Die Vernehmung der beschuldigten Person im Ermittlungsverfahren

Vernehmung und Glaubhaftigkeit


Seminararbeit, 2019

28 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. EINLEITUNG

II. VERNEHMUNG

III. GLAUBHAFTIGKEIT
A. Glaubhaftigkeitsbegutachtung
1. Aufgabenstellung
2. Aktenanalyse
3. Fragestellungen und Hypothesen
4. Methoden der Begutachtung
5. Voraussetzungen zur Begutachtung
6. Angaben zum Verlauf
7. Datenerhebung
8. Befunde
9. Aussagematrix
10. Aussageanalyse
11. ZusammenfassendeStellungnahme
B. Glaubwürdigkeitsmerkmale nach Undeutsch
C. Das Trankell'sche Gutachtermodell
D. Glaubwürdigkeitsmerkmale nach Arntzen
E. Realkennzeichen nach Steller und Köhnken
F. Merkmalsorientierte Aussageanalyse
1. Beurteilung derAussagetüchtigkeit
2. Aussageentstehung
3. Aussagemotivation
4. Konstanzanalyse
5. Analyse und Bewertung von Aussagen
a) Glaubhaftigkeitsmerkmale
a. Inhaltliche Besonderheiten
b. Selbstdarstellung
c. Gesamte Aussage
b) Zusammenfassung
G. Grenzen der Glaubhaftigkeitseinschätzung
1. Irrtümer
a) Durch Gedächtnisstörungen
b) Durch Gedächtnisverfälschungen
c) Durch Wahrnehmungsdefizite
d) Durch Wahrnehmungsstörungen
2. Besondere Lügenformen
3. Traumatisierte Menschen

IV. FAZIT

Literaturverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

I. Einleitung

„Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, auch wenn er dann die Wahrheit spricht.“

Mit diesem Sprichwort wird schon Kindern erklärt, dass man immer die Wahrheit sagen solle. Doch stellt sich die Frage, ob die Glaubhaftigkeit einer Aussage tatsächlich durch eine einzige Lüge beeinträchtigt wird. Seit dem BGH-Urteil vom 30. Juli 1999 ist dies offiziell geklärt, denn die allgemeine Glaubwürdigkeit einer Person soll keinen Einfluss auf die Glaubhaftigkeit einer Zeugenaussage haben.

In den letzten Jahren seit dem Urteil hat der Begriff der Glaubhaftigkeit an deutschen Gerichten zunehmend eine größere Rolle gespielt. Anfangs besonders durch Undeutsch, dann durch Trankell, durch Arnzten und später durch Steller und Köhnken geprägt, wird die Glaubhaftigkeitsbetrachtung bei Zweifeln an einer Zeugenaussage mittlerweile regelmäßig angewandt. Anhand von Glaubhaftigkeitsmerkmalen soll beurteilt werden, ob eine Aussage glaubhaft oder unwahr ist. Auch diese Merkmale haben sich, seit Undeutsch als Vorreiter von den ersten Merkmalen in seinem Werk „Beurteilung der Glaubwürdigkeit von Zeugenaussagen“ geschrieben hat, weiterentwickelt. Dennoch war trotz der Bedeutung seines Werkes, die Primärquelle nicht zu finden, weswegen vorliegend Benders „Merkmale von Aussagen“ als Sekundärliteratur genutzt wurde.

Inzwischen werden Merkmale genutzt, welche am meisten von Steller und Köhnken beeinflusst wurden, um die Mimik, Gestik und das Sprechverhalten der Aussageperson zu analysieren. Dies wird besonders in „Aussage gegen Aussage“ -Situationen angewandt.

Dennoch ist die Glaubhaftigkeitsbegutachtung nicht unfehlbar; auch sie findet ihre Grenzen. Mit diesem Thema haben sich besonders Hermanutz, Litzke und Kroll in ihrem Buch „Strukturierte Vernehmung und Glaubhaftigkeit“ beschäftigt. Problematisch erscheint auch, wie viel die Merkmale tatsächlich über die Aussage offenbaren.

Daher wird die vorliegende Arbeit auf das Verfahren der Glaubhaftigkeitsbegutachtung, in gewissen Maßen auf dessen Entstehung, insbesondere die Entstehung der Glaubhaftigkeitsmerkmale, und auf die Grenzen der Glaubhaftigkeitseinschätzung eingehen und spricht kurz auch das Thema der Vernehmung an.

