"Die Räuber" im Zeichen der Aufklärung. Schillers Kritik an der reinen Vernunft


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Franz, das „majestätische Ungeheuer“
2.1 Absage an die „Blutliebe“
2.2 Franz‘ Ausgang aus der Unmündigkeit
2.3 Die Angst vor dem „Götzen des Pöbels“

3. Karl, der „ehrwürdige Missetäter“
3.1. Karl über das „schlappe Kastratenjahrhundert“
3.2 Der Robin Hood der böhmischen Wälder
3.3 Die Rückkehr in das „Geleise der Gesetze“

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ein fränkischer Graf, Maximilian von Moor, ist Vater von zween Söhnen, Karl und Franz, die sich an Charakter sehr unähnlich sind. Karl, der ältere, ein Jüngling voll Talenten und Edelmut, gerät zu Leipzig in einen Zirkel lüderlicher Brüder, stürzt in Exzesse und Schulden, muß zuletzt mit einem Trupp seiner Spießgesellen aus Leipzig entfliehen. Unterdes lebte Franz, der jüngere, zu Hause beim Vater, und da er heimtückischer schadenfroher Gemütsart war, wußte er die Zeitungen von den Lüderlichkeiten seines Bruders zu seinem eigenen Vorteil zu verschlimmern.1

Mit diesen Worten beginnt Friedrich Schiller die Selbstrezension seiner Räuber, welche 1782 im Wirtembergischen Repertorium der Litteratur zunächst anonym veröffentlicht wurde. Schiller inszeniert hier Karl Moor als den heldenhaften, doch unglücklichen Protagonisten, seinen Bruder Franz als den bösartigen und raffinierten Gegenspieler. Die mitgeteilten Gedanken und Handlungen der beiden Brüder im Verlauf des Dramas und auch Schillers eigene Vorrede suggerieren jedoch, dass sich sowohl Franz als auch Karl als „unmoralische Charaktere“ 2 verstehen lassen und auch als solche erdacht sind. Franz entpuppt sich schon früh als Bösewicht, da er den Leser bereits im ersten Akt mittels eines Monologs in seine Pläne einweiht, seinen Vater loszuwerden und dessen Besitz an sich zu reißen. 3 Durch seine rationale Denkweise und klaren Ausführungen erweist er sich in diesem und weiteren Monologen zudem als Vertreter der Aufklärung. Ich werde mich bei der Analyse besonders auf La Mettries Materialismus und Immanuel Kants Definition der Aufklärung beziehen, nach welcher diese einen „Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“ 4 bietet. Karl Moor findet einen solchen Ausgang zunächst unfreiwillig. Im Gegensatz zu Franz stellt er sich als impulsive und emotionale Figur heraus – er scheint seinem Bruder in keiner Hinsicht zu gleichen. Schiller meint seinem Publikum in Karl Moor einen tragischen Helden zu präsentieren, der aus den vermeintlich richtigen Gründen die falschen Entscheidungen trifft. So wird er von seinem Bruder getäuscht und avanciert prompt zum Anführer der raubenden und mordenden Räuberbande, die dem Drama seinen Namen verlieh.

Durch die Brüder Moor kritisiert und hinterfragt Schiller die Umstände und vorherrschenden Anschauungen seiner Zeit. Er legt dabei besonderen Fokus auf die Ideen der Aufklärung. Diese Arbeit soll durch nähere Betrachtung der Figuren Franz und Karl Moor und ihrer Denkweisen, Handlungen und Motive diese Kritik demonstrieren und konkretisieren.

2. Franz, das „majestätische Ungeheuer“

Schiller macht deutlich, dass es sich sowohl bei Franz als auch bei Karl um Bösewichter handeln soll. So kündigt er in der ersten Fassung seiner Vorrede selbst an, man treffe in seinem Werk „Bösewichter an, die Erstaunen abzwingen, ehrwürdige Mißethäter, Ungeheuer mit Majestät“5 und bezieht sich dabei auf die Brüder Moor und den Räuber Spiegelberg. Franz Moor ist laut Schiller also ein majestätisches Ungeheuer und somit gleich vielfach interessanter für den Leser. Ein reiner Bösewicht sei „kein Gegenstand der Kunst“6, so Schiller in seiner Vorrede. Peter-André Alt verweist hier auf die offenkundige Ambivalenz des Bösen, „die es anziehend und zugleich erschreckend macht“7. Der Leser ist schockiert, empfindet gleichsam jedoch eine Faszination für Franz‘ Ungeheuerlichkeiten.

