Zahlensymbolik im englischen, schottischen und irischen Märchen


Seminararbeit, 1999
14 Seiten, Note: 2,0

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INHALT

1.Einleitung

2. Geschichte der Zahlensymbolik

3. Symbolik einzelner Zahlen
3.1. Die ZWEI
3.2. Die DREI
3.3. Die SIEBEN

4. Analyse der Zahlensymbolik in drei Märchen
4.1. Das schottische Märchen „Katherine Crackernuts“
4.2. Das englische Märchen „Nix Nought Nothing“
4.3. Das irische Märchen „The Farmer’s Answers“

5. Schlussbemerkung

6. Bibliographie

1. Einleitung

„Nimm die Zahl von allen Dingen, und sie alle werden verderben“ (Endres/Schimmel 1988: 33), dieses Zitat von Isidor von Sevilla macht deutlich, welche Bedeutung die Zahlensymbolik zu dessen Lebzeiten im Mittelalter, aber auch darüber hinaus in der gesamten Weltgeschichte und der menschlichen Kultur, hatte. Angefangen bei den Phy- tagoräern, die alles auf der Welt in Zahlenrelationen darzustellen versuchten (End- res/Schimmel 1988:23 - 26), bis zu den esoterischen Zahlenspielereien heutiger Tage zog sich die Zahlensymbolik durch Wissenschaft und Kunst. Die Bibel, die Werke von Goethe und die Musik von Wagner sind reich an zahlensymbolischen Andeutungen (Endres/Schimmel 1988:30 - 38).

Aber wenn Hänsel und Gretel mit den sieben Zwergen und den sieben Geißlein hinter den sieben Bergen drei Nüsse essen, dann wird deutlich, welche Bedeutung und Tradition die Zahlensymbolik gerade auch im Volksmärchen hat.

In dieser Arbeit versuche ich nun diesen Aspekt der Märchenforschung näher zu be- leuchten. Nach einem kurzen geschichtlichen Abriss beschreibe ich allgemein die Sym- boliken, der für mich wichtigsten und interessantesten Zahlen Zwei, Drei und Sieben anhand entsprechender Literatur, die sowohl historische Bedeutungen als auch allge- meine Überlegungen beinhaltet. Danach untersuche ich drei Märchen auf die genannten Zahlen und versuche in Anlehnung an die erarbeiteten Symboliken meine eigene Inter- pretation zu finden. Wichtig ist hierbei zu beachten, dass Zahlen eine Fülle von ver- schiedenen Bedeutungen (auch kulturabhängig) haben und ich deshalb wohl sicher nicht die einzig mögliche Interpretation geben kann.

2. Geschichte der Zahlensymbolik

Die ersten, die sich in unserem Kulturkreis, d.h. dem jüdisch-christlichen, mit Zahlen und ihrer symbolischen Bedeutung beschäftigt haben, sind Pythagoras (6. Jhdt. v. Chr.) und seine Schüler. Die Pythagoräer glaubten, dass alles auf der Welt durch ganze Zah- len mess- und beschreibbar ist, und dass alles in Relationen zueinander steht, die in Zahlen ausdrückbar sind (z.B. Tonleitern, Weltall). Außerdem hoben die Pythagoräer die Polarität der geraden und ungeraden Zahlen hervor, denen sie bestimmte Merkmale zusprachen. So sind die geraden Zahlen dem Weiblichem, Unendlichem, Bewegtem und Bösem zugeordnet, während die ungeraden Zahlen das Männliche, Geordnete, Ruhende und Gute symbolisieren.

Welche Bedeutung damit den ungeraden Zahlen zukommt, macht ein islamischer Spruch deutlich: „ Gott ist eine ungerade Zahl (einer) und liebt die ungeraden Zahlen.“ Somit wird klar, warum z.B. rituelle, religiöse Handlungen oft dreimal durchgeführt werden (vgl. Endres/Schimmel 1988: 23-26).