II. Vernehmung

Unter einer Vernehmung ist zu verstehen, dass „eine Ermittlungsperson einer Aussageperson in amtlicher Funktion gegenübertritt und von dieser Auskunft (...) [mit dem Ziel der Gewinnung von unverfälschten Informationen] verlangt.“1

Um als Vernehmung bezeichnet zu werden, müssten drei Voraussetzungen erfüllt sein.

Zum einen muss die Ermittlungsperson in amtlicher Funktion sein. Zum anderen muss diese amtliche Funktion auch erkennbar sein, und die Ermittlungsperson muss ein Verlangen nach Auskunft durch die Aussageperson haben. Diese Situation ist nicht erfüllt, wenn eine Privatperson, die bei der Polizei beispielsweise als Informant tätig ist, eine andere Person vernehmen will. So wäre nur eine vernehmungsähnliche Situation gegeben.

III. Glaubhaftigkeit

Die Glaubhaftigkeit im Zusammenhang mit der Vernehmung geht darauf ein, inwiefern eine Aussage des Zeugen auf Selbst-Erlebten basiert oder ob es sich um eine Konstruktion des Geschehnisses durch die Aussageperson handelt.

Es muss jedoch zwischen der Glaubhaftigkeit und der Glaubwürdigkeit differenziert werden. Die Glaubhaftigkeit bezieht sich auf die Aussage selbst. Die Glaubwürdigkeit dagegen bezieht sich auf die Aussageperson.2

A. Glaubhaftigkeitsbegutachtung

Folglich ist nun zur Glaubhaftigkeitsbegutachtung zu kommen. Um die Frage zu prüfen, ob eine Aussage auch tatsächlich Realitätsgehalt beinhaltet oder ob sie keinen Erlebnishintergrund hat, wird das Verfahren der Glaubhaftigkeitsbegutachtung in Phasen eingeteilt.

1. Aufgabenstellung

Es wird begonnen mit der Aufgabenstellung. Hierbei wird das Gutachten von der Staatsanwaltschaft oder einem Gericht, welches eine Hauptverhandlung vorbereitet, beauftragt. Auch haben schon Anwälte versucht, Sachverständige zu kontaktieren und einen solchen Auftrag zu geben, doch wurden diese an die Staatsanwaltschaft oder das Gericht verwiesen, um ihren Wunsch dort vorzutragen. Die vom Auftraggeber formulierte Aufgabenstellung wird im Gutachten grundsätzlich nochmal wiederholt, um etwaige Missverständnisse auszuschließen.

Es muss aber beachtet werden, dass der Antrag nicht überschritten wird, sodass keine Ablehnung wegen Besorgnis der Befangenheit stattfindet.3

2. Aktenanalyse

Des Weiteren ist eine Aktenanalyse durchzuführen. Diese bildet mit der Aufgabenstellung die Grundlage für das Gutachten. Dabei werden die bis zur Erteilung des Gutachtenauftrags vorhandenen Akten analysiert. Hier wird dann zwischen zwei verschiedenen Aktenbestandteilen unterschieden.

Zum einen gibt es die allgemeinen Akteninhalte, welche die Strafanzeige, etwaige Tatortfundberichte und Spurengutachten, Zeugenaussagen und Vernehmungen des Beschuldigten beinhalten.4 Sie werden aufbereitet und nur bezüglich widersprüchlicher Aussagen benannt.

Diese werden unterschieden von den speziellen Aktenbezügen. Hierbei handelt es sich um eventuelle ärztliche Befunde, richterliche Vernehmung und die Zeugenaussage des zu Begutachtenden. Sie werden später in der Aussagematrix nochmal aufgegriffen und im Gutachten protokolliert, um die Nachvollziehbarkeit gewährleisten zu können.

3. Fragestellungen und Hypothesen

Aus den Ergebnissen der Aktenanalyse und unter Berücksichtigung der Aufgabenstellung werden nun verschiedene Fragen formuliert, aus welchen dann wissenschaftliche Hypothesen formuliert werden. Diese Hypothesen erinnern auch vage an das Trankell’sche Gutachtermodell, welches unter III. C. nochmal aufgegriffen wird.

