Die Figur "Ernst Scholz" und ihre Rolle in Frank Wedekinds "Der Marquis von Keith"


Referat / Aufsatz (Schule), 1998

11 Seiten, Note: 2


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Gliederung

1. Einleitung: Entstehungsgeschichte des Dramas „Der Marquis von Keith“

2. Schlüsselszenen
2.1. Der erste Aufzug: das Wiedersehen von Scholz und v. Keith
2.2. Der dritte Aufzug: die scheinbare Umkehr
2.3. Der fünfte Aufzug: die Katastrophe

3. Charakterisierung des Ernst Scholz

4. Schluß: gattungsgeschichtliche Einordnung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wedekinds Drama „Der Marquis von Keith“ ist die endgültige Fassung eines Stückes, das auf mehrere Vorläufer unter verschiedenen Namen zurückzuführen ist. Die erste Fassung „Ein Genußmensch“ entstand im Jahre 1898, blieb aber ein Fragment, das nur aus dem ersten Aufzug und den ersten beiden Auftritten des zweiten Aufzuges bestand. Von Dezember 1898 bis Februar 1899 verfaßte Wedekind die zweite Fassung, die er „Ein gefallener Teufel“ nannte. Allerdings hielt er einige Szenen, so vor allem die Schlußszenen des vierten und fünften Aufzuges für zu wenig aussagekräftig und einige Charaktere für nicht intensiv genug, so daß es zu keiner Veröffentlichung kam. Im Jahre 1900 überarbeitete Wedekind sein Stück ein weiters Mal und nannte es „Münchner Scenen“. Unter diesem Titel erschien das Drama im Frühjahr 1900 in drei aufeinander- folgenden Ausgaben der Zeitschrift „Die Insel“. Für die erste Buchausgabe (1901) ü- berarbeitete Wedekind sein Drama noch einmal, in erster Linie stilistisch, Titel war „Marquis von Keith (Münchner Scenen)“. Anläßlich der zweiten Auflage im Jahre 1907 nahm Wedekind die letzte größere Änderung am Stück vor: die Sprache wurde in vielen Ausdrücken präziser aber auch krasser, Übergänge wurden geglättet und Kürzungen vorgenommen; fortan hieß es „Der Marquis von Keith“. Die letzten Änderungen anläß-lich der dritten Auflage 1912 betrafen nur noch stilistische Details (vgl. AUSTERMÜHL 1990 S. 70-74, HARTWIG 1965 S. 93f.).

Der Titel der ersten Version „Ein Genußmensch“ bezieht sich auf die Figur des Grabau, der in den späteren Versionen Ernst Scholz heißt. Dieser will sich von seinem Jugend- freund Welter, später Marquis von Keith, zum Genußmenschen ausbilden lassen. Grün- de für die mehrfache Umbenennung des Dramas sind nicht bekannt, auch nicht ob We- dekind den Genußmenschen anfangs als Titelhelden sah und die Gewichtung des Mar- quis als Hauptperson erst in späteren Versionen einführte. Zweifelsohne ist die Figur des Ernst Scholz aber eine der wichtigsten dieses Dramas, seine Rolle und Funktion möchte ich im Folgenden analysieren.

2. Schlüsselszenen

Im „Marquis von Keith“ gibt es drei Dialoge zwischen v. Keith und Scholz, die ich we- gen ihrer Relevanz für den Handlungsverlauf als Schlüsselszenen bezeichnen würde. Dies sind im ersten Aufzug das Wiedersehen der Jugendfreunde v. Keith und Scholz, im drit- ten Aufzug der vermeintliche Wendepunkt für beide und im fünften Aufzug die Ab- schiedsszene, in der beide eine Rettung aus der ausweglosen Situation suchen.

2.1. Der erste Aufzug: das Wiedersehen von Scholz und v. Keith

Nach vier Jahren begegnen sich der Marquis von Keith und sein alter Jugendfreund Gaston Graf Trautenau alias Ernst Scholz wieder. Scholz berichtet, was ihm während dieser Zeit widerfahren sei: daß er dem Eisenbahnministerium beigetreten sei, daß er aufgrund von übertriebenem Pflichtbewußtsein ein Eisenbahnreglement geändert und damit ein schweres Unglück, bei dem 14 Menschen ums Leben kamen, verursacht ha- be. Aus Gram darüber ging er dann für mehrere Jahre auf Reisen nach England, Italien und Asienund unternahm sogar einen Selbstmordversuch. Überzeugt davon, daß er sei- ne Lebensfreude nur durch Selbstaufopferung wiedergewinnen könne, verlobte er sich mit dem ersten besten Mädchen von allerniedrigster Herkunft (WEDEKIND, 1990, S. 21). Diese Beziehung scheiterte allerdings. Scholz berichtet weiterhin, daß er wegen des Unglücks seiner Familie zuliebe seinen Namen und Titel aufgegeben und das Pseudonym Ernst Scholz angenommen habe. Jetzt sei er nach München gekommen, um sich von seinem Freund, dem Marquis, gegen Bezahlung zum Genußmenschen ausbilden zu las- sen.

