Hegels spekulativer Satz und der Widerwille des Verstandes


Hausarbeit, 2016

26 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ein widerwilliger Satz

3. Ein mangelhafter Satz

4. Ein unglückliches Wort

5. Ein spekulativer Schluss

6. Ergebnis

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Satz „ Sein und Nichts ist eins und dasselbe “ stößt auf einen „Widerwillen“.1 Auf einen Widerwillen, der zu einer ablehnenden Haltung, gar zu Hass, werden kann. Denn der gesunde Menschenverstand muss den spekulativen Begriff hassen und damit auch die Satzform, in die er sich zu kleiden versucht.2

Das ist zunächst einmal eine sehr schwerwiegende Diagnose und man fragt sich, wie genau man einen Satz eigentlich hassen kann. Ist es seine Form oder sein Inhalt, der hier provoziert, oder gar beides? Bevor diesen Fragen nachgegangen werden kann, müssen zunächst einige Bestimmungen im Auge behalten werden, die sich in diesen ersten Sätzen bereits eingeschlichen haben. Der Ausgangssatz wurde durch das anschließende indirekte Zitat bereits mit dem Zusatz „spekulativ“ belegt und damit dem Anschein nach einer besondere Art von Sätzen zugeordnet, die der sogenannte „gesunde Menschenverstand“ eigentlich nicht in seinem Repertoire hat und ihn deswegen als fremd oder zumindest andersartig empfinden muss. Das könnte eine erste Annäherung an den Quell dieses Widerwillens bis hin zum Hass sein, auch wenn von letzterem im Primärtext gar nicht die Rede ist und der Ausdruck einer überspitzen, gelichzeitig sehr pointierten, aus dem kontextgerissenen Aussage eines Hegelinterpreten entnommen ist. Vielleicht äußert sich im Widerwillen genau jene „erste Reaktion des Wissens“, von welcher Hegel in der Vorrede zur Phänomenologie des Geist spricht, „dem etwas unbekannt war, dagegen zu sein, um die Freiheit und eigene Einsicht, die eigene Autorität gegen die fremde zu retten“3.

Um etwas mehr Ordnung und Orientierung zu gewährleisten, sollte jetzt erst einmal geklärt werden, wo wir uns überhaupt befinden, von welchem Primärtext eigentlich gehandelt wird, bevor uns die bereits gestellten Fragen mit großer Sicherheit und Geschwindigkeit wieder einholen werden. Wir befinden uns am Anfang der Anmerkung 2 zum Unterpunkt a. „Einheit des Seins und des Nichts“ innerhalb des ersten Kapitels des ersten Buches von Hegels Hauptwerk Wissenschaft der Logik. Anmerkungen sind, daran erinnert Jean Luc Nancy in seiner Schrift Die spekulative Anmerkung, sozusagen „ausgegliederte[-] Texte[-]“, die sich bemerkbar machen, Hinweise geben (Nancy spielt mit der Ambiguität des französischen remarque). 4 Sie sind zudem immer in einen bestimmten Zusammenhang einzuordnen. Dies soll hier geschehen, indem kurz geschildert wird, was der Anmerkung vorausgeht.

