Keltische Mythologie


Seminararbeit, 2000

16 Seiten


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Inhalt:

0 Einleitung

1. Wichtige Elemente des keltischen Glaubens
1.1 Die wichtigsten Gottheiten
1.2 Der Gral, die Lanze und das Schwert im keltischen Glauben
1.3 Merkmale der Autre Monde in der keltischen Mythologie

2. Die Umsetzung der keltischen Elemente bei Chrétien de Troyes
2.1 Der Rote Ritter
2.2 Der Fischerkönig
2.3 Der Gral, das Tablett, das Schwert und die Lanze
2.4 Die Architektur
2.5 L’Autre Monde

3. Schluß

Bibliographie

0 Einleitung

Als Grundlage für meine Arbeit diente mir der altfranzösische Gralsroman von Chrétien de Troyes ² Le Roman de Perceval ou le Conte du Graal ², dessen Entstehungsdatum von den Literaturhistorikern auf den Zeitraum zwischen 1168 und 1180 n.Chr.1 geschätzt wird und den C. de Troyes im Auftrag des Grafen von Flandern an dessen Hof nach der Vorlage eines leider nicht näher definierten Buches schrieb, welches der Graf ihm als mögliche Quelle übergeben hatte. Nach neueren Erkenntnissen der Literaturwissenschaftler handelt es sich hierbei um eine erzählende Dichtung über Reliquien Jerusalems - zu denen seit dem frühen Mittelalter Kelch und Lanze gehörten - für die der Graf Philipp v. Flandern großes Interesse zeigte2.

In der altfranzösischen Literatur tritt neben dem Gralsroman des C. de Troyes der ² Roman de l ’ Estoire du Graal ² des Robert de Boron auf, die beide zu den ältesten literarischen Überlieferungen der Gralsage zählen. Während R. de Boron lediglich von einer ²Abendmahlschüssel² als Gral berichtet, kombiniert C. de Troyes erstmalig den Gral mit dem Perceval und damit mit den Erzählungen um den roi Arthus et les chevaliers de la table ronde.

Der Ursprung des Gralsromans von C. de Troyes ist nicht erwiesen, ebensowenig wie Details über die Person des Autors und den Zeitpunkt der Entstehung seines letzten Werkes3. So treten bis heute die unterschiedlichsten Thesen seitens der Literaturwissenschaftler auf, welche keltische, christliche und orientalische Einflüsse in Erwägung ziehen4.

Für eine sinnvolle Gegenüberstellung zog ich des weiteren den ² Parzival ² von Wolfram von Eschenbach - eine ebenfalls in Versform verfaßte Adaptation des Gralsromans von C. de Troyes, die wenig später, um 1200 - 1210 n.Chr., in Deutschland erschienen war5 - heran, der sich des unvollendeten Fragments des Chrétien annahm, „indem er nicht nur eine Vorgeschichte Parzivals verfaßte, sondern auch das Fragment zu Ende brachte und mit einem von Chrestien z.T. abweichenden Geist erfüllte.“6 Ein Vergleich der Werke C. de Troyes und Eschenbachs kann insofern nur eingeschränkt stattfinden, als daß der ² Perceval ² unvollendet blieb. Des weiteren ist der zweite Teil der Werke ² Perceval ² und ² Parzival ² - die Geschichte des Gawain - von geringerer Bedeutung, obwohl ich in geringerem Maße auch darauf Bezug nehmen werde.

Über die Person Eschenbachs herrscht ähnliche Unwissenheit wie über C. de Troyes. Bekannt ist aber, daß er Ritter und ²Meistersänger² war. Da er sich selbst zu den Bayern zählte, obwohl seine Heimat in Mittelfranken lag, wird vermutet, daß er dem bayrischen Dienstadelsgeschlecht des Eschenbacher Freiherrn angehörte7.

Meine Intention wird es sein, das Werk C. de Troyes anhand eines Vergleichs mit dem Parzival Eschenbachs sowie der Analyse zentraler Textstellen auf keltische Wurzeln zurückzuführen, wenn auch im Rahmen einer fortschreitenden Christianisierung Westeuropas schon einige christliche Elemente zu finden sind.

Entgegen mannigfaltiger Behauptungen, der Gral als heiliges Relikt Jesu beim Abendmahl, Träger des Blutes Christi und Quelle ewigen Lebens entspringe eindeutig der christlich-abendländischen Kultur, existieren auch in anderen Kulturen heilige Gefäße, die mit ähnlichen Eigenschaften besetzt sind. Ich werde mich in meiner Darstellung vornehmlich auf die keltische Kultur beziehen, jedoch auch Deutungen aus anderen Kulturen einfließen lassen.

