Politische Bildung in der Grundschule


Seminararbeit, 2002
34 Seiten, Note: Keine Benotung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Ist politische Bildung in der Grundschule überhaupt möglich?

2. Was bedeutet der Begriff " Politik "
2.1. Dimensionen politischen Lernens in der Grundschule
2.2 polity im politischen Lernen der Grundschule
2.3 policy im politischen Lernen der Grundschule
2.4 politics im politischen Lernen der Grundschule
2.5 Hilfestellungen zur Erschließung politischer Aspekte im Schulalltag

3. Was fordert der Rahmenplan Grundschule / Hessen ?
3.1 Übergreifende Orientierungen / Die Grundschule als Ort grundlegender Erfahrungen
3.2 Sinnerfahrung, Werterfahrung, religiöse Erfahrung
3.3 Didaktische Grundsätze
3.4 Pläne der Fächer/ Lernbereiche
3.5 Die Grundschule als Lebensraum und Lernstätte

4. Demokratisches Lernen in der Grundschule
4.1 Demokratische Beteiligung
4.2 SchülerInnen erlernen Demokratie als handelndes Subjekt
4.3 Handlungsorientierter Unterricht – demokratisches, wie auch soziales Lernen
4.4 Handlungsorientierter Unterricht in der Praxis

5. Ergebnisse einer Umfrage zur politischen Bildung in der Grundschule aus dem Jahre 1983
5.1 Ziele und Inhalte der Sozialkunde in der Grundschule
5.2 Wie politisch ist die politische Bildung im Spiegel der LehrerInnenmeinung?

6. Auswertung der selbst durchgeführten LehrerInnenbefragung

7. Literaturverzeichnis

Anhang: Fragebogen an GrundschullehrerInnen zur politischen Bildung

1. Einleitung: Ist politische Bildung in der Grundschule überhaupt möglich?

Die Grundschule ist die erste Institution, die alle Kinder gleich durchlaufen, und so allen Kindern die gleiche politische Bildung vermitteln könnte. Doch inwieweit verfolgt die Schule dieses Ziel, bzw. inwieweit sind sich Lehrer dieser Tatsache bewußt? Was für Themen kann man Kindern zutrauen und welche sind ungeeignet?

Schon Kinder können sich ,,politisch" verhalten, doch was ,,das Politische" in ihren Augen ist, stimmt nur zum Teil mit dem erwachsenen Bild von Politik überein. Erwachsenen fallen in Bezug auf Politik sofort Themen wie Regierung, Wirtschaftspolitik, Finanzwesen, etc. ein. Doch die Vorstellung solcher Schwerpunkte mit den Schülern zu bearbeiten, scheint einfach unmöglich. Dennoch können Politik und Themen des Gemeinwesens durchaus Aufgaben für die Grundschule werden. So wird mit dem Themenschwerpunkt ,,schule/ Schulleben" der schulische Nahraum in besonderer Weise als Feld demokratischen Lernens und Handelns in der Grundschule genutzt. Dazu gehören Schülerparlamente ebenso wie die Gestaltung von unterrichtsfreien Zeiten und Räumen sowie Schulhofeinrichtung und Pausenversorgung. Die Einübung in parlamentarische Formen und Einrichtungen wie z. B. den Klassen- oder Schülerrat kann schon mit Acht- bis Zehnjährigen ,,kindergemäß" erfolgen. Geprägt wird dieses Feld also von Projekten der Organisation, Gestaltung und Koordination des Lebensraums Schule und der Interessen der Schülerschaft. Besonders aber die Vielfalt von Lernanlässen, wo methodisch- didaktischer Herausforderung und Anbindungen des Lernens an eine zumindest innerschulische Öffentlichkeit sind auffällig. Die Kinder können dabei erfahren, daß die Schule und ihr Lernen mit ihnen selbst zusammenhängt. Zudem können sie erleben, daß sie die Bedingungen ihrer Schule und damit die Art und die Themen ihres Lernens selbst mitgestalten können. Achtung vor den Personen, den Individualitäten, auch den Denkweisen der Kinder sind ausschlaggebend für eine demokratische Denkkultur. Reformpädagogen entwickeln immer wieder neue Formen des Arbeitens, in denen die Arbeitsweisen und Rollen der Kinder wechseln, den Kindern der soziale Kontext aber immer deutlich ist: Sozialformen, die von den Kindern mit getragen und verbessert werden. Der Kreis, die Tischgruppe, das Projekt - Ensemble, die jahrgangsübergreifende (oder kulturübergreifende) Gruppe, die Feier- oder Exkursionsgemeinschaft, die sportlichen Teams haben jeweils verschiedene Stile von Führung, Aufgabenverteilung, Mitgestaltung oder Mitbestimmung im Gefolge. Insofern sind gerade die Projekte bedeutsam, die die Offenheit des Verfahrens mit Flexibilität beim Erreichen und Gestalten von Zielen verbinden.

