Handke, Peter - Aber im Moment fühlst du dich wohl? [,,Der kurze Brief zum langen Abschied", S. 81]


Referat / Aufsatz (Schule), 1998

11 Seiten, Note: 1++


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Inhaltsverzeichnis:

Biographie

Literarisches Werk

Ein kurzer Brief zum langen Abschied
Inhalt
Interpretation

Rezeptionsgeschichte

Quellenangabe / Literaturverzeichnis

Peter Handke

Peter Handke wurde am 6. Dezember 1942 in Altenmark bei Griffen in Kärnten geboren. Der Erzähler, Dramatiker, Lyriker, Hörspiel- und Filmbuchautor, Essayist und Übersetzer wuchs in materiell sehr bedrängten Verhältnissen auf. Sein Großvater war slowenischer Abstammung - ein Bauer und Zimmermann, seine Mutter arbeitete als Abwaschhilfe, Stubenmädchen und Köchin. Seinen leiblichen Vater, einen deutschen Soldaten, sollte er nie kennenlernen, da seine Eltern sich vor seiner Geburt trennten. In der Zeit von 1944 - 1948 lebte Peter Handke mit seiner Mutter und seinem Stiefvater im Osten Berlins, zog jedoch 1948 ins Geburtshaus der Mutter nahe Griffen um. Bruno Handke - sein Stiefvater - arbeitete in der familieneigenen Werkstatt, verfiel aber wegen finanzieller Probleme dem Alkoholismus.

Die ersten Publikationen Handkes - kleine Artikel - waren in der Internatszeitschrift ,,Fackel" und später in der Universitätszeitung ,,manuskripte" zu lesen. Kurz vor Abschluß seines Jurastudiums wurde vom Suhrkamp Verlag das Manuskript ,,Die Hornissen" angenommen - daraufhin folgte auch der Abbruch des Studiums.

Aus seiner ehelichen Verbindung mit der Schauspielerin Libgart Schwarz entstammt die Tochter Amina; später wird Handke ein weiteres Mal Vater, dieses Kind wird schon in seinem Haus in der Nähe von Paris geboren wird.

Bei einem Treffen der ,,Gruppe 47"1 in Princeton warf er den zeitgenössischen Autoren ,,Beschreibungsimpotenz" vor. Seitdem provozieren Handkes Werke, die auf einer Reflexion der eigenen Biographie wie auch der eigenen Schreibhaltung beruhen, die literarische Öffentlichkeit.

Dennoch wurde er mit zahlreichen Auszeichnungen honoriert:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Literarisches Werk:

Nach frühen Texten in den bereits genannten Zeitungen ,,Fackel" und ,,manuskripte" wurde schließlich auch Handkes erster vollständiger Roman mit dem Titel ,,Die Hornissen" verlegt. Das Suhrkamp Taschenbuch Nummer 416 war nur der Anfang einer umfangreichen Schriftstellerkarriere.

Auszug aus dem Werkverzeichnis:

,,Die Hornissen". Roman. 1965

,,Publikumsbeschimpfung und andere Sprechstücke". 1966 ,,Der Hausierer". Roman. 1967

,,Begrüßung des Aufsichtsrats". Prosatext. 1967 ,,Hilferufe" 1967

,,Die Literatur ist romantisch". Aufsatz. 1967 ,,Kaspar". Theater. 1968

,,Hörspiel". 1968

,,Prosa, Gedichte, Theaterstücke, Hörspiele, Aufsätze". 1969 ,,Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt" 1969 ,,Deutsche Gedichte" 1969

,,Die Angst des Tormanns beim Elfmeter". Erzählung. 1970 ,,Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms". Aufsätze. 1972 ,,Der kurze Brief zum langen Abschied.". Erzählung. 1974

,,Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina" 1996 oder ,,Gerechtigkeit für Serbien".

,,In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus" 1997 ,,Am Felsfenster Morgens" 1998

Handkes ,,Werk" umfaßt sowohl Erzählungen, Theaterstücke, Hörspiele, Sprechstücke, Filmbücher als auch Romane, Lyrik, Essays und Übersetzungen. Mit Ausnahme von ,,Am Felsfenster Morgens" (Residenz) sind alle Werke Handkes im Suhrkamp Verlag erschienen.