Da für jede der erwähnten keltischen Gottheiten je nach Volk verschiedene Namen existieren werde ich mich der Einfachheit wegen an den irischen und somit geläufigsten Namen orientieren.

1. Wichtige Elemente des keltischen Glaubens

Sexualität und Fruchtbarkeit als lebengebende und -erhaltende Kräfte spielen in der keltischen Religion eine zentrale Rolle; es existiert keine an die Sünde gekoppelte Hölle im christlichen Sinn. Unfruchtbarkeit als Bruch des ewigen Kreislaufes Geburt - Tod ist neben der Vorstellung, nicht im Kampf zu fallen, und so auch nicht an der Seite der Götter einen Platz einnehmen zu dürfen, die einzige dem Kelten bekannte Hölle. So kreisen auch die großen Gottheiten, die wichtigsten religiösen Artefakte und viele keltische Rituale um das Thema Fruchtbarkeit und Vereinigung von Mann und Frau.

In den keltischen Erzählungen tauchen immer wieder die „treize trésors de Bretagne,évidemment dérobésàl’Autre Monde ou rapportés des voyages dans l’Autre Monde“8 auf, zu denen „une Epée, une corbeille inépuisable, une corneàboireégalement inépuisable [...], un chariot, une corne, une pierreàaiguiser, une poêle, un plat creux ouécuelle, unéchiquier, un vêtement, un manteau, un couteau et un chaudron“9 gehören. Diese Gegenstände als auch ihre Bedeutungen sind in den weiteren Überlieferungen oft verquickt worden; vor allem die sowohl äußerliche als auch inhaltliche Ähnlichkeit des nie versiegenden Korbes mit dem göttlichen Trinkhorn hat zu der Symbiose in Form des Füllhorns als wichtiges religiöses Artefakt geführt, welches in den verschiedenen keltischen Sagen und Legenden als Horn, Kessel oder anderes Behältnis beschrieben wird. Das Füllhorn ist eng mit dem Motiv der Fruchtbarkeit verbunden, bringt es doch als nimmer versiegende Quelle lebenserhaltende Nahrung in Hülle und Fülle hervor.

Diese göttlichen Schätze tauchen in den Erzählungen oft im Zusammenhang mit dem Motiv der Suche auf. Der Held - zumeist von den Göttern erwählt und unterstützt - muß die ihm auferlegte Aufgabe10 erfüllen, um zu Ruhm und Souveränität zu kommen. Der Kessel ist in besonderem Maße an die Souveränität des Herrschers und damit auch des ganzen Landes gebunden; sein Verlust bedeutet meist ebenso den Verlust der Herrschaft, der Fruchtbarkeit und der Frau.

1.1 Die wichtigsten Gottheiten

Die keltischen Götter rekrutieren sich aus der Rasse der Tuatha De Dannan, deren König Ethlenn ist. Diese göttliche Rasse, die in einer der vielen Manifestationen der Autre Monde residiert, zeichnet sich in den keltischen Überlieferungen durch einen engen Kontakt mit den Menschen aus, auf deren Hilfe sie oft ebenso angewiesen sind wie die Menschen auf den Beistand der Götter.

Die wichtigste Gottheit des inselkeltischen Glaubens ist die Souveranity of Erin 11, die Gro ß e Mutter. Sie gilt als die Mutter allen Lebens und steht symbolisch für Erde, Fruchtbarkeit und Fortpflanzung und ist somit die den Menschen nächste Gottheit. Ihr wird die Muttergöttin-Schale zugeordnet, ausgestattet mit der lebensgebenden Kraft der Vulva; in ihr spiegeln sich die Motive der weiblichen Fruchtbarkeit, der Fruchtbarkeit des Landes und der Herrschaft über das Land wider. Sie verkörpert als obersten Gottheit das weibliche Prinzip, dem das Männliche neben- bzw. untergeordnet ist.

Die Muttergöttin hat viele Gesichter, sie ist ambivalent. Sie erscheint, ebenso wie das ihr zugeordnete göttliche Gefäß in vielerlei Gestalt. In der irischen und walisischen Mythologie taucht die Große Göttin oft in Verbindung mit der Feenwelt12 auf oder als übergeordnete Instanz, die dem Helden mit Rat oder auch Provokation auf den rechten Weg verhilft. Oft tritt sie auch als Personifizierung des Schicksals, also als deterministisches Element auf13, welches sich auch in den Prophezeiungen der Pucele, der Cousine Percevals und der Laide Demoisele äußert - alle drei durch ihre seherischen Kräfte als Erscheinungsformen der Großen Göttin identifiziert.