2.1 Absage an die „Blutliebe“

So ist es Franz, der sich scheinbar um das Wohlergehen seines Vaters sorgt und sich sorgenvoll scheut, diesem von den Übeltaten des älteren Sohnes zu berichten. 8 Schließlich tut er es dennoch und gewährt dem Leser auch bald darauf einen Einblick in seine Motive. Zu Beginn seines aufschlussreichen Monologes eröffnet Franz den ersten Teil seines Plans – er will seinen Vater gegen den älteren Bruder aufbringen, um diesen von der Familie zu trennen. Er verrät außerdem den Grund für seine Abneigung gegenüber seiner Familie: Franz ist der Meinung, die Natur habe ihm Unrecht getan. Er beschwert sich, nicht der erste und einzige Sohn des Grafen zu sein und fährt fort über sein hässliches Äußerliches zu klagen – seine Mutter sei parteiisch gewesen. 9 Doch er kann sich wieder fassen und verweist auf seine Möglichkeiten (I.1, S. 19 V. 20-26):

Schwimme, wer schwimmen kann, und wer zu plump ist, geh unter! Sie gab mir nichts mit; wozu ich mich machen will, das ist nun meine Sache. Jeder hat gleiches Recht zum Größten und Kleinsten, Anspruch wird an Anspruch, Trieb an Trieb und Kraft an Kraft zernichtet. Das Recht wohnet beim Überwältiger, und die Schranken unserer Kraft sind unsere Gesetze.10

Franz enthüllt hier eine sehr fortschrittliche Philosophie: Alle Menschen werden gleich geboren und sind für ihren eigenen Weg verantwortlich. Um der „Größte“ zu werden, muss er nur die menschlichen Gesetze überwinden. Dazu bedient sich Franz Moor seines Verstandes und folgt damit der Programmatik der Aufklärung, wie auch Immanuel Kant sie später formulieren sollte: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“11 Franz übergeht dabei jedoch jegliche Gesetze und somit auch die Regeln der Moral, welche er als „die Schranken [seiner] Kraft“ begreift.

Alt versteht Franz‘ Denkweise als „radikale Pervertierung der Vernunftphilosophie“ 12 . Die materialistische Lehre nach La Mettrie und Helvétius trage dazu bei, „die bindende Bedeutung der ‚Blutliebe‘ zu negieren und den Egoismus zum allein geltenden Handlungsprinzip zu erklären.“13 Franz bezeichnet die eigenen „Gesetze“ selbst als seine einzigen Grenzen. Ist er in der Lage sich von den moralischen Grenzen wie Mitgefühl oder Treue zu lösen, kann er aus seiner Sicht alles erreichen. Er macht sich also frei von der „Blutliebe“ und hinterfragt in der Folge seine Verpflichtung der Familie, speziell seinem Vater gegenüber (I.1, S. 20 V. 26 - S. 21 V. 2):

Aber weiter – es ist dein Vater! Er hat dir das Leben gegeben, du bist sein Fleisch, sein Blut – also sei er dir heilig. Wiederum eine schlaue Konsequenz! Ich möchte doch fragen, warum hat er mich gemacht? doch wohl nicht gar aus Liebe zu mir, der erst ein Ich werden sollte? Hat er mich gekannt, ehe er mich machte? Oder hat er mich gedacht, wie er mich machte? Oder hat er mich gewünscht, da er mich machte? Wusste er, was ich werden würde? [...] Kann ich eine Liebe erkennen, die sich nicht auf Achtung gegen mein Selbst gründet?14

