Die Marienthal-Studie. Erkenntnisgewinn durch Triangulation?


Hausarbeit, 2020

27 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Marienthal-Studie auf Boden des qualitativen Forschungsparadigmas
2.1 Das qualitative Paradigma
2.2 Das quantitative Paradigma
2.3 Einordnung der Marienthal-Studie

3. Methodentriangulation
3.1 Qualitative Methoden der Marienthal-Studie - Erkenntnisse
3.2 Quantitative Methoden der Marienthal-Studie - Erkenntnisse
3.3 Erkenntnisgewinn durch den Einsatz quantitativer Methoden

4. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Ausbruch des Coronavirus und die dadurch ausgelöste weltweite Wirtschaftskrise forderte in vielen Staaten die Schließung von Betrieben und die zwangsweise Entlassung tausender Menschen. In Deutschland erreichte man im April 2020 mit 6,83 Millionen Menschen den höchsten Stand an Kurzarbeitern, während die Arbeitslosenquote im August 2020 auf 6,4% gestiegen ist. Im Vergleich dazu liegt die derzeitige Arbeitslosenquote in Südafrika bei über 35% und ist damit einer der weltweit höchsten (Statista 2020). Neben den ökonomischen Einschränkungen, die mit der Arbeitslosigkeit einhergehen, stellt sich die Frage, welche psychischen und sozialen Konsequenzen mit einem solchen dauerhaften Zustand einhergehen. Viele sozialwissenschaftliche Forschungsbeiträge bestätigen nicht nur individuelle gesundheitliche Probleme, wie Depressionen und psychosomatische Beschwerden, sondern zeigen auch, dass nahe Angehörige von schwerwiegenden Beeinträchtigungen betroffen sind und gesamtgesellschaftliche Folgen auftreten können.

Eine der bahnbrechendsten Untersuchungen zu den psychologischen und sozialen Auswirkungen von Arbeitslosigkeit stellt die Marienthal-Studie dar. Eine Gruppe von österreichischen Forschern führte im Zuge der Weltwirtschaftskrise 1929/1930 eine umfangreiche Untersuchung des Dorfes Marienthal durch, wo die Schließung des einzigen Industriebtriebs den Arbeitsplatzverlust fast aller Einwohner zur Folgte hatte. Die Studie gilt heute als Meilenstein in der empirischen Sozialforschung, da sie als erste die soziopsychologischen Wirkungen von Langzeitarbeitslosigkeit untersuchte und eine Reihe moderner und neuer Forschungsmethoden anwendete, die auch den gegenwärtigen wissenschaftlichen Standards genügen (Jahoda et al. 1975 2018: 15ff.). Die Studie zeigte außerdem eindeutig, dass Massenarbeitslosigkeit nicht wie angenommen, zu einer sozialistischen Revolution führt, sondern eine passive und resignierte Haltung der Betroffenen herbeiführt (Müller 2008: 292). Des Weiteren ist die Studie durch ihre spezielle Kombination von qualitativen und quantitativen Erhebungsverfahren bekannt, die gewinnbringend eingesetzt wurden und zur Beantwortung der Forschungsfragen dienten.

Vor diesem Hintergrund konzentriert sich folgende Arbeit auf die verwendeten qualitativen und quantitativen Forschungsmethoden. Ziel ist es zu überprüfen, inwieweit die Methodentriangulation1 und die Hinzunahme quantitativer Erhebungsmethoden zu einem zusätzlichen Erkenntnisgewinn beigetragen hat. Zur Beantwortung der aufgeworfenen Fragestellung bedarf es zunächst eines analytischen Rahmens. Als theoretische Grundlage dient in Kapitel 2 das qualitative und quantitative Paradigma der empirischen Sozialforschung, deren Grundvorstellungen und Axiome dargestellt und erörtert werden. Im Anschluss erfolgt eine Beurteilung darüber, ob die Marienthal-Studie tatsächlich auf den Grundvorstellungen des qualitativen Paradigmas aufbaut. Kapitel 3 konzentriert sich ausschließlich auf die Herausarbeitung der verwendeten Forschungsmethoden. Diese werden hinsichtlich ihres Erkenntnisgewinnes analysiert, wobei ein besonderer Fokus auf den quantifizierenden Erhebungsmethoden liegt. In Kapitel 5 werden die wichtigsten Ergebnisse nochmals zusammengetragen und ein abschließendes Fazit darüber gegeben, ob eine erfolgreiche Methodentriangulation durch die Verwendung quantifizierender Erhebungsverfahren gegeben ist.

2. Marienthal-Studie auf Boden des qualitativen Forschungsparadigmas

Die empirische Sozialforschung gilt als einer der bedeutendsten Bereiche in der Soziologie, die durch vielseitige Erhebungsmethoden, wie Beobachtungen, Interviews und Experimente, soziale Phänomene und menschliches Verhalten zu erklären versucht. Aufgrund ihrer disziplinübergreifenden Eigenschaft und den verschiedenen Verfahrensweisen kann sie in unterschiedlichsten Sozialwissenschaften angewandt werden. Seit der Entstehungsgeschichte der empirischen Sozialforschung herrscht allerdings rege Diskussion darüber, welche Methoden besser geeignet sind, gesellschaftliche Zusammenhänge und soziale Geschehen zu erklären. Besonders herauskristallisiert haben sich hierbei die qualitative und quantitative Forschungspraxis. Diese basieren nicht nur auf unterschiedlichen methodischen Grundlagen, sondern sind darüber hinaus zwei verschiedenen Denkstilen bzw. Paradigmen2 zuzuordnen, die auf jeweils eigenen Glaubenssätzen basieren (Schumann 2018: 7). Für die Interpretation und Auswertung von Forschungsergebnissen ist es daher entscheidend, welche Axiome und Annahmen des jeweiligen Paradigmas zugrunde gelegt werden, da diese mit spezifischen Problemen und Konsequenzen einhergehen.

Um eine sorgfältige Analyse der Marienthal-Studie sowie der erfolgten methodischen Triangulation durchführen zu können, werden im Folgenden zunächst einmal das Paradigma der qualitativen und quantitativen empirischen Sozialforschung vorgestellt und erläutert, sodass im Anschluss eine Herausarbeitung der verwendeten Methoden ermöglicht wird. Im Fokus stehen dabei die unterschiedlichen theoretischen Grundannahmen und Glaubenssätze sowie die mit den Paradigmen verfolgten Forschungsziele.

2.1 Das qualitative Paradigma

Die Grundvorstellungen des humanistischen Menschenbildes sowie die Annahmen des radikalen Konstruktivismus3 bilden das Fundament des qualitativen Paradigmas und damit auch der qualitativen empirischen Sozialforschung (Schumann 2018: 107; 148). In diesem Paradigma stehen der Mensch bzw. das Individuum im Vordergrund, welcher [s] mit dem Drang der Selbstverwirklichung und der Entfaltung der eigenen Persönlichkeit geboren wird (ebd.: 108; 122; 150). Dieses natürlicherweise angeborene Streben wird vom Menschen wahrgenommen und bewirkt einen Einfluss auf das bewusste Handeln und Denken, sodass nicht von einem automatisierten Prozess gesprochen werden kann (ebd.: 111; 151). Der Fokus des humanistischen Weltbildes liegt beim einzelnen Individuum, das sich durch seine einzigartige Persönlichkeit und Individualität auszeichnet. Aus diesem Grund erfolgt in der qualitativen Forschung eine ganzheitliche Betrachtung des Menschen und nicht bloß eine Untersuchung einzelner, forschungsrelevanter Bestandteile, die letztlich die Reduzierung des menschlichen Wesens auf bestimmte Variablen nach sich zieht. Dem Menschen wird folglich mehr als die Summe seiner Teile zugesprochen (ebd.: 112; 125; 148). Nach diesen Grundsätzen könne der Mensch und sein Verhalten nicht nach allgemeingültigen Gesetzmäßigkeiten verstanden werden, sondern vielmehr anhand seiner persönlichen Erfahrungen und Entwicklungen (Schumann 2018: 130).

Eine weitere wichtige Grundannahme des qualitativen Paradigmas ist die Vorstellung eines freiheitlichen menschlichen Willens, welcher als bereits gegeben vorausgesetzt ist (ebd.: 114; 151). In Anlehnung an Gerhard Roths Definition wird unter Willensfreiheit das volle Bewusstsein des Menschen über seinen eigenen Willen und seiner Handlungen verstanden. Als selbstständiges Wesen ist sich der Mensch über sein Denken und seine Handlungen bewusst und trägt Verantwortung darüber. Unter sonst gleichen Voraussetzungen ist er außerdem dazu in der Lage, eine andere Entscheidung zu treffen, „wenn [er] nur wollte [oder] gewollt hätte“ (Roth 2013: 74, zitiert nach: Schumann 2018.: 71). Dem Individuum ist es möglich, sich selbst zu begreifen und aktiv seinen Wünschen und Bestrebungen nachzugehen sowie sein Verhalten zu verändern (Schumann 2018: 114; 151). Auch wenn der Mensch natürlicherweise nicht alle Körperfunktionen willentlich steuern kann, ist er in Bezug auf seine Lebensgestaltung und der Verfolgung seines eigenen Willens frei (ebd.: 119).

Aus dem qualitativen Forschungsparadigma geht eindeutig hervor, dass der erlebende Mensch als Subjekt der Ausgangspunkt jeglichen Denkens ist und man ihn aus einer möglichst holistischen Sichtweise begreifen möchte (ebd.: 122; 157). Die persönliche Wahrnehmung eines jeden Einzelnen spielt eine besondere Rolle, auch im Hinblick auf die Entwicklung des Charakters und des Verhaltens. Insgesamt liegt ein positiv­optimistisches Menschenbild zugrunde, das bereits aus dem Bestreben zur Selbstverwirklichung und Vervollkommnung hervorgeht (ebd.: 115; 122). Vertreter dieses Paradigmas verfolgen die Ansicht, dass unsoziales und verantwortungsloses Verhalten bei fehlender Befriedigung von Grundbedürfnissen auftritt oder auf aktuelle, nicht-vergangenheitsbezogene Umstände zurückzuführen ist (Schumann 2018: 116). Die Beseitigung solcher Hindernisse bewirkt folglich einen positiven Einfluss auf das Verhalten und die Lebensform des Menschen.

Ausgehend von einem humanistischen Menschenbild ergeben sich Implikationen für die qualitative empirische Forschung, deren theoretische Grundlagen durch Philipp Mayring anhand von fünf grundlegenden Postulaten qualitativen Denkens dargestellt und durch weitere 13 Säulen ergänzt werden. Diese sollen den Ausgangspunkt qualitativer Forschung und Untersuchung bilden (Mayring 2016: 19-23; Schumann 2018: 124ff.). Die Postulate werden nun im Folgenden vorgestellt und erörtert:

Postulat 1: „Gegenstand humanwissenschaftlicher Forschung sind immer Menschen, Subjekte. Die von der Forschungsfrage betroffenen Subjekte müssen Ausgangspunkt und Ziel der Untersuchung sein“.

Postulat 2: „Am Anfang einer Analyse muss eine genaue und umfassende Beschreibung (Deskription) des Gegenstandsbereiches stehen“.

Postulat 3: „Der Untersuchungsgegenstand der Humanwissenschaften liegt nie völlig offen, er muss immer auch durch Interpretation erschlossen werden“.

Postulat 4: „Humanwissenschaftliche Gegenstände müssen immer möglichst in ihrem natürlichen, alltäglichen Umfeld untersucht werden“.

Postulat 5: „Die Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse humanwissenschaftlicher Forschung stellt sich nicht automatisch über bestimmte Verfahren her; sie muss im Einzelfall schrittweise begründet werden“.

Da es sich bei den Postulaten um sehr abstrakte und allgemeine theoretische Ansätze handelt, die keine konkreten Handlungsanweisungen bieten, entwickelt Mayring darüber hinaus die 13 Säulen qualitativen Denkens, die zusammengenommen das Gerüst und die Standards der qualitativen Forschung darstellen sollen (Mayring 2016: 26; Schumann 2018: 125).

Die Deskription bildet den ersten Block des Gesamtgerüstes und besteht aus den drei Säulen der Einzelfallbezogenheit, der Offenheit sowie der Methodenkontrolle (Mayring 2016: 26). Die Einzelfallbezogenheit spielt hinsichtlich der Formulierung von allgemeingültigen Aussagen eine wichtige Rolle. Da die wissenschaftliche Forschung oftmals über Einzelfälle hinausgeht und sich vom Ausgangsmaterial abwendet, besteht in quantitativen Studien häufig die Gefahr von statistisch signifikanten Scheinkorrelationen. Zur Illustrierung führt Mayring die allgemein bekannte Scheinkorrelation zwischen der Anzahl von Störchen und der Anzahl von Geburten an, die ohne Hinzunahme einer Einzelfallanalyse fälschlicherweise als Kausalzusammenhang interpretiert werden kann. Aus diesem Grund helfen Einzelfälle im Forschungsprozess dabei, Scheinkorrelationen aufzudecken sowie eine korrekte Verfahrensweise und Ergebnisinterpretation zu gewährleisten (Mayring 2016: 27). Der zweite Standard qualitativer Forschung bildet die Offenheit des Forschungsprozesses, welche sowohl auf theoretischer als auch auf methodischer Ebene gegenüber dem Untersuchungsgegenstand gegeben sein soll. Theoretisch fundierte Hypothesen und angewandte Methoden sollen während des Forschungsprozesses offen für Korrekturen, Ergänzungen und Revisionen bleiben, wenn der Gegenstand dies erfordert (Mayring 2016: 28; Schumann 2018: 125; 134). Die letzte Säule der Deskription besteht aus der Methodenkontrolle, welche neben der geforderten Offenheit ein wichtiges Element der Erkenntnisgewinnung darstellt. Die einzelnen Verfahrensschritte müssen expliziert und dokumentiert werden und nach zuvor begründeten Regeln ablaufen, sodass auch willkürliches Vorgehen vermieden wird. Somit ist ein offenes und transparentes Verfahren möglich, das zusätzlich eine Verallgemeinerung der Befunde erlaubt (Mayring 2016: 29; Schumann 2018: 125; 151).

Das Vorverständnis, die Introspektion als auch die Forscher-Gegenstand-Interaktion können im Modell des qualitativen Denkens der Interpretation als übergeordnetem Block zugeordnet werden. Das Vorverständnis als vierte Säule beschreibt die Tatsache, dass jede Untersuchung und die damit einhergehende Interpretation von Ergebnissen durch den Standpunkt des Forschers beeinflusst wird. Die qualitative Forschung fordert daher zu Beginn einer jeden Untersuchung die Offenlegung dieses Standpunktes und dessen schrittweise Weiterentwicklung am Forschungsgegenstand, sodass die Überprüfbarkeit gewährleistet ist (Mayring 2016: 30; Schumann 2018: 141). Dieses Vorgehen ist auch als „hermeneutischer Zirkel“ oder „hermeneutische Spirale“ bekannt (Mayring 2016: 30). Die fünfte Säule des Modells bildet die Introspektion, welche die Analyse des eigenen Denkens, Handelns und Bewusstseins beschreibt. In der Wissenschaft galt diese Methode lange als kontrovers, doch in jüngster Zeit wird ihr immer mehr Bedeutung aus vorwiegend qualitativer Forschungssicht zugeschrieben. In den Analysen werden daher nicht nur objektiv-beobachtbares Verhalten und situative Faktoren berücksichtigt, sondern gleichfalls auf introspektive Daten zurückgegriffen, die allerdings als solche ausgewiesen und überprüft werden müssen (Mayring 2016: 31). Die Forscher­Gegenstand-Interaktion als letzte Säule innerhalb dieses Blocks bezeichnet die Beziehung zwischen dem Forscher und seinem Untersuchungsgegenstand, welche als dynamischer Interaktionsprozess zu verstehen ist. Während des Forschungsprozesses verändern sich laufend beide Parteien, sodass in diesem Sinne keine objektive Messung vorliegen kann. Dementsprechend werden die benötigten sozialwissenschaftlichen Daten vorwiegend aus diesen interaktiven Prozessen gewonnen (ebd.: 32).

Im dritten Block des qualitativen Denkmodells nimmt Mayring konkret Bezug auf das Subjekt. Die relevanten Säulen bestehen hierbei aus der Ganzheit, der Historizität als auch der Problemorientierung (Mayring 2016: 26; Schumann 2018: 125ff.). Wie auch im humanistischen Paradigma ist eine holistische Betrachtungsweise des Menschen ein wichtiges Merkmal der qualitativen Forschung. Eine analytische Trennung in einzelne Variablen und Merkmale kann zwar in gewissen Situationen von Vorteil sein, doch um menschliches Verhalten verstehen zu können, müssen diese Variablen wieder zusammengeführt werden. Die menschlichen Funktions- (Handeln, Fühlen, Denken) und Lebensbereiche (Familie, Freunde, Beruf) werden nur aus analytischen Zwecken differenziert, bevor sie aus einer ganzheitlichen Sichtweise interpretiert und korrigiert werden (Mayring 2016: 33). Die nächste Säule bezieht sich auf die Historizität der Forschungssubjekte, welche die holistische Betrachtungsweise ergänzt. Da Menschen immer eine eigene Vergangenheit und Geschichte mitbringen, ist es in der qualitativen Forschung von größter Bedeutung, solche historischen Kontexte miteinzubeziehen, um Fehlinterpretationen zu vermeiden (Mayring 2016: 34; Schumann 2018: 128). Die Problemorientierung als neunte Säule kennzeichnet sich dadurch, dass qualitative Forschung direkt an praktische Problemstellungen des Gegenstandsbereichs ansetzt und die Forschungsergebnisse im Nachhinein auf das Problem bezogen werden können (Mayring 2016: 35).

