Zwei junge Männer suchen ihren Weg. Vergleich von Goethes "Die Leiden des jungen Werther" und Uwe Timms "Heißer Sommer"


Referat / Aufsatz (Schule), 1999
10 Seiten

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Gliederung

I. Kurze Inhaltsangabe zu dem Roman ,,Heißer Sommer" von Uwe Timm sowie zu dem Briefroman ,,Die Leiden des jungen Werthers" von Johann Wolfgang Goethe

II. Werther und Ullrich - zwei junge Männer, die ihren Weg suchen: Zeigen Sie Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede!

1. Gemeinsamkeiten von Ullrich und Werther
1.1 Ihr Verhalten weist Gemeinsamkeiten auf
1.1.1 Sie verhalten sich nicht immer rollenkonform
1.1.2 Sie haben Schwierigkeiten, eine Beziehung zu führen
1.2 Sie werden von ihrer eigentlichen Lebensaufgabe abgehalten
1.2.1 Werther und Ullrich beschäftigen sich ziellos
1.2.2 Beide werden vom gesellschaftspolitischen Geschehen ihrer Zeit abgelenkt
1.3 Ullrich und Werther verbuchen beide Misserfolge
1.3.1 Sie haben beruflich keinen Erfolg
1.3.2 Sie kommen mit der Ablehnung ihrer Liebe nicht zurecht

2. Unterschiede zwischen Werther und Ullrich
2.1 Sie suchen auf unterschiedliche Art nach einem Weg
2.1.1 Ullrich probiert im Beruf Neues aus, Werther nicht
2.1.2 Ullrich probiert in der Beziehung Neues aus, Werther nicht
2.2 Sie haben eine unterschiedliche Einstellung zur Beziehung
2.2.1 Ullrich will viele Frauen, Werther nur Lotte
2.2.2 Für Ullrich ist eine Beziehung nicht so ernst wie für Werther
2.3 Sie gehen mit ihren Misserfolgen unterschiedlich um
2.3.1 Werther bleibt bei Lotte, Ullrich trennt sich von Christa
2.3.2 Ullrich wird Volksschullehrer, Werther begeht Selbstmord

3. Überwiegen die Gemeinsamkeiten oder die Unterschiede?

III.Haben Werther und Ullrich wirklich nach einem Weg gesucht?

Der Roman ,,Heißer Sommer" von Uwe Timm beschreibt die Geschichte des Studenten Ullrich auf der Suche nach seinem Weg. Er studiert in München Germanistik, dort scheitert er aber an einer wichtigen Seminararbeit.

Daraufhin wechselt er die Universität und setzt sein Studium in Hamburg fort. Dort macht er bald die Bekanntschaft mit führenden Köpfen der Studentenbewegung und möchte zu ihnen gehören. Begeistert nimmt er an etlichen Demonstrationen und Sit-ins teil. Er führt immer wieder mehr oder weniger oberflächliche Beziehungen. Aber auch in Hamburg scheitert er an seiner Seminararbeit, da er sich immer wieder von dem politischen Geschehen und seinen zahlreichen Frauengeschichten ablenken lässt.. Mit der Art und Weise, wie die Studentenbewegung ihre Ziele verwirklichen will, kann sich Ullrich später nicht mehr identifizieren. Er ist der Meinung, man müsse endlich handeln anstatt immer nur zu reden und neue Theorien aufzustellen. Mit seinem Leben wird er immer unzufriedener. Da er endlich handeln möchte und mit den Händen arbeiten möchte, sucht er sich einen Job in der Fabrik. Später entscheidet er sich, Volksschullehrer zu werden. Er hat endlich sein Ziel gefunden, verlässt Hamburg und kehrt nach München zurück.

