Tötung des Generals Soleimani. Entscheidungsprozesse der US-Regierung


Seminararbeit, 2020

21 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

EINLEITUNG

HAUPTTEIL

Theorien
Persönlichkeitstheorie
Organisationstheorie
Thesen

Analyse
Targeted killing-Gezielte Tötung durch Staaten
Rückblick: Wer war Qasem Soleimani - Leben und Handeln
Entscheidung zur Tötung Soleimanis
Tötung Soleimanis
Gründe und Verantwortlichkeiten
Auswirkungen

Ausblick und Fazit

SCHLUSSTEIL

LITERATURVERZEICHNIS

Einleitung

Das Verhältnis zwischen der Islamischen Republik Iran und den Vereinigten Staaten von Amerika lässt sich über einen längeren Zeitraum als äußerst angespannt beschreiben. Die beiden Staaten galten, insbesondere unter Schah Mohammad Reza Pahlavi, während der Schahzeit zwischen 1925 und 1978 als befreundet. Ereignisse wie die Islamische Revolution ab 1979, u.a. die einjährige Geiselnahme in der Botschaft der Vereinigten Staaten, belasteten das Verhältnis der Beiden Staaten ultimativ, sodass bis in dir heutige Zeit keine direkten, gegenseitigen diplomatischen Vertretungen existieren. Des Weiteren kommt der Erste Golfkrieg ab 1980 hinzu. Durch die Wahl von Mohammad Chätami entspannte sich die Situation ab dem Jahr 1998 leicht. Wiederrum Wendepunkt waren die Anschläge vom 11. September 2001. Der Iran und die USA näherten sich dann abermals im Jahre 2014 durch das Atomabkommen wieder an. US-Präsident Donald Trump verkündete am 8. Mai 2018 aber den Ausstieg aus dem Atomabkommen, was zu erneuten, anhaltenden Spannungen führte. Diese Arbeit beschäftigt sich anhand zweier Theorien mit der Thematik der Tötung Qasem Soleimanis. Die Organisationstheorie wird die Entscheidungsprozesse innerhalb einer Regierungsorganisation untersuchen sowie auf die begrenzte Rationalität eingehen und klären, inwieweit US-Behörden an der Entscheidung beteiligt waren, Soleimani zu töten. Die Persönlichkeitstheorie wird die Entscheidungsprozesse Donald Trumps in seiner Funktion als Staats- und Regierungschef beleuchten und erforschen, welches Verhalten, welche Informationen sowie Akteure ihn schlussendlich dazu bewogen haben, eine für das internationale Umfeld äußerst ungewöhnliche Entscheidung getroffen zu haben, obwohl durchaus Alternativen zur Verfügung standen. Im Anschluss daran wird auf die Folgen dieser Entscheidung eingegangen. Es wird grob reflektiert, wie die Staatengemeinschaft auf den Luftangriff reagierte und wie sich die Lage im Iran entwickelte. Anschließend daran wird ein Ausblick auf die zukünftigen, gemeinsamen Beziehungen der Vereinigten Staaten und Iran eigegangen. Abschließen wird diese Arbeit mit einem Fazit der gewonnenen Erkenntnisse und einem Schlussteil, welcher die Inhalte nochmals schlüssig und komprimiert zusammenfassen wird, sodass ein schneller Überblickt gewonnen werden kann. Anmerkungen, insb. zur Theorie, wurden kursiv gestellt.

Hauptteil

Der Hauptteil wird sich zunächst mit den beiden Theorien beschäftigen, welche die Vorkommnisse am 3. Januar 2020 zum hier vorliegenden Fall der Tötung des Generals am besten erklären können. Dazu werden sowohl die Persönlichkeitstheorie als auch die Organisationstheorie in einer für diese Arbeit überschaubaren Größe dargestellt. Anschließend wird die Analyse zeigen, welche Theorien an bestimmten Schlüsselereignissen die größte Schnittmenge mit der zu erklärenden Situation haben.

Theorien

Der folgende Abschnitt wird die Persönlichkeits- und Organisationstheorie behandeln.

Persönlichkeitstheorie

Es gibt verschiedenste Ansätze, wie Persönlichkeiten Auswirkungen auf die Internationale (Außen-)Politik nehmen und haben können. Die eine Seite spricht dem handelnden Individuum, wie z.B. einem Staats- oder Regierungschef, eine relativ hohe Macht zu, die andere Seite sieht diese Macht oft gar nicht als gegeben an. Die Persönlichkeitstheorie nach Robert Jervis nimmt an, dass Menschen, welche zu einem bestimmten Zeitpunkt, in einem bestimmten Land an die Macht kommen, ungefähr die gleichen Werte und Überzeugungen teilen würden. Er begründet seine These damit, dass das Land in diesen Dimensionen homogen ist und andersdenkende nicht an die Macht kommen würden. Auch wenn Gesellschaften nicht einheitlich sind, werden Personen außerhalb des Mainstreams schlichtweg nicht in Führungspositionen gewählt. Des Weiteren wird angenommen, dass Führungskräfte durch ihr Amt sozialisiert werden. Personen in hohen Funktionen, welche anfangs vieles ändern wollten, erkennen relativ schnell, dass die Vorgehensweise der Organisation sinnvoll ist. Das Weiße Haus eignet sich hierbei als Beispiel, denn hier treffen gleich mind. 3 Interessen aufeinander: die des Weißen Hauses als Behörde selbst, die des Amtes des Präsidenten sowie die des Amtsinhabers. Obama versprach im Wahlkampf, die Exekutivrechte des Präsidenten erheblich einzuschränken (Interesse des „werdenden Amtsinhabers“). Das Weiße Haus und das Amt des Präsidenten wäre ohne diese Möglichkeiten nur eingeschränkter handlungsfähig, sodass Obama nach der Wahl zum Präsidenten diese Rechte weiterhin verwendete. Obama erweiterte zwar keine Exekutivkompetenzen, schaffte anderseits auch keine dieser ab. Zudem nimmt die Theorie an, dass Führungspersönlichkeiten in ihrer Handlungsfreiheit eingeschränkt sind. Um bei den Beispielen der US-Exekutive zu bleiben lässt sich hier abermals ein gutes Präsidialbeispiel heranziehen: Dem US-Präsident stehen z.B. sogenannte Executive Orders zur Verfügung, welche im deutschen System dem Verwaltungserlass am nächsten käme. Diese umfangreiche Möglichkeit, in Verwaltungsabläufe einzugreifen, ist in einer Demokratie nicht unbeschränkt möglich Daher besteht auch hier das Prinzip der Gewaltenteilung. Judikative wie Legislative ist es auch hier möglich einzugreifen und Dekrete des Präsidenten aufzuheben1.

Organisationstheorie

Organisationstheorien beabsichtigen, verschiedene Arten von Organisationen, ihr Zustandekommen, ihr Andauern sowie ihre Arbeits- und Funktionsweise zu erklären. Aufgrund dieser Breite von Möglichkeiten entwickelten sich in den letzten Jahren weitere differenzierte Ansätze, Sichtweisen und Theorien in diesem Bereich. Aufgrund der kürze dieser Arbeit werde ich insbesondere auf den organisationstheoretischen Ansatz, einem Ansatz der Außenpolitikanalyse eingehen, deren Prägung wesentlich durch die Arbeiten Graham Allisons, aber auch Richard Cyert, James March, Herbert Simon und Jack Levy, zustande kam2. Außenpolitik ist das Ergebnis organisatorischer Routinen innerhalb des Bereichs der Exekutive. Routinen wie diese lassen sich daher insbesondere in der Vorbereitung und Implementierung außenpolitischer Entscheidungen finden3. Der organisationstheoretische Ansatz nimmt zudem an, dass organisatorische Entscheidungsprozesse als Instrument zur Reduktion von Komplexität, aufgrund begrenzt rationaler Akteure, beruhen. Durch ähnliche, sich wiederholende Ereignisse und Vorfälle entstanden über unterschiedliche Zeiträume standardisierte Handlungsroutinen, welche bezwecken, dass Organisationen zuverlässig und schnell auf gegebene Situationen reagieren können4 Diese sich in Anwendung befindenden Routinen gelten allgemein als stabil, aber strikt und unflexibel. Eine Anpassung dieser Routinen ist daher nur schrittweise und langfristig möglich. Routinen sind trotzdem nicht zwangsläufig negativ zu beurteilen. Im Normalfall steigern sie das Verwaltungsprodukt bei gleichbleibenden Kräften durch formelhafte Abläufe. An falscher Stelle führt sie zu unflüssigen und ungenauen Abläufen, welche dem eigentlichen Sinne nicht gerecht werden, wodurch falsche Entscheidungen entstehen können5. Rigide Abläufe wie diese können daher auch zu ungewollten außenpolitischen Entscheidungen führen, welche international auf Unverständnis stoßen6. Das Erkenntnisinteresse des Ansatzes bezieht sich explizit auf die Entscheidungsprozesse innerhalb einer Regierungsorganisation, sowie deren außenpolitische Wirkung7. Somit lässt sich festhalten, dass der organisationspolitische Ansatz auf zwei Literatursträngen basiert. Erstens auf dem Konzept der „begrenzten Rationalität“ nach Herbert Simon und zweitens darauf, die Entscheidungsfindung innerhalb der Organisationen in den Mittelpunkt zu rücken8.

Thesen

Die Arbeit wird sich nach der Beleuchtung der Handlungen um Soleimani in den nächsten Abschnitten mit zwei Thesen beschäftigen, um den Grund oder Teile der ausschlaggebenden Gründe für den Abschuss des Generals zu analysieren. Die Analyse wird aus zwei konkurrierenden Thesen bestehen, um eine Abwägung der Entscheidung und - Entscheidungsträger vornehmen zu können. Um die folgenden Abschnitte bereits im Lichte der Thesen betrachten zu können, werden diese bereits an dieser Stelle vorgestellt.

- These 1: US-Präsident Trump handelt aufgrund seiner Persönlichkeit, welche sich auf Grundlage der Persönlichkeitstheorie und individuellen Faktoren erklären lassen.
- These 2: Der handelnde Akteur ist die US-Administration, insb. das Verteidigungs- und Außenministerium, welche nach der Organisationstheorie, sowie auf Grundlage des Entscheidungsverfahrens und gegebener Gelegenheit, handeln.

Analyse

Der folgende Abschnitt wird die entscheidenden Schritte zur Tötung Soleimanis beleuchten. Zudem wird auf vergangene Operationen eingegangen, um getroffene Entscheidungen aus damaligen ableiten zu können.

Targeted killing - Gezielte Tötung durch Staaten

Die gezielte Tötung (engl. targeted killing) bezeichnet eine durchgeführte Tötung eines ungesetzlichen Kombattanten oder einer als Bedrohung wahrgenommenen Person durch einen Staat bzw. eine Organisation. Der Begriff ungesetzlicher Kombattant beschreibt, dass die handelnde Person an einem Konflikt, welcher ein kriegerisches Ausmaß erreicht, teilnimmt, sowie zusätzlich gegen das gültige Kriegsrecht verstößt. Die Staatengemeinschaft, welche sich der gezielten Tötung teilnimmt, legt zur Beurteilung der Person die Gewichtung dennoch stärker auf den Kriegsrechtsverstoß. Zudem ist anzumerken, dass durch diese Klassifizierung kein Anspruch auf einen Status als Kriegsgefangener besteht9.

Gezielte Tötungen in der Vergangenheit

Der nächste Abschnitt wird sich mit zwei gezielten Tötungen der USA in den vergangenen Jahren beschäftigen. Zum einen wird die Tötung von Osama bin Laden während der Operation Neptune Spear und zum anderen die Tötung von Abu Bakr al-Baghdadi während der Operation Kayla Mueller beleuchtet. Beide Personen galten in den USA als nationale Bedrohung und ungesetzliche Kombattanten10.

Operation NeptuneSpear

Die Operation Neptune Spear war ein am 2. Mai 2011 durch den damaligen US-Präsidenten Barack Obama befohlener militärischer Einsatz, welcher das mutmaßliche Ziel hatte, den Terroristen Osama bin Laden zu töten. Als Grundlage dafür galten hauptsächlich die Anschläge auf das World Trade Center am 11. September 2001, sowie sein Status als Anführer der Terrororganisation al-Qaida. Bin Laden wurde weder von einem Gericht der USA noch von einem anderen der von den USA anerkannten Gerichte verurteilt. Die US-Regierung, insb. die CIA, NSA, sowie die Streitkräfte, brauchten ca. 10 Jahre Zeit, um den Aufenthaltsort bin Ladens mit einer mehr oder weniger zufriedenstellenden Wahrscheinlichkeit von 50% in Abbottabad, zu ermitteln. Der Einsatz verlief für bin Laden und weitere Angehörige tödlich. Einige Personen, welche sich in dem Gebäude in. Abbottabad aufhielten, wurden festgenommen und zu Freiheitsstrafen verurteilt. Es existieren unterschiedliche Versionen zur Operation Neptune Spear, welche sich nicht abschließend klären lassen, da diese der Geheimhaltung unterliegen. Laut unbestätigter Aussagen sei die Operation zudem keine reine Tötungsmission gewesen, sondern hätte auch mit der Festnahme bin Ladens enden könne, sollte dieser keine Gefahr darstellen. Des Weiteren existieren unterschiedliche Aussagen dazu, ob bin Laden un- oder bewaffnet war. Es lässt sich somit nicht ermitteln, ob dieser gezielt getötet wurde oder die Soldaten ernsthaft instruiert wurden, bin Laden nach Möglichkeit festzunehmen11.

Operation Kayla Mueller

Die Operation Kayla Mueller war ein in der Nacht vom 26.-27. Oktober 2019 durch den US- Präsidenten Donald Trump befohlener militärischer Einsatz, welcher das mutmaßliche Ziel hatte, den Terroristen Abu Bakr al-Baghdadi zu töten. Als Grundlage dafür galt hauptsächlich sein Status als Anführer der Terrororganisation Islamischer Staat. Al-Baghdadi wurde ebenfalls wie bin Laden von keinem Gericht verurteilt. Die Zielperson sprengte sich und weitere Angehörige während eines Fluchtversuchs in einem unterirdischen Tunnel mittels einer Sprengstoffweste selbst in die Luft. Es ist daher auch bei dieser Operation nicht abschließend zu klären, wie diese ohne den Selbstmord des Terroristen ausgegangen wäre. Detaillierte Informationen unterliegen ebenfalls der Geheimhaltung12.

Auswertung der gezielten Tötungen

Trotz mangelnder Informationen ist davon auszugehen, dass eine gezielte Tötungsabsicht der USA bestanden hat. Die US-Regierung gab in der Vergangenheit in einem „beispiellosen Vorgang“, insb. unter US-Präsident Barack Obama, selbst islamisch radikalisierte US-Bürger wie al-Alwaki zur Tötung frei13.

Targeted killing außerhalb der USA

Die USA führten unter US-Präsident Barack Obama 542 Drohneneinsätze durch, welche 3797 Menschenleben kosteten, unter denen sich 324 Zivilpersonen befanden. Abgesehen von den USA betreiben aber noch diverse andere Staaten gezielte Tötungen. Zu diesen Ländern gehören bspw. Frankreich, Großbritannien, Israel, Türkei, Russland, Iran, Saudi-Arabien, Syrien, China, etc. Dennoch würde eine genaue Analyse aller Staaten die Kapazitätsgrenzen überschreiten. In allen Fällen ist jedoch im Verhältnis zu der Anzahl der von den USA getöteten Personen von deutlich kleineren Zahlen zu sprechen, in einigen Fällen gar von Tötungen im ein- oder zweistelligen Bereich14

Positionen und völkerrechtliche Beurteilung

Das targeted killing ist in der internationalen Staatengemeinschaft, wie auch in den USA selbst, stark umstritten. Als Begründungen werden wiederholt die Tötung ohne ordentliches Gerichtsverfahren, wie auch z.B. die Anonymität durch verendete Drohnen genannt. Die rechtliche Beurteilung gestaltet sich ebenfalls schwierig, da verschiedenes Recht unterschiedlicher Staaten mit denen anderer kollidiert. Es werden des Öfteren vergleiche mit dem finalen Rettungsschuss gezogen, bei dem durch staatliche Gewalt eine Person ebenfalls ohne Urteil, aufgrund einer Notsituation, getötet werden kann. Dier völkerrechtliche Betrachtung ist hier bereits eindeutiger. Führende Rechtsgelehrte des Völkerrechts sind der Meinung, dass das targeted killing eindeutig gegen gültiges Recht verstoße15.

Rückblick: Wer war Qasem Soleimani - Leben und Handeln

Qasem Soleimani war ein iranischer Generalstabsoffizier im Rang eines Generalmajors. Er war zuletzt seitens der iranischen Armee als Divisionskommandeur eingesetzt. Als Kommandeur der Quds-Einheit leitete er die Eliteeinheit der iranischen Revolutionsgarde, welche insbesondere für exterritoriale Operationen eingesetzt wurde16. Ziel dieser Einheit war es, im Rahmen des beabsichtigen Revolutionsexports, eine weltweite Islamische Revolution zu führen. Die Einheit arbeitet u.a. mit der islamisch-schiitischen Partei und Miliz im Libanon, der Hisbollah sowie der sunnitisch-islamistischem palästinensischen Hamas zusammen. Beide Organisationen werden seitens der Vereinigten Staaten von Amerika als Terrororganisation eingestuft17 Soleimani war maßgeblich daran beteiligt, das Potenzial der Quds-Einheit im Bereich Militär, Finanzen, Politik und Nachrichtendienste auszubauen und auf weitere Tätigkeitsfelder zu erweitern. Er ließ über Jahre verschiedene Institutionen errichten, welche den Zweck verfolgten, die Bevölkerung auf ihn zu fixieren sowie neue Kämpfer rekrutieren zu können18. Bereits hier lässt sich schon seitens den USA gegenüber Soleimani eine negative Klassifizierung, auch unter Betrachtung der Organisations- und Persönlichkeitstheorie, unterstellen. Amerikanische Behörden wie das Verteidigungsministerium (DoD), als auch die Exekutivspitze um Präsident Donald Trump, sahen in Soleimani einen terroristischen Kooperateur, welchen es weiter zu beobachten galt. Medien in Großbritannien und Amerika beschrieben ihn gar als „Rommel des Iran.“ Soleimani galt als Schattenfigur im Iran und stand selten im Rampenlicht und der Öffentlichkeit. Im Jahre 2017 hatte Soleimani einen Platz auf der TIME-Liste der 100 einflussreichsten Personen und stand seinerzeit in der Kategorie der Führungsfiguren auf Rang 2319. Soleimani ist durch das TIME-Magazine auf eine neue Bekanntheitsebene gehoben wurden. Aus theoretischer Sicht stellte er somit den idealen Kandidaten dar, um den Iran zu schwächen und öffentlichkeitswirksam vorzuführen. Als militärischer Angehöriger konnte er zudem als militärisches Ziel interpretiert werden. Vorwürfe der US-Regierung, Soleimani sei an Anschlagsplänen beteiligt, legitimiertenfür die USA ein Handeln gegen den General. Medien berichteten, dass Soleimani nach den Anschlägen vom 11. September 2001 zusammen mit den USA inoffiziell kooperierte, um eine militärische Strategie gegen die Taliban zu entwickeln. Am 29.01.2002 erklärte der damalige US-Präsident George W. Bush hingegen in einer Rede zur Lage der Nation den Iran zum Mitgliedstaat der „Achse des Bösen“. Zu dieser Achse gehörten laut Bush Länder, welche an Massenvemichtungswaffen arbeiten bzw. den Terrorismus unterstützen20. Soleimanis Einfluss beschränkte sich nicht ausschließlich auf das iranische Militär, sondern erstreckte sich auch auf weite Teile des Nahen Ostens. Zudem kann man davon ausgehen, dass seine Stimme auch innenpolitisch gewichtig war. Soleimani pflegte engen Kontakt gegenüber Ajatollah Ali Chamenei, dem iranischen Revolutionsführer. Chamenei trägt als Ajatollah den wichtigsten religiösen Titel des zwölferschiitischen Islams und gilt als „Oberster Führer“, ist somit politisches sowie religiöses Oberhaupt des Iran und gilt gleichzeitig als Oberbefehlshaber der iranischen Streitkräfte und als Staatsoberhaupt des Iran21. Durch Soleimanis engen Kontakt zur Führungsriege des Iran galt er als unmittelbar beteiligt an der Zielsetzung und Durchführung wichtiger Schlüsselereignisse. Diese Position machte Soleimani abermalsfür die US-Behörden interessant. Er galtfür die Exekutive der Vereinigten Staaten als Mitwisser und -täter, sodass er als potentielles Ziel, sozusagen stellvertretend für den Iran, in Erwägung gezogen wurde. Soleimani war ebenfalls an indirekten Kampfhandlungen gegen die Terrororganisation Islamischen Staat beteiligt. Er unterstützte als Militärberater die irakischen Milizen in der irakischen Stadt Amerli im Distrikt Tuz Churmatu, welche auch als Badr-Brigaden bekannt sind. Die Badr-Brigaden werden zudem durch die Quds-Brigaden militärisch wie auf zivil unterstützt22. Einige Monate später im März 2015 fand sich Soleimani, in der Schlacht um Tikrit, als zeitweiliger Kommandeur der Badr-Brigade wieder23. Konfliktparteien waren hier die irakische Armee und sunnitischen wie schiitische Milizen, mit einer Stärke von ca. 20.000 - 30.000 Personen, gegen den sogenannten Islamischen Staat, mit einer Stärke von ca. 13.000 Personen24 Ausgang des Konfliktes war der Sieg der irakischen Armee, welcher u.a. General Soleimani zu verdanken ist. Durch die Beteiligung Soleimanis erkannte der US-Außenminister Kerry, unter der Regierung Obama, die Schlüsselrolle des Generals in dem Konflikt an. Dies lässt sich als weitere Annäherung zwischen den beiden Staaten interpretieren25 26. Aus theoretischer Sicht bleibt Soleimani ein iranischer General. Dennoch erkennen die Vereinigten Staaten von Amerika, Behörde wie auch Präsident, einen gewissen Wert in ihm. Die USA bedienen sich somit einem ganz einfachen gruppentheoretischen Konstrukt und nutzen das Prinzip nach Deidameia: „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“. Die Bekämpfung der Terrororganisation Islamsicher Staat hat für die US-Administration somit oberste Priorität, andere Konflikte werden diesem gegenüber erst einmal zurückgestellt. Soleimani koordinierte auch die Unterstützung der syrischen Regierung Baschar al-Assads, als diese im Bürgerkrieg vor einer unmittelbaren Niederlage stand. Dazu reiste er im Sommer 2015 nach Moskau und stellte seine Militärstrategie vor, welche schlussendlich zur Intervention seitens Russlands seit September 2015 führte. Er rekrutierte zudem Kämpfer aus den umliegenden Staaten des Iran, um die syrische Regierung zu unterstützen. Iraner gehörten seinerseits nicht zu den Kämpfern, da er die Beteiligung seines Landes leugnen und die Verantwortung von sich weisen wollte 26

Entscheidung zur Tötung Soleimanis

Soleimanis Leben war international von Höhen und Tiefen geprägt. Innerstaatlich genoss er hingegen einen hervorragenden Ruf. Durch seine Betätigungen im Nahen Osten generierte er u.a. Widersacher, welche entweder mit seinem Kurs nicht einverstanden oder von diesem unmittelbar betroffen waren. Welche Taten waren aber letztendlich entscheidend dafür, dass die US-Administration, hier insbesondere der US-Präsident Donald Trump sich endgültig dafür entschied, General Soleimani zu töten? Einige Tage vor dem Raketenangriff kam es insbesondere in der Hauptstadt des Irak, Bagdad, zu Ausschreitungen vor der Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika. Die teils gewalttätigen Proteste werden der Kataib Hisbollah, welche von iranischer Seite unterstützt wird, zugeordnet. Die diplomatische Vertretung konnte nur mit chemischen Augenreizstoffen vor Eindringlingen geschützt werden. Internationale Beobachter und die Vereinigten Staaten von Amerika waren der Auffassung, dass der Iran die Proteste inszenierte oder diese zumindest stark unterstützte. Grund dafür waren Drohnenangriffe der US-Air Force gegen Hisbollah Stellungen im Irak, bei denen nach ungesicherten Angaben rund 25 Anhänger der Miliz getötet worden sind. Die US-Luftangriffe waren eine Reaktion auf die Angriffe, seitens der Hisbollah, auf irakische Anlagen am 27.

[...]


1 Carducci, The psychology ofpersonality; Cervone und Pervin, Personality: Theory and research; John, Robins, und Pervin, Handbook ofpersonality: Theory and research; Rotter, Chance, und Phares, „Applications of a social learning theory of personality."

2 Brummer und Oppermann, „Der organisationstheoretische Ansatz", 95.

3 Brummer und Oppermann, 95.

4 Brummer und Oppermann, 95.

5 Marx u. a., Verwaltung.

6 Brummer und Oppermann, „Der organisationstheoretische Ansatz", 95.

7 Brummer und Oppermann, 95-96.

8 Brummer und Oppermann, 96; Cyert, March, und Clarkson, A Behavioral Theory ofthe Firm; March, Simon, und Guetzkow, Organizations; Shafritz, Ott, und Jang, Classics oforganization theory; Daft, Murphy, und Willmott, Organization theory and design; Jensen, „Organization theory and methodology".

9 Melzer, Targeted killing in international law.

10 Callimachi und Hassan, „Abu Bakr Al-Badhdadi, ISIS Leader Known His Brutality, Is Dead at 48"; Panzeri, Killing Bin Laden: Operation NeptuneSpear2011.

11 Govern, „Operation Neptune Spear: Was Killing Bin Laden a Legitimate Military Objective?"; Panzeri, Killing Bin Laden: Operation NeptuneSpear2011; Wallace, „Operation neptune's spear: the lawful killing ofOsama bin Laden".

12 Callimachi und Hassan, „Abu Bakr Al-Badhdadi, ISIS Leader Known His Brutality, Is Dead at 48".

13 hen/Reuters, „Radikaler Muslim Awlaki - Obama gibt terrorverdächtigen US-Bürger zurTötung frei".

14 McNeal, „Targeted killing and accountability"; Melzer, Targeted killing in international law.

15 Kretzmer, „Targeted killing ofsuspected terrorists: Extra-judicial executions or legitimate means of defence?"; Melzer, Targeted killing in international law.

16 Federation ofAmerican Scientists, „Qods (Jerusalem) Force Iranian Revolutionary Guard Corps (IRGC- Pasdaran-e Inqilab)"; Frick, „Iran's Islamic Revolutionary Guard Corps - An Open Source Analysis".

17 U.S. Department oftheTreasury,„FactSheet: Designationoflranian Entitiesand IndividualsforProliferation Activities and Support forTerrorism".

18 „Who Was Qassem Soleimani, Iran's IRGC's Quds Force Leader?"

19 TIME-Magazine, „TIME 100: THE 100 MOST INFLUENTIAL PEOPLE".

20 Hermann, „Frontkämpfer".

21 „Verfassung der Islamischen Republik Iran".

22 Salloum, „Iran schickt seinen gefährlichsten General".

23 Svensson, „Die Schlacht um Tikrit beginnt".

24 Al-Jawoshy und Arango, „Iraqi Offensive to Retake Tikrit From ISIS Begins"; „ISIS Leaders Pull Back from Tikrit amid Massive Iraqi Assault on Stronghold - Reports".

25 Nakhoul, „HINTERGRUND-Iran weitet seine Macht vor der Atom-Einigung aus".

26 Bassam und Perry, „How Iranian General Plotted out Syrian Assault in Moscow"; Reuter, „Das Phantom aus Teheran".

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Tötung des Generals Soleimani. Entscheidungsprozesse der US-Regierung
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
2,0
Jahr
2020
Seiten
21
Katalognummer
V957004
ISBN (eBook)
9783346301352
ISBN (Buch)
9783346301369
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soleimani, Drohne, Tötung, USA, Iran, Irak, Militär, Krieg, Konflikt, Trump, Rohani, Chomeini
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Tötung des Generals Soleimani. Entscheidungsprozesse der US-Regierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/957004

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