Arje, Lion Jacob - Die Geschwister Oppermann


Referat / Aufsatz (Schule), 1999

7 Seiten, Note: 13 Punkte


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1 Lion Feuchtwanger

1.1 Zeittafel zu Leben und Werk

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In Sanary- sur -mer, wo sich neben dem Ehepaar Feuchtwanger, auch noch andere namenhafte Schriftsteller niedergelassen haben, hat Feuchtwanger die Idee eine freche und sachliche Autobiographie und einen Band mit drei umfangreichen Novellen herauszugeben, die die Berliner Progrome zum Inhalt haben sollen. Feuchtwanger investiert große Energie, um in der Zeit von April 1933 bis Ende September 1933 den Roman „Die Geschwister Oppermann“ fertigzustellen. So kann der Roman durchaus als eine erste Reaktion Feuchtwangers auf die veränderten Verhältnisse in Deutschland betrachtet werden. In einer Anmerkung zum zweiten Teil des „Wartesaal“- Zyklus, der in einem Zeitraum von dreizehn Jahren entstand, schreibt Lion Feuchtwanger im Jahre 1939:

„Diesen Roman habe ich überaus schnell geschrieben. Sehr viel schneller, als ich sonst zu arbeiten

pflegte und pflege. Mir lag daran, das Leserpublikum möglichst schnell über das wahre Gesicht und die Gefahren der Naziherrschaft aufzuklären. Der Roman ist dann auch in mehreren Sprachen schon im Oktober und November 1933 erschienen.[1]

2 Die Geschwister Oppermann

2.1 Verfilmung des Romans

Zum 50. Jahrestag der Machtergreifung durch die NSDAP plante das ZDF einen Film über den Holo- caust zu produzieren und somit einen aktiven Beitrag zur Aufklärung zu leisten. Der Drehbuchautor und Regisseur Eduard Monk stellte sich dieser Aufgabe, indem er die Verfilmung des Romans „Die Geschwister Oppermann“ in einer fernsehgerechten zweiteiligen Fassung übernahm. Vom 16. 09. 1981 bis zum 18. 12. 1981 wurde der Film in Hamburg, Lübeck und Berlin (West) ge- dreht, und am 30. und 31. Januar 1983 erstmalig gesendet. Der Film wurde mit dem Adolf- Grimme- Preis in Gold und mit dem Gold Award des International Film and TV Festival of New York 1983 ausgezeichnet. Zu Beginn des Films erfährt der Zuschauer Zeitraum und Ort der Handlung (Berlin, Anfang November 1932) und erhält Einblick in das politische, wirtschaftliche und soziale Geschehen ( Konkurse, Bankrotte, Arbeitslosigkeit) anhand von Zeitungsschlagzeilen. Egon Monk verlegt Gustav Oppermanns 50. Geburtstag vom 16. 11. 1932 auf den Tag der Reichstagswahl, den 6. November, um sich die Rückblenden des Romans zu ersparen. Die Schlagzeilen geben Auskunft über aufkommende Hoffnungen der Menschen am Tag nach der Novemberwahl, über den Machtwillen der Nazis, über das weitere Andauern der Krise usw. Der erste Teil endet, nachdem Hitler an die Macht gekommen ist, mit Martin Oppermanns Worten: „Ich habe wohl zu lange gewartet.“ Er hat wie alle anderen das Macht- streben der Nazis unterschätzt.

Der zweite Teil schließt mit der Szene, in der - nachdem Martin im dunklen Keller einer SA- Kaserne gefoltert worden ist- der Name des Möbelhauses Oppermann in der Gertraudtenstraße abmontiert wird. Der Film legt besonderen Wert auf die Abwicklung eines Geschäftes in jener Zeit des Übergangs von der Demokratie zur faschistischen Diktatur. Die Verfolgung der Familie Oppermann ist „eine Verfolgung von Deutschen durch Deutsche.“