Im Glaubhaftigkeitsgutachten werden die Aussagen von Zeugen und auch ihr Aussageverhalten mit wissenschaftlichen Methoden untersucht.5 Dabei geht der Sachverständige zunächst von der sogenannten Nullhypothese aus; er nimmt also bei seiner Begutachtung an, dass die Aussage unwahr sei. Um diese zu prüfen, werden dann weitere Hypothesen formuliert. Wenn sich daraus ergibt, dass die Nullhypothese oder auch Unwahrhypothese genannt, mit den erlernten Fakten nicht mehr übereinstimmt, wird sie verworfen und es wird dann die Alternativhypothese erstellt. Diese besagt, dass es sich um eine wahre Aussage handelt. Somit wird ersichtlich, dass die Bildung von Hypothesen von großer Bedeutung für das Glaubhaftigkeitsgutachten ist.6

4. Methoden der Begutachtung

Um die Datenerhebung, -auswertung und -interpretation nachvollziehen zu können, sollten die verwendeten Methoden im Gutachten aufgeführt werden. Die Notwendigkeit testpsychologischer Untersuchungen im Rahmen der Glaubhaftigkeit ist umstritten. Dennoch können Grundregeln dahingehend formuliert werden, dass sich auf solche Tests beschränkt werden sollte, die die benötigten Daten liefern. Demnach könnten Intelligenz-Tests, wie der Intelligenz-Struktur-Test, durchgeführt werden.7 Dieser ist eine Papier-Bleistift- Testfassung, die benutzt wird, um die Intelligenz einer Person mittels eines IQ-Wertes abzuschätzen, wobei Aussagen über den IQ von 70-130 möglich sind.8 Auch können Leistungstests oder Persönlichkeitstests durchgeführt werden. Zudem gibt es auch spezielle Anforderungen, wie der Märchentest, welcher ein projektiver Persönlichkeitstest für Kinder ist. Hier haben Kinder die Aufgabe, Fragen zu den jeweiligen Märchenfiguren zu beantworten. Dies kann dann zur klinischen Anamnese benutzt werden, um beispielsweise Aggressionen, Angst oder auch Depressionen zu erkennen.9

5. Voraussetzungen zur Begutachtung

Der Zeuge wird zu Beginn über die Freiwilligkeit der Untersuchung durch einen Sachverständigen informiert. Hierbei wird darauf hingewiesen, dass die Begutachtung im Auftrag einer bestimmten Institution, entweder der Staatsanwaltschaft oder des Gerichts, stattfindet. Außerdem wird auf die absolute Neutralität sowie die eingeschränkte Schweigepflicht des Gutachters verwiesen. Dieser kann dem Auftraggeber jegliche Ergebnisse ohne eine Entbindung der Schweigepflicht zukommen lassen. Zusätzlich wird der Zeuge auch über die Bedeutung des Gutachtens informiert. Dessen Verständnis darüber wird durch mehrmaliges Nachfragen geprüft.

Des Weiteren muss der Zeuge über ein eventuelles Zeugnisverweigerungsrecht aufgeklärt werden, für den Fall, dass der Beschuldigte ein Verwandter ist. Hier ist dann zu prüfen, ob der Zeuge dies verstanden hat und ob dieser trotz dessen an der Untersuchung und den Gesprächen teilnehmen will. Eine Einverständniserklärung ist hier notwendig und unabdingbar. Eine Ablehnung der Gespräche und der Untersuchung muss nicht begründet werden.

6. Angaben zum Verlauf

Auf den zeitlichen Verlauf nehmen eine Reihe an Faktoren Einfluss. Der bedeutendste Faktor ist hierbei, ob es sich um eine Haftsache handelt. Außerdem können auch Kinder als Zeugen mit einem geringeren Lebensalter zu einer schnelleren Bearbeitung der Begutachtung führen. Dennoch ist der Zeitaufwand jedes Falls durch seine Individualität unterschiedlich und schwer zu kalkulieren.10

7. Datenerhebung

Bei der Datenerhebung werden Daten gesammelt, welche Auskunft über die mögliche Aussagetüchtigkeit oder eventuelle Einschränkungen geben, und anschließend deskriptiv dargestellt. Hierbei werden Daten zur Entwicklung der Persönlichkeit, zur Krankengeschichte und zum sozialen Umfeld des Zeugen erhoben, im Fall eines Sexualdelikts auch zum Wissen um die Sexualität. Diese werden dann durch eine ausführliche Beurteilung des Zeugen ergänzt.11

Auch trägt der Aussagebericht eine große Bedeutung. Dieser wird wörtlich in ein Gutachten übernommen, um die Authentizität dessen garantieren zu können. Eine Festlegung von Richtlinien, welche eine wörtliche Übernahme vorschreibt, gibt es jedoch nicht.