In Johann Wolfgang Goethe´s Briefroman ,,Die Leiden des jungen Werthers" wird die Lebensgeschichte eines Mannes namens Werther beschrieben, der auf dem Weg zu einem Ball die Frau seines Lebens, Lotte, kennenlernt. Mit ihr erlebt er glückliche Tage, aber nachdem ihr Verlobter Albert nach längerer Abwesenheit zu ihr zurückkehrt, beginnt für ihn ein Leidensweg. Um seinen Kummer erträglicher zu machen, entscheidet er sich schliesslich, von Lotte und Albert fortzugehen. Er kann Lotte aber nicht vergessen und kehrt immer wieder zu ihr zurück, obwohl Lotte ihre Liason mit Albert nicht löst. Ohne sie glaubt er nicht leben zu können und bringt sich am Ende des Romans mit Alberts Waffen selbst um. Zwischen Werthers und Ullrichs Suche nach dem Weg lassen sich einige erstaunliche Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede aufzeigen. Diese sollen im folgenden erörtert werden.

Auffallend ist das ähnliche Verhalten der jungen Männer. Sie verhalten sich nicht immer der Situation und dem Anlass entsprechend. Werther ,,...ist in Gesellschaft... durchaus charmant... aber andererseits [kann er] auch sehr schroff reagieren und es ablehnen, sich immer und überall rollenkonform zu verhalten." (Lektürehilfen, S.78). Als er zum Beispiel mit Lotte ,,...den Pfarrer von St..." (Werther, S.38) besucht, verfällt er plötzlich in ein ,,Streitgespräch über den ,üblen Humor´" (Lektürenhilfen S.17) mit dem Ehemann der Tochter des Pfarrers, nur weil dieser eifersüchtig auf Werther ist, da seine Frau während eines Spazierganges ,,verschiedentlich auch mit...[ihm] gieng..." (Werther, S.40). Werther ist sehr erbost über die Reaktion des Mannes, da sich seiner Meinung nach ,,...junge Leute in der Blüthe des Lebens...die paar gute[n] Tage [nicht] mit Frazzen verderben [sollten]..." (Werther, S.40).Letztendlich beginnt er zu weinen. ,,Ich nahm das Schnupftuch vor die Augen, und verlies die Gesellschaft..." (Werther, S.44)

Auch Ullrich trifft manchmal nicht den richtigen Ton. Als er mit Renate, seiner Freundin, deren Eltern besucht, beleidigt er diese mehrere Male. Zu Beginn hielt er sich noch zurück: ,,Ullrich hatte etwas sagen wollen, etwas Ironisches, etwas Schneidendes" (Heißer Sommer, S.258). Doch nachdem er mehrere indirekte, bissige Bemerkungen gegenüber Renates Vater gemacht hatte, stand ihre Mutter auf ,,...und wollte hinausgehen" (Heißer Sommer, S.261). Einige ihm nur im entferntesten bekannten Gäste im Cosinus, dem früheren Treffpunkt seiner Freunde, beschimpfte er mit ,,Ihr Arschlöcher" (Heißer Sommer, S.248) und ,,Ihr alten Arschgeigen" (Heißer Sommer, S.249).

Zudem haben sowohl Werther wie auch Ullrich Schwierigkeiten, eine Beziehung zu führen, da ihnen eine wichtige Grundvoraussetzung fehlt: Das sogenannte Urvertrauen zu sich selbst und anderen. Werther wird als ,,...zu intensiven Bindungen [unfähiger]..." Mensch beschrieben (Lektürehilfen, S.78).

Ullrich ist ebenfalls bindungsunfähig, da er nur ,,...Zuhörer [braucht]. Leute, die selbst nicht viel redeten, aber zuhören konnten" (Heißer Sommer, S.224). Eine gleichberechtigte Stellung seiner Freunde kann er daher nicht akzeptieren. Durch den Umstand sich selbst nicht annehmen zu können, ist es für ihn auch unmöglich, einen anderen Menschen wirklich zu lieben. Er verdrängt das Problem, indem er es als Versagen betrachtet und es nicht wahrhaben will.: ,,Ich fand mich überhaupt toll, so toll, daß ich nicht darüber redete, wenn ich mal nicht toll war" (Heißer Sommer, S.224).