Die Frage danach, womit der Anfang der Wissenschaft gemacht werden soll, wurde bereits erörtert und letztlich mit dem Ausdruck „ Sein, reines Sein, – ohne alle weitere Bestimmung“ beantwortet. Man muss von einem Ausdruck im Sinne eines singulären Zeichens, eines Wortes sprechen, weil genau genommen kein vollständiger Satz vorliegt. Die Kopula fehlt, an ihrer potentiellen Stelle findet man einen Gedankenstrich. Ausgehend von dieser unbestimmten Bestimmung, dieser unbestimmten Unmittelbarkeit, dem reinen Sein, letztlich einem leeren Wort, an dem nichts anzuschauen ist, kommt Hegel zum Nichts. Er zieht den Schluss: „ Das reine Sein und das reine Nichts ist also dasselbe.5 Ein Satz, der große Ähnlichkeit mit unserem Ausgangssatz hat, allerdings hat er hier noch mehr die Form eines Schlusses, was an der Konjunktion „also“ deutlich wird. Die Einheit des Seins und Nichts wird als Resultat einer vorherigen Bewegung präsentiert, die von dem reinen Sein ihren Ausgang nahm. Es ist ein Resultat, das sich aus der Betrachtung des Seins und des Nichts ergeben hat, welches wir sodann in dem Satz „ Sein und Nichts ist eins uns dasselbe “ ausgedrückt finden. Diese Bewegung, die hier sicherlich noch nicht in Gänze ausbuchstabiert ist, falls sie das überhaupt sein kann, hat die Einheit von Sein und Nichts zum Resultat. Das Übergegangensein von Sein in Nichts und Nichts in Sein, „die Bewegung des unmittelbaren Verschwindens des einen in den anderen“6, ist das Werden.

Vielleicht auch weil diese Zusammenhänge alles andere als einfach zu durschauen und außerdem maßgeblich und grundlegend für das gesamte Projekt der Wissenschaft der Logik sind, hat Hegel ganze vier Anmerkungen zu dieser Kernthematik verfasst. Die erste Anmerkung, die folglich der hier im Mittelpunkt stehenden vorausgeht, ist, etwas verkürzt dargestellt, wie auch die dritte, vor einem geschichtsphilosophischen Horizont anzusiedeln (u. a. Parmenides, Spinoza, Kant, Jacobi). Die vierte Anmerkung behandelt, wie alle vier, das Thema der Beziehung von Sein, Nichts und Werden, allerdings im Zusammenhang der Relevanz für die Mathematik, genauer des Differentials. Die zweite Anmerkung, die den Hauptuntersuchungstext dieser Arbeit ausmacht, handelt dagegen vom Darstellungsproblem der Einheit von Sein und Nichts. Im Haupttext, auf welchen sich die Anmerkungen beziehen, hatte Hegel zwangsläufig schon versucht, die Beziehung von Sein, Nichts und Werden darzustellen. Getan hat er dies ganz konventionell in Form von Sätzen. In der zweiten Anmerkung reflektiert er explizit auf die Probleme des Ausdruckes, die dabei entstehen.

Nun ist es das übergeordnete Anliegen dieser Arbeit zu ergründen, was überhaupt in Hegels Logik geschieht und welche Rolle die Sprache dabei spielt. Das ist nicht leicht zu beantworten. Eine Annäherung an eine Antwort, so jedenfalls die Hoffnung, ist möglich, wenn das Problem der Darstellung in den Blick genommen wird. Die gesamte Wissenschaft der Logik ist letztlich ein virtuoser Text, der sich augenscheinlich zumeist Sätzen in Subjekt-Prädikat-Struktur bedient und damit nichts Geringeres versucht, als das Absolute in einzelnen, aber zusammenhängenden Sätzen darzustellen. Dieser Text ist übersäht mit Wörtern der deutschen Sprache, die größtenteils noch immer allgemein geläufig sind und doch hat man beim Lesen oft nicht das Gefühl, der Herr im eigenen Haus der Sprache zu sein.7 Ein genauer Einblick in die zweite Anmerkung kann vielleicht zu Hinweisen dazu führen, warum dem so ist und was geschieht, wenn sich der Verstand gegen das Spekulative zunächst widerwillig sträubt, um zuletzt seine Grenzen zu überschreiten, d. h., sich auf es einzulassen.