Für Franz ist die bloße Verbindung durch „Fleisch und Blut“ nicht hinreichend, um sich der Familie verpflichtet zu fühlen. Stattdessen nennt er dieses Konzept eine „schlaue Konsequenz“ und deutet damit an, es handele sich um ein Konstrukt, das ihn an eine Familie binden soll, welcher er in seinen Augen nichts schuldet. 15 Franz selbst behauptet bereits zuvor (I.1, S. 16 V. 10-11): „Nicht Fleisch und Blut, das Herz macht uns zu Vätern und Söhnen!“ 16 Borchmeyer erkennt darin die gleiche Aussage, wie sie bereits in Lessings kurz zuvor veröffentlichten Nathan der Weise zu entdecken ist: es gäbe eine „geistige Vaterschaft“, welche wichtiger sei, als die leibliche. 17 Bei Lessing wird die eigentlich „humane Intention dieser aufgeklärten Maxime“ 18 durch die Beziehung Nathans zu seiner Pflegetochter Recha verdeutlicht. Es handelt sich vermeintlich um die gleiche Aussage, doch im Gespräch mit seinem Vater verfolgt Franz eine ganz bestimmte Intention. Er beraubt die Maxime ihres eigentlichen Sinns und nutzt ihre Prämisse um einen Keil zwischen Vater und Sohn zu treiben.

2.2 Franz‘ Ausgang aus der Unmündigkeit

Franz Moor will sich allerdings auch selbst von seinem Vater, seinem Vormund, lösen. Dieter Borchmeyer zeigt in seinen Erläuterungen zum Ursprung der Begriffe Mündigkeit und Unmündigkeit auf, in welchem Kontext Vater und Vormund hier stehen. Die beiden Begriffe fänden ihren Ursprung im Rechtswesen und in diesem Kontext habe auch Kant sie verwendet, als er die Aufklärung als den „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ 19 definierte. 20 Somit sei das Konzept der Aufklärung das „Heraustreten aus dem rechtlichen Abhängigkeitsverhältnis der Vormundschaft: Das Mündig- d. h. Rechtsfähig-Werden des Mündels – die Emanzipation von der patria potestas“ 21 – der väterlichen Gewalt. Der bevormundete Mensch soll beginnen, selbst zu denken, zu handeln und zu entscheiden und sich zu diesem Zweck von seinem Vormund befreien. Schiller inszeniert seinen Bösewicht als Aufklärer, um dann jenen Gedankengang auf die Spitze zu treiben: Um gänzlich frei von seinem Vater zu sein, muss dieser sterben. Er beendet seinen Monolog mit einer klaren Absichtsbekundung (I.1, S. 21 V. 19-22): „Ich will alles um mich her ausrotten, was mich einschränkt, dass ich nicht Herr bin.“ 22

Doch die Trauer um den verlorenen Sohn allein reicht nicht, um den Grafen zu beseitigen. Franz beginnt einen weiteren Plan zu entwerfen, um seinen Zielen auf die Sprünge zu helfen. Hierbei bedient er sich wiederholt einer materialistischen Rhetorik. Zunächst umschreibt er den menschlichen Körper als Mechanismus und will sich außerdem nicht an den „Schneckengang der Materie ketten lassen“. 23 Auch Julien Offray de La Mettrie, einer der wichtigsten Vertreter des Materialismus im 18. Jahrhundert, versteht den menschlichen Körper als eine Art Mechanismus. 24 Im Anschluss beweist Franz weitere Parallelen zu La Mettrie (II.1, S.43 V. 23-32):

Philosophen und Mediziner lehren mich, wie treffend die Stimmungen des Geists mit den Bewegungen der Maschine zusammenlauten. Gichtrische Empfindungen werden jederzeit von einer Dissonanz der mechanischen Schwingungen begleitet – Leidenschaften misshandeln die Lebenskraft – der überladene Geist drückt sein Gehäuse zu Boden – Wie denn nun? – Wer es verstünde, dem Tod diesen ungebahnten Weg in das Schloss des Lebens zu ebenen! – den Körper vom Geist aus zu verderben – ha! ein Originalwerk!25