Die pytagoräische Zahlenmystik wurde von Platon (427-348 v. Chr.) und später durch den Neoplatonismus weiter entwickelt und lässt sich in folgenden drei Grundsätzen zu- sammenfassen:

1. Die Zahl beeinflusst das Wesen der Dinge, die in ihr irgendwie angeordnet sind
2. Die Zahl wird dadurch zum Mittler zwischen Göttlichem und Irdischem.
3. Wenn man also Operationen irgendwelcher Art mit Zahlen ausführt, so wir- ken diese Operationen auch auf die Dinge, die mit den entsprechenden Zahlen zusammenhängen. (Endres/Schimmel 1988: 30)

Die Macht und Symbolik der Zahlen, die damit verbunden war, drückte Plotin (205- 270) folgendermaßen aus: „Zahlen bestehen vor den Objekten, die durch sie beschrieben werden.“ (Endres/Schimmel 1988: 30).

Zahlensymbolik wurde ein wichtiger Aspekt der Interpretation von jüdischen Schriftstücken der Bibel und auch des Korans. Die Tatsache, dass im Hebräischen, worin diese Schriften verfasst wurden, Buchstaben gleichzeitig auch Zahlen ausdrücken, bot große Interpretationsmöglichkeiten. (vgl. Endres/Schimmel 1988: 30-33)

Im Mittelalter erlebte das Interesse an Zahlenmystik einen Höhepunkt. „Nimm die Zahl von allen Dingen, und sie alle werden verderben“ (Endres/Schimmel 1988: 33) meinte Isidor von Sevilla und bringt damit den starken Glauben der Menschen an Zahlen und ihre Macht während dieser Epoche zum Ausdruck. Zu dieser Zeit wurde die Arithmologie geboren, die die kosmologische Funktion und den tieferen Sinn der Zahlen erforschte. (vgl. Endres/Schimmel 1988: 33f)

Im 12. Jhdt. erfuhr die Zahlensymbolik gerade im religiösen Bereich Beachtung, und Hugo von St. Victor gab sogar eine konkrete Anleitung, wie man Zahlen in der Bibel deuten könnte. Man kann z. B. eine Zahl nach ihrer Stellung im Zahlensystem deuten (die Eins ist die erste Zahl und damit die Basis aller Dinge) oder nach ihrer Zusammen- setzung (die Zwei kann, wie generell alle geraden Zahlen, halbiert werden und ist daher vergänglich).

Gorgio stellte 1525 in seiner Harmonia Mundia die Zahlensymbolik gar als die Wissenschaft dar, die alle anderen in sich vereinigt, und Petrus Bungus (16./17. Jhdt.) schrieb in De Numerorum Mysteriis, dass man ohne die Bedeutung der Zahlen zu kennen, die Welt gar nicht wirklich verstehen könne (warum es z.B. vier Jahreszeiten und vier E- lemente gibt).

Berühmten Astronomen wie Kepler verhalf diese „unerschütterliche, selbstverständliche Überzeugung, einer von der Zahl regierten Harmonie von Mensch, Erde, All“ (End- res/Schimmel 1988: 38) zu großen Entdeckungen und im 17./18. Jhdt. ist die Musik (z.B. von J. S. Bach) aber auch Werke von Goethe und Schiller eine wahre Fundgrube an zahlensymbolischen Andeutungen. (vgl. Endres/Schimmel 1988: 33-38) Heute werden Zahlen oft sehr rational als mathematisches Werkzeug ohne Charakter und Seele gesehen (vgl. Betz 1992: 16), oder es wird unter dem Deckmantel der esote- rischen Lebenshilfe deren Bedeutung oft überbewertet, was sich in kuriosen Spielereien nach dem Muster „bilden Sie die Quersumme ihres Geburtsdatums und multiplizieren Sie diese mit der Anzahl der Buchstaben Ihres Namens, und heiraten Sie dann auch bitte nur Menschen, die die gleiche Zahl haben...“ zeigt. Allerdings sollte man sich auch einmal bewusst machen, wie oft „magische“ Zahlen in unserem Alltag auftreten, sei es, dass wir jemanden dreimal hochleben lassen, oder der Verkehr von einer dreifarbigen Ampel geregelt wird (vgl. Endres/Schimmel 1988: 40f).