2.2 Sprachliche Gestaltung

Der Autor führt den Leser recht langsam in das Geschehen ein, um ihm Geschichte und Biographie, Umwelt, Freundeskreis und Tätigkeitsfeld Gustav und Martin Oppermanns vor Augen zu führen. Von den zweieinhalb Monaten erzählte Zeit des Buches „Gestern“ nimmt der Geburtstag allein schon ein gutes Drittel Erzählzeit ein,die anschließend noch gestreckt wird durch die gleichzeitigen Gescheh- nisse um die Familien Wolfsohn und Lavendel. Eine Zeitdehnung wird nochmals deutlich wenn, sich Gustav und Rektor Francois zwei Stunden der Betrachtung der nationalsozialistischen Sprache hin- geben. Die Thematisierung der Zeit gestaltet sich figuren-, situations-, und schichtenspezifisch.[2] Der Autor schildert Wolfsohns Tätigkeiten nahezu im Minutentakt (S. 67-69). Gustav Oppermann da- gegen hat, solange er die Völkischen in ihrer Wirkung unterschätzt, viel Zeit. Sieht man von der Welt des M. Wolfsohn und den Folterszenen im KZ ab, so steigert sich im Laufe des Romans das Tempo der Erzählzeit.

Die Funktion des Raumes

Der Autor Feuchtwanger entwirft ein Gemälde der Zeit in Deutschland über den Raum von zehn Monaten. Er geht zu Beginn von einem Mikrokosmos aus, dem Haus Gustav, den Arbeitsstätten Martin und Edgars, führt den Leser in kleine Wohnungen, weitet den Blick und zeigt das Straßenbild und richtet die Sicht schließlich auf ganz Deutschland. Die Abriegelung des Reiches durch die Nazis läßt den Juden nur die Wahl zwischen Tod oder Emigrationen. Die Raumenge angesichts der politischen Verhältnisse, die Unruhe beim Durchwandern verschiedener Räume werden zum Sinnbild von besonders eindringlicher Gefühlswirkung, Angst und Wut.[3]

Die Analyse der thematischer Struktur zeigt den Perspektivenwechsel zwischen den Romanfiguren und seine Funktion. Die bedeutendsten auktorialen Eingriffe in das Geschehen sind die Schnitte und Unter-brechungen, die Verzahnung verschiedener Handlungstränge sowie der Sichtweise verschiedener Figuren. Kennzeichnend für die Gestaltung der verschiedenen Blickwinkel sind die fließenden Über- gänge. Innerhalb der Zeichnung verschiedener Rollen und Personen wechseln Nähe und Distanz des Lesers zu ihnen durch unterschiedliche Verwendung von erlebter, direkter und indirekter Rede. Die Grenzen zwischen innerem Monolog und erlebter Rede sind aufgrund der Missachtung des Konjunktivs in der indirekten Rede ebenfalls fließend. Auf jeden Fall erkennt der Leser die Be- wusstseinsströme der Figuren, die auf die äußeren Einwirkungen mit einer Fülle von Erinnerungen reagieren. Durch diese Übergänge schafft der Autor lebendige Szenen; eine Methode um den Leser als Miterlebenden in ständiger Spannung zu halten.[4]

Der hohe Anspruch an Lion Feuchtwangers Werken kommt in der Aufsplitterung und Parallelisie-rung sowie in der Vielzahl von inhaltlichen Wiederholungen zum Ausdruck. Immer wieder wird auf das Bild Immanuel Oppermanns hingewiesen, das von den Geschwistern Oppermann unterschiedlich verehrt wird. In den sich überlagernden, parallel nebeneinander herlaufenden Handlungsstränge wird der Leser immer wieder an schon angesprochene Aspekte erinnert. Dies geschieht durch Anspielungen und Ergänzungen. Der Autor bedient sich auch der Parallelisierung. In Zarnkes Wohnung läuft im Radio „Lohengrin“, und während die Völkischen die Wagner- Oper hören, streitet das Ehepaar Wolfsohn über den Kauf eines neuen Mantels für das Töchterchen.