Franz sieht eine enge Verbindung zwischen Körper und Geist. Versagt der Körper, wird auch der Geist versagen – und andersherum. So plant Franz, den Körper seines Vaters „vom Geist aus zu verderben“. Auch Borchmeyer erkennt hier Anzeichen der materialistischen Philosophie der Aufklärung und betitelt Franz als „höchst aufgeklärte[n] Bösewicht“26. Durch die Formulierung schließt er darauf, dass Franz – und somit Schiller – das Werk La Mettries geläufig gewesen sein wird. La Mettrie, selbst sowohl Philosoph als auch Mediziner, versteht den Menschen als Maschine, die durch das Zusammenspiel von Körper und Seele funktioniert.27

Franz verbindet Philosophie und Medizin ganz selbstverständlich, denn, so wie La Mettrie, erscheint Franz zu Beginn des Dramas als eine Art philosophischer Arzt, welcher sich um seinen Patienten sorgt.28 Doch schnell wird deutlich, dass auch diese philosophische Medizin durch Franz pervertiert werden soll, denn statt seinen Patienten zu heilen, plant er einen Mord.29 So wie der philosophische Arzt hier seinem Patienten schadet, kann auch der aufklärerische Philosoph dem Menschen schaden. Peter-André Alt fasst diese Kritik sehr treffend zusammen:

In der Franz-Figur beleuchten Die Räuber die Risiken einer Aufklärung, die, vermittelt durch das Handlungsmodell der Intrige, intellektuellen Missbrauch und psychische Manipulation freisetzt. Franz‘ Denken bezeichnet die radikale Pervertierung einer Vernunftphilosophie, deren Deutungsmuster zur Legitimation weitreichender Verbrechen umgewertet werden.30

Erneut gelingt es Schiller, ein Prinzip der Aufklärung aufzugreifen und in sein Gegenteil zu kehren. Die Lektion: Verstand allein kann nicht ausreichen, wenn das Individuum nicht fühlt und die Regeln der Moral ignoriert. Franz sieht seinen eigenen Vorteil im Tod des Vaters und da er die Macht über dessen Gesundheit hat, hält ihn nichts davon ab diesen herbeizuführen. Schiller attestiert dem Franz Moor in seiner Selbstrezension der Räuber eigens eine aufklärerische Natur und ein liberales Studium. Diese seien das Fundament seiner Raffinesse und hätten ihn „notwendig veredeln sollen“31. Stattdessen nutzt er sie, um seine egoistischen und lasterhaften Ziele zu verfolgen und somit, so Borchmeyer, die „ethischen Ziele jenes Denkens zu pervertieren“32. Schiller konzipiert mit Franz die korrumpierte Version des extremen Aufklärers, eine Warnung vor der Aufklärung in ihrer Reinform.

2.3 Die Angst vor dem „Götzen des Pöbels“

Diesem Konzept bleibt Schiller bis zum Ende des Dramas treu. Denn um Schillers Botschaft zu überliefern, muss Franz bis zum Ende stur bleiben und schließlich in seinem Denken und Handeln scheitern. Zu Beginn des vierten Aktes ist sein Plan aber zunächst aufgegangen. Er ist Herr der Grafschaft, sein Vater totgeglaubt. Franz meint jedoch in einem Besucher seinen Bruder Karl zu erkennen und vermutet eine Verschwörung. In der Folge zeigt Franz sich seltsam reflektiert und gesteht (IV.2, S. 99 V. 2-5): „Bin ich doch ohnehin schon bis an die Ohren in Todsünden gewatet, dass es Unsinn wäre zurückzuschwimmen, wenn das Ufer schon so weit hinten liegt“33. Er zeigt dabei allerdings kein Anzeichen von Reue. Gleich nach seinem Geständnis beginnt er zudem den Mord an seinem Bruder zu planen. Nachdem er den Diener Daniel nur mühevoll und mithilfe von Drohungen zu diesem Mord überreden kann, gibt Franz dem Leser einen Einblick in sein Verständnis von Religion (IV.2, S. 103 V. 35 - S. 104 V. 6):