3. Symbolik einzelner Zahlen

3.1. Die ZWEI - die Zahl des Zwiespalt

Die Zwei ist die Zahl des Zwiespalts und der Polarität und zwar dann, wenn sie etwas gegenüberstellen will, z.B. gegensätzliche Meinungen, unterschiedliche Charaktere oder gut und böse. (vgl. Endres/Schimmel 1988: 61ff). Die Zwei teilt etwas Ganzes und zerstört damit die Einheit (vgl. Betz 1992: 37) und ist so etwas Böses, etwas Spaltendes. In der Religion wird der Gegensatz darin deutlich, dass es neben dem göttlichen EINEM eigentlich kein zweites geben kann. Deshalb wird in der Religion die Zwei nicht als eine Einheit sondern als Gegensatz zumindest aber Nebeneinander zweier individueller Einheiten gesehen (vgl. Endres/Schimmel 1988: 62).

Etwas definiert sich aber oder existiert oft nur durch seinen Gegensatz, so gibt es den Tag nicht ohne die Nacht und das Licht nicht ohne das Dunkel (vgl. Betz 1992: 37). Die Zwei fordert oft eine Entscheidung, vergleichbar mit einer Wegscheide. Diese Entscheidung birgt ein gewisses Risiko (sich für den falschen Weg zu entscheiden) aber auch eine Chance (durch die Wahlmöglichkeit) (vgl. Betz 1992: 42).

Oft ist es aber nicht erwünscht sich auf etwas festzulegen, sondern gerade ein Zeichen von Reife, wenn man gelernt hat zwei (scheinbar) widersprüchliche Dinge z.B. unter- schiedliche Charaktermerkmale fruchtbar zu integrieren und auch zu seiner dunklen Seite (seinen Fehlern) zu stehen und sie zu akzeptieren.

So sollte man beispielsweise nicht Verstand gegen das Gefühl/die Intuition ausspielen sondern geistige Vollkommenheit erstreben, indem man sich von beidem gleichermaßen leiten lässt (vgl. Betz 1992: 41f).

Wohl jeder kennt das chinesische YinYang, das in wunderbarer Weise das Gegeneinander aber auch Miteinander und Ineinander zweier Kräfte symbolisiert und uns zeigen will, dass alles auf der Welt auf dem Prinzip des integrativen Dualismus‘ beruht (vgl. Endres/Schimmel 1988: 64f).

Die Zwei ist die Zahl des Lebens und des Körpers, erkennbar an unseren zwei Augen, zwei Hirnhälften, zwei Armen, an Systole und Diastole und an der Zellteilung, worin auch wieder die Notwendigkeit des Zusammenspiels deutlich wird (ein Auge sieht schlechter als zwei)(vgl. Endres/Schimmel 1988: 63).

Diese Suche nach Ergänzung und damit nach Vollkommenheit wird besonders in der Partnersuche deutlich. Man sucht nach einem Gegenstück, das einen Gegensatz aber auch eine Ergänzung bildet (vgl. Betz 1992: 47). Diese Paarbildung hat ihren Höhe- punkt im Geschlechtsakt, der den schöpferischen Aspekt der Zwei deutlich macht (die Vereinigung zweier erschafft etwas Neues) und überwindet die Polarität, durch die Er- schaffung eines Dritten.

3.2. Die DREI - die Zahl der Entscheidung und der Harmonie

„Tria est numerus perfectus“ (Betz 1992: 49) Die drei, die perfekte Zahl, ist die am mei- sten verwendete Zahl in der Weltliteratur. Sie bildet eine Einheit aus verschiedenen Elementen ohne aber wie die Zwei zu zersplittern. Sie überwindet die Spaltung der Zwei in einer harmonisierenden Art, die Cassirer 1923 n seiner Philosophie der symbo- lischen Formen folgendermaßen beschrieb: „Das Problem der Einheit, die aus sich he- raustritt, die zu einem Anderem und Zweitem wird, um sich schließlich in einer dritten Natur wieder mit sich zusammenzuschließen“ (Endres/Schimmel 1988: 73). Die Drei ist die erste Zahl, die einen Anfang, eine Mitte/Entwicklung und ein Ende hat (vgl. End- res/Schimmel 1988: 74). Außerdem kann man mit drei Personen abstimmen, eine Ent- scheidung oder Lösung erreichen. Im alten Ägypten waren drei Striche das Zeichen für den Plural bzw. Superlativ (vgl. Endres/Schimmel 1988: 84). Die Drei ist fruchtbar, weil sie die Familie (Vater-Mutter-Kind) symbolisiert und damit das Fortbestehen der Menschheit garantiert (vgl. Betz 1992: 49).