2. Ein widerwilliger Satz

Hegel spricht zu Beginn der zweiten Anmerkung von einem weiteren Grund, der zu dem bereits erwähnten Widerwillen führe.8 Die erste Anmerkung präsentiert folglich einen anderen Grund für die Ablehnung Sein und Nichts als eins und dasselbe zu identifizieren. In dieser liegt der Fokus nicht auf dem Ausdruck des Resultats der Entwicklung der Beziehung von Sein und Nichts, sondern auf der paradoxen Wirkung dieses Gedankens, der die traditionsreiche strikte Auseinanderhaltung von Sein und Nichts herausfordert. In unserer Anmerkung geht es eher um einen formalen Grund, der sich auf die Darstellungsform des Satzes bezieht, in welchem das Resultat aus der Betrachtung des Seins und des Nichts formalisiert wird. Die konkrete Darstellungsform, in der die Identifizierung von Sein und Nichts geschieht ist unser Ausgangssatz: „ Sein und Nichts ist eins und dasselbe “. Die Konjunktion ist gewichen und der Aussagesatz pocht auf seinen Wahrheitsgehalt. Das Problem liegt laut Hegel nun darin, dass dieser Ausdruck unvollkommen ist.9 Im Folgenden muss näher erläutert werden, was genau diesem Ausdruck fehlt und warum, wie Hegel etwas weiter unten allgemein konstatiert, „der Satz, in Form eines Urteils, nicht geschickt ist, spekulative Wahrheiten auszudrücken“10. Hegel geht also, nachdem er die Problematik des Ausdrucks festgestellt hat, dazu über, sie genauer zu erläutern:

Der Akzent wird vorzugsweise auf das Eins-und-dasselbe -sein gelegt, wie im Urteile überhaupt, als in welchem das Prädikat erst aussagt, was das Subjekt ist. Der Sinn scheint daher zu sein, daß der Unterschied geleugnet werde, der doch zugleich im Satze unmittelbar vorkommt; denn er spricht die beiden Bestimmungen, Sein und Nichts, aus und enthält sie als unterschiedene.11

Zunächst könnte man sich fragen, warum es hier überhaupt um Urteile geht, befinden wir uns doch innerhalb der objektiven Logik und noch nicht innerhalb der Lehre vom Begriff, in welcher das Urteil seinen Platz zugewiesen bekommt und ein ganzes Kapitel umfasst. Warum interessiert Hegel an dieser Stelle schon die Form des Urteils, wenn wir uns doch innerhalb der Lehre des Seins befinden und es im weitesten Sinne um Objekte und ihr Sein/Dasein geht und nicht um „bloße“ Aussagenlogik?

Diesen Fragen liegt wohl schon eine bestimmte Konzeption des Seinsbegriffs zugrunde, die sprachliche Verfasstheit und gegenständliches Sein strikt auseinanderhält. Ein äußerliches Sein wird angenommen, dem man sich zwar sprachlich nähert, aber niemals vollständig gerecht wird. Eine derartige Ontologie scheint Hegel nicht im Auge zu haben, denn die sprachliche Darstellbarkeit des Seins bzw. des Nichts wird ihm bereits an dieser frühen Stelle zu einem grundlegenden Problem innerhalb einer Ontologie, die das Sprachliche nicht außer ihr hat.

Das Urteil, so liest man später in der Begriffslogik, kann die „nächste Realisierung des Begriffs genannt werden“12, und wird dann am Übergang des dritten Kapitels zum Schluß. Die Urteilsbestimmungen tragen die Namen „Subjekt“ und „Prädikat“ und „als Namen sind sie etwas Unbestimmtes, das erst noch seine Bestimmung erhalten soll; und mehr als Namen sind sie daher nicht“13. Im Urteil verbinden sich die Urteilsbestimmungen mittels der Kopula. Darin bereits eine Verbindung zweier Begriffe zu erkennen, hält Hegel für eine oberflächliche Erklärung, es handle sich höchstens um „Vorstellungsbestimmungen“.14 Wichtig ist ihm der Aspekt, dass die Namen „Subjekt“ und „Prädikat“ ihre Bestimmungen im Urteil erst noch erhalten und sie nicht schon im Vorhinein hineintragen und sich dann verbinden. Diese Auffassung ist auch für unsere Anmerkung eminent wichtig und wir müssen und werden auf sie zurückkommen. Das soll an dieser Stelle erst einmal genug an vorweggenommenem Material sein, da man sonst Gefahr liefe, sich allzu weit von der im Fokus stehenden Anmerkung zu entfernen.