Werther und Ullrich sind nicht fähig, sich ihren eigentlichen Lebensaufgaben zu widmen.

Werther beschäftigt sich mit vielerlei Dingen ,,...[doch es] fällt eine gewisse Ziellosigkeit auf" (Lektürehilfen, S.77). Er möchte zeichnen, doch er kann seine Gefühle nicht ausdrücken und weiss auch nicht, was er zeichnen soll: ,,Ich könnte jetzo nicht zeichnen, nicht einen Strich..." (Werther, S.11).Er verbringt viel Zeit in der Natur, macht Spaziergänge, was für die damalige Zeit nutzlos erschien: ,,In der ziellosen Bewegung des Spaziergängers kommt eine Freiheit zum Ausdruck, die dem interesselosen, d.h. auf keinen praktischen Zweck gerichteten Wohlgefallen an der Natur entspricht" (Lektürehilfen, S.53). Er kann sich also nicht konzentrieren, da er zu viele Tätigkeiten scheinbar ziellos ausübt (siehe auch Lektürenhilfen, S.78).

Auch Ullrich hat das Problem sich nicht richtig auf etwas konzentrieren zu können, weil er kein Ziel vor Augen hat. Anstatt sich für die Vorlesungen vorzubereiten, greift Ullrich in der philosophischen Bibliothek wahllos nach irgendeinem Buch, nur um nicht aufzufallen, anstatt sich ein Buch zu nehmen, das er für eine der nächsten Vorlesungen gebrauchen könnte (Heißer Sommer, S.40). Sein Bruder Manfred fragt ihn bei seinem Besuch mit Christa, was er machen möchte. ,,Ullrich wusste es nicht" (Heißer Sommer, S.104). Er hat kein Ziel vor Augen und kann sich daher an nichts orientieren.

Werther wächst in einer ,,...von Standesvorurteilen befangenen Gesellschaft..."

(Lektürehilfen, S.60) heran, in der ,,...der heranwachsenden Schicht junger, intelektueller Bürger keine Entwicklungs- und Selbstverwirklichungsperspektiven..." (Lektürehilfen, S.60) geboten werden. Deshalb kritisiert er häufig den Adel, was besonders im Brief vom 15.März deutlich wird. Er wird vom Graf von C. weggeschickt, da er als normaler Bürger nicht in die anwesende Adelsgesellschaft passt. ,,Das fing an...[ihm] böses Blut zu sezzen" (Werther, S.90). ,,Im Brief vom 15.März... zeichnet Werther ein satirisches Bild vom Adel in der Residenz" (Lektürehilfen, S. 60/61). Er ist häufig erzürnt über den Adel, sodass er von seinen eigentlichen Gedanken und Vorhaben abgelenkt wird.

Ullrich erlebt seinerseits die Studentenbewegung der 68er Jahre. ,,Die Studenten und ihre Revolten richten sich allesamt gegen die bestehenden Gesellschaften" (Die 68er, S.12). Auch er wird von den politischen Ereignissen dieser Zeit von seiner eigentlichen Aufgabe, dem Studium, abgelenkt. Er empfindet einen persönlichen Zorn gegen die Situation der Gesellschaft, genau wie Werther. Beide setzen sich mit diesem Problem intensiv auseinander und werden dabei von ihren eigentlichen Vorhaben abgehalten.

Ullrich und Werther verbuchen beide Misserfolge. Sie haben beruflich keinen Erfolg. Werther findet, nachdem er Lotte verlassen hat, Arbeit ,,...als Gesandtschaftssekretär in einer kleinen deutschen Residenz. Doch vom ersten Brief an berichtet Werther von Ärger und Verdruss mit seinem Vorgesetzten..." (Lektürehilfen, S.27). Am 20. Oktober 1771 schreibt er seinem Freund Wilhelm: ,,Der Gesandte ist unpaß..., wenn er nur nicht so unhold wäre, wär alles gut." (Werther, S.79). Am 24. Dezember beklagt er sich erneut, ,,Der Gesandte macht...[ihm] viel Verdruß..." (Werther, S.81). Da sich die Situation nicht entspannt und der Gesandte ihn sogar ,,...bey Hofe verklagt..." (Werther, Brief vom 17.Februar, S.86) erkennt er, dass er mit dem Gesandten nicht länger arbeiten kann: ,,Ich fürchte, mein Gesandter und ich, haltens nicht lange mehr zusammen aus. Der Mensch ist ganz und gar unerträglich" (Werther, S.86).