Wie in vielen Religion, so ist auch unsere Gottheit in eine Trinität aufgespalten, bestehend aus Gott, dem Vater (Erlöser), Jesus Christus, dem Sohn (Erhalter) und dem Heiligen Geist (Verbindung der beiden). Darauf basiert die im frommen Mittelalter enorme symbolische Beliebtheit der Dreizahl. (vgl. Betz 1992: 52-56).

Da der Mensch laut Bibel ein Ebenbild Gottes sein soll, wurde im Laufe der Jahrhun- derte seine eigene psycho- und physiologische Trinität herausgestellt. so besteht der Mensch aus Körper, Seele und Geist, wovon die Seele wiederum in Verstand, Gefühl und Wille aufgeteilt ist (vgl. Betz 1992: 56).Aber auch das menschliche Leben selbst ist dreigeteilt (Geburt-Leben-Tod)(vgl. Betz 1992: 56), ebenso wie die gesamte Umwelt, was Laotse folgendermaßen ausdrückte: „...die Einheit erzeugt die Zweiheit, die Zwei- heit erzeugt die Dreiheit - die Dreiheit erzeugt alle Dinge.“ (Endres/Schimmel 1988: 74). So ist die Umwelt in Tiere, Pflanzen und Mineralien aufgeteilt und die Chemie kennt drei Aggregatzustände (flüssig, fest und gasförmig) (vgl. Endes/Schimmel 1988: 80).

3.3. Die SIEBEN - die Zahl der Ordnung

Bis ins Mittelalter hinein glaubten die Menschen an die Existenz von sieben Planeten: Jupiter, Mars, Merkur, Venus, Saturn und auch die Sonne und der Mond. Diesen Plane- ten wurden die sieben Tage der Woche zugeordnet (MondàMontag usw.) (vgl.Betz 1992: 90f) Daraus folgte, dass die Sieben die Zahl der Periodizität wurde, sie bedeutet Wechsel und Einschnitt, wie nach sieben Tagen eben eine neue Woche beginnt (vgl. Endres/Schimmel 1988: 143f).

Der jüdische Philosoph Philo von Alexandrien teilte das menschliche Leben in zehn Abschnitte zu je sieben Jahren und auch Shakespeare spricht von „seven ages of man“ (vgl. Betz 1992: 89f).

Einige Völker wie die Mayas, Sumerer und Babylonier glaubten in Anlehnung an die erwähnten sieben Planeten an sieben Himmelsspähren, die es bis zur Wiedergeburt und zur Begegnung mit Gott zu durchschreiten gilt. Daran erinnert noch das Sprichwort „im siebten Himmel sein“ (vgl. Betz 1992: 91).

In der Bibel gibt es viele zahlensymbolische Andeutungen mit der sieben, so träumt der Pharao von sieben fetten und sieben mageren Kühen, was Joseph als sieben Jahre in Überfluss und sieben in Armut deutet, und Noahs Taube ist sieben Tage unterwegs (vgl. Endres/Schimmel 1988: 147).

Die Sieben ist auch die Zahl der Ordnung und Vollkommenheit: Mit den sieben Wis- senschaften im Mittelalter dachte man alle Bereiche abgedeckt zu haben, und wenn man „seine sieben Sachen“ gepackt hat, kann man sicher sein, alles dabei zu haben (vgl. Betz 1992: 95f).

In vielen historischen Quellen kann der Sieben allerdings keine der oben genannten Bedeutungen zugeordnet werden, dann ist sie schlicht eine Rundzahl und bedeutet einfach „viel“ (vgl. Endres/ Schimmel 1988: 166).

