Lessing G. E. - Nathan der Weise


Referat / Aufsatz (Schule), 1999
3 Seiten

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Gliederung:

A) Lessing als Standardlektüre in den Gymnasien

B) Ist eine Auseinandersetzung mit Lessings über 200 Jahre altem "Dramatischem Gedicht" Nathan der Weise sinnvoll oder Zeitverschwendung?
I. Fehlender Nutzen
1. Zu starke Epochenbezogenheit
a) Verwirklichung der Aufklärung
b) Propaganda
2. Wandel der religiösen Ansichten
a) Abnahme der Bedeutung der Religion
b) Größere religiöse Toleranz
c) Keine Glaubenskriege
3. Mangelnde Aktualität
a) Probleme mit der damaligen Sprache
b) Fehlender Bezug zur heutigen Zeit
c) Gegenwärtige Literatur als Ersatz II. Sinnvolle Beschäftigung
1. Wirkung auf den Leser
a) Erweiterung des "Wissenshorizonts"
b) Bewusstseinsänderung
2. Innere Botschaft
a) Aufforderung zur Missachtung von Rachegelüsten
b) Plädoyer für Toleranz und Humanität
3. Nathan als Vorbild
a) Der Mensch als Individuum
b) Beispiel für die Überwindung von Vorurteilen

C) Kann man einen magischen Ring kopieren?

Lessing schrieb "Nathan der Weise" in der Zeit der Aufklärung, um für Vernunft und Toleranz der Menschen zu plädieren. Inzwischen sind mehr als 200 Jahre vergangen und die politischen, religiösen und gesellschaftlichen Gefüge haben sich stark verändert. Dennoch ist dieses Werk in den Gymnasien immer noch Standardlektüre. Es stellt sich somit die Frage, ob die Beschäftigung mit Lessings Dramatischem Gedicht in unserer Zeit sinnvoll oder lediglich Zeitverschwendung ist. Zunächst einmal ist das Werk zu stark von Propaganda für die Aufklärung geprägt. Die Handlung soll verdeutlichen, dass in einer Welt, in der Vernunft regiert, paradiesische Zustände herrschen. Am Ende des Buches wird das deutlich, indem sich alle in den Armen liegen.

Hinzu kommt, dass die Ziele der Aufklä rung größtenteils erreicht wurden. Hauptziel war nämlich, "die Menschheit aus Verhältnissen zu befreien, die die Entfaltung des einzelnen einschränken". In den folgenden Revolutionen wurde für diese Ideale gekämpft. Einen Beleg für deren Umsetzung liefert das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, indem es in Artikel 2 jeder Person das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit zusichert.

Das Buch ist auch deswegen veraltet, weil sich die religiösen Ansichten der Menschen im Vergleich zu damals verändert haben. Zum einen ist die Toleranz der Weltreligionen untereinander gestiegen. Aus dem Vatikanischen Konzil geht hervor, "dass die menschliche Person das Recht auf religiöse Freiheit hat". Ebenso sagt das Grundgesetz in Artikel 4 aus, dass "die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses" unverletzlich ist. In "Nathan der Weise" werden jedoch die drei Weltreligionen als intolerant und unnachgiebig gezeichnet. Dass das sich geändert hat, zeigt auch der Besuch einer jüdischen Synagoge von Papst Johannes Paul II.

Darüber hinaus ist die Bedeutung der Religion im Alltagsleben stark zurückgegangen. Heute wird auf andere Sachen geachtet. War es vor 100 Jahren noch unbegreiflich, dass Menschen religionslos sind, sie wurden als Heiden tituliert und verachtet, so stört sich heute niemand mehr daran, wenn bei Religionszugehörigkeit konfessionslos steht. Das ist jedoch nicht einer gestiegenen Toleranz zuzurechnen, sondern eher Gleichgültigkeit.

Ebenso wie der Inhalt ist auch die Sprache veraltet. Die im Blankvers gehaltene gebundene Sprache stört den Lesefluss erheblich. Außerdem sind heute ungebräuchliche Wörter hinderlich, es gibt zwar in vielen Ausgaben Worterläuterungen, doch ständiges Nachschlagen erleichtert es auch nicht gerade, den Text zu verstehen. Die abweichende Orthografie verwirrt den Schüler zusätzlich, wenn er zwischen alter, neuer und der Rechtschreibung in "Nathan der Weise" differenzieren muss. Desweiteren fehlt ein Bezug zur heutigen Zeit. Es leuchtet wohl jedem ein, dass ein Autor sich nur mit der Situation zu der Zeit, in der er lebt oder davor, beschäftigen kann. Das gelingt Lessing durchaus. Er schafft es, keine der erwähnten Parteien zu sehr vor den Kopf zu stoßen und dennoch seine Botschaft zu übermitteln. Die richtet sich jedoch an seine Zeitgenossen und nicht an den "modernen" Menschen der Neunziger Jahre, von dem er logischer Weise noch nichts Wissen konnte. Ohne Zweifel ist die Beschäftigung mit Literatur sinnvoll. Es sollten jedoch literarische Werke der Gegenwart Vorrang haben, gerade in der Schule. Das Hintergrundwissen mag noch so groß sein, ein Text wird von Schülern leichter aufgenommen und verstanden, wenn sie selbst in die Zeit involviert sind, die behandelt wird.

Auch wenn vieles gegen eine Beschäftigung mit "Nathan der Weise" spricht, so gibt es dennoch schwerwiegende Argumente, die sie rechtfertigen. Grundsätzlich erweitert die Beschäftigung mit Literatur das Wissen des einzelnen. In "Nathan der Weise" erfährt der Leser viel über die Probleme bezüglich der unterschiedlichen Religionen zur Zeit der Kreuzzüge. Auch wird der schon damals vorhandene Antisemitismus dargelegt, was zeigt, dass Judenverfolgung nicht nur in unserem Jahrhundert präsent war.

