Goethe, Johann Wolfgang von - Interpretation eines Aphorismus


Referat / Aufsatz (Schule), 2000

5 Seiten


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Aufgaben:

1) Erläutere diesen Aphorismus aus der Sicht Goethes!
2) Erörtere die Berechtigung dieser Aussage aus deiner Sicht!

„Mir ist ein neuer Ausdruck eingefallen“, sagte Goethe,„der das Verhältnis (zwischen Klassik und Romantik)nichtübel bezeichnet. Das Klassische nenne ich das Gesunde und das Klassische nenne ich das Kranke. Undda sind die Nibelungen klassisch wie der Homer, den beide sind gesund und tüchtig. Das meiste Neuere istnicht romantisch, weil es neu, sondern weil es schwach, kränklich und krank ist, und das Alte ist nichtklassisch, weil es alt, sondern weil es stark, frisch, froh und gesund ist. Wenn wir nach solchen QualitätenKlassisches und Romantisches unterscheiden, so werden wir halb im reinen sein.“

(Eckermann - Gespräche mit Goethe ; Bd. I, S.418;

bei Eugen Diederichs Jena 1908)

So lautet die komplette Aufzeichnung der Worte Goethes durch Eckermann vom 2. April 1829, die das Verhältnis Goethes zur Romantik gebündelt wiedergeben. Die Verehrung der klassischen Position , die sich nach seiner Italienreise so vollständig ausgebildet hat, daß sie zur Geringschätzung anderer, entgegengesetzter Positionen führt, wird auch noch an anderer Stelle deutlich. So äußert sich Goethe zum Beispiel heftig ablehnend „Über das klosterbruderisierende, sternbaldisierende Unwesen“, womit er sich auf die romantischen Werke L. Tieks (Sternbalds Wanderungen) und W. Wackenroders (Herzergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders) bezieht. Nach dem Urteil Erich Trunz’ durchzieht dieses Polemisieren gegen die Romantik Goethes gesamtes Alterswerk.

Besieht man sich die Äußerungen Schlegels und Novalis’, in welchen sie das Extreme romantischen Empfindens darstellen, so kann die Ablehnung des Klassikers Goethe aus seiner Sicht verständlich werden. So sagt Schlegel in Bezug auf die Extreme: „Verbindet die Extreme, so habt ihr die wahre Mitte“. In sehr ähnlicher Form äußert sich Novalis: „Das wahre Genie verbindet die Extreme“. An anderer Stelle, im ersten Kapitel seines Romans „Heinrich von Ofterdingen“ , beschreibt er in schillernder poetischer Sprache das romantische Empfinden der Extreme: „Alle Empfindungen stiegen bis zu einer nie gekannten Höhe in ihm. Erdurchlebte ein unendlich buntes Leben, starb und kam wieder, lebte bis zur höchsten Leidenschaft und wardann wieder auf ewig von seiner Geliebten getrennt.“

Diese Gefühle waren Goethe zwar nicht grundsätzlich fremd, hatte er sie doch in ähnlicher Intensität in seiner Jugend, als Stürmer und Dränger, selbst empfunden, doch er distanzierte sich als älterer, klassischer Goethe von der Überzeugung her von diesen Empfindungen. Den theoretischen Hinterrund dieses ablehnenden Verhaltens werde ich an späterer Stelle noch erörtern. Vorher aber möchte ich Goethe selbst weiter zitieren. In seinem Faust erfindet er die Figur des Euphorion, den Sohn Fausts und der Helena, der viele romatische Merkmale trägt, vor allem aber ins Extreme strebt. Nachdem er im zweiten Teil der Tragödie auftritt (Hamburger Ausgabe, München 1998, S. 293-300), beginnt ein Dialog zwischen Faust, Helena, dem Chor und dem Euphorion, in dem beide Positionen, Klassik und Romantik, konfrontiert werden.

Euphorion: Nun laßt mich hüpfen,

Nun laßt mich springen!

Zu allen Lüften hinaufzudringen

Ist mir Begierde,

Sie faßt mich schon.

Worauf Faust antwortet:

Nur mäßig! Mäßig!

Nicht ins Verwegene,

Das Sturz und Unfall

Dir nicht begegne,

Zugrund uns richten

Der Teure Sohn.

(S. 293)

An späterer Stelle berichtet Euphorion wieder ähnliches:

Nur durch die Haine!

Zu Stock und Steine!

Das leicht Errungene,

Das widert mir,

Nur das Erzwungene

Ergetzt mich schier. (S. 295)

In dieser Form ähneln sich alle Aussagen Euphorions. Immer gehen sie ins Extreme, ins Gezwungene. So wieder einige Verse später:

Euphorion: Immer höher mußich steigen,

Immer weiter mußich schauen

[...]

Sollt ich aus der Ferne schauen

Nein! Ich teile Sorg und Not!

Helena, Faust und Chor: Übermut und Gefahr

Tödliches Los!

Euphorion: Doch! Und ein Flügelpaar

Faltet sich los!

Dorthin! Ich muß! ich muß!

Gönnt mir den Flug!

Im weiteren Verlauf behalten Faust und Helena mit ihren Sorgen recht: Euphorion stürzt ab, nachdem er versucht hat, hinwegzufliegen, und stirbt. Doch statt diesen Tod, den er vorher in seinem Übermut als selbstverständlich, natürlich, fast notwendig charakterisiert hat, nun auch als Konsequenz seines Handelns zu tragen, dringt seine Stimme kläglich aus der Tiefe:

Laßt mich im düstern Reich

Mutter, mich nicht allein.

Dieser Dialog eignet sich hervorragend, um die deutliche Ablehnung Goethes der Romantik zu skizzieren , weil wir im Euphorion eine romantische Figur haben, wie Goethe sie sieht. An ihm lassen sich die wahrscheinlichen Kritikpunkte Goethes am besten verdeutlichen.

Auffällig ist zum einen, daß sein Figur die extremen Charakteristika, die ich vorher durch das Schlegel- und die beiden Novaliszitate beschrieben habe, samt und sonders trägt. Es reißt ihn hinfort, mehrfach drückt er seinen Zwang aus, etwas zu tun: Immer höher muß er steigen, immer weiter muß er schauen. Etwas später muß er nur noch („ Ich muß! ich muß!“), und immer sind die Ausdrücke seines Zwanges unbedingt und mit Euphorie betont (ständige Ausrufezeichen). Über das banale Warnen der Umstehenden hinaus, daß dieser Überschwang und Übermut zum Unglück führen werde und gefährlich sei, muß diese zwanghafte Haltung dem Klassiker zuwider sein, weil sie den Menschen unfrei macht. Die heteronome Bestimmung des Euphorion durch sein Sehnen, seine Begierde („Ist mir Begierde / Sie fast mich schon“) bedeutet jene Unfreiheit, die den Menschen aus klassischer Sicht von seinem eigentlichen Wesen entfernen, ihn sich selbst entfremden. Darin liegt eben jene Schwäche, die Goethe als Symptom für die Krankheit der Romantik in seinem Gespräch mit Eckermann anführt. Diese Unfreiheit in der Handlung, das Beherrschtsein durch die eigene Begierde, durch die eigenen Wünsche und die eigene Sehnsucht nach immer Weiterem, Höherem, Besserem, die doch nie gestillt werden kann, stößt Goethe ab, der Entsagung als oberste Bedingung zur notwendigen Versöhnung sieht.

Und auch vor diesem für den klassischen Goethe so wichtigen Begriff der Versöhnung, der Synthese der Extrema zur harmonischen, leichten, freien Ideallinie hin, kann der romantische Mensch, wie Goethe ihn sieht, nicht bestehen.

Der von seinen Begierden und Sehnsüchten beherrschte Romantiker kann aus seiner Unfreiheit heraus die zur Versöhnung so wichtige, unbedingt notwendige Entsagung nicht leisten. Der Romantiker versucht die Synthese der Extrema gar nicht, er er- und durchlebt sie, umfaßt sie und läßt sich von ihnen bestimmen.

Und auch vom ästhetischen Empfinden her kann Goethe einen romantischen Menschen , wie er ihn sieht, nicht als angenehm erleben. In seinen Aussagen zur Ästhetik betont Goethe immer wieder, daß nur das erfreut und infolgedessen gut ist, was leicht und ohne Mühen aufgenommen werden kann. Klarheit, Heiterkeit, Leichtigkeit sind die Ausdrücke, die er in diesem Kontext immer wieder gebraucht: „ Die Klarheit der Ansicht, die Heiterkeit der Aufnahme, die Leichtigkeit der Mitteilung, das ist es, was uns entzückt [...]“ (Aus dem Aufsatz: Antik und Modern, Hamburger Ausgabe, Bd. XII, S. 176). (Im gleichen Aufsatz, etwas später, äußert er noch, in Form eines Postulats: „Jeder sei auf seine Art ein Grieche! Aber er sei’s.“ Auch diese Aussage kann man als gegen die Romantiker, die dem Mittelalter anhängen, gerichtet ansehen). Man sieht wieder eine deutliche Abneigung gegen den Typ Romantiker, den Euphorion verkörpert, als er sagt, nur das Erzwungene ergetze ihn schier. Begreiflich wird diese Notwendigkeit zur Leichtigkeit über die reine Sympathie Goethes hinaus, beachtet man die Kant’sche Ästhetik, in der er beschreibt, daß nur das „interesselose Wohlgefallen“ an einem Gegenstand als schön empfunden wird. Das Betrachten eines solches schönen Gegenstandes versetzt den Menschen in einen Zustand , in dem seine Kräfte der Anschauung und die des Geistes in einem harmonischen Spiel zueinander stehen. Diesen Zustand betrachtet er als den Ursprünglichen, in dem die völlige Einheit des Menschen gegeben ist. Er entspricht der Idee Arkardiens, nur das das Erreichen dieses Zustands aus dem Bewußtsein heraus durch das Betrachten oder besser Aufnehmen von Kunst, von schöner, also klassischer Kunst, möglich wird, was einer qualitativen Weiterentwicklung bedeutet.

Ich denke, Goethe beschreibt mit seinen Worten von Leichtigkeit usw. genau dieses, so daß seine Ablehnung der Romantik, versteht man sie als eine kunsttheoretische, auch aus dieser Sicht, verständlich wird. Goethe empfindet in seiner klassischen Phase das Starke, Autonome, das Kraftvolle der Nibelungen, das Erhabene Homers also aus den genannten Gründen als „gesund“, wobei dieses Wort sicherlich nicht ganz so negativ verstanden sein darf, wie es nach seiner Pervertierung durch den Faschismus („Gesunder Volkskörper“ usw.) verstehen. Für das „Kranke“ der Romantik, ihrer „schwächlichen Kapitulation“ vor der heteronomen Bestimmung ihrer Begierden, gilt selbiges.

Soll ich mir eine eigene Meinung bilden über die Berechtigung der Aussage Goethes, so glaube ich das zuletzt gesagte zuerst berücksichtigen zu müssen. Ich darf die Worte ‚Krank‘ und ‚Gesund‘ nicht im Kontext meines Verständnisses dieser Worte (vor allem in bezug auf die Bewertung einzelner Positionen) verstehen, will ich Goethe in meiner Bewertung gerecht werden. Und nur so kann man nach meiner Meinung fair bewerten.

Schwäche ich die Worte also in ihrer Deutlichkeit und Direktheit aus dem Raum faschistoider Bedeutung heraus ab, so bleibt aber immer noch die völlige Pauschalität und Indifferenziertheit dieser Behauptung (denn um eine solche handelt es sich ja offensichtlich).

Selbst wenn ich für ‚krank‘ ‚schlecht‘ und für ‚gesund‘ ‚gut‘ mir dächte, so bliebe dieser Vorwurf bestehen.

Nun muß man Goethe zugute halten, daß seine Aussage auch aus dem Kontext gerissen ist und ich die formale Pauschalität und Indifferenziertheit nur aus Basis der Aufzeichnung eines dritten (Eckermanns) beurteilen kann.

Ich muß also den gewagten Schritt unternehmen, meine Unkenntnis der wahren und kompletten Begebenheit halber, diese Aussage so zu nehmen, als stünde sie exact so, in ihrer unerklärten, isolierten Weise, im Raum. Dann fällt die formale Ablehnung dieses Gedankens nicht schwer: Da Goethe erstens unbegründet (auch die Zuordnung des Klassischen zu Homer und den Nibelungen ist letztlich keine Begründung, weil diese Zuordnung wiederum nicht näher erklärt wird) behauptet bzw. besser definiert und seine Behauptung zweitens pauschal und völlig einseitig, schwarz-weiß-malend, hält, kann man ihn so nicht akzeptieren. Da die Germanisten nicht einmal heute, nach genaueren Studien der „romantischen“ Texte, sich eindeutig äußern können, was ‚Romantik‘ so generell eigentlich ist, möchte ich stark bezweifeln, daß Goethe es so pauschal konnte, gesetzt den Fall, pauschale Aussagen wären überhaupt mit Berechtigung möglich.

Betrachte ich nun die inhaltliche Ebene, versuche ich seine Aussage vor dem Kontext meiner Kenntnisse, die ich im ersten Teil meiner Arbeit verwendet habe, zu bewerten, stoße ich auf das alte Problem der verschiedenen, gesetzten Menschen- und Weltbilder.

Die klassische Anthropologie sieht den Menschen als ursprünglich einheitliches Wesen (wobei sich die Einheit auf das harmonische Zusammenspiel von intellegibler und sensibler Welt innerhalb des Menschen bezieht) und seinem Wesen nach als frei an. Der Begriff der Freiheit ist im klassischen Sinne als Autonomie von der Bestimmung durch eine je dominante Seite innerhalb des Menschen zu verstehen. Auch der Mensch, der sich abwechselnd von der einen und der anderen Seite bestimmen läßt, ist logischer Weise nicht frei, sondern nur derjenige, der durch Entsagung und autonome Selbstbestimmung die Synthese der verschiedenen Extreme bewältigt und innerlich zur ursprünglichen Einheit zurückkehrt, kann als frei bezeichnet werden.

Diese Haltung ist für mich sehr gut nachzuvollziehen; auch denke ich in ihr eine unbedingte Überlegenheit zum vorhandenen Utilitarismus und der vorhandenen Egozentrik im negativen Sinne zu erkennen, doch müßte für eine Bewertung einer Aussage, die nur vor diesem Verständnis von Freiheit und vor dieser Anthropologie bestehen kann, diese Haltung auch wahr sein. Und wer wollte das entscheiden? Goethe war aber so freundlich, seine Aussage so zu formulieren, das durch einen Zweifel an seien Grundlagen auch die Aussage selbst hinfällig wird, so daß er sich nach meiner Sichtweise durch seine Form auch inhaltlich selbst widerlegt. Denn ich sehe die Möglichkeit des Zweifels an seiner Aussage unbedingt, eigentlich ist sie sogar banal.

Dächte ich so geschlossen im klassischen Weltbild, dann würde ich sie unterstützen können, wenn auch nicht in ihrem geringschätzigen Charakter (was aber eher eine ästhetische Entscheidung ist). Da ich das aber nicht tue, sondern im Gegenzug das romantische Weltbild in sich als genau so faszinieren empfinde, muß ich der Konsequenz halber die Berechtigung seiner Aussage verneinen.

Darüber hinaus treffen nach meinem Verständnis von Romantik Goethes Vorwürfe innerhalb des romantischen Systems gar nicht. Ich nehme als Beispiel Goethes Postulat der Versöhnung. Innerhalb der Romantik ist die Versöhnung zwischen Subjekt und Objekt hinfällig, der Versuch zu selbiger eigentlich sogar der grundlegend falsche Weg. Denn in dem Moment, in dem ich zwei Positionen zu versöhnen versuche, anerkenne ich automatisch ihre Unterschiedenheit . Das Anliegen der Romantik scheint aber, wenn ich das richtig verstanden habe, der Versuch zu sein, den Unterschied zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Ding und Geist aufzuheben, da sie ursprünglich das Gleichen, nämlich Geist, sind.

Dieser Gedanke ist zu erklären: Folgt man der Erkenntnistheorie der Moderne in Europa, so kommt man von der „ sinnlichen Gewißheit“ (Hegel) der Naturwissenschaft über Kant, der die Bedingung für die Erkenntnis eines Objekts im Subjekt selbst lokalisiert und damit die „sinnliche Gewißheit“ der Naturwissenschaft transzendierte, zu Fichte. Sein Gedanke transzendierte nun wieder Kant, indem er die Herkunft der Dinge aus dem Prinzip des Geistes erklärte: Der ursprünglich unbewußte Geist schuf und schafft in alle Ewigkeit aus seiner inneren Wesensbestimmtheit heraus ein Objekt, einen Nicht-Geist, ein „Nicht-Ich“ (Fichte). Dieses ist notwendig, weil der Geist nur in Abgrenzung zu einem Nicht-Ich bewußt werden kann. Hölderlin entwickelt diesen Gedanken in seinem Aufsatz ‚Urteil und Seyn‘ weiter. Der Begriff Ur-teil veranschaulicht diesen Prozeß. Der Geist konnte nur bewußt werden, indem er die ursprüngliche Einheit teilte, indem er eine Ur-Teilung vollzog. Wenn es also im tiefsten Wesensgehalt des Bewußtseins liegt, die ursprünglich Einheit zu teilen, wenn Bewußtsein Teilung impliziert, wie kann dann diese ursprüngliche Einheit wiedererlangt werden? An der Unlösbarkeit dieser Aufgabe wird der bewußte Klassiker aus Sicht des Romantikers scheitern mit all seinen Ideen der Versöhnung. Aus der Erinnerung an diese Ursprünglichkeit, an diese Einheit, die noch im Bewußten sich in Form der Erinnerung offenbart, könnte nach meiner Meinung diese Sehnsucht der Romantiker herkommen. Eine solche Sehnsucht ist durch bewußtes, autonomes Handels gar nicht zu beseitigen; dies käme einer Selbstbetäubung gleich, die nicht einmal einem Klassiker wie Goethe recht sein kann. (Mann kann also nicht von Schwäche sprechen, wenn man davon ausgeht, daß diese Sehnsucht nicht gemacht wird, sondern im Menschen ist!)

An die Stelle des Versuches, mit bewußten Mitteln wie der Entsagung die Versöhnung und damit die Trennung eigentlich identischer Teile zu schaffen, die eben aus dem Bewußtsein heraus unmöglich und nach romantischer Anschauung vom Wesen der Dinge und des Geistes heraus auch widersinnig ist, tritt für den Romantiker das Mittel der Magie! Durch ein Wort, eine Art Weltformel, will der Romantiker den zur Dinglichkeit erstarrten Geist zu sich selbst befreien. Novalis spricht in diesem Kontext von der „versteinerten Zauberstadt“. Dieses Wort ist ein poetisches Wort. Novalis und Eichendorff beschreiben es beide in zwei (wunderschönen) Stellen ihrer Gedichte:

Schläft ein Lied in all den Dingen

Die da träumen fort und fort

Und die Welt hebt an zu singen

Triffst du nur das Zauberwort.

(Eichendorff, Wünschelrute)

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren

Sind Schlüssel aller Kreaturen

[...]

Und man in Märchen und Gedichten

Erkennt die (alten) wahren Weltgeschichten

Dann fliegt von einem geheimen Wort

Das ganze verkehrte Wesen fort

(Novalis)

Sei beschreiben schon selbst auf magische Weise diese Magie, die notwendig ist, um den Geist zu sich selbst zu befreien und das ursprüngliche Ur-teil wieder aufzuheben.

Aus diesem Gedanken heraus, aus dem Gedanken der tatsächlichen Einheit von Geist und Materie, lassen sich Schlußfolgerungen ziehen, die sehr weit, auch ethisch, vorgreifen und in ihrer (wunderbaren) Sensibilität nach meinem Empfinden auch der Klassik noch überlegen sind. So muß ein vom romantischen Geist wirklich getragener Mensch zum Beispiel den Geist in den Dingen achten, da er letztlich das gleiche ist, wie er selbst. Die kalte Materie der modernen Naturwissenschaft wie auch der Klassik erhält so ihre eigene Subjektivität, ihr eigenes gleichberechtigtes Existenzrecht; die Grenzen der engen Anthropozentrik öffnen sich in ein umfassendes Erleben der Natur, das im übrigen, diese Assoziation sein erlaubt, dem indianischen Animusmus sehr nahe kommt (der allerdings den schweren Weg der philosophischen Begründung seiner Haltung nicht zu gehen braucht und somit an die von den Klassikern so verherrlichte Welt der Griechen, zumindest aus der Sicht der Romantier, erinnert!). Dieser Gedanke macht die Romantik, mir persönlich, auf ethischer Ebene, sehr sympathisch, weil in der echten Achtung des Anderen (sei es nun Mensch oder Baum) der Schlüssel der „Versöhnung“, die dann ja nicht mehr nötig ist, liegt.

Möchte ich mich nun für eine der beiden Positionen entscheiden, so komme ich immer wieder zum gleichen Schluß, egal, welcher Maßstäbe ich mich auch bediene.

Ästhetisch geurteilt, haben beide Positionen ihren unbedingten Reiz. Sowohl in der erhabenen Schönheit klassischer Kunstwerke wie auch in der geheimnisvollen der Romantik kann man sich völlig verlieren; ich wüßte nicht, wie zwischen zwei eigentlich nicht geteilten Positionen (ich empfinde vielmehr die Kunst an sich, zumindest aber die Kunst dieser beiden Position, als ästhetisch reizvoll) so einfach unterschieden werden kann und vor allem, wie man sich entscheiden sollte. Vielleicht ist unsere pragmatische, geschäftstüchtige und ganz und gar unkünstlerische Gesellschaft und damit unser alltägliches Erleben, selbst wenn es sich Kunst nennt, viel zu weit entfernt von der Größe beider Positionen, so daß die Unterschiede untereinander verblassen.

Ethisch geurteilt kommt der Romantik zwar, wie gerade beschrieben, aus meiner Sicht eine sehr hohe Geltung zu, doch erinnert sie zu sehr an eine Utopie , und an eine ethische Position muß man nun einmal den Maßstab der Praktikabilität anlegen; wie sollte man sonst anhand ihrer entschieden. Die klassische Ethik ist zwar immer noch unendlich vom aktuellen ‚Jeder tut, was er will, weil erstens alles toleriert werden muß und zweitens sowieso alles relativ ist‘ entfernt, kann aber aus ihrem intersubjektiven und dadurch eben anthropozentrischen Gesichtspunkt dem Maßstab der Praktikabilität eher gerecht werden als die Romantik und ist ihr in dieser Hinsicht (nicht der Potenz nach!) überlegen.

Orientierte ich mich am Lustprinzip, so würde meine Präferenz eindeutig der Romantik gelten. Ihr geheimnisvoller, magischer Charakter übt eben einen ungemeinen Reiz aus, der dem Reiz der Klassik in diesem Zusammenhang sicherlich in erster Linie dadurch überlegen ist, daß er leichter zu erfassen ist. Auch spricht er die emotionale Seite in mir viel stärker an; in der Art, daß man sich nur noch in den Rausch des Schönen fallen lassen muß (Schubert, Beethoven, Chopin, ...!!), was bei klassischen Werken sehr viel schwerer fällt und eigentlich auch nicht intendiert wird, da ein Rausch keinen unbedingt harmonischen Charakter mehr hat. Leider kann ich mich aber nicht am Lustprinzip orientieren, weil das doch zu einfach wäre und ich vor allem dann in einen nicht zu beseitigenden Konflikt geräte, wenn die Konsequenz meines am Lustprinzip orientierten Verhaltens nicht mehr durch mich selbst getragen werden könnte.

Von der Überzeugungskraft sind sich beide Positionen ebenbürtig, weil sie jeweils in sich, als geschlossene Systeme, gut nachvollziehbar sind und beide auf fraglichen Setzungen grundlegend beruhen. So bleibt mir nur noch der Eklektizismus, der Versuch, aus beiden Positionen das Gute „herauszuholen“, ohne Gefahr zu laufen, dem Reiz der dogmatisierenden Geschlossenheit zu erliegen, welche alle Entscheidungen so einfach, weil letztlich notwendig macht. Es bleibt der Versuch, beide Positionen zu er-leben; es bleibt die Unsicherheit, die Chance zur Offenheit gegenüber Anderem ist; es bleibt der ästhetische wie lustvolle Genuß der Produkte beider Positionen, ihrer jeweils so besonderen und in sich geheimnisvollen Werke; und es bleibt letztlich die Hoffnung, irgendwann einmal, im Laufe der persönlichen Entwicklung, zu einer Entscheidung kommen zu können.

Diese Haltung wird (natürlich) keiner der beiden Positionen gerecht. - Aber: Das muß sie auch gar nicht.

Christian Gebhardt, Vorklausur 13/2

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Details

Titel
Goethe, Johann Wolfgang von - Interpretation eines Aphorismus
Autor
Jahr
2000
Seiten
5
Katalognummer
V95696
Dateigröße
343 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eignet sich vor allem als Beispiel einer Erörterung!
Schlagworte
Goethe, Johann, Wolfgang, Interpretation, Aphorismus
Arbeit zitieren
Christian Gebhardt (Autor), 2000, Goethe, Johann Wolfgang von - Interpretation eines Aphorismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/95696

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