4. Analyse der Zahlensymbolik in drei Märchen

4.1. Das schottische Märchen

„Katherine Crackernuts“ (Jarvie 1997: 43-53)

Der Grundkonflikt dieses Märchens entsteht aus den zwei verschiedenen Interpretatio- nen von Freundschaft. Die Prinzessin Velvet Cheek sieht Katherine als Spielgefährtin („playfellow“ S.43, Z.13), die mit ihr eine Einheit bildet, da sie sowohl ihr Alter als auch gemeinsame Interessen verbinden („...the two girls[...] had everything in com- mon...“ S.43 Z.15f).

Katherines Mutter sieht Velvet Cheek allerdings als Rivalin ihrer Tochter, da Velvet Cheek schöner ist und Katherine Schwierigkeiten haben könnte, in dieser Begleitung einen Ehemann zu finden („For [...] what suitor will heed my daughter as long as her stepsister is by her side ?“ S.44 Z.7f). Dieser Konflikt zeigt die beiden Hauptmerkmale der Zwei: sie kann eine harmonische Ergänzung zweier Individuen (Freundschaft) sein, aber auch einen Gegensatz, einen Dualismus (Konkurrenz) darstellen.

Das Problem der Stiefmutter löst sich nach Velvet Cheeks dreimaligem Besuch bei der Hexe.

Bei jedem Besuch wird die Kontrolle der Stiefmutter über das Mädchen größer. Zuerst kontrolliert sie das Kind gar nicht, dann nur bis zur Schlosstür und schließlich sowohl inner- als auch außerhalb des Schlosses. Die Verwendung der Drei beschreibt also eine Entwicklung, die mit einer ebenfalls für die Drei typischen Veränderung bzw. Lösung endet: die Verwünschung des Kindes.

Der Zauber macht aus dem Kind eine Art Doppelwesen, sowohl Schaf als auch Mensch. Da dies unnatürlich ist, muss sich Velvet Cheek entscheiden, was von beiden sie ver- bergen will, und sie entscheidet sich natürlich für den Schafsteil („...she felt so ashamed of her sheep’s head...“ S.46 Z.19f) Hier hat die Zwei die Funktion einer konfliktschaffenden Polarität.

Katherine, die ihrer Stiefschwester in dieser Situation helfen will, bringt den harmoni- schen Freundschaftsaspekt der Zwei wieder in den Vordergrund. Sie sorgt für ihre Schwester („...for when one’s sister is troubled with the migraine, one has to learn to look after her...“ S.47 Z.9ff) und arbeitet für diese, die wegen der vorgetäuschten Krankheit dazu nicht in der Lage ist. Hier ergänzen sich die zwei Mädchen, denn Velvet Cheek’s vermeintliche Krankheit verschafft Katherine erst die Arbeit, mit der sie das Leben fern von zu Hause finanzieren können, da Katherine durch die Pflege ihrer Stief- schwester Pflegeerfahrung vorweisen kann.

Kurz darauf kommt es zu einer erneuten „Paarbildung“, und zwar zwischen der wachen, gesunden und weiblichen Katherine und dem schlafendem, kranken und männlichem Prinzen. Hier liegt eine harmonische Ergänzung zweier auf den ersten Blick recht un- terschiedlicher Charaktere vor, denn Katherine erhält durch den Prinzen Geld und später durch seine Hilfe auch die Erlösung ihrer Stiefschwester, und der Prinz wird am Ende durch Katherine erlöst.

Die Dreiergruppe die sich des Nachts auf den Weg zur Höhle mit den tanzenden Frauen macht (Hund, Prinz, Pferd) symbolisiert eine Einheit, denn die Drei überwindet die spaltende Zwei. Der Prinz ist hier also von treuen Gefährten umgeben. Bis zum Ende des Märchen wird nun die Drei noch einige Male verwendet. So gelangt Katherine an den Zauberstab des Kindes indem sie diesem drei Nüsse zurollt (S.49 Z.31 - S.50 Z.5) und kann mit drei Schlägen mit diesem Stab ihre Stiefschwester vom Schafskopf befreien („Three strokes of that wand would give Katherine’s sister back her pretty face.“ S.49 Z.28f) und schließlich wird der Prinz von drei Bissen eines gebratenen Vogels von seiner Krankheit, die sich als Verwünschung entpuppt, befreit (S.52 Z.13f).

