Abriss über Entstehung und Entwicklung der christlichen Mystik. Religiöse Frauenbewegung, Wege der Legitimation und Mystik der Kirchenväter


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

32 Seiten, Note: 2.0

Germaine Päffgen (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Mystik- Eine Begriffsannäherung

3. Abriss über Entstehung und Entwicklung der christlichen Mystik

4. Exkurs: Religiöse Frauenbewegung

5. Mechthild von Magdeburg
5.1 Eine biografische Skizze
5.2 Elemente der Schau
5.3 Grundstrukturen theologischen Denkens im Werk Mechthilds von Magdeburg

6. Wege der Legitimation
6.1 Die Psychohistorie der Mystik
6.2 Der ungelehrte Mund als Autorität

7. Mystik der Kirchenväter
7.1 Gebet und Ekstase des Areopagiten
7.2 Meister Eckhard- Die Mystik als Ausweg ekklesialer Spannungen

8. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Lange Zeit – wobei nicht auszuschließen ist, dass sich diese in Teilen bis in das heutige Zeitalter vollstreckt- stieß die kirchliche Tradition in der gesamten Kirchen- und Theologiegeschichte charismatisch begabte Menschen häufig an den Rand der religiösen Gesellschaft. Marginalisiert, randständig und dezentral beschreiben Charakteristika, dessen Schatten die mystische Theologie zu überwinden versucht.

Eine Atmosphäre des Auf- und Umbruches der Kirche, dessen Signale wir einerseits in dem Aufschwung der evangelikalen Bewegung, andererseits in dem Dahinsiechen der Institutionalisierten wahrnehmen können, hält vor Augen, dass die kirchliche Tradition die Komplexität unserer Erfahrungsmöglichkeit nicht mehr zu treffen vermag, bzw. diese in sich zu reduzieren versucht.

Das heute zu verzeichnende Wiederaufleben von langer Zeit in Vergessenheit geratenen Mystikern, das eine Flut von Studien derselben verantwortet, steigendes Interesse an mystischer Literatur und der Aufschwung der mystischen Forschung zeigt, dass es sich durchaus lohnt, einen Platz am Rande einer Tradition einzunehmen, um über diesen Rand hinauszublicken. Letzteres wird zum Ziel dieser Arbeit und soll mittels knapper Fallstudien dargestellt werden.

2. Mystik- Eine Begriffsannäherung

Es ist keineswegs absonderlich, dass der Literaturwissenschaftler Kurt Ruh in der Einleitung zu seiner Geschichte der abendländischen Mystik auf den Versuch einer umfassenden Definition verzichtet. Zwar entwarf sich die Wahrnehmung und Beschreibung von Mystik und ihre Definition im christlichen Kontext, dennoch bedeutet dies nicht, dass jene Entwicklung zu klaren Definitionsergebnissen geführt habe. Ruhs Versuch des Definitionsverzichts, der nicht allein Kapitulation vor der ungeheuren komplexen Lage der Mystik bedeutete, offenbart zudem einen methodischen Ansatz, „dass man bei allen definitorischen Schwierigkeiten doch rasch eine gewisse Einigkeit über einen bestimmten Bestand an mystischen Schriften erzielen könnte“1, was zu jenem Versuch, Mystik als universales religiöses Phänomen zu definieren, führen würde. Bereits Rudolf Otto wies darauf hin, dass „die Behauptung, Mystik sei eben immer Mystik, sei immer und allenthalben ein und dieselbe Größe, falsch ist, daß es in ihr vielmehr Mannigfaltigkeiten der Ausprägung gibt“2, sodass jede Mystik in der Religionsgeschichte jeweils eigener Definition bedarf.3