Neben ihr steht, obwohl in der göttlichen Hierarchie doch untergeordnet, der erste männliche Gott Lug, der Gehörnte, Sohn des Ethlenn 14. Diesem ist eine rote, feurige Lanze15 zugeordnet, welche eine solche Zerstörungskraft in sich birgt, daß sie in einem Akt der Vereinigung mit der Muttergöttin in einen mit Blut gefüllten Kessel - ein weiteres Erscheinungsbild der Muttergöttin-Schale - getaucht werden muß, um die destruktive - männliche - Kraft in Zeugungskraft zu transformieren. Wichtig ist an diesem Punkt, daß die Zerstörungskraft der Lanze die Autre Monde ebenso bedroht wie die diesseitige Welt.

Lug, das erste männliche göttliche Prinzip, wird von der Großen Göttin im Jahreszyklus in der Nacht zum 1. August kastriert - der Lugnasad 16 - um im Frühling im Ritual der lebensgebenden Vereinigung - der hieròs gámos 17 - wiedererweckt zu werden. Diese Kastration nimmt in der keltischen Mythologie eine zentrale Rolle ein, da Fruchtbarkeit und damit Leben und Herrschaft, untrennbar miteinander verwoben, nicht mehr gewährleistet sind. Auf der anderen Seite ist diese Phase des Todes und der Unfruchtbarkeit elementar für die Reinigung des Geistes und die Wiedergeburt des Lebens.

Eine dritte zentrale keltische Gottheit ist Bran, der Gott der Fruchtbarkeit und der Totenwelt, der in der inselkeltischen Mythologie auch der Gott des Meeres ist, welches eng mit Fruchtbarkeit verknüpft ist18. In ihm vereinen sich die Gegensätze Leben - Tod, Diesseits - Jenseits. Bran, dem einbeinigen Hüter der Totenwelt, werden ungeahnte magische Kräfte zugeordnet, die allerdings in den verschiedenen Legenden stark variieren. Ein anderer Name für Bran ist Llwyr, „un des grands dieux qui présideàla foisàla mer etàl’Autre Monde“19.

1.2 Der Gral, die Lanze und das Schwert im keltischen Glauben

Die Wurzeln von Gral, Lanze und Schwert bei Chrêtien de Troyes sind ebenso wie die anderen Elemente der Gralsprozession in den dreizehn göttlichen Schätzen der Bretagne zu finden, deren Funktionen eng aneinander gebunden sind. So entspringt dem Gral, eine Symbiose aus Füllhorn und nie versiegendem Trinkhorn, die Nahrung, welche mit den heiligen Messern auf dem tailleoir d ‘ argant mundgerecht portioniert wird.

In der irischen Mythologie verleiht die große Göttin ihrem Heros-König Conn, dem Günstling von Lug durch einen Schluck aus der göttlichen Schale - dem symbolischen Vollzug des hieròs gámos - die Herrschaft über das Land. Das Gefäß entspricht im Irischen einem Kessel, der mit der Herrschaft auch Fruchtbarkeit und Prosperität für das Land gewährleistet und für diese unabdingbar ist. Der Verlust des Kessels zöge, ebenso wie den Verlust der eigenen Zeugungskraft, auch den Verlust der Herrschaft über das Land nach sich.

Im Walisischen finden sich analog die magischen Gefäße der mit Fruchtbarkeit und Unsterblichkeit verbundenen keltischen Götter der Totenwelt Bran und Nuadu: Ein Kessel, der Tote wieder zum Leben erweckt und ein nie versiegendes Füllhorn. Bran ist wegen seines Attributes der Fruchtbarkeit eng an die Götter der Meere gebunden.

Ein magisches Schwert, derer es in der keltischen Mythologie viele gibt, soll dem Helden oft bei seiner Aufgabe beistehen, die er auferlegt bekommt, um seine Reife, seine Kampfkraft und seine Männlichkeit unter Beweis zu stellen. Als Kompensation für seine Kraft weist ein solches Schwert doch zumeist eine Schwäche auf, die den Helden in einer prekären Situation allein mit seinen menschlichen Fähigkeiten läßt. Da die Waffe in der Autre Monde geschmiedet wurde, kann sie auch nur dort repariert werden, was die Motivation für ein anschließendes Abenteuer, eine neue quête bietet. Das schwarze Buch von Carmarthen enthält Fragmente einer frühkymrischen Erzählung, darunter ein Gedicht namens Preideu Annwvyn, in welchem Arthur in die Autre Monde reist und von dort sein berühmtes Schwert Caleduwlch - Excalibur in späteren Überlieferungen - mitbrachte, welches von neun20 Jungfrauen bewacht worden war21.

Der Held muß außerdem, um seine geistige Reife unter Beweis zu stellen, Fragen göttlicher Vertreter beantworten, die ihn auf seiner Reise prüfen. Die falsche Antwort führt zu einem Umweg, auf dem der Betreffende Erfahrungen macht, die ihn zu der verlangten Reife beflügeln sollen.22 So berichten zahlreiche irische und walisische Sagen von Helden, die allein oder mit ihrer Mutter in der Wildnis aufwuchsen, bis sie in die Welt hinauszogen, um ihre Identität zu finden. Schließlich muß der Held die Prüfung, ob er der Erwählte ist, durch das Stellen von Fragen bestehen, um dann die von einem Feind geraubte Schale wiedererobern und Rache am Gegner nehmen zu können, damit sich der tote bzw. kastrierte ‘Gralskönig’ - hier auch im Sinne anderer an einen Kessel o.ä. gebundene Gottheit - in seinem Nachfolger reinkarnieren kann.

1.3 Merkmale der Autre Monde in der keltischen Mythologie

Die Autre Monde, die jenseitige Welt - das Feenreich, die Welt der Götter und das Totenreich sind ihre häufigsten Manifestationen - ist in den keltischen Sagen oft nicht leicht als solche zu erkennen, ohne die Anzeichen zu deuten, die einen Wechsel von der einen in die andere Welt ankündigen, was auf eine geistige Nähe beider Welten schließen läßt.

Die Kluft zwischen dem Diesseits und dem Jenseits wird oft symbolisiert durch einen reißenden Fluß, ein tiefes Gewässer oder durch einen dichten Wald, der durchquert werden muß, um schließlich auf die andere Seite zu gelangen. Außerdem muß der Akteur meist reinen Herzens sein und schwierige Aufgaben erfüllen, um sich für einen solchen Sprung zu qualifizieren.

Oft gibt es einen Wächter, der über magische Fähigkeiten verfügt wie den einbeinigen „Wächter der anderen Welt“, in der irischen Mythologie Bran, oder den „Herrn der Tiere“23, eine Inkarnation des Lug, den man an seinem Geweih erkennt, die beide in zahlreichen irischen und walisischen Erzählungen auftauchen.

Mit der jenseitigen Welt untrennbar verwoben sind die Feen als eine Form der Inkarnation der Muttergöttin. Diese treten meistens in Verbindung mit Wasser auf und sind an ihrer außergewöhnlichen Schönheit - die durch ebenso außergewöhnliche Häßlichkeit variiert werden kann - zu erkennen und können durch für die Zeit für Frauen ungewöhnliche Intelligenz, seherische Fähigkeiten und ihr häufig zweifarbiges Reittiere identifiziert werden24. Außerdem treten sie zumeist in Verbindung mit einem starken Mann oder Krieger auf, den sie zu einer Beschützerfunktion zwingen.

Die wichtige Rolle der Autre Monde verweist auf die starke Verbindung beider Welten, bzw. beider Seiten der Welt, zwischen denen durchaus Kommunikation und Bewegung möglich sind, nicht zuletzt durch das Motiv der Reinkarnation im keltischen Glauben.

2. Die Umsetzung der keltischen Elemente bei Chrétien de Troyes

Chrétien de Troyes, der sein Werk nach einer Vorlage schrieb, die ihm sein Auftraggeber, der Graf von Flandern gegeben hatte, läßt die Personen und Gegenstände im christlichen Licht erscheinen, jedoch verzichtet er - im Gegensatz zu Wolfram von Eschenbach, der den Akzent stark auf die christliche Legitimation des Rittertums legt - auf eine christlich legitimierende Chronik der Ereignisse, was es uns ermöglicht, einige Elemente seines Werkes auf ihren Ursprung zu untersuchen, die im christlichen Kontext der Logik bzw. der Funktion entbehren, jedoch mit dem Hintergrund keltischer Mythologie durchaus verständlich sind.

So versucht Chrétien kaum, das häufig wiederkehrende Motiv der Omnipräsenz der Muttergöttin anders zu interpretieren, die in seinem Werk in vielerlei Gestalt auftaucht:

Die ambivalente Göttin erscheint zuerst in der Mutter Percevals, die das Leben ihres Sohnes durch Wort und Nahrung erhält und durch die Verletzung und den Tod ihres Mannes sowie die Blendung ihres anderen Sohnes eng an das Motiv der Kastration gebunden ist. Außerdem ist die Mutter durch verwandtschaftliche Beziehungen an das Herrschergeschlecht des Gralskönigs gebunden sowie an die Cousine, welche durch ihr Wissen um den Roi Mêhaignié, den Gral und die Lanze vom Autor ebenfalls als ein Erscheinungsbild der Göttin entlarvt wird.