Feuchtwanger teilt nicht einfach mit das die Wände der kleinbürgerlichen Wohnung dünn seien, sondern gegen Ende des Streites erfährt der Leser: „Schon bei Schluß des ersten Lohengrin- Aktes ist man übereingekommen, das Mäntelchen zu Weihnachten zu erstehen (S. 75).[5] Optisch wechselt die Szene, akustisch wird sie im Hintergrund mit gleicher Musik verknüpft. Steht die Musik hier für die Sehnsucht nach dem Gottesurteil oder als Nachweis für heraufziehende bedrohliche Zeiten, so dient sie an anderer Stelle- ähnlich wie die Literatur (S.186)- als Ablenkung von den parallel verlaufenden Terroraktionen der Völkischen (S.198f). Schaut man sich die Worte und Bilder Feuchtwangers genauer an, bemerkt man dass sie teilweise von seiner Ironie durchtränkt sind. Das Bild „Spiel der Wellen“ in Wolfsohns Wohnung ist gefährdet durch einen nassen Fleck an der Wand (S.163). Die sinnreiche Verbindung zweier einander scheinbar widersprechenden Begriffe, der jüdische Begriff für Dreistigkeit wird kontrastiert mit dem Attribut „treudeutsch“. Auch an anderer Stelle setzt der Autor das Oxymoron ein. Zarnke und Wolfsohn schenken ihren Söhnen (zufällig!) das gleiche Kriegsspielzeug zu Weihnachten (S.99). Auch der Vergleich steht häufig im Dienste Feuchtwangers Ironie. Die „Bewegung“ der Völkischen wird mit Catilinas Anhängerschaft verglichen: „Genau die gleichen Mittel damals: Sprechchöre, wüste Reden, skrupellose Agitation, übelster Dilettantismus.“ (S.46) Die Ironie des Autors, die sich bis zum Ende einem negativen Steigerungsprinzip folgend in blanken und makaberen Zynismus wandelt, wird von Feuchtwanger als eine rhetorische Waffe der Völkischen dargestellt. Die KZ`s sind „Besserungsanstalten“, die „Schutzhaft“ helfe den Häftling vor dem Volks- zorn zu bewahren (S.264). Der Satzbau wechselt unregelmäßig zwischen Parataxe und Hypotaxe. Periphrasen, und Adverbiale werden um der Steigerung und der besonderen Betonung willen häufig nachgestellt. „Dann bildet sich ein Stil heraus, weniger gemütvoll als das frühere Deutsch, härter, kälter, vernünftiger, männlicher.“ (S.114)

2.3 Bedeutung des Titels

Der Titels des Romans „Die Geschwister Oppermann“ steht exemplarisch für Menschen, die aufgrund einer bestimmten Zugehörigkeit zu einer Minderheit der Verfolgung ausgesetzt sind. Bei aller Ver- schiedenheit der Charaktere bestehen gemeinsame Beziehungen einerseits aufgrund ihres Judentums, das sie in religiöser Hinsicht unterschiedlich wichtig nehmen, andererseits aufgrund der Umstände der Zeit , deren Widrigkeiten sie lange nicht wahrhaben wollen. Der Leser darf annehmen, daß die Familie auch in friedvolleren Zeiten soziale Kontakte pflegte, und lediglich Kleinigkeiten zwischen den Ge- schwistern hin und wider zu Konflikten führten.

Die psychologische Verknüpfung der Handlungsstränge findet sich in der familiären Struktur der Oppermanns. Betont wird dies auch und vorallem durch die unterschiedliche Verehrung des verstor-benen Großvaters Immanuel Oppermann, dessen Bildnis sowohl im Chefkontor Martins als auch im Arbeitszimmer Gustavs hängt und immer wieder Anlaß bietet, die Geschichte der Möbelwerke zu reflektieren.