8. Befunde

In einem Gutachten spielen auch Befunde eine wichtige Rolle. Hier wird zwischen dem psychologischen Befund, dem Befund zur Aussagekompetenz und dem Befund zu den straftatbezogenen Angaben differenziert.

Im Psychologischen Befund werden bestimmte Aspekte der Persönlichkeit des Zeugen verdeutlicht. Auch wird durch bestimmte Hinweise auf psychologische Phänomene verdeutlicht, ob die Zusammenarbeit mit einem psychiatrischen Sachverständigen notwendig wäre.

Der Befund zur Aussagekompetenz beugt einer allgemeinen Glaubwürdigkeit eines Zeugen vor, welche nicht relevant für die Glaubhaftigkeit der Zeugenaussage ist. Die allgemeine Glaubwürdigkeit eines Zeugen zeigt keine hinreichend eindeutigen Beziehungen zur Glaubhaftigkeit von bestimmten Zeugenaussagen.12

Vorliegend wird die Fähigkeit des Zeugen zur Gestaltung einer Zeugenaussage geprüft.13 Ist diese Aussagefähigkeit nicht vorhanden, ist die Aussage in der Regel nicht mehr brauchbar; die Glaubhaftigkeit müsste somit nicht mehr beurteilt werden.14 Diese Analyse des Aussagematerials wird als Voraussetzung zur Bewertung der Glaubhaftigkeit einer Zeugenaussage gesehen. Ist diese nicht vorhanden, muss der Sachverständige eine Stellungnahme herausarbeiten, welche auf die eingeschränkte Aussagekraft des Gutachtens hinweist.

9. Aussagematrix

Die Aussagematrix gibt zunächst wieder etwas mehr Einblick in die Glaubhaftigkeit der Aussage, da sie Glaubhaftigkeitsmerkmale aus den Aussagen zu verschiedenen Zeitpunkten erschließt. Um diese übersichtlich darzustellen, werden Abkürzungen für die verschiedenen Merkmale verwendet. Auf diese Merkmale wird unter III. F. 5. a) noch genauer eingegangen.

10. Aussageanalyse

Die Aussageanalyse wird in Quantitative, Qualitative und Erstaussageanalyse unterteilt.

In der Quantitativen Aussageanalyse wird einer detailgetreuen Aussage ein hoher Stellenwert beigemessen. Für die meisten Aussagenden wäre es schwer möglich eine falsche Aussage zu tätigen, welche viele Details enthält und diese Aussage auch in verschiedenen Befragungen aufrecht zu erhalten.15

In der Qualitativen Aussageanalyse werden die qualitativen Besonderheiten mithilfe der merkmalsorientierten Aussageanalyse untersucht, auf welche später noch genauer eingegangen wird. Es werden die Angaben auf ihre inhaltliche Konsistenz überprüft. Hier sind Unterschiede insoweit bedeutsam, dass zwischen einer wahren und einer unwahren Aussage ein großer Schritt bezüglich der zu erbringenden geistigen Leistung liegt.16 Widersprüche würden hier beispielsweise auf einen ernsten Qualitätsmangel in der Aussage hindeuten.17

In der Erstaussageanalyse wird die Entstehung der Erstaussage untersucht und kann im Rahmen der Glaubhaftigkeitsuntersuchung auch auf Einflüsse aus dem Umfeld des Zeugen hinweisen.

11. Zusammenfassende Stellungnahme

In der zusammenfassenden Stellungnahme benennt der Gutachter kurz Punkte, die der Begutachtung als Anknüpfungspunkte nutzen. Um eine Unmasse an Information zu vermeiden, wird kurz auf die Fragestellung und die Hypothesen verwiesen. Die Befunde werden erläutert, wobei der Befund zu straftatbezogenen Angaben durchaus genauer erläutert wird als der psychologische und der Befund zur Aussagekompetenz. Diese Befunde erlauben schließlich die Überarbeitung der anfangs formulierten Hypothesen, welche dann zu den Ergebnissen und der Beantwortung der Aufgabenstellung führen.

Ein Hinweis auf die Vorläufigkeit des Gutachtens ist notwendig, da sich im Laufe des Verfahrens noch weitere Informationen ergeben könnten, welche das Ergebnis des Gutachtens beeinflussen könnten.