Verflucht sei die Torheit unserer Ammen und Wärterinnen, die unsere Phantasie mit schröcklichen Märchen verderben, und grässliche Bilder von Strafgerichten in unser weiches Gehirnmark drücken, dass unwillkürliche Schauder die Glieder des Mannes noch in frostige Angst rütteln, unsere kühnste Entschlossenheit sperren, unsere erwachende Vernunft an Ketten abergläubischer Finsternis legen – Mord!34

Daniel hatte sich zuvor gesträubt, Franz‘ Plan zuzustimmen, da er eine Strafe nach dem Tod fürchtete. Seine gesamte Argumentation beruht auf der Annahme, dass auf den Tod eine Abrechnung der guten und schlechten Taten eines Menschen folge. Es ist diese bei Daniel auf dem christlichen Glauben basierende Annahme, die Franz verurteilt. Er verflucht die vermeintlichen Lügen der christlichen Erziehung als „Ketten abergläubischer Finsternis“, welche die Vernunft des Menschen untergraben und ihn schwach machen würden. In seinen Augen ist der Mensch zu weitaus mehr fähig, wenn er sich von diesem Glauben befreit, denn dann ist er keiner höheren Instanz mehr Rechenschaft schuldig. Ferner noch begreift er es ohnehin als die Bestimmung des Menschen, zuletzt wieder zu sterben, ungeachtet des geführten Lebens und versucht somit, so scheint es, den Mord an Karl durch eine Entwertung des Lebens generell zu rechtfertigen.35

Ein Leben, welches laut Franz aus der bloßen Befriedigung sexueller Bedürfnisse entsteht, so erläutert Alt, habe keinen eigenen Wert inne.36 Franz hatte bereits zuvor den Reproduktionsakt zum „viehischen Prozess“37 degradiert. Eine solch entromantisierte Sicht auf die Entstehung des Menschen zeigt La Mettrie, der in Der Mensch eine Maschine bereits 1748 feststellt, „dass der Ursprung des Menschen vollkommen demjenigen der Thiere gleiche“38. Alt verweist in diesem Zusammenhang zudem auf das materialistische Modell des vom Selbsterhaltungswillen dominierten Menschen. Schiller selbst halte die Konsequenzen einer solchen Anschauung für bedenklich.39 Alt fährt fort, dass nach Helvétius das physische Empfindungsvermögen für Urteile und Taten des Menschen relevanter sei als moralische Kategorien.

Zu allgemein nützlichen Taten ist der Mensch nur dann aufgelegt, wenn er vermutet, mit ihrer Hilfe schneller zur Erfüllung seiner Wünsche gelangen zu können; sittliche Werte unterstehen bei Helvétius allein dem Prinzip der Vermeidung, denn sie werden eingehalten, weil ihre Verletzung Sanktionen zur Folge hat. Franz‘ Lehre des Egoismus erweist sich vor diesem Hintergrund als dunkle Überbietung des im Materialismus vorgeprägten Denkens – als satanische Philosophie im Zeichen einer überdrehten, zur letzten Konsequenz gesteigerten atheistischen Aufklärung.40

Eine atheistische Aufklärung, welche sich nicht auf christliche Werte oder Bestrafungsmuster berufen kann, wird demnach ohne ein vergleichbares Wertesystem in letzter Konsequenz zu egoistischen Motiven und Handlungsmustern führen. Schiller zeigt hier die Problematik auf, welche mit dem Verlust einer göttlichen moralischen Instanz einhergeht.

Folglich versucht Franz sich vor seinem Tod selbst zu retten, indem er vorgibt, zu eben jener Instanz zu finden. In der Nacht seines Todes beschreibt er seinem Diener Daniel einen Traum, in dem er, wie Daniel erkennt, den Tag des Jüngsten Gerichts erlebt.41 In Erwartung seines Todes beginnt Franz doch zu fürchten, was ihm bereits prophezeit wurde: Er fürchtet, für seine Sünden büßen zu müssen. Doch wird er darüber nicht gläubig, stattdessen fleht er seinen Diener an, ihn in seiner Hoffnung zu bestätigen, dass diese Angst lächerlich sei (V.1, S. 131 V. 22-25): „Heiß mich einen Narren, einen aberwitzigen, abgeschmackten Narren! Tu das, lieber Daniel, ich bitte dich drum, spotte mich tüchtig aus!“42 Er versucht sich selbst weiterhin einzureden, es handele sich um eine „Pöbelfurcht“43, eine unbegründete, närrische Angst. Sicher ist er jedoch mittlerweile nicht mehr (V.1, S. 132 V. 2-11):

