Schriftstellerinnen und Öffentlichkeit - Frauenliteratur in Kolumbien


Seminararbeit, 2000

12 Seiten


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Schriftstellerinnen und Öffentlichkeit - Frauenliteratur in Kolumbien

“Es gibt keine Literatur von Frauen, es gibt nur gute oder schlechte Literatur.”

Gibt es keine "guten" Schriftstellerinnen in Kolumbien oder warum haben kolumbianische Autorinnen in internationalen Kreisen nicht den gleichen Bekanntheitsgrad wie Schriftstellerinnen aus anderen lateinamerikanischen Ländern? Dieser Frage bin ich im Rahmen einer Exkursion des Lateinamerikanischen Instituts 1998 in Kolumbien nachgegangen, habe verschiedene Romane kennengelernt und festgestellt, daß es in den 80er Jahren eine Vielzahl interessanter Veröffentlichungen auch bisher unbekannter Autorinnen gab. Aufällig war, daß in den Fiktionen von kolumbianischen Frauen der 80er viele der Protagonistinnen in der einen oder anderen Weise dem Wahnsinn nahestehen. Bei der Recherche in Bibliotheken zeigte sich, daß in den letzten Jahren in Kolumbien eine steigende Zahl von Veröffentlichungen zu beobachten ist, die mit der feministischen Theorie in Beziehung stehen. Diese Beobachtungen, der niedrige Bekanntheitsgrad kolumbianischer Autorinnen, das Auftauchen von Texten zu Themen der feministischen Theorie und das wiederholte Auftreten des Themas Wahnsinn in der Literatur brachten mich auf die Idee, im Rahmen der Exkursion ein Projekt über kolumbianische Schriftstellerinnen der 80er Jahre zu machen.

Das "literarische Feld" von Bourdieu

Meine Fragen waren: Wie hängt die Produktion von Texten mit ihrer Kritik und der Forschung zusammen, wie institutionalisiert sich Literatur und welche Rolle spielen die Medien bei ihrer Institutionalisierung? Dieser Fragestellung liegt das Konzept des "literarischen Feldes" von Bourdieu zugrunde. Es zeigt, daß ein literarischer Text nicht im luftleeren Raum geschrieben wird, sondern daß Interaktionen mit anderen Bereichen dieses "Feldes" (wie den Verlegern, den Kritikern, dem Publikum und der Literaturwissenschaft) stattfinden. Ferner gibt es Beziehungen zwischen dem literarischen Feld und anderen "Feldern", wie dem politischen und dem sozialen Feld (Dörner/Vogt 1990:139-140). Dieses Konzept Bourdieus macht deutlich, daß der Begriff Literatur gesellschaftlich bestimmt wird. Meine These ist, daß sich durch das Aufkommen der feministischen Theorie das "literarische Feld" für Texte fernab des literarischen Kanons geöffnet hat, d.h. eine Modernisierung der Literaturwissenschaft in Kolumbien stattgefunden hat.

Die Bedeutung der feministischen Bewe gung für die Literaturkritik

Die Entwicklung der feministischen Theorie hat ihren Ausgangspunkt in dem Wiederaufleben der Frauenbewegung in den späten 60er und frühen 70er Jahren in Europa und den USA. Die Frauenbewegung begann herrschende politische und ökonomische Theorien in Frage zu stellen. Begleitet von anderen theoretischen Strömungen der Zeit, hat die feministische Bewegung den Blick auf die hierarchische Opposition zwischen Männern und Frauen gelenkt. Es gab unterschiedliche Strömungen innerhalb der Frauenbewegung: in den USA war sie stark universitär ausgerichtet, in England wurde sie zunächst von der neuen Linken beeinflußt und in Frankreich gab es einen Zweig, der sich mit der Psychoanalyse und dem Poststrukturalismus beschäftigte. Die feministische Bewegung war jedoch grenzüberschreitend und Theorien wurden innerhalb der Länder ausgetauscht (Showalter 1990: 180-181).

Unterschiede der lateinamerikanischen Frauenbewegung

In Lateinamerika wurden auf internationalen Treffen explizit Unterschiede zu den feministischen Bewegungen in Europa und den USA herausgestellt. Die feministischen Diskurse des Zentrums, die das Zeichen Frau definierten, führten im Kontext der lateinamerikanischen Gesellschaften nicht weit genug, da für diese die Differenz aufgrund der Kolonialisierung schon immer einen konstitutiven Bestandteil bei der Identitätsfrage bildete. Diese Diskurse wurden als Plattform für eigene Bewegungen herangezogen, die das Politische mit einbezogen und anstelle der abstrakten Theoretisierung die Dialogbereitschaft mit anderen politischen Gruppen suchten (Guerra 1994: 30-31). Innerhalb der Studentenbewegung in Kolumbien mit ihren unterschiedlichen politischen Strömungen galt die feministische Bewegung zunächst als "Extravaganz der Gringas". Allerdings tauchten ab Mitte der Siebziger Jahre, im Zuge der allmählichen Redifinition des Politischen weg von der ausschließlichen Klassenthematik, Gruppen von Frauen auf, die nach der Arbeit in politischen Zusammenschlüssen Bezugspunkte in den Ansätzen der feministischen Bewegungen in Engand, den USA und Frankreich für die eigene Situation fanden (Gonzales 1995: 268-270).

Der Text als Untersuchungsfeld

In der Frauenbewegung in Europa und den USA wurde der Text ein wichtiges

Untersuchungsfeld. Innerhalb der feministischen Theorie entwickelte sich, angetrieben durch Studentinnen, Lehrerinnen und Leserinnen eine feministische Literaturkritik. Sie untersuchte den Zusammenhang zwischen der Repräsentation von Frauen in Texten und der Situation der Frau in der Gesellschaft. Ausgangspunkt bildete die Frage: "Why were women absent from literary history?" Es entstanden Gruppen von Frauen, die selber zu schreiben begannen und eigene Verlage, Zeitungen und Buchläden gründeten (Showalter 1990: 181). Die feministische Theorie setzte sich auch kritisch mit anderen Forschungsgebieten auseinander (Anthropologie, Linguistik, Psychoanalyse, Marxismus, Dekonstruktion, Semiotik und der Diskursanalyse) und entwickelte so Methoden, die es ermöglichten, Texte, wie Briefe Tagebücher und Hagiografien, also Texte, die vorher nicht unter dem Begriff Literatur erfaßt wurden, zu analysieren. In den letzten Dekaden hat sich das Untersuchungsfeld verschoben: von dem anfänglichen Fokus auf die Unterdrückung der Frau in der Literatur, bzw. ihren Ausschluß kam es später zu einer verstärkten Beschäftigung mit der Frauenliteratur als solche und im Anschluß daran zu einer Analyse der Konstruktion und Repräsentation von Geschlechtern im Literaturdiskurs. Die Arbeiten der feministischen Theorie haben zu einem Neudenken des konzeptuellen Hintergrunds der Literaturstudien geführt. Ihre Bedeutung für andere Wissenschaftsfelder liegt darin begründet, das vorher feststehende Begriffe wie Identität und Repräsentation kritisch hinterfragt wurden (Showalter 1990:179).

