Im Zuge dieser Arbeit wurde sich dem ethnografischem Material mittels der bourdieuschen Habitus-Theorie genähert. Ob und inwieweit sich die Kategorien Habitus, Feld und insbesondere Kapital zur Analyse des vorliegenden Materials Goffmans eignet, wird im Folgenden anhand von ausgewählten Beispielen untersucht. Kapitel 1 geht daher exkursartig auf die theoretischen Grundlagen der Konzepte Pierre Bourdieus ein. Zunächst werden die drei Begrifflichkeiten – Habitus, soziale Felder, Kapital – rekonstruiert, sowie wesentliche Aspekte dieser herausgearbeitet. Anknüpfend an eine kurze Inhaltsangabe der Feldstudie „On The Run“ wird dargestellt, ob und wo sich Habitus und Kapitalformen im vorliegenden ethnografischen Material verorten lassen. Abschließend werden die wichtigsten Ergebnisse zusammengetragen und kritisch resümiert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Habitus-Theorie von Pierre Bourdieu
2.1 Habitus
2.2 Soziale Felder
2.3 Kapital
3. „On The Run“ - eine Feldstudie von Alice Goffmann
3.1 Analyse
4. Fazit
Zielsetzung und Themen
Diese Arbeit setzt sich zum Ziel, die ethnografische Feldstudie „On the Run“ von Alice Goffman mithilfe der bourdieuschen Habitus-Theorie zu analysieren. Dabei soll untersucht werden, wie sich die Kategorien Habitus, Feld und Kapital auf die Lebensrealität der untersuchten Schwarzen Bevölkerung in Philadelphia übertragen lassen und wie diese theoretischen Konzepte helfen, Prozesse der Kriminalisierung und sozialer Ungleichheit besser zu verstehen.
- Grundlagen der Habitus-Theorie nach Pierre Bourdieu
- Analyse der Konzepte Habitus, Soziale Felder und Kapital
- Ethnografische Untersuchung der Lebenswelt in „On the Run“
- Verknüpfung von Theorie und empirischem Material am Beispiel Chucks
- Reflektion über soziale Ungleichheit und Kriminalisierung
Auszug aus dem Buch
3.1 Analyse
In der folgenden Analyse wird sich primär auf den Protagonisten der Studie – Chuck – konzentriert. Anhand dieser Person und seines näheren Umfeldes wird die Existenz aller Kapitalsorten überprüft, wobei alle anderen erwähnten Kategorien und Termini der Habitustheorie mitgedacht, und wenn nötig, benannt werden.
„Ich hab nichts, aber ich bin gesund und seh nicht schlecht aus, kapierst du? Ich bin ein glücklicher Mensch.“ (S. 13) Schon in dieser Selbsteinschätzung Chucks lässt sich einiges ablesen: Er besitzt „nichts“, meint, weder ökonomisches noch kulturelles Kapital. Zum Zeitpunkt dieser Selbsteinschätzung sitzt er „in Untersuchungshaft und wartet auf eine Gerichtsverhandlung wegen schwerer Körperverletzung bei einer Schulhof-Schlägerei“ (ebd.), was das Fehlen dieser Kapitalformen untermauert. Dennoch bezeichnet er sich als glücklich. Er ist sich seines gesundem Körperkapitals (sportliche und 1,85 cm große Statur) bewusst, welches er bis dato gewinnbringend in sportlichen Aktivitäten (Basketball, Boxen) an der Highschool einsetzen konnte. Er generierte durch diese Ressource soziale Anerkennung an seiner Schule und im Sportteam. Dies half ihm, sein fehlendes ökonomisches sowie objektivertes Kulturkapital zu kompensieren (S. 31).
Chuck und seine Familie sind der unteren Klassenlage zuzuordnen, und leben in einem einkommensschwachen Viertel Philadelphias. Obwohl das Viertel nicht als besonders gefährlich oder besonders arm gilt, ist auch hier eine ständige Polizeipräsenz zu verzeichnen (S. 21). Entsprechend liegt der Fokus von Chuck darauf, polizeiliche Kontrollen und Zusammenstöße mit dem Gesetz zu umgehen, was sich in seinem ganzen Habitus niederschlägt, und in der weiteren Analyse immer wieder deutlich wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Relevanz der bourdieuschen Theorie zur Untersuchung von sozialer Ungleichheit ein und stellt die Feldstudie „On the Run“ von Alice Goffman vor.