Vor diesem Hintergrund wird folglich versucht, allein eine inhaltliche Umschreibung des mit „christliche Mystik“ gemeinte zu geben. Angesichts eines weitgehenden Konsenses werden vor allem die Schriften des Pseudo-Dionysius Areopagita aus dem 5. Jahrhundert als mystisch angesehen, außerdem die Schriften des Bernhard von Clairvaux im 12., Mechthilds von Magdeburg im 13. und die Meister Eckharts im 14. Jahrhundert. Allesamt beherbergen einen gemeinsamen Grundzug, eine religiöse Haltung, „die eine Transzendenz Gottes gegenüber dem glaubenden Menschen als gemeinsame Erfahrungstatsache voraussetzt und diese Transzendenz schon im Diesseits punktuell zu überwinden trachtet: Das Transzendente wird wenigstens momenthaft immanent- und hebt dabei die Begrenzungen des innerweltlichen Gläubigen auf.“4 Der Weg dazu ist der Weg der Introspketion, der Innernschau, um durch den Blick in das Innerste, zum Fernsten, den transzendenten Gott, zu gelangen. Diese Gotteserfahrung im Sinne einer besonderen Intensität kann als „Ekstase“5 als „Schau“6, oder als „Wiedergeburt“7 gefasst werden. Vor diesem Hintergrund ist zu erwähnen, dass nicht allein „die beiden Wesenselemente Loslösung von der Außenwelt … und der unmittelbaren Berührung des einsam gewordenen Menschen mit dem einen Göttlichen“8, so Friedrich Heiler, eben jene Gotteserfahrung hervorbringt, sondern auch asketische meditative Techniken, als auch Visionen und Auditionen - um nur wenige Beispiele zu nennen, die mystische Vereinigung mit der Gottheit hervorrufen.

Aus systematisch- theologischer Sicht steht der menschgewordene Christus im Zentrum der mystischen Theologie, mit dem eine „hinausgehende Identität“9 gesucht wird, die letztlich „mit ihm den Menschen in die innergöttliche Prozession hineinhebt“10. Dionysios Areopagites sprach am Ende des 5.Jahrhunderts bei der eben aufgeführten innergöttlichen Prozession, von einer „unbeschreibbaren Einigung mit dem Einen, der jenseits aller Dinge ist“11.

Die Unio mysica, oder auch geistliche Vermählung, oder hl. Hochzeit, wie im Laufe dieser Arbeit noch durchleuchtet wird, als höchste Stufe des mystischen Weges bedeutet, dass Innewerden Gottes, nachdem die für den mystischen Weg typischen Stufen der aktiven und passiven Reinigung, sowieso die Erleuchtung durchschritten worden. Vor dem Hintergrund der klassischen Formulierung des Gotteserleiden nach Pseudo- Dionysius, erfährt der Mystiker/Mystikerin nach dem Vollzug der notwenigen Stufen „ein solches bewußtes Innewerden Gottes, daß er es mit Worten nicht mehr adäquat mitteilen kann“12, weil ihm aus freier Gnade eine unaussprechliche Erkenntnis Gottes geschenkt wurde.

3. Abriss über Entstehung und Entwicklung der christlichen Mystik

Um einen kurzen Umriss über die Entstehung und Entwicklung der christlichen Mystik darzulegen, ist es unabdingbar ein Augenmerk auf das Evangelium des hl. Johannes zu legen, denn sein Evangelium ist, wie Klemens von Alexandrien sagte, „dass pneumatische Evangelium, das Evangelium des inneren Lebens, der Gnade, eben das Evangelium aus dem Geist heraus“13. Mit Recht wird ihm nachgesagt, „er sei ein Mystiker“14.

Darüber hinaus nimmt die Eigenart des hl. Johannes derart besondere Bedeutung im Kontext der Frömmigkeitsgeschichte ein, das griechische Väter, wie Origens, sein Evangelium, als „die Blüte unter den Evangelien“15 nannte. Denn während die Synoptiker besonders die Nachahmung Jesus betonten, übergeht Johannes diese Zwischenstufen und predigt bedeutend über „die Einheit mit Jesus und dem Vater“16.