Gerade Grundschulkinder der ersten Klasse sind in einem Entwicklungsstadium, welches eine gute Basis ist, um Regeln des Zusammenlebens gemeinsam erarbeiten zu können und somit demokratisches Verhalten zu lernen.

Um die eigene Schulklasse als demokratischer Kultur erleben zu können, ist es für die Kinder notwendig, daß sie die Voraussetzungen erfahren, auf denen demokratische Spielregeln aufbauen. Grundlagen jeder demokratischen Gemeinschaft sind gelebte Vorstellungen über zwischenmenschliche Beziehungen. Grundlagen können z. B. sein:

- die Teilhabe an Entscheidungen
- die Möglichkeit der Teilhabe an politischen Informationen
- das Recht, seine eigene Deutung in die Diskussion einbringen zu können
- die Akzeptanz von Konflikten als Ausdruck der Unterschiedlichkeiten von Interessen
- das Wissen um die Würde und die des anderen
- die prinzipielle Gleichheit aller Beteiligten
- Toleranz gegenüber anderen Personen und Meinungen
- das Recht vorhandene Verhältnisse in Frage stellen zu können

Ein weiterer Themenschwerpunkt richtet sich auf das ,,lokale Umfeld" und die ,,Kommune". Es geht also um den unmittelbaren Lebensort der Kinder. Die lernende Auseinandersetzung mit Politik konzentriert sich aber auch auf Themen und Probleme, die in der Öffentlichkeit des Gemeinwesens und in der Politik insgesamt eine Rolle spielen: Asylrecht, Gewalt, Minderheit und Fremde. Die Prinzipien unserer Grund- und Menschenrechte können an einigen Beispielen, Geschichten und Projekten aufgenommen und zu Knotenpunkten der Welterkundung werden. Die Glaubens- und Meinungsfreiheit gehört dazu, die Friedfertigkeit und das Recht auf körperliche Unversehrtheit, die Achtung vor dem anderen Geschlecht und jetzt auch: die Erhaltung unserer Lebensgrundlagen.

,,Was hier (in der Grundschule) nicht gelernt wird an Ordnungsvorstellungen, an Sozialbeziehungen, wird wahrscheinlich nicht mehr so recht aufgeholt werden können" (Ziegler)
Politisches taucht nie isoliert auf, es ist immer verwoben mit dem schulischen Alltag, mit dem Leben und Beziehungen der Kinder, und gewinnt so für jedes einzelne Kind eine andere Bedeutung. Und diese subjektive Bedeutung für sich selbst und für andere zu sehen und zu akzeptieren ist wohl bereits ein äußerst wichtiger Teil politischen Lernens. Wichtiger als die Vermittlung von Wissen ist es, jedes Kind mit seinen Vorstellungen und Ängsten ernst zu nehmen, es zu Wort kommen zu lassen und zugleich dafür zu sorgen, daß unterschiedliche Sichtweisen nebeneinander existieren können.

2. Was bedeutet der Begriff " Politik "

Die Politik ist ein Begriff, der in der Geschichte viele Bedeutungswandel durchgemacht hat und auch heute noch unterschiedlich verwendet wird.

Er darf nicht als ein objektiv vorhandenes Phänomen verstanden werden, um ihn exakt definieren zu können.

Der Politikbegriff ist eher ein Konstrukt, welches je nach Definition, nach unterschiedlichen Gesichtspunkten und Vorverständnissen entworfen wird.

So gibt es also nicht den einzigen Politikbegriff, sondern lediglich eine Vielzahl von Politiken.

Auch in der Fachliteratur wird Politik sehr verschiedenartig definiert.

In zahlreichen Definitionen wird Politik mit der Machtausübung des Staates und dessen Durchsetzung bestimmter Ziele im staatlichen Bereich gleichgesetzt.

Also mit Staatshandeln, welches dem Wohl der Gemeinschaft nutzen soll.