2. Die Habitus-Theorie von Pierre Bourdieu: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundpfeiler von Bourdieu, insbesondere die Begriffe Habitus, soziale Felder und die verschiedenen Kapitalsorten.
2.1 Habitus: Dieser Abschnitt definiert den Habitus als inkorporierte Geschichte, die das Handeln und Wahrnehmen der Akteure maßgeblich bestimmt.
2.2 Soziale Felder: Es wird dargelegt, wie soziale Felder als Räume des Möglichen und als Arenen sozialer Kämpfe um Macht und Anerkennung fungieren.
2.3 Kapital: Dieses Kapitel beschreibt die verschiedenen Kapitalsorten (ökonomisch, kulturell, sozial, symbolisch) und deren Bedeutung für die Positionierung im sozialen Raum.
3. „On The Run“ - eine Feldstudie von Alice Goffmann: Die Studie wird in den Kontext der US-amerikanischen Strafjustiz und der Auswirkungen der „Tough-on-Crime“-Politik gesetzt.
3.1 Analyse: Anhand des Protagonisten Chuck wird empirisch aufgezeigt, wie die theoretischen Konzepte von Bourdieu das Leben im untersuchten Viertel erklären.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und reflektiert die Anwendbarkeit der bourdieuschen Theorie auf aktuelle gesellschaftliche Dynamiken.
Schlüsselwörter
Habitus, Pierre Bourdieu, Alice Goffman, On the Run, Soziale Felder, Kapital, Ökonomisches Kapital, Kulturelles Kapital, Soziales Kapital, Symbolisches Kapital, Kriminalisierung, Soziale Ungleichheit, Ethnografie, USA, Strafjustiz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Lebensrealität einer Bevölkerungsgruppe in einem benachteiligten Viertel von Philadelphia durch die theoretische Brille von Pierre Bourdieu.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind die Auswirkungen von Kriminalisierung, sozialer Ungleichheit, polizeilicher Repression und die Art und Weise, wie sich soziale Positionen durch unterschiedliche Kapitalausstattung manifestieren.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es zu prüfen, inwieweit die bourdieuschen Konzepte Habitus, Feld und Kapital geeignet sind, die ethnografischen Beobachtungen aus Goffmans Studie „On the Run“ wissenschaftlich zu fundieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretisch-analytische Methode, indem sie ethnografisches Material einer Feldstudie mit soziologischen Theorien (Bourdieus Praxistheorie) verknüpft.
Was wird schwerpunktmäßig im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Einführung in die Konzepte von Bourdieu sowie eine konkrete Analyse der Lebenswelt des Protagonisten „Chuck“ unter Anwendung dieser Konzepte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Publikation am besten?
Habitus, Bourdieu, Kapital, Kriminalisierung, soziale Ungleichheit, Philadelphia und Feldstudie sind die prägenden Begriffe.
Warum ist die Analyse von „Chuck“ für die Forschungsfrage so wichtig?
Chuck dient als exemplarisches Fallbeispiel, anhand dessen die prekäre Ausstattung mit Kapital und der Zwang zur Stigmatisierung im Alltag konkret nachvollzogen werden können.
Wie beeinflusst die „Tough-on-Crime“-Politik den Habitus der Bewohner?
Die ständige Angst vor Repression und die polizeiliche Präsenz führen zu einem Habitus der Vorsicht, der ständigen Flucht und des Misstrauens, was die sozialen Netzwerke und Lebensentwürfe dauerhaft einschränkt.
Welche Schlussfolgerung zieht die Autorin bezüglich der Anwendbarkeit von Bourdieus Theorie?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass Bourdieus Instrumentarium auch auf das moderne amerikanische Umfeld anwendbar ist, um die Mechanismen von Ausschluss und sozialer Distinktion zu demaskieren.
- Quote paper
- Suzanne Seif (Author), 2020, Habitus, soziale Felder, Kapital. Bourdieusche Analyse von Alice Goffmans Feldstudie "On the Run: Die Kriminalisierung der Armen in Amerika", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/956832