Welche Faktoren verhelfen wenigen Menschen Macht über viele zu erlangen?

Eine Analyse anhand Heinrich Popitz und Gustave Le Bon


Studienarbeit, 2019

14 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

ABSTRACT

1. EINLEITUNG

2. DEFINITION MACHT

3. PHÄNOMENE DER MACHT
3.1. Die Organisationsfähigkeit
3.2 Solidarität und die Bildung einer Monopolstellung
3.3 Umverteilung von Ressourcen

4. GUSTAVE LE BON UND DIE „MASSENPSYCHOLOGIE“
4.1 Manipulation durch Willens- und Suggestionskraft
4.2 Charisma

5. SCHLUSSWORT

6. LITERATURVERZEICHNIS

Abstract

In der vorliegenden Arbeit werden anhand Gustave Le Bons Massenpsychologie und Heinrich Popitzs Phänomene der Macht Faktoren herausgearbeitet, welche die Machtübernahme der Wenigen über die Vielen ermöglichen können.

Als Hauptfaktoren der Machtbildung haben sich die „überlegene Organisationsfähigkeit“ (Popitz, 1986, S. 190), entstehende Kooperationen wie auch das solidarische Handeln kleinerer Gruppen als Hauptfaktoren erwiesen. Auch die Kontrolle über knappe Güter und deren Umverteilung schaffen eine ausnutzbare Abhängigkeit, welches zu einer asymmetrischen Machtverteilung führt. Ein Machtgefälle kann auch anhand Manipulationen entstehen, welche besonders durch Figuren mit Charisma und Willensstärke erfolgen.

Als wichtig erscheint diese Auseinandersetzung mit der Machtentstehung, um entsprechende Entwicklungen zu verstehen und folglich in ihrem Beginnen erkennen zu können. Soziale Macht als menschengemachtes Konstrukt ist ein wichtiges Thema unserer heutigen Gesellschaft, da sie durch die soziale Verflechtung immer schwerer in ihrer Wirkung und Entstehung zu erkennen ist.

1. Einleitung

Hitler, Napoleon oder Stalin. Berühmte Namen, die noch Jahrzehnte später ein Bild in unseren Köpfen projizieren. Es macht Eindruck, wenn eine Minderzahl Macht über die Vielen ausüben kann und erinnert meist an traditionell absolutistische Herrschaftssysteme oder radikale Führungspersonen. In dieser Arbeit stellt sich die Frage, welche Faktoren den Wenigen verhelfen Macht über die Vielen erlangen zu können. Dabei wird für die Analyse von einer kasernierten und gleichbesitzenden Gesellschaft ausgegangen. Es herrschen zunächst keine Asymmetrien von Informationsverteilung oder ökonomische wie soziale Ungleichheiten. Dies ermöglicht eine genaue Analyse der Ursprünge von Macht und verhindert Verfälschungen durch gesellschaftlich gebildete Normen und Traditionen. Die Frage welche Faktoren und Handlungen unter solchen Bedingungen zur Machtbildung beitragen, lässt sich anhand der Theorie und den Beispielen Popitzs aus seinem Werk Phänomene der Macht diskutieren und durch Le Bon und seiner Theorie der Manipulations- und Unterwerfungsanfälligkeit der Massen ergänzen.

Da der Machtbegriff in der soziologischen Theorie unzählig verschiedene Definitionen aufweist, ist die Beschränkung auf eine Definition von Macht essentiell, um der Arbeit einen logischen Handlungsstrang zu gewähren. Wobei Le Bon mehr das Handeln einer Masse, welche unterdrückt werden kann, hervorhebt, fokussiert sich Popitz auf das Handeln und Funktionieren der machtanstrebenden Gruppe. Somit werden zwei Perspektiven aufgezeigt, welche sich zu einem Bild zusammenfügen lassen. Le Bon und Popitz werden zusammengeführt, da sich somit verschiedene Perspektiven aufzeigen lassen und eine Ergänzung zu sozial-psychologischen Faktoren erfolgen kann, auf welche Popitz nur leicht eingeht.