Im Brief vom 24. März teilt er mit, dass er ,,...seine Dimißion bey Hofe verlangt [hat]..."

(Werther, S.92), welche ihm später auch gewährt wird (Werther, Brief vom 19.April, S.93). Werther gibt auf, da er sich der Konfrontation mit dem Gesandten nicht gewachsen fühlt. Ullrich scheitert in seinem Studium. Zuerst studiert er in München, er muss dort eine Seminararbeit ,,...über einen Textvergleich der verschiedenen Fassungen der Oden <<Chiron>> und <<Der blinde Sänger>>´´ (Heißer Sommer, S.87)schreiben, um den ,,...Schein für das Examen..." (Heißer Sommer, S.57) zu erhalten. Er kann sich jedoch nicht konzentrieren, ständig denkt er an andere Dinge ( siehe 1.2). Nachdem die Abgabefrist für sein Referat abgelaufen ist, bittet er einen Professor um Verlängerung. Ullrich belügt ihn, da er als Grund für seine Verspätung angibt, er ,,...muß Geld verdienen, zum Leben" (Heißer Sommer, S.87). Zögerlich gewährt er ihm diese: ,,Gut, ...ich gebe Ihnen ausnahmsweise eine Verlängerung" (Heißer Sommer, S.88). Er nimmt seine letzte Chance allerdings nicht wahr. Er gibt auf und entscheidet sich, sein Studium in Hamburg fortzusetzen. Doch auch hier scheitert er an seiner neuen Seminararbeit zum Thema ,,Die Arbeiterliteratur der zwanziger Jahre im Spiegel der Kritik" (Heißer Sommer,S.213), obwohl er sich dieses Mal mehr bemüht:"Wochenlang hatte er bis in die Nacht hinein an der Schreibmaschine gesessen. Dann aber war er hängengeblieben"(Heißer Sommer, S.221).Wie bereits in München versucht er zwar, ,,...wieder den Anschluß zu finden"(Heißer Sommer, S.220) und sich zu konzentrieren. Es gelingt ihm aber nicht (siehe 1.2). Letztendlich scheitert er am Schluss seiner Arbeit: ,,Ich krieg den Schluß nicht fertig. Ich bin einfach blockiert" (Heißer Sommer, S.232). Die Hilfe seines Freundes Petersen schlägt er aus: ,,Komm, sagte Petersen, ich schreib dir den Schluß... Aber er sagte nur: Nein" (Heißer Sommer, S.232). Kurz vor seinem Ziel gibt er zum wiederholten Male auf. Er sagt zu seinem Freund: ,,Ich hab keine Lust mehr. Es ist mir eigentlich auch wurscht" (Heißer Sommer, S.232), und während eines Ausfluges mit seinen Freunden, bei dem ,,...[sie] leicht angeturnt [waren]" (Heißer Sommer, S.234), ,,...dachte er an seine Arbeit, die er heute hätte abgeben müssen" (Heißer Sommer, S.234). Zudem kommen beide mit der Ablehnung ihrer Liebe nicht zurecht. Werther trifft es besonders schlimm. Er bringt sich deshalb sogar um. ,,...die unglückliche Liebe [zu Lotte ist] Ursache seines Selbstmords..." (Lektürehilfen, S.45). Werther ist völlig verzweifelt, als Albert, der Verlobte von Lotte, zurückkommt. Deshalb plant er, von Lotte fortzugehen. Am 30. Juli schreibt er: ,,Albert ist angekommen, und ich werde gehen..." (Werther, S.52).

