Die auditive Dimension von Kommunikation /Paralangue


Seminararbeit, 1997

26 Seiten, Note: 1,3


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Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Grundlegende Fragestellung
1.2 Problematisierung
1.3 Überblick
1.4 Vorgehensweise und Motivation

2 Betrachtungen menschlichen Verhaltens in der Wissenschaft
2.1 Menschliches Verhalten in der Naturwissenschaft
2.1.1 Einordnung des menschlichen Verhaltens in der Neurophysiologie
2.2 Menschliches Verhalten in den Geisteswissenschaften
2.2.1 Das menschliche verbale Verhalten in der Anthropologie
2.2.1.1 Das Konzept der funktionellen Äquivalenz
2.2.1.2 Das Konzept der Ritualisierung und das Konzept der Beschwichtigung
2.2.1.3 Das Konzept der Triebdistanzierung
2.3 Menschliches Verhalten in der Sozialwissenschaft
2.3.1 Soziales Handeln: Schweigen
2.4 Menschliches Verhalten in der Kultur
2.4.1 Beispiel: Die Theateraufführung
2.5 Verständigung über menschliches Verhalten

3 Geschriebene und gesprochene Sprache
3.1 Unterscheidungen
3.2 Die Sprechstimme
3.2.1 Die Merkmale der Sprechstimme
3.2.2 Formen und Variationen
3.2.3 Entwicklung der Kommunikationssysteme
3.3 Emotionen
3.3.1 Emotionen im allgemeinen und Sprechangst im besonderen
3.3.2 Der Einfluß von Sprechangst auf die verbale "Produktivität"
3.3.3 Produktivitätsmaße
3.4 Die vokale Kommunikationsforschung
3.5 Anwendung auf "Soziales Handeln"

4 Weitere Phänomene
4.1 Akkomodationstheorie
4.2 motor theory of speech perception

5 Problematisierung, Diskussion und Zusammenfassung
5.1 Problematische Aspekte der vokalen Kommunikationsforschung
5.2 Mehr Ergebnisse durch Genauigkeit der Meßmethoden in der vokalen Kommunikationsforschung?
5.3 Problematisierung der Beurteilung von Sprechangst und Streß

6 "Literarisches Schweigen"
6.1 Schweigen als Stilmittel der Belletristik
6.2 Schweigen am Beispiel von Lyrik

7 Anmerkungen

1 Einleitung

1.1 Grundlegende Fragestellung

Auf dem Seminarplan steht als Thema für dieses Referat: Paralangue / Silence. "Silence" ist ein englisches Wort und heißt übersetzt "Stille". Ich frage mich: Was ist die Bedeutung von Stille?

Ein Zitatfragment des Phonetikers von Essen besagt: "Die Bedeutung eines Ausdrucks wird durch die Wortwahl und Wortfügung bestimmt". Bedeutet das nicht, daß Stille nichts bedeutet?

Einer oft zitierten Auffassung von Paul Watzlawick zufolge können Menschen nicht nicht kommunizieren. Und sie können auch nicht nichts tun. Selbst in gebräuchlichen, unwissenschaftlichen Lexika findet sich unter dem Stichwort Schweigen: "still sein, nichts sagen". Wer also nicht spricht, tut deshalb etwas: Schweigen.

Kann Schweigen etwa bedeutungslos sein? Intuitiv möchte ich diese Frage mit "nein" beantworten.

1.2 Problematisierung

Vorwegschicken möchte ich das Beobachterparadoxon, das wir überall in der empirischen Forschung finden können und das ich von Anfang an bewußt machen will. Es wird von William Labov so beschrieben: "Ziel linguistischer Erforschung der Sprachgemeinschaft ist herauszufinden, wie die Leute sprechen, wenn sie nicht systematisch beobachtet werden; wir können diese Daten jedoch nur durch systematische Beobachtung finden."(1 )So kann man zwar z.B. "Produktivität" messen, an Teilnehmern eines Rhetorikkurses beispielsweise, etwa vorher und nachher, aber man sollte sich darüber im klaren sein, was man beobachtet und welche kommunikative Relevanz für die unartifizielle Wirklichkeit angenommen werden kann. In jedem Fall sollte eine Diskussion folgen.

1.3 Überblick

"Was ist Kommunikation überhaupt?" könnte ich hier fragen. Nach Gerold Ungeheuer dient Kommunikation dazu, zwischen der "Innen-Außen-Dichotomie" zu vermitteln(2 ). Zur Klärung verweise ich auf den "Dialog von Olga und dem Papst"(3 )nach Barth & Krabbe (1982), und auf den Artikel "Alles eine Frage der Perspektive - Anstelle einer Zusammenfassung"(4 )im gleichen Buch.

Die auditive Dimension von Kommunikation umfaßt nicht nur lautliche Sprache, sondern auch Geräusche, seien sie nun vom Menschen direkt erzeugt oder nicht. So können z.B. Umgebungsgeräusche oder das Rascheln von Kleidung spezifische Wirkungen auf die Interaktion haben, was man sich verdeutlichen kann an unterschiedlichen räumlichen Orten der Interaktion oder an so unterschiedlichen Materialien wie etwa Seide und Leder. Auch Musik ist eine differenzierte Form von Kommunikation mit Funktionen von Sprache. Die scheinbare Selbstverständlichkeit von "Hören" ist dabei nur eine bequem vorauszusetzende Fähigkeit. Doch ist selbst die Verbindung von Sprechen und Hören nicht Bedingung. Die vielfach ausgezeichnete britische Solopercussionistin Evelyn Glennie z.B. ist taub, und auch Taube können die Lautsprache erlernen. Alle akustischen Phänomene werden jedoch über den Gehörsinn und / oder über Vibrationen (taktil) wahrgenommen und in der Sprachverabeitungsregion in der linken Hirnhemisphäre verarbeitet und ausgewertet.

1.4 Vorgehensweise und Motivation

Die von mir vorgenomme Schwerpunktsetzung spiegelt meine Auffassung, daß die auditive Dimension von Kommunikation nur unter gleichzeitiger Beschreibung und angemessener Gewichtung der anderen Dimensionen auch tatsächlich intuitiv "richtig" beschrieben werden kann. So enthält eine "natürliche" face-to-face-Kommunikation auch niemals nur eine der möglichen Dimensionen, selbst ein Telefongespräch wird verstärkt von Gestik und Mimik begleitet. Jede gesprächsanalytische Konzeption oder auch nur Beschreibung, die prosodische, parasprachliche und außersprachliche Mittel außen vor läßt, greift für eine umfassende Darstellung von Kommunikation zu kurz(5 ).

Diese Arbeit stellt Betrachtungen menschlichen sprachlichen Verhaltens vor, die von verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen (unter anderem Neurophysiologie und Anthropologie) vorgenommen werden (Kapitel 2) und gibt Einordnungen der Stimme und ihrer Eigenschaften (Kapitel 3.2), verbalen wie nonverbalen Verhaltens unter bestimmten Bedingungen (unter dem Einfluß von Angst; Kapitel 3.3). Ich weise damit auf die Fachrichtungen, die mir zur weitergehenden Beschreibung und Erklärung von Reden und Schweigen vielversprechend erscheinen, und diskutiere die Ergebnisse und Vorgehensweisen (Kapitel 5). Zuletzt führe ich Beispiele der Repräsentation von Stille und Schweigen aus der Belletristik auf (Kapitel 6).

2 Betrachtungen menschlichen Verhaltens in der Wissenschaft

2.1 Menschliches Verhalten in der Naturwissenschaft

Bei den unter 2.1 und 2.2 folgenden Darstellungen halte ich mich eng an Sager (1995).

2.1.1 Einordnung des menschlichen Verhaltens in der Neurophysiologie

Die Neurophysiologen finden in der hierarchischen Struktur des menschlichen Gehirns den logischen Grund dafür, "daß wir das verbale Geschehen stets als ein Handeln wie ein Verhalten betrachten können. Durch die phylogenetische Entwicklung neuerer Hirnzentren sind die alten Strukturen und deren spezifische Verarbeitungsformen nicht ausgelöscht oder überflüssig geworden. Sie existieren vielmehr heute immer noch und spielen eine aktive Rolle bei der Verarbeitung von Information und der Steuerung von Verhalten. Dabei ist es sogar so, daß in besonders extrem emotional geprägten Situationen die entsprechenden Informationen gar nicht erst bis in die rationalen Zentren des Kortex gelangen, sondern gleichsam in einem "Kurzschlußverfahren" vom limbischen System verarbeitet und dann direkt wieder an das Effektorsystem zurückgeleitet werden. (…) Hinsichtlich der Unterscheidung von Handeln und Verhalten bestätigen diese Befunde die These, daß es eben nicht zwei unterschiedliche und gegensätzliche Formen aktionaler (d.h. auf das Handeln bezogener) Umweltbewältigung gibt, wie es die sich auf die Weber-Watsonsche Dichotomie(6 )stützenden Ansätze einer linguistischen Pragmatik postuliert haben. Vielmehr müssen wir davon ausgehen, daß auch in verbaler Interaktion stets sämtliche Deutungs- und Sinnebenen gleichzeitig präsent und gültig sind"(7 ). Das ist eine Erklärung dafür, daß Angstzustände wie Neurosen und Phobien selbst dann nicht überwunden werden können, wenn das rationale Denken sie als unbegründet erkannt hat.

2.2 Menschliches Verhalten in den Geisteswissenschaften

2.2.1 Das menschliche verbale Verhalten in der Anthropologie

Das menschliche verbale Verhalten ist ein konstitutionell geprägtes Verhalten, das einem subkortikalen Dispositionsschema folgt. Um z.B. auch interkulturelle Gemeinsamkeiten erklären zu können, diskutiert Sager (1995) vier ethologische und anthropologische Konzepte: das Konzept der funktionellen Äquivalenz, das Konzept der Ritualisierung, das Konzept der Beschwichtigung und das Konzept der Triebdistanzierung.

2.2.1.1 Das Konzept der funktionellen Äquivalenz

Zentrale These der Humanethologie ist die von der funktionellen Äquivalenz von verbalem und nonverbalem Verhalten. Damit ist folgendes gemeint: "Eine besondere Fähigkeit des Menschen besteht darin, daß die Muster nonverbalen Verhaltens verbalisiert werden können." sagt Eibl-Eibersfeld und stellt fest, daß "verbale Akte angeborene Verhaltensweisen an bestimmten Stellen ersetzen" können, "sie vertreten einander als funktionelle Äquivalente"(8 ). Es konnten Verhaltensschemata aufgezeigt werden, in denen deutlich wird, daß der Mensch bei der Verbalisierung von Infantilismen, Betreuungs-, Brutpflege- und Imponierhandlungen "im Grunde die gleichen Regeln befolgt wie beim nichtverbalen Handeln", daß also sprachliches und nichtsprachliches Handeln der gleichen Art und Weise der Darstellung folgen. Sprache ist "grundsätzlich als distanzierendes Verhaltensmittel zu betrachten". Sprache ersetzt das Handeln, und sie kann mit Worten alles ausdrücken, und das tut sie auf eine weniger mittelbare, auf eine ritualisierte Weise.

2.2.1.2 Das Konzept der Ritualisierung und das Konzept der Beschwichtigung

Das Prinzip der Ritualisierung, wie Gehlen es beschrieben hat, hat auch in sozialpsychologischen Arbeiten und in der Kommunikationswissenschaft Beachtung gefunden(9 )und wird u.a. von vielen Humanethologen vertreten. "Schon unabhängig von der Form, liegt in jeder Rede ein distanzierendes Mittel, denn sie ist nicht selber Aktion, sondern sie ist auf Dialog und kognitive Verarbeitung eines Themas angelegt. In der Form liegen dann zusätzliche Mittel der Distanzierung." findet man etwa bei Eibl-Eibersfeld(10 ). Hiermit ist die auch Loslösung von spezifisch emotionsgeladenen trieb- und zwanghaften Situationen durch Sprache gemeint, wobei die sprachliche Aktion emotionsreduziert bzw.

emotionskompensierend erfolgt. Sprache entlastet die Situation durch Benutzung von symbolhaft-sinnspezifischen Zeichen und dient zur Aufrechterhaltung der Interaktion mit dem Sozialpartner trotz spezifischer Gegensätze, wie z.B. Aggressionen. Das Konzept der Beschwichtigung ist hier für mich nicht vollständig von dem der Ritualisierung zu trennen.

2.2.1.3 Das Konzept der Triebdistanzierung

Arnold Gehlen ordnet den Menschen als "prinzipiell weltoffen" ein, und meint, daß der Mensch, "um existenzfähig zu sein, auf Umschaffung und Bewältigung der Natur hin gebaut ist und deshalb auch auf die Möglichkeit der Erfahrung dieser Welt hin: er ist handelndes Wesen, weil er unspezialisiert ist." Der Inbegriff der von ihm ins "Lebensdienliche" umgearbeiteten Welt heißt Kultur, und die Kulturwelt ist die menschliche Welt. Die Kultur ist die "zweite Natur"(11 ). Norbert Elias erweitert diese Ideen auf die Zivilisation, indem er auf eine Parallelentwicklung von Mensch und Gesellschaft, von Individuum und Kultur als systemhaft enge Verbindung des Ganzen hinweist. Die Umweltanpassung findet statt, indem der Mensch generelle Instinktreduktion betreibt und, "alle Leidenschaften gleichermaßen einer genauen Regelung" unterwirft(12 ). Gehlens zentrales Konzept ist das des Hiatus, der durch Distanzierung und mögliches Aufschieben von Bedürfnisbefriedigung entstehe, dadurch Freiraum für rationales Denken schaffe und "für den Menschen als Handelnden lebensnotwendig" sei. Da die Triebstruktur gelockert, von der ungebremsten Affektentladung im wahrsten Sinne des Wortes Abstand genommen werde, kann jedes noch so hoch vermittelte Verhalten bei aller sozialer Bedingung auch triebbestimmt sein. Danach lassen sich zwei Handlungs- oder Verhaltenstypen unterscheiden: das enthemmte, nicht rational kontrollierte Triebverhalten, das sozusagen mit Urgewalt hervorbricht, und das rein rational kontrollierte, sich auf legitimierte Dauerinteressen und Normen berufende Handeln. Auf sprachliches Geschehen bezogen wären das etwa unkoordiniertes Lautwerden oder Beschimpfen, das in sich Verhaspeln, Stammeln und Stottern übergeht, weiterhin der wissenschaftliche Diskurs, der oberflächlich betrachtet triebfrei und hochrational abläuft(13 ).

2.3 Menschliches Verhalten in der Sozialwissenschaft

2.3.1 Soziales Handeln: Schweigen

Mauthner formulierte dazu 1901: "Man glaubt gewöhnlich, es sei schwer, reden zu lernen. Umgekehrt… schwer ist es, schweigen zu lernen… Im Schweigenkönnen besteht der Hauptunterschied zum Tiere"(14 ). Irgendwo muß man lernen, ein Gefühl zu bekommen, wo man reden und wo man schweigen muß, lernen, Pausen zu interpretieren und ihnen einen Sinn zuzuordnen. Es gibt entsprechende Regelungen und konventionalisierte Erwartungen, die als Regelsystem internalisiert werden. Schweigen ist deshalb zutreffend als soziales Handlungsmuster bezeichnet worden(15 ).

2.4 Menschliches Verhalten in der Kultur

2.4.1 Beispiel: Die Theateraufführung

Als Teilnehmer des Seminars habe ich an der Aufführung des gestisch-mimischen Theaters "crazy jackets. Die schräge Show!" von Finke & Falk im Hackeschen Hoftheater Berlin-Mitte vom 29. Januar 1997 teilgenommen und die Eingangsszene verfolgt: Die beiden Schauspieler kamen auf die Bühne, und als Zuschauer hatte ich sofort das Gefühl, daß Schweigen die richtige Verhaltensweise ist. Musik beginnt zu spielen, die Schauspieler vollführen dazu Kunststücke und Gesten, Tanzen -- und plötzlich hörte die Musik auf, und die beiden blieben stehen wie erstarrt und blieben stehen und bewegten sich nicht.

Zur Klärung dient das bereits erwähnte Zitat von Otto von Essens, das bisher unvollständig ist. Ungekürzt lautet es: "Die Bedeutung eines Ausdrucks wird durch die Wortwahl und Wortfügung bestimmt, der Sinn durch die außerhalb und über dem Wort stehenden Ausdrucksmittel." Damit sind auch Pausen eingeschlossen. Und trotz der im Zitat enthaltenen Unbestimmtheit und der fragwürdigen Anwendbarkeit konnte ich als Zuschauer den Sinn der Situation richtig einschätzen und mich entsprechend verhalten: Ich habe geschwiegen. Ich war Teilnehmer an einem Ritual, in dem die Rollen vorher verteilt wurden, bereits mit dem Kauf der Eintrittskarte und dem Einnehmen des Sitzplatzes war meine Rolle abgesteckt. Die Einsicht von Watzlawick, daß man nicht nicht kommunizieren kann, gilt in besonderem Maß für die Theatersituation; und zusätzlich gilt, daß alles, was ich auf der Bühne sehen kann, Bedeutung hat, "all that is on the stage is a sign."(16 ). Hier eingesetztes Schweigen hat also prinzipiell Zeichencharakter, und als Zeichen muß ich es interpretieren.

Für eine im Theaterstück in die Handlung eingebaute Spannung bedeutet das, daß nur natürliche, u.a. der eigenen Spannungsabfuhr dienende Publikumsreaktionen die Stille auflösen, oder die Musik setzt ein, bevor es dazu kommt, aber für einen Beobachter von außen ohne Kontextwissen ist das Ereignis "Stille" lediglich eine akustische Pause ohne eigenen Sinn, seine Auffassung stimmt mit unserer kulturell erklärbaren Sinngebung nicht überein. Nach einer älteren Einteilung von Bruneau(17 )wäre dieses Schweigen als soziokulturelles Schweigen aufzufassen, durch umfassende soziale und kulturelle Ordnungsgefüge bedingt. Nach einer neueren Arbeit von Jensen(18 )hat dieses Schweigen eine kommunikative Absicht, eine activating function, in diesem speziellen Fall eine evokative Funktion. Wir Zuschauer zeigen unsere scheinbare soziale Distanz durch respektvolles Schweigen, solange, bis es unerträglich wird. In diesem Fall ist voll beabsichtigt und integraler Teil des Rituals dieser Theateraufführung (die ohnehin nicht als traditionell zu bezeichnen ist), daß diese Unerträglichkeitsgrenze und die vorausgehende sich steigernde Spannung "ausgekostet" und überschritten wird. Zumindest wird die Auflösung verzögert, bis der Zuschauer sich unruhig fragt, ob da nicht irgend etwas schief gehe. In jedem Fall ist Schweigen interpretationsbedürftig.

Nun beinhaltet eine Theateraufführung nicht nur Sprechen und Sprechpausen, sondern setzt betont Gestik und Mimik, Licht und Musik ein, die auch ohne Sprechbegleitung auskommt. Die Motivation dahinter ist, daß Menschen seit eh und je erfahren, nicht alles in gesprochener Sprache ausdrücken zu können und durch Einsatz von Beleuchtungs-, Klang-, Aufnahme- und Stimmtechniken und durchdachtem "Timing" ungeahnte Wirkungspotentiale aufgetan werden können. Auch für die weniger artifizielle face-to-face Kommunikation können wir den Sinn eines Ausdrucks bestimmen "durch die außerhalb und über dem Wort stehenden Ausdrucksmittel, die wir als prosodische Gestaltungsmittel zusammenfassen"(19 )(damit ist das Zitat Otto von Essens vollständig).

2.5 Verständigung über menschliches Verhalten

Dem Menschen ist beides möglich: spontan triebhaft unkontrollierte wie auch simulierte Wutausbrüche, die strategisch und geplant eingesetzt werden. Nach der neueren Wissenschaftstheorie von Kuhn u.a. läuft auch der wissenschaftliche Diskurs nicht triebfrei ab, sondern ist durchsetzt mit geradezu zwanghaftem Bestreben nach Anerkennung und persönlichen Eitelkeiten und Bosheiten, also durchaus dem Triebhaushalt zuzuordnenden Interessen. Und selbst in den unkontrolliertesten Handlungen greifen wir auf ansozialisierte Techniken zurück, so in Affektlauten der Form "aua" oder "pfui" (verbalen Zeichen, die stilisiert und sprachlich konventionalisiert wurden aber zweifellos interkulturell in ähnlicher Form auftreten) oder Beschimpfungen, die den Gegner empfindlich treffen sollen und sich deshalb kulturell erworbene Metaphern aus dem tierischen, skatologischen oder religiösen Bereich bedienen(20 ). In der normalen Alltagsinteraktion sind derartig charakterisierte Ausprägungen jedoch nicht die Regel. Und auch Tiere sind in der Lage, zwischen triebhafte Impulse und die darauffolgende Handlung eine kontrollierende Instanz zu schieben, ich denke da an Werkzeugherstellung oder zeitlich versetzte Handlungsreaktionen(21 ) . Nicht Gehlens Hiatus, das Trennende, der durch kortikale Kontrolle bzw. das Sprechen gefüllte Leerraum, jene Triebe abkoppelnde Pufferzone ist also das entscheidende des menschlichen Verhaltens, sondern vielmehr die Gleichzeitigkeit triebhafter wie rationaler Komponenten in ein- und demselben Interaktionsakt. Der Mensch ist also ein Wesen des Übergangs, oder, wie der Verhaltensbiologe Desmond Morris metaphorisch-bildhaft sagt, "sowohl gefallener Engel wie auch arrivierter Affe"(22 ).

3 Geschriebene und gesprochene Sprache

3.1 Unterscheidungen

In der Linguistik ist bekanntermaßen immer zwischen geschriebener und gesprochener Sprache zu unterscheiden. In der geschriebenen Sprache sind die Handlungsträger der Autor und der Leser, in der gesprochenen Sprache entsprechen dem der Sprecher und der Hörer. Beide Sprachtypen setzen eine Textplanung voraus, die sich im geschriebenen Text nicht entdecken läßt, es sei denn anhand von Korrekturspuren. In der gesprochenen Sprache dagegen (die weder auswendig gelernter Text noch für die Untersuchung produziert sein soll) läßt sich beobachten, wie sich die Textplanung im Verlauf der Äußerung erst entwickelt. Je nach der sprachlichen Geschicklichkeit ist diese Äußerung mehr oder weniger "gut" strukturiert. Mündlich geäußerte Texte kann ich nicht streng nach grammatischen Regeln oder Wohlgeformtheit beurteilen, sondern muß eigene, persönliche Maßstäbe anlegen.

Der prinzipielle Unterschied von gesprochener zu geschriebener Sprache zeigt sich für mich auch besonders deutlich in der Ausarbeitung dieses Textes. Im mündlich vorgetragenen Referat wären u.a. Satzbrüche, Wiederholungen und "Denkpausen" meinerseits und Nachfragen von Seiten des Publikums möglich und das Verständnis durch begleitende Gestik und Mimik erleichtert gewesen. Auch wäre durch Paraphrasierungen, Kommentare und Zusammenfassungen die Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft gesteigert worden. Dieser Text dagegen ist statisch und besitzt eine von mir bewußt gewählte Form, ermöglicht aber andererseits mehrfaches Aufnehmen der Information durch wiederholtes Lesen.

3.2 Die Sprechstimme

3.2.1 Die Merkmale der Sprechstimme

Im Gegensatz zu rein linguistischen Mitteln wie Wortlaut und Syntax umfassen prosodische Mittel(23 )(oder oftmals synonym gebraucht: paralinguistische Phänomene, extralinguistische Parameter oder suprasegmentalische Struktur):

Sprechgeschwindigkeit, normal etwa 5-8 Silben pro Minute, bei sehr schnellen Sprechern bis zu 400 Wörter pro Minute, Lautstärke im "normalen Gespräch" etwa 40 dB, lautes Schreien bis zu 80 dB. Bestimmt auch die "spektrale Energieverteilung" z.B. im Sonagramm. Diese beiden Mittel sind nicht nur indexikalische Merkmale von Sprachgruppen oder Individuen für Alter, Geschlecht, Schichtzugehörigkeit oder Zugehörigkeit zu sozialen oder ethnischen Gruppen, sie erfüllen auch strategische Funktionen im Dialog, etwa Sprecher-Hörer-Wechsel und zeigen auf Interesse oder Unterwürfigkeit.

Akzent ist die linguistisch funktionelle Hervorhebung einer Silbe innerhalb eines Worts. Für die phonetische Realisierung existieren verschiedene Möglichkeiten: höhere oder tiefere Grundfrequenz, größere Intensität, längere Dauer, andere Klangfarbe. Jede Sprache verwendet eine andere Zusammenstellung dieser Parameter. Traditionell unterscheidet man dynamische und melodische / musikalische Akzente.

Intonation: im Deutschen z.B. steigend für Fragesätze und fallend für Aussagesätze.

Rhythmus ist die Art, in der die hervorgehobenen Silben im Redestrom verteilt sind.

Unterschieden werden betonungszählende (z.B. germanische Sprachen wie Deutsch oder Englisch), silbenzählende (die romanischen Sprachen) und morenzählende Sprachen (z.B. Japanisch).

Ton ist die feste Zuordnung bestimmter relativer Grundtonhöhen bzw. -verläufe einer Silbe zu bestimmten Bedeutungen, in afrikanischen, asiatischen und zentralamerikanischen Sprachen bedeutungstragend und sehr differenziert.

3.2.2 Formen und Variationen

Nicht direkt zu den prosodischen Mitteln gehören besondere Stimmformen der Sprechstimme, wie Habermann sie aufführt(24 ):

Flüsterstimme mit Geräuschcharakter, wird z.B. benutzt, um etwas vertrauliches mitzuteilen, Kommandostimme ("Soldatenstimme"), die mit einem schwellenden Ton und hartem Einsatz beginnt und durchgängig hoher Sprechtonlage und Lautstärke benutzt sowie überwiegend im Freien verwendet wird, Bauchrednerstimme, bei der die natürliche Stimmlage zu einer anderen Klangfarbe und etwa um eine Oktave höherer Tonhöhe verändert wird, was nur bei besonderen anatomischen Voraussetzungen gelingt, inspiratorische Stimme (Sprechen beim Einatmen), bei gesunden Menschen allenfalls als zustimmendes "Ja" im Gespräch, tritt nach Habermann nur bei psychisch kranken Menschen auf, Stimme der Kehlkopflosen (Ösophagusstimme), gebildet durch noch vorhandenes, funktionierendes Ansatzrohr und neuem Glottismechanismus, der obertonreichen Stimmklang produziert.

3.2.3 Entwicklung der Kommunikationssysteme

Heute geht man davon aus, daß sich paralinguale oder paralinguistische Kommunikationssysteme des Menschen in der Evolution entwickelt haben und eine Reihe von Grundmustern phonatorischer Signale sich nicht nur aus der Tierkommunikation herleiten lassen(25 ). Die Bedeutungen paraverbaler Phänomene für dynamische Prozesse der Interaktion folgen aus der Wechselwirkung von Sprechereindruck und Hörereindruck. Die vokale Kommunikationsforschung, die ihre Traditionen in der Sprecherziehung und der Ausdruckspsychologie hat, erhielt wichtige Impulse auch aus der Ethologie. So lassen sich tatsächlich interkulturelle Universalien feststellen, z.B. beim Ausdruck von Emotionen in Stimme und Sprechweise.

3.3 Emotionen

3.3.1 Emotionen im allgemeinen und Sprechangst im besonderen

Nach Lazarus, Kanner und Folkman findet "die Entstehung von Emotionen auf der Ebene von Kognitionen des Individuums über die eingetretenen und erwarteten Ergebnisse von spezifischen Auseinandersetzungen mit der Umwelt" statt. Emotionen sind danach "komplexe, organisierte Zustände der kognitiven Einschätzungen, der Handlungsimpulse und der körperlichen Reaktionen, die vom Individuum als ganzheitlich erlebt" und in ihren Anteilen dynamisch variiert werden(26 ).

Lazarus und Launier entwickelten ein Konzept, in dem Streß als reizabhängiges emotionales Reaktionssyndrom beschrieben wird, das sich auf Komponenten des affektiven Erlebens, des Ausdrucksverhaltens, der physiologischen Aktivierungsprozesse und des instrumentellen Handelns bezieht. Situationale Angst ist in diesem Fall eine solche Komponente, denn ein streßvolles Ereignis läßt sich auf verschiedene Weisen bewerten: als Herausforderung, als Schaden bzw. Verlust oder Bedrohung.

Wenn ein Mißverhältnis zwischen situativen Anforderungen und den eigenen Fähigkeiten zur Bewältigung derselben besteht, kann die Situation beispielsweise als bedrohlich empfunden werden. Sprechangst wird u.a. durch die objektive Anforderung, einen Redebeitrag zu leisten und der subjektiven Einschätzung der Person, diese Leistungsanforderung nicht ausreichend erfüllen zu können, ausgelöst(27 ).

3.3.2 Der Einfluß von Sprechangst auf die verbale "Produktivität"

Verbale Produktivität wird bei Beushausen in den Dimensionen Quantität (Sprechzeit, Wortanzahl), Rate (Artikulationsrate, Sprechrate) und Schweigen (Pausenzeiten, gefüllte Pausenzeiten) erfaßt. Bei Einbeziehung von Artikulationsrate und gefüllten Pausen in die Produktivität muß Schweigen im Sinne von "es wird kein verbaler Kode mit der sprecherischen Intention einer Mitteilung hervorgebracht" interpretiert werden. Zusätzlich werden Sprechstörungen wie Versprecher in die Analyse einbezogen:

- "Ah"- Kategorie (Interjektionen und gefüllte Pausen)
- Satzkorrekturen
- Satzabbrüche (Anakolute)
- Wiederholungen
- Stottern
- inadäquate Geräusche (z.B. Räuspern, Schmatzen)
- Versprecher
- Auslassung eines Wortes oder eines Wortteils (Ellipse)

Die Kategorien heißen nach Mahl "Ah"-Störung und "non-Ah"-Störungen, wobei erstere von der Indexberechnung ausgenommen wird, weil sie nach seiner Hypothese von Angst unbeeinflußt bleibt. Die Speech-Disturbance-Ratio wird ermittelt, indem man Anzahl der Auffälligkeiten durch die Anzahl der gesprochenen Wörter und Versprecher usw. teilt. Zur Erfassung von Quantität ist eine genaue Transkription erforderlich.

3.3.3 Produktivitätsmaße

Ungefüllte Pausen machen die Schweigeperioden von über 0.5 Sekunden beschreibbar. Heute allerdings haben sich Begriffe wie Stille-Pausen-Quotient oder Schweigequotient eingebürgert, und berechnet wird er aus der Gesamtsprechzeit oder der geäußerten Wortanzahl. In den letzten Jahren wurden Pausen zunehmend als kulturabhängig verstanden und vergleichende Studien nehmen viel engeren Bezug auf die Sprecher oder die Sprachgemeinschaft(28 ).

Gefüllte Pausen bezeichnen die "Ah"-Kategorie. Berechnet wird die Anzahl aller Interjektionen geteilt durch die Gesamtwortzahl. Mahl fand, daß gefüllte Pausen zwar häufig auftraten, das Maß aber nicht mit unterschiedlichen Angstleveln variierte. In Telefoninterviews stiegen die Werte, was damit erklärt wird, daß das nonverbale Antwortverhalten nicht erkennbar ist und die Versuchspersonen zudem ihre Unsicherheit über die Wirkung ihrer Antworten durch vorsichtigeres Verbalverhalten ausdrücken.

Quantitätsmaße sind die Gesamtsprechzeit, die Wortanzahl oder die Anzahl der Satzeinheiten. In Publikumssituationen findet sich tendenziell eine Abnahme der Produktivität bei größerem Publikum. Die Sprechrate ist einmal von den individuellen physischen Gegebenheiten des Sprechers abhängig (Persönlichkeit, sprechmotorische Vorraussetzungen usw.), aber auch von psychischen Vorgängen. Im anglo-amerikanischen Sprachraum als "Wörter pro Zeiteinheit" definiert.

Artikulationsrate ist nach Henze wichtig, um den Unterschied zwischen Gesamtzeit und absoluter Zeit zu berücksichtigen, da die Gesamtzeit die Pausen zwischen den Wörtern einschließe, die absolute Zeit die Ausdehnung der gesprochenen Silbe messe. Die Anzahl der gesprochenen Wörter dividiert durch die Gesamtzeit abzüglich der Pausenzeiten ergibt die Artikulationsrate.

3.4 Die vokale Kommunikationsforschung

Die gegenwärtige vokale Kommunikationsforschung legt ihren Schwerpunkt auf die Identifizierung und quantitaive Beschreibung objektiv meßbarer akustisch-phonetischer Parameter. Der am häufigsten beschriebene Parameter ist die Grundfrequenz der Stimme f0, die die vom Hörer wahrgenommene Tonhöhe wesentlich bestimmt. Gemessen wird die mittlere Grundfrequenz über mehrere Äußerungseinheiten hinweg, die als Basiswert der Grundfrequenz bezeichnet wird.

Nach Scherer (1979, 1985) gebe ich eine zusammenfassende Darstellung der vokalen Indikatoren von Emotionen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

"?" zeigt auf nicht vorliegende oder uneinheitliche Daten. Die f0-Variabilität ist das statistische Maß der Streuung von f0.

Der Zusammenhang emotionale Erregung - Grundfrequenz unterliegt starken individuellen Unterschieden, wie offenbar auch die f0-Variabilität.

3.5 Anwendung auf "Soziales Handeln"

Hier erinnere ich noch einmal an die Theateraufführung: die Charaktere Finke und Falk haben viele Merkmale Hoch-Sprechängstlicher überzeugend dargestellt: viele Interjektionen (stockendes "aber..."), starke Variabilität der Grundfrequenz der Stimme f0 ("ah, nee!" als Antwort) bei hohem f0-Niveau und breiter f0-Streuung. Zusammen mit der Lautstärke und dem Sprechtempo haben wir schon alle Indikatoren beisammen, anhand derer man in der vokalen Kommunikationsforschung die objektiv meßbaren, akustisch-phonetischen Parameter eines Sprachsignals erfassen, quantifizieren und Sprecherzuständen zuordnen will und diese Indikatoren nennt. Eine höhere f0 gilt auch als Indikator für Dominanz, was ich z.B. daran gemerkt habe, daß ivh den Schauspielern nicht ins Wort gefallen bin. Und für die interpersonale Interaktion ist hohe f0-Variabilität Indikator für Erregung(29 ).

4 Weitere Phänomene

4.1 Akkomodationstheorie

Nach der Akkomodationstheorie nähern sich zwei Interaktionspartner (vermutlich auch mehrere) im Verlauf eines Gesprächs in ihrer Sprechweise einander an. Beobachtet wurde diese Angleichung bezüglich folgender vokaler Parameter:

- Aussprache
- Sprechgeschwindigkeit
- Pausen- und Satzlänge
- Intensität
- Grundfrequenz der Stimme

(bei Kindern im Gespräch mit ihren Eltern)

Das scheint ein Nachweis zu sein dafür, daß das Auftreten von Konvergenz oder Divergenz im Gesprächsstil einen Indikator von mehr oder weniger starker Konformität und Identifikation darstellt, der für soziale und ethnische Gruppen bedeutsam ist.

4.2 motor theory of speech perception

Nach dieser Theorie erfolgt die Wahrnehmung der im Sprachsignal encodierten Sprachlaute unter der Beteiligung der für ihre Produktion zuständigen neuronalen Mechanismen. Der Weg der Artikulation wird also quasi zurückverfolgt.

Der Effekt ist unbewußt und erinnert an im Lesen ungeübte Kinder oder auch Erwachsene, die sich einen Text "erarbeiten" und dabei die Lippen tonlos mitbewegen. Auch beim Musikhören sind solche unbewußt ablaufenden Einflüsse auf den Stimmapparat und den Ablauf von Atmung und Herzschlag bekannt. Obwohl die motor theory aus den oben bereits erwähnten Beobachtungen herrührt, daß sprachakustische Signale für das linke Ohr langsamer und weniger genau verarbeitet werden als die für das rechte Ohr, es also einen sogenannten Rechts-Ohr-Vorteil (engl. "right-ear-advantage") gibt, scheinen die Ergebnisse mit denen der Akkomodationstheorie zu konvergieren.

5 Problematisierung, Diskussion und Zusammenfassung

5.1 Problematische Aspekte der vokalen Kommunikationsforschung

Verschiedene akustische Parameter des Signals verdichten sich beim Hörer zu einem Eindruck, der z.B. darin bestehen kann, daß er einen Sprecher als erregt wahrnimmt. Nur wird die Hörerattribution unweigerlich auch vom Sprachinhalt beeinflußt, der nicht dem Untersuchungsbereich zugeordnet wird. Eine ansteigende Tonhöhe bedeutet einerseits Nachdrücklichkeit, andererseits werden Intonationsverläufe von syntaktische Funktionen bestimmt, und ein "final rise" markiert einen Fragesatz. Die linguistischen und paralinguistischen Funktionen sind bei solchem Sprachmaterial, das eben diese Eigenschaften aufweist, nicht trennbar. Aus diesem Grund muß mit Interaktionen von Text und Kontexteinflüssen und pragmatischen Bedeutungskomponenten gerechnet werden. Daher ist die Frage kategorialer oder kontinuierlicher Funktionsweisen für die akustischen Parameter für Affektattribution, die gleichzeitig syntaktisch definierte Funktionen erfüllen, unklar. Ähnliche Probleme der Interaktion von linguistisch sowie phonetisch bestimmten Funktionen und der Bedeutung für das vokale Ausdrucksverhalten treten bei der Analyse der Pausenstruktur des Sprechens auf.

5.2 Mehr Ergebnisse durch Genauigkeit der Meßmethoden in der vokalen Kommunikationsforschung?

Wenn auch dank weiterentwickelter Methoden (z.B. Konstanthaltung von Bedingungen und Geringhaltung von Variationen über mehrere Äußerungen hinweg) und genauer analoger und digitaler Verfahren viele Daten gewonnen werden können, ist es doch schwierig, genau quantifizierbare Daten zu bekommen, denn wie bereits gesagt treten in einer konkreten Kommunikationssituation immer zahlreiche Merkmale in Kombination miteinander auf. Jegliche Art von Daten muß identifiziert, kategorisiert und auf relevante akustische Parameter hin untersucht werden. Weil die Forscher es sich zur Aufgabe gemacht haben, die kommunikative Relevanz zu messen, muß eine parallele Untersuchung vorgenommen, also gleichzeitig auch die Seite des Hörereindrucks berücksichtigt werden. Überhaupt kann nur bei gleichem Sprecher- und Hörereindruck von einer kommunikativen Rolle der Charakteristika des Signals ausgegangen werden. Insgesamt steht die Forschung hier noch am Anfang, obwohl beachtliche Erfolge erzielt werden konnten, besonders durch den Einsatz digitaler Analyseverfahren und Sprachsynthesen sowie genauer Tonhöhen- und Intensitätsmessungen.

5.3 Problematisierung der Beurteilung von Sprechangst und Streß

Problematisch ist die Zuordnung ungefüllter Pausen: sind sie Ausdruck kognitiver oder emotionaler Prozesse? Es ist denkbar, daß es Pausen unterschiedlicher Funktion gibt, solche, in denen sprachliche Planungsvorgänge stattfinden und andere, in denen psychische Prozesse, wie die Bewältigung angsteinflößender Situationen, dominant sind.

Gefüllte Pausen legen den Verdacht nahe, daß sie zur Spannungsabfuhr des Sprechers dienen könnten. "Ähs" und ihre Varianten sind gesellschaftlich akzeptierte Füllaute, die dem Hörer signalisieren, daß der Sprecher in seiner Rede fortfahren möchte. Sprechängstliche machen mehr gefüllte Pausen als Nicht-Sprechängstliche, die Frage, ob der Faktor "mangelnde Redeerfahrung" ausschlaggebend ist, ist nicht klar zu beantworten.

Man sollte beachten, daß Hoch-Sprechängstliche eine tendenziell geringere Produktivität haben als Niedrig-Sprechängstliche ("um es schnell hinter mich zu bringen mache ich es kurz"), und daß bei vorgegebenem Umfang (Wortanzahl o.ä.) sich vermutlich kaum Variationen finden werden.

Je weniger Zeit eine Person für sprachliche Planungsvorgänge und / oder psychische Verarbeitungsprozesse hat, desto leichter verspricht sie sich. Hoch-Sprechängstliche versprechen sich häufiger als Niedrig-Sprechängstliche.

In Rhetorikseminaren mag es zunächst um das Bewußtmachen solcher Verhaltensweisen gehen. Der Kernpunkt kann dabei das Pausenverhalten sein, das willentlich beeinflußt werden kann. Da Pausen für sprachliche Planungsvorgänge wichtig sind, müßte ein verändertes Pausenverhalten auch einen positiven Einfluß auf die Speech-Disturbance-Ratio haben. Wenn die Symptome von Sprechangst bewußt wahrgenommen und beherrschbar werden, wird sich das auf das Empfinden des Einzelnen auswirken.

In der Literatur zur paralinguistischen Kommunikation wird oft der Standpunkt vertreten, paralinguistisches Verhalten sei nicht zu kontrollieren, da es unbewußt ablaufe(30 ). Es gibt allerdings Belege dafür, daß Schauspieler sehr wohl in der Lage sind, außersprachliche Merkmale der Erregung, die mit Angst verbunden werden, nachzuahmen oder zu simulieren oder daß auch nonverbales Kommunikationshandeln bewußt zu argumentativen Zwecken eingesetzt werden kann. Darüber hinaus scheinen Versuchspersonen in der Lage zu sein, die dargestellten Emotionen richtig identifizieren zu können(31 ). Auch ich als Theaterzuschauer habe das nonverbale Verhalten der Schauspieler Finke und Falk intuitiv zu bestimmten emotionalen Zuständen zugeordnet.

Es gibt auch menschlich-intuitive Beurteilungskriterien, wozu gehört, daß ich ganz einfach nicht weiß, woran ich bin, wenn mein Gegenüber alle sprachlichen Auffälligkeiten vermeidet und so nichts über seine Motivation und seinen Standpunkt zu erkennen gibt. Die Folge ist eine Beschränkung meines eigenen Verhaltens auf eher unpersönliche Themen und eine verringerte nonverbale Aktivität sowie steigende Unsicherheit. Diese Erkenntnis über Hörerverhalten findet bereits Anwendung, z.B. in Ansagen des Fernsehsenders SAT.1, wo der anchorman Ulrich Meyer ein Ansagedesign bekommt, das ihm den Gebrauch einer bestimmten Anzahl von Versprechern pro Zeit vorschreibt. Trotz dieser artifiziellen und technischen Kommunikation mag so eine geringere Distanz zum Sprecher und ein nahezu "natürlicher" Eindruck entstehen.

6 "Literarisches Schweigen"

6.1 Schweigen als Stilmittel der Belletristik

Pausen werden an ganz anderer Stelle bewußt als Mittel eingesetzt: in der Belletristik. "Literarisches Schweigen" ist ein gängiger Ausdruck in den Literaturwissenschaften und bezeichnet unterschiedliche Erscheinungen. So kann Schweigen Thema, Gestaltungsmittel, Teil des üblichen literarischen Sprachgebrauchs oder Ausdruck von Sprachskepsis sein.

Wenn ich aufzähle, was es für sprachliche Wendungen bezüglich "Schweigen" gibt, etwa andächtiges, ängstliches, ausdrucksvolles, beharrliches, beklemmendes, beklommenes, beleidigtes oder beleidigendes, beschämtes, bescheidenes, beschönigendes, betretenes, betroffenes, brütendes, dumpfes, eisernes, erschrockenes, erwartungsvolles, ehrfürchtiges, eisiges, ergriffenes, feierliches, feindseliges, göttliches, hartnäckiges, hochmütiges, höfliches, kaltes, kühles, lähmendes, lastendes, leidvolles, liturgisches, mystisches, nachdenkliches, peinliches, resigniertes, tiefes, tödliches, unerträgliches, verdächtiges, verächtliches, verwirrtes und verlegenes Schweigen, fällt mir auf, daß positiv wertende Adjektive auch für "Pausen" deutlich in der Minderzahl sind.

6.2 Schweigen am Beispiel von Lyrik

Weil eine Auflistung von Adjektiven und Adverben wie unter 6.1 der Wirkung im Text aber bei weitem nicht gerecht wird, weil sie den Kontext notwendig außen vor lassen muß, zitiere ich zur Verdeutlichung unkommentiert aus Harald Hartungs "Reden ist Menschheit"(32 )und "Die Stille" von Erich Fried(33 ):

Reden ist Menschheit

Wir denken oft noch an die Witwe S. die schrie am Telefon als wär der Mensch am anderen Ende in Amerika (Nicht war man kann nur schreien oder flüstern)

Nun ist es nebenan so still. Zuletzt hat sie geflüstert Aber vorher hatte sie diesen Hausfreund der gern redete Er sprach. Sie schrie nicht mehr ins Telefon Denn Willi war fürs Reden. Nur nicht re- signieren! meinte er, das war sein Motto Ein Schwätzer dieser Willi - war die Meinung der Nachbarin. Die wußte schon warum Ihr Mann der sprach kein Wort die letzten Jahre zwei Jahre nichts. Und drüben schwätzte alles sogar die Hemden auf der Leine, Plauder- taschen in niederträchtiger Eintracht nichtmal die Hemden hielten still . . .

Dann war es wirklich. Still. Nicht resignieren Und Willi stiftete noch Kranz und Schleife

Für Immer Dein Dein Willi. Die Verwandten der Toten ließen Willis Kranz verschwinden Willi zog fort. Ich will, sprach er, mir was Lebendiges kaufen, einen Papagei.

Die Stille

Die Stille ist ein Zwitschern der nicht vorhandenen Vögel Die Stille ist Brandung und Sog des trockenen Meeres

Die Stille ist das Flimmern vor meinen Augen im Dunkeln Die Stille ist das Trommeln der Tänzer in meinem Ohr

Die Stille ist der Geruch nach Rauch und nach Nebel in den Ruinen An einem Kriegswintermorgen

Die Stille ist das was zwischen Nan und mir war an ihrem Sarg die Stille ist nicht was sie ist

Die Stille ist der Nachhall der Reden und der Versprechen die Stille ist der Bodensatz aller Worte

Die Stille ist das was übrigbleibt von den Schreien Die Stille ist die Stille Die Stille ist meine Zukunft

7 Anmerkungen

[...]


1. William Labov 1971, zitiert nach: Dyck, J. / Jens, W. / Ueding, G.: Rhetorik. Ein internationales Jahrbuch. (Bd.6: Rhetorik und Psychologie. Hrsg.: Joachim Dyck) Tübingen : Niemeyer, 1987.

2. Lenke, Nils: Grundlagen sprachlicher Kommunikation: Mensch, Welt, Handeln, Sprache, Computer. Mit einem Beitrag von Heike Hülzner-Vogt. - München: Fink, 1995, S. 71-74.

3. Lenke, S. 217f.

4. Heike Hülzner-Vogt: Alles eine Frage der Perspektive - Anstelle einer Zusammenfassung. In: Lenke, S. 307.

5. Argyle, M,: Soziale Interaktion. Köln 1972. S. 104ff

6. Der Soziologe Max Weber unterscheidet Handeln und Verhalten. In: Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. 5., rev. Aufl., Tübingen: Mohr 1972

7. Sager, Sven Frederik: Verbales Verhalten : eine semiotische Studie zur linguistischen Ethologie (Probleme der Semiotik ; Bd. 17) - Tübingen : Stauffenburg-Verl., 1995, S. 228- 229

8. Eibl-Eibersfeld 1978,647 (zitiert nach Sager)

9. Sager verweist auf Seite 230 in Fußnote 59 auf eine Fülle linguistischgesprächsanalytischer Literatur.

10. Sager, S.231

11. Gehlen 1978 (zitiert nach Sager, S. 233)

12. Sager, S.235

13. Sager, S.239f

14. Mauthner, F.: Das Schweigen. In: Mauthner, F.: Beiträge zu einer Kritik der Sprache. Bd. I: Sprache und Psychlogie, Stuttgart 1901, 77ff. (zitiert nach Bellebaum)

15. Simmel, G.: Das Geheimnis und die geheime Gesellschaft. In: Simmel, G.: Soziologie. 5. Aufl. Berlin 1968, S. 256ff. (zitiert nach Bellebaum)

16. Vetuský, Jirí: Man and Object in the Theater (1940). In: Paul L. Garvin (Hrsg.): A Prague School Reader on Esthetics, Literary Structure and Style. Washington 1964, S. 83-91

17. Bruneau, Th. J.: Communikative Silences: Forms and Functions. In: The Journal of Communications, 23/1979, 17ff. (zitiert nach Bellebaum)

18. Jensen, J. V.: Communicative functions of silence. In: ETC: A Review of General Semantics, 30/1983, 249ff. (zitiert nach Bellebaum)

19. Otto von Essen (1964), zitiert nach: Bosshardt, Hans-Georg (Hrsg.) : Perspektiven auf Sprache : interdisziplinäre Beiträge; zum Gedenken an Hans Hörmann. - (Grundlagen der Kommunikation) - Berlin ; New York : de Gruyter, 1986.

20. Kiener 1983 (zitiert nach Sager)

21. vergleiche hierzu die Arbeiten von de Waal 1983,74. (zitiert nach Sager, S.240)

22. Desmond Morris im Vorwort zu de Waal 1983,11. (zitiert nach Sager)

23. eine kurze Darstellung findet man in: Linke, Angelika: Studienbuch Linguistik. Erg. um ein Kapitel "Phonetik und Phonologie" / von Urs Willi. - 2. Aufl. (RGL: 121. Kollegbuch) - Tübingen: Niemeyer, 1994. auf Seite 423f. Weit ausführlichere Beschreibungen in: PompinoMarschall, Bernd: Einführung in die Phonetik - (De-Gruyter-Studienbuch) Berlin ; New York : de Gruyter, 1995. (besonders Kapitel 5.3)

24. Habermann, Günther: Stimme und Sprache : e. Einführung. in ihre Physiologie u. Hygiene ; für Ärzte, Sänger, Pädagogen u. alle Sprechberufe - 2., überarb. Aufl. - Stuttgart; New York : Thieme, 1986. Kapitel 10, besonders S. 151-153.

25. Bergmann, Günther: Paralinguale Phänomene. In: Ammon, U./ Dittmar, N./ Mattheier, K. (Hrsg.) Soziolinguistik. Ein internationales Handbuch zur Wissenschaft von Sprache und Gesellschaft. (Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft ; Bd. 2) - Berlin ; New York : de Gruyter 1987, S. 1216-1227

26. Beushausen, Ulla: Sprechangst in Rhetorikseminaren. Ein Experiment zum paralinguistischen Verhalten. In: Sprechwissenschaft und Psycholinguistik. Hrsg. Kegel / Arnhold / Dahlmeier u.a. - Opladen; Westdeutscher Verlag 1992, S. 71,1.1

27. zitiert nach Beushausen, S. 75f.

28. Bellebaum führt in Kapitel 11 (S. 137ff) unter Aufdeckung "gängiger Stereotypen" illustrative Beispiele an.

29. zitiert nach Bergmann

p>30. Beushausen, S. 103

31. die Bedeutung nonverbaler Kommunikation als wichtiges soziales Steuerungsmittel wird z.B. dargestellt in: Weinrich, Lotte: Verbale und nonverbale Strategien in Fernsehgeprächen : eine explorative Studie - (Medien in Forschung + Unterricht : Ser. A ; Bd. 36) - Tübingen : Niemeyer, 1992. (besonders Kapitel 3) Belletristik:

32. Hartung, Harald: Reden ist Menschheit. In: Jahre mit Windrad : Gedichte - 1. Aufl. - Göttingen : Steidl, 1996.

33. Fried, Erich: Die Stille. In: Liebesgedichte. (Quartheft 103) Berlin, Wagenbach 1979

26 von 26 Seiten

Details

Titel
Die auditive Dimension von Kommunikation /Paralangue
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für deutsche Sprache und Linguistik, Philosophische Fakultät II)
Veranstaltung
Proseminar "Kommunikative Dimensionen von Interaktion"
Note
1,3
Autor
Jahr
1997
Seiten
26
Katalognummer
V95584
ISBN (eBook)
9783638082624
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Meine zweite Belegarbeit überhaupt. Ursprünglich eine schriftliche Ausarbeitung zu einem Referat, das ich letztendlich doch nicht halten konnte, so habe ich den Text als Hausarbeit eingereicht. Es ist eine Skizze der Möglichkeiten, Stille bzw. Schweigen unter bestimmten Aspekten bzw. innerhalb verschiedener wissenschaftlicher Richtungen zu betrachten
Schlagworte
Dimension, Kommunikation, Institut, Sprache, Linguistik, Philosophische, Fakultät, Humboldt-Universität, Berlin, Proseminar, Kommunikative, Dimensionen, Interaktion, Dozentin, Christine, Kühn
Arbeit zitieren
Carsten Raddatz (Autor:in), 1997, Die auditive Dimension von Kommunikation /Paralangue, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/95584

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