Der kurze Brief zum langen Abschied Ein junger österreichischer Schriftsteller - dessen Namen man nicht erfährt - verläßt seine Frau, um eine Reise durch Amerika zu unternehmen. Der Grund für diese Reise ist die völlige Zerrüttung seiner Ehe mit Judith - einer Schauspielerin. Einen Tag nach seiner Ankunft im Hotel in Providence, an der amerikanischen Ostküste, erhält er einen kurzen Brief seiner Frau - die ihm ohne sein Wissen nachgereist ist. Dieser ,,kurze Brief" besteht allein aus der Warnung sie nicht zu suchen:

,,Ich bin in New York. Bitte such mich nicht, es wäre nicht schön mich zu finden." Am fünften Tag seiner Reise besucht der Protagonist eine seiner früheren kurzen Liebschaften in Phoenixville. Die mittlerweile geschiedene Deutschlektorin Claire hat beschlossen, mit ihrer zweijährigen Tochter Benedictine eine Reise zu Freunden nach St. Louis zu unternehmen. Er entschließt, sich die beiden zu begleiten. Der erste Tag verläuft ohne Zwischenfälle. Am zweiten Tag gerät er in sumpfiges Gebiet und kann sich nur durch einen Sprung retten. Ebenso kommt es zur ersten intimen Begegnung der beiden - am 30. Geburtstag des Protagonisten. In Rock Hill, einem Vorort von St. Louis und dem Ziel ihrer Reise, quartieren sie sich für ca. 20 Tage bei einem kinderlosen Ehepaar ein, das biederer nicht sein könnte. Ihr Gastgeber ist Maler und stellt Filmplakate her über die Frau erfahren wir wenig.

Judith beginnt nun mit ihrem Terror - die erste Drohbotschaft trifft ein. Kurz darauf eine weitere per Post. Es scheint, Judith sei gekommen, um ihn zu töten.

Das Treffen mit einem befreundeten deutschen Dramaturgen ist zugleich auch der Abschied von Claire.

Bei dem Vorhaben, seinen Bruder - einen Holzfäller in Estacada - zu besuchen, wird er von Judith noch zweimal gepeinigt. Er vermutet sie als Anstifterin der Jugendgang, die ihn überfallen und ausgeraubt hat, auch entgeht er nur knapp einem Säureattentat. Der Aufforderung Judiths folgend, begibt er sich nach Twin Rocks an der Pazifikküste, wo sie ihm mit dem entsicherten, gespannten Revolver begegnet, sich diesen aber entwinden läßt. Gemeinsam fahren sie zu dem 76-jährigen Regisseur John Ford.

Nach einem langen Gespräch - insbesonders zwischen Judith und John Ford- endet die Handlung mit einem völlig offenen Schluß.

Interpretationsansätze:

Der ,,Kurze Brief" ist im Gegensatz zu anderen Erzählungen Handkes in der ,,Ich-Form" gehalten. Der personale Erzähler handelt aus seiner eingeschränkten Perspektive. Da Handke alle fiktionalen Arrangements - wie zum Beispiel Rückblicke - ablehnt, erzählt er in chronologischer Reihenfolge. Im ersten Teil schwankt die aufgewendete Erzählzeit zwischen 27 Seiten (zweiter Tag) und 2,5 Seiten (drittletzter Tag). Insgesamt werden von dem Aufenthalt - dessen Ausgang offen bleibt - drei bis vier Wochen zum Gegenstand der Erzählung. Ein typischer Bildungsroman - er beschriebt die Entwicklung einer Einzelgestalt innerhalb der besitzbürgerlichen Welt. Die zentrale Person muß im Bildungsroman lernen sich in die Gesellschaft zu integrieren. Andere ,,klassische" Vertreter des Bildungsromans sind: Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahre von J.W. Goethe.

Die amerikanische Landschaft kommt in der Erzählung kaum ins Bild, obwohl der spätere Handke für die Darstellung der Landschaftsbilder berühmt wird (Langsame Heimkehr). Selbst New York würdigt er keiner Beschreibung. Gering hält Handke auch die Zahl der Personen die das ,,Ich" begegnet. Claire nimmt hier eine Sonderstellung ein. Sie ist intellektuell - eine Germanistin mit starkem Interesse an der europäischen Kultur - so steht sie Amerika kritisch gegenüber. Sie sieht ihr Land als ,,Land der inneren Stagnation", der ,,Vergangenheitsverherrlichung" und der ,,psychischen Schrumpfsehnsucht". In den Gesprächen mit dem deutschen Dramaturgen und dem Liebespaar entsteht ein Bild des Amerikaners, das den negativen europäischen Klischeevorstellungen entspricht - ebenso was wir über die Beziehung ,,des Amerikaners" zur Kunst erfahren: Ein eher niederschmetterndes Bild. Bei der Aufführung von ,,Don Carlos" werden die Zuschauer unruhig weil seit 5 Minuten keine ,,Action" mehr zu sehen war. Das die Exekution des Marquis hinter der Bühne geschieht enttäuscht sie.