Trotzdem bleibt Werther bei Lotte. Er ,,...habe manchmal so einen Augenblik aufspringenden, abschüttelnden Muths, und da, wenn... [er] nur wüste wohin, ...[er] gienge wohl." (Werther, S.55). Er hofft immer wieder, dass Lotte sich für ihn entscheidet. Erst ,,Nach sechs qualvollen Wochen hat Werther seinen... Entschluß wahr gemacht und hat Lotte verlassen"

(Lektürehilfen, S.26). Es ist aber kein Abschied für immer, denn schon am 18. Juni schreibt er Wilhelm, dass er sich auf die Reise machen wird, um ,,...Lotten wieder näher [zu sein]..." (Werther, S.97). Er kann es einfach nicht hinnehmen, dass Lotte sich nicht doch noch für ihn entscheiden will, weshalb er immer wieder hoffnungsvoll zu ihr zurückkehrt. Ullrich ergeht es ähnlich. In einem Gespräch mit Petersen gesteht er sich ein, dass er es damals, als Gaby (die Freundin eines ,,Bekannten" (Heißer Sommer, S.224)) ihn ablehnte, nicht verkraftet hat und dass er sogar darunter litt. ,,Und dann sagte sie nach einigen Tagen, sie will zu ihrem Freund zurück... Aber warum war ich plötzlich so verletzt? Warum hab ich sie angebettelt zu bleiben?...Es war mir, als habe sie gesagt, sie könne nicht mit mir leben. Ich hätte heulen können... Vielleicht habe ich darunter gelitten und ich habe es nur verdrängt" (Heißer Sommer, S.225).

Die jungen Männer suchen allerdings auf unterschiedliche Art und Weise nach einem Ausweg. Ullrich entscheidet sich, nachdem er in München versagt hat, die Universität zu wechseln und studiert in Hamburg weiter (Heißer Sommer, S.103). Er läßt das Erlebte in München zurück und beginnt ein neues Leben mit neuen Freunden und Bekannten. Werther probiert, nachdem er als Gesandtschaftssekretär gescheitert ist (siehe auch 1.3.1), nichts neues mehr aus.Anstelle dessen kehrt er zu Lotte zurück und verbringt seine Zeit in tiefster Trauer. In seinen Briefen an Wilhelm schreibt er immer wieder vom Selbstmord und vom Sterben. Er fragt sich, wie lange es wohl dauern würde, bis man ihn vergessen hat: ,,... wie lange würden sie die Lükke fühlen, die dein Verlust in ihr Schiksal reißt? wie lang?" (Werther, S.105). Zudem probiert Werther keine andere Beziehung aus, er fixiert sich nur auf Lotte. Auf der Suche nach seinem Weg lernt er das Fräulein von B. kennen, mit welchem er sich auch gut versteht (Werther, S.83).Aber auch hier nutzt er die Chance, Erfahrungen zu sammeln nicht und kehrt wieder zu Lotte zurück.

Ullrich hingegen probiert in der Beziehung immer wieder Neues aus. Er führt eine relativ ernste Beziehung mit Renate, hat aber auch extrem kurze Bekanntschaften, z.B. mit Alice und Gaby. Mit Renate ist es ihm eigentlich ernst, sie schläft aber mit Christian, einem Mitbewohner (Heißer Sommer, S.294). Dies nimmt er als willkommenen Anlass, die Beziehung zu beenden (Heißer Sommer, S.295). Ullrich möchte sich also nicht fest binden. Werther kann in einer Beziehung gar nichts Neues ausprobieren, da er sich nur auf Lotte fixiert. Er müsste hierfür zuerst eine Beziehung aufbauen.

Ein weiterer Unterschied zeigt sich in der unterschiedlichen Einstellung zur Beziehung.