In ausgeprägter Form erscheint die mystische Theologie zum ersten Mal, sowohl in der Theologie des hl. Gregor von Nazians, als auch in der Gregors von Nyssa im Kontext des 4. Jahrhunderts, wobei beide unmittelbar an der johanneischen Idee der Vergöttlichung anknüpfen. Greogor von Nyssa, der in Rahners „Aszese und Mystik der Väterzeit“17 als der Vater der Mystik bezeichnet wird, beschreibt, dass der gläubige Christ „im ständigen Fortschreiten der Gotteserkenntnis und ethischen Entweltlichung [...] im Übersteigen der vorfindlichen Welt zur Verähnlichung mit Gott, zur Teilhabe an dessen Wirkungen, zur Schau Gottes“18 kommt.

Fortlaufend entwickelte sich im 6. Jahrhundert das „aszetisch-mystische System“19 des Areopagiten, das auf drei neuplatonische, von Proklus entlehnten Grundsätzen zurück zu führen ist. Da eine umfassende Erwähnung dieser, den Rahmen der Arbeit an dieser Stelle überschreiten würde, sei zunächst allein auf den Grundsatz des hierarchischen Prinzips zu sprechen. So ist es die Tätigkeit Gottes, die nicht unmittelbar von allen Wesen der Erde empfangen werden kann. Die Tätigkeit Gottes erreicht – laut dem aszetisch- mystischen System, allein die obersten, die gleich dann die nächst niederen Wesen berühren und so „fort bis zur letzten Sprosse der Stufenleiter des Seins herab“20. Eben jene Hierarchie ist in der Lehre des Areopagiten die Hauptrolle, mit der Vereinigung mit der Gottheit und der möglichen Ähnlichkeit dieser, als Ziel. Der mystische Weg, Gott zu erkennen, vollzieht sich in der Ekstase, als die „Einrückung des Geistes in Gott“21, die der Mensch, „in der überintellektuellen Einigung im Nichtwissen, wenn sich unser Geist von allem Seienden loslöst und sich selbst verlässt, um sich mit den überhellen Strahlen zu vereinigen, die ihn von dort her und dort mit der unerforschlichen Tiefe der Weisheit erleuchten“22 erlebt.

Dennoch sei gesagt, dass das religiöse Leben im Fortlauf der christlichen Geschichte, und wohlbemerkt, besonders im späten Mittelalter, anhand intensiver Frauenfrömmigkeit- und Mystik charakterisiert wird. Charismatische Begnadung, die primär deutlich von Frauen getragen wurden, stellten die männliche Spiritualität des hohen und späten Mittelalters in den Schatten der Erlebnismystik. So scheint es wenig verwunderlich, dass seit dem 12. Jahrhundert, als die Kirche längst die beherrschende Macht der europäischen Geschichte geworden war, das Auftreten von Prophetinnen zu verzeichnen ist, und das nahezu alle weiblichen Heiligen und Seligen dieser Zeit Mystikerinnen waren, wobei dies nur von einem geringen Teil der männlichen Heiligen gesagt werden kann. Jene mit charismatischer Begnadung begabte Frau, die sich durch eine neue Lebensform und intensiver Religiosität seit dem 12.Jahrundert durchzusetzen versuchte, ist Mechthild von Magdeburg, die im weiteren Verlauf der Arbeit fokussiert wird.