Der Wunsch, John Ford zu besuchen, mußte wohl vor der Reise entstanden sein. Es ergeben sich einige Unterschiede zu den anderen Personen in der Erzählung. Als einziges wird John Fords Aussehen ausführlich beschrieben. Er wirkt weniger wie ein beliebter Mitmensch, als der Typus des ,,Alten Weisen". Das Bild des Schmetterlings, der sich auf dem Handrücken unseres Protagonisten niederläßt und anscheinend im Gleichtakt mit Judiths Wimpersenken die Flügel zusammenfaltet, verweist für den, der die ,,Lehre der Sainte-Victoire" kennt, auf Tod und Befreiung: ,,die Schmetterlinge, immer wieder, (...), meine Toten" oder an anderer Stelle als Zitat: ,,die erlösten Gedanken der heiligen Toten". Ford wohnt nicht in einer Durchschnittsgegend, sondern in Bel Air, wo er eine Villa samt Park besitzt. Die Ewigkeit, die in den Orangenbäumen und Zypressen zu wohnen scheint, teilt sich den Bewohnern des Hauses und ihren Gästen mit.

,,Wenn die Sonne durchscheint und darin spielt, vergesse ich das" sagte John Ford. ,,Und ich vergesse auch mich selber und meine Anwesenheit.

Das Ich wird durch eine starke Haßliebe mit Judith - die wie Handkes geschiedene Frau Libgart Schwarz Schauspielerin ist - verbunden. Offenbar hat sie eine schwere Jugend durchlebt und sich zunächst als Verkäuferin durchschlagen müssen. Wir erfahren nichts über ihr aussehen, lediglich werden Gestik und Mimik beschrieben und führen zur vagen Vorstellung einer Person. Das mehrfach erwähnte Stolpern wird geradezu zum Leitmotiv der Charakteristik erhoben. Sie sei zwar geschickt in manuellen Dingen, ,,nur rutscht sie fortwährend dabei aus, stolperte, zertrat andere Sachen dabei, bis ich nicht mehr hinschauenkonnte". Der Ich-Erzähler bescheinigt sich selbst einen ,,hysterischen Zeitsinn". Zwanghaft muß er sich an der Zeit orientieren, etwa durch ständige Anrufe bei der Zeitansage. Judith hingegen ,,hatte keinen Zeitsinn". Sie lebt im Augenblick, kommt zu jeder Verabredung zu spät, weil sie die Zeit nicht laufend unter Kontrolle hält wie etwa der Ich- Erzähler. Er allerdings interpretiert diese chronische Zuspätkommen das als Auswuchs ihrer Egozentrik. Ihren sorglosen Umgang mit Geld erklärt er als noch nicht überwundene kindliche Tauschlust. Paradox wirkt auch, wie sie in Amerika Kontakt zu ihm herstellt. Ihre verbale Warnung ,,Such mich bitte nicht" ist natürlich eine Aufforderung zu Kontaktaufnahme. Die Beziehung zu Claire steht unter ganz anderen Vorzeichen als die zu Judith und wird als beglückend und psychisch heilsam erlebt. In den Augen des Erzähler wirkt Claire als ruhige Person, die nie nimmt nur gibt - die ideale Geliebte und Mutter zugleich. Das Verhältnis zu ihr ist von vornherein problemfrei, weil der Gedanke an eine Dauerbindung überhaupt nicht aufkommt - und damit auch nicht die ,,schizoide Angst" vor der Vereinnahmung. Claire scheint mit der Beziehung auf Distanz und Abruf einverstanden zu sein.

,,Wir waren oft zusammen, und trennten uns wieder, ohne einander fremd zu sein, aber auch ohne einander zu beanspruchen. Etwas anderes war mir nicht mehr möglich, und Claire schien auch nicht zu wissen, daß etwas anderes überhaupt möglich sei."