Der Verallgemeinerungsprozess ist der letzte Block und vervollständig damit das Konstrukt qualitativen Denkens. Er umfasst folgende vier Säulen, die wie zuvor nacheinander erläutert werden: Argumentative Verallgemeinerung (10.), Induktion (11.), Regelbegriff (12.) und Quantifizierbarkeit (13.) (Mayring 2016: 26). Die argumentative Verallgemeinerung von Ergebnissen in der humanwissenschaftlichen Forschung ist nur unter der Voraussetzung der konkreten und argumentativen Begründung möglich. Es muss deutlich hervorgehen, welche Ergebnisse auf welche Situation und Zeit generalisiert werden. Die elfte Säule basiert auf der induktiven Vorgehensweise, die darauf abzielt, aus vereinzelten Beobachtungen die ersten Zusammenhangshypothesen zu formulieren und im weiteren Vorgehen zu bekräftigen. Anders als in der naturwissenschaftlich­quantitativen Forschung, bedient sich die qualitative Untersuchung der induktiven Verfahren, die unter ständiger Kontrolle und Prüfung die Verallgemeinerung von Ergebnissen erzielen möchten (Mayring 2016: 36ff.).

Zur zwölften Säule zählt der Regelbegriff und die damit zusammenhängende Prämisse, dass Menschen nicht nach allgemeingültigen Gesetzen funktionieren. Vielmehr lassen sich Regelmäßigkeiten im Denken, Fühlen und Handeln feststellen, die laut Mayring keine automatischen Abläufe symbolisieren, sondern bewusst hervorgerufen werden. Des Weiteren gilt zu beachten, dass die festgestellten Regelmäßigkeiten aus einem situativen und soziohistorischen Kontext beleuchtet werden (ebd.: 37). Die letzte Säule besteht aus der Quantifizierbarkeit, mittels derer eine Absicherung und Generalisierbarkeit von Ergebnissen geschaffen werden soll. Die Quantifizierung findet hierbei auf mehreren Ebenen anhand von qualitativen Analysen statt und reduziert dabei den Widerspruch zwischen quantitativer und qualitativer Forschung (ebd.: 37ff.).

Philipp Mayrings Modell qualitativen Denkens zeigt deutlich, dass die qualitative empirische Sozialforschung nicht bloß eine beliebige Verfahrensweise zur Erschließung gesellschaftlicher Phänomene darstellt, sondern dass sie als eigenständige Grundhaltung zu verstehen ist. Ausgehend vom humanistischen Paradigma steht der Mensch als Subjekt im Mittelpunkt und verfügt über einen freiheitlichen Willen. Das Hauptziel dieses Forschungszweigs besteht darin, den Menschen in seiner Ganzheit zu verstehen, ihn zu unterstützen und eine Verbesserung seiner Lebensbedingungen zu erreichen (Schumann 2018: 167).

[...]


1 Unter Triangulation versteht man „die Einnahme unterschiedlicher Perspektiven auf einen untersuchten Gegenstand oder“ auf die Beantwortung von Forschungsfragen (Flick 2011: 12). Dies kann sich sowohl auf der Methoden- als auch Theorienebene abspielen.

2 Unter Paradigma versteht man eine wissenschaftliche Denkrichtung, die auf verschiedenen Lehrsätzen, Hypothesen oder theoretischen Konzepten basiert. Oftmals werden Untersuchungsansätze oder methodische Vorgehensweisen davon bestimmt (Kuhn 1979: 160ff.)

3 Der radikale Konstruktivismus vertritt die erkenntnistheoretische Grundannahme, dass eine objektive Erfassung der Realität nicht möglich. Vielmehr sei die Realität ein Konstrukt der eigenen Sinneseinrücke und damit von subjektiven Wahrnehmungen beeinflusst (Schumann 2018: 93).

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Die Marienthal-Studie. Erkenntnisgewinn durch Triangulation?
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Politikwissenschaft)
Note
1,3
Jahr
2020
Seiten
27
Katalognummer
V956175
ISBN (eBook)
9783346298201
ISBN (Buch)
9783346298218
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Marienthal-Studie, Triangulation, Methoden
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Die Marienthal-Studie. Erkenntnisgewinn durch Triangulation?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/956175

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