Zu Beginn wird anhand der Machtdefinition Popitzs der Grundbaustein der Arbeit gelegt. Es folgt die Herausarbeitung und Erläuterung verschiedener Faktoren aus den Beispielen Popitzs, welche durch die Manipulierbarkeit und deren Wirkung auf Menschenmassen ausgeführt wird. Folglich wird anhand akkumulierter Faktoren, welche einer Minderheit dazu verhelfen Macht über eine Vielzahl zu erlangen, eine Schlussfolgerung gezogen. Eine Auseinandersetzung mit der Entstehung der Macht der Wenigen über die Vielen verhilft dazu Machtstrukturen zu verstehen und somit die Verknüpfung der damit verbundenen Ohnmacht zu lösen (Mansfeld, 2006, S. 1). Diese Arbeit kann als Hilfe dienen Machtbildungen in ihrer Entstehungsphase zu erkennen und Strategien des Widerstandes zu bilden.

2. Definition Macht

„Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht“ (Weber, 1980, S.28). Eine der meist verwendeten Definitionen von Macht ist diejenigen von Weber, welche Macht als Möglichkeit definiert, den eigenen Willen unabdingbar durchsetzen zu können. Hierbei muss der Wille jedoch nicht durchgesetzt werden, um der Macht zu befugen. Die „Chance“ allein, das Potential, den Willen durchsetzen zu können, soll reichen, um mächtig zu sein. (Weber, 1980, S.28) Popitz nimmt Webers geschaffene Vorlage der Machtdefinition auf und legt sie mit seinem Werk Phänomene der Macht weiter aus.

Popitz beschreibt Macht als „das Vermögen sich gegen fremde Kräfte durchzusetzen“ (1992, S. 22). Es handle sich bei der Macht um das Entgegenwirken anderer Kräfte und der Durchsetzung eigener Interessen. Nach Popitz ist Macht die bestehende Kraft, welche gesellschaftliche Entwicklungen vorantreibt. Wer Menschen in ihrem Denken und Handeln beeinflussen kann, übt Macht aus. Sie bedeutet in ihrer grundlegendsten Erklärung, die Fähigkeit verändern zu können. Ansichten, Ideologien und Wissen können durch das Prinzip der Macht und dem entstehenden Einfluss auf eine Mehrheit übertragen werden (Popitz, 1992, S. 22). Nach Popitz soll nicht nur das Einschränken aber auch das Erweitern der Handlungsmöglichkeiten anderer als Machtausübung aufgefasst werden (1992, S. 30-32). Entsprechend kann auch durch neuartige Erfindungen und Artefakte Macht auf Andere ausgeübt werden, da somit die Lebensbedingungen verbessert oder verschlechtert werden können. Folgend kann Macht als Möglichkeit aufgefasst werden das Empfinden, Erwartungen oder das Verhalten anderer zu beeinflussen, trotz möglichen oppositiven Interessenshaltungen (Koller, 1991, S.117-119).

Macht zeigt ihre Entstehung und Wirkung aufgrund der „Anerkennungsbedürftigkeit“, der „Angewiesenheit auf Artefakte“, der Sorge um die Zukunft und der äusseren wie inneren Verletzbarkeit eines Menschen (Popitz, 1992, S. 32-33).

Macht ist in ihrer Ausübung freiheitsraubend und stets „begründungsbedürftig“ (Popitz, 1992, S.20). Sie gilt nach Popitz als omnipräsente Kraft jeder sozialen Beziehung und als machbares Konstrukt. Ihre Verteilung ist dabei stets veränderbar (1992, S. 17-20).

3. Phänomene der Macht

Popitz gibt uns mit seinen formulierten Beispielen in Phänomene der Macht eine Art Modell der Machtbildung. Sie dienen als Vereinfachung und Veranschaulichung von komplexen Machtbildungen in Gesellschaften, in denen typischerweise nicht nur über einzelne Machtquellen verfügt wird. In den Beispielen gilt die Voraussetzung, dass die im Machtprozess Beteiligten sich zunächst durch ihren Besitz oder anderen Ressourcen nicht unterscheiden. Dabei erwähnt er, dass die Voraussetzung einer „kasernierten“ Gesellschaft für die Betrachtung von Vorteil ist, da hierdurch ein „typisches Vermeidungsverhalten“ ausgeschlossen werden kann und Konflikte nicht vermieden werden können (Popitz, 1986, S. 187). Aus den Beispielen geht hervor, dass Macht aus der willentlichen Nutzung von Machtquellen hervorgeht. Diese Faktoren werden anhand der Beispielserläuterung hervorgehoben und diskutiert. Anhand der Beispiele wird in folgendem Kapitel der Fokus auf die Machtentstehung und den zentralen Faktoren gelegt, welche dazu beitragen, dass eine Minderzahl eine überlegene Machtposition erlangen kann.

3.1. Die Organisationsfähigkeit

Popitz gibt das Beispiel eines Kreuzfahrtschiffes, auf dem sich ein „allgemein begehrtes Gebrauchsgut“ befindet (1986, S. 187). Es handelt sich um Liegestühle, welche von einer Minderheit beansprucht werden (Popitz, 1986, S. 187).

Die Mehrheit wehrt sich trotz physischer Überlegenheit nicht gewaltsam. Durch die Besitzproklamation entsteht somit eine Mehrheit an negativ Privilegierten, welches die Handlungsmöglichkeiten der nun Unterprivilegierten einschränkt (Popitz, 1986, S. 189-190).

Die Erklärung dieses Phänomens, bei welchem sich eine Minderheit gegen das Interesse der Mehrheit auflehnen kann, begründet Popitz hier mit der „überlegene[n] Organisationsfähigkeit der Privilegierten“ (Popitz, 1986, S. 190). Die Besitzenden sind organisationsfähiger, da sie ein gemeinsames Interesse pflegen ihr Privileg zu schützen. Durch das Aneignen ohne Eigentumsrechte ist das Handeln zunächst illegitim, jedoch kann es trotzdem durchgesetzt werden. Organisationen bilden sich durch das Verfolgen und dem gebündelten Durchsetzungswillen gleicher Ziele und Interessen. Das Verfolgen eines gemeinsamen Zieles schafft eine Überlegenheit gegenüber dem zerstreuten Willen einer Mehrheit. Ist ein deckungsgleiches Interesse in einer kleinen Gruppe vorhanden ist ein Zusammenschluss und die Kooperation voraussehbar. Natürliche Interessensgegensätze in einer Mehrheit haben nun zur Folge, dass Transaktionskosten entstehen und das Handeln als Mehrheit nicht zeitlich von 3 statten kommen kann. Sobald sich die Mehrheit organisiert hat und ein klares gemeinsames Interesse formuliert wird, zeigt die Geschichte klare Beispiele von Erschütterungen der Machtverhältnisse. Die berühmtesten Beispiele von Revolutionen der Unterprivilegierten gegen die besitzende Minderheit wären ohne die Organisationsfähigkeit und deren Zielsetzungen kaum geglückt.

Popitz beschreibt die Kooperation unter Privilegierten als natürliche Folge, da im Falle des Beispiels das gegenseitige Bewachen der Liegestühle nicht nur einen Nutzen für den abwesenden Besitzenden hergibt, sondern auch die Legitimation ihres Anspruches fördert. Diese wechselseitige Bestätigung, das Handeln des Anderen sei gerechtfertigt und rechtmässig, bildet einen Konsens „zwischen Gleichen“ (Popitz, 1986, S. 199) über die Geltung ihrer aufgebauten Ordnung. (Popitz, 1986, S. 198-199) Die durch Selbstüberzeugung ihres eigenen Handelns und entsprechend aller Privilegierten geschaffene Legitimität verursacht allmählich auch eine Akzeptanz bei den Besitzlosen. Es ist die sogenannte „Suggestivkraft“ (Popitz, 1986, S. 199), die zu tragen kommt, welche anhand Le Bon in Kapitel 5 genauer definiert wird. Auch der Wunsch eines Besitzenden, den Gefallen in Zukunft retourniert zu bekommen, lässt ein nachvollziehbares Interesse erkennen, welches die Minderheit zu kooperativem Handeln anregt. Das individuelle und gemeinsame Interesse deckt sich, da ein gleiches Ziel verfolgt wird: Die Legitimierung und Sicherstellung ihres individuellen Besitzanspruches.

Obwohl das gemeinsame Interesse der besitzlosen Mehrheit zunächst evident scheint, zeigt sich die Disharmonie im Fehlen des Einverständnisses oder der klaren Vorstellung der Neuordnung nach einem radikalen Umsturz des Systems. Die gemeinsame Erwartung, die Besitzenden von ihrem Besitzanspruch zu lösen, sichert noch keinen individuellen Nutzen. Ohne genaue Ziele und einer klaren Definition des zukünftigen Systems nach dem Umsturz, kann der eigene Nutzen nicht ausgewägt werden. Dieser paralysierte Zustand trägt zur widerstandslosen Unterwerfung einer Mehrheit bei. (Popitz, 1986, S. 192)

Ohne klaren Konsens stellt sich der Organisationsfähigkeit einer Gruppe eine enorme Hürde. Den Willen jedermanns in einen gemeinsamen Willen umzusetzen, zeigt sich als Grundlage, um sich erfolgreich widersetzen zu können (Popitz, 1986, S. 194-196).

Es lässt sich zusammenfassen, dass durch die „überlegene Organisationsfähigkeit“ (Popitz, 1986, S. 190) ein Machtpotential entsteht, da angestrebte Ziele schneller und effizienter erreicht werden können und die Mehrheit durch ihren verstreuten Willen und der bestehenden Unsicherheit der späteren Ordnung nicht als Gruppe reagieren kann.

3.2 Solidarität und die Bildung einer Monopolstellung

Den zweiten Machtbildungsprozess beschreibt Popitz anhand eines Gefangenenlagers, in dem sich eine unterdrückende Machtgruppe bildet.

Die Seltenheit von rapiden Zusammenschlüssen Einzelner erklärt Popitz mit der zunächst fehlenden Vertrauenssicherheit. Ist solidarisches Handeln schon zu Beginn möglich, bildet sich das Potential zur Überlegenheit. Durch eine Vereinigung sind individuelle Leistungen übertreffbar und es entsteht eine Leistungsüberlegenheit anderen gegenüber. (Popitz, 1986, S. 204) Der durch Kooperation erreichte „Summierungseffekt der Kräfte“ (Popitz, 1986, S. 205) verhilft Aufgaben zu erfüllen, welche allein nur schwer vollbracht werden könnten. Solidarität ermöglicht Arbeitsteilung und somit die Spezialisierung der Individuen auf verschiedene Arbeitsprozesse. Immer die gleiche Arbeit zu verrichten, verleiht Übung und eine entsprechende Effizienzsteigerung. Dieser Prozess dient als Grundlage für das Verständnis dieses beispielhaften Machtbildungsprozesses. Die erhöhte Produktivität und der Spezialisierungseffekt, durch welchen Arbeitsprozesse schneller und effizienter erfüllt werden, bildet schlussendlich die Chance auf Innovation. Dieser erreichte Vorsprung basierend auf Solidarität schafft der Minderheit eine Monopolstellung, durch die mögliche Schaffung von Artefakten, welche sie in die Position bringt zu ihren Gunsten zu verhandeln und andere auszubeuten. Im Vergleich zu den Einzelgängern ist die Gruppe schneller und besser und kann ihre Arbeitskraft für neue Aufgaben, wie der Entwicklung nutzbringender Artefakte, aufwenden. Die Macht erfolgt hingegen nicht durch die Superiorität, sondern erst durch das entstehende Abhängigkeitsverhältnis der Mitgefangenen. (Popitz, 1986, S. 208) Jedoch liesse sich die Macht umgehen, wäre die Mehrheit an der Nutzung des Herdes nicht interessiert. Auch aus diesem Beispiel lässt sich eine höhere Organisationsfähigkeit der Minderheit als Machtquelle ableiten. (Popitz, 1986, S. 208-209)

Durch das entstehende Abhängigkeitsverhältnis kann der eigene Wille gegen die Interessen der Mehrheit durchgesetzt werden. Es folgt die Ausnutzung der Besitzlosen, um eine immer höhere Ressourcenüberlegenheit zu erlangen. Die Kluft zwischen Besitzenden und Besitzlosen öffnet sich zunehmend und verstärkt somit das Abhängigkeitsverhältnis.

Die Folgen bei der Übertragung dieses Prinzips auf die Wirklichkeit sind jedoch meist die Emigration der unteren Schichten in Hoffnung auf ein besseres Leben. Es ist eine typische Strategie des langfristigen Machtbesitzes basierend auf Ausnutzung und Manipulation, welche unter anderem zur Erhaltung des römischen Reiches beigetragen hat (Popitz, 1986, S. 203-215; Abels, 2019, S. 255).

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Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Welche Faktoren verhelfen wenigen Menschen Macht über viele zu erlangen?
Untertitel
Eine Analyse anhand Heinrich Popitz und Gustave Le Bon
Hochschule
Universität St. Gallen
Note
1,5
Autor
Jahr
2019
Seiten
14
Katalognummer
V956172
ISBN (eBook)
9783346298249
ISBN (Buch)
9783346298256
Sprache
Deutsch
Schlagworte
welche, faktoren, menschen, macht, eine, analyse, heinrich, popitz, gustave
Arbeit zitieren
Gabriela Hulaj (Autor), 2019, Welche Faktoren verhelfen wenigen Menschen Macht über viele zu erlangen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/956172

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