Öd, einsam, taub ist‘s droben über den Sternen – wenn‘s aber doch etwas mehr wäre? Nein, nein, es ist nicht! Ich befehle, es ist nicht! Wenn‘s aber doch wäre? Weh dir, wenn‘s nachgezählt worden wäre! Wenn‘s dir vorgezählt würde diese Nacht noch! – Warum schaudert mir‘s so durch die Knochen? Sterben! warum packt mich das Wort so? Rechenschaft geben dem Rächer droben über den Sternen – und wenn er gerecht ist, Waisen und Witwen, Unterdrückte, Geplagte heulen zu ihm auf, und wenn er gerecht ist?44

Franz‘ Überzeugungen stehen hier offenbar im Konflikt mit der übergroßen Angst vor der Strafe für seine Vergehen. Es folgt der Dialog mit Pastor Moser, der dem Leser zunächst Aufschluss über Franz‘ Einstellung zur Religion in der Vergangenheit gibt. Bis zu diesem Zeitpunkt habe Franz nichts als Spott für den Pastor und seinen Glauben übriggehabt.45 Er vertritt eine für die Aufklärung grundlegend typisch religionskritische Position, obgleich er in seinem Atheismus offenbar keine vergleichbare Reflektiertheit aufweist. Doch nun, da er um sein Wohlergehen in einem möglichen Leben nach dem Tod fürchten muss, fasst er einen neuen Plan (V.1, S. 132 V. 19-21): „Höre, Moser, ich will dir zeigen, dass du ein Narr bist, oder die Welt fürn Narren halten willst, und du sollst mir antworten.“46 Der Gebrauch seines Verstandes hat ihn bereits so weit gebracht, nun soll dieser ihn also noch einmal retten. Franz versucht gewissermaßen, Gott, den „Götzen des Pöbels“47, wegzudiskutieren. Sollte der Diener Gottes auf Erden es nicht schaffen, seine Ansicht zu widerlegen, hat er nach dem Tod nichts zu befürchten, so die Idee.

Der Pastor entlarvt jedoch dessen Ausführungen als die „Philosophie [seiner] Verzweiflung“48, als einen kläglichen Versuch, sich angesichts des nahenden Endes die eigene Angst zu nehmen. Er fügt hinzu, dass Franz‘ Überzeugungen im Moment des Todes auf die Probe gestellt würden – sollte er auch dann noch an seinen Grundsätzen festhalten können, so habe er gewonnen.49 Franz ist aber schon jetzt nicht mehr überzeugt, zu groß ist die Angst. Als er sich schließlich der beiden größten Sünden, Vater- und Brudermord, schuldig sehen muss, bricht er buchstäblich zusammen.50 Kurz vor seinem Tod versucht er schließlich sogar zu beten, erkennt jedoch, dass er nicht ehrlich beten kann. Letztlich kommt er zu dem Schluss (V.1, S. 138 V. 24-25): „Diesen Sieg soll der Himmel nicht haben, diesen Spott mir nicht antun die Hölle“51. Franz verliert den selbst ausgelösten Kampf gegen den Glauben, doch er findet zu seinen Überzeugungen zurück. Mit den Worten „so erbarm du dich meiner“52 nimmt er sich selbst das Leben – denn er selbst ist der einzige, der sich seiner erbarmen kann und wird. Es ist das Ende des Franz Moor und somit das unvermeidbare Scheitern des herzlosen Aufklärers.

[...]


1 Friedrich Schiller: Selbstrezension „Die Räuber“ im Wirtembergischen Repertorium. In: Friedrich Schiller Archiv. URL: https://www.friedrich-schiller-archiv.de/die-raeuber-text/selbstrezension-raeuber-im-wirtembergischen-repertorium/ [letzter Zugriff: 16.06.2020].