Auch sollte ein letzter Hinweis gegeben werden, welcher erklärt, dass Sachverständige trotz ihrer Untersuchungen nicht feststellen können, ob ein Zeuge glaubhaft oder nicht glaubhaft ist. Sie können lediglich feststellen, welche Hinweise auf Glaubhaftigkeit in einer Zeugenaussage enthalten sind. Die letztendliche Entscheidung ist die Aufgabe der Juristen.

Diese Kompetenzen sollten von einem Sachverständigen nicht überschritten werden. Dies könnte die eigentlichen Ergebnisse in den Hintergrund treten lassen und eine Besorgnis der Befangenheit entstehen lassen.18

B. Glaubwürdigkeitsmerkmale nach Undeutsch

Udo Undeutsch gilt als der Begründer und Wegbereiter der modernen Aussagepsychologie. Dies wurde durch seinen Aufsatz „Beurteilung der Glaubwürdigkeit von Zeugenaussagen“ von 1967 begründet. Mit diesem hat er den dringend benötigten Schritt von der allgemeinen Glaubwürdigkeit von Zeugen zur speziellen Glaubhaftigkeit der Zeugenaussagen bereitet. Seiner Meinung nach ist die Qualität einer wahren Aussage deutlich höher als die einer erfundenen.19 Für ihn hatte die Textdurchleuchtung der Aussage eine größere Bedeutung im Gegensatz zu den anderen Beurteilungskriterien. Er selbst hat dies nachträglich als die „kopernikanische Welle“ bezeichnet.20

Laut Undeutsch gab es fünf Bereiche, die für die Beurteilung der Glaubhaftigkeit relevant sind. Zum einen gibt es die Analyse der Aussage, zum anderen die Motivlage, die Geschichte der Aussage, das Aussageverhalten und letztlich die Aussageehrlichkeit.21 Diese Bereiche sind jedoch nicht gleichwertig anzusehen. Die Analyse der Aussage ist der wichtigste Punkt. Für diese Analyse wird jedoch die Motivlage und die Geschichte der Aussage benötigt, um diese gerecht bewerten zu können. Daher werden diese beiden Punkte an die zweite Stelle gestellt. Dennoch sind die Aussageehrlichkeit und das Aussageverhalten nicht irrelevant. Beide werden benötigt, um den Kreis der Beurteilung zu schließen und zu einem Ergebnis zu kommen.

Um die Aussage des Zeugen zu analysieren wird diese auf Glaubwürdigkeitsmerkmale untersucht. Nach Undeutsch gab es hier zwölf Merkmale.

Diese beinhalten die Widerspruchslosigkeit zu anderweitig feststehenden Tatsachen, die Realistik und Wirklichkeitsnähe, die Konkretheit, Anschaulichkeit und individuelle Durchzeichnung, die Stimmigkeit und Folgerichtigkeit, die Eigentümlichkeiten oder ausgefallene Einzelheiten in der Aussage, die Verankerung des Geschehens in konkreten Lebenssituationen, eventuelle Einzelheiten, welche die Kapazität des Aussagenden übersteigen, die Schilderung psychischer Vorgänge, Verbesserungen, Präzisierungen und Ergänzungen der Aussage, etwaige Vorgangskomplikationen, Unvorteilhaftes in der Aussage über den Aussagenden selbst und letztlich die Konstanz.22

Undeutsch hat durch seine Arbeit einen großen Verdienst geleistet, doch ist dieser nicht ohne Bedenken zu betrachten.

Sein Katalog der Glaubwürdigkeitsmerkmale hat keine systematische Kategorisierung, sondern ähnelt mehr einer reinen Aufzählung von Fakten. Des Weiteren redet Undeutsch davon23, dass beispielsweise die etwaigen Vorgangskomplikationen oder Selbstbelastungen durch den Aussagenden eine stützende Funktion haben. Dies ist in der Gesamtdarstellung des Katalogs nicht zu erkennen; es wirkt, dass die Merkmale gleichwertig sind.

C. Das Trankell’sche Gutachtermodell

Der schwedische Professor Arne Trankell geht 1971 in seinem Werk „Der Realitätsgehalt von Zeugenaussagen“, welches Undeutsch selbst aus dem Schwedischen übersetzt hat, über die reine Aufzählung von Fakten hinaus und bringt mehr System in die Kategorisierung von Glaubwürdigkeitsmerkmalen.