Die Drei führt hier immer zu einer Lösung (Erlösung der Verwünschten) oder verhilft zu den Utensilien, die dazu nötig sind (Zauberstab). Die Lösung wird durch die Über- windung einer Zweiheit erreicht, so überwinden die drei Nüsse die Distanz zwischen zwei Personen (Mädchen - Katherine), aus dem Zwitterwesen (Mensch-Schaf) wird wieder ein einheitlicher Mensch und der Prinz gleitet aus dem Schlaf in einen wachen Zustand. Gerade bei letzterem wird zudem eine Entwicklung in eben drei Schritten deutlich. Beim ersten Bissen hebt der Prinz die Ellenbogen und schaut Katherine an, beim zweiten setzt er sich auf und beim dritten bekommt er rosige Wangen und leuch- tende Augen (S.53 Z.1 - 9). Die Drei bezeichnet also wieder eine Entwicklung mit an schließender Lösung eines Konflikts.

Abschließend bilden sich im Märchen zwei Paare aus dem ehemals verwunschenen Prinzen und Katherine und außerdem aus dessen jüngerem Bruder und Velvet-Cheek. Hier ist wieder die Grundtendenz des Menschen zum Gegengeschlecht und damit die harmonisierende Verbindung zweier unterschiedlicher, teilweise gegensätzlicher (männlich - weiblich) Menschen, also die gegensatzüberwindende Macht der Zwei dar- gestellt.

4.2. Das englische Märchen

„Nix Nought Nothing“ (Jacobs 1970: S.17 - 24)

Zu Anfang ist die Familie unvollständig, denn Mutter und Sohn müssen auf den Vater warten.

Den Zwei Menschen fehlt das bindende dritte Glied, denn die Mutter konnte natürlich erst mit dem Vater den Sohn zeugen. Wegen dieser Unvollständigkeit fühlt sich die Mutter nicht imstande das Kind taufen zu lassen („The queen would not christen the boy till the king came back,...“ S.16 Z.5f).

Der provisorische Name Nix Nought Nothing, den sie ihrem Sohn deshalb gibt hat drei Wörter. Hier möchte die Königin vielleicht die Dreiheit, die ihr durch die Abwesenheit ihres Mannes verwehrt bleibt, sublimieren.

Durch das Versprechen des Königs müssen die Eltern eigentlich ihren Sohn dem Riesen übergeben, sie versuchen aber statt dessen den Sohn der Hühnerfrau und danach den Gärtnerssohn als ihren Sohn auszugeben, aber der Riese erkennt den Betrug. Hier verkennt das Königspaar den Charakter der Zwei, denn sie will ein Plagiat ihres eigenen Sohnes schaffen. Das kann aber nicht gutgehen, da zwei völlig eigenständige und dazu noch recht unterschiedliche Kinder aus verschiedenen Gesellschaftsklassen (Prinz - Sohn eines Hofangestellten) sich zwangsläufig unterschiedlich und individuell verhalten werden. Die Zwei will ja auch nicht zwei Dinge als eine Einheit ausgeben, sondern die Unterschiedlichkeit und Individualität herausstellen, die gegenläufig oder harmonisch sein kann.

Als die Eltern das also einsehen, geben sie dem Riesen beim dritten und eine Lösung bzw. Entscheidung schaffenden dritten Mal ihren Sohn Nix Nought Nothing. In der Freundschaft und innigen Zuneigung von Nix Nought Nothing zur Tochter des Riesen („...she and the lad grew very fond of each other.“ S.19 Z.21f) wird wieder die Grundtendenz des Menschen zum anderen, zweiten Geschlecht deutlich, welches am Ende des Märchens wiederum in die märchentypische Hochzeit der beiden gipfelt. Bis es soweit ist muss der Prinz aber erst drei Aufgaben lösen. Drei weil die Drei, wie schon erwähnt, die Zahl der Konfliktlösung ist, zumindest bewirkt sie aber eine grundlegende Veränderung der Situation, d.h. man kann nach dem Lösen, oder während des Lösens der dritten Aufgabe, einen Einschnitt erwarten.