Ullrich hat im Laufe seines Lebens mehrere Frauen, mit denen er eine sexuelle Beziehung eingeht oder eingehen möchte: Die Beziehung zu Ingeborg scheitert (Heißer Sommer, S. 19), Gaby spannt er einem Bekannten aus (Heißer Sommer, S.29-32), mit Christa versucht er zwar, eine Beziehung zu führen, diese hat aber bereits einen Freund (Heißer Sommer, S.174), Alice entpuppt sich als kurze Bettgeschichte (Heißer Sommer, S.185) nur mit Renate ist er etwas länger zusammen (Heißer Sommer, S.247). Da er aber nicht in der Lage ist, eine tiefere Bindung einzugehen (siehe auch 1.1.2), werden alle Beziehungen mehr oder weniger schnell, häufig auch ohne triftigen Grund, beendet.

Werther hat zwar vor der Bekanntschaft mit Lotte eine Beziehung zu einem älteren Mädchen, diese verstirbt aber früh: ,,Ach ihre Jahre, die sie voraus hatte, führten sie früher an`s Grab als mich" (Werther, S.15). In ihrer Gegenwart fühlte er sich wohl und verstanden (Werther, S.15). ,,Die Wiederholung einer solchen gelungenen Verständigung erhofft sich Werther später in seinem Verhältnis zu Lotte" (Lektürehilfe, S.46) Er fixiert sich nur noch auf Lotte, Sein Ziel ist es, nur sie zu ,,besizzen" (Werther, S.124). Eine engere Beziehung mit dem Fräulein von B. geht er nicht ein.

Die Beziehung zu Lotte ist Werther sehr ernst. In ihrer Gegenwart ist er ,,...in Träumen rings in der dämmernden Welt verloren..." und er fühlt sich, als wäre er ,,...kein Mensch mehr" (Lektürehilfen, S. 47). Ohne sie kann er nicht mehr leben.

Für Ullrich hingegen ist eine Beziehung nicht sehr ernst. Er hat viele Frauen (siehe 2.2.1.) und kann sich manchmal nicht einmal mehr an ihre Namen erinnern: ,,Gaby, hatte sie ihr Freund genannt, glaubte er" (Heißer Sommer, S. 45). In einem Gespräch mit Petersen gibt er zu, dass er all seine Frauengeschichten nur als Beweis für sich selbst braucht, dass er toll ist. Schwächen kann er nicht zugeben. Ferner kann er nicht allein sein, weil er nicht über seine Misserfolge nachdenken will (Heißer Sommer, S. 224/225). Ullrich führt eine Beziehung also nur aus rein egoistischen Gründen.

Ein weiterer Unterschied zwischen Werther und Ullrich besteht in der Art und Weise, wie sie letztendlich ihre Misserfolge verkraften und dann eine Lösungsmöglichkeit finden. Für Werther gibt es nur Lotte, sie ist das einzige, was er ,,besizzen" (Werther, S.124) möchte. Er hat schliesslich jederzeit die Möglichkeit, Wahlheim endgültig zu verlassen, woanders ein neues Leben zu beginnen - und sich auch neu zu verlieben. Beinahe hat er es sogar geschafft. Nachdem er Lotte verlassen hat, lässt er sich in einer anderen deutschen Provinz nieder, wo er sich auch recht wohl fühlt:,,Ich fange an mich in sofern ganz leidlich hier zu befinden" (Werther, S.80). Bald macht er auch die Bekanntschaft mit dem Grafen C., ,,...einen Mann, den... [er] jeden Tag mehr verehren muß" (Werther, S.80). Sie waren sich von Anfang an sympatisch: ,,Er nahm Theil an mir,...und... bey den ersten Worten merkte[n wir], daß wir uns

verstunden..." (Werther, S.80). Ausserdem lernt er bei einem Spaziergang das Fräulein von B.

kennen, welches er als ,,...liebenswürdiges Geschöpf..." bezeichnet (Werther, S.83). In seinem Brief an Lotte vom 20. Januar sagt er sogar, dass das Fräulein von B. Lotte gleiche (Werther, S.85)! Er schreibt: ,,...wir verphantasiren manche Stunde in ländlichen Scenen von ungemischter Glükseligkeit..." (Werther, S.86). Obwohl Werther in der Provinz einige neue Bekanntschaften und Freundschaften, insbesondere mit dem Fräulein von B. und dem Grafen, geknüpft hat, fühlt er sich letztendlich nicht wohl, und kehrt doch zu Lotte, dem einzigen Mittelpunkt in seinem Leben, zurück.