4. Exkurs: Religiöse Frauenbewegung

Unter Mulieres sanctae verstanden zeitgenössische Autoren jener Zeit, ein im endenden Hochmittelalter vorkommendes Phänomen, dass Frauengruppen, deren soziale Organisationsformen und religiöser Lebensstil zusammenfasst. Diese Periode, die nach Peter Dinzelbacher wohl die wichtigste Achsenzeit zwischen dem Ende des römischen Reiches und der französischen Revolution darstellte, „ist im Bereich der sozial-religiösen Strukturen gekennzeichnet von der Verweigerung herkömmlicher Lebensweisen und dem Aufbruch zu neuen Lebensformen“23. Verweigert wurden in erster Linie die traditionellen Werte und Güter des „saeculum“, der Welt, besonders Reichtum, der „im Hochmittelalter wesentlich als Macht, hohe Stellung zu verstehen war“24. Mitunter bezog sich die Verweigerung auf das Verhalten, dass diesen Gütern und Werten entsprach- „das Befehlen, das Genießen, das Raffen, den räuberischen Erwerb“25. Zudem richtete sich die Verweigerung der Frauengruppen auch auf das gegenteilige Geschlecht. Historische Ereignisse – um hier nur einige Schlagwörter zu erwähnen, wie eine rasche Bevölkerungsvermehrung, die Durchsetzung effizienter Agrartechniken, der Aufschwung der städtischen Kultur, der Aufstieg neuer Schichten, die Etablierung neuer Ideale im geistigen Bereich, wie das der Internalisierung der christlichen Ethik und des höfischen Verhaltens und, das mit besonderen Augenmerk hervorzuhebende Auseinandergehen von Heiligen und Profanem, Kirche und Staat, ermöglichten ein außerordentliches historische Ambiente, um jene Entwicklungen, wie die der Frauengruppen, zu ermöglichen. Vor diesem Hintergrund kam es „zur Befreiung und Aktivierung bislang passiver Gruppen und Schichten und damit zur umwälzenden Neuordnung sozialer, politischer und spiritueller Strukturen“26. Dabei sei deutlich zu erwähnen, dass Frauen zu jenen passiven Gruppen, oder mittelalterlich ausgedrückt, Stände gehörten. Dennoch setzte seit dem Beginn des 12. Jahrhunderts eine Vermehrung der unabhängigen Gemeinschaftsbildungen, wie die der Beginen- und Begardensammlungen ein. Obwohl ein Großteil der passiven Frauen, wie gewöhnlich das Modell der Ehefrau und Mutter verfolgte, schlossen sich seit dem 11. Jahrhundert häufiger Frauen zusammen, die gemeinsam eben diese traditionellen Strukturen verweigerten, um ein Leben mit dem „wahren Bräutigam im Himmel“ zu leben.

Um nun das Augenmerk auf Mechthild von Magdeburg zu legen, erachte ich das Vergegenwärtigen der Rahmenbedingungen, unter denen ihr Schreiben stand, als äußerst interessant. Zur Zeit Mechthilds beherbergte die theologische Anthropologie die Überzeugung von der „naturgemäßen Unfähigkeit der Frau zum Empfang priesterliche Würde und Autorität“27. Dem einher geht die zum Großteil kritische, dennoch vereinzelt vorkommende wohlwollende Beobachtung der im 12. Jahrhundert aufkommende, primär von Frauen getragenen Strömungen, „die sich durch eine neue Lebensform, eine Intensive Religiosität und eine Anhäufung charismatischer Erlebnisse charakterisierte“28. Besonders Beginen gerierten oftmals, aufgrund ihrer ungewöhnlichen Nichtteilnahme an etablierten Orden, in den Fokus der negativ ummauerten Kritik. Denn ihre Lebens- und noch vielmehr ihre Erlebensweise stellten einerseits eine derartige Erneuerung da, sodass sie gegen das Hergebrachte verstießen, andererseits wurzelten in ihren Frömmigkeitsübungen und Begnadungsbezeugungen „tatsächlich angesprochene ostentative“29, wodurch es zu zahlreichen Widerständen kam. Zudem schimpft Gautier de Metz in seinem Gedicht Mappemonde, dass sie „die ganze Kunst für sich beanspruchen, mit anderen Leuten vergleichen, wüßten sie allein das beste“30, sodass er die Auffassung vertritt, derart charismatische begabte Frauen, seien „von persönlicher Demut bestimmt“31. Noch deutlicher kritisiert Rutebeuf, den Glauben einer Begine, private Offenbarungen zu empfangen, indem er sagt: „Wenn eine Begine redet, ist es Prophetie, wenn sie schläft, ist sie entrafft, wenn sie träumt, hat sie eine Vision“32.