Ferner spricht Lessing mit der im Mittelteil behandelten Ringparabel den Leser selbst an. Der schlüpft in die Rolle des Sultans, der sich nicht im Klaren ist, welche Religion die richtige ist. Ebenso wie Saladin wird auch der Leser belehrt, dass die Frage nach der einzig wahren Religion nicht zu beantworten ist. Der Autor liefert einen völlig neuen Aspekt, der zum Nachdenken animiert. Auch die innere Botschaft des dramatischen Gedichts regt dazu an. Zum einen kann der Jude Nathan als Vorbild für die Missachtung von Rachegelüsten dienen. Auch wenn seine Frau und seine Kinder von Christen ermordet wurden ist er infolge seiner Vernunft nicht nachtragend, das Gefühl der Rache bleibt ihm fremd. Im Gegenteil, er nimmt sogar eine Christin als Pflegetochter an. Eine weiter Lehre, die man aus "Nathan der Weise" ziehen kann, ist, den Menschen als Individuum anzusehen und nicht wegen seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe zu beurteilen. Der Tempelherr weist Nathan zunächst ab, weil er mit Juden nichts zu tun haben will. Das ändert sich, als Nathan ihm aufrichtig für seine gute Tat dankt (II,5,Z.1269). Von dem Augenblick an betrachtet der Tempelherr seinen Gegenüber nicht mehr als Teil einer Gruppe, sondern als Individuum. Er spricht ihn mit seinem Namen an, und nicht mehr mit "Jude" (II,5,Z.1258). Dieser Wandel der Einstellung ist es, was beide Freunde werden lässt.

Zudem stellt Lessing die Forderung, Vorurteile abzubauen und zu überwinden. Ein Beispiel gibt der Tempelherr, der zu Beginn der Handlung mit negativen Vorurteilen Juden gegenüber übersät ist. Er hält sie für überheblich und er verachtet sie (II,5,Z.1292). Als er sich jedoch länger mit Nathan unterhält, fühlt er gegenseitige Sympathie und schließt Freundschaft. Ebenso wie zur Unterdrückung von negativen Vorurteilen aufgefordert wird, warnt der Autor vor übertriebenen Erwartungen an eine Person. Vom Oberhaupt der Christen, dem Patriarchen, erwartet man eineVorbildfunktion für christliches Handeln. Im Gegenteil, er ist der wahre "Bösewicht", denn er gibt den Auftrag zum Mord am Sultan (I,5,Z.669ff.) und will Nathan auf dem Scheiterhaufen sehen. Der Leser wird somit überzeugt, dass Vorurteile meist nicht der Wahrheit entsprechen.

Außerdem klagt der Autor die Intoleranz der Weltreligionen an, jede hält sich für die einzig wahre und akzeptiert die anderen nicht. Nur so konnten Kriege, wie die Kreuzzüge gerechtfertigt werden. Außerdem gibt er ein Beispiel, wie Humanität feststehende Urteile außer Kraft setzen kann. Der Tempelherr wird nämlich "nur" deshalb begnadigt, weil er den Sultan an seinen Bruder erinnert.

Folglich war nur aufgrund von Saladins Menschlichkeit die Rettung von Nathans Tochter möglich. Lessing will damit aussagen, dass der Mensch manchmal nicht zu sehr auf Paragraphen oder Gerichtsurteile versteift sein sollte, sondern den "gesunden Menschenverstand" gebrauchen sollte. In seinem Werk vergleicht Lessing die drei Weltreligionen mit drei Ringen, von denen zwei die Kopien des anderen sind, welcher die Wirkung hat, "vor Gott und Menschen angenehm zu machen" (fehlt Aufzug, SzeneZ.1914ff. ). Die Frage ist nun, ob durch die Tatsache, dass die Materie identisch ist, auch zugleich die magischen Eigenschaften übereinstimmen. Dieses Problem stellt sich auch auf dem relativ neuen Wissenschaftszweig des Klonens. Handeln Wesen, die denselben Körperaufbau haben, auch in derselben Weise? Das ist nur schwer vorstellbar, denn Verhaltensmuster werden vor allem von Erfahrungen, also äußeren Einflüssen, geprägt . Wenn diese unterschiedlich sind, wird auch das Ergebnis abweichen. Was aber wenn sie gleich sind? Um wieder auf die drei Ringe zurückzukommen, diese wurden allesamt aus einem Motiv vererbt. Des Vaters Liebe und damit die Grundbedingung war allen Söhnen gegenüber gleich. Könnte es somit möglich sein, dass plötzlich drei magische Ringe existieren?

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Details

Titel
Lessing G. E. - Nathan der Weise
Autor
Jahr
1999
Seiten
3
Katalognummer
V95710
Dateigröße
327 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Aufgabenstellung: Ist eine Auseinandersetzung mit Lessings über 200 Jahre altem "Dramatischen Gedicht" Nathan der Weise sinnvoll oder Zeitverschwendung?
Schlagworte
Lessing, Nathan, Weise
Arbeit zitieren
Christian Brendel (Autor), 1999, Lessing G. E. - Nathan der Weise, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/95710

Kommentare

  • Gast am 17.9.2002

    kann nicht allen Thesen zustimmen.

    Alles in allem ist es ganz okay, auch wenn ich einigen Thesen nicht zustimmen kann.
    Zudem widerlegt das gegenwärtige Geschehen, dass es sehr wohl noch Glaubenskriege gibt, Religionskonflikte gibt es auf der Welt zuhauf.

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