Der andere Weg zum gleichen Ziel

Studien zur Situation der Frau sind in Lateinamerika in erster Linie von den Sozialwissenschaften ausgegangen. Warum wurde die Arbeit an der Lektüre von Texten von Frauen in der zweiten Hälfte der 80er Jahre aufgenommen? Das hängt nach Meinung von Montserrat Ordóñez damit zusammen, daß seit Ende der 60er Jahre mit dem "Boom" die lateinamerikanische Literatur international erfolgreich wurde und einen nach Maßgabe der westlichen Welt "universellen" Platz eingenommen hat. In diesem Zusammenhang wurde es wichtig für die Kritik, einen breiteren Kontext der lateinamerikanischen Literatur herauszustellen und herauszuarbeiten, daß der Erfolg nicht an einigen Namen festzumachen sei, sondern auf weitaus komplexerer Grundlage beruhe. Dabei gewinne die Frau in der Literatur nicht nur als Autorin, sondern auch thematisch und als Rezipientin eine große Bedeutung (Montserrat Ordóñez 1987: 135-136). Außerdem bilde der feministische Ansatz in den 80ern einen festen Bestandteil der Literaturkritik, der nicht zu ignorieren sei. Eine kritische Aneignung auf eigenen Grundlagen habe den Vorteil, nicht in die gleichen Sackgassen geraten zu müssen, in denen sich die erste Welle der feministischen Literaturkritik verirrt hatte (Montserrat Ordóñez :137-138).

Ein Versuch, das abstrakte Gebilde feministische Theorie und Literaturkritik in Kolumbien zu greifen Angeregt durch die Herangehensweise Showalters, die in ihrem Artikel einen Überblick der feministischen Theorie der USA, Englands, Frankreichs und Westdeutschlands gibt und ihren Weg beschreibt, habe ich mir über die Analyse von Zeitschriften, Besuch der Institute und Fakultäten und Interviews mit Experten und Expertinnen einen Eindruck über die feministische Kritik in Kolumbien verschafft. Außerdem habe ich mit Schriftstellerinnen gesprochen, in erster Linie, weil ich Gefallen an ihren Büchern gefunden hatte, aber auch, weil mich interessiert, ob das Aufkommen von Veröffentlichungen mit einer feministischen Thematik zu einem anderen Umgang mit ihren Büchern geführt hat. Das Eingrenzen meines Themas auf Kolumbien, erwies sich als schwierig. So lebt z.B. eine der wichtigsten Literaturkritikerinen "Kolumbiens", Helena Araujo, die Autorin von des vieldiskutiertem Essaybandes La Scherezada Criolla (1989), bereits seit Anfang der 70er Jahre in der Schweiz. Zur feministischen Literaturkritik hat sie auch in in kolumbianischen Zeitungen viele Artikel veröffentlicht.

Die Gruppe Casa de la Mujer Ausgangspunkt meiner Untersuchung bildete die Gruppe Casa de la Mujer, eine Nichtregierungsorganisation, die seit 1982 politische Frauenarbeit leistet, weil es bei Ihnen das erste Dokumentationszentrum für Veröffentlichungen zu frauenspezifischen Themen gab. Anhand der Publikation der Organisation, dem Boletín Vamos Mujer, konnte ich die in den 80er Jahren diskutierten Themen der feministischen Bewegung verfolgen. Hier wurde die These bestätigt, daß sich die Frauenbewegung in Kolumbien nicht so sehr auf feministische Theoriediskussionen stützte, sondern sich über soziale Bewegungen an pragmatischen Fragestellungen orientierte.

Die Gruppe Casa de la Mujer hat im Bereich der Frauenarbeit eine Pionierolle eingenommen. Sie wurde 1982 in Bogotá gegründet und setzt ihre Arbeit bis heute fort. Es ist eine Nichtregierungsorganisation, die sich aus der Gruppe “Mujeres en la lucha” gebildet hat, einer Gruppe von Frauen, die sich zuvor an politischer Basisarbeit beteiligte und den Fokus auf die Situation der Frauen im Land verlagert hat. Ein wichtiger Inhalt der Arbeit der Organisation bildete ein Aufklärungsprogramm zu den Bereichen Bürgerrechte und Demokratie. Es wurden Programme und Werkstätten zur Gesundheitsvorsorge und zu den Themen Sexualität und Gesundheit durchgeführt. Frauen können dort juristische und medizinische Beratung in Anspruch nehmen, und es werden Therapien und Gesprächsgruppen angeboten. Für die Aufklärungsarbeit wurden Broschüren herausgegeben. Der zweite Zweig der Arbeit der Organisation beinhaltet die Beteiligung an politischen Fragen und die Vernetzung der Arbeit mit anderen Gruppen. In den Räumen der Gruppe errichteten sie ein Dokumentationszentrum, "in dem alles zusammengetragen werden sollte, was von kolumbianischen Frauen gesagt, geschrieben und gemalt wurde, und um Informationen aufzubereiten" (Boletín Vamos Mujer No.13, Mai 1988: 15-16). Außerdem erarbeitete es Materialien für die Aufklärungsarbeit und gab eigene Veröffentlichungen heraus. Der Aufenthalt in dem Haus der Casa de la Mujer war aus zwei Gründen sehr ergiebig. Einmal hatte ich Zugang zum Dokumentationszentrum und zweitens bekam ich über Gespräche etwas über die aktuelle Arbeit des Hauses mit. Dabei war es für mich eindrucksvoll zu sehen, mit welchem Durchhaltevermögen die Mitarbeiterinnen sich aktuellen politischen Fragen gestellt haben. So gab es eine Beteiligung an der Asamblea permanente de la paz, einer Versammlung von zivilen Gruppen des Landes, die sich regelmäßig treffen wollen um sich über den Friedensprozeß auszutauschen und diesen voranzubringen. Während ich gerade in der Zeitung der 80er Jahre blätterte und eine Vorstellung davon bekam, welchen Raum die Gewalt im Land zu der Zeit eingenommen hatte und welche Lösungsstrategien schon damals formuliert und ausgeführt wurden, war ich beeindruckt von der weiterhin engagierten Arbeit.