Zuvor wird aber deutlich, dass in den drei Aufgaben die Sieben eine Rolle spielt, denn Nix Nought Nothing soll einen Stall, der sieben mal sieben Meilen misst und sieben Jahre nicht gesäubert wurde, kehren (S.19 Z.24ff), dann einen See, der sieben Meilen tief, sieben Meilen breit und sieben Meilen lang ist trocken legen und von einem siebe n Meilen hohen Baum sieben Eier holen. Die Sieben steht hier für den Superlativ und die Vollständigkeit, d.h. der Stall ist sehr groß und Nix Nought Nothing soll ihn vollstän- dig säubern usw.. Bei der letzten Aufgabe wird die Vollständigkeit der Sieben durch das Zerstören eines Eies zerstört, was in Kombination damit, dass es die dritte Aufgabe ist die, schon erwähnte Veränderung bringt.

Schaut man sich die Stellung und die Lösung der Aufgaben an wird zunächst eine Dreierkonstellation deutlich, bestehend aus Nix Nought Nothing (der Gute/Held), der Tochter des Riesen (Helferin) und dem Riesen (der Böse/Aufgabensteller). Die Aufgaben selbst sind drei Elementen zugeordnet (Stall - Erde; See - Wasser; Baum - Luft), die man in den Helfern der Tochter des Riesen wiederfindet („...the beasts in the field [...] the fowls in the air...“ S.20 Z.1f und „...the fish in the sea...“ S.20 Z.15) ohne diese beiden Dreiergruppen würde es keine Aufgaben (ohne beispielsweise den Riesen) und auch keine Lösung (ohne Tochter und Tiere) geben.

Auf der anschließenden Flucht versucht die Tochter des Riesen ihren Vater dreimal mit verschiedenen Gegenständen (comb - dagger - flask S.21) aufzuhalten und es gelingt ihr beim dritten Mal, und auch hier wird die Situation durch den Tod des Riesen grundlegend verändert und ein Konflikt zwischen zwei Parteien (Tochter/Nix Nought Nothing - Riese) gelöst, sodass die Drei in diesem Fall die Spannung der Zwei aufhebt. Zum Ende des Märchens hin beeinflussen drei Frauen in Folge den Zustand von Nix Nought Nothing. Die Hühnerfrau verwünscht ihn, und die Tochter des Gärtners und die Tochter des Riesen versuchen ihn zu erlösen.

Bei den beiden Töchtern meint sich die Gärtnerstochter, in Analogie zur Vertauschung der Söhne zu Beginn des Märchens, als die hübsche Tochter des Riesen, die als einzige den Bann lösen kann, im Wasser zu erkennen („If I’m so bonny, if I’m so brave,...“ S.22 Z.25f). Aber das schlägt fehl, da sie sich als jemand anderes, als ein Abbild der Tochter des Riesen erkennt, und wenn auch nicht bewusst ausgibt, und damit ihre eigene Identi- tät verleugnet. Die Zwei als Gegensatz oder Symbiose zweier Teile wird hier die fal- sche Bedeutung eines Duplikats gegeben, die durch das Versagen der Gärtnerstochter korrigiert wird.

4.3. Das irische Märchen

„The Farmer’s Answers“ (Glassie 1985: S.84f)