Anstatt wie Undeutsch nur auf die Aussageanalyse zu setzten, ist diese für Trankell nur ein Teilsegment der Untersuchung. Er legt großen Wert darauf, auch die bereits vorhandenen Daten und auch Daten, welche möglicherweise noch erhoben werden müssten, in die Auswertung und Bewertung der Aussage mit einfließen zu lassen. Dafür hat er das Trankell’sche Gutachtermodell entworfen, welches durch sein methodisches Vorgehen den gesamten Stoff eines Prozesses bewerten können soll.24 Damit weitet er allerdings das notwendige Tätigkeitsfeld des Sachverständigen in den richterlichen Tätigkeitsbereich aus.

In seinem Modell unterscheidet Trankell zwischen der Steuerung, der Datenerhebung und der Datenanalyse.

Zunächst sollte eine Realitätshypothese, eine Aussage, welche auf einem realen Erlebnis basiert, formuliert werden und dieser folgen die Alternativhypothesen. Dabei können eine oder mehrere Alternativhypothesen aufgestellt werden; etwa, dass die Aussage der Verschleierung der Realität dient.

[...]


1 Hermanutz, Litzke, Kroll, Strukturierte Vernehmung und Glaubhaftigkeit, Leitfaden, 4. Auflage, 2018, S. 11

2 Regber, Glaubhaftigkeit und Suggestibilität, 2007, S. 35

3 Dauer/Ullmann in Maneros u.a., Die Praxis der Glaubhaftigkeitsbegutachtung in Fallbeispielen, S. 235

4 Dauer/Ullmann in Maneros u.a., Die Praxis der Glaubhaftigkeitsbegutachtung in Fallbeispielen, S. 235

5 Dauer/Ullmann in Maneros u.a., Die Praxis der Glaubhaftigkeitsbegutachtung in Fallbeispielen, S. 236

6 NJW 1999 2747, BGH Urt. v. 30.07.99 - 1 St 618-98 (LG Ansbach)

7 Dauer/Ullmann in Maneros u.a., Die Praxis der Glaubhaftigkeitsbegutachtung in Fallbeispielen, S. 236

8 Petermann, Intelligenz-Struktur-Test

9 https://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/maerchentest/9204, 05. Juni 2019, 15:20 Uhr

10 Dauer/Ullmann in Maneros u.a., Die Praxis der Glaubhaftigkeitsbegutachtung in Fallbeispielen, S. 237

11 Dauer/Ullmann in Maneros u.a., Die Praxis der Glaubhaftigkeitsbegutachtung in Fallbeispielen, S. 237

12 Volbert, Psychologie im Strafverfahren, 1997, S. 21

13 Dauer/Ullmann in Maneros u.a., Die Praxis der Glaubhaftigkeitsbegutachtung in Fallbeispielen, S. 238

14 Dettenborn, Grundlagen der Glaubhaftigkeit, 2016, 595

15 Dauer/Ullmann in Maneros u.a., Die Praxis der Glaubhaftigkeitsbegutachtung in Fallbeispielen, S. 239

16 NJW 1999 2748, BGH Urt. v. 30.07.99 - 1 St 618-98 (LG Ansbach)

17 Dauer/Ullmann in Maneros u.a., Die Praxis der Glaubhaftigkeitsbegutachtung in Fallbeispielen, S. 240

18 Dauer/Ullmann in Maneros u.a., Die Praxis der Glaubhaftigkeitsbegutachtung in Fallbeispielen, S. 242

19 Volbert, Glaubhaftigkeitsbegutachtung, 2008, S. 13

20 Bender, Merkmalskombinationen in Aussagen, 1987, S. 52

21 Bender, Merkmalskombinationen in Aussagen, 1987, S. 52

22 Bender, Merkmalskombinationen in Aussagen, 1987, S. 52 f.

23 Bender, Merkmalskombinationen in Aussagen, 1987, S. 56 f.

24 Bender, Merkmalskombinationen in Aussagen, 1987, S. 57 f.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Die Vernehmung der beschuldigten Person im Ermittlungsverfahren
Untertitel
Vernehmung und Glaubhaftigkeit
Hochschule
Universität Leipzig
Note
2,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
28
Katalognummer
V956176
ISBN (eBook)
9783346298188
ISBN (Buch)
9783346298195
Sprache
Deutsch
Schlagworte
vernehmung, person, ermittlungsverfahren, glaubhaftigkeit
Arbeit zitieren
Isabelle Heinig (Autor), 2019, Die Vernehmung der beschuldigten Person im Ermittlungsverfahren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/956176

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