Nebst den zahlreichen feindseligen Reaktionen von Seiten der zeitgenössischen Männerwelt, riefen die religiösen Frauenbewegungen gleichsam Zustimmungen hervor. „Summa summarum müssen wir den Grad der Annerkennung sogar deutlich höher einschätzen als den der Ablehnung“33, hebt Dinzelbacher hervor, der verdeutlicht, dass die Beginen, trotz nicht vorhandener klassischer Ordensregeln und gegen sie erlassenen Verboten, unterstützt oder wenigstens geduldet wurden, sodass zusammenfassend gesagt werden kann, „daß im städtischen Organismus reine Frauengemeinschaften halb religiösen und halb weltlichen Charakters und ohne die völlige Isolierung durch die Klausur wie bei den Nonnenklöstern sehr wohl akzeptiert wurden“34.

5. Mechthild von Magdeburg

5.1 Eine biografische Skizze

Über das Leben Mechthilds gibt es nur wenige Zeugnisse. Die wenigen, heute von der Forschung getragenen Angaben, sind aus Mechthilds Schrift „Das fließende Licht der Gottheit“ und aus der im Dominikanerkloster entstandenen lateinischen Fassung ihres Werkes, erschlossen. Zahlreiche Literaturangaben belegen, dass sie zwischen 1207 und 1212 im Erzbistum Magdeburg in höfischer Umgebung geboren wurde.35 So auch Hans Neumann, der Mechthilds Herkunft einem niederen Adel der Magdeburger Diözese aus 1207 zuschreibt. Letzteres scheint durchaus plausibel, da die Entwicklung eines alternativen Lebensstiles, gegenüber dem herkömmlichen Frauenleben, nur denjenigen offen stand, die eine gewisse Verfügbarkeit zur Reflexion besaßen.36 Zudem verfügte Mechthild über eine stark metaphorische Sprache, die Vorstellungen aus dem höfischen Leben beherbergte.

Nachdem sie im Alter von 12 Jahren „den Gruß des Hl. Geistes“37 erfuhr– so ihr Selbstzeugnis, verlässt sie mit zwanzig Jahren ihr Elternhaus, um sich in Magdeburg einer Beginengemeinschaft anzuschließen. Aufgrund ihrer bewussten Entscheidung für ein Leben als Begine, findet sie Anschluss „an einem wichtigen Zweig der zeitgenössischen kirchlichen Aufbruchsbewegung“38. Krankheit und zugleich auch der Beschluss der Dominikaner -Synode 1261 veranlasste Mechthild zu einer Heimkehr. 1270, ein knappes Jahrzehnt nach ihrer Rückkehr trat sie in das Kloster Helfta in der Nähe von Eisleben ein, wo sie auf Mechthild von Hackeborn und Gertrud von Helfta stieß, die sich als geistesverwandte Mitschwestern39 erwiesen und wo sie schließlich das siebte Buch des „Fließenden Lichtes“ schrieb, ehe sie 1282 in Helfta starb.40

5.2 Elemente der Schau

Entgegen der mäßig vorhandenen historischen Daten über Mechthilds Leben und Werk, entspricht ihrer Schrift einer Gestalt „von ungewöhnlicher geistiger Vitalität, weit über das Natürliche hinaus“41. Das laut Margot Schmidt „älteste und niveauvollste Visionsbuch deutscher Sprache“42 verkörpert mittels stärksten poetischen Aussagens einen „Urlaut des göttlichen Eros“43. Mechthild von Magdeburg fühlt sich als Medium des in ihr wirkenden dreifaltigen Gottes, der sich ihrer instrumental bedient. So bedeuten ihre Worte, „die wunderbare Gottheit, die von Stunde zu Stunde aus dem göttlichen Munde in ihre Seele fließe“44. Fernab von jeglicher Vorstellungswelt, riss die ihr zu Teil gewordene Erfahrung mit dem Göttlichen, sie in eine Spannung zwischen Geist, Seele und Leib, hinaus über die Grenzen ihrer Natur, „wo sie in tödlichen Beseligungen oder auch Schrecken göttlicher Offenbarungen sich ihrer menschlichen Ohnmacht allzu bewusst wurde“45.