Dagegen definiert Lehmbruch 1 Politik als " gesellschaftliches Handeln ", welches dazu dient " gesellschaftliche Konflikte über Werte verbindlich zu regeln "

Dies hieße im Gegensatz zum ersten Definitionsversuch, dass Politik von der Gesellschaft und nicht von einer kleinen bestimmten Gruppe ausgeübt wird; das heißt das jeder Bürger in einem Staat direkt an Politik teilnimmt und sie auch beeinflussen kann.

Auf Grund der Vielzahl des Bedeutungsfeldes von " Politik " scheint es uns sinnvoll den Ursprung des Politik- Begriffs zu klären.

Dieser lässt sich in drei dem englischen entnommenen Unterbegriffe gliedern:

a) policy
b) politics
c) polity

Rohe beschreibt die drei Unterbegriffe folgendermaßen:

" Politik [ ist ] die Verwirklichung von Politik - policy - mit Hilfe von Politik - politics- auf der Grundlage von Politik - polity -..."2

Unter dem Begriff "policy" sind die Inhalte und Handlungsprogramme von politischen Akteuren oder Instanzen zu verstehen .Hiermit sind Normen, politische Ziele, Werte und Programme gemeint, die politisches Handeln bestimmen.

Die politischen Ziele müssen schließlich in konkrete Handlungen umgesetzt werden .

Dies geschieht in Form von politischem Handeln, wie zum Beispiel Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen politischen Gruppen, Diskussionen, Übereinstimmungen und Kompromissen. Im englischen wird dies "politics" genannt. Allgemein kann man dies auch Willens- und Entscheidungsprozess bezeichnen.

Die "polity" ist die Grundlage, auf der die gesamte Politik aufgebaut ist. Hierzu zählt die Verfassung und andere Gesetze, auf denen die Ordnung des politischen Lebens in einer Gemeinschaft basiert.

- Im deutschen haben wir dafür leider nur einen Begriff: DIE POLITIK

2.1. Dimensionen politischen Lernens in der Grundschule

Auch im politischen Lernen der Grundschule soll hier Bezug genommen werden auf die drei, dem englischen entnommenen Unterbegriffe von Politik, denn auch hier findet man sie wieder.

2.2 polity im politischen Lernen der Grundschule

Hierbei geht es um die Geltung und Umsetzung der Grund- und Menschenrechte, um das Erlernen und Anwenden einiger demokratischer Prinzipien und um die problemorientierte Befassung mit grundlegenden Institutionen.

Menschenrecht:

Diese beinhalten: a ) die freie Entfaltung der Persönlichkeit , b)das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit, c) die Unantastbarkeit der Menschenwürde ( Eigenwert des Menschen, Selbstverantwortung ) d) die Gleichberechtigung von Mann und Frau , Diskriminierungsverbot, e) die Glaubens- und Gewissensfreiheit, f) sowie die Freiheit der Meinungsäußerung, g) und die Freiheit der Kunst , h) die Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit , i) die Gewährleistung des Eigentums , j) das Recht auf Asyl und k)das Recht auf gesunde Umwelt

Demokratische Prinzipien:

Des Weiteren geht es um das Erlernen und Anwenden einiger demokratischer Prinzipien wie zum Beispiel a) die Durchführung der freien Wahlen , b) das Recht auf Opposition c) das Mehrheitsprinzip d) die Herstellung sozialer Gerechtigkeit und e) das Tolerieren anderer Meinungen, während des gesamten Schulalltages.

Ausgewählte Institutionen:

Und auch die problemorientierte Befassung mit grundlegenden Institutionen unseres Staates, wie zum Beispiel a ) Institutionen der Gewaltenteilung ( Parlament, Regierung, Justiz) b) Bund-Kreis-Gemeinde c)Sozialamt, d) Arbeitsamt und

e )Schulsystem,

sind Bestandteil des politischen Lernens in der Grundschule

2.3 policy im politischen Lernen der Grundschule

Nun stellt sich zwangsläufig die Frage, auf welche Weise man die " polity „, also die Berücksichtigung der Menschenrechte und der demokratischen Prinzipien, im politischen Lernen der Grundschule realisieren kann.

Wie kann man die " polity " durch Konzepte und Programme konkret in der Grundschule angehen?