2 Friedrich Schiller: Die Räuber, hg. von Uwe Jansen. Stuttgart 2014, S. 5.

3 Vgl. ebd., S. 21.

4 Immanuel Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? In: Berlinische Monatsschrift 4 (1784), S. 481.

5 Friedrich Schiller: Die Räuber. Die unterdrückte Vorrede. In: Friedrich Schiller Archiv. URL: https://www.friedrich-schiller-archiv.de/die-raeuber-text/unterdrueckte-vorrede-1781/ [letzter Zugriff: 16.06.2020].

6 Schiller: Die Räuber, S. 5.

7 Peter-André Alt: Ästhetik des Bösen. München 2010, S. 183.

8 Vgl. Schiller: Die Räuber, S. 11.

9 Vgl. ebd., S. 19.

10 Ebd.

11 Kant: Was ist Aufklärung, S. 481.

12 Alt: Ästhetik des Bösen, S. 186.

13 Ebd., S. 187.

14 Schiller: Die Räuber, S. 20f.

15 Vgl. ebd., S. 20.

16 Ebd., S. 16.

17 Vgl. Dieter Borchmeyer: Die Tragödie vom verlorenen Vater. In: Friedrich Schiller / Angebot und Diskurs, hg. von Helmut Brandt. Weimar 1987, S. 161.

18 Ebd.

19 Kant: Was ist Aufklärung?, S. 481.

20 Vgl. Borchmeyer: Die Tragödie vom verlorenen Vater, S. 162.

21 Ebd., S. 162.

22 Schiller: Die Räuber, S. 21.

23 Ebd., S. 43.

24 Vgl. Julien Offray de La Mettrie: Der Mensch eine Maschine von de La Mettrie. Uebersetzt, erläutert und mit einer Einleitung über den Materialismus versehen von Adolf Ritter. In: Philosophische Bibliothek, hg. von J. H. von Kirchmann. Leipzig 1875. (Orig.: L’Homme Machine. Leiden 1748), S. 21.

25 Schiller: Die Räuber, S. 43.

26 Borchmeyer: Die Tragödie vom verlorenen Vater, S. 160.

27 Vgl. De La Mettrie: Der Mensch eine Maschine, S. 25.

28 Vgl. Borchmeyer: Die Tragödie vom verlorenen Vater, S. 160.

29 Vgl. ebd., S. 160f.

30 Alt: Ästhetik des Bösen, S. 186f.

31 Schiller: Selbstrezension [letzter Zugriff: 16.06.20].

32 Borchmeyer: Die Tragödie vom verlorenen Vater, S. 165f.

33 Schiller: Die Räuber, S. 99.

34 Ebd., S. 103f.

35 Vgl. ebd., S. 104.

36 Vgl. Alt: Die Ästhetik des Bösen, S. 189.

37 Schiller: Die Räuber, S.21.

38 de La Mettrie: Der Mensch eine Maschine, S. 74f.

39 Vgl. Alt: Die Ästhetik des Bösen, S. 188.

40 Ebd., S. 189.

41 Vgl. Schiller: Die Räuber, S. 129f.

42 Ebd., S. 131.

43 Ebd.

44 Ebd., S. 132.

45 Vgl. Schiller: Die Räuber, S. 132.

46 Schiller: Die Räuber, S. 132.

47 Ebd.

48 Ebd.

49 Vgl. ebd., S. 133f.

50 Vgl. ebd., S. 136.

51 Ebd., S. 138.

52 Ebd., S. 139.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
"Die Räuber" im Zeichen der Aufklärung. Schillers Kritik an der reinen Vernunft
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
18
Katalognummer
V956854
ISBN (eBook)
9783346305404
ISBN (Buch)
9783346305411
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Friedrich Schiller, Die Räuber, Kritik der reinen Vernunft, Das "Böse", Drama
Arbeit zitieren
Myron Christidis (Autor), 2020, "Die Räuber" im Zeichen der Aufklärung. Schillers Kritik an der reinen Vernunft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/956854

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