Zumindest eine zentrale Eigenschaft Benedictines - der Tochter Claires - wird sehr genau ausgeleuchtet - ihre Phobie vor jeder Art von Veränderung. Die Flasche nimmt sie nur wenn sie mit der ,,richtigen Hand" gereicht wird, verschiedene Kosenamen bringen sie in Tiefe Verwirrung. Auch mit ihren Spielsachen darf kein anderes Kind spielen. Die Mutter sah darin anfangs Besitzgier, später erkannte man darin Verlust- und Trennungsängste die dieses Verhalten bedingen: Alles muß seinen Platz haben, damit das Kind auch das Gefühl haben kann, an seinem Platz zu sein. Für den Ich-Erzähler ist Benedictine interessant um seine Erlebnisse aufzuarbeiten. Das Kind verhilft ihm tatsächlich zu einer wichtigen Selbsterkenntnis.

,,Als ich mit dem Kind zusammen war und immer wieder nach dem Namen von Sachen gefragt wurde, merkte ich auch, wie sehr ich mich bis jetzt fast nur um mich selber gekümmert hatte, denn von nicht Wenigem in der Umgebung wußte ich nicht was es war. Erst jetzt fiel mir auch, daß mir für die gewöhnlichsten Bewegungen um mich herum die Wörter fehlen."

Manche Motive erinnern deutlich an Gottfried Kellers ,,Grüner Heinrich" - einen der wichtigsten Bildungsromane in der deutschsprachigen Literatur - in dem der Protagonist ständig liest. So ist Judith auch der Name der geliebten im ,,Grünen Heinrich". Ebenso entspricht die bis dahin die für Handke so untypische Erzählperspektive der im ,,Grünen Heinrich".

,,Damit überschritt Handke den Bereich der sprach- und erkenntniskritischen Systemattacken und erweiterte die thematisierten Probleme der Wahrnehmung und Kommunikation um die der Existenz; er analysierte nicht nur Zeichensysteme des Bewußtseins, sondern auch die Wiederholungszwänge des Daseins". KLG/ Peter Pütz

Rezeptionsgeschichte:

Obwohl Peter Handke von Anfang an die Aufmerksamkeit der Literaturszene auf sich zog, ist seine wohl erfolgreichste Erzählung - ,,Der kurze Brief zum langen Abschied" - noch nie zum Gegenstand einer plausiblen Interpretation geworden. Ein renommierter Interpret der modernen Literatur, Manfred Durzak, versuchte in einem Gespräch mit Handke, diesem ein Geständnis abzuringen, er hätte seine ,,Zypressen-Epiphanie" bei Musil, Broch oder Canetti ,,gleichsam abgeschrieben".

Seit 1996 fällt Handke immer wieder mit seiner serbienfreundlichen Haltung in den Medien auf. Während des ersten Kriegs in Jugoslawien reiste er einige Tage zu den Kriegsschauplätzen und schrieb seinen wild diskutierten Essay ,,Gerechtigkeit für Serbien". Als Anfang April das NATO-Bombardement gegen Serbien begann, reiste Handke abermals in den Krieg, legte den Büchner-Preis zurück und trat aus der Kirche aus. Mit dem Maler Adrian Bauer reiste er im Auto durch Slowenien und Kroatien nach Banja Luka, reiste dann einige Tage weiter, besuchte Belgrad, das zerstörte Autowerk in Kragujevac und nach Krusevac, wo Raketen ein Wohngebiet verwüstet hatten. Nach Frankreich zurückgekehrt gab er ein Interview für die Zeitschrift NEWS:

,,Es ist etwas so Schmutziges passiert wie seit Hitler nicht mehr"

NEWS: Herr Handke, sind Sie Serbe, womöglich Großserbe, wie auch schon geschrieben wurde?

Handke: Alles, was nicht häßlich und schmutzig antiserbisch ist, muß sich heute gefallen lassen, als proserbisch bezeichnet zu werden. Für mich ist das Antiserbentum, das als Hauptschmutzstrom gegen ein Volk auftritt, ein Schimpfwort wie Antisemit geworden. Die Antiserben sind für mich auf andere Weise genauso übel und unerträglich wie die Antisemiten in ihrer schlimmsten Zeit. Ich bin nicht pro, ich bin mit den Serben, physisch, historisch, herzlich, gedanklich, mit den Füßen, mit den Händen. Da ist kein Moment Spiel dabei. Das ist Schwerkraft, Durchlässigkeit, Blick. Ich brauche nicht mehr von der Liebe zu schwafeln. Ich bin mit ihnen. Und deswegen bin ich hier, in der Nähe von Paris, unruhiger als dort.