Zunächst erscheint Ullrichs Verlangen nach Christa dem von Werther nach Lotte zu ähneln.Der Unterschied liegt aber deutlich in der Art und Weise, wie die Beziehung endet. Lange Zeit versucht er immer wieder, neuen Kontakt zu Christa zu knüpfen. Im Januar besucht sie Ullrich abends in Hamburg und erzählt von ihrer Arbeit beim Bayerischen Rundfunk. Zunächst hat er ,,...ruhig neben ihr gesessen, bis ihm auffiel, daß sie auch in Bamberg das Haar hochgebunden getragen hatte" (Heißer Sommer, S.298). Als er an diese Situation in der Vergangenheit denkt, werden seine Gefühle gegenüber Christa wieder erweckt. Er wird unruhig und läuft im Zimmer auf und ab (Heißer Sommer, S.298). Aber letztendlich merkt Ullrich, dass er sich weiterentwickelt hat und dass sich daher sein Verhältnis zu Christa verändert hat: ,,Nachdem sie gegangen war, fragte er sich, ob sie schon immer so gewesen war, oder war er es, der sich so verändert hatte?" (Heißer Sommer, S.299).Im Gegensatz zu Werther erkennt Ullrich ganz klar, dass eine Beziehung zu Christa nicht mehr möglich ist.

Er setzt unter all seine Misserfolge einen Schlussstrich. Er wollte zwar von Anfang an Lehrer werden (Heißer Sommer, S.27), sein Versagen in Bezug auf die Seminararbeit hält ihn aber davon ab. Der Hauptgrund ist jedoch, dass ihn Professor Maier während eines Seminares vor allen anwesenden Studenten blossgestellt hat: Ullrich kann seine Frage nicht beantworten, woraufhin Professor Maier sagt: ,,...man müsse sich schon konzentrieren, sonst könne man gleich zu Hause bleiben" (Heißer Sommer, S.36). Hierfür schämt er sich so sehr, dass er nicht mehr Lehrer werden möchte. Nachdem Roland, sein Arbeitskollege aus der Fabrik, ihm sagt, er solle Lehrer werden (Heißer Sommer, S.289 und S.290), findet er endlich den Mut: ,,Als Roland sagte: Werd mal Lehrer, da hat er nur ausgesprochen, was mir irgendwie schon klar war, nur eben unausgesprochen" (Heißer Sommer, S.300). Endlich hat er ein Ziel, er erkundigt sich über das Studium zum Volksschullehrer (Heißer Sommer, S.300), verlässt seine Freunde in Hamburg (Heißer Sommer, S.296/297, S.303, S.304, S.311) und kehrt voller Vorfreude nach München zurück, um dort noch einmal von vorne zu beginnen. ,,Abends würde er in München sein. Er freute sich" (Heißer Sommer, S.311).

Werther hingegen sieht keinen anderen Ausweg als den Selbstmord.Für ihn gibt es keinen Neuanfang. Schon in seinem Brief vom 22. Mai 1771 deutet er zum ersten Mal die Möglichkeit des Selbstmordes als Befreiung an: ,,Und dann, so eingeschränkt er ist, hält er doch immer im Herzen das süsse Gefühl von Freyheit, und daß er diesen Kerker verlassen kann, wann er will" (Werther, S.18). Obwohl er zunächst nicht den Mut hat, sich umzubringen (Werther, S.117, Brief vom 8.Dezember 1772), schreibt er in einem Brief an Lotte: ,,Es ist beschlossen, Lotte, ich will sterben..." (Werther, S.125). Sein Selbstmord ist gut vorbereitet und geplant (Werther, S.127-150). Seine letzten Worte sind an Lotte gerichtet: ,,...So sey´s denn-Lotte! Lotte leb wohl! Leb wohl!" (Werther, S.150)

Zwischen Werther und Ullrich gibt es einige Gemeinsamkeiten. Betrachtet man beispielsweise das Verhalten der beiden unter Berücksichtigung der Zeitspanne, die zwischen ihnen liegt, und den damals vorherrschenden Sitten, so fällt eine gewisse Ähnlichkeit auf. Auch ihr Versagen im Beruf oder ihre Ziellosigkeit sind prägnant.