Vor dem Hintergrund, dass es sich bei dem „fließenden Licht der Gottheit“ um ein Offenbarungsbuch handelt, werden nun im Folgenden die Elemente der Schau knapp durchleuchtet. Dabei gelangt das zweite Kapitel des ersten Buches in den Fokus der Ausarbeitung, wobei anzumerken ist, dass jene Übersetzung des fließenden Lichtes von Gisela Vollmann- Prof in der gesamten Ausarbeitung herangezogen wurde.

„Der ware gottes gruos, der da kumet von der himmlischen fluot us dem brunnen der fliessenden drivaltekeit, der hat so grisse kraft, das er dem lichamen benimet alle sin maht und machet die sele ir selben offenbar, das si sihet sich selben den heiligen gleich und enphahet denne an sich gotlichen schin“46 – um hier nur einen kleinen Ausschnitt dieser ekstatischen Schau zu präsentieren, beschreibt, dass die Erfahrung der göttlichen Nähe wie eine himmlische Flut plötzlich und unvorhersehbar, überwältigt, indem die Flut, „den Menschen überschwemmt und vollends zudeckt, so daß der Leib seine Macht verliert, die Seele sich selbst erkennt und göttlichen Glanz empfängt“47. Der göttliche Schein bewirkt die Trennung von Leib und Seele, soweit, dass allein ein Funke Lebenskraft zurückbleibt, um den Leib im „süßen Schlafe“48 zu bewahren. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass Mechthild die Entrückungsthematik von Augustinus, der sich wiederum auf den hl. Paulus bezieht, anschneidet. So schreibt sie in ihrem Werk: „Paulus, ich bin wunderbar entrückt mit dir […] und nichts erstaune mich mehr, als das ich seitdem noch ein lebendiger Mensch sein kann“49, wonach für Mechthild die Entrückung eine Trennung von Seele und Leib bedingt. Dabei unterscheidet sie eine dreifach gestufte Erhebung.50 Unter der ersten Stufe versteht Mechthild jene Stufe, in der sie sich ganz allein in der Gewalt Gottes befindet, ihr wird auf Fragen und Bitten alles gewährt, sodass sie im Besitz ihrer eigenen Kräfte handelt. Die zweite Stufe ist ein verborgener Ort, wo ihr das Bitten und Fragen gewährt wird, sodass allein Gott über sie verfügt. Auf der dritten Stufe gelangt sie in eine beschreibbare wonnevolle Stätte. Hier vergisst sie alles über das Wunder und weiß nicht, dass sie je auf Erden war. Ihr Gedächtnis und das Bewusstsein ihrer körperlichen Existenz schwinden beim Erlangen der letzten Stufe. Diesen Zustand der vollkommenen Unio, wo der Mensch in ein „neues, überragendes Sein“51 versetzt wird, indem er frei vom menschlichen Bewusstsein, Denken und Gefühlen ist, spricht Mechthild im Laufe ihrer Werke gehäuft an, wenn sie sagt: „Die Seele ist ganz versunken in der wunderbaren Dreifaltigkeit“52 oder „Gott zieht die Seele empor, dass sie sich ganz verlor“53.