Auf welche weise kann man die Rechte eines jeden einzelnen, wie zum Beispiel die freie Entfaltung der Persönlichkeit , die Freiheit der Meinungsäußerung und das Recht der Menschenwürde , in allen Fächern, im Zusammenleben in der Lerngruppe und im kompletten Schulalltag umsetzen?

Die Grundvoraussetzung um eine politische Bildung im Sinne einer freiheitlich demokratischen Grundorientierung durchzuführen sind bestimmte atmosphärische Bedingungen, die vorhanden sein oder geschaffen werden müssen. Denn in einen autoritär geführten Unterricht können nicht demokratische Orientierungen erlernt werden.

Für die Grundschule ist es deshalb wichtig, dass die eigene Schulklasse als demokratische Kultur erfahrbar wird.

Die Unantastbarkeit der Menschenwürde sowie der Eigenwert eines jeden einzelnen Menschen sollte den Kindern in der Grundschule dadurch gewährleistet werden, dass jedem Kind in einer Lerngruppe auf gleiche Weise gleichwertige Anerkennung entgegengebracht wird. Die Selbstverantwortung soll als ein dominantes Erziehungsprinzip von Beginn an sowohl im Unterricht als auch im Zusammenleben klar gemacht werden.

Den Kindern muss die Möglichkeit zur Selbst- und Mitbestimmung geboten werden, die es ihnen ermöglicht sich beim eigenen Lernen und im Zusammenleben mit anderen Kindern frei zu entfalten.

Genau hier stoßen wir aber auf die Grenzen des Rechts auf freie Entfaltung in einer Lerngruppe. Diese Grenze wird durch das Freiheitsrecht der anderen Kinder und der Lehrperson definiert. (Man kann nur soweit Handeln, solange kein anderer davon Schaden trägt).

Der Unterricht soll das Zusammenleben in einer Klassengemeinschaft so gestalten, dass alle die gleichen Rechte haben und alle die Erfahrung von Gleichheit machen, egal ob Junge oder Mädchen, Deutsche oder Ausländer, Behinderte oder nicht Behinderte

Dem Kind soll ständig und überall das Recht auf eigene Meinung und Diskussion zugestanden werden.

Dies soll weitergehen dazu führen, dass Kritik von Seiten der SchülerInnen nicht nur zugelassen werden, sondern die Kinder auch direkt dazu ermutigt werden. (Recht auf Opposition).

Die soziale Gerechtigkeit als wichtigste Grundlage soll den Grundschulkindern beim gemeinsamen arbeiten und Zusammenleben dadurch gewährleistet werden, indem versucht wird Chancengleichheit herzustellen, und benachteiligte Kinder in besonderer Weise zu fördern.

Die Toleranz kann zur Grundlage einer Gesprächskultur werden, in dem die Kinder lernen, anderen zuzuhören, diese aussprechen zu lassen, die Meinungen anderer zu tolerieren und mit der abweichenden Meinung leben zu lernen. Das Erlernen der Toleranz wird in der Grundschule zwar auch situativ bedingt gefördert, aber gerade in den ersten Klassen wird dieses geplant provoziert, zum Beispiel in den morgendlichen Sitzkreisen in denen die Kinder genau diese Gesprächskulturen entwickeln lernen.

Die Klärung verschiedener Institutionen und dessen Sinn lassen sich am Besten an den jeweiligen Erfahrungsräumen der Kinder verdeutlichen. So hat es wenig Sinn mit den Kindern über die Wahlen auf Landes oder Bundesebene zu sprechen da ihnen in diesen Altersstufen noch der direkte Bezug dazu fehlt. Erste Einstiege über das Wahlrecht könnten aber durch Klassensprecherwahlen und dessen Aufgaben oder ähnliches gegeben werden

[...]


1 Lehmbruch, Gerhart Einführung in die Politikwissenschaft 2

2 W. Mickel Handlexikon zur politischen Bildung Band 237

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Politische Bildung in der Grundschule
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Inst. f. Didaktik d. Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Einführung in die Didaktik der Sozialwissenschaften II
Note
Keine Benotung
Autor
Jahr
2002
Seiten
34
Katalognummer
V9568
ISBN (eBook)
9783638162340
ISBN (Buch)
9783638641104
Dateigröße
624 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politische Bildung ; Sozialwissenschaft; Didaktik; Grundschule; Elementarstufe
Arbeit zitieren
Marjan Rosetz (Autor), 2002, Politische Bildung in der Grundschule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/9568

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