NEWS: Was war Ihr erster Eindruck, als Sie das Land betraten?

Handke: Das Eindringlichste war das Gefühl der Todgeweihtheit der Soldaten. Die waren nicht in Trupps zu sehen, sondern einzeln, zum Teil getarnt, und haben irgendwelche Kasernen an der Save bewacht. So einer steht allein draußen im Gras, und der Himmel ist frei - ein Zeichen, daß die heute gut bomben können. Früher hat man von Kaiserwetter gesprochen, heute von Bomberwetter. [...]

NEWS: In Europa sind heute die Friedensmarschierer von einst, die roten und grünen Minister, für das Bombardement mit zuständig.

Handke: Dieser Spanier von der NATO, dessen Namen ich nicht über die Lippen bringe, erklärt als Ausrede für den Krieg: ,,Ich kann kein schlimmer Mensch sein, denn ich bin ein Achtundsechziger." Der amerikanische Dreckskerl, der englische Kunstturner, alle diese Verbrechertypen gehören der Generation an, die uns ,,Make love not war" vorgesungen hat. Deshalb, so erklären sie, können sie keine Kalten Krieger sein. [...]. Brechts Spruch ,,Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem dies kroch" trifft heute auf die ,,Flower-Power"- und ,,Make love not war"-Grünen zu. [...]. Für mich ist das, [...], etwas anderes: die Grünen, der Typ, der Bundeskanzler ist, und der Bombenminister. Das ist das grausig-ewige Deutschland. Gleichzeitig mit der Kritik über diese Aussagen bekam Handke auch den Mißmut der Rezensenten und Theaterkritiker zu spüren. Sein neuestes Stück ,,Die Fahrt im Einbaum" wurde verrissen. Dazu äußerte sich Handke folgendermaßen:

NEWS: Man ist soeben über Ihr Stück ,,Die Fahrt im Einbaum" hergefallen, kaum daß es veröffentlicht war.

Handke: Ja, in der ,,Zeit" und in der ,,Frankfurter Rundschau". [...]. Einer schreibt, der Verlag hat das Buch früher herausgebracht, um Geld zu verdienen, ohne zu wissen, daß es seit Winter für diesen Termin angekündigt war. Der Tatbestand der Verleumdung ist damit erfüllt. Es wird erzählt, ich hätte das Massaker von Srebrenica geleugnet, obwohl diese Sätze im Stück ein Irrer sagt. [...].

Doch wird nicht nur Peter Handke kritisiert, sondern auch er übt Kritik: ,,Musils ,Mann ohne Eigenschaften` ist für mich ein bis in die einzelnen Sätze größenwahnsinniges und unerträglich meinungsverliebtes Werk". Thomas Mann erledigt er sozusagen ,,en passant": ,,[...] Thomas Mann mit seinen fuchtelnden Prosasätzen [...]" . Zu Grass : ,,Ich bin auch froh, das die Zeit vorbei ist, als sich Grass hat wichtig machen dürfen". Frisch und Dürrematt werden als bloße ,,biedermännische Schreiber" abgewertet. Ja sogar der auf den ersten Blick mit Handke Wesensverwandte Thomas Bernhard wird abgetan: ,,Wie wenn ein Spiegelreporter als Schriftsteller auftritt, so schreibt Thomas Bernhard in den letzten Jahren". Nur wenige Autoren finden in Handkes Augen Gnade: Ludwig Hohl, Hermann Lenz, Nicolas Born und, sozusagen als ,,geistiger Stammvater", Franz Kafka.

Auf professionelle Kritik scheint Handke aggressiv zu reagieren. Mit Marcel Reich-Ranicki verbindet in eine dauerhafte erbitterte Feindschaft, die sich auf Handkes Seite zu einer Satire auf den Gegner steigert. So soll laut Handke die wahnsinnige Dogge in der ,,Lehre der SainteVictoire" Reich-Ranicki darstellen.

Literaturverzeichnis:

Für diese Arbeit habe ich nur folgende Texte und Bücher verwendet.