3 Personenkonstellation

3.1 Der Protagonist Gustav Oppermann

Entscheidend für die den Roman durchziehende Handlung ist die Person Gustavs. Umgeben von Haus- personal, einem Sekretär, Dr. Frischlin, einigen Freundinnen, seinem Freund Rektor Francois, dem Syndikus und Freund Mühlheim, der ein stetiger Warner vor den Gefahren vor und nach dem Macht- wechsel ist, dem Schriftstellerkollegen Gutwetter sowie den im Schweizer Exil auftretenden Bilfinger und Teibschitz, die aus dem faschistischen Deutschland berichten, ist Gustav derjenige der den Reigen der sozialen Kontakte eröffnet.Er ist der Seniorchef des Möbelhauses, aber er versteht nichts von den großen Geschäften. Die Familienmitglieder akzeptieren seine Untätigkeit und seine schriftstellerischen Ambitionen. Gustav teilt die literarischen Interessen mit dem Rektor Francois und mokiert sich über den Verfall der Sprache im Buch des Führers. Im zweiten Teil bleibt Gustav als einziger stur, als es zu weiteren Verhandlungen mit Wels kommt. Er ist mit der die Fusion der Firma mit den Deutschen Mö- belwerken abschließenden Unterschrift durch den Bruder Martin nicht einverstanden, weil er immer noch weltfremd, die Gefahr nicht erkannt hat. Im dritten Buch wird aus Gustav dem passiven Betrach- ter ein Wütender, der nicht länger zusehen kann wie Deutschland zugrunde geht. Im Konzentrations- lager Moosach ist es die Figur Gustavs, die den Leser ahnen lässt, welche Methoden in diesen Folter- stätten von den Faschisten angewendet werden.

3.2 Der Schüler Berthold Oppermann

Hierachisiert man die Bedeutung der einzelnen Figuren des Romans, steht der Sohn Martins und Liselotte, an zweiter Stelle des Geschehens. Seine Rolle ist unabhängig von der Geschichte der Möbelwerke, erfüllt aber im literarischen Anspruch Feuchtwangers eine andere Funktion. An seiner Gestalt kann das Spektrum der Methoden der Nazis an den Schulen aufgezeigt werden. Berthold ist ein für sein Alter sehr reifer und kluger Schüler, und er kann nicht verstehen, welche Verfälschungen in der Geschichte möglich sind und warum in diesem Zusammenhang Menschen trotz besseren Wissen zu Meinungen und Lügen erpresst werden können. Daran zerbricht seine Seele. Der Tod Bertholds zeigt dem Leser nicht nur einen tragischen Ausgang einer durch die Nazis vorgenommene Jagd auf Andersdenkende, sondern verdeutlicht auch im nachhinein die Gefährlichkeit nachlässigen Umgangs mit einem in seelischer Not befindlichen Jugendlichen. So redet er mit verschiedenen Menschen, aber keiner der Gesprächspartner hat ausreichend Verständnis um ihm zu helfen. Bertholds Interesse für Lessing und Kleist steht für den starken Sozialisationseinfluss der Literatur, an den Feuchtwanger glaubte.

3.3 Der Chef des Möbelhauses

Auch Martin Oppermann ist „schwer von Figur“ (S.18)[6] wie seine Brüder, nur hat er keine Zeit für Sport. Das Management der Firma erlaubt ihm dies nicht. Zu Beginn des Romans läßt er seinen Konkurrenten Wels lange auf ihn warten. Dieser geringfügige Vorgang wird ihm zum Verhängnis. Wels wird ihn, wenn sich Machtverhältnisse geändert haben, dafür büßen lassen.

So gelingt es Feuchtwanger, mit Martin Oppermann einen Unternehmer darzustellen, der den Gesetzen einer sozialen Marktwirtschaft folgend solange wirtschaftlich Erfolg hat, solange demokratische Ver- hältnisse herrschen. Martin ist seinen Angestellten gegenüber keineswegs hochmütig, er legt Wert auf deren Mitbestimmung. Als er den Juden Wolfsohn bei sich einstellt, verlangt sein Packer Hinkel von ihm diese Einstellung zurückzunehmen. Schließlich muss Martin die Qualen der Verhörmethoden der Gestapo aus diesem Grunde erleiden. Zu seiner Ehefrau Liselotte und seinem Sohn Berthold hat er trotz aller menschlicher Schwächen (in der Rolle des Vaters) ein gutes Verhältnis. An seiner Person wird aber vor allem die Vernichtung einer kontinuierlich erfolgten Aufbauarbeit durch die Nationalso-zialisten deutlich.

3.4 Der Arzt und Wissenschaftler Edgar Oppermann

Im Roman spielt Edgar eine Nebenrolle. Bei Familienfesten kommt er kaum zu Wort. Seine Frau Gina wird als „törichte, kleine Frau“ (S.159) beschrieben, die aber Bescheid weiß „um Ton und Haltung ihres Mannes“ (S.159). Edgar belächelt die zionistische Haltung seiner Tochter Ruth. Er versucht seiner Tochter die „Sinnlosigkeit ihres Nationalismus“ (S.159) zu vermitteln. Obwohl Feuchtwanger ihm insgesamt nur jeweils eine Textpassage in allen drei Büchern widmet, kommt dem dritten Bruder der Geschwister eine bedeutende Rolle zu. Er verkörpert den im Reich verfolgten, geschmähten Wissenschaftler und praktischen Arzt, dessen Forschungsergebnisse aufgrund seiner Zugehörigkeit zum Judentum nicht nur nicht anerkannt werden, sondern dessen Dienste am Menschen auch noch als Teufelswerk abgestempelt wird. Er ist für Spießbürger und Ungebildete, die sich im braunen Mob ver- sammeln, eine Projektionsleinwand für unbewältigte Hassgefühle und Ängste, ein Sündenbock, den man in die Wüste schickt. Edgar schätzt die wissenschaftliche Arbeit des jüdischen Arztes Dr. Jacoby. So plädiert er dafür, daß Jacoby die Stelle des versetzten Oberarztes Müller einnimmt. Der Geheimrat und leitende Arzt der Klinik Lorenz versucht ihn davon abzubringen. Gegenübergestellt werden das Aussehen des deutschen Arztes Dr. Reimers und das des „grauen, häßlichen Zwerges“(S.82)[7] Jacoby um aufzuzeigen, daß nicht mehr Qualifikation auf der Karriereleiter zählt, sondern Vorurteile rassis - tischer Ideologie.

3.5 Der Verkäufer Wolfsohn und seine Familie

Das die dunkelste Zeit deutscher Geschichte auch die kleinen Leute berührt, ihren Alltag und die Arbeitswelt beeinflußt, zeigt Feuchtwanger anhand der Schilderung des Markus Wolfsohn und seiner Familie. Wolfsohn ist Verkäufer in der Filiale des Hauses Oppermann in der Potsdamer Straße. Er bedient „die kleinbürgerliche Kundschaft des Hauses Oppermann“(S.68). Wolfsohn ist Mitglied im Sparverein „Die ollen Matjesheringe“(S.72) und pflegt die Geselligkeit. Er muss jeden Pfennig umdrehen, um seine vierköpfige Familie zu ernähren. Aufgrund der immer größeren Macht der Nazis, hat sich die befreundete Familie Ehrenreich, ebenfalls jüdischen Glaubens, dazu entschieden nach Palästina zu gehen. Sobald sie die notwendige Summe in englischen Pfund zusammengespart haben, wollen sie Deutschland verlassen. Trotz des Entgegenkommens von Martin Oppermann ergreift auch Wolfsohn die Angst vor dem Wohnungsverlust und um den Arbeitsplatz.

Markus Wolfsohn wird im weiteren Verlauf von seinem antisemitisch denkenden Nachbarn Zarnke bezichtigt, am Reichstagsbrand beteiligt gewesen zu sein und verhaftet. Die Verleumdung durch den Nachbarn steht beispielhaft für die sich im Reich ausbreitende Atmosphäre der Vergiftung und Diskreditierung durch Hausbewohner.

3.6 Rektor Francois

Der Schulleiter Francois verkörpert in und neben seinem Tätigkeitsfeld am Königin-Luise-Gymnasium den engagierten Vertreter des Großbürgertums[8], der- ähnlich wie Gustav Oppermann- mit großem Wissen ausgerüstet die tagespolitischen Ereignisse nicht wahrhaben will. Er denkt sich:“Wer der- maßen die deutsche Sprache zerstört, wie es der Führer in Mein Kampf tut, kann wegen seiner Dumm- heit nicht gefährlich werden.“ Bildung im Volk der Dichter und Denker wird von ihm als Garantie für eine Verhinderung des Faschismus betrachtet. Francois achtet genau auf das falsche Deutsch des Lehrers Vogelsang, gibt Berthold Tips für die private Lektüre, schreibt selbst an einer Untersuchung zu Klopstock. Literatur ist ihm Trost in diesen schlechten Zeiten. Seine Frau mit dem Kosenamen Donnerwölkchen rügt ihn oft wegen der Sache „Vogelsang-Oppermann“, weil auch sie wie andere die Gefahren ahnt, die von den Völkischen ausgehen.

3.7 Dr. Vogelsang

Der Deutsch und Geschichte unterrichtende Lehrer steht im Roman stellvertretend für die Geschichts- fälschung und die Einführung von Zucht und Ordnung im Dritten Reich. Nach der Amtseinführung im November 1932 tastet er sich noch vorsichtig vor und ist den Schülern gegenüber eher kumpelhaft. Allerdings erdreistet er sich bereits die Büste Voltaires im Zimmer des Rektors, diesem gegenüber als „Intellektbestie“ (S.56) zu bezeichnen. Vogelsang ist im Reichsvorstand der „Jungen Adler“ und ge- winnt sehr schnell Mitschüler Bertholds zur Mitgliedschaft. Die HJ hatte 1932 bereits 100.000 Mit-glieder und ihr Einfluß wurde, gerade im schulischen Bereich, stark unterschätzt.[9]

3.8 Die Familie Lavendel

Klara Lavendel, geborenen Oppermann, ist die Schwester der drei Brüder und mit Jacques verheiratet. Sie haben einen gemeinsamen Sohn, Heinrich. Dieser ist ein guter Freund Bertholds. Da die Familie Lavendel die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt, bleibt sie souverän und wird verschont von Übergriffen physischer Art durch die Völkischen. Das heißt allerdings nicht, daß die Familie, jüdischen Bekenntnisses, nicht psychisch belastet wäre. Der Roman endet damit das Heinrich Lavendel, eine Postsendung aus der Tschechoslowakei von einem Dr. Frischlin erhält. Diese Sendung enthält, die von Gustav zusammengestellten Dokumente mit detaillierten Angaben über die faschistischen Gewaltverbrechen.

4 Der Konflikt/ Das Thema

4.1 Autorintention

Einen besonderen Charakter erhält der Roman durch die Motive der Verdrängung, des Wartens, der Leere, der Vernunft, der Dummheit und der Angst, die dann in typische, bedeutungsvolle Situationen gestellt werden.

Die Motive der Dummheit und der Vernunft werden unterschiedlich verwendet. Berthold ist „doof“(S.184)[10], weil er sich nicht bei Vogelsang entschuldigen will, er soll „Vernunft annehmen“ (S.200) und nicht den „Lesebuchhelden“ (S.205) spielen. Heinrich Lavendel betrachtet das ganze Land als ein „Irrenhaus“ (S.146), Gustav sieht die Zivilisation Deutschlands zerbrechen: „Deutschland ist ein Toll- haus geworden.“ (S.231) Das Bild der psychiatrischen Anstalt in seiner umgangssprachlichen Bezeich- nung dient der Darstellung der Verharmlosung der Probleme durch die handelnden Figuren. Es steht als Motiv untergeordnet in Diensten des leitmotivischen Motivs der Verdrängung. Vernunft steht einer seits für aufklärerisches Denken und Toleranz, andereseits für situationsangepaßtes Nachgeben. In Abhängigkeit der Situation sowie den obigen Motiven stehen die Motive des Wartens, des Heimat- gedankens, der Angst. Martin glaubt durch das Warten würden sich die Geschäftsbedingungen ver- bessern, würde die Liquidierung der Firma vermieden werden. Der mögliche Verlust der Heimat und des vertrauten Umfeldes der deutsch- jüdischen Bevölkerung wird anfangs nur durch ein Gefühl der Leere wahrgenommen, wird aber allmählich als Ergebnis der Politik der Völkischen anerkannt. Angst ist die Folge. Feuchtwangers Motivtechnik entspricht der Verzahnung von Handlungssträngen, der Parallelisierung und der Wiederholung um auf diese Weise beim Leser Spannung zu erzeugen.

4.2 Die Gesellschaftsschichten

Der Nationalsozialismus wird als Massenbewegung vorallem vom Kleinbürgertum getragen. Hand- werker, Einzelhändler, Bauern, das Kleingewerbe, mittlere und untere Angestellte und Beamte, Verkäufer und Sekretärinnen sehen sich durch die kriegs- und weltwirtschaftsbedingte Krisenlage in ihrer Existenz bedroht. Eine Partei, die den Mittelstand verteidigt, die den jüdischen Bankier und den Warenhausbesitzer angreift, gewinnt zu jener Zeit recht leicht die Anhängerschaft des Kleinbürgertums.

Diesem Phänomen stellt Feuchtwanger die Familie Wolfsohn und Ehrenreich gegenüber. Die wirt- schaftliche Bedrängnis teilt die Familie Wolfsohn mit anderen Kleinbürgern. Verfolgung und Terror sind nicht nur bei den Oppermanns, die dem Großbürgertum angehören, sondern auch im Klein- bürgertum gegenüber jüdischen Menschen an der Tagesordnung. Der Autor führt den Leser in das kleinbürgerliche Leben, in das kleinkarierte Denken des Markus Wolfsohn hinein.

Dieser hat noch keine schlechten Erfahrungen gemacht und er kann den Zionisten Moritz Ehrenreich mit seiner Sehnsucht nach Palästina nicht verstehen. Der kurzzeitige Kontakt mit Martin Oppermann sowie die Verhaftung lassen den Kleinbürger Einblick gewinnen in die Notwendigkeit der Gegenwehr oder der Flucht aus Deutschland. Nur letzteres ist für seine Familie der mögliche Ausweg aus dem Dilemma.

6. Quellenangaben

1. Thalheim, Peter, L. Feuchtwanger, Die Gechwister Oppermann, Oldenburg Interpretationen, 1. Auflage, Band 68, R. Oldenburg Verlag, München, 1994
2. Microsoft, Encarta 98 Enzyklopädie
3. Die Geschwister Oppermann, 7. Auflage, Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin, 1998

[...]


[1] Thalheim, Peter: L.Feuchtwanger, Geschwister Oppermann: Interpretation von P. Thalheim, 1. Auflage, München: Oldenburg, 1994

[2] Oldenburg Interpretationen, S. 77

[3] Oldenburg Interpretationen, S. 78

[4] Oldenburg Interpretationen, S.80

[5] Die Geschwister Oppermann, 7. Auflage 1998, Aufbau Taschenbuch Verlag

[6] Die Geschwister Oppermann, 7. Auflage 1998, Aufbau Taschenbuch Verlag

[7] Die Geschwister Oppermann, 7. Auflage 1998, Aufbau Taschenbuch Verlag

[8] Oldenburg Interpretationen, S. 58

[9] Oldenburg Interpretationen, S.70

[10] Die Geschwister Oppermann, 7. Auflage 1998, Aufbau Taschenbuch Verlag

7 von 7 Seiten

Details

Titel
Arje, Lion Jacob - Die Geschwister Oppermann
Note
13 Punkte
Autor
Jahr
1999
Seiten
7
Katalognummer
V95698
ISBN (eBook)
9783638083768
Dateigröße
348 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arje, Lion, Jacob, Geschwister, Oppermann
Arbeit zitieren
Tanja Bokeloh (Autor:in), 1999, Arje, Lion Jacob - Die Geschwister Oppermann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/95698

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