Stereotyp "Sächsisch". Untersuchung anhand sprachbiografischer Interviews mit Sprechern aus dem sächsischen und norddeutschen Sprachraum


Bachelorarbeit, 2020

105 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1. Stereotyp
2.2. Stereotypformen

3. Hypothesen zum Prestige und Stigma von Dialekten

4. Das sprachbiographische Interview
4.1. Die Methode: Vor- und Nachteile
4.2. Durchführung
4.3. Auswertung

5. Interviewergebnisse
5.1. Katharina
5.2. Kian
5.3. Nora
5.4. Torsten
5.5. Sten

6. Stereotype im Dialektkonzept Sächsisch

7. Fazit und Forschungsausblick

8. Bibliographie

9. Anhang
9.1. Interviewleitfaden
9.2. Basistranskription: Katharina
9.3. Basistranskription: Kian
9.4. Basistranskription: Nora
9.5. Basistranskription: Torsten Teil 1
9.6. Basistranskription: Torsten Teil 2
9.7. Basistranskription: Sten

1. Einleitung

„Die „schlimmsten“ Dialekte sind Sächsisch, Thüringisch und Bayrisch, wobei sich Sachsen durch große Lautstärke besonders hervortuen, es ist möglich, daß sie denken sie hätten den schönsten und besten Dialekt und alle anderen müßten das hören. Wenn ich das Sächsisch höre, dann macht es klick - aha die „Zonis“ sind unterwegs. “ (Verfasser unbekannt)

Das obige Zitat ist einem Internetforum aus dem Jahr 2005 entnommen und untermauert auf den ersten Blick die Umfrageergebnisse diverser Beliebtheitsstudien zu deutschen Dialekten. Demnach führt Sächsisch stets die Tabelle der unbeliebtesten Dialekte an (vgl. Stickel/Volz 1999: 31 & Plewnia/Rothe 2012: 27), wenngleich sämtliche Umfragen zur Beliebtheit von Dialekten erhebliche methodische Mängel aufweisen (vgl. Hundt 2011: 80 - 88).1Ein wesentlicher Kritikpunkt an Umfragen zur Beliebtheit von Dialekten ist, dass das aufgerufene Dialektkonzept des Laien bei der Bewertung stets unklar bleibt. Bei der Auswertung und Interpretation der Ergebnisse ist anhand der Umfragen nicht ersichtlich, wie das bewertete Dialektkonzept des Probanden aussieht und welche sprachlichen Merkmale sowie außersprachlichen Assoziationen dieses beinhaltet (vgl. Hundt 2011: 88). Der Untersuchung von Dialektkonzepten linguistischer Laien widmet sich die Wahrnehmungsdialektologie, um herauszufinden, über welches Wissen diese verfügen. Wahrnehmungsdialektologie hat sich erst in den 1990er Jahren als neues Forschungsfeld in der Dialektologie etabliert, sodass die laienlinguistisch fokussierte Dialektforschung des deutschen Sprachraums noch ganz am Anfang steht (vgl. Anders 2007: 174). Trotz der methodischen Mängel von Umfragen kann man jedoch festhalten, „dass eine große Gruppe der deutschen Muttersprachler das Sächsische nicht mag“ (Hundt 2011: 96). Da Sächsisch1 2 eindeutig zu den am stärksten polarisierenden Dialekten der deutschen Sprache gehört, stellt es den Fokus dieser Arbeit dar.

Darüber hinaus veranschaulicht das Zitat die wissenschaftliche Erkenntnis, dass Dialektkonzepte von linguistischen Laien, welche diese in Umfragen bewerten, nicht nur perzipierte oder assoziierte sprachliche Merkmale enthalten, sondern auch Stereotype, die sich auf den Sprecher des Dialektes beziehen (vgl. Hundt 2017: 121).

Folglich ist der Aussage des Zitatverfassers zu entnehmen, dass ein wesentlicher Bestandteil seines Dialektkonzepts Sächsisch ein Stereotyp der Sprechergruppe selbst ist, indem er Sächsisch mit Personen aus der sowjetischen Besatzungszone nach Ende des zweiten Weltkrieges assoziiert, auf deren Gebiet anschließend die DDR gegründet wurde. Die negative Dialektbewertung des Zitatverfassers kann somit nicht dadurch begründet werden, dass er Sächsisch aufgrund eines rein objektiven sprachlichen Merkmals nicht mag. Vielmehr liegt es nahe, dass die ablehnende Einstellung gegenüber dem sächsischen Dialekt auf dem Stereotyp der Sprechgruppe basiert, welches die Negativbewertung begründet.

Daraus ergibt sich die Fragestellung nach den vorhandenen Stereotypen innerhalb des Dialektkonzepts Sächsisch, welches bei der Bewertung von Dialekten durch Laien präsent ist und bei Umfragen zur Beliebtheit von Dialekten ungewiss bleibt. Die vorliegende Arbeit soll anhand sprachbiographischer Interviews mit Sprechern aus dem norddeutschen und sächsischen Sprachraum analysieren, welche Stereotype Teil ihres Dialektkonzeptes Sächsisch sind. Hierbei werden gezielt Heterostereotype und vermutete Autostereotype der norddeutschen Sprecher sowie Autostereotype und vermutete Heterostereotype der sächsischen Sprecher untersucht. Aufgrund dessen, dass die Fremdbewertung des Sächsischen überwiegend negativ, die Selbstbewertung jedoch überwiegend positiv ausfällt (vgl. Plewnia/Rothe 2012: 51 - 55), ist anzunehmen, dass im Dialektkonzept Sächsisch der unterschiedlichen Sprechergruppen nicht dieselben Stereotype vorhanden sind.

Da die interviewten norddeutschen Gewährspersonen alle eine positive Beziehung zu mindestens einem der interviewten Gewährspersonen aus dem sächsischen Sprachraum pflegen, wird im folgenden Verlauf untersucht, inwiefern deren persönliche Erfahrungen und Erlebnisse mit den bestehenden Heterostereotypen übereinstimmen. Bezogen auf die stereotypen Überzeugungen der Probanden, wird an dieser Stelle angenommen, dass diese unverändert beibehalten werden, obwohl sich der Wahrheitsgehalt der Heterostereotypen nicht bestätigt.

Anschließend soll das untersuchte Dialektkonzept Sächsisch der Gewährsgruppen in Relation zu den existierenden Hypothesen zum Prestige und Stigma von Dialekten gesetzt werden. Begründet durch die allgemeine Anerkennung der Normdekrethypothese hinsichtlich der Stigmatisierung des sächsischen Dialektes, wird die Hypothese aufgestellt, dass die Untersuchungsergebnisse und subjektiven Aussagen der Gewährspersonen die Gültigkeit der Normdekrethypothese bekräftigen.

Zur Beantwortung der Forschungsfragen wurden für diese Arbeit sprachbiographische Interviews im Rahmen einer qualitativen Methode durchgeführt. Als Interviewpartner wurden zwei Dialektsprecher aus Sachsen ausgewählt, um deren Autostereotype sowie vermutete Heterostereotype innerhalb ihres mentalen Konzepts zu ermitteln. Um die Heterostereotype sowie die vermuteten Autostereotype darstellen zu können, wurden vier3 Sprecher4 aus dem Raum Kiel interviewt.

Zu Beginn dieser Arbeit ist es notwendig, dass die für diese Thematik relevanten Begriffe Stereotyp sowie deren unterschiedliche Formen Auto- und Heterostereotyp definiert werden, um terminologische Klarheit zu schaffen, welche für die Ausarbeitung der bestehenden Stereotype notwendig ist. Anschließend wird die angewandte Methode des sprachbiographischen Interviews vorgestellt, um die Auswahl der Methode für die Beantwortung der aufgestellten Forschungsfrage zu begründen. Auch werden an dieser Stelle die Durchführung und die Datenauswertung des Interviews thematisiert. Anschließend werden die in der Forschung relevanten Theorien zum Prestige und Stigma von Dialekten vorgestellt. Im nächsten Kapitel folgt die detaillierte Auswertung und Interpretation der Ergebnisse unter Berücksichtigung der Forschungsfrage zu den Stereotypen, welche im Konzept Sächsisch der Probanden präsent sind. Darauf anknüpfend werden die erzielten Untersuchungsergebnisse auf die verschiedenen Theorien zur Prestigeentwicklung von Dialekten angewandt und diskutiert. Abschließend fasst das Fazit die Ergebnisse dieser Arbeit zusammen, beantwortet die Forschungsfrage und darauf bezogene Hypothesen und liefert einen Ausblick auf weitere

Forschungsmöglichkeiten, die aufgrund des begrenzten Rahmens dieser Arbeit nicht durchgeführt werden konnten.

2. Theoretische Grundlagen

Bis heute existiert keine einheitliche Definition des Stereotypenbegriffs. Vielmehr wird der Fokus je nach Definition und Forschungsgebiet auf unterschiedliche Aspekte und Komponenten des Konzepts gerichtet (vgl. Vandermeeren 2016: 171, Cuonz 2014: 32 und Garrett 2010: 19). Das folgende Kapitel soll die Funktion erfüllen, das Konzept Stereotyp ausreichend zu definieren, um es im Zuge der durchgeführten Untersuchung angemessen zu verwenden. Eine allumfassende Darstellung sämtlicher Definitionsansätze wird aufgrund der Komplexität und der interdisziplinären Anwendungsgebiete des Konzepts innerhalb dieser Arbeit nicht präsentiert. Solch eine Darstellung wäre zu umfangreich und dem Untersuchungsschwerpunkt dieser Arbeit nicht zweckmäßig. Vielmehr wird eine Arbeitsgrundlage, bezogen auf die benutzte Terminologie geschaffen, welche im folgenden Verlauf als grundlegend betrachtet wird.

2.1. Stereotyp

Der Begriff Stereotyp wurde erstmalig 1922 durch den amerikanischen Journalisten Lippmann in dessen Werk Public Opinion als Konzept der Medienwissenschaft eingeführt. Lippmann verwendet den Terminus zur Bezeichnung der vorgeprägten mentalen Bilder, welche über soziale Gruppen existieren und die Wahrnehmung von Menschen strukturieren. Das Konzept ist an das Verfahren der Stereotypie aus der Drucktechnik angelehnt, bei dem eine veränderliche Form in eine starre, unveränderliche Form gebracht wird (vgl. Kleinsteuber 1991: 61 - 62). Ein Stereotyp war somit ursprünglich die Bezeichnung für „fest miteinander verbundene Druckzeilen im Gegensatz zu beweglichen Lettern“ (Bußmann 2002: 650), durch die beliebig viele gleiche Abdrücke produziert werden konnten. Die Entlehnung des Begriffes für wissenschaftliche Zwecke durch Lippmann beruht somit auf der Annahme, dass sozialpsychologische Stereotype ebenso wie Druckstereotype starre Vorstellungen im menschlichen Denksystem über andere Personen oder Gruppen sind, welche beliebig oft aufgerufen werden können, um die Außenwelt zu strukturieren (vgl. Arras 1998: 259).

Nachdem der Definition Lippmanns und nachfolgenden Bezeichnungen5 vorgeworfen wurde, dass sie zu unpräzise seien und die Stereotypisierung als Prozess zur Vereinfachung zu negativ dargestellt werde, betonen aktuelle Definitionen die kognitive Komponente des Konzepts:

„Ein Stereotyp ist die kognitive Komponente einer voreingenommenen Einstellung und ist definiert als eine Verallgemeinerung über eine Gruppe, wobei nahezu allen Mitgliedern identische Merkmale zugeordnet werden, ohne Rücksicht auf bestehende Variationen unter den Mitgliedern.“ (Aronson, Wilson und Akert 2004: 526)

Da Stereotype Verallgemeinerungen sind, die niemals auf alle Mitglieder einer Gruppe zutreffen, ist der Wahrheitsgehalt, obwohl eine empirische Prüfung überwiegend als unausführbar angesehen wird (vgl. Ashmor/Del Boca 1981: 16f.; Gardner 1994: 12) zu bezweifeln oder lediglich mit selektiver Relation zur Wirklichkeit einzuordnen (vgl. Schaff 1980: 86f.). Laut Vandermeeren (2016: 171) fungieren Stereotype somit als ein subjektives „Scheinwissen“. Dieses Wissen entsteht nicht durch eigene Erfahrungen, sondern wird durch Sozialisation erworben und oftmals medial verbreitet und verstärkt (vgl. Jürgens/Schröder 2016: 350; Arras 1998: 259 - 260). Stereotype sind Teil des Alltagswissens und der Prozess der Stereotypisierung ist unabdingbar für die menschliche Wahrnehmung, da eine Kategorisierung notwendig ist, um die Komplexität von Sachverhalten zu reduzieren, um sich in der Umwelt orientieren zu können. Diese orientierende Funktion von Stereotypen wird als Wissensfunktion bezeichnet (vgl. Hundt 1992: 7). Neben dieser notwendigen ökonomischen Funktion lassen sich drei weitere Funktionen von Stereotypen unterscheiden: Die Anpassungsfunktion, die Selbstbehauptungsfunktion und die Selbstdarstellungsfunktion. Anpassungsfunktion bezieht sich auf den Effekt, dass Stereotype dazu beitragen sich der eigenen Gruppe, der sogenannten Ingroup, zugehörig zu fühlen und sich gleichzeitig von einer anderen Gruppe, der Outgroup, zu distanzieren (vgl. Garret 2010: 33). Die Funktion der Selbstbehauptung inkludiert die Neigung von Menschen, lediglich die Gegebenheiten wahrzunehmen, die mit unserer Weltanschauung übereinstimmen und unsere Erwartungen erfüllen: „We do not see what our eyes are not accustomated to take into account“ (Lippmann 1922: 91). Die eigene Identität wird geschützt, da Abweichungen von fest etablierten Überzeugungen und Kenntnissen diese gefährden würde (vgl. Hundt 1992: 8). Infolgedessen sind Stereotype äußert stabil und resistent gegen Erfahrungen, sodass sie oftmals unverändert bestehen bleiben, obwohl eigene Erfahrungen den Wahrheitsgehalt der kognitiv verankerten stereotypen Merkmale einer Gruppe widersprechen. Oftmals wird die Abweichung als exzeptionell betrachtet, die Ausnahme bestätigt hierbei die Regel (vgl. Hundt 1992: 6; Arras 1998: 261; Hahn 2007: 19). Da vorhandene Stereotype über andere Gruppen auch stets ein Stereotyp über die eigene Gruppe beinhalten, wird ihnen eine Selbstdarstellungsfunktion zugesprochen. Dabei inkludiert das Stereotyp der anderen Gruppe das gegenteilige Stereotyp in Bezug auf die eigene Gruppe (vgl. Hundt 1992: 7; Hahn 2007: 22 - 23).

2.2. Stereotypformen

Bei der Untersuchung von Stereotypen ist es unerlässlich, die vorliegende Stereotypform beiderAnalyseundInterpretationderErgebnissezubeachten. Auto-undHeterostereotyp beschreiben die Perspektive, aus der das Stereotyp formuliert wird. Stereotype, welche Wissensbeständeüber eine andere Gruppe ausdrücken, sind Heterostereotype. Diejenigen Stereotype, welche das generalisierende Wissen über die eigene Gruppe darstellen, sind Autostereotype. Darüber hinaus existieren vermutete Heterostereotype und vermutete Autostereotype. Vermutete Heterostereotyp geben Auskunft darüber was eine Gruppe X denkt, welche Vorstellungen Gruppe Y von ihnen hat. Sobald Gruppe X Vermutungen darüber anstellt, welches mentale Bild Gruppe Y von der eigenen Gruppe hat, wird vom vermuteten Autostereotypen gesprochen (vgl. Hundt1992:6-7; Cuonz2014:44). Inder Literatur werden die Begriffe Fremd- und Selbstbild oft synonym für Auto- und Heterostereotyp verwendet. Ganz zu Recht weist Arras (1998: 274) darauf hin, dass das Fremd- und Selbstbild von Gruppen nicht nur auf einem, sondern auf mehreren Stereotypen basiert. Dieser Argumentation entsprechend, werden Auto- und Heterostereotype innerhalb dieser Arbeit als verschiedene Bestandteile behandelt, aus welchen sich das Fremd- und Selbstbild von Gruppen zusammensetzt.

3. Hypothesen zum Prestige und Stigma von Dialekten

Die beiden ersten wesentlichen Hypothesen zur Beantwortung der Fragestellung, wie es zu Prestige oder Stigma von Sprache und Sprachvarietäten kommt, entstanden bereits in den 70er Jahren und wurden im Jahre 2002 von Renée van Bezooijen um drei weitere Hypothesen ergänzt. Der heutige Forschungsstand geht nicht davon aus, dass Prestige und Stigma von Dialekten durch eine einzige der Hypothesen erklärt werden kann. Vielmehr bestätigen aktuelle Forschungsergebnisse, dass jede der Hypothesen einen unterschiedlich bedeutsamen Erklärungsansatz für Dialektbewertungen liefert (vgl. Cuonz 2014: 93f.). Die Eigenwerthypothese geht davon aus, dass die Bewertung von Dialekten ausschließlich auf deren inhärente sprachliche Merkmale, beispielsweise im Bereich der Morphologie, Lexik oder Phonologie, zurückzuführen ist (vgl. Hundt 2017: 149 - 150). Obwohl dieser Erklärungsansatz heutzutage als weitestgehend widerlegt betrachtet wird, legen aktuelle Untersuchungen wie die von Cuonz (2014) gleichzeitig nahe, dass die Eigenwerthypothese aus der Perspektive von linguistischen Laien durchaus seine Berechtigung hat. Überdies zeigen die Ergebnisse von Berthele (2006, 2010) und Spiekermann (2010), dass das Lautinventar von Sprachvarietäten die Dialektbewertung direkt beeinflussen kann. Es ist jedoch keinesfalls anzunehmen, dass sprachliche Merkmale allein das Prestige und Stigma von Dialekten begründen können. Laut Hundt (2011: 101) ist die Normdekrethypothese eher als Erklärung für die Stigmatisierung von Dialekten anzuerkennen. Die Normdekrethypothese besagt, dass sich Dialektbewertungen durch außersprachliche Faktoren begründen lassen, die sozialen, historischen, wirtschaftlichen, politischen oder auch anderen Ursprungs sind. Demnach seien es außersprachliche Merkmale und Stereotype, die sich anfänglich auf den Sprecher beziehen und anschließend auf den Dialekt selbst übertragen werden. Demnach wäre es das vorsprachliche Stereotyp des fröhlichen Rheinländers, welches linguistische Laien Rheinländisch als fröhlich bewerten lasse, da es vom Sprecher auf deren Sprache übertragen wurde. Einen Nachweis für den Einfluss außersprachlicher Faktoren auf das Prestige von Dialekten liefern zahlreiche Studien wie die von Schlobinski (1987), Alfarez (2002), Ris (1978) und Giles (1974), sodass die Normdekrethypothese als bedeutsamste Begründung für das vorhandene Prestige und Stigma von Sprachvarietäten betrachtet wird. Unter Berücksichtigung des Schwerpunktes dieser Arbeit auf der Bewertung des Sächsischen ist anzumerken, dass die historische Entwicklung des Dialektes die Gültigkeit der Normdekrethypothese stützt. Im 16. Jahrhundert noch die vorbildliche sprachliche Leitvarietät, erlitt Sächsisch seit Mitte des 18. Jahrhunderts einen Prestigeverfall und eine zunehmende Stigmatisierung, welche sich eindeutig auf außersprachliche politische, wirtschaftliche und kulturelle Umgebungsfaktoren zurückführen lässt. Dieses Beispiel eines absoluten Prestigeverfalls eines Dialekts aus dem deutschen Sprachraum zeigt, dass „[...] außersprachliche Faktoren [...] Wert und Unwert von Dialekt“ (Hundt 2011: 94) bestimmen. Im Jahr 2002 erweiterte van Bezooijen die bereits bestehenden Hypothesen um die Verständlichkeitshypothese, die Vertrautheitshypothese und die Ähnlichkeitshypothese. Die Verständlichkeitshypothese besagt, dass je besser Gewährspersonen Sprachvarietäten verstehen können, desto positiver fällt deren Bewertung aus. Gemäß der Vertrautheitshypothese führt regelmäßiger Kontakt mit einer Sprache dazu, dass diese positiv beurteilt wird, unabhängig davon ob die Sprache von der bewertenden Person verstanden wird. Die Ähnlichkeitshypothese bezieht sich ausschließlich auf intralinguistische Sprachvergleiche, indem sie davon ausgeht, dass Dialekte, die der Standardsprache sehr ähnlich sind, positiver bewertet werden also solche, die dem Standard unähnlicher sind (vgl. Cuonz 2014: 98 - 99). Er prüfte deren Gültigkeit mithilfe von Befragungen zu niederländischen Dialekten und kam zu dem Ergebnis, dass sowohl die Verständlichkeits- als auch die Ähnlichkeitshypothese im Falle seiner Untersuchung von Relevanz waren. Eine ausführliche Prüfung van Bezooijens Hypothesen bezogen auf intralinguistische Sprachvarietäten der deutschen Sprache wurde bis zum heutigen Zeitpunkt noch nicht vorgenommen. Jedoch kam Cuonz (2014: 431 - 432) bei ihrer Untersuchung zur Sprachbewertung von Laien aus der Deutschschweiz und der Romandie zu dem Ergebnis, dass die drei Hypothesen insbesondere bei Negativbewertungen von Sprache und Varietäten durch die Aussagen der Probanden bestätigt werden.

Die Gültigkeit der Hypothesen der Sprachästhetikforschung zum Prestige und Stigma von Dialekten wird grundsätzlich mithilfe von quantitativen Forschungsmethoden, die überwiegend mit auditiven Stimuli arbeiten, geprüft. Gleichzeitig mangelt es an Forschungsarbeiten, welche die Relevanz der Hypothesen auf die Dialektbewertungen im deutschen Sprachraum anwendet. Folglich kann diese Arbeit, die auf den Ergebnissen der qualitativen Methode von Interviews basiert und dafür die individuellen Dialektkonzepte der Probanden ohne die Einbindung von Sprachproben nutzt, nicht die Erwartung erfüllen, die Hypothesen empirisch zu überprüfen. Vielmehr werden die individuellen Begründungen für die Negativbewertung des Sächsischen der Gewährspersonen mit den bestehenden Theorien verglichen und etwaige Parallelen oder Abweichungen diskutiert, welche durch die subjektiven Aussagen der Probanden sichtbar werden.

4. Das sprachbiographische Interview

Das sprachbiographische Interview ist eine Methode, welche bereits erfolgreich in den Bereichen der Spracherwerbs-, der Mehrsprachigkeits- und Einstellungsforschung sowie innerhalb der Variationslinguistik eingesetzt wurde. Jedoch existiert erst seit den 1990er Jahren ein wissenschaftlicher Fokus auf der Sprachbiographie von Sprechern. Somit stellen sprachbiographische Interviews einen vergleichsweise neuen Zweig der Sprachwissenschaft dar. Aus diesem Grund ist Sprachbiographie bis heute kein wissenschaftlicher Terminus, der sich in Handbüchern oder linguistischen Lexika mit einer eindeutigen Definition finden lässt. Der Schwerpunkt der Methode liegt auf der sprachlichen Biographie von Personen ohne größeren sprachwissenschaftlichen Hintergrund und deren vorhandenen linguistischen Laienwissen über Sprache sowie Sprachvarietäten (vgl. Bieberstedt 2017: 47). Laut Tophinke bezeichnet der Begriff Sprachbiographie den Umstand, „[...] dass Menschen sich in ihrem Verhältnis zur Sprache bzw. zu Sprachen und Sprachvarietäten in einem Entwicklungsprozess befinden, der von sprachrelevanten lebensgeschichtlichen Ereignissen beeinflusst ist“ (2002: 1). Das folgende Kapitel dient dazu, die Methode des sprachbiographischen Interviews und deren Nutzen für wissenschaftliche Forschung vorzustellen. Darüber hinaus werden auch die Nachteile beziehungsweise mögliche Schwächen der Methode angeführt, um die Wahl der Methode fundiert zu begründen. Der praktischen Durchführung der Methode innerhalb dieser Untersuchung und der geplanten Auswertung widmet sich der letzte Teil dieses Kapitels. Der genutzte Interviewleitfaden, der das Ziel hatte, die Interviews zu strukturieren, ist dieser Arbeit angehängt.

4.1. Die Methode: Vor- und Nachteile

Die Vorteile und der mögliche Nutzen von sprachbiographischen Interviews sind vielfältig und variieren je nach Untersuchungsschwerpunkt. Im Zuge der Interviews wird ein allgemeiner Überblick über die sprachliche Biographie eines Sprechers gewonnen und die Ergebnisse geben Aufschluss über dessen gesamtheitliche sprachliche Sozialisation und Entwicklung. Hierbei werden die Aspekte Spracherwerb, Sprachkompetenz, vorhandene Sprachkontakte, kommunikative Netzwerke und eventueller Sprachwechsel, Sprachvermeidung oder Sprachverlust vor dem Hintergrund individueller sprachgeschichtlicher Ereignisse thematisiert (vgl. Ehlers 2017: 143 & Glawe 2013: 221). Im Bereich der Spracheinstellungsforschung wird darüber hinaus den Aspekten Spracheinstellung- und Bewertung besondere Beachtung geschenkt, welche oftmals direkten Einfluss auf Sprachnutzung oder Sprachvermeidung haben (vgl. Tophinke 2002: 12). Sprachbiographische Interviews zählen zu den qualitativen Forschungsmethoden, welche das Ziel verfolgen, soziale Erscheinungen aus der Perspektive einzelner Subjekte abzubilden, um das Verhalten und die Verhaltensursachen des Subjekts zu verstehen (vgl. Röbken/Wetzel 2016: 13). Durch die Flexibilität und Offenheit der induktiven Methode können Gründe für ein bekanntes Phänomen erforscht und erklärt werden. Deshalb wird qualitativer Forschung die Möglichkeit zugesprochen, Hypothesen aus den Ergebnissen abzuleiten, bestehende Hypothesen weiterzuentwickeln und zu begründen. Eine finale mathematisch-statistische und repräsentative Überprüfung von Hypothesen wiederum ist das Ziel quantitativer Forschung. Eine Ursachenerforschung hingegen kann mithilfe von quantitativen Forschungsmethoden nicht gewährleistet werden. Die Ergebnisse von qualitativen Forschungsmethoden werden anders als bei quantitativen Methoden nicht standardisiert und statistisch ausgewertet, sondern vielmehr deskriptiv analysiert und interpretiert (vgl. Lamnek 1995: 223 & Wolf/Priebe 2001: 51). Da die vorliegende Arbeit das Ziel verfolgt, im Dialektkonzept von Laien enthaltene Stereotype zu untersuchen, welche einen Erklärungsansatz für das Phänomen der negativen Dialektbewertung des Sächsischen darstellen können, ist die gewählte Methode qualitativ in Form von Interviews. Durch diese offene Herangehensweise soll das Dialektkonzept Sächsisch und die darin enthaltenen Stereotype, welche zur Bewertung herangezogen werden, ermittelt werden. Die vorhandenen Dialektkonzepte der Probanden werden bei durchgeführten quantitativen Umfragen nicht herausgearbeitet, sodass die Ursachen der Negativbewertungen ungeklärt bleiben (vgl. Hundt 2011: 88). Das Interview wiederum gibt den Gewährspersonen durch die Offenheit der Struktur die Möglichkeit, ihr Dialektkonzept Sächsisch selbst zu beschreiben und ihre Evaluationen zu erklären (vgl. Cuonz 2014: 39). Zur Beantwortung der Forschungsfrage und aufgestellten Hypothesen ist darüber hinaus die Sprachbiographie der Interviewpartner relevant, welche daher hinterfragt wird. Zum einen, weil Stereotype durch Sozialisation entstehen und je nach Ablauf des Prozesses aufgrund verschiedener Umwelteinflüsse unterschiedlich sein können (vgl. Jürgens/Schröder 2016: 350). Es ist daher nicht anzunehmen, dass das Stereotyp des faulen, eigentlich nie arbeitenden Beamten beispielsweise überall auf der Welt bekannt ist und geteilt wird. Zum anderen haben Herkunft und eigene

Dialektkompetenz erheblichen Einfluss auf die Einstellung samt Bewertung gegenüber Dialekten (vgl. Plewnia/Rothe 2012: 46). So bewerten Sprecher ihren eigenen Dialekt überwiegend positiv und Dialekte aus Nachbarregionen grundsätzlich positiver als Dialekte aus geographisch weit entfernten Regionen. Den Einfluss des Faktors Herkunft und die damit verbundene eigene Sprachkompetenz, wird als Heimat- und Nachbarschaftseffekt bezeichnet (vgl. Plewnia/Rothe 2012: 51 - 55). Es ist demnach eine logische Schlussfolgerung, dass das der Bewertung unterliegende Dialektkonzept einschließlich vorhandener Stereotype des Sächsischen je nach Herkunft der befragten Person variieren kann. Folglich ist die Betrachtung der Sprachbiographie der Gewährspersonen notwendig, um deren Einstellungen verstehen und angemessen interpretieren zu können. Da die Gewährspersonen im Interview dazu aufgefordert werden, ihre Dialektbewertung zu begründen, lassen sich daraus Rückschlüsse zur Erklärung von Prestigezuschreibungen sowie Stigmatisierung von Sprachvarietäten zu. Diese subjektiven Begründungen der linguistischen Laien sollen mit den bereits existierenden Hypothesen zum Prestige und Stigma von Dialekten verglichen werden, um Gemeinsamkeiten und Abweichungen zu ihnen und anderen Forschungsergebnissen zu erkennen. Eine eindeutige Überprüfung der Gültigkeit der verschiedenen Hypothesen kann diese Untersuchung aufgrund der geringen Probandenzahl und des qualitativen Forschungsansatzes jedoch nicht liefern.

Eine wesentliche Schwachstelle von sprachbiographischen Interviews ist die stark ausgeprägte Subjektivität der Information, welche nicht nur kognitiv verankert, sondern auch narrativ kommuniziert werden. Dadurch unterliegen die Äußerungen innerhalb des sprachbiographischen Interviews als eine retrospektive Erzählung stets einer bewussten oder unbewussten Selektion und Bewertung der interviewten Person (vgl. Bieberstedt 2017: 54 - 61). Informationen, die durch sprachbiographische Interviews gewonnen werden, sind folglich nicht objektiv. Der Erzähltypus der Gewährsperson, die Kommunikationssituation und der Grad der Selbstinszenierung sind Faktoren, welche die verbalisierte Sprachbiographie beeinflussen (vgl. Bieberstedt 2017: 64 - 69). Bezogen auf die Untersuchung von Spracheinstellungen und Stereotypen als „tabuisierter Bereich“ (Cuonz 2014: 35) ist auch das Phänomen der sozialen Erwünschtheit zu berücksichtigen, welches Einfluss auf die Aussagen von Gewährsperson haben kann. Soziale Erwünschtheit bezieht sich auf die menschliche Neigung, Antworten und Aussagen auf die vermeintliche Erwartungshaltung der Umwelt, in diesem Fall dem Interviewer gegenüber, anzupassen, um sozialer Ablehnung zu entgehen (vgl. Strack 1994: 14 - 15). Die Subjektivität von Forschungsergebnissen, welche durch sprachbiographische Interviews gewonnen wurden, muss bei deren Interpretation stets berücksichtigt werden. Es darf nicht davon ausgegangen werden, dass die in Interviews formulierten Einstellungen vollständig mit den tatsächlichen Einstellungen übereinstimmen (vgl. Oberholzer 2018: 157). Gleichzeitig können auch Forschungsergebnisse, welche aus sprachbiographischen Interviews resultieren, wissenschaftlich verallgemeinert werden, sofern zwei wesentliche Voraussetzungen erfüllt werden. Einerseits müssen die Resultate einzelner Interviews anhand weiterer Interviewpartner überprüft werden, um auszuschließen, dass es sich um eine Einzelerscheinung handelt. Hinsichtlich dieser Analyse von Stereotypen ist dieses Kriterium besonders relevant, da ein wesentliches Merkmal von einem Stereotyp ist, dass dieses kollektiv geteilt wird. Bezogen auf diese Untersuchung bedeutet das, dass es bei mehr als einem Interviewpartner kognitiv vorhanden ist. Andererseits sollten die ausgewählten Interviewpartner eine möglichst homogene Auswahl darstellen und repräsentativ sein, um die Ergebnisse auf die gesamte Sprechergruppe übertragen zu können (vgl. Bieberstedt 2017: 71).

4.2. Durchführung

Im Rahmen der Untersuchung wurden insgesamt sechs sprachbiographische Interviews im Zeitraum von Oktober bis Dezember 2019 durchgeführt. Das Interview mit der Gewährsperson Torsten besteht aus zwei Teilen, da eine erste Befragung bereits für vorherige Forschungszwecke durchgeführt wurde.6 Die zweite Befragung wurde durchgeführt, um ergänzende Informationen zu erhalten, die aufgrund eines neuen Forschungsschwerpunktes im ersten Interview nur ansatzweise thematisiert wurden. Um möglichst repräsentative Resultate zu erzielen, war es bei der Auswahl der Interviewpartner wichtig, dass die Probanden eine homogene Gruppe abbilden. Im Zuge dieser Forschung wurde eine weitere Gewährsperson interviewt. Da sich im Verlaufe des Interviews ergeben hat, dass diese Person hinsichtlich der Faktoren Herkunft, Sozialisation, sowie eigene Sprachbezeichnung und Dialektkompetenz eindeutig von den anderen Gewährspersonen abweicht, ist das Interview inklusive der Ergebnisse für diese Forschungsarbeit nicht verwertbar. Dadurch wird die notwendige Homogenität der Interviewgruppe sichergestellt, um Stereotype innerhalb der Dialektkonzepte der linguistischen Laien aus dem norddeutschen Raum untersuchen zu können.

Die beiden Dialektsprecher aus dem sächsischen Sprachraum sind 1989 in Sachsen geboren und wuchsen im Erzgebirgskreis auf bis sie im Jahr 2009 für Studienzwecke nach Kiel gezogen sind. Trotz der großen biographischen Parallelen kennen sich die beiden Personen nicht. Die drei interviewten Probanden aus dem norddeutschen Sprachraum sind zwischen 1985 und 1995 geboren seit mindestens 5 Jahren wohnhaft in Kiel und bezeichnen ihre eigene Sprache als dialektfrei. Darüber hinaus haben alle drei Gewährspersonen ein positives Verhältnis zu mindestens einem der Dialektsprecher aus dem sächsischen Sprachraum, sodass die Hypothese zur Abweichung der Heterostereotypen zu persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen geprüft werden kann. Sämtliche Interviews wurden zuhause bei den Probanden in ihrer vertrauten Umgebung durchgeführt, damit sich diese trotz der Interviewsituation wohlfühlen. Ferner wurden die Gewährspersonen um absolute Ehrlichkeit gebeten, um ein verwertbares Ergebnis zu erzielen. Um der Tendenz der sozialen Erwünschtheit entgegenzuwirken, wurden den Probanden während des Interviews bewusst positive Rezeptionssignale und zustimmende Rückmeldungen gegeben, sofern zu entnehmen war, dass sich die Probanden mit ihren eigenen Aussagen unwohl fühlen, da sie diese nicht im Sinne der sozialen Gesellschaftsnorm einordnen. Einige der Gewährspersonen haben sich im Interview sprachlich dazu geäußert, dass ihnen ihre eigene Stereotypisierung als verallgemeinernder, abwertender Prozess unangenehm ist. Um sicherzustellen, dass die Stereotype der Gruppen in deren Dialektkonzept Sächsisch integriert ist und nicht lediglich davon unabhängige Personenstereotype genannt werden, wurden die Gewährspersonen zu keinem Zeitpunkt direkt nach vorhandenen Stereotypen gefragt. Stattdessen wurden sie darum gebeten, ihr Dialektkonzept Sächsisch zu beschreiben, um aus deren Aussagen anschließend die präsenten Stereotype herauszuarbeiten. Erst nach ausführlicher Beschreibung des mentalen Konzepts wurden die Probanden zu ihren darauf basierenden Spracheinstellungen und den Begründungen für ihre Dialektbewertungen befragt. Die Interviews wurden über die Aufnahmeoption eines Smartphones aufgezeichnet. Das Einverständnis zur Aufzeichnung des Gesprächs und der Veröffentlichung der Inhalte ohne eine Anonymisierung der Namen wurde bei den Gewährspersonen eingeholt.

4.3. Auswertung

Die aufgezeichneten Interviews wurden in Form einer Basistranskription verschriftlicht. Hierbei wurden irrrelevante sprachliche oder außersprachliche Äußerungen bei der Transkription nicht berücksichtigt. Um Stereotype innerhalb des mentalen Konzepts Sächsisch der linguistischen Laien ermitteln zu können, wurde inhaltlich ausgewertet, welche geäußerten Wissensbestände zu einem Stereotyp kategorisiert werden können. Hierfür wurde angelehnt an die Forschung von Jürgens und Schröder (2016) mit Schlüsselwörtern gearbeitet, die bei der Beschreibung des Dialektkonzepts von den Gewährspersonen genutzt wurden, und sich inhaltlich auf dasselbe Scheinwissen der Probanden bezieht. Dadurch wird gewährleistet, dass die vorhandenen Generalisierungen gemäß der Definition in Kapitel 2.2. kollektiv geteilte Stereotype sind und keine individuellen Vorstellungen der interviewten Personen.

5. Interviewergebnisse

Das folgende Kapitel widmet sich der deskriptiven Darstellung der durchgeführten sprachbiographischen Interviews. Hierbei richtet sich der Fokus auf dem beschriebenen Dialektkonzept Sächsisch durch die Gewährspersonen. Anschließend wird wiedergegeben, welche Begründungsansätze und Ursachen die Gewährspersonen selbst für ihre Dialektbewertung des Sächsischen angeben, um diese im späteren Verlauf dieser Arbeit in Relation zu den Hypothesen zu Prestige und Stigma von Dialekten setzen zu können.

5.1. Katharina

Die Gewährsperson Katharina ist 24 Jahre alt und ist in der Stadt Lüneburg in Niedersachsen geboren und aufgewachsen. Nach Abschluss ihres Abiturs zog sie 2014 nach Kiel, um ein Studium zu beginnen. Ihre eigene Muttersprache bezeichnet sie als „absolutes Hochdeutsch“ (317 ) ohne dialektale Einflüsse, obwohl sie anmerkt, dass ihr Umzug nach Kiel sie sprachlich dem Niederdeutschen nähergebracht habe, sodass sie seitdem vereinzelt Wörter und Redewendungen verwende, die sie früher nicht benutzt habe. Innerhalb ihres kommunikativen Netzwerkes spreche sie nur Hochdeutsch, lediglich ihr Großvater führe mit ihr Gespräche im niederdeutschen Dialekt, wobei Katharina ihm aufgrund mangelnder Dialektkompetenz auf Hochdeutsch antworte. Katharina steht in einem positiven Verhältnis zu der Gewährsperson Torsten, da diese als ehemaliges Paar lange Zeit zusammengewohnt haben. Torstens Dialekt bezeichnet sie als Sächsisch, da ihr Erzgebirgisch, bevor Torsten ihr davon erzählt hat, als Dialektbezeichnung unbekannt gewesen sei und sie seine Sprechweise als Sächsisch wahrnehme und kategorisiere. Auf die Frage nach dem Inhalt ihres Dialektkonzepts Sächsisch gibt Katharina ausführliche Antworten. Zuerst weist sie darauf hin, dass sie direkt an eine männliche Person denken müsse, welche diesen Dialekt spreche. Bezogen auf die Attraktivität eines Mannes beschreibt sie den Dialekt als „absolut unsexy“ (131) und gibt an, dass Sächsisch für sie „unästhetisch“ (134) und ein „bisschen schwul“ (135) klinge. Auch verbindet sie Sächsisch mit mangelnder Intelligenz: „Eher so ein bisschen unintelligente Menschen. Also Sächsisch ist unintelligent. Der Sprecher ist es. Also ist unintelligent.“ (145 - 147). Lachend fügt sie dieser Aussage die Bezeichnung „hohlbratzig“ (150) im Sinne von dumm und mit einem beschränkten Horizont hinzu. Im späteren Verlauf des Interviews ergänzt die Gewährsperson, dass sich ungebildet auch darauf beziehe, wenn ein Dialektsprecher keine hochdeutsche Sprachkompetenz habe und aus diesem Grund nur in seinem Dialekt kommunizieren könne. Gleichzeitig spricht sie dem Dialekt die Eigenschaft zu, witzig zu sein, da es nicht wie „richtiges Deutsch“ (166 - 167) klinge. Aus diesem Grund habe sie Torsten nie richtig ernst nehmen können, wenn er im Dialekt gesprochen habe. Darüber hinaus gibt sie zu, dass sie von Personen, die Sächsisch sprechen, ein vorgefertigtes Bild in ihrem Kopf habe: „Leute die Sächsisch sprechen, haben in meinem Kopf alle knallbunt gefärbte Haare. Viele Piercings. Hosen, die so tief sitzen, dass der Tanga rausguckt und sowas (176 - 180).“ Sie erklärt diese Vorstellung damit, dass Dialektsprecher des Sächsischen nach dem Mauerfall 1989 in der Zeit stehengeblieben seien und sich nicht weiterentwickelt hätten. Im weiteren Interviewverlauf bezieht sich die Gewährsperson erneut auf die ehemalige innerdeutsche Teilung, indem sie folgende Aussage trifft: „Sächsisch spricht einfach der Ossi“ (208). Katharina erklärt in diesem Teil des Interviews, dass sie Sächsisch mental direkt mit der Teilung Ost- und Westdeutschlands und dem anschließenden Mauerfaul verbinde, obwohl sie die damalige Zeit nicht selbst miterlebt habe. Ferner nennt sie bezogen auf Sächsisch eine politische Assoziation, indem sie angibt, dass sie bei dem Dialekt direkt an eine rechte politische Gesinnung des Sprechers und die rechtspopulistische Partei Alternative für Deutschland, abgekürzt als AfD, denken müsse.

Ihre Einstellungen gegenüber Dialekten beschreibt sie als grundsätzlich positiv, lediglich Sächsisch und Schwäbisch stehe sie ablehnend gegenüber, wobei Sächsisch für sie eindeutig der Dialekt mit der stärksten persönlichen Negativbewertung darstelle. Bei der Frage nach der Begründung für die negative Einstellungen gegenüber Sächsisch gibt die Gewährsperson an, dass sie dabei primär die außersprachliche mentale Repräsentation eines Dialektsprechers bewerte: „Mein Bild der Leute die Sächsisch sprechen, das ist einfach kein gutes Bild. Deswegen mag ich Sächsisch nicht. Wegen der Leute, das Bild in meinem Kopf. Eigentlich ist Sächsisch ja auch nicht schlimmer als andere Dialekte“ (233 - 238). Als eine weitere Begründung für ihre Negativbewertung nennt sie den Sachverhalt, dass sie den Dialekt nicht verstehe. Sie beschreibt die erste Begegnung mit Torstens Vater, der nur im Dialekt sprechen könne, bei der sie geweint habe, da sie nicht in der Lage war, ihn zu verstehen und sie diese Situation als sehr unangenehm und peinlich empfunden habe.

Die Einstellung von Torsten und anderen sächsischen Dialektsprechern gegenüber ihrem eigenen Dialekt schätzt Katharina als deutlich positiver ein. Sie glaubt nicht, dass deren Dialektkonzept Sächsisch das von ihr geschilderte negative Bild eines Sprechers enthalte. Sie nimmt an, dass der Dialekt für seine Sprecher eine identifikationsstiftende Funktion hat und Heimatverbundenheit ausdrücke. Diese Verbindung zwischen Heimat und Dialekt sieht Katharina besonders deutlich bei Torsten, da Torsten stolz auf seine Herkunft sei und mit „typisch sächsischen Dingen“ (310) wie Flaschenbier in halben Litern und das Weihnachtsgericht Neinerlaa vor seinen Freunden in Kiel prahle. Deshalb nimmt Katharina an, dass Torsten sich sowohl durch die Kultur seiner Heimatregion als auch mit dem dazugehörigen Dialekt identifizieren könne und dass er seinen Dialekt als Teil seiner Persönlichkeit betrachte. Diese Annahmen übertragt sie anschließend auch auf andere Dialektsprecher desselben Sprachraumes und sieht die positiven Eigenbewertungen dadurch begründet.

Katharinas mentales Bild eines typischen sächsischen Dialektsprechers habe sich durch ihren persönlichen Kontakt mit Torsten nicht verändert. Dass Torsten laut eigener

Aussage das komplette Gegenteil verkörpere und auch seine Familie ihren Vorstellungen nicht entspreche, habe ihr lediglich gezeigt, dass es auch Ausnahmen gebe.

5.2. Kian

Kian ist 27 Jahre alt, gebürtiger Kieler und hat seinen Wohnort bis heute nicht über einen längeren Zeitraum verlassen. Seine Muttersprache bezeichnet er als Hochdeutsch, „vielleicht auch ein bisschen Norddeutsch, aber so richtig Dialekt würde ich das nicht nennen“ (29 - 30). Inmitten seines kommunikativen Netzwerkes spricht die Gewährsperson ausschließlich Hochdeutsch. Da Torsten seit vielen Jahren der beste Freund Kians ist, haben die beiden interviewten Personen ein positives Verhältnis zueinander. Torstens Dialekt bezeichnet Kian als Sächsisch, obwohl er anmerkt, dass es innerhalb des Sprachraums mehr als einen sächsischen Dialekt gebe. Da er deren Bezeichnungen und Merkmale jedoch nicht kenne und es sich für ihn alles identisch anhöre, kategorisiert er es als Sächsisch. Erzgebirgisch sei der Gewährsperson vor der Freundschaft mit Torsten gänzlich unbekannt gewesen. Kians Dialektkonzept Sächsisch beinhalte einen ungebildeten Dialektsprecher beziehungsweise einen geringen Bildungsgrad der Person. Überdies spricht die Gewährsperson Sächsisch die Eigenschaft zu, witzig zu sein. Kian erzählt, dass er teilweise aber auch aus Scham und Unwohlsein lache, wenn er jemanden Sächsisch sprechen höre, weil er den Sprecher nicht verstehen könne. Ferner verbände er Sächsisch mit einer politisch rechts-orientierten Meinung: „Leute, die so sprechen, wählen rechts. Natürlich nicht alle, aber daran denk ich direkt. Sachsen ist ja auch schon die Hochburg der AfD“ (128 - 132). Auch weist sein Dialektkonzept Sächsisch historische Bezüge auf, indem er die Assoziationen „Ossi“ (138), „DDR-Identität“ (144) und „Wende“ (149) äußert, welche bei ihm entstehen, sobald er jemand Sächsisch sprechen höre. Die Gewährsperson zitiert in diesem Zusammenhang die beiden Sätze „Wir hatten ja nichts“ (146) und „Früher war alles besser“ (147), welche sich auf die konstanten Überzeugungen vieler westdeutscher Bürger beziehen, dass in der DDR ewige Mangelwirtschaft geherrscht habe und viele Bürger aus dem Osten Deutschlands bis heute der innerdeutschen Grenze hinterhertrauern würden.

Bei der Frage nach seinen Spracheinstellungen gegenüber Dialekten gibt er an, dass er Dialekten grundsätzlich positiv gegenüberstehe, jedoch auch einige Dialekte nicht möge.

Als ihm unbeliebte Dialekte zählt er Sächsisch, Bairisch und Kölsch auf, wobei er Sächsisch am wenigsten Sympathiepunkte entgegenbringt. Neben der direkten Verbindung der Sprache mit der mentalen Repräsentation seines typischen Sprechers, welcher Kian unsympathisch ist, nennt die Gewährsperson auch andere Gründe für die negative Dialektbewertung. Sächsisch erfülle schlichtweg nicht sein Bedürfnis nach sprachlicher Korrektheit hinsichtlich der Abweichung der Aussprache von der Schriftform: „Auf Sächsisch ist es zum Beispiel nicht Tiger, sondern die sagen Discher, wobei das i eher ein ü ist. Das h ört sich für mich dann eher an wie Tücher“ (189 - 191). Sächsisch ist bei Kian folglich auch deshalb unbeliebt, weil es durch seine assoziierten sprachlichen Merkmale beispielsweise im Bereich der Phonologie dem Hochdeutschen zu unähnlich und damit inkorrekt sei. Sächsisch ist für die Gewährsperson bezogen auf die sprachliche Korrekt „kein richtiges Deutsch“ (187). Dass er Sächsisch nicht vollständig verstehe, da er selbst keinen Dialekt spreche, ist die zweite Begründung für die negative Bewertung des Sächsischen. Kian gibt an, dass er deutsche Dialekte mögen würde, aber nur, wenn er diese auch verstehen könne. Er erklärt, dass „wenn Dialekte so weit weg von normalen Deutsch sind, dass man das im Fernsehen untertiteln muss, damit man das versteht“ (195 - 197) löse das eine ablehnende Haltung bei ihm aus. Das Verständnis sei bei anderen Dialekten, beispielsweise Hamburgisch und Berlinerisch, die er positiv bewerte, nicht problematisch. Natürlich könne er sich ins Sächsische reinhören, wenn er sich konzentriere, „es ist ja schon noch Deutsch“ (210), aber das nicht direkte Verständnis führt er als Ursache für seine negative Einstellung gegenüber dem sächsischen Dialekt ein.

Hinsichtlich der Selbstbewertungen vermutet Kian, dass diese deutlich positiver ausfallen würden als die Fremdbewertungen. Wenn Sprecher mit einem Dialekt aufwachsen, sodass Kommunikation im Dialekt für die Personen eine Selbstverständlichkeit darstelle, erachtet es die Gewährsperson als nicht möglich, dass die Sprecher ihrem eigenen Dialekt ablehnend gegenüberstehen. Er hält es für ausgeschlossen, dass der Dialekt bei seinen eigenen Sprechern auch das Bild eines „ungebildeten Ossis, der die AfD wählt“ (232 - 234) hervorrufe. Wahrscheinlich habe der Dialekt für seine Sprecher eine durchweg positive Bedeutung, da er sie mit ihrer Heimat sowie sämtlichen Erlebnissen seiner Kindheit und Jugend verbinde. Wenn das gesamte Umfeld inklusive Freunde und Familie denselben Dialekt spräche, sei eine Ablehnung der Sprache eher unwahrscheinlich.

Obwohl der persönliche Kontakt mit Torsten der Gewährsperson gezeigt habe, dass seine Vorstellungen eines Sprechers innerhalb seines Konzept Sächsisch nicht mit seinen eigenen Lebenserfahrungen decken, gibt er an, dass sich diese Überzeugungen nicht dadurch verändert hätten. Trotz seines positiven Verhältnisses zu Torsten könne er sich nicht von den Assoziationen lösen, die der Dialekt in ihm hervorrufe.

5.3. Nora

Die Gewährsperson Nora ist 24 Jahre alt und in Lüneburg in Niedersachsen geboren. Bis zu ihrem Schulabschluss lebte sie in Lüneburg und zog im Jahr 2014 nach Kiel, um Soziale Arbeit zu studieren. Ihre Muttersprache bezeichnet sie als „reines Hochdeutsch“ (33) und gibt an, dass sie mit allen Personen aus ihren kommunikativen Netzwerken ausschließlich Hochdeutsch spreche. Nora ist die einzige Gewährsperson, welche beide Sprecher aus dem sächsischen Sprachraum persönlich kennt. Torsten kennt sie, da er der ehemalige Partner ihrer guten Freundin Katharina ist, eher flüchtig. Zu Sten pflegt sie eine intensivere Beziehung, da er ihr Schwager ist. Auf die Frage, welchen Dialekt Sten und Torsten denn sprechen, antwortet sie: „Beide sächseln. Naja, also Sächsisch. Kommen ja beide aus Sachsen“ (74 - 75). Die Bezeichnung Erzgebirgisch sei Nora unbekannt, sie habe deren Dialekt beim Hören als Sächsisch kategorisiert: „Sächsisch erkenn ich, wenn das jemand spricht. Aber genauer weiß ich das dann nicht“ (112 - 114).

Sobald Nora ihr Dialektkonzept Sächsisch aufruft, gibt sie an, dass Sächsisch für sie ein witziger Dialekt sei, den sie nicht ernst nehmen könne. Auch sagt sie, dass sie automatisch an „eher ungebildete Leute“ (136 - 137) denken müsse, sobald sie den Dialekt höre. Im Gegensatz dazu verknüpfe sie Bairisch mit besonders gebildeten Personen, obwohl sie persönlich keine Person kenne, die Bairisch spricht und auf die die Eigenschaftszuschreibung ihres Wissens nach zutreffe. Anschließend erklärt Nora, dass sie Sächsisch, wenn sie den Dialekt höre oder auch nur daran denke, direkt mit „den typischen Ossis“ (158) verbinde. Um ihre mentale Repräsentation für die Interviewerin greifbar zu machen, beschreibt sie „den typischen Ossi“ (158) optisch als eine Person mit der Frisur Vokuhila, die modisch weit hinter den aktuellen Trends zurückgeblieben sei und sich seit der 1990er Jahre nicht weiterentwickelt habe. Dem fügt die Gewährsperson hinzu, dass sie mit Sächsisch auch die DDR verknüpfe, welche ihrer Auffassung nach weniger weit entwickelt gewesen sei als die Bundesrepublik Deutschland. Auch beschreibt Nora, dass sie Sächsisch beziehungsweise den Sprecher mit einer spezifischen politischen Überzeugung verbinde: „Wählt die AfD, also da verbind ich Sächsisch auch damit. Mit einer gewissen politischen Überzeugung“ (170 - 171). Sie erklärt, dass ihr natürlich bewusst sei, dass nicht jeder sächsische Dialektsprecher mit der AfD sympathisiere, aber dass eine direkte Verknüpfung des Dialektes mit einer rechtspopulistischen Ideologie in ihrem Kopf verankert sei.

Bezüglich ihrer eigenen Spracheinstellungen sagt Nora, dass die Dialekte mögen würde, besonders sympathisch seien ihr „Plattdeutsch und Norddeutsch, dieser norddeutsche Slang“ (196 - 198). Norddeutsch möge sie gern, da sie es mit „einer Lockerheit, mit einem alten Seemann“ (205 - 206) verbinde, sodass sie es ebenfalls als sympathisch bewertet. Als einen ihr unbeliebten Dialekt nennt sie das Sächsische, weitere Dialekt seien ihr nicht präsent.

Abgesehen von dem Sprecherbild, welches Sächsisch bei der Gewährsperson hervorruft, und „definitiv nicht gut“ (214) ist, liefert Nora noch eine zusätzliche Begründung für ihre Ablehnung des sächsischen Dialekts. Die Tatsache, dass Nora Sächsisch aufgrund der sprachlichen Distanz zum Hochdeutschen nicht vollständig verstehe, ist für sie eine weitere Ursache für ihre negative Beurteilung, da sie sich dadurch verunsichert und ausgegrenzt fühle.

Angesprochen auf die Selbstwahrnehmung sächsischer Dialektsprecher ist Nora der Überzeugung, dass diese Sächsisch mögen würden und positiv bewerten, sich gleichzeitig auch über die allgemeine deutschlandweite Ablehnung bewusst seien. Sie könne daher gut nachvollziehen, dass weder Sten noch Torsten ihren Dialekt in Kiel aktiv nutzen würden, sondern ihren Dialekt bewusst abgelegt hätten:

„Die beiden wissen glaub ich ganz genau, dass Sächsisch niemand mag. Ich würde das genauso machen. Also lieber Hochdeutsch sprechen als immer erstmal für dumm und so gehalten zu werden. Das ist ja nunmal drin in den meisten Köpfen. Ist total gemein, aber das ist der typische Sachse“ (247 - 254).

Bei Dialektsprechern, insbesondere bei denjenigen, die wie Torsten und Sten ihren ursprünglichen Sprachraum verlassen haben, nimmt die Gewährsperson an, dass die Positivbewertung auf der Funktion des Dialektes basiere. Dialekt sei ein Ausdrucksmittel von Identifikation und Ortszugehörigkeit, gleichzeitig löse es ein positives Gemeinschafts- und Zusammengehörigkeitsgefühl aus, wenn andere Personen die gleiche Sprache sprechen.

Der persönliche Kontakt mit Sten und Torsten, die laut Nora von ihrer Beschreibung eines charakteristischen Sprechers abweichen, hätten die Vorstellungen innerhalb ihres mentalen Konzepts nicht verändert: „Ja, da sind die beiden eine Ausnahme, aber das Bild ist unverändert“ (282 - 284).

5.4. Torsten

Der Interviewpartner Torsten ist im Jahr 1989 geboren und wuchs in Grünhain im Bundesland Sachsen auf. Er bezeichnet seine Muttersprache als Deutsch mit einem sächsischen8 Dialekt, welchen er bis zu seinem Umzug nach Kiel im Jahre 2009 ausnahmslos gesprochen habe, da alle Personen aus seinen heimatlichen kommunikativen Netzwerken ebenfalls aus dem sächsischen Sprachraum stammen würden und den gleichen Dialekt sprächen. Seine allgemeine Einstellung gegenüber Dialekten beschreibt er als positiv und er gibt an, dass er seinen eigenen Dialekt sehr gerne möge. Torsten sagt, dass er den Dialekt gerne spräche, weil es einen Teil seiner Identität darstelle und er damit seine Heimat, Familie, Freunde und positive Erlebnisse aus seiner Vergangenheit verbinde. Dem fügt er hinzu, dass er in seinem Bekanntenkreis auch keine Person kenne, die ihren eigenen Dialekt ablehne. Vielmehr seien seiner Auffassung nach viele Sprecher stolz auf ihre Dialektkompetenz, da es etwas Besonderes sei.

Die negative Einstellung vieler Menschen gegenüber Sächsisch war der Gewährsperson zwar bewusst, wurde für ihn selbst aber erst durch den Sprachraumwechsel präsent, sodass er vermutet, dass sich Dialektsprecher in ihrer Heimatregion eher weniger damit befassen würden, da der Dialekt als Teil der Kultur unbefangen den sprachlichen Alltag darstelle. Laut Torsten existiere außerhalb seines Sprachraumes eine „Schublade Sächsisch“ (594), welche nicht sonderlich einladend aussehe, sodass er seinen Dialekt nach seinem Sprachraumwechsel bewusst abgelegt habe. Über die „Schublade Sächsisch“ (594) vermutet er, dass Sächsisch oftmals mit Dummheit und mangelnder Intelligenz in Hinsicht auf die Dialektsprecher in Verbindung gebracht werde. Zudem glaubt Torsten, dass Sächsisch auch heutzutage noch oft mit der DDR in Verbindung gebracht werde. Da das politische System der DDR in unserer Gesellschaft sehr negativ bewertet werde, übertrage sich die Bewertung auf den sächsischen Dialekt. Laut der Gewährsperson werden Sprecher und Sprache oftmals gleichgestellt, sodass er sich vorstellen könne, dass Sächsisch oftmals mit einer politisch rechten Wählerschaft in Zusammenhang gesetzt werde. Er sagt von sich selbst, dass er bei der Bewertung seines Dialektes keine direkte Assoziation mit einem spezifischen Bild eines Sprechers habe. Bezüglich der Beständigkeit seiner eigenen Dialektbewertung erläutert Torsten, dass der Sprachraumwechsel darauf keinen negativen Einfluss genommen habe. Ihm sei die Abneigung vieler Menschen gegenüber seinem Dialekt durch den neuen Wohnort greifbarer, gleichzeitig identifiziere er sich seitdem durch den Dialekt auch stärker mit seiner Heimat.

5.5. Sten

Sten ist zum Zeitpunkt des Interviews 30 Jahre alt und ist in der Kleinstadt Aue in Sachsen geboren. Bis zu seinem Umzug nach Kiel zu Studienzwecken im Jahr 2009 hat er in seinem Geburtsort gelebt. Ein paar Jahre nach Abschluss seines Studiums hat Sten sich beruflich selbstständig gemacht und lebt bis heute in Kiel. Seine Muttersprache bezeichnet Sten als Deutsch mit einem sächsischen Dialekt beziehungsweise einer regionalen Färbung. Innerhalb seiner kommunikativen Netzwerke in Sachsen habe Sten immer im Dialekt kommuniziert und spreche seinen Dialekt auch wieder, sobald er sich in seiner Heimat aufhalte. Im norddeutschen Sprachraum wiederum habe er seinen Dialekt bewusst abgelegt. Die Begründung der Gewährsperson für die bewusste Dialektvermeidung in Kiel ist vielschichtig. Einerseits würden norddeutsche Sprecher den Dialekt nicht verstehen, andererseits wisse er um die generelle Ablehnung des Sächsischen. Dass viele Menschen Stens Auffassung nach Sächsisch als witzig empfänden und daher nicht ernst nehmen, hindere ihn zusätzlich daran den Dialekt beruflich zu nutzen. Da er im sozialen Bereich arbeite und Sprache und Kommunikation essenziell für seine Arbeit seien, könne er es sich schlichtweg nicht leisten, dass er aufgrund seiner Sprache abgelehnt werde oder diese dafür sorge, dass man ihn als Person nicht ernst nehme. Sten selbst mag seinen eigenen Dialekt und ist stolz darauf, dass er neben Hochdeutsch auch eine Dialektkompetenz vorweisen könne. Zudem sagt Sten, dass er die „eigenen Wörter, die wir für manche Dinge haben“ (154) gern möge, verglichen mit der Kreativität von Dialekten sei Hochdeutsch langweilig. Ferner könne er sich mit seinem Dialekt identifizieren und spricht von einer Heimatverbundenheit durch seinen Dialekt. Er schätze seine Heimatregion und verbinde seine eigene Vergangenheit mit Sächsisch, da er bis zu seinem Sprachraumwechsel täglich im Dialekt gesprochen habe.

Sten weiß, dass Personen, die außerhalb des sächsischen Sprachraumes leben, Sächsisch überwiegend nicht mögen und ist sich sicher, dass diese Ablehnung wenig mit der Sprache selbst zu tun habe. Er nimmt an, dass der Dialekt mit einem Bild eines Dialektsprechers assoziiert werde, welches medial verbreitet wurde, und deshalb unter enormer Ablehnung leide. Dieser Dialektsprecher sei ausländerfeindlich, politisch rechts orientiert und wähle die AfD. Ständige Berichterstattungen, welche beispielsweise einen Teilnehmer einer Demonstration der Vereinigung Pegida, kurz für Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes, zeigen, der seine Überzeugungen in einem sächsischen Dialekt kundtue, seien verantwortlich für die Ablehnung der Sprache und auch der Sprecher. Denn Sten ist nicht der Auffassung, dass bei der Bewertung seines Dialektes zwischen Sprache und Sprecher unterschieden werde. Diese vermutete Verknüpfung von Sächsisch und einer abgelehnten politischen Gesinnung begründet er durch eine persönliche Erfahrung aus seiner Studienzeit. Da seine damalige Kompetenz des Hochdeutschen nicht einwandfrei gewesen sei, hörten einige seiner Kommilitonen, dass er aufgrund seiner Sprache aus dem Osten Deutschlands kommen müsse. Daraufhin hätten sie ihn zu seiner politischen Einstellung befragt, da seine Sprache als Zeichen seiner vermeintlichen Herkunft bereits ausgereicht habe, um ein vorgefertigtes Sprecherbild zu aktivieren. In diesem Zusammenhang erfuhr die Gewährsperson auch von der Überzeugung, dass sein Dialekt auch mit einer grundsätzlichen Bildungsschwäche ostdeutscher Bundesländer assoziiert werde. Darüber hinaus vermutet die Gewährsperson, dass Sächsisch bundesweit auch heutzutage noch die Sprache der

[...]


1 Zu einer ausführlichen Darstellung und Diskussion der methodischen Mängel von Umfragen in Bezug auf die Beliebtheit und Unbeliebtheit von Dialekten siehe Hundt (2011).

2 Aus dialektologischer Sicht existiert nicht der eine sächsische Dialekt, welcher beispielsweise in Umfra gen als unbeliebt bewertet wird. Vielmehr existieren im sächsischen Sprachraum eine Vielzahl von Dialekten (vgl. Anders 2007: 174 - 175). Da diese Arbeit jedoch explizit das Dialektkonzept Sächsisch von linguistischen Laien untersucht, welches in Umfragen negativ bewertet wird, ist eine spezifische Unterteilung der verschiedenen Dialekte nicht zweckmäßig.

3 Im Rahmen der Untersuchung bestand die Sprechergruppe aus dem norddeutschen Raum ursprünglich aus vier Gewährspersonen, welche interviewt wurden. Die Ergebnisse des Interviews mit der Gewährsperson Enni wurden aufgrund eines methodischen Fehlers bei der Auswahl des Probanden innerhalb dieser Arbeit nicht berücksichtigt. Im Kapitel 4.2. wird die Problematik ausführlich erklärt.

4 Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit wird in der vorliegenden Bachelorarbeit die gewohnte männliche Sprachform bei personenbezogenen Substantiven und Pronomen verwendet. Dies impliziert jedoch keine Benachteiligung anderer Geschlechter, sondern soll im Sinne der sprachlichen Vereinfachung als geschlechtsneutral zu verstehen sein.

5 Die frühe Stereotypenforschung definierte das Konzept beispielsweise als „inkorrekte Generalisierung“ oder als „Produkte eines fehlerhaften Denkprozesses“ (Brigham 1971: 17 - 19 und Ashmore und Del Boca 1981: 12 - 16).

6 Das erste sprachbiographische Interview mit der Gewährsperson Torsten untersuchte die Auswertung der negativen Fremdbewertungen des Dialektes auf seine Sprachnutzung beziehungsweise Sprachvermeidung im norddeutschen Sprachraum.

7 Die angegebenen Referenzen beziehen sich auf die Segmentnummern der jeweiligen Transkription des Interviews, welche im Anhang dieser Arbeit zu finden sind.

8 Beide interviewten Dialektsprecher weisen im Verlauf der Interviews darauf hin, dass es nicht den einen sächsischen Dialekt gebe, sondern dass im sächsischen Sprachraum verschiedene Dialekte existieren, die viele Gemeinsamkeiten aufweisen und von Sprechern aus anderen Regionen Deutschlands nicht differenziert werden können. Die korrekte Bezeichnung ihres Dialektes sei demnach Erzgebirgisch und ist einer von vielen sächsischen Dialekten, die gemeinhin durch linguistische Laien der Kategorie Sächsisch zugeordnet werden. Beide Probanden fühlen sich jedoch der Sprechergruppe Sächsisch zugehörig, wenngleich ihre Sprechweise vom typischen Sächsisch, welche sie nach Leipzig und Dresden verorten, in einigen Merkmalen abweiche.

Ende der Leseprobe aus 105 Seiten

Details

Titel
Stereotyp "Sächsisch". Untersuchung anhand sprachbiografischer Interviews mit Sprechern aus dem sächsischen und norddeutschen Sprachraum
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
105
Katalognummer
V957026
ISBN (eBook)
9783346320247
ISBN (Buch)
9783346320254
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dialekt, Sächsisch, Stereotyp, Mundart, Sprachbiographie, sprachbiographisches Interview
Arbeit zitieren
Lisa Graap (Autor), 2020, Stereotyp "Sächsisch". Untersuchung anhand sprachbiografischer Interviews mit Sprechern aus dem sächsischen und norddeutschen Sprachraum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/957026

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