Handke, Peter: Der kurze Brief zum langen Abschied. Suhrkamp.

Handke, Peter: Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt. Edition Suhrkamp.

Handke, Peter: Publikumsbeschimpfung und andere Sprechstücke. Edition Suhrkamp. Handke, Peter: Die Hornissen. Suhrkamp.

Handke, Peter: Langsame Heimkehr. Suhrkamp. In Auszüge gelesen.

Handke, Peter: Die Lehre der Sainte-Victoire. Suhrkamp. In Auszüge gelesen.

Handke, Peter: Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien. Suhrkamp.

Handke, Peter: In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus. Suhrkamp. Müller, André: Im Gespräch mit Peter Handke. Schindler.

Arnold, Heinz Ludwig (Hsg.): Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.

44. Neuauflage. Band 4. Peter Handke Seite 1 - 23 und die Anhänge ABCD.

Haslinger, Adolf: Peter Handke. Die Jugend eines Schriftstellers. Suhrkamp.

Bahners, K.; Eversberg, G.; Poppe R. (Hsg.): Königs Erläuterungen und Materialien: Publikumsbeschimpfung und Kaspar. Bange Verlag.

,,Handkes Chronik: Ein Abrißkalender". In: Der Standard Online. (ww)

,,Laßt mein Stück in Frieden!". In: Der Standard 20./21. März 1999.

,,Handke erfindet einen Staat für Peymann." In: Der Standard Online. (elce)

,,Mit Sprechgymnastik fit für die Unsterblichkeit.!" In: Der Standard Online. (poh) Alle http://www.derstandard.at/

Wortanzahl: Inhalt = 352

Interpretation = 983 Rezeption = 782

Gesamt = 211

1 Die Gruppe 47 ist eine Gruppierung von deutschsprachigen Autoren und Publizisten. Sie entstand aus einem Kreis junger Autoren/Innen die auf Einladung Hans Werner Richters zu ihrem ersten Treffen erschienen. Ihre Themen waren Literatur und die erste Ausgabe des ,,Skorpion" - eine literarisch-satirische Zeitschrift - die aber nie erscheinen sollte. Die Gruppe 47 zersplitterte 1967, die offizielle Schlußtagung fand 1977 statt. Mitglieder waren unter anderen: Günther Grass, Martin Walser, Heinrich Böll, Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann und weniger prominente Autoren.

11 von 11 Seiten

Details

Titel
Handke, Peter - Aber im Moment fühlst du dich wohl? [,,Der kurze Brief zum langen Abschied", S. 81]
Note
1++
Autor
Jahr
1998
Seiten
11
Katalognummer
V95645
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Handke, Peter, Aber, Moment, Brief, Abschied
Arbeit zitieren
Christian Freyschlag (Autor), 1998, Handke, Peter - Aber im Moment fühlst du dich wohl? [,,Der kurze Brief zum langen Abschied", S. 81], München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/95645

Kommentare

  • Gast am 18.3.2002

    Super.

    Ich finde dein Referat sehr gut und danke dir vielmals.
    Du hilfst mir sehr bei meiner Matura-Spezialfrage!
    Mach weiter so!

  • Gast am 6.4.2002

    Einfach toll.

    Ich finde dein referat auch total super!
    du hilfst auch mir sehr bei einem referat.
    durch dich sehe ich das ganze in einem zusammenhang,der mir vorher nicht klar war!Weiter so!
    Danke

  • Gast am 22.5.2002

    Herr.

    Sehr zu empfehlen, klar strukturiert und auf den Punkt gebracht. Hoffe, dass ich einige Aspekte für meine Deutsch Klausur verwenden kann.

    Heftig Altaa !!!!

  • Gast am 15.4.2009

    Vorsicht!.

    Auch wenn es im Referat für eine 1 gereicht hat, die Interpretation ist viel zu einseitig und in einigen Punkten einfach falsch. So wird hier zum Beispiel geschrieben: "Ein typischer Bildungsroman - er beschriebt die Entwicklung einer Einzelgestalt innerhalb der besitzbürgerlichen Welt. " Für eine Zuordnung des Romans zur Gattung des Bildungsromans ist diese "Definition" völlig an den Haaren herbeigezogen. Es gibt andere Punkte, die die Nähe zur Gattung des Bildungsromans ausmachen.

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