Der Stil dieses ersten Aufzuges ist interessant, da auf wenigen Seiten sowohl eine Cha- rakterexposition des v. Keith als auch eine von Scholz gegeben werden. KUHN (1981) bezeichnet dies Charakterexpositionen als verkappte Monologe (S. 170), da die Dia- logpartner in diesen Gesprächen nicht gleichwertig sind, sondern einer immer dazu dient, das Gesagte des anderen noch einmal aufzugreifen und dadurch hervorzuheben oder den Gesprächspartner zu weiteren Selbstenthüllungen anzuspornen. Aus ihren Repliken werden die krassen Unterschiede zwischen Scholz und v. Keith deutlich: Während die Äußerungen von v. Keith abstrahiert und trocken wirken und seine Formulierungen auf scharfsinnigen Beobachtungen basieren, wirkt die Sprechweise von Scholz geradezu pathetisch, was vor allem durch den häufigen Gebrauch lautmalender Adjektive deutlich wird:

v. Keith: ... Solche Fertigkeiten erwecken mehr Mißtrauen als sie einem nützen. Deshalb hegt auch die bürgerliche Gesellschaft, seit ich auf der Welt bin, ein geheimes Grauen vor mir... (WEDEKIND 1990 S. 10).

Scholz: ... In ihrem Herzen keinen Funken Liebe, in meinem nur das Bedürfnis, mich aufzuopfern, der Verkehr eine endlose Kette der trivialsten Miß-verständnisse ... (WEDEKIND 1990 S. 21).

Der Aufzug endet damit, daß Scholz sich zwecks seiner Ausbildung zum Genußmenschen der geistigen Führung von v. Keith unterwirft, welcher als erste Unterrichtseinheit mit Scholz auf einen Tanzboden gehen möchte, da dies unser so unwürdigwie nur irgend möglich sei, [...] und es ihn selbst reize, wieder einmal im Schlamm zu baden (WEDEKIND 1990 S. 22).

2.2. Der dritte Aufzug: die scheinbare Umkehr

Im dritten Aufzug findet eine Feier statt, die der Marquis im Haus der Gräfin Werdenfels anläßlich der Gründung der Feenpalast-Gesellschaft gibt. Hier will er die Münchner Pfahlbürger, von denen er sich Geldmittel für sein Kunsthaus-Projekt erhofft mit Prunk und Feuerwerk von sich überzeugen. Diese Feier scheint ein Erfolg zu sein, deshalb kündigt v. Keith ein Konzert mit Anna Gräfin Werdenfels an, der er während des Stückes mehrmals suggeriert, den Feenpalast nur für sie zu bauen.

Selbst Scholz, der zu Beginn der Szene nicht zur Feier bleiben wollte, da er nicht unter Menschen gehöre [...] und außerhalb der Menschheit stehe (WEDEKIND 1990 S. 43), scheint sich im Verlauf des Aufzuges zu amüsieren, als er Anna näherkommt und sich zum gemeinsamen Radfahren verabredet. Auf dem Höhepunkt der Szene, dem abschließenden Feuerwerk, das für den Triumph v. Keiths sorgen soll, wird Scholz von herumfliegenden Trümmerteilen eines Feuerwerkskörpers am Knie getroffen und kommt hinkend ins Haus. Dennoch wirkt er hier das erste Mal im Stück glücklich. HARTWIG (1965) interpretiert diese Szene folgendermaßen: ... [Scholz] wird auf dem Höhepunkt des Feuerwerks zu Keiths Partner - trotz aller Gegensätzlichkeit. - Am Schlußdes dritten Aktes hinken beide [...]. [Das Feuerwerk] demonstriert Keiths scheinbaren Triumph, verletzt Scholz bedeutungsvoll am Knie [...] (S. 100).

