Entwicklung einer positiven Beziehung zu Pflegekindern. Einflussfaktoren seitens der Pflegeeltern


Hausarbeit, 2018

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Aktuelle Lage und Forschungssituation
1.1 Das Pflegekinderwesen in Deutschland
1.2 Bindungsentwicklung bei Pflegekindern
1.2.1 Pflegekinder als besondere Risikogruppe
1.2.2 Die Wichtigkeit einer sicheren Bindung für Pflegekinder
1.3 Aktuelle Studien zur Bindungsentwicklung bei Pflegekindern
1.4 Die Studie „Bindungsentwicklung und psychosoziale Anpassung bei Pflegekindern“
1.4.1 Beschreibung der Studie
1.4.2 Allgemeine Ergebnisse der Studie

2. Einflussfaktoren auf Seiten der Pflegeeltern
2.1 Eigene Bindungsrepräsentation und selbst erlebte Traumata
2.2 Elterliche Feinfühligkeit und Unterstützungsverhalten
2.3 Erziehungsstile
2.4 Emotionale Verfügbarkeit
2.5 Vorerfahrungen mit Pflegekindern
2.6 Stresserleben der Pflegeeltern

3. Ein Fallbeispiel

Fazit

Literaturliste

Einleitung

„Mutter“, sagte Rasmus leise vor sich hin, wie zur Probe. „Mutter!“ Oh, wenn das nun heute doch sein Wundertag würde! Dann würde diese schöne Dame begreifen, dass keiner, keiner auf ganz Västerhaga besser geeignet war, ihr Kind zu werden, als gerade er. Dann würde sie sagen, sowie sie ihn erblickte: „Nein, sieh mal einer an, hier haben wir ja genau so einen Jungen mit glattem Haar, wie wir ihn so gern haben wollten!“ (Lindgren 2008, S. 24).

Was Astrid Lindgrens bekannter Kinderromanheld mit kindlich-unbedarften Worten ausdrückt, ist die tiefste Sehnsucht vieler Kinder, die ohne elterliche Liebe und eine sichere Bindung an eine fürsorgende Bezugsperson aufwachsen. Nach der Bindungstheorie von John Bowlby, auf der die aktuelle Bindungsforschung aufbaut, ist ein Neugeborenes bereits genetisch vorprogrammiert im ersten Lebensjahr eine Bindung an wenige Personen zu entwickeln, die ihn schützen und versorgen. Fehlt eine solche Bezugsperson oder wird die Bindung zu ihr abgerissen, so hat das negative Auswirkungen auf die gesamte Entwicklung.

Lindgrens Geschichte nimmt ein gutes Ende: Rasmus findet in dem Landstreicher Oskar und dessen Frau neue Eltern. Doch im wahren Leben ist das Zustandekommen einer Pflegeeltern-Pflegekind-Konstellation nicht das glückliche Ende einer langen Suche, sondern der Anfang einer oft sehr schwierigen und komplizierten Beziehungsarbeit. Gerade wenn das Pflegeverhältnis auf Dauer angelegt ist, ist der Aufbau einer sicheren Bindung des Pflegekindes an die neuen Eltern das ideale Ziel. Doch was können Pflegeeltern praktisch dazu beitragen, damit diese Bindung entsteht, gerade dann, wenn das Kind bereits vorbelastet ist durch Missbrauchs- und Vernachlässigungserfahrungen oder häufige Bindungsabbrüche?

Dieser Frage soll in der vorliegenden Arbeit nachgegangen werden. Im ersten Kapitel wird das Pflegekinderwesen und die aktuelle Forschungslage in Deutschland, sowie die dieser Arbeit zugrunde liegende Studie vorgestellt. Im zweiten Kapitel werden die Faktoren beschrieben, die seitens der Pflegeeltern für die Bindungsentwicklung der Pflegekinder von Bedeutung sind. Im dritten Kapitel wird ein aktuelles Fallbeispiel, dem ein persönliches Interview zugrunde liegt, beschrieben und daraufhin ein Fazit aus der gesamten Untersuchung gezogen.

1. Aktuelle Lage und Forschungssituation

1.1 Das Pflegekinderwesen in Deutschland

Das Pflegekinderwesen hat in Deutschland in den letzten 100 Jahren einen bedeutenden Wandel erlebt. Galten früher Kinder, die nicht in ihrer Herkunftsfamilie aufwuchsen, als Ausgestoßene und gehörten zu den Verachteten, so entwickelte sich zunehmend das Verständnis für deren Schutzbedürftigkeit, erstmals gesetzlich festgehalten im Reichsjugendwohlfahrtsgesetz von 1922. Im Zuge des Kampfes um Chancengleichheit Ende der 1960-er fand auch in der Sozialpolitik ein Kurswechsel statt. Heimerziehung galt nicht mehr als zeitgemäß, sondern Kinder sollten viel mehr in Familien untergebracht werden. Dadurch gewann die Pflegefamilie an Bedeutung und es kamen Fachdienste hinzu, die sich darauf spezialisierten. Anfang der 1990-er wurde das gesamte Hilfesystem neu organisiert, infolgedessen sich das Pflegekinderwesen professionalisierte und von einer ehrenamtlichen zu einer professionellen Betreuung hin wandelte. (Nowacki & Remiorz, 2018, S. 14-16).

Heute ist für die Unterbringung in Pflegefamilien §33 des SGB VIII „Vollzeitpflege“ grundlegend. Zur Unterbringung in einer Vollzeitpflegefamilie kann die Inobhutnahme durch das örtliche Jugendamt nach § 42 SGB VIII führen, oder auch ein direkter Antrag der leiblichen Eltern.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Inobhutnahmen in Deutschland. Quelle: Statistisches Bundesamt.

Die Anzahl der Inobhutnahmen in Deutschland ist seit 1995 kontinuierlich gestiegen und hat 2015 einen deutlichen Anstieg fast um das Doppelte genommen (Abb. 1), was unter anderem an den unbegleiteten Minderjährigen liegt, die mit dem großen Flüchtlingsstrom nach Deutschland gekommen sind. (Nowacki & Remiorz, 2018, S. 16).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Art der Fremdunterbringung. Quelle: Nowacki § Remiorz, 2018, S. 21-22.

Trotz der höheren Bedeutung, die man dabei auf Unterbringung in Pflegefamilien legt, ist die Zahl der Unterbringung in Heimen immer noch insgesamt höher, als in Pflegefamilien, was u.a. dadurch bedingt ist, dass Kinder ab 12 Jahren nur noch äußerst schwer in Pflegefamilien untergebracht werden können. (Abb.2)

1.2 Bindungsentwicklung bei Pflegekindern

1.2.1 Pflegekinder als besondere Risikogruppe

Die Gründe dafür, dass Pflegekinder eine erschwertes Bindungsverhalten aufweisen, ergeben sich aus ihrer meist problematischen Vorgeschichte. Die meisten haben negative Erfahrungen in ihren Herkunftsfamilien gemacht, sehr häufig durch physische und emotionale Vernachlässigung, in vielen Fällen auch durch körperliche Gewalt und Missbrauch. Zudem haben sie i.d.R. bereits mehrere Bindungen aufgebaut und wieder abbrechen müssen: in ihrer Herkunftsfamilie oder auch in einer oder mehreren Bereitschaftspflegefamilien. Dadurch entwickeln viele Misstrauen gegenüber neuen Bezugspersonen, welches die Entwicklung einer gesunden Bindung erschwert. In vielen Fällen haben sie bereits Verhaltensmuster entwickelt, die sie in der neuen Pflegefamilie austesten, was ein gutes Verhältnis erschweren kann. (Bowenschen et al, 2014).

Auch was die sonstige Entwicklung angeht, gelten Pflegekinder als besonders anfällige Gruppe unter Kindern und Jugendlichen. Zum einen weisen sie um 30-50% häufiger psychische Auffälligkeiten auf, zum anderen haben nach den Daten des Deutschen Jugendinstituts ca. 40% der Pflegekinder Entwicklungsrückstände im Bereich der Sprache und /oder allgemeinen Entwicklung, zwei Drittel der schulpflichtigen Pflegekinder haben Schulprobleme und es besteht eine vierfach erhöhte Quote der Sonderbeschulung. Sie weisen Defizite in der Bewältigung emotional belastender Situationen auf, was möglicherweise zu einer Schwächung des Immunsystems führt. (Bowenschen et al, 2014)

1.2.2 Die Wichtigkeit einer sicheren Bindung für Pflegekinder

Auf dem o.g. Hintergrund ist es für Pflegekinder besonders wichtig, gesunde Bindungen aufzubauen, weil positive Erfahrungen in der Pflegefamilie ihnen helfen können, die negativen Vorerfahrungen auszugleichen und sich trotzdem positiv zu entwickeln. Positive Auswirkungen einer sicheren Bindung sind im Einzelnen z.B. die positivere Herangehensweise an jeweilige Lebenssituationen, besser ausgebaute soziale Netzwerke, geringere Aggressivität, höhere Bereitschaft, soziale Unterstützung in Anspruch zu nehmen und bessere sozial-kognitive Kompetenzen. (Spangler & Zimmermann, 2004).

1.3 Aktuelle Studien zur Bindungsentwicklung bei Pflegekindern

Aufgrund dieses erhöhten Risikos ist eine Erforschung der Faktoren, die für eine positive Bindungsentwicklung bei Pflegekindern bedeutend sind, besonders interessant. Hierzu wurden diverse Studien in verschiedenen Ländern durchgeführt, bei denen auf Seiten des Pflegekindes hauptsächlich die Rollen untersucht wurden, die das Alter bei der Vermittlung, die traumatischen Vorerfahrungen (einschließlich Anzahl der Vorunterbringungen) und das Geschlecht spielten.

Neben den wichtigen Forschungen des amerikanischen Kinder- und Jugendpsychologen Charles Zeanah im Bereich des Pflegekinderwesens, sowie den Studien der niederländischen Forscher Mirjam Oosterman und Carlo Schuengel sind in Deutschland vor allem die Untersuchungen der „Forschungsgruppe Pflegekinder“ an der Universität Siegen von Bedeutung, deren qualitative Langzeitstudien wie z.B. „Rückkehrprozesse von Pflegekindern in ihre Herkunftsfamilie“ (2012-2014), „Positive Entwicklungen von Mädchen und Jungen trotz ungünstigen Starts“ (2013-2015), „Eine gute Entwicklung von Pflegekindern im Erwachsenenalter“ (2014-2016), „Modellprojekt Bereitschaftspflege“ (2014-2016), „Unerwartete Abbrüche von Pflegeverhältnissen im Kinder- und Jugendalter“ (2015-2016), „Vermeidung von Exklusionsprozessen in der Pflegekinderhilfe“ (2015-2017), „Pflegekinderhilfe und Migration“ (2016-2018) besonders interessant sind.

1.4 Die Studie „Bindungsentwicklung und psychosoziale Anpassung bei Pflegekindern“

Für die Fragestellung der vorliegenden Arbeit bedeutend ist die Studie der „Forschungsgruppe Pflegekinder“ der Universität Siegen in Kooperation mit der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg zum Thema „Bindungsentwicklung und psychosoziale Anpassung bei Pflegekindern“. (Siehe Bowenschen et.al 2014).

In einer Vorstudie von Bovenschen, Gabler et. al waren 3-8-jährige Pflegekinder beobachtet worden, die schon länger in Pflegefamilien leben. Diese Studie hatte jedoch einige Fragen offengelassen, denen in einer größer angelegten Studie nachgegangen werden sollte. Hierfür wurden 1,5 – 6-jährige Pflegekinder im ersten Jahr bei der Pflegefamilie untersucht.

1.4.1 Beschreibung der Studie

Unter der Projektleitung von Prof. Dr. Katja Nowacki führte das Team der Forschungsgruppe eine Studie mit Pflegekindern durch. Kooperationspartner war dabei die Universität Erlangen-Nürnberg unter der Leitung Prof. Dr. Spangler. Erhebung und Auswertung fanden 2010-2012 statt. Gefördert wurde das Projekt durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und aus dem Forschungsbudget der Fachhochschule Dortmund. Langfristiges Ziel der Studie war die Entwicklung eines Beratungsprogramms für Pflegeeltern, das helfen sollte, positive Beziehungen zwischen Pflegeeltern und –kindern zu fördern. Die Forschungsfrage lautete: „Welche Faktoren sind förderlich oder hinderlich für die Bindungsentwicklung und die psychosoziale Anpassung von Pflegekindern bis zum 6. Lebensjahr?“

Konkret untersuchte Fragestellungen waren die Veränderungen innerhalb des ersten Jahres in Bindungsverhalten, Beziehungsvorstellungen, Symptomen von Bindungsstörungen, Verhaltensproblemen, Entwicklungsstand und Stressregulation. Herausfinden wollte man die Faktoren, aufgrund derer sich diese Veränderungen ergaben.

Für die Erhebung wurden 3 „große“ Termine genutzt (zwei Hausbesuche und ein Besuch der Pflegefamilie bei der Forschungsgruppe an der Universität), der erste kurz nach der Vermittlung in die Pflegefamilie (bis zu 3 Monaten), der zweite 6 Monate und der dritte 12 Monate nach Vermittlung. Zusätzlich gab es zwei kleine Erhebungen in Form von Fragebögen, einmal 4-5 Monate nach der Vermittlung, und dann 9 Monate nach der Vermittlung. Für die neutrale Sicht von außen wurde jeweils eine zuständige Fachkraft mittels eines Fragebogens befragt.

Untersucht wurden 55 Pflegekinder (27 Jungen, 28 Mädchen), die bei Pflegebeginn zwischen 9 und 79 Monaten alt waren. Die Dauer des Pflegeverhältnisses bei Messzeitpunkt 1 betrug 16-154 Tage (im Mittel 78 Tage).

Die Hauptbezugspersonen in den Pflegefamilien waren in 47 Fällen die Pflegemütter, in 8 Fällen die Pflegeväter. Das Durchschnittsalter der Mütter betrug 40 Jahre, der Väter 44. 89% der Pflegeeltern waren verheiratet, in 73% der Pflegefamilien leben noch weitere (Pflege)-Kinder.

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Entwicklung einer positiven Beziehung zu Pflegekindern. Einflussfaktoren seitens der Pflegeeltern
Hochschule
Hochschule der Wirtschaft für Management
Veranstaltung
Theorien der Sozialen Arbeit
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
18
Katalognummer
V957029
ISBN (eBook)
9783346307729
ISBN (Buch)
9783346307736
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bindungsverhalten, Pflegekinder, Sozialpädagogik, psychosoziale Anpassung
Arbeit zitieren
Naemi Fast (Autor:in), 2018, Entwicklung einer positiven Beziehung zu Pflegekindern. Einflussfaktoren seitens der Pflegeeltern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/957029

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