Der Akzent liegt im Urteil auf dem Prädikat. Es macht das Subjekt erst zu dem, was es ist. In unserem Fall ist das Subjekt „Sein und Nichts“ welches mit dem Prädikat „eins und dasselbe“ durch die Kopula verbunden und damit eine identische Beziehung von S. und P. behauptet wird. Ganz besonders durch diese kleinteilige Ansicht, aber auch schon in der Gesamtschau des Aussagesatzes, könnte sich bei manchem bereits ein Widerwille grammatikalischer Natur einstellen. Müsste es nicht „richtiger“ Weise heißen „Sein und Nichts sind eins und dasselbe“? Beim Aussprechen oder Lesen des Satzes kann einem bereits das Gefühl eines inkorrekten Sprachgebrauchs beschleichen, das daher rührt, dass man „Sein und Nichts“ schon während des Urteils als zwei Bestimmungen auffasst, welche durch das „und“ zwar verbunden, aber eben als getrennte erscheinen, und daher bezüglich der Konjugation des Verbes „sein“ die dritte Person Plural angebracht wäre. Hegel hat hier aber bewusst den Singular gewählt und trotzdem lässt sich der Unterschied nicht gänzlich leugnen, obschon die Prädikation des Subjektes genau das behauptet. Von wem oder auf was wird dabei eigentlich ein Akzent gelegt? Könnte man ihn auch auf das Subjekt legen oder würden sich damit die Rollen einfach tauschen?

Der Sprecher des Satzes kann die Satzteile unterschiedlich betonen. Wird der Akzent auf die Einheit von Sein und Nichts gelegt, wie Hegel es an dieser Stelle ja auch zunächst möchte, muss das Prädikat betont werden. Der Akzent wird auf das Eins-und-dasselbe-sein gelegt und das Subjekt mit dem Prädikat identifiziert, das Eins-und-dasselbe-sein wird dem Subjekt zugesprochen. Betont man das Subjekt, kann man dem Prinzip nicht entrinnen, dass eine Bestimmung auf die andere angewendet wird. Dennoch würde vermutlich eine Betonung der beiden Subjektwörter oder gar der Konjunktion „und“ die Aufmerksamkeit auf die Verschiedenheit von „Sein und Nichts“ legen. Doch „[d]er Satz verläuft wesentlich in der einseitigen Richtung vom Subjekt zum Prädikat“15 und so liegt auch der Akzent auf dem Prädikat. Subjekt und Prädikat mögen noch viele weitere Bestimmtheiten zukommen können, doch innerhalb dieses Urteils ist keines von beiden umfangreicher als das andere, wenn der Akzent auf ihre Identität gelegt wird. Dennoch ist der Sinn des Satzes auch nicht, dass einfach vom Subjekt „Seins und Nichts“ abstrahiert wird und das bloße Prädikat ausgesagt wird und somit „nur die Einheit festgehalten werden soll“16. Der Satz enthält das Subjekt, es soll sich nicht gänzlich in Luft auflösen, sondern ganz im Gegenteil erst noch bestimmt werden.