2.3. Der fünfte Aufzug: die Katastrophe

Im fünften Aufzug kommt es zur Katastrophe, die sich bereits im vierten Aufzug ab- zeichnet. Der Marquis wird von allen leitenden Aufgaben im Feenpalast-Projekt ent- bunden, Anna bringt Scholz mit ihrer Entscheidung, den Konsul Casimir zu heiraten, dazu, in eine Nervenheilanstalt zu gehen, v. Keiths Lebensgefährtin Molly wird tot aufgefunden und v. Keith aus München verjagt. Die wichtigste Szene des ganzen Dramas ist das letzte Gespräch zwischen Scholz und v. Keith. Scholz, dessen Knieverletzung auf einmal verheilt ist, sucht v. Keith auf, um ihn von seinem Entschluß, München zu verlassen, in Kenntnis zu setzen. Im Verlauf des Gesprächs versucht er, v. Keith aus dessen auswegloser Situation zu retten, indem er ihn auffordert, mit in die Nervenheilanstalt zu kommen. V. Keith hingegen will die ganze Zeit über nur Geld von Scholz, seine Forderungen werden das Gespräch über immer höher. Zum ersten Mal im Stück ist es Scholz, der ein Gespräch dominiert, er hat v. Keith durchschaut und vertritt seinen Standpunkt selbstsicher. V. Keith, anfangs noch gebieterisch die ihm versprochene Geldsumme von 20 000 Mark fordernd, wird mehr und mehr in die Rechtfertigungsrolle gedrängt und versucht, seine Bitte um Geld als Nothilfe aus einer momentanen Krise zu erklären. Erstaunlicherweise beruft sich Scholz hier zum ersten staunlicherweise beruft sich Scholz hier zum ersten Mal auf materialistische Grundsätze,indem er antwortet, [sein] Vermögen [sei] mehr wert als [v. Keith]. [S] ein Vermögen sicher [e] den Angehörigen [s] einer Familie noch auf unendliche Zeiten eine hohe, freie Machtstellung (WEDEKIND 1990 S. 81). Während v. Keith mehrmals ausfällig wird, Scholz als Schmarotzer (ebd. S. 81) beschimpft und ihm Verrat an der eigenen Person und Verzicht auf die Menschenwürde (ebd. S. 82) vorwirft, wird Scholz im- mer ruhiger (vgl. Regieanweisungen S. 81ff) und sachlicher, fordert v. Keith auf, in kei- nen Wettstreit (ebd. S. 81) zu treten und bittet v. Keith im Sinne der Freundschaft, mitzukommen: Komm mit mir, dann bist du geborgen. Wir sind zusammen aufge-wachsen; ich sehe nicht ein, warum wir nicht auch das Ende gemeinsam erwarten sollen (ebd. S. 84) . Schließlich teilt er v. Keith, der ihn bis zuletzt verhöhnt, anschreit und beschimpft, mit, daß dieser ihm, sollte er es sich anders überlegen, jederzeit will- kommen sei und geht.

Scholz’ Knieverletzung, die HARTWIG (s.o.) im dritten Aufzug als Symbol für den Umschwung gesehen hat, ist zu Beginn dieser Szene auf einmal verheilt; während v. Keith immer noch hinkt, läuft Scholz wieder normal. Diese neue Situation symbolisiert neue Bedingungen: v. Keiths Welt beginnt zu bröckeln, seine auf Hochstapelei bauenden Luftschlösser brechen zusammen; der desillusionierte Scholz hat dies erkannt, seine Achtung vor Keith bröckelt ebenfalls. Die gegensätzsätzlichen Charaktere prallen in dieser Szene des fünften Aktes so heftig aufeinander, daßdie Distanz zwischen ihnen fast größer wird als die Distanz zwischen der Gesellschaft und ihnen beiden (HARTWIG 1965 S. 105).

Über diesen Dialog, der die besondere Aufmerksamkeit der Wedekind-Kritik auf sich gelenkt hat, schrieb Thomas Mann: Es ist eine ungeheuerliche Szene. In einem nichtssagenden modernen Zimmer wechseln zwei Männer in bürgerlicher Kleidung kurze und glasklare Repliken. Aber dahinter spukt und lockt ein Mysterium. Es ist das Mysterium der Abdankung. Wer es fassen kann, der fasse es. Wedekind hat Größeres, Krasseres,äußerlich Kühneres entworfen, das ist sicher. Aber in meinen Augen ist die letzte Szene zwischen Scholz und Keith das Schrecklichste, Rührends-te und Tiefste, was dieser tiefe, gequälte Mensch geschrieben hat (zit. nach HERING 1990 S.89).