Vamos Mujer!

Das Informationsorgan der Gruppe Casa de la Mujer, das Boletín Vamos Mujer erschien ab Februar 1983 zweimal im Jahr und wurde im Haus kostenlos verteilt. Aus finanziellen Gründen mußte die Zeitschrift im Mai 1990 eingestellt werden. Bis dahin bildete sie die einzige Informationsquelle zu frauenspezifischen Themen in Bogotá. In der Gründungsausgabe ist die Aufbruchstimmung beschrieben, die zu der Zeit herrschte, wie aus dem folgenden Zitat ersichtlich wird: "Vamos Mujer, el nombre escogido para el boletín desea ser un canto de esperanza a la vida, continuar con la firme certeza que estamos despertando de una vida de sueño en pesadilla, de una historia fragmentada como seres y mujeres" (Boletín No.1, Febr.1983: S.1).

In den ersten Ausgaben beschäftigte die Zeitung sich vor allem mit der aktuellen Situation der Frauen im Land. Fragen zur Identität und besonders das Thema der "Gewalt gegenüber Frauen" wurden thematisiert und dazu aufgerufen, das Schweigen zu brechen. Im Sinne der vom Haus veranstalteten Aufklärungsprogramme enthielt die Zeitung anfangs auch Abbildungen der weiblichen Körperteile mit zusätzlichen Informationen, beispielsweise zum Thema Brustkrebs. Neben der Erörterung von Rechtsfragen gab es immer auch Aufrufe zu nationalen und internationalen Treffen von Frauengruppen, wie zu den Aktionen zum Tag der Frau am 8. Mai und den Aktionen zum 25. November, der als Tag gegen die Gewalt gegen Frauen ausgerufen wurde. Bei Jahrestagen des Hauses wurde die Arbeit reflektiert und über Erfahrungen in der Gesellschaft berichtet. Diskutiert wurden in späteren Ausgaben Themen wie die Psychoanalyse von Freud als eine von Männern geprägte Wissenschaft und psychologische Momente wie etwa der Umgang mit Erfahrungen aus der Kindheit. Ab der zweiten Hälfte der 80er wurde der Inhalt des Boletins politischer und eine Beteiligung der Frauen an der demokratischen Gesellschaft eingefordert.

Anknüpfen an die Geschichte

Ein interessanter Punkt an der Arbeit der Organisation ist für mich das Anknüpfen an die Geschichte anderer Frauen des Landes. Die Kolumne “Recordando fechas” (ab No. 7, März 1986) erinnerte an die für die Frauenbewegung wichtige Daten wie das Recht auf Universitätsbesuch für Frauen oder den Geburtstag berühmter Frauen. So galt bspw. das Buch von Ofelia Uribe de Acosta Una voz insurgente (1963) als Standardwerk, das während der Anfangsphase viel diskutiert wurde (Interview mit Marta Lucia). Auch wenn es in dem Buch in erster Linie um das Wahlrecht ging, war es so etwas wie ein Bruch mit dem Diskurs der Gesellschaft. Die Gruppe der Casa de la Mujer bekam nach dem Tod Uribes sämtliche Exemplare ihres Buches geschenkt (worauf die Mitarbeiterinnen sehr stolz waren), und auch ich erhielt zum Abschied eines dieser Bücher (worauf ich sehr stolz war). Eine direkte

Zusammenarbeit der Organisation mit universitären Gruppen fand nicht statt, jedoch bestehen freundschaftliche Beziehungen zwischen einzelnen Gruppen und der Versuch, gemeinsam theoretische Grundlagen voranzubringen. Die Trennung zwischen den eher universitären und den politischen Gruppen bleibt bestehen. Es einigt sie die gemeinsame Sache, "la lucha de las mujeres" (M. Lucia).

Charakteristika des kulturellen Lebens in Kolumbien

In Kolumbien ist es im Vergleich zu anderen lateinamerikanischen Ländern sehr spät zu einer kulturellen Modernisierung gekommen. In einer umfassenden Studie über den kolumbianischen Roman "Novela y Poder en Colombia (Williams 1991, 2. Aufl. 1992 ) zeigt Raymond Williams auf, wie durch einen überwiegend konservativ geprägten Literaturbetrieb mit engen Verbindungen zur Oberschicht, zur akademischen Elite und zur katholischen Kirche über einen komplexen Ein- und Ausschlußmechanismus eine Modernisierung des Romans bis in die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts verhindert wurde (41-43, 68). Ein weiteres Charakteristikum bildete die starke Regionalisierung des kulturellen Lebens. Williams stellt fest, daß das Land kulturell eher international als intraregional angeschlossen war. Erst ab 1950 kam es zu einem stärkeren Austausch zwischen den Regionen des Landes, der sich im Roman der 60er und 70er Jahre wiederspiegelte (Williams 1991: 35-40). Das Land befand sich in einer kulturellen Isolierung, die von den vorherrschenden Gruppen der Elite aufrechterhalten wurde. Diese Isolierung zeigte sich auch an der freiwilligen Exilierung von Intellektuellen in den 60er und 70er Jahren (G.García M rquez, H.Araújo, A.L.Angel, A. Mutis u.v.m.). Die Kunstkritikerin Marta Traba mußte das Land verlassen. Ab 1960 entwickelte sich eine breitere literarische Infrastruktur. Die nadaistische Bewegung hatte mit ihrer Rebellion gegen vorherrschende Textnormen und dem Premio Nadaista de la Novela das Erscheinen und die Verbreitung von experimenteller Fiktion unterstützt. Es entstanden Verlage, die nun einem nationalen Publikum den Zugang zur Literatur ermöglichten (Tercer Mundo Editores, Plaza y Janes, Planeta) und Literaturpreise wie der Premio Esso de la Novela. All diese Faktoren hatten einen Einfluß auf die Öffnung des kolumbianischen Romanes in Richtung Moderne und Postmoderne (Williams 1992: 245- 246).

Die Rolle der Zeitungen bei der Literaturkritik: Die Sonntagsbeilagen

Vor dem Hintergrund der kulturellen Isolierung des Landes und der sich spät herausbildenden Infrastruktur des Literaturbetriebes, hatten bzw. haben die Sonntagsbeilagen einiger Zeitungen eine wichtige Funktion bei der Diskussion um Literatur und Kultur und der Gewinnung eines Publikums. Sie haben sich Themen des kulturellen Leben Kolumbiens und auch des Auslandes gewidmet und Nachwuchs-schriftstellerInnen einen Platz zum Publizieren geboten. Die Schriftstellerin Fanny Buitrago erzählte mir, daß damals die Teilnahme an den Wettbewerben der Zeitungen El Espectador und El Tiempo ein Sprungbrett für die Veröffentlichung ihres ersten Buches El hostigante verano de los dioses gewesen sei. Für die Schriftstellerin Rocio Velez de Piedrahita hat ihre einstige Kolumne bei dem El Espectador zu einer Begegnung mit einer Leserin geführt, die ihr ein Tagebuch überreichte mit der Bitte an sie, es zu veröffentlichen. Dieses Manuskript einer Unbekannten bildete die Grundlage für ihren Roman La Cisterna. Als überregionale Tageszeitungen Bogotás erreichten El Tiempo und El Espectador eine große Leserschaft, was für SchriftstellerInnen und Verlage zumindestens öffentlichkeitswirksam war. Das Sonntagsmagazin Magazin Dominical der El Espectador hat ausführliche und informative Artikel über Personen und Strömungen des kulturellen Lebens herausgebracht. Besonders in El Espectador wurde Anfang der 80er die Debatte um Frauenliteratur aufgegriffen, allerdings nur im Zusammenhang mit besonderen

Ereignissen wie dem IV. Kongress der Schriftstellerinnen in Mexiko. Es erschien ein Bericht unter der Fragestellung "Existe una literatura femenina?", in dem verschiedene Teilnehmerinnen des Kongresses zu Wort kamen (2.08.81). Unter dem Titel "debate feminista" wurde ein Artikel zum feministischen Diskurs von der Literaturkritikerin Helena Araujo veröffentlicht ( 20.09.1981). Bei dem Durchblättern des Magazin Dominical von Juli bis Dezember 1987 ist mir die feministische Debatte nicht mehr so augenscheinlich begegnet. In der Beilage Lecturas dominicales der Tageszeitung El Tiempo, die mir insgesamt konservativer in ihrer Ausrichtung und plakativer in ihren Artikeln erscheint, gibt es 1987 einen vierseitigen Bericht über die Schriftstellerinnen im Land (29.11.1987). Interessant an diesem informativen Überblicks-Artikel ist die Einleitung, in der unter "Ahora la Pluma" festgestellt wird, daß die letzte Festung der Männer, die Literatur, nun auch von den Frauen eingenommen wird. Damit sei ds jahrtausendealte Vorurteil widerlegt, daß Frauen diesem Genre nicht zugeneigt seien. Auch wenn es natürlich selbstironisch ist, versteckt sich in dieser gespielten Pathetik doch ein Funken von der von Williams geäußerten These des konservativen Literaturbetriebes.

Die Zeitschriften

Als wichtige Zeitschrift ist die Literaturzeitschrift Eco zu nennen, die seit Anfang der 60er Jahre in Bogotá erschien und über das internationaler Literatur- und Kulturgeschehen berichtete. Auf Grundlage von Übersetzungen und Beiträgen von ausgewählten lateinamerikanischen SchriftstellerInnen und KritikerInnen wurden in der Zeitschrift Artikel über zeitgenössische Strömungen und dem kolumbianischen Kulturleben veröffentlicht. In Eco wurden erstmalig in spanischer Sprache, Kritiker wie Walter Benjamin, Adorno, Horkheimer und Habermas und auch Foucault, Lyotard, Bachtin und Chomsky präsentiert. Die kritische Theorie, neuste Entwicklungen der Semiotik, der Poststrukturalismus und die Postmoderne bildeten Themen dieser Zeitschrift. Obwohl sie auf dem neusten Stand der Diskussionen war, hat die Zeitschrift die Debatte um den Feminismus verpaßt, in diesem Zusammenhang erschienene Bücher fanden keine Beachtung. 1984 stellte die Zeitschrift ihre Arbeit ein. Im April 1984 erschien zum Abschied noch ein Artikel von Helena Ar ujo über feministische Literaturkritik. Die Zeitschrift Boletín Cultural y Bibliográfico der Banco de la República hat eine ungefähr zehn Seiten umfassende Rubrik "Erzählungen", in der Neuerscheinungen von kolumbianischen Autoren und Autorinnen besprochen werden. Darin gab es zu den von mir gelesenen Fiktionen der 80er mehrseitige Rezensionen. Ab und zu erscheinen, je nach Schwerpunkt des Heftes, längere Artikel zu literarischen Themen. Diese Zeitschrift liegt in den Bibliotheken aus, sie hat nur institutionellen Charakter. In ihr lassen sich über die Rezensionen Neuerscheinungen erschließen, die Debatte über die feministische Literaturkritik findet sich hier nicht wieder. Hinzu kommen die universitären Zeitschriften wie die Zeitschrift Correo de los Andes der Universidad de los Andes in Bogotá, die neben Rezensionen literaturkritische Essays enthält. Hier wurden auch Beiträge speziell zur Frauenliteratur veröffentlicht. Es gibt eine Vielzahl solcher Unizeitschriften. (Eine kleine Auswahl: Cuadernos de Literatura der Universidad Javeriana, Huellas der Uninorte, Barranquilla, Con-Textos- Revista de Semiótica Literaria, der Universidad de Medellín.) In den 80ern wurde in den Literatur- und Kulturzeitschriften über die Themen Frauen und Frauenliteratur berichtet, das Thema feministische Theorie wurde jedoch nicht kontinuierlich thematisiert, es gab keine eigens herausgegebene Frauenzeitschrift in diesem Bereich.

En otras palabras

Seit 1996 erscheint die Zeitschrift En Otras Palabras, die von der Gruppe Mujer y Sociedad der Universidad Nacional und der Corporación Casa de la Mujer de Bogotá und der Stiftung Promujer zwei mal jährlich herausgegeben wird. Die Zeitungen bietet Beiträge zur feministischen Theorie und enthält eine Rubrik "Las Mujeres y los libros". Wichtig im Zusammenhang der feministischen Literaturkritik in Kolumbien (und auch ein Ergebnis dieser) sind die Sammelbände, die zum Thema Frauenliteratur herausgegeben wurden und in den 90er Jahren erschienen sind. Die Beiträge gehen auf verschiedene Forschungsvorhaben und teilweise auf die in Kursen der Universitäten erarbeiteten Resultate zurück. So ist es durch eine literaturkritische Höchstleistung im Verlauf einer Dekade zu textheoretischen Analysen gekommen, in denen ein in Kolumbien bisher vernachlässigtes Gebiet aufgearbeitet und der Weg zu einem neuen Umgang mit Texten geschaffen wurde. Herausgeberinnen dieser Bände sind zumeist Professorinnen, wie Betty Osorio de Negret, María Mercedes Jaramillo, Angela Robledo und Luz Mery Giraldo, von denen einige eine Lehrtätigkeit in den USA innehatten. Drei von den Sammelbänden werde ich vorstellen; wie sich zeigt, ändert sich im Verlauf der Debatte der Umgang mit den Texten.

Y las Mujeres?- Ensayos sobre Literatura Colombiana (1991), Jaramillo, María M., Robledo, Angela I., Rodríguez-Arenas, Flor. (Hg.), Otraparte, Universidad de Antioquia, Medellín.

In dem Sammelband wird der Korpus der von Frauen in Kolumbien geschriebenen Texte vorgestellt. Die Texte werden in Beziehung gesetzt zu den Umständen und Lebensweisen, die Einfluß auf die Entstehung der Texte genommen haben. Teilweise war für das Buch eine aufwendige Archivarbeit nötig. Es findet eine Periodisierung des Korpus statt: -Vor der Unabhängigkeit, -Das 19te Jahrhundert und -Das 20ste Jahrhundert bilden jeweils einen eigenen Bereich mit einem einleitenden Text. In dem Kapitel zum 20ten Jahrhundert gibt es eine Einführung über die Situation der Schriftstellerinnen in Kolumbien und die Literaturkritik, und es wird eine offenerer Umgang mit Texten gefordert. Im Buch wird (noch) die Ansicht vertreten, die Analyse der Texte sollte über die Frauen selbst erfolgen (186). Im Anhang gibt es eine Bibliografie, in der über 600 Autorinnen katalogisiert sind.

Literatura y Diferencia - Escritoras colombianas del siglo XX (1995), Jaramillo, María M., Osorio de Negret, Betty, Robledo, Angela I. (Hg.), Ediciones Uniandes, Bogotá.

Diese Studie über die Literatur von Frauen des 20ten Jahrhunderts beginnt mit einer theoretischen Einführung über neue Ansätze der Literaturkritik im Rahmen der Postmoderne und der Frage nach deren Anwendbarkeit bzw. Relevanz für Kolumbien . Die Gender-Debatte wird als Ausgangspunkt gesehen, die Gültigkeit des dominanten Diskurses zu hinterfragen. Bei der Vorstellung von Autorinnen und ihen Büchern werden Möglichkeiten des Umgangs mit den Texten aufgezeigt. Die Lesarten stellen einen neuen Blick auf die Realitäten des Landes dar.

Las Mujeres en la historia de Colombia, Tomo III: Mujeres y Cultura, (1995), Grupo editorial Norma, Bogotá.

Der dritte Band und letzte Band dieser Reihe des Verlages Norma über die Frau in der Geschichte Kolumbiens gibt einen facettenreichen Überblick über das kulturelle Leben der Frauen des Landes. In den Essays schreiben Frauen und Männer über Themen wie Erziehung, Kunst, Literatur und Dingen des Alltagsleben, und der einleitende Essay von Florence Thomas beschreibt den aktuellen Stand in der Genderdebatte. Daß eine solche Reihe bei Norma erscheint und damit die Möglichkeit darstellt, eine internationale Leserschaft erreichen zu können, stellt einen qualitativen Sprung dar.

Von der Theorie zur Praxis: Gespräche und Interviews mit den Schreibenden Ich würde gerne damit abschließen und sagen, daß mit den Sammelbänden das Problem gelöst wurde, daß Frauen im Literaturbetrieb nicht präsent waren. Die Autorinnen sind integriert, die Unterscheidung in Männer- und Frauenliteratur ist nicht mehr nötig, sondern Texte werden gleichermaßen als Fiktionen betrachtet, und die Annäherungen vergangener Dekaden haben sich gelohnt. Dagegen sprechen zwei Erfahrungen, die ich beim Übergang von den Zeitungsrecherchen zum praktischen Teil meiner Untersuchung ergeben haben. In dem Casa de Poesía Silva, einem Ort, wo Lesungen veranstaltet werden, suchte ich die Direktorin auf, die gleichzeitig Dichterin ist. Als ich sie zu ihren Erfahrungen befragte, und dazu, ob sich die Präsenz von Frauen im Literaturbetrieb erhöht habe, kam sie auf das Thema der Antologien zu sprechen. Sie bezeichnete das Erstellen solcher Antologien als paternalistische Praxis einiger Feministinnen. Ihr Vorbehalt gegenüber feministischer Literaturkritik war dermaßen stark, daß sie gerade in der Zeitschrift Semana einen polemischen Artikel zu dem Thema veröffentlicht hatte. Sie hat mir diesen Artikel, der den aufschlußreichen Titel "Machos versus Hembras" trägt, zur Verfügung gestellt. Daß es Antologien für Frauenliteratur gibt, zeige für sie, daß die Literatur aufgrund ihrer mangelnden Qualität, nicht in herkömmlichen Antologien Platz finde. Als ich telefonisch mit der Schriftstellerin Fanny Buitrago ein Interview vereinbaren wollte und ihr den Arbeitstitel "Literatur von Frauen" nannte, sagte sie bereits am Telefon, es gäbe keine Literatur von Frauen, es gäbe nur gute oder schlechte Literatur. Während eines nachfolgenden Gespräches vertieften wir dieses Thema, und es kamen zwei Dinge heraus: Erstens schaffe sich laut Autorin ein Buch seinen Weg, indem es auf kurz oder lang Leser findet. Dazu bedürfe es keiner Literaturkritik. Diese sei in erster Linie für StudentInnen und KritikerInnen und nur bedingt für die LeserInnen. Zweitens bezog sie sich auf Gesprächsrunden, zu denen Autoren und Autorinnen zu bestimmten Themen geladen würden. Diese Themen seien zeitgeistabhängig und würden viel Zeit der Autorin in Anspruch nehmen, ohne ihr aber wirklich zu nützen. Sie würde zum comunicador anstatt zur Erzählerin. Das Gleiche geschähe bei den Antologien, sie machten die HerausgeberInnen berühmt, während die Autorin oft nichts dafür bekäme. Zur feministischen Literaturkritik sagte sie, daß sie eine gewisse "Großzügigkeit" beinhalte und nicht jede wird in den Zirkel aufgenommen würde. Dieser Konflikt mit den "Feministas" (was in dieser Form sehr abwertend gemeint ist) hat sich so verhärtet, daß die Literaturkritikerinnen die Texte der Autorin nicht auf internationalen Treffen vorbringen dürfen. An diesen Beispielen drängte sich für mich der Eindruck auf, daß die Literaturkritik in Bogotá stark personifiziert verstanden wird und sich die Beschäftigung mit feministischer Literaturkritik nicht oder nur eingeschränkt als Wissenschaftsbereich etabliert hat.

...und den Literaturkritikerinnen

Dieser Eindruck hat sich bei den in den Universitäten durchgeführten Gesprächen bestärkt. Gespräche mit den Professorinnen, die zu Frauenliteratur arbeiten, zeigten, daß ihnen seitens ihrer Kolleginnen und Kollegen teilweise eine ablehnende Haltung entgegengebracht wird. Eine Professorin wollte sich auch nicht als Feministin bezeichnen, da sie persönlich keinen Grund dazu habe. Wenn sie jedoch die Situation anderer Frauen betrachte, mache es durchaus Sinn. Sie mußte sich die Frage gefallen lassen, ob sie nun auch zum "Gay" geworden sei. Es gäbe zumindest im Unibetrieb sowohl von Frauen als auch von Männern eine gewisse Voreingenommenheit gegenüber dem Feminismus, welche sie als einen kulturellen Rückstand bezeichnete bzw. auf die traditionsgebundene Kultur schob. In den drei großen Universitäten in Bogotá, der Universidad Javeriana, der Universidad de los Andes und der Universidad Nacional, ist der Kanon der in den Lehrveranstaltungen bearbeiteten Literatur klassisch konservativ. In den 80ern wurden Kurse über Frauenliteratur in der Universidad de los Andes eingeführt, der Kurs zur feministischen Literaturkritik wurde bisher jedoch stets aus dem Lehrplan herausgenommen. Die Dozentinnen berichteten, daß Kurse über Frauenliteratur hinein-geschmuggelt werden, versteckt unter Themen wie der mexikanischen Revolution. Gerade aktuell zum Wintersemester 98 wurde ein Kurs über lateinamerikanische Schriftstellerinnen vom Lehrplan genommen. Dabei seien diese Kurse in der Regel gut besucht. Die feministisch engagierten Frauen an der Uni würden akzeptiert, jedoch nur als sporadische Erscheinung. Ein Ausweg aus dieser universitären Isolation in Kolumbien sei für die "trabajadoras sobre genero" der Austausch mit dem Ausland und der Besuch von Tagungen. Fortschrittlicher bezüglich der Forschungsarbeit zu Gender sind die Frauenstudien in den Sozialwissenschaften der Universidad Nacional, die 1985 die interdisziplinäre Gruppe “Mujer y Sociedad” gegründet haben. 1994 mündete die Arbeit der Gruppe in ein Programm der Genderstudien (Programa de Estudios de Género) in der seit 1996 auch ein eigener Abschluß möglich ist (Postgrado). Dort wurden im Bereich der Soziologie, Geschichte und Anthropologie richtungsweisende Forschungsarbeiten veröffentlicht. Der Übergang von dem Recherchieren in Zeitungen und Antologien hin zu dem praktischen Teil meines Projektes war eine eindrucksvolle Erfahrung bei der Exkursion.

Welche Schlußfolgerungen kann ich aus den während der Exkursion gemachten Erfahrungen ziehen?

Die feministische Arbeit in Kolumbien wurde haupstsächlich von politischen Gruppen getragen. Auch hier wurden Fragen der Repräsentation behandelt. An den Universitäten sind Forschungen zu frauenspezifischen Themen in den Sozialwissenschaften behandelt worden. Die literaturwissenschaftlichen Fakultäten haben sich einer Öffnung des Kanons bisher weitgehend verschlossen. Impulse, einen erweiterten Literaturbegriff in die Lehre einzubringen, gehen von einzelnen Professorinnen aus. Im Rahmen ihrer Lehrtätigkeit und darüber hinaus haben sie die Literaturgeschichte des Landes aufbereitet. Eine Vorreiterrolle nimmt in diesem Bereich seit den 80ern die Universidad de los Andes ein. Einige Schriftstellerinnen stehen dieser Arbeit der Professorinnen kritisch gegenüber. Ein Erscheinen ihrer Texte im Zusammenhang mit Feminismus scheint ihrer Arbeit den Beigeschmack "nicht so gut" zu verleihen. Es besteht auch der Verdacht, dabei für eine bestimmte Modewelle eingespannt zu werden. Diese Einschätzung wurde nicht von allen Schriftstellerinnen geteilt. Ich glaube, an diesem Exkurs über den Literaturbetrieb Kolumbiens wird deutlich, wie lange es dauert, einen Diskurs über ein Thema innerhalb der Gesellschaft zu verändern. Wie es die Beispiele des Casa de la Mujer und die verschiedenen Gruppen an den Universitäten gezeigt haben, sind für die Veränderung eines Diskurses Gruppen und Medien notwendig, die ein Mitspracherecht einfordern und so einen kritischen Dialog innerhalb der Gesellschaft ermöglichen.

Exkurs: Kurze Vorstellung der Fiktionen der 80er, die das Thema Wahnsinn behandeln.

Rocio Velez de Piedrahita: La Cisterna, Medellin Editorial Colina 1971, 2.Ed. Medellín Ediciones Autores Antioqueños 1989.

Die Erzählung La Cisterna beruht auf einem uraltem Vorwand: die Autorin habe ein

Tagebuch ihrer Tante gefunden, welches sie nun ordne. Das Leben dieser Tante, Celina ist ihr Name, ist ein unentwegtes Ringen nach Selbstbestimmung, die ihr durch Familie, Gesellschaft und Kirche verwehrt werden. Es erschließt sich den LeserInnen über Tagebucheintragungen und Traumsequenzen, in das Buch sind Bilder eingefügt, die die Spaltung Celinas zwischen Selbstbild und ihrer Sicht durch andere zeigen.In den Träumen findet eine labyrintische Beschreibung des Unterbewußten statt: der Körper wird als Müllbehälter gesehen, als Objekt für Tumorentfernungen und in einen Tunnel eingesperrt als Projektionsfläche extremer Ängste.

Marvel Moreno: Algo tan feo en la vida de una Señora bien, Bogotá, Editorial Pluma 1980.

In der Erzählung von Marvel Moreno rechnet Laura de Urueta aus ihrem Zimmer heraus mit der Oberschicht in Barranquilla und ihrem eigenen verkorksten Leben ab. Laura de Ureta ist eine "Señora bien", denn sie ist mit dem Geschäftsmann und Expräsidenten des Country und Rotario Club verheiratet. Für ihre Mutter ist dies ein Glücksfall, schließlich bekommt die durch ein voreheliches amouröses Abenteuer mit einem wandernden Musiker gebranntmarkte Laura die Chance, durch die Ehe weiterhin in der Gesellschaft verweilen zu können. Der Mann läßt sie spüren, daß sie eine "Gefallene" ist. Im zurückgezogenen Schweigen, das sie durch Tabletten unterstützt, schirmt sie sich ab. Eine starke Depression beginnt, als ihre Tochter, der sie ein anderes Los erhofft hatte als die Ehe, heiratet. Das Ende ist tragisch, mehr soll nicht veraten werden.

Angel, Albalucia: Misía Señora, Editorial Argos Vergara, S.A., Barcelona 1982.

In dieser labyrintisch geschriebenen Erzählung wird der Leser, die Leserin in den Prozeß der Selbstbefreiung der Protagonistin eingeweiht. Marianas Leben wird von der Kindheit bis zum Alter aus der Innenperspektive erzählt, mehrmals wechselt sie den Standpunkt, und drumherum entsteht ein komplexes Gebilde der Gesellschaft. Der Bewußtseinsfluß wird strukturiert durch die chronologische Abfolge der drei Teile und den Handlungsstrang. Nach einem Ehebruch wird Mariana verrückt und landet in einer Klinik, dieser Wahnsinn ist jedoch ein notwendiger Bruch (genau wie der Ehebruch) und der Beginn einer Suche. Im letzten Teil wird im unterbewußten Diskurs ihr Leben und das ihrer Mutter und ihrer Großmutter reflektiert, was den zeitlichen Rahmen der Handlung erweitert.

María Elvira Bonilla: Jaulas, Editorial Planeta, Bogotá, 1984.

Jaulas ist die Geschichte von Kristal Ventura: Zehn Jahre hat sie gebraucht, um diesen Namen zu schreiben, so beginnt die Erzählung. Die Erzählperspektiven wechseln, in erster Person beginnt eine Kindheit: eine mißlungenen Erziehung, die auf gesellschaftliches Leben ausgerichtete Mutter, ein schweigsamer Vater, ein Leben, aus dem Kristal ausbricht. In der ersten Person Plural taucht sie in eine Gruppe ein, "La Orilla", eine Gruppe rebellierender Jugendlicher, die reden und reden. Das Gerede erscheint ihr leer, sie schweigt dazu. Nach dem Selbstmord von Santiago zerstreut sich die Gruppe, einige etablieren sich, andere werden zu Kupplern oder Seefahren. Für sie sind diese Ausflüchte der Anderen ein Bruch mit vergangenen Werten und eine Fortdauer der Ziellosigkeit, Schreiben wäre eine Alternative. Dieser Möglichkeit verwehrt sie sich jedoch, zehn Jahre lang verharrt Kristal regungslos im Bett und starrt an die Decke, alle Ärzte sind ratlos, die Familie vergißt sie, peinlich berührt von der Last, eine Verrückte im Haus zu haben. Der Versuch, nach zehn Jahren aus dem Käfig herauszutreten und zu schreiben, ein Versuch, der mit dem Namen begann, scheitert. Es gibt keinen Weg heraus für sie, die Straßen sind asphaltiert, laut und gewaltätig, keine Identifikationsfigur ist in Sicht. Sie ist eingesperrt in ihren regungslosen Körper und findet in dem Schreiben keine Form neu anzufangen, die Hände sind zu steif zum Schreiben.

María Helena Uribe de Estrada: Reptil en el tiempo - Ensayo de una novela del alma,

Medellín: Editorial Molino de Papel, 1986; 2. Ed.: Ediciones Autores Antioqueños, 1989.

Reptil en el tiempo- Ensayo de una novela del alma sticht allein schon durch das fragmentierte Äußere ins Auge: in dem Roman ist auf erdfarbenen Papier eine Erzählung eingefügt, der Text auf dem weißen Papier ist zusammengesetzt aus verschiedenen

Schriftarten, Klammern und Wortgebilden. Die Protagonistin sitzt in einer kleinen

Klosterzelle, sie glaubt, ihr anderes Ich María Magdalena ermordet zu haben, mal ist sie

Mörderin, mal Mutter, dann wieder eine Verrückte in der Zelle. Sie verharrt in einer Agonie, vernachlässigt ihren Körper bis zum Äußersten. Nachdem sie sich lange Zeit den Nichts zugewendet hat, beginnt sie zu schreiben, sie ersinnt sich einen sterbenden Pfarrer und beginnt sein Leben zu erzählen, mal verweigern sich die Personen den Tasten der Schreibmaschine, dann unterbricht sie das Schreiben. Sie entwirft Lebensgeschichten, Figuren, beeinflußt in ihrem Verhalten von Normen der Gesellschaft und der Kirche leiden, und stellt fest, daß Gott mehr verzeiht als die Menschen. Der Pfarrer, der in die Zelle kommt, der sie aus der körperlichen Verwahrlosung befreit und dem sie von sich erzählt, trägt den gleichen Namen wie ihr in der Erzählung entworfener Pfarrer.

Iriarte, Helena: Recuerdas Juana? Carlos Valencia Editores, Bogotá, 1989.

In Recuerdas Juana? übernimmt eine Erzählerin es für Juana ihre Kindheit wieder hervorzuholen. Die Erzählerin ist der Protagonistin sehr nah. Es ist ein Einreden auf Juana, die nach dem Tod ihres Vaters sich zu verlieren droht. Die Mutter hat etwas Schlimmes gesagt, am Ende erfährt man, daß sie Juana ihre Hautfarbe zum Vorwurf macht, sie ist Schwarz, wie ihr Vater. Juana plagen Ängste, im zweiten Teil des Buches versinkt sie zeitweise in den Wahnsinn. Der Erzählerin gelingt es zunächst, sie durch Erzählungen in das Hier und Jetzt zurückzuholen, so wie sie es dem Vater versprochen hatte. Am Ende verliert sich Juana jedoch, fügt sich selbst Verletzungen zu und wird deshalb in eine Zelle bei den Nonnen untergebracht.

Eine kleine Anmerkung zu den vorgestellten Büchern, die natürlich eine weitergehende

Analyse erfordern, als ich sie hier in dem Überblick gebe: Die Erzählungen stellen für mich eine Situation des Übergangs und Aufbruchs dar. Der gesellschaftliche Einengung durch Staat, Familie und Kirche wird mit einem subversiven Diskurs begegnet. Wenn die Gesellschaft zum "Verrücktwerden" ist, dann muß sich die Gesellschaft ändern. Die Protagonitinnen kehren jedenfalls nicht wie zuvor in diese Welt zurück, indem sie ihre alten Rollen einnehmen. Sie treten heraus und verweigern sich. Ich denke es ist kein Zufall, daá dieser Ausbruch in den 80ern stattfindet, zu einer Zeit, in der die gesellschaftliche Realität der Autorinnen (Studium, Erfahrungen aus der Studentenbewegung, Beteiligung an Politik und Öffentlichkeit) von den noch fortexistierenden Rollenzuschreibungen in der Gesellschaft abweicht.

Literatur:

Araujo, Helena (1984): “Crítica Literaria Feminista?", in: Eco- Revista de la Cultura de Occidente, Vol. XLIV, Nr. 270, April 1984, Bogotá.

Araujo, Helena (1989): La Scherezada Criolla. Ensayos sobre Escritura Femenina Latinoamericana, Universidad Nacional de Colombia, Bogotá.

Gonzales, Yolanda (1995): “Movimiento de mujeres en los años 60 y 70. La diferencia

hombre-mujer: del equilibrio al conflicto”, in: Las Mujeres en la historia de Colombia, Tomo I: Mujeres, historia y política, Grupo editorial Norma, Bogotá, 1995.

Guerra, Lucía (1994): La Mujer Fragmentada- Historias de un Signo, Ediciones Casa de las Américas, Habana.

Montserrat Ordoñez (1987): "Escritoras Latinoamericanas: Encuentros Tras Desencuentros", in: Boletín Americanista, No. 36, Universidad de Barcelona, Jan. 1987.

Puyana, Yolanda: "Los Estudios de Género en la Universidad Nacional" (1996), in: En Otras Palabras No.1, Editoras: Grupo Mujer y Sociedad de la Universidad Nacional de Colombia, Corporación Casa de la Mujer de Bogotá, Fundación Promujer, Bogotá.

Showalter, Elaine (1990): "Feminist Criticism" in: Peter Collier/Helga Geyer-Ryan (Hg.), Literary Theory Today, Ithaca, New York: Cornwell University Press.

Williams, Raymond L.(1992): Novela y poder en Colombia- 1844-1987, Tercer Mundo Editores, 2. Ed.(1. Ed. 1991), Bogotá.

Interviews u. Gespräche mit den Schriftstellerinnen Rocio Velez de Piedrahita, Fanny

Buitrago, María Mercedes Carranza und María Elvira Bonilla. Gespräche mit Professorinnen an den Universitäten: Betty Osorio de Negret, Angela Inés Robledo, Sarah de Mójica, Mery Luz Giraldo, Sonia Gómez.

Casa de la Mujer: Verschiedene Veröffentlichungen der Gruppe, insbesondere die Zeitung Vamos Mujer, Ausg. Febr. 1983 - Mai 1990. Interview mit Martha Lucía Uribe, besondere Unterstützung bei der Organisation: Clara Inés Bohórquez Buitrago.

Ich bedanke mich bei allen für die nette Unterstützung bei der Durchführung des Projektes! Eine meiner Erfahrungen war, daß es diese Romane, besonders diejenigen, die Ende der Siebziger, Anfang der 80er Jahre erschienen sind, nirgendwo in Bogotá zu kaufen gab, einige Bücher konnte ich nur als Kopien mitbringen Nicht erhältlich waren die Bücher von Alba Lucía Angel: Misía Señora und Estaba la pájara pinta sentada en el verde limón, die früheren Bücher von Fanny Buitrago wie: El hostigante verano de los dioses und die Bücher von Marvel Moreno: Algo tan feo en la vida de una Señora bien und En diciembre llegaban las brisas. Die Romane La Cisterna von Rocio Velez de Piedrahita und Reptil en el tiempo von Maria Helena de Estrada wurden von dem Verlag in Medellin für AutorInnen aus Antioquía Ediciones Autores Antioqueños wiederaufgelegt und waren auch in Bogotá zu kaufen. Neuere Bücher, wie Jaulas von María Elvira Bonillo, Las horas secretas von Ana Maria Jaramillo und Un vestido rojo para bailar boleros von Carmen Cecilia Suarez waren in den Buchläden vorrätig.

12 von 12 Seiten

Details

Titel
Schriftstellerinnen und Öffentlichkeit - Frauenliteratur in Kolumbien
Hochschule
Freie Universität Berlin
Autor
Jahr
2000
Seiten
12
Katalognummer
V95733
Dateigröße
361 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schriftstellerinnen, Frauenliteratur, Kolumbien
Arbeit zitieren
Marianne Dörmann (Autor), 2000, Schriftstellerinnen und Öffentlichkeit - Frauenliteratur in Kolumbien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/95733

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