Weitere Manifestationen der Großen Göttin bei Chrétien sind die Laide Demoisele, die mit ihrem Wissen um den Gral die andere Seite der großen Göttin repräsentiert und die Maligne Demoisele, bei Chrétien durch la tête bicolore ihres Reittieres und die Nähe zur Autre Monde als der Feenwelt zugehörig entlarvt.

2.1 Der Rote Ritter

Bei Chrétien steht die Episode mit dem Roten Ritter relativ isoliert, was darauf schließen läßt, daß dies ein Motiv aus der Vorlage war, das der Autor nicht zu deuten wußte. W.

v. Eschenbach rechtfertigte das Auftreten des Roten Ritters durch einen Stammbaum und durch die Zitation des abendländischen Ritterkultes, was die Isolation der Szene nur gering abschwächt.

Der Diebstahl der Trinkschale symbolisiert den Verlust von Arthus‘ Herrschaft über sein Land und ist, wenn auch in abgeschwächter Form, an das Verschwinden der Königin gebunden. Percevals Engagement bedeutet also weit mehr als das einfache, materialistische Streben nach der Rüstung des anderen.

R. S. Loomis gibt hier mögliche Zusammenhänge mit einem Rachemotiv25 zu bedenken, da in anderen, später und nach anderen Vorlagen verfaßten Gralsromanen

wie dem „Perlesvaus“ (nach 1200) und dem „Sir Percyvelle“ (um 1370), Perceval im Kampf mit dem Roten Ritter die Kastration und den Tod seines Vaters rächt.26

2.2 Der Fische rkönig

Der roi mêhaignié 27, oder auch roi pêcheur - der durch einen keltischen Wurfspeer zwischen den Beinen verletzt wurde:

²Mais il fu en une bataille

Navrez et méhaigniez sanz faille [...]

Qu’il fu ferus d’un gavelot

Parmi les quisses ambesdeus²28

und nicht, wie fälschlich übersetzt, am Bein - hat mit seiner Zeugungskraft auch die Herrschaft über sein Land verloren, welches gleich dem König unfruchtbar ist. Die Fragen dienen dazu, den Auserwählten, der die magische Burg in der Autre Monde betreten darf, zu prüfen, bevor der Gralskönig in seinem Nachfolger auferstehen kann und der Fluch gebrochen ist.

Der Pluralität des roi pêcheur alias roi mêhaignié - die in der keltischen Quelle vermutlich die diesseitige und die jenseitige Existenz des göttlichen roi pêcheur alias Bran 29 darstellen sollte - wird bei C. de Troyes umgesetzt durch eine Zweiteilung der Person: Der jüngere Gastgeber Percevals, den nach seinen Leiden zu fragen der Protagonist verfehlt und der in der angenommenen keltischen Quelle wahrscheinlich das jenseitige, zeitlose Pendant der Person des roi mêhaignié darstellen soll, und der alte Gralskönig, der seine Lebenskraft aus der Hostie bezieht und der nicht gehen darf, ohne daß ein würdiger Nachfolger die Verantwortung über den Gral übernimmt.

Im Gegensatz zu W. v. Eschenbach, der das Werk Chrétiens um die Vorgeschichte Percevals Vaters bereicherte, läßt C. de Troyes die Parallele zwischen Roi Mêhaignié

und Percevals Vater, der ebenfalls „parmi la jambe navrez“30 wurde, stehen. In diesem Kontext ist auch die Gabe des magischen Schwertes zu sehen - von dem vorausgesagt wird, daß es im entscheidenden Moment bersten wird - dessen Funktion die Rache für den Vater ist.31

2.3 Der Gral, das Tablett, das Schwert und die Lanze

Die Gralsprozession steht im Perceval schon unter einem christlichen Licht, obwohl der Autor sich um eine gewisse Originalität bemüht - im Gegensatz zu W. von Eschenbach, dessen christliche Legitimationen für einige Elemente unglaubwürdig sind, wie das tailleoir d ‘ agant, welches mit „zwein twehelen al besunder“32, zwei silberne Messer, übersetzt wurde, da der Originaltext nicht mit christlicher Symbolik erklärt werden konnte, wobei diese zwei Messer wiederum ein Hinweis auf die treize trêsors de Bretagne sein können.

Der Gral ist bei Chrétien de Troyes bereits stark christianisiert und mit der Hostie als Symbol des Leibes Jesu Christi versehen. Da der Gral bereits sehr früh der christlichen Tradition einverleibt wurde, ist es nicht verwunderlich, daß seine Erwähnung zuerst christliche Assoziationen weckt. Der Charakter des Füllhorns, bzw. des göttlichen Kessels wurde jedoch insofern gewahrt, als daß der Gral die Hostie hervorbringt und er durch sein Vorüberziehen bei jedem Gang des Essens eng mit dem Motiv des Nahrungsspenders verbunden ist. Des weiteren ist der Gral durch die Trägerin eindeutig weiblich konnotiert und durch die isoliert stehende Szene mit dem Roten Ritter an Herrschaft und Prosperität des Landes geknüpft.

Die Lanze wurde in der christlichen Tradition als jene Lanze interpretiert, mit welcher der römische Hauptmann Jesus am Kreuz in die Seite stach, weshalb noch das Blut fließt, obwohl in der Begegnung Percevals mit der Cousine angedeutet wird, daß die Lanze alias der „ gavelot “ die Kastration des Gralskönigs verursacht hatte. Das Blut, welches der Lanze entspringt, kann zweierlei gedeutet werden; erstens ist es das Zeichen für die dem Roi Mêhaignié angetane Gewalt und zweitens - und hier greift wieder die keltische Tradition - verweist das Blut auf die blutige, Zerstörung bringende Lanze des Lug, welche auch durch ihre Transformation eng an Blut gebunden ist.

2.4 Die Architektur

Die in Chrétiens - und auch in Eschenbachs - Werk beschriebene Architektur der Höfe läßt eimal mehr auf keltische Wurzeln des Gralsromans schließen, da sie eher alten keltischen Bauweisen entspricht, als römisch-christlichen.

So waren keltische Burgen gepflastert und so angelegt, daß ein Reiter auf dem Pferd bis vor den Herrscher reiten konnte. Der Grundriß war meist quadratisch mit einer großen Feuerstelle in der Mitte, um die herum die Lagerstätten angelegt waren, wobei jene des Königs nahe am Feuer eine zentrale Position einnahm, so wie es bei Chrétien geschrieben steht:

„La sale fu par terre aval, Et li vallés entre a cheval En la sale qui fu pavee Et longue autretant come lee.“33

Das Dach wurde von vier großen Säulen getragen und der ganze Raum war ebenerdig gebaut, um der Kriegerschar Platz zu bieten.34

Auch die Architektur der Gralsburg ist in ähnlicher Weise beschrieben; die Vermutung liegt nahe, daß ein solches Element wie die Bauweise des Augen jener entging, die danach trachteten, die Gralsage in eine christliche Tradition einzugliedern, obwohl bei W. v. Eschenbach keine besondere Beschreibung der Architektur der Burgen erfolgt.

2.5 L’Autre Monde

Die Übergänge zur Autre Monde sind bei C. de Troyes besonders gekennzeichnet, vermutlich, um den mit keltischen Traditionen weniger Vertrauten Rezipienten Rechenschaft zu tragen. So ist der traditionelle Übergang in Form eines dichten Waldes und eines reißenden Flusses zumeist redundant markiert, noch verstärkt durch ein langsames Entrücken der diesseitigen Welt - z.B. durch Percevals Erklimmen eines Berghanges auf dem Weg zur Gralsburg - nach deren Beendigung die Autre Monde erst sichtbar wird.

Der Charakter der Autre Monde tritt bei Chrétien besonders in der Episode mit Gauwain zu tage, der zuerst eine Fee trifft, die durch ihr Wissen, ihre Kraft und ihr zweifarbiges Reittier mit der tête bicolore nach allen keltischen Traditionen als solche gekennzeichnet ist und für die er den Sprung in die andere Welt schafft. Jene wird von einem mächtigen, jedoch bei Chrétien isoliert und ohne weitere Erklärung stehenden einbeinigen Wächter bewacht, von dem es nur heißt, er habe ungeahnte Kräfte, und ist zusätzlich durch die Bevölkerung bekannter, zu diesem Zeitpunkt bereits verstorbener Persönlichkeiten wie die Königsmutter entlarvt.35

3. Schluß

Aufgrund einiger aus christlicher Sicht unerklärlicher Elemente des Gralsromans von C. de Troyes liegt die Vermutung nahe, daß im Rahmen einer fortschreitenden Christianisierung des keltischen Raumes auch die einheimischen Sagen und Legenden als Bollwerk der keltischen Kultur einer Zensur unterstellt wurden. Bei Elementen wie dem Gral oder der Lanze war eine christliche Interpretation aufgrund von ähnlicher Konnotation christlicher religiöser Artefakte unschwer aufzusetzen, während eher jene Episoden das Mißtrauen des Lesers erwecken, die, ohne weitere Legitimation, jeden Sinnes entbehren, wie das Schwert und das tailleoir als zentrale Objekte in der Gralsprozession, die Zweiteilung der im Text erscheinenden Frauen in unintelligente, natürliche und intelligente, übernatürliche, die Episode mit dem Roten Ritter und die Parallelen der Verletzungen von Percevals Vater und dem ‚doppelten‘ Gralskönig.

Bemühungen der verschiedenen Redaktoren, „möglichst viel zu erklären und durch Nennung von Orten und Personennamen als historisch wahr darzustellen“36 täuschen nicht über eine relativ einheitliche und aus keltischer Sicht stimmige Struktur der Inhalte weg, deren Substanz sich vollständig mit keltischen Mythen erklären läßt.

Dagegen erscheinen christliche und orientalische Deutungen nur teilweise zutreffend; sicherlich sind auch Einflüsse anderer Kulturen in dem Konglomerat vorhanden, welches das Werk C. de Troyes bildet; ihre Originalität scheint jedoch auf Fragmente des Textes beschränkt zu sein, da sich ausgehend von jener Sichtweise die globalen Zusammenhänge nicht befriedigend erklären lassen.

Bibliographie

Birkhan, Helmut (Hrsg.): Keltische Erzählungen vom Kaiser Arthur, Bd. 1. Graz/Wien: Hermann Böhlaus Nachf. 1985.

Cunliffe, Barry: Die Kelten und ihre Geschichte. Bergisch Gladbach: Gustav Lübbe Verlag GmbH 61996.

Eschenbach, Wolfram von: Parzival. Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch, Bde. I und II, Stuttgart: Reclam 1981.

Frappier, Jean: Autour du Graal. Genève: Librairie Droz 1977.

Gottzmann, Carola L.: Artusdichtung. Sammlung Metzler, Bd. 249, Stuttgart: J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung 1989.

Loomis, Roger Sherman: Arthurien Tradition and Chrêtien de Troyes. London/New York: Columbia University Press 31961.

Marx, Jean: La lêgende arthurienne et le Graal. Réimpression de l’édition de Paris, Genève: Slatkine Reprints 1981.

Troyes, Chrétien de: Le roman de Perceval ou le Conte du Graal. Altfranzösisch/Deutsch. Stuttgart: Reclam 1991.

[...]


1 Der Zeitraum zwischen der Einsetzung des Grafen Philipp v. Flandern und dessen Machtübernahme als König Frankreichs.

2 Philipp v. Flandern hatte großes Interesse an der Geschichte und den Re liquien der heiligen Stadt, da er genealogische Bindungen zu Jerusalem aufweist - seine Mutter, Sybille von Anjou, war die Tochter Fulcos IV, dem König von Jerusalem - und auch später selbst das Land 1177/78 n.Chr. besuchte.

3 Vgl.: Schröder; F. R.: Parzivals Schuld. In: Germanisch-Romanische Monatsschrift, 40,Band IX, Heft 1, 1959, S.11.

4 Vgl.: Hofer, S.: Chrêtien de Troyes. Leben und Werke des altfranz ö sischen Epikers. Hermann Böhlhaus Nachf. Graz, Köln 1954, S.195-98.

5 W. v. Eschenbach erwähnt das Werk des „Meisters C. de Troyes“ als eine der herangezogenen Quellen. Tatsächlich sind die der Bücher 3-6, 9 und 14-16 im Parzival Eschenbachs inhaltlich weitgehend identisch mit jenen des Perceval C. de Troyes.

6 Birkhan, H. 1985, S. 33.

7 Vgl., Eschenbach, W. v. 1981, S.678.

8 Marx, J. 1981, S. 115.

9 Ebd.

10 Die häufigsten Motive für die Reise des Helden sind Rache für Familienmitglieder und die Suche nach einem der o.g. Relikte.

11 Erin ist der alte keltische Name für Irland. Souveranity of Erin könnte man also als „Herrschaft/Herrscherin/Souverän von Irland“ übersetzen. Auch in den walisischen Erzählungen erscheint die Souveranity, deren Bekanntheit als große Muttergöttin offensichtlich nicht auf Irland beschränkt war.

12 Die Feenwelt ist in der keltischen Mythologie eine der wichtigsten Manifestationen der Autre Monde. Die sagenumwobene Insel Avalon wurde von den Priesterinnen und Druiden als ein Kontaktpunkt beider Welten angesehen.

13 Vgl. Birkhan, H. 1985, S. 46.

14 Der gehörnte Gott ist auf allen Kontinenten der Erde die älteste überlieferte Gottheit, von der Höhlenmalereien in den Anden und im Himalaja zeugen.

15 In vielen irischen und walisischen Erzählungen als blutiger, todbringender Luin of Celtchar beschrieben.

16 Nacht des Lug; Eigentlich bezeichnete das Samain -Fest am 1.November den Beginn der dunklen Hälfte des Jahres. (Vgl. Cunliffe, B. 1996, S. 110.)

17 Keltisches Ritual der Fruchtbarkeit im Frühling. Das Beltine -Fest am 1. Mai symbolisierte die göttliche Vereinigung von Lanze und Gral, von Lug und der Großen Göttin, symbolisch vollzogen von Mann und Frau.

18 Eine interessante Parallele für die Ethymologie des franz. Wortes la mer - la m è re (Anm. d. Verf.)

19 Marx, J. 1981, S. 115.

20 Die Zahl drei taucht auffällig oft in der keltischen Mythologie auf; der Kessel der Großen Muttergöttin konnte die ganze Menschheit verköstigen in Gruppen von drei mal drei mal drei Menschen (vgl. Marx, J. 1981, S. 116).

21 Vgl. Birkhan, H. 1985, S. 18 f.

22 Das Schema ist hier stark vereinfacht dargestellt, jedoch findet sich das Motiv der Fragen in zahlreichen irischen, walisischen und Bretonischen Sagen wieder.

23 Vgl. Birkhan, H., S. 55 f.

24 La tête bicolore - meistens schwarzweiß - als Ausdruck der Existenz in beiden Welten, wobei die weiße Seite das Diesseits und die schwarze Seite das Jenseits symbolisiert.

25 Vgl. Loomis, R.S. 1961, S. 374 - 414.

26 Im nach 1200 verfaßten Peredur ist das Motiv der Rache erhalten, jedoch an Percevals Vetter geknüpft, der von Hexen erschlagen wurde.

27 Le roi mêhaignié ist der aufgrund seiner Verletzung behinderte Gralskönig (altfr. Méhaignier), hat aber die damals geläufige Konnotation der Kastration; der roi mêhaignié ist also auch der entmannte König.

28 Chrétien 1991, Vers 3509 - 3514.

29 Diese Parallele beruht auf der gemeinsamen Bindung an Wasser und Tod/Kastration.

30 C. de Troyes 1991, Vers 436.

31 Später transformiert in die Rache für den Tod seines Vetters und die Lähmung seines Oheims an den Hexen von Gloucester, was einerseits eines der ältesten Motive der keltischen Sagentraditionen aufgreift, nämlich den Feldzug Arthurs und seiner Ritter gegen die Hexen, und andererseits die neueren Elemente der Erziehung Peredurs am Hexenhof (vgl. Birkhan, H. 1985, S. 155) und seine Verwandtschaft mit dem Gralskönig (vgl. Birkhan, H. 1985, S. 205)verarbeitet.

32 Eschenbach, W. v. 1981, S. 234, Vers 20.

33 C. de Troyes 1991, Vers 903 - 906.

34 In ähnlicher Weise stellten sich die Kelten die Architektur von Walhalla, der Halle der Götter, vor, durch deren gigantische Tore - 10000 an der Zahl - je 10000 Krieger nebeneinander marschieren konnten.

35 Ob das bekannte Motiv des Fährmannes als Personifizierung des Todes aus der keltischen Mythologie stammt ist ungeklärt, aber möglich.

36 Birkhan, H. 1985, S. 68.

16 von 16 Seiten

Details

Titel
Keltische Mythologie
Hochschule
Technische Universität Berlin
Autor
Jahr
2000
Seiten
16
Katalognummer
V95552
Dateigröße
366 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Keltische, Mythologie
Arbeit zitieren
Johannes Mory (Autor), 2000, Keltische Mythologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/95552

Kommentare

  • Gast am 20.8.2000

    frage.

    Hi !
    Deine hausarebeit über die Kleten ist echt klasse! ich suchte eigentlich was ganz anderes, als ich über deinen namen "gestolpert" bin, hast du zufällig einen Bruder der Tobias heißt und was mit Film zu tun hat??? Ich kenn nämlich einen Tobias Mory aus berlin! Meil mir doch mal zurück!! Mag

  • Gast am 20.8.2000

    kleine korrekturen !.

    Hi !
    Deine hausarbeit über die Kelten ist echt klasse! ich suchte eigentlich was ganz anderes, als ich über deinen namen "gestolpert" bin, hast du zufällig einen Bruder der Tobias heißt und was mit Film zu tun hat??? Ich kenn nämlich einen Tobias Mory aus berlin! Mail mir doch mal zurück!! Mag

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