Dennoch überwiegen die Unterschiede zwischen Werther und Ullrich, besonders bezüglich dem Umgang mit ihrem Misserfolg: Ullrich findet nach langer Suche und durch die Überwindung vieler sicherlich schmerzlicher Hürden endlich zu seinem Ziel: Er wird Volksschullehrer und beginnt ein neues Leben.

Werther hingegen findet seinen Weg aus der ihm ausweglos erscheinenden Situation nicht. Für ihn gibt es nur eine Lösung: den Selbstmord.

Haben Werther und Ullrich wirklich nach einem Weg gesucht?

Ich bin der Meinung, dass Ullrich nach langer Suche den richtigen Weg gefunden hat.Trotz seiner vielen Mißerfolge findet er letztendlich doch noch ein für ihn erstrebenswertes Ziel, wenn auch über viele Umwege.Ullrich hat aber im Gegensatz zu Werther nie richtig aufgegeben. Er probiert immer wieder neue Möglichkeiten und Wege aus (z.B. sein Universitätswechsel von München nach Hamburg oder die Arbeit in der Fabrik). Ullrich hat auf der Suche nach seinem Weg und somit auch nach seinem Ziel viele wichtige Erfahrungen gesammelt, die ihm später zugute kommen können. Werther hat meiner Meinung nach nie wirklich nach einem alternativen Weg gesucht. Für ihn gibt es nur Lotte, sein Blickwinkel ist soweit eingeengt, dass er seine Umwelt nicht mehr wahrnehmen kann. Jede Chance (z.B. während seines Aufenthaltes bei dem Grafen C.) vergibt er ungenutzt, da er immerfort an Lotte denkt.

Primärliteratur:

- Johann Wolfgang Goethe: ,,Die Leiden des jungen Werther" Deutscher Taschenbuchverlag, München 1998
- Uwe Timm: ,,Heißer Sommer" Verlag Kiepenhauer & Witsch, Köln 1985

Sekundärliteratur:

-Thomas Siepmann: Lektürehilfen Johann Wolfgang von Goethe ,,Die Leiden des jungen Werther", 6.Auflage Ernst KlettVerlag, Stuttgart 1997
- Rolf Uesseler: Die 68er: "Macht kaputt, was Euch kaputt macht!" APO, Marx und freie Liebe Wilhelm Heyne Verlag, München 1998

Die vorliegende Arbeit habe ich selbstständig angefertigt. Alle verwendeten Hilfsmittel habe ich vollständig angegeben.

10 von 10 Seiten

Details

Titel
Zwei junge Männer suchen ihren Weg. Vergleich von Goethes "Die Leiden des jungen Werther" und Uwe Timms "Heißer Sommer"
Veranstaltung
Deutschunterricht 11. Klasse
Autor
Jahr
1999
Seiten
10
Katalognummer
V95636
Dateigröße
436 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Aus dem Roman "Heißer Sommer" von Uwe Timm sowie dem Briefroman "Die Leiden des jungen Werthers" von Johann Wolfgang Goethe
Schlagworte
Goethe, Johann, Wolfgang, Leiden, Werther, Timm, Heißer, Sommer, Ullrich, Männer, Zeigen, Gemeinsamkeiten, Unterschiede, Deutschunterricht, Klasse
Arbeit zitieren
A. Schmitt (Autor), 1999, Zwei junge Männer suchen ihren Weg. Vergleich von Goethes "Die Leiden des jungen Werther" und Uwe Timms "Heißer Sommer", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/95636

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