Auch wenn bereits zur Fokussierung auf den Hauptuntersuchungstext gemahnt wurde, kann es an dieser Stelle sehr ertragreich sein, einen Blick in die Vorrede zur Phänomenologie des Geistes zu werfen, in welcher Hegel sehr eingehend auf die Problematik des Verhältnisses von Subjekt und Prädikat bezugnimmt und dabei ebenfalls von Akzentuierung spricht. Dieses Vorgehen erscheint nicht zuletzt auch deshalb sinnvoll, weil Hegel die Wissenschaft des erscheinenden Geistes“ in der Wissenschaft der Logik bekanntermaßen als Voraussetzung der letzteren bezeichnet.17

In jener Vorrede behandelt Hegel unter anderem das Verhältnis von räsonierendem und begreifendem Denken, welches er mittels der Frage nach der Natur des Urteils oder Satzes18 in den Blickpunkt nimmt.19 Das räsonierende Denken, das Denken, das sich gegen das spekulative sperrt, habe ein vorgestelltes Subjekt als Basis des positiven Erkennens des Selbst, an das der Inhalt als Akzidens und Prädikat geknüpft werde.20 Das Subjekt ruht, es hat festen Boden unter sich, so sehr es auch durch die Prädikation bewegt wird. Es ist ein Selbst, das alle meine Vorstellungen begleitet, dem aber die Bewegung der Begriffe letztlich nichts anhaben kann. Das begreifende Denken, so Hegel, bringe dieses in sich ruhende Subjekt ins Wanken und diese Bewegung selbst werde zum Gegenstand. Das ruhende Selbst gehe vielmehr selbst zugrunde, da die Akzidenzien nicht mehr unbewegt getragen würden und der Status des Prädikats vom Akzidentiellen ins Substanzielle überginge. Hegel scheint sich also dagegen auszusprechen, eine Subjektivität anzunehmen, die der Erkenntnis vorausgeht, welche oftmals mit dem Ausdruck „Ich“ gemeint ist. Auf ein solches Subjekt ist in der Sphäre der Logik, welche der des Bewußtseins in gewissem Sinne vorgeschaltet ist, zu verzichten. Denn wenn das grammatikalische Subjekt, auf welches, wie wir sehen werden, nicht zu verzichten ist, nur ein Subjektausdruck für die Vorstellung eines zu bestimmende Gegenstandes ist, welche das zugrundeliegende Subjekt bereits miteinbringt, nach dem es die Vorstellung zuvor gebildet hat, dann hat sich eine Meinung, ein Vorverständnis, bereits sedimentiert und der auf diese Weise verstandene Satz ist unfrei hinsichtlich einer reinen Bewegung des Denkens. Solch ein gewöhnlicher Satz wird der Einheit des Begriffs nicht gerecht, weil die Bestimmungen an das „gegenständliche fixe Selbst“21 gebunden sind. Das wissende Ich tritt im Satze an die Stelle des Subjektes, es ist „das Verknüpfen der Prädikate und das sie haltende Subjekt“22. Das vom Ich gewusste feste Subjekt, die Vorstellung darüber, was unter dem Subjektausdruck zu verstehen ist, wird mit dem Prädikat verknüpft, in welchem das Ich wiederum seine eigenen Vorstellungen vorfindet. „Das Denken, statt im Übergange vom Subjekt zum Prädikate weiterzukommen, fühlt sich, da das Subjekt verlorengeht, vielmehr gehemmt und zu dem Gedanken des Subjekts, weil es dasselbe vermisst, zurückgeworfen [...].“23

Auf unseren Ausgangssatz angewendet hieße das: Unter dem Subjektausdruck „Sein und Nichts“ habe ich gewisse Vorstellungen, mögen sie noch so verworren sein. Ich bin gewohnt Sein in strikter Opposition zu Nichts zu verstehen, denn auch Nichts entsteht nichts und wenn etwas ist, dann ist es eben nicht nicht da. Nun stoße ich auf den Satz, indem behauptet wird, dass Sein und Nichts eins und dasselbe sind, mein festes Subjekt, an das ich mit Mühe meine Vorstellung geheftet habe, droht sich aufzulösen, da der Unterschied, der bedeutsam für meine Meinung von Sein und Nichts ist, durch die Prädikation „eins und dasselbe“ geleugnet wird. Der Sinn des Satzes droht mein Subjekt völlig ins Wanken zu bringen, ich hüte mich vor dem freien Fall ins Ungewisse und kehre zu meinem festen Subjekt zurück, wehre mich gegen den Satz und halte ihn für falsch.