3.Charakterisierung des Ernst Scholz

Um den Charakter der Figur Ernst Scholz zu erfassen grenzt man ihn am besten von v. Keith ab, dessen nicht vorhandene Charakterzüge er symbolisiert. Die beiden Haupt- personen des Dramas sind Gegenpole, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Nur einmal während des gesamten Stückes stehen sie sich richtig nahe, am scheinbaren Wendepunkt, als Scholz wegen seiner Knieverletzung zu hinken beginnt. Ernst Scholz alias Gaston Graf Trautenau und v. Keith sind Jugendfreunde. Doch wäh- rend Scholz ein junger Mann aus adliger Familie ist, der sich einen bürgerlichen Namen gibt, ist v. Keith von bürgerlicher Abstammung, ein Bastard, Sohn eines Hauslehrers und einer Zigeunerin (WEDEKIND 1990 S. 10). Er nimmt einen Adelstitel an: Ich heiße mit demselben Recht Marquis von Keith, mit dem du Ernst Scholz heißt. Ich bin der Adoptivsohn des Lord Keith, der im Jahre 1863... (ebd. S. 28). Indem Scholz sich mit einem Mädchen von niedrigster Herkunft verlobt, versucht er, bestehende Stan- desunterschiede zu überwinden; v. Keith hingegen, dem dies eigentlich nicht zusteht, da zwischen ihm und dem Bürgertum diese Unterschiede nicht wirklich bestehen, beruft sich ständig auf solche Standesunterschiede: [...] das ist unser so unwürdig wie nur irgend möglich [...] (ebd. S. 22). Scholz hat eine solide Ausbildung hinter sich, er be- sitzt ein juristisches Examen, später schlug er beim Eisenbahnministerium die Beamten- laufbahn ein, wo er aus übertriebenem Pflichtbewußtsein ein großes Unglück verursach- te. Dennoch sieht er sich als Mensch [en] ohne Erziehung (ebd. S. 44). Sein Freund v. Keith hingegen hat zwar keine Ausbildung aber viele Berufe. Er ist Direktor einer Akti- engesellschaft, Mäzen für Kunst und Musik und auch auf der politischen Ebene war er, wenn auch nicht erfolgreich, tätig. So fragt der Kunstmaler Saranieff im Gespräch mit Scholz zu recht: Wissen sie vielleicht irgend etwas, worin sich der Marquis von Keith nicht betätigt (ebd. S. 29)? In finanzieller Hinsicht ist Scholz von Hause aus vermögend, sein Besitz wird ihm aber zum Fluch, da man ihn nur deswegen für einen Menschen gelten läßt (vgl. KUTSCHER 1964 S. 170); der Marquis versteht es gut, von fremden Personen Geld zu organisieren und dies mit vollen Händen auszugeben, für ihn ist Besitz der Inbegriff der Glückseligkeit (vgl. KUTSCHER S. 170). Es ist unter seiner Würde, Papiere zu haben (WEDEKIND 1990 S. 32), er sieht aus wie vom Galgen geschnitten (ebd. S. 39), seine Grundsätze sind mehr als fragwürdig: die Wahrheit ist unser kostbarstes Lebensgut, und man kann nicht sparsam genug damit umgehen (ebd. S. 27). Selbst seine Anschauungen der Religion zeugen von sei- nem Materialismus und Egoismus: Sünde ist eine mythologische Bezeichnung für schlechte Geschäfte (ebd. S. 26); ... [ich] fand bei keiner Religion einen Unter-schied zwischen der Liebe zu Gott und der Liebe zum eigenen Wohlergehen (ebd.S. 69). Dieser Ausspruch erklärt auch v. Keiths Verständnis seines Konfirmations- spruchs: Wir wissen, daßdenen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen (ebd. S. 69). V. Keith hält es für Gotteslästerung, daß Scholz den Grund für sein Un- glück in seinem Reichtum sieht und diesem deshalb entsagen will. Trotz dieser Tatsachen - Scholz hält v. Keith für ein Ungeheuer an Gewissenlosigkeit (ebd. S. 19) - vertraut sich der Moralist Scholz anfangs der geistigen Führung des Materialisten v. Keith an, um sich zum Genußmenschen ausbilden zu lassen, um sich selbst zu vergessen, aber auch um sein höchstes Ziel zu erreichen: ein nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu werden (ebd. S. 19). Die Ausbildung zum Genußmenschen ist für [ihn] nur Mittel zum Zweck [...] es gibt ja noch so viel Gutes zu erkämpfen in dieserWelt. Deswegen will Scholz sich um seine Mitmenschen verdient [...] machen, würde sich das aber nie zum Verdienst anrechnen (ebd. S. 52).

Beide Hauptfiguren waren schon einmal dem Tod sehr nahe. Scholz hat einen mißglück- ten Selbstmordversuch hinter sich, v. Keith sollte in Amerika erschossen werden, kam aber gerade noch einmal davon. Doch während Scholz seine Begegnung mit dem Tod als Möglichkeit für einen Neuanfang mit neuen Verpflichtungen sieht, fühlt v. Keith sich nun unsterblich: [...] der Tod traut sich aus Furcht, er könnte sich blamieren, nicht an mich heran. Wenn ich sterbe, ohne gelebt zu haben, dann werde ich als Geist umgehen (ebd. S. 16).

Selbst im Umgang mit Frauen ist Ernst Scholz nicht fähig, etwas richtig anzugehen: seine Verlobung mit dem Mädchen aus niederem Stand war für ihn Mittel zum Zweck, der Überwindung von Standesunterschieden, und dadurch von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Eine Beziehung mit Simba, dem einfachen Münchner Mädchen hätte ihm Freude spenden können, Simba brachte ihn an Kunst und Musik heran. Scholz hält sie aber für eine Märtyrerin der Zivilisation (ebd. S. 47), weil sie auf Keiths Feier die Gäste bedient, was sie so verschreckt, daß sie sich lieber auf ihre Liebe zum einfachen Literaten Sommersberg besinnt. Im vierten Aufzug sucht er Anna Gräfin Werdenfels,Keiths opportunistische Freundin, auf, die von einem reichen Mann geheiratet werden will. Doch auch ihr stößt er vor den Kopf, da er sie nicht heiraten, sondern zur Geliebten nehmen will. V. Keith ist ebenfalls nicht beziehungsfähig, allerdings auf andere Art. Er verurteilt seine Lebensgefährtin Molly, die ihn liebt und ihm vorbehaltlos dient, dadurch zum Tode, daß er sie nicht achtet und wie eine Angestellte behandelt. Seine Beziehung zu Anna besteht, weil diese auf einen reichen Mann wartet und sich aus dem Verhältnis mit v. Keith Vorteile erhofft. Auch wenn sie ihm vorhält: du siehst und hörst Phanta-siegebilde, sobald du mich vor Augen hast. Duüberschätzest meine Erscheinung geradeso, wie du meine Kunstüberschätzest (ebd. S. 54), so läßt sie sich doch gerne von ihm hofieren.

Trotz oder gerade wegen dieser Unfähigkeit zum Lebensgenuß forderte Wedekind im Regiebuch für Scholz, daß dieser vom besten, gewandtesten jugendlichen Schauspieler gespielt werde, Melancholie, Kopfhängerei, schleppendes Tempo sind streng zuvermeiden. Scholz ist ein eigensinniger Hitzkopf, der unaufhörlich mit seinen Ketten rasselt (zit. nach HARTWIG 1965 S. 105).

Im Endeffekt sind beide Hauptpersonen des Dramas, Scholz und v. Keith, zum Scheitern verurteilt: So wenig wie Keith zur Moral hat Scholz zum LebensgenußTalent (KUTSCHER 1964 S. 170). Wedekind legte sein Drama als das Wechselspiel zwischen einem Don Quijote der Moral und einem Don Quijote des Lebensgenusses an (vgl. KUHN S. 177, VÖLKER S. 42), beider Windmühlen sind immens hoch gesteckte Ziele, die beide nicht erreichen können.

4. Schluß: gattungsgeschichtliche Einordnung

Wedekinds „Der Marquis von Keith“ hat viele Elemente des klassischen Dramas, ande- rerseits setzt sich der Autor über diverse Anforderungen desselben hinweg. HARTWIG (1965 S. 98) ordnet das Stück wegen seiner Merkmale des klassischen und des mo- dernen Dramas in die Epoche des Übergangs zum modernen Theater ein. Typisch für ein klassisches Drama ist die Einteilung in fünf Akte (hier: Aufzüge) mit einer Haupthand- lung und keiner Nebenhandlung, das Fehlen einer Szeneneinteilung weicht davon ab. Der dritte Aufzug ist ein (scheinbarer) Höhepunkt im Sinne des klassischen Dramas, der fünfte, der in sich geschlossen ist, bringt die Katastrophe, einen Zusammenbruch von ungeheurer Totalität (ebd. S. 101); v. Keith wird fünfmal, von den Karyatiden, von Anna, von Scholz, von Casimir und von Molly in seine Isolation außerhalb der Gesell- schaft und sein Unglück zurückgestoßen. Der vierte Aufzug hingegen bringt kein retar- dierendes Moment im Sinne des klassischen Dramas, sondern leitet die Katastrophe des fünften Aufzugs direkt ein. Laut HARTWIG benutzt Wedekind diese Elemente des Klassischen Dramas, die scheinhaften Charakter haben, [...] um die Scheinhaftig-keit des Lebens darzustellen (ebd. S. 101). Es kommt für beide Hauptpersonen zur Katastrophe, Scholz findet im Scheitern sogar eine Einsicht. Aber keiner der beiden findet für sein Problem eine Lösung, es gibt weder Tod noch Sieg und so eigentlich auch keinen konkreten Schluß. Was bleibt, ist für Scholz die Nervenheilanstalt, für v. Keith eine Fortsetzung seiner Hochstapelei, wie sein letzter Ausspruch Das Leben ist eine Rutschbahn (WEDEKIND 1990 S. 87) zeigt.

Ebenso wie das Stück Elemente des klassischen und des modernen Dramas aufweist, besitzt es auch Element der Tragödie und der Komödie. Die zwei Hauptpersonen ges- talten einen tragischen und einen komischen Ausgang, Scholz verzweifelt und geht in die Anstalt, v. Keith zieht sein eigentlich tragisches Schicksal mit Zynismus ins Komische. Mollys Schicksal ist tragisch, die Figuren der Karyatiden wirken wie Karikaturen. Wedekind schrieb eine tragikomisches Schauspiel mit satirischem Charakter, bei dessen Uraufführung am 11. Oktober 1901 in Lautenburgs Residenztheater in Berlin er selbst die Hauptrolle spielte. Leider war diese Aufführung ein Mißerfolg, Publikum und Kritik verrissen es gleichermaßen. Bis heute wurde „Der Marquis von Keith“ selten aufgeführt, da er hohe Anforderungen an die Schauspieler stellt, um glaubhaft zu wirken (vgl. HERING 1990 S. 89ff.).

Literaturverzeichnis

HARTWIG, WOLFGANG: Texte und Materialien zu Frank Wedekind: „Der Marquis von Keith“. In: Wedekind, Frank: Der Marquis von Keith. Berlin: Walter de Gruyter & Co 1965

HERING, GERHARD F.: Nachwort. In: Wedekind, Frank: Der Marquis von Keith. Stuttgart: Reclam 1990

KUHN, ANNA KATHARINA: Der Dialog bei Frank Wedekind. Untersuchungen zum Szenengespräch bis 1900. Heidelberg: Carl Winter Universitätsverlag 1981

KUTSCHER, ARTUR: Wedekind - Leben und Werk. München: Paul List Verlag 1964

VÖLKER, KLAUS: Frank Wedekind. Velber/ Hannover: Friedrich Verlag 1965 WEDEKIND, FRANK: Der Marquis von Keith. Schauspiel in fünf Aufzügen. Text und Materialien besorgt von Wolfgang Hartwig. Berlin: Walter de Gruyter & Co 1965

WEDEKIND, FRANK: Der Marquis von Keith. Stuttgart: Reclam 1990

WEDEKIND, FRANK: Ein gefallener Teufel. Urfassung des Schauspiels „Der Marquis von Keith“. Erstveröffentlichung, nach der handschriftlich überlie-ferten ersten vollständigen Fassung nach kritischem Vergleich mit den übrigen ü-berlieferten Handschriften, Drucken und Zeugnissen. Hg. v. Elke Austermühl und Hartmut Vincon, Editions- und Forschungsstelle Frank Wedekind, Darmstadt. Mit einem Nachwort und einer Zeittafel von ELKE AUSTERMÜHL. Darmstadt: Verlag Jürgen Häußer 1990

11 von 11 Seiten

Details

Titel
Die Figur "Ernst Scholz" und ihre Rolle in Frank Wedekinds "Der Marquis von Keith"
Note
2
Autor
Jahr
1998
Seiten
11
Katalognummer
V95687
Dateigröße
352 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Schluß ?!?
Schlagworte
Figur, Ernst, Scholz, Rolle, Frank, Wedekinds, Marquis, Keith
Arbeit zitieren
Andreas Mayer (Autor), 1998, Die Figur "Ernst Scholz" und ihre Rolle in Frank Wedekinds "Der Marquis von Keith", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/95687

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