Die zuvor beschriebene Höhenlage der Seele ist trotz aller Entrückung nur von vorübergehender Natur. So heißt es an anderer Stelle, dass die ekstatische Spitze zwar „nie lange sein“54, dennoch in häufigeren Abstände vorkommen kann, denn „wo zwei Geliebte […] sich sehen, müssen sie oft […] voneinander gehen.“55 Ähnlich wie das Überfluten im göttliche „Gruos“56, ist auch der Abbruch der „Hochgezit“57 mit Gewalt verbunden. So befiehlt Gott der Seele niederzusteigen aus der Gegenwart Gottes, hinein in die menschliche Befindlichkeit, sodass der Leib geweckt wird.

[...]


1 Leppin 2007, S. 8.

2 Mystik. In: Müller, Gerhard (Hrsg.): Theologische Realenzyklopädie. Berlin 1994, Band 24, S. 594.

3 Ebd.

4 Leppin 2007, S. 8.

5 Mieth, Dietmar: Mystik, In: Kasper, Walter (Hrsg.): Lexikon für Theologie und Kirche. Freiburg im Breisgau 1998, Band 7, S. 591.

6 Ebd.

7 Ebd.

8 Knappe, Joachim: Mystik. In: Müller, Gerhard (Hrsg.): Theologische Realenzyklopädie. Berlin 1994, Band 24, S. 594.

9 Ebd.

10 Ebd.

11 Mieth, Dietmar: Mystik, In: Kasper, Walter (Hrsg.): Lexikon für Theologie und Kirche. Freiburg im Breisgau 1998, Band 7, S. 594.

12 Figura 1998, S. 504.

13 Rahner; Viller 1989, S.19.

14 Ebd.

15 Rahner; Viller 1989, S.19.

16 Ebd.

17 Ebd. S.137.

18 Ebd.

19 Ebd. S.233.

20 Ebd.

21 Ebd. S. 236.

22 Rahner; Viller 1989, S. 236.

23 Dinzelbacher 1988, S. 5.

24 Ebd.

25 Ebd. S.7.

26 Dinzelbacher 1988, S.25.

27 Acklin Zimmermann 1994, S. 99.

28 Dinzelbacher 1988, S. 5.

29 Ebd.

30 Grundmann 1961, S.387.

31 Ebd.

32 Kressner 1885, S.62.

33 Dinzelbacher 1988, S.5.

34 Dinzelbacher 1988, S.10.

35 Vgl. Beyer 1989 S.180.

36 Vgl. Dinzelbacher 1988, S.15.

37 Schmidt 1986, S.71.

38 Heimbach-Steins 1993, S.86.

39 Vgl. Heimbach- Steins 1993, S.87.

40 Vgl. Ebd.

41 Dinzelbacher 1984, S.123.

42 Dinzelbacher 1984, S.123.

43 Ebd.

44 II, XXVI

45 Ebd. S.124.

46 I, II

47 I, II

48 Ebd. 125.

49 Dinzelbacher 1984, S.125.

50 Vgl. Dinzelbacher 1984, S.125.

51 Ebd., S.127.

52 I, IV

53 I, IV

54 I, IV

55 Ebd.

56 I, XXXXIIII

57 I, XXXXIIII

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Abriss über Entstehung und Entwicklung der christlichen Mystik. Religiöse Frauenbewegung, Wege der Legitimation und Mystik der Kirchenväter
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Katholische Theologie)
Note
2.0
Autor
Jahr
2020
Seiten
32
Katalognummer
V956820
ISBN (eBook)
9783346306623
ISBN (Buch)
9783346306630
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Portfolio: Fallstudien zur Mystik
Schlagworte
abriss, entstehung, entwicklung, mystik, religiöse, frauenbewegung, wege, legitimation, kirchenväter
Arbeit zitieren
Germaine Päffgen (Autor), 2020, Abriss über Entstehung und Entwicklung der christlichen Mystik. Religiöse Frauenbewegung, Wege der Legitimation und Mystik der Kirchenväter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/956820

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Abriss über Entstehung und Entwicklung der christlichen Mystik. Religiöse Frauenbewegung, Wege der Legitimation und Mystik der Kirchenväter



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden