu zerfetzen, und im Frühlingswind zu zerstreuen. Ich überlegte es mir aber anders, da solch aggressives Verhalten nicht meiner Grösse, meines Geistes und Standes würdig gewesen wäre. So griff ich also zur Feder und begann, den Text Schritt für Schritt zu überarbeiten. Oft sass ich die halbe Nacht in einer verlassenen Ecke, die Pfote sinnig an die Stirn gedrückt, die Feder wartend über dem Papier und gab mich voll und ganz meiner literarischen Ader hin.

Die Unwissenheit der Menschen bezüglich der Katzheit, und insbesondere der gebildeten Kater, zu denen ich mich ohne Zweifel zählen darf, erschreckte mich zutiefst. Die meisten der beleidigenden Stellen konnte ich bereits in den Notizen der Verfasser so abändern, dass sie in der Reinschrift schliesslich nach meinem Gusto ausfielen. War dies nicht möglich, oder wurde ich durch die krassen Verfehlungen der Verfasser einfach dazu genötigt, erlaubte ich es mir, längere Kommentare, Korrekturen und Berichtigungen einzufügen. O Kater, der du dies jetzt liest, gar nicht sprechen will ich von den vielen Notizen, die ich den Verfassern heimlich weggenommen habe, da der Inhalt der Katzheit ganz einfach nicht hätte zugemutet werden können.

In der vorliegenden Form kann ich es aber verantworten, dass dieses Heft der Öffentlichkeit vorgelegt wird, hoffe darauf, dass die Kritiker erkennen, wessen Pfote die fast schon genial anmutenden Worte entsprungen sind, und dass mein Name gepriesen sein wird und ich Bewunderung und Anerkennung finde in den Herzen meiner Anhänger.

Wir geben diese Arbeit mit gemischten Gefühlen ab. Hat sich doch Kater Bruno unser Werk unter den Nagel gerissen, es geändert und verfälscht, und brüstet sich auch noch mit seiner literarischen Leistung! Da wir die schreckliche Entdeckung erst kurz vor dem Abgabetermin machten, blieb uns keine Zeit mehr, das Werk zu redigieren und die Änderungen von Bruno rückgängig zu machen. Wir bitten daher den Leser, die vom frechen Kater gemachten Anmerkungen nicht allzu ernst zu nehmen, und uns zu verzeihen, dass ein nicht ganz zurechnungsfähiger Vierbeiner in unsere Arbeit gepfuscht hat.

Doch zurück zu Kater Murr: Die Arbeit verlief eigentlich relativ reibungslos und hat auch meist Spass gemacht. Schwierigkeiten gab es nur mit dem Buch selbst. Oft war es nicht einfach, die nur fragmentarisch vorhandene Kreisler-Biographie zu verstehen. Wir erinnern uns an den Versuch, die ganze Geschichte in einen chronologischen Ablauf parallel zur MurrBiographie zu bringen. Dieses Unterfangen erforderte viel Phantasie, etwa drei mit Schemen vollgekritzelte Blätter und über eine Stunde Zeit.

Unsere Zusammenarbeit verlief gut und ohne Probleme. Nach gemeinsamer Ausarbeitung einer Themenstruktur teilten wir die Arbeit klar auf und jeder erledigte seinen Teil gewissenhaft. Während der gesamten Entwicklungszeit fand aber ein reger Gedankenaustausch statt, welcher oft in sehr amüsante Diskurse über Katzen, Wahnsinn und sonstige verworrene Geschichten ausartete...

Abschliessend können wir sagen, dass uns die Arbeit an Hoffmanns "Murr" bereichert und unseren Horizont bezüglich des etwas andersartigen Werkes erweitert hat.

Falls der Leser eine Katze hat: Lassen Sie nie ein Manuskript offen und unbeaufsichtigt herumliegen! (Dies nur ein kleiner Tip von Seiten der leidgeprüften Verfasser).

Vordemwald & Zofingen

Im Juni 1998

12 Quellenangabe und Bibliographie

Der Text zum Kater Murr sowie sämtliche Zitate bis auf Murrs Nachruf sind entnommen aus:

Lebens-Ansichten des Kater Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern. Herausgegeben von E. T. A. Hoffmann.

Vollständige Ausgabe nach dem Wortlaut der Erstausgabe (2 Bände, Berlin 1820/22)

1. Auflage 10/1994, Goldmann Verlag, München.

In derselben Ausgabe ist ein Nachwort von Franz Loquai erschienen, zusammen mit einer Zeittafel zu Hoffmanns Leben und Werk. Beides wurde durch die Autoren verwandt, namentlich in der Biographie Hoffmanns und der Wirkungsgeschichte.

Weitere verwendete Literatur:

- `Das neue Bertelsmann Taschenlexikon in 20 Bänden', Bertelsmann Lexikon Institut, Gütersloh, 1992
- Kurt Rothmann: `Kleine Geschichte der Deutschen Literatur', 7. Auflage. Reclam Universalbibliothek 9906, Stuttgart 1985
- Wolf Wucherpfennig: `Geschichte der deutschen Literatur. Von den Anfängen bis zur Gegenwart', 3. Auflage. Ernst Klett Verlag, Stuttgart 1996.
- E. T. A. Hoffmann: `Werke in drei Bänden'. Dritter Band. Insel Verlag Frankfurt am Main, 1967.
- Walter Jens (Hrsg.), Kindlers neues Literaturlexikon, Studienausgabe, Kindler Verlag München, 1996

[...]


1 aus: Wucherpfennig: `Geschichte der deutschen Literatur', Klett Verlag, Seite 144

2 Ebd.: S. 144

3 aus den Anmerkungen zum `Kater Murr' in der Insel Ausgabe, S. 507 f.

4 vgl. Loquai, Nachwort zum `Kater Murr' in: ebd. S. 389

5 Franz Loquai: `Nachwort zum `Kater Murr'' in Ebd., Seite 386

6 Franz Loquai: Nachwort zum `Kater Murr'. In: Ebd. Seite 390.

43 von 43 Seiten

Details

Titel
Hoffmann, E. T. A. - Lebensansichten des Kater Murr
Veranstaltung
Deutschunterricht, 3. Klasse Gymnasium, Typus C, Schule: Kantonsschule Zofingen, CH
Note
6 (CH)
Autoren
Jahr
1997
Seiten
43
Katalognummer
V95500
Dateigröße
583 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hoffmann, Lebensansichten, Kater, Murr, Deutschunterricht, Klasse, Gymnasium, Typus, Schule, Kantonsschule, Zofingen
Arbeit zitieren
Martin Althaus (Autor)Daniel Frank (Autor), 1997, Hoffmann, E. T. A. - Lebensansichten des Kater Murr, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/95500

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