Dieses relativ kurze Märchen zeigt in knapper und prägnanter Form die Symbolik der Zwei und der Drei. Die Basis dieses Märchens bilden drei Männer und drei Fragen. Die Männer haben wieder die typische Dreierkonstellation: Jack Murphy (Protagonist), Grundbesitzer (Aufgabensteller) und Tim Daly (Helfer). Die Funktion der Drei als har- monisierendes, bindendes Glied zwischen zwei Personen (in diesem Fall) kommt Tim als Verbindung zwischen Grundbesitzer und Jack zu. Durch seinen Einsatz können die drei Fragen beantwortet werden und Jack erhält den gewünschten Mieterlass. Tim gibt sich als Duplikat von Jack aus und verkennt damit den Dualismus und die Individualität der beiden Pole der Zwei (siehe 4.1. und 4.2.) („...the landlord will not know one of us from the other...“ S.84 Z.30f). Die Aufgaben können am Ende aber nur gelöst werden, indem Tim seine wahre Identität preisgibt und damit dem Grundbesitzer klarmacht, dass es sich bei den beiden um zwei verschiedene Männer handelt. Damit hat er die Zwei als Zusammenspiel zweier Individuen wieder in den Vordergrund gerückt. Die drei Fragen haben eine konfliktlösende Funktion. Nach dem Beantworten der drit- ten Frage kann man eine Situationsveränderung in der Geschichte erwarten. Und tat- sächlich löst die dritte Frage durch den versprochenen Mieterlass („... if you can answer three questions [...] I’ll let you off the rent...“ S.84 Z.19)die Geldsorgen von Jack und außerdem ist sie zugleich das Werkzeug mit der das Doppelgängerspiel der Männer, auf dem das gesamte Märchen basiert, enttarnt wird. Da dies der einzige Konflikt des Mär- chens ist, endet dieses recht einfach konzipierte Märchen auch mit der Lösung der drit- ten Frage.

4. Schlussbemerkung

Bei der Bearbeitung der mir vorliegenden Märchenanthologien ist mir entgegen meiner Erwartung aufgefallen, dass die Zahl Sieben dort keine so zentrale Stellung einnimmt wie in einigen der bekanntesten deutschen Märchen, es fehlt an prägnanten Siebener- gruppen wie den „sieben Geißlein“ oder den „sieben Zwergen“. Auch innerhalb der von mir ausgewählten sehr symbolträchtigen Märchen war die Sieben nur in einem vertreten und hatte auch dort (meiner Meinung nach) nur die Funktion einer Rundzahl. Bei der Zwei und der Drei war auffällig, dass sich Zweien oft auf Personen beschränken (Mann und Frau; Geschwisterpaar usw.) während die Drei Ereignisse (Aufgaben...) oder Gegenstände (z.B. Nüsse) beschreibt. Deshalb deckten sich die Deutungen der Zwei und der Drei auch oft bei der Analyse verschiedener Märchen.

Insgesamt möchte ich betonen, dass meine Deutungen höchst subjektiv und stark an die in 2. erarbeiteten Deutungen aus den angegebenen Büchern angelehnt sind.

6. Bibliographie

Sekundärliteratur

Betz, Otto.1992 [¹1989]. Das Geheimnis der Zahlen. 2. Aufl. Stuttgart: Kreuz Verlag.

Endres, Franz C. / Schimmel, Annemarie. 1988 [¹1984] Das Mysterium der Zahl: Zahlensymbolik im Kulturenvergleich. 4. Aufl. Köln: Diederichs.

Primärliteratur1

Glassie, Henry (Hrsg.). 1985. Irish Folktales. London: Penguin Books.

Jacobs, Joseph (Hrsg.). 1970. English Fairy Tales. London: Puffin Books.

Jarvie, Gordon (Hrsg.). 1997. Scottish Folk and Fairy Tales. London: Penguin Popular Classics.

[...]


1 Da es sich bei den Märchen um mündlich überlieferte Texte ohne wirklichen Verfasser etc. handelt, behandle ich die Literaturangaben wie Sekundärliteratur.

14 von 14 Seiten

Details

Titel
Zahlensymbolik im englischen, schottischen und irischen Märchen
Hochschule
Universität zu Köln
Veranstaltung
Proseminar Literaturwissenschaft B, "Englische, schottische undirische Märchen"
Note
2,0
Autor
Jahr
1999
Seiten
14
Katalognummer
V95529
Dateigröße
372 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zahlensymbolik, Märchen, Universität, Köln, Proseminar, Literaturwissenschaft, Englische, Seminarleitung, Gerhard, Haefner
Arbeit zitieren
Patrick Brauweiler (Autor), 1999, Zahlensymbolik im englischen, schottischen und irischen Märchen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/95529

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