Die slavischen Ortsnamen im Kreis Herzogtum Lauenburg


Seminararbeit, 1999
41 Seiten, Note: 1,7

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Inhaltsverzeichnis

1. Inhaltsangabe

1.) Inhaltsangabe

2.) Geschichte der slavischen Ortsnamen im Kreis Herzogtum Lauenburg

3.) Kommentierung des Textes
3.1. Zum Untersuchungsgebiet Herzogtum Lauenburg
3.2. Die Geschichte des Kreises

4.) Die linguistisch-onomastische Auswertung

5.) Fazit

6.) Anhang (Tabellen und Karten)
T1. Geschichte des Herzogtum Lauenburgs
T2. Ortsnamen des Herzogtum Lauenburgs in Zahlen
T3. Einteilung der slavischen ON in morphologische Kategorien
T4. Einteilung der slavischen ON in lexikalische Kategorien
T5. Die vollständigen slavischen Ortsnamen im Kreis Hzgt. Lauenburg
K1. Siedlungsentwicklung im Mittelalter im Kreis Hzgt. Lauenburg

7.) Literatur und Quellen

2. Die Geschichte der slavischen Ortsnamen im Kreis Herzogtum Lauenburg

Immer, wenn mich mein Freund aus den USA in Hamburg besuchte, fuhren wir einen Tag hinaus und bewunderten das, was er in seiner Heimat so sehr vermißte: sattes Grün und eine liebliche Hügellandschaft. Bei diesen Ausflügen musterte er die Landschaft sehr genau - besser gesagt, er verschlang sie regelrecht. Welche Entbehrungen er wohl in der texanischen Wüste über sich ergehen lassen mußte! Das Schema unserer Ausflüge war jedesmal ähnlich: eine oder anderthalb Stunden Autofahrt, Einkehr in einen Gasthof und dann nochmals zwei, manchmal auch drei Stunden Fahrt. Wir liebten dabei vor allem die kleinen unscheinbaren Straßen, die direkt durch Felder und Wälder führten und die größeren Orte umgingen.

So fuhren wir an einem heißen und schwülen Sommertag von Hamburg aus in das nahegelegene Herzogtum Lauenburg, wobei wir zunächst einmal Mölln umgehen und dem Elbe-Lübeck-Kanal auf westlicher Seite folgen wollten. Später dann, auf der Rückfahrt, würden wir Ratzeburg und Mölln noch anschauen, zunächst aber mitten durch die Landschaft fahren. Als sich die Kaffee-Zeit näherte und wir gerade die Gemeinde Kühsen erreicht hatten, entdeckte der Freund ein Straßenschild, das den Weg zur Ortschaft Anker wies. „Yeah, dorthin mussen wir, da gibt es bestimmt sicherlich Bar ‚Zum Anker‘“. „Wo Gasthaus ‚Zum Anker‘, da auch ‚Anker‘ - also Schiffe“, dachte ich mir und wurde munter. Ein Ausflug in die Pampa mit Hafen, das war mir eine recht willkommene Abwechslung! Ich weiß nicht mehr, wer bei der Ankunft enttäuschter war, mein texanischer Freund oder ich: weder ein Gasthof noch ein Hafen, lediglich eine kleine Ortschaft unweit eines Sees! Wie konnte das passieren: ein Ort, der so heißt, aber nicht einmal einen Hafen hat, geschweige denn einen Gasthof mit diesem Namen, der doch in ganz Deutschland in jedem zweiten Ort existiert!? Um der Sache auf den Grund gehen zu können, begann ich, mich mit den Ortsnamen im Herzogtum Lauenburg zu beschäftigen. Gewappnet mit einigen Büchern über Geschichte und Kultur der Region ließ sich tatsächlich herausfinden, was es mit diesem seltsamen Ortsnamen auf sich hatte. Um diese Benennung zu verstehen, mußte ich allerdings zunächst die Geschichte Lauenburgs und die Grundzüge der Ortsnamen kennenlernen. Dabei stellte ich Folgendes fest:

Im Herzogtum Lauenburg wurden vor etwa 1300 Jahren die Grundlagen für die heutigen Ortsnamen gelegt. Ende des 6. / Anfang des 7. Jahrhunderts wanderten slavische Stämme in diese Region ein und fanden ein Gebiet vor, das seit einigen Jahrhunderten nahezu unbewohnt gewesen war. Alte germanische Bewohner hatten dieses Gebiet lange genutzt, doch als der Boden nichts mehr hergab, wanderten diese Völker aus. Im Laufe der Zeit hatte sich der Boden jedoch wieder regeneriert und konnte erneut genutzt werden, so daß die slavischen Volksgruppen, die hier durchzogen, gutes Land vorfanden und sich gerne niederließen. Vermutlich zogen diese Stämme die Elbe entlang, die ihnen auch ihren Namen gab: Polaben („Bewohner an der Elbe“). Ihre Sprache war polabisch, eine dem polnischen nicht unähnliche slavische Sprache. Zunächst konnten diese slavischen Einwanderer ungestört Wald roden, Boden bearbeiten und Siedlungen anlegen. Dies erklärt, warum von den 245 in Kreis Lauenburg vorkommenden Ortsnamen fast die Hälfte, nämlich 109 (44,5%), slavischen Ursprungs sind.

Schon bald expandierten die Slaven in germanisches und die nicht weit entfernt siedelnden Germanen in slavisches Gebiet, was zu Problemen führte. Karl der Große schloß um 810 einen Vertrag mit den Slaven und begründete den Limes Saxoniae, eine Grenzlinie zwischen den Slaven und Germanen. Diese Linie verlief von Stubben über Sandesneben, Borstorf, Hornbek, Güster, Büchen und die Stecknitz entlang bis zur Elbe. Diese Grenze war vermutlich keine Befestigung, sondern eine den Naturgegebenheiten angepaßte Linie, wurde aber von beiden Seiten zunächst akzeptiert. Daher kommen direkt an der Elbe im Bereich Lauenburg und Geesthacht, die auf germanischer Seite des Limes lagen, keinerlei slavische Ortsnamen vor. Weiter im Norden finden sich dagegen auf beiden Seiten des Limes sowohl slavische als auch germanische Siedlungsnamen. Zwei bis drei Jahrhunderte lebten Germanen und Slaven als direkte Nachbarn, und der Limes entwickelte sich zu einer Art „Grünen Grenze“, deren Übertreten toleriert wurde. Schwieriger war dagegen die Situation zwischen den Fürsten der einzelnen Slavenstämme, die in diesen Jahrhunderten mehrmals gegeneinander Krieg führten, meist im Streit über die Religion, da einige Stämme christlich, andere heidnisch orientiert waren. Die christlichen Slaven verbündeten sich im 12. Jahrhundert sogar mit den starken Sachsen und besiegten die heidnischen Stämme. Doch auch diese Verbindung war nicht von Dauer. 1143 wurde das Gebiet des Herzogtum Lauenburgs unter den germanischen Fürsten aufgeteilt, was praktisch das Ende der Polaben bedeutete. Sachsen, Westfalen, Holländer und Friesen wurden in dem Gebiet angesiedelt. Hatten die Slaven vor den Germanen nicht schon Reißaus genommen, wurden sie vermutlich umgesiedelt und ihre bereits erschlossenen Siedlungen von den Zugezogenen in Anspruch genommen. Oder aber sie blieben in ihren Siedlungen und weitestgehend unter sich, während die Germanen neue Siedlungen gründeten. Oder sie arrangierten sich. Es läßt sich nur vermuten, wie das Verhältnis der beiden Volksgruppen in dieser Zeit zueinander war. Schwierigkeiten dürfte die Verständigung gemacht haben, denn wahrscheinlich verstand kaum jemand die Sprache der anderen. Um so erstaunlicher, daß die Ortsnamen der Polaben beibehalten wurden und in einigen Fällen sogar bei wesentlich späteren Siedlungsgründungen noch polabische Namen verwendet wurden.

Die wichtigste Quelle für die Namensforschung im Herzogtum Lauenburg ist das Ratzeburger Zehntregister, in das sämtliche Steuerzahler eingetragen wurden, die dem Fürsten ihren Teil abtreten mußten. Die Aufzeichnungen beginnen 1230, also fast 100 Jahre nach der Einnahme des Gebietes durch die Germanen. Hier sind sämtliche Ortsnamen in der damals gebräuchlichen, bereits eingedeutschten Form notiert. Es ist davon auszugehen, daß dieses Register vollständig ist, denn welcher Herrscher wollte schon auf einen Teil der Steuern verzichten, was das Fehlen eines Ortsnamens bedeutet hätte. Mit Hilfe der im Zehntregister verwendeten alten Formen der Ortsnamen lassen sich vermutete polabische Formen rekonstruieren. So erscheint Mölln 1230 als Mvlne und könnte vom polabischen Wort „mul“ stammen, was soviel wie „Schlamm, trübes Wasser“ bedeutet. Nun muß überprüft werden, ob sich auch tatsächlich Wasser in der unmittelbaren Umgebung befindet. Ein Ort in der Sahara hätte vermutlich nur wenig Chancen auf den Namen „Seerose“, aber wenn es ihn gäbe, würde man nachschauen wollen, ob es dort auch Seerosen gibt oder gab. Auf diese Weise sind im Herzogtum Lauenburg fast alle Ortsnamen überprüft worden. Das ist in einigen Fällen leicht, wie etwa bei Mölln oder bei Mustin (1230 Mustin), daß wahrscheinlich aus dem polabischen Wort „most“ für „Brücke“ gebildet wurde. Beide Orte befinden sich am Wasser und daher scheint eine solche Verbindung nicht unlogisch zu sein.

Bei schwierigeren Ortsnamen mußten die Forscher mit anderen Orten vergleichen. Dieses ist vor allem bei nach Personen benannten Orten der Fall, die sehr häufig sind. Es ist schwierig festzustellen, ob Karlsruhe von einem Karl gegründet wurde, zu Ehren eines Karls so heißt oder aber die Verwandten des Karl dort hausen. Dagegen gibt es keinen Zweifel, daß Karl ein Personenname ist und diesem Ort den Namen gegeben hat. Wäre uns aber der Name „Karl" unbekannt, müßten wir zunächst überprüfen, ob es vielleicht noch einmal irgendwo einen Ort gibt, der auch mit „Karl“ zu tun hat. Erst dann könnten wir vermuten, daß es einen Personennamen Karl gegeben haben kann und das mit alten Quellen vergleichen.

Die Ortschaft Lüchow ist schon allein wegen ihrer ow-Endung verdächtig, einen slavischen Namen zu tragen: eine typische Endung slavischer Familiennamen. 1230 heißt der Ort Lvchowe, aber nur ein erfahrener Forscher kann wissen, daß es in den verschiedensten Regionen slavischer Besiedelung einen Personennamen Luch gegeben hat und einige Orte auch nach diesem Namen benannt wurden. Noch schwieriger ist es bei Orten wie Lütau, bei denen das slavische -ow zu einem deutschen -au geworden ist. Hier ist wieder ein Blick in das Zehntregister nötig, in dem die Form Lvtowe erscheint. Danach erst kann vermutet werden, daß es sich um einen Familiennamen handelt, benannt nach einer Person namens Lut. Gibt es in Polen, Tschechien und in Deutschland östlich der Elbe einige Orte, bei denen ein "Lut" eine Rolle spielt, so kann angenommen werden, daß es sich auch hier um eine Person namens Lut handelt. Allerdings ist es nicht immer möglich, eine genaue Zuordnung zu erreichen. So könnte Kogel (1230 Cowale) von einem Namen Koval oder aber von der Berufsbezeichnung Koval („Schmied“) stammen. Hier stellt sich die Frage, ob zuerst die Henne oder das Ei vorhanden war. Ist ein „Müllersdorf“ nach einem Menschen mit Namen Müller oder nach einem Menschen mit dem Beruf Müller benannt worden? Bei solchen Ortsnamen läßt sich nur entscheiden, ob sie germanischer oder slavischer Herkunft sind, nicht aber, was die Ursache ihrer Benennung ist.

Können nun die Ortsnamen aufzeigen, wie damals die Bewohner des Herzogtums Lauenburg mit dieser Zweisprachigkeit und der jeweils anderen Kultur umgegangen sind? Es lassen sich Vermutungen aufstellen, bei denen die Ortsnamen Indizien sein können. Wahrscheinlich waren für die germanischen Siedler die sprachlichen Verständigungsprobleme größer als für die Slaven, denn die Germanen kamen in ein fremdsprachliches Gebiet. Wollten sie mit den Alteingesessenen kommunizieren, so mußten sie die polabische Sprache verstehen. War dieses nicht der Fall, verstanden sie auch die Ortsnamen nicht. Für eine unzweifelhafte Identifizierung der Siedlungen war der alte Name wichtig, daher übernahmen die Neusiedler die slavischen Namen und sprachen sie so aus, wie es für sie am einfachsten war. So wurde im Laufe der Zeit aus Belowe Bälau, aus Cankelowe Kankelau, aus Nussowe Nüssau.

Erklärungen bedarf es keiner, denn wir machen heute noch aus Moskwa Moskau und aus Warszawa Warschau.

Es kann anhand der genannten Beispiele auch angenommen werden, daß Slaven und Germanen zusammen in einem Ort lebten und sich einigermaßen verstanden, was einen völlig neuen Ortsnamen überflüssig machte. Für eine These des friedlichen Miteinanders gibt es noch weitere Anhaltspunkte. So existieren auffällig viele Ortsnamen in slavisch - deutscher Mixsprache, mehr als in anderen vergleichbaren Gebieten. In Bliestorf, Dassendorf, Düchelsdorf, Kählstorf und einigen weiteren Orten könnten durchaus auch Polaben am Ausbau einer germanischen Siedlung beteiligt oder federführend gewesen sein, lassen sich doch hier Rückschlüsse auf einen polabischen Personennamen ziehen (Bliestorf, 1400 Blystorp, „torp des Bliz“). Ein weiterer Beweis für gegenseitige Toleranz könnte sein, daß sich sogar westlich des Limes Saxoniae - also auf germanischer Seite - eine beträchtliche Anzahl von Ortschaften mit slavischen Namen befindet, die erst nach dem Limesbau gegründet wurden, so etwa Kankelau, Pampau, Wangelau, Lütau, Krukow, Gülzow und einige mehr.

Es lassen sich aber auch Gegenbeispiele finden, in denen die slavische Bevölkerung an einen benachbarten Platz übergesiedelt wurde, während die neuen germanischen Siedler das bereits bestellte Land an sich nahmen. Um sich von den slavischen Siedlern an ihrem neuen Platz zu unterscheiden, vergaben sie Zusätze wie Groß- (für germanische Siedlungen) und Klein- oder Wendisch- (für slavische Siedlungen). Wenn man tatsächlich davon ausgeht, daß in Orten mit slavischen Namen auch slavische Siedler gelebt haben, lässt sich feststellen, daß die Polaben nach ihrer Zwangsumsiedlung mit weniger fruchtbaren Äckern vorlieb nehmen mußten. Ihre neuen Siedlungen existieren heute zum größten Teil nicht mehr, weil sie vermutlich wegen zu geringer Ernteerträge aufgegeben werden mußten. Von den insgesamt 20 nach 1143 existierenden Orten mit Doppelnamen waren 11 slavische, 7 deutsche und 2 sprachlich nicht identifizierbare Siedlungen. Davon wurden wegen schlechter Lage sieben slavische, aber nur eine germanische Siedlung aufgegeben. Es ist auffällig, daß die unrentablen Orte hauptsächlich solche mit Doppelnamen und slavischen Grundwort waren.

Obwohl die Indizien überwiegen, die für ein einigermaßen friedliches Nebeneinander sprechen, endete mit Beginn der Sachsenherrschaft im Gebiet Lauenburg die Existenz der Polaben. Nach und nach wurden die noch verbliebenen Slaven zu

Deutschen, in Sprache und Kultur. Ab Anfang des 16. Jahrhunderts begann die polabische Sprache auszusterben, und nur noch sehr wenige Menschen konnten diese Sprache bis ins 18. Jahrhundert hinein sprechen.

Nachdem ich dieses alles erfahren hatte, konnte ich meinem Freund mitteilen, daß wir nicht viel schlauer gewesen waren als die Germanen einige Jahrhunderte zuvor. ‚Anker‘ hatte nämlich überhaupt nichts mit dem von uns erwarteten Schiffsanker zu tun. Es handelt sich hierbei um eine polabische Siedlung, die 1230 noch Mancre hieß und vom polabischen Wort Makar stammt, was entweder ein Personenname war oder die Mehlhändler bezeichnete. Da die Germanen jedoch immer von der Ortschaft „tom Mancre“ redeten, verschmolzen irgendwann einmal die beiden „M“ zu einem, und es entstand der Ortsname „tom Ancre“, der - zu Anker verkürzt - seine ursprüngliche Bedeutung verlor. Daß wir an jenem schwülen und stickigen Tag unseren Kaffee in Groß-Disnack (1230 Dvsnik von duschny, „stickig, schwül, verfault“) tranken, war allerdings Zufall und wurde uns auch erst im Nachhinein bewußt.

3. Kommentierung des Textes

3.1. Zum Untersuchungsgebiet Herzogtum Lauenburg

Für die slavische onomastische Betrachtung eines abgegrenzten Gebietes innerhalb Deutschlands eignet sich das Herzogtum Lauenburg sehr gut. Auf relativ kleiner Fläche sind hier in überschaubarer Menge Ortsnamen vorhanden, sowohl slavische als auch germanische. Insgesamt 245 Ortsnamen machen den Kanon aus, auf dem diese Arbeit beruht. Davon sind 109 Namen eindeutig slavischen Ursprungs. Somit liegt hier eine vollständige Namensliste vor, wie sie in anderen Kreisen und Regionen aus Gründen der Kapazität nicht möglich sein wird. Die geographische Abgrenzung ist vorgegeben, da sich die Grenzen des Herzogtums Lauenburg im Laufe der Jahrhunderte kaum verschoben haben.1 Die Literaturlage ist hervorragend.2 Es gibt nicht nur zahlreiche Literatur zur Geschichte des Kreises, sondern auch intensive Abhandlungen zweier Autoren zur Onomastik des Untersuchungsgebiets: eine Arbeit von Antje Schmitz und eine von Reinhold Trautmann.3

Schmitz ist das ausführlichste und aktuellste in diesem Gebiet der Onomastik. Trautmann ist schon etwas älter und führt daher Orte an, die in Polen liegen und heute eine polnische Bezeichnung tragen. Schmitz geht alphabetisch vor, während Trautmann die Ortsnamen nach linguistisch-semantischen Kategorien behandelt. Dadurch wird er etwas unübersichtlich, zudem es sich um zwei Bände und ein Register handelt. Schmitz behandelt dagegen auch die deutschen Ortsnamen, was zunächst einmal eine Selektion im Register erforderlich macht.

Von Schmitz liegen ebenso zwei Bände zu Gewässernamen vor, jedoch nicht zu dem Gebiet Lauenburg, sondern zu den Kreisen Ostholstein und Plön. Im o.g. Buch sind aber viele Hinweise und Verweise auf Gewässernamen. Trautmann hat in seinem Register ein Teil mit Flur- und Gewässernamen, die er in seinen beiden Werken behandelt.

Als beste Grundlage für Kartenmaterial über das Gebiet Herzogtum Lauenburg bietet sich ein Regionalatlas an, der auf großen Blättern genaue Karten und Kurzübersichten zu einzelnen Themenschwerpunkten beinhaltet.4

Eine weitgehend vollständige Quellensammlung und viele archäologische Funde runden diesen Themenbereich ab. Somit stellt sich der Kreis Herzogtum Lauenburg als ein in onomastischer Hinsicht sehr gut zu untersuchendes Gebiet dar.

3.2. Die Geschichte des Kreises

Bei der Beschäftigung mit der Geschichte des Herzogtum Lauenburgs fallen einige Besonderheiten auf, die gerade in onomastischer Hinsicht Fragen aufwerfen.5 Es kann festgestellt werden, daß Slaven und Germanen in diesem Gebiet gemeinsam gesiedelt haben, ein Beweis hierfür sind die Ortsnamen, die zu fast der Hälfte slavischen Ursprungs sind. So ist eine zentrale Frage die nach dem möglichen Zusammenleben germanischer und slavischer Siedler.

Nach der Okkupation und Annexion der slavisch besiedelten Gebiete durch die Sachsen und ihre Verbündeten 1139/1143 ist anzunehmen, daß sich die neuen Herrscher nicht besonders zimperlich gegenüber den Besiegten verhalten haben.

Trautmann, Reinhold: Die Elb- und Ostseeslavischen Ortsnamen, Teil 1 + 2, Berlin 1948 + 1949; Teil 3 (Register), bearb. v. Schall, H., Berlin 1956.

Trautmann, Reinhold: Die slavischen Ortsnamen Mecklenburgs und Holsteins, Berlin 1950.

Dennoch lässt sich dieses Verhalten anhand der Ortsnamen teilweise in Frage stellen. Es hat zwar vermutlich eine Vertreibung und Umsiedelung slavischer Bevölkerung gegeben, was sich an der bewußten namentlichen Abgrenzung der germanischen von den slavischen Siedlern mittels Namenszusätzen wie Groß-, Klein- oder Wendisch- feststellen läßt. Ebenso scheint es aber zahlreiche Orte gegeben zu haben, in denen die Slaven an ihrem Ort bleiben konnten und einen Teil der Bevölkerung in der Siedlung bildeten. Vermutlich war die Adaption der Slaven an die germanische Lebensweise in dieser Zeit schon so groß, daß sie als Bewohner in den eroberten Siedlungen nicht als Fremdkörper wirkten und mit der Germanisierung um 1200 keine Probleme hatten. Es ist vor allem auffällig, daß Ortsnamen bei der toponymischen Integration6 nicht übersetzt oder umbenannt wurden, sondern die slavischen Namen weiter gebraucht wurden, zwar „germanisiert“, aber der slavische Ursprung bleibt erkennbar.

In einigen Fällen scheint es auch in deutscher Zeit einen aktiven Aufbau von Siedlungen unter der Führung von Slaven gegeben zu haben, denn einige Orte tragen slavische Namen, die erst nach der Germanisierung in den Quellen auftauchen. Im Zehntregister von 1230 erscheinen die Ortsnamen ? †Bölckow, Grinau, †Kulpin, Labenz, Lanken, Rülau und †Tangmer noch nicht, sie sind vermutlich erst später gegründet worden.

Slavisch-deutsche Mischnamen mit deutschem Grundwort (wie -dorf, -feld und - rade) und polabischem Personennamen (? Bliestorf, †Brodesende, Dassendorf, Düchelsdorf, Kählstorf) zeugen davon, daß örtliche Lokatoren nicht nur Deutsche waren, sondern sich auch nach 1230 slavische Bauern und Adelige am Landesausbau beteiligten. Die Hälfte dieser Mischnamen taucht im Zehntregister von 1230 noch nicht auf, wogegen die andere Hälfte dieser Mischnamen bereits existierte (? †Cemerstorp, †Gardensee, Sierksrade, †Toradesdorf, Walksfelde). Dies kann bedeuten, daß sich die Situation der Slaven im Kreis Lauenburg nach der Okkupierung und Germanisierung des Gebiets nicht wesentlich verschlechtert hatte. Sowohl vorher als auch nachher stellen diese Mischnamen quasi eine Gleichberechtigung beider Sprachen dar.

Wohin die vertriebenen Slaven zogen, läßt sich nicht feststellen. Einige werden sich in der näheren Umgebung niedergelassen haben, andere zogen weiter weg. Einige Ortschaften sind komplett umgesiedelt worden. Meistens okkupierten die neuen Siedler die bereits bestehenden Siedlungen und wiesen den Slaven ein neues Stück Land in der Nähe zu, welches erst erschlossen werden mußte. Diese Ablegersiedlungen bekamen den gleichen Namen mit unterscheidendem Zusatz. Auffällig dabei ist unter diesen die große Anzahl der Orte, die einen slavischen Namen tragen (? †Klein-Anker, †Wendisch-Berkenthin, †Wendisch-Pogeez, †Klein- Salem, †Wendisch-Segrahn, †Wendisch-Ziethen7 ) und zu Wüstungen wurden. Mit der Annahme, daß in Orten mit slavischem Namen auch Slaven gelebt haben, läßt sich daher vermuten, daß die Germanen nicht darauf Rücksicht nahmen, in welches Gelände die Slaven neu angesiedelt wurden.

Es sollte aber auch beachtet werden, daß von den 245 Orten 60 Wüstungen mit slavischem und germanischem Namen in jeweils gleich großer Anzahl sind. Hier ist kein signifikantes Merkmal für Benachteiligung oder Bevorzugung zu entdecken. Zudem existieren einige Orte mit slavischem Namen, die sich weit hinter der Grenze des Limes in germanischem Gebiet befinden und erst nach der Festlegung des Limes entstanden sind (? Talkau, Kankelau, Pampau, Sahms, Grabau, Nüssau, und einige mehr). Dieses spricht eher für ein relativ friedliches Nebeneinander als für ein Gegeneinander der Völker. Dennoch muß man sich vor Augen halten, daß sich die Polaben an die sächsischen Gepflogenheiten anpassen mußten und nicht andersherum. Das sind jedoch alles lediglich Vermutungen aufgrund von Indizien, Beweise können dafür nicht erbracht werden. Ich halte aber ein Siedlungsgebiet, in dem zwei sprachlich unterschiedliche Völker friedlich nebeneinander lebten, auch im Mittelalter für durchaus realistisch und nicht zu weit hergeholt.

4. Die linguistisch-onomastische Auswertung

Insgesamt stand ein Kanon von 245 Ortsnamen im Kreis Herzogtum Lauenburg zur Verfügung.8 Hierin sind nicht nur die auch heute noch existierenden Ortsnamen enthalten, sondern ebenso die Wüstungen, die für eine Untersuchung der slavischen Ortsnamen von besonderer Bedeutung sind. Von diesen Ortsnamen sind 109 (44,5%) zweifelsfrei slavischer, 126 (51,4%) zweifelsfrei germanischer und 10 (4,1%) unklarer Herkunft. Gezählt wurden die Ortschaften, nicht die Namen. So sind 17 Orte mit unterscheidenden Zusätzen (Groß- vs. Klein- oder Wendisch-) als zwei Orte gezählt worden. 60 Orte (24,5%) sind Wüstungen, die heute nicht mehr existieren. Davon haben 30 einen slavischen und 30 einen deutschen Namen. Nach Halbierung der Doppelnamen und Abzug der Wüstungen bleiben noch 176 Ortsnamen, von denen 75 slavischer, 92 deutscher und 9 unklarer Herkunft sind.9

Grundlage für meine Untersuchung der slavischen Ortsnamen im Herzogtum Lauenburg sind die 109 Ortsnamen, die eindeutig polabischen Ursprungs sind. Alle Ortsnamen, bei denen unsicher ist, aus welcher Sprache sie motiviert wurden, bleiben unberücksichtigt10, ebenso alle deutschen Ortsnamen. Die linguistische Einordnung erfolgte nach den Grundlagen von Pleskalová11 und Schmitz. Pleskalová analysiert mittels Bezugsmodellen (BM) und Strukturmodellen (SM), die eine Aussage treffen können, welche Motivierung bei der Benennung eines Objekts ausschlaggebend war und mit welchen grammatischen Regeln diese Benennung erfolgte. Zwar beziehen sich Pleskalovás Bezugs- und Strukturmodelle auf Flurnamen, aber sie sind zum großen Teil auf Ortsnamen übertragbar und entsprechen der onomastischen Rekursion Šrameks und Eichlers.12 Pleskalová gibt vier unterschiedliche Bezugsmodelltypen an:

a) Lage des zu benennenden Objekts
b) Art des Objekts
c) Eigenschaften und Merkmale
d) Possessivitätsbeziehung oder andere Beziehung zu Personen

Aufgrund dieser Modelle habe ich versucht, sämtliche slavischen Ortsnamen in dieses Schema einzuordnen und bin zu folgendem Ergebnis gekommen: Von den 109 untersuchten Ortsnamen sind 28 eindeutig dem Modell a zuzuordnen (25,7%), kein Ort dem Modell b, 15 Namen dem Modell c (13,7%), und auf das Modell d entfallen 34 Ortsnamen (31,2%). 11 Orte (10,1%) sind mit deutschem Grundwort und slavischer Ergänzung gebildet worden. Von diesen entsprechen etwa 80% dem Typ b+d, sie sind für die genaue Betrachtung aber nur peripher von Bedeutung. Bei 21 Orten (19,3%) läßt sich eine eindeutige Motivierung nicht feststellen. Der Bezugsmodellgruppe a sind vor allem Orte zugeordnet worden, die in ihrer Motivation auf die Pflanzenwelt oder geographische Gegebenheiten zurückgehen. Schwierig sind die Fälle, in denen eine Bewohnergruppe, erkennbar am Suffix „-'ane“, den Namen bildet. Zeigt ein Ortsname wie Bresahn ("Uferbewohner") oder Segrahn ("Berganwohner") die Possessivität, die Lage, die Eigenschaft oder die Art der Siedlung an? Ich habe diese Fälle in Typ a einsortiert, da sich bei den hiervon betroffenen Orten die Lage am eindeutigsten zu bestimmen ist. Zudem meine ich, daß in diesem Ortsnamen zuerst die Lage beschreiben, dann erst die Bewohner. Alleine, also ohne die exemplarische Lage des Ortes, wären die Bewohner vermutlich nicht im Siedlungsnamen motiviert worden.

In die Gruppe a gehören auch die Ortsnamen, die mittels Präposition gebildet wurden (? Pogeez, †Wendisch-Pogeez, Segrahn, †Wendisch-Segrahn, Wotersen). Nach Pleskalová handelt es sich bei diesen ebenso um zweigliedrige Bezugsmodelltypen, bei denen die Präposition die Grundmotivierung angibt und der zweite Teil eine zusätzliche Motivierung darstellt,13 die im Bezugsmodell auch ausgedrückt werden sollte (? Segrahn von *za- und *gora; BM: a (*za-) + a oder b (*gora)). In meiner Arbeit sind diese Ortsnamen allerdings als einfacher Modelltyp a kategorisiert worden, da es mir für das Bezugsmodell unerheblich erscheint, wodurch der zweite Teil des Namens motiviert wurde, insbesondere dann, wenn eine Einordnung in Kategorie a oder b schwierig ist. Zudem will ich es nach Möglichkeit vermeiden, daß zuviele zwei- und mehrgliedrige Modelltypen auftauchen, da dieses die Statistik erheblich zerstückeln und ein für Thesen notwendiges, möglichst eindeutiges Bild vehindern würde. Lediglich bei zweisprachlichen Komponenten halte ich eine Einteilung in zwei Gruppen für notwendig (s.o.).

In der Gruppe c tauchen meist Ortsnamen auf, die durch Tiernamen motiviert wurden. Wenn ein Ort zum Beispiel nach einem Schwan benannt wurde (Kulpin), erscheint es mir einleuchtend, daß es sich eher um eine Frage nach dem am Ort befindlichen Eigenschaften und Eigenarten handelt als nach der Lage oder der Possessivität. Es ist auch nicht die Art der Siedlung, die mit einem solchen Namen ausgedrückt wird. Der Ort ist kein Schwan und hat vermutlich auch nicht die Form eines solchen, sondern ist lediglich so benannt worden, weil es dort viele gibt bzw. gegeben hat.

Am eindeutigsten sind die Ortsnamen des Typs d (Possessivität). In dieses Modell passen alle Ortsnamen, die mittels eines Personennamens gebildet wurden.

Schwierig sind in diesem Fall lediglich die Ortsnamen, die durch einen Familien- oder Berufsnamen motiviert wurden (? Anker, †Klein-Anker, Kogel), denn eine Berufsbezeichnung stellt sicher nicht eindeutig eine Possessivitätsbeziehung dar. Die ungeklärten Ortsnamen gehen auf zweideutige Motivierungsbeziehungen zurück. So sind einige Namen mit Hilfe des Suffix -ov gebildet worden, und es läßt sich nicht feststellen, ob die Motivierung durch einen Personennamen oder ein Appellativ erfolgte (? Kankelau, Klempau, Kollow,...). Dieses Problem stellt sich ebenso - wenn auch seltener - mit den Suffixen -in (? Kehrsen, Kühsen) und -ici (? Kittlitz, †Mazlewiz). Bei den Strukturmodellen (s.u.) können diese Ortsnamen allerdings gezählt werden, da sie alle eindeutig mittels Derivation entstanden sind. Das zweite Modellsystem, das des Strukturmodells (SM), beschreibt die grammatische Wortbildungsstruktur. Hier unterscheidet man zwischen sieben verschiedenen Typen:

a) Toponymisierung (direkte Übertragung eines Lexems zum Ortsnamen, ? Tramm von *Traba von *traba)
b) Metaphorische oder metonymische Bildung ( Übertragung eines Teils oder Eigenschaft auf Namen, ? †Kolatza von *kolac14 (runder Kringel, runder Kuchen)
c) Derivation (Bildung mittels Affixen)15
d) Komposition (zwei oder mehr zusammengesetzte autosemantische Wörter bilden den Ortsnamen, ? Langenlehsten)
e) Polylexematische Bildung (zwei oder mehr einzelstehende autosemantische Wörter, ? Alt Mölln)16
f) Bildung von präpositionalen Zusammensetzungen (? Segrahn)
g) Übernahme von Toponymen und Appellativen aus anderen Sprachen (? Dassendorf)

Anhand dieser Einordnung erhalte ich folgendes Ergebnis:

Von 109 untersuchten slavischen Ortsnamen sind 10 Orte vom Typ a (9,2%), 90 vom Typ c (82,5%) und 9 nicht zu bestimmen (8,3%).

Bei dieser Zählung betrachte ich in erster Linie die grammatische Bildungsweise des slavischen Teils des Ortsnamens. Dieses scheint mir im Vordergrund zu stehen, weshalb andere Kategorien zwar ebenso vorhanden sind, jedoch nur zusätzlich zu den genannten beiden Kategorien a und c. Innerhalb der Ortsnamen gibt es Überschneidungen mit anderen Kategorien, die bewirken, daß einzelne Ortsnamen in zwei oder drei Kategorien eingeordnet werden können. Bei 28 Ortsnamen (