Das könnte, etwas vereinfachend und salopp durchgespielt, der Vorgang sein, der zu dem uns beschäftigenden Widerwillen führt. Der spekulative Satz, welcher im Laufe dieser Arbeit noch mehr Konturen erhalten muss, zerstört die Natur des Urteils, wie sie gerade geschildert wurde. Hegel spricht von einem Konflikt zwischen der Form eines Satzes überhaupt, welche den Unterschied von Subjekt und Prädikat formal in sich schließt, auch wenn die Prädikation das Subjekt sozusagen überstimmt, und der Einheit des Begriffs.24 Bei letzterem handelt es sich um einen „sich bewegende[n] und seine Bestimmungen in sich zurücknehmende[n] Begriff“25, der also nicht auf ein festes Subjekt rekurriert, das die Akzidenzen trägt. Dieser Konflikt ist für die Zwecke dieser Arbeit von großem Interesse, da durch denselben die Frage danach ausgetragen wird, wie sich das Spekulative in der endlichen Form des Satzes darstellen lässt. Hegel findet sodann eine Analogie zwischen diesem Konflikt und jenem, welcher „im Rhythmus zwischen dem Metrum und dem Akzente stattfindet“.26 Diese Analogie zur Lyrik ist vorzüglich gewählt, denn „[w]as geschieht,[...], wenn der Rhythmus eines Gedichtes möglichst nah beim Metrum bleibt? Wenn jede Hebung erfüllt wird und die Einschnitte beim Sprechen immer und nur den Schnitten des Schemas entsprechen“27 ? Man kann das berühmte Leiern kaum vermeiden, dem „Gedicht fehlt innere Spannung, fehlt Bewegtheit, fehlt eben der Rhythmus; hier ist, so darf man sagen, der Rhythmus vom genau erfüllten Metrum aufgezehrt worden“28. Diesem eintönigen, einseitigen Ablauf des Grundmaßes ist nur spielerisch beizukommen, denn „lebendiger Rhythmus ist da, so müssen wir jetzt hinzufügen, wo dieses Grundmaß frei umspielt wird (...) und wo die Betonungen in ihrer Schwere dauernd abgestuft werden“29. Wenn Versakzent und Wortakzent nicht übereinstimmen, kann erst die Spannung entstehen, die für die Lebendigkeit unabdingbar ist. Doch „[i]n uns lebt offensichtlich eine starke Neigung zur Gleichförmigkeit; das Gefühl für »Schönheit« stellt sich erst auf einer höheren Stufe ein“30. Das Hemmnis, die gewohnte Akzentuierung nicht verschieben zu wollen, verstellt den Blick auf die Schönheit und führt zu Widerwillen und Zweifel an ihr. Auch das gewöhnliche Sprechen jenseits der Versform geschieht in der vorgezeichneten Satzform. Beim Sprechen „ist das grammatische Subjekt, wenn das Prädikat folgt, bereits verklungen“31. Der Akzent liegt auf dem Prädikat, es ist scheinbar das Einzige, was vom Subjekt übrig bleibt. „Sein und Nichts“ wird „eins und dasselbe“. Bei genauerer Betrachtung erkennt man aber, dass der Satz das Subjekt formal immer noch enthält.

[...]


1 Vgl. G. W. F. Hegel: „Wissenschaft der Logik I“, Bd. 5, in: Werke in 20 Bd., hrsg. v. E. Moldenhauer u. K. Michel, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1986, S. 92. – Im Fortgang der Arbeit werden die Werke Hegels auf Grundlage dieser Werkausgabe zitiert. Folgende Siglen werden verwendet: Wissenschaft der Logik I (WdL 1), Wissenschaft der Logik II (WdL 2), Phänomenologie des Geistes (PhdG), Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften I (Enz 1).

2 Vgl. Günter Wohlfart: „Der spekulative Satz“, Berlin/New York: De Gruyter Verlag, 1981, XVI. – Wohlfahrt schreibt am Ende des Vorwortes zu seinen umfangreichen Bemerkungen zum Begriff des Spekulativen bei Hegel im Wortlaut: „Der gesunden Menschenverstand kann die philosophische Spekulation nicht nur nicht verstehen, sondern er muß den spekulativen Begriff, [...], hassen, wenn er von ihr erfährt und, um ein Wort des jungen Hegels aufzunehmen, wenn er nicht in der völligen Indifferenz der Sicherheit ist, sie ‚verabscheuen‘ und ‚verfolgen‘.“

3 PhdG, S. 55.

4 Vgl. Jean-Luc Nancy: „Die spekulative Anmerkung“, in: Hegel. Die spekulative Anmerkung. Die Unruhe des Negativen, übers. v. T. Laugstien u. J. Etzold, Zürich: Diaphanes, 2011, S. 38.

5 WdL 1, S. 83.

6 Ebd.

7 Nancys These hierzu: „Die Wissenschaft der Logik besteht darin, ihr eigenes Buch zu verunsichern, indem sie darin bemerkenswerte Worte verstreut, deren Verstreuung immer wieder verhindert, dass die Syntax oder der Aufbau des Buches sie auf eine Identität des Sinns reduziert“. J.L. Nancy: „Die spekulative Anmerkung“, S. 153.

8 Vgl. WdL 1, S. 92.

9 Vgl. ebd.

10 WdL 1, S. 93.

11 WdL 1, S.92-93.

12 WdL 2, S. 302.

13 Ebd.

14 Vgl. ebd. S. 306.

15 Josef Simon: „Das Problem der Sprache bei Hegel“, Stuttgart: W. Kohlhammer Verlag, 1966, S. 192.

16 WdL 1, S. 93.

17 Vgl. ebd. S. 67.

18 Es stellt sich die Frage, ob und wie Hegel Satz und Urteil unterscheidet oder sie synonym verwendet. Nancy hält Hegels Versuch sie zu unterscheiden für ambivalent: „Weisen wir auch darauf hin, dass wir Hegels – ambivalenten – Versuch vernachlässigen, in manchen Texten den »Satz« vom »Urteil« zu unterscheiden, im Anschluss an die traditionelle Logik und Kant. Der »Satz« bleibt im Kern immer die Form des eigentlichen »Urteilens«, das heißt der Unterscheidungs- und Bestimmungsoperation, durch die der Begriff aus seiner Abstraktion heraustritt und (zur Sache) zu werden beginnt.“ („Die spekulative Anmerkung“, S. 90) – Wir wollen es Nancy gleichtun und „Satz“ und „Urteil“ weitestgehend synonym verwenden, das „oder“ ist daher als ein einschließendes zu verstehen.

19 Vgl. PhdG, S. 55ff.

20 Vgl. ebd. S. 57.

21 Ebd. S. 58.

22 Ebd.

23 Ebd. S. 59.

24 Vgl. ebd. S. 59.

25 Ebd. S. 57.

26 Ebd. S. 59.

27 Wolfgang Kayser: „Kleine deutsche Versschule“, München: Lehnen Verlag, 1957, S. 104.

28 Ebd. S. 105.

29 Ebd.

30 Ebd. S. 107.

31 J. Simon: „Das Problem der Sprache bei Hegel“, S. 187.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Hegels spekulativer Satz und der Widerwille des Verstandes
Hochschule
Universität der Künste Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
26
Katalognummer
V956157
ISBN (eBook)
9783346298287
ISBN (Buch)
9783346298294
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hegel, Wissenschaft der Logik, Spekulatives Denken
Arbeit zitieren
Jan Hase (Autor), 2016, Hegels spekulativer Satz und der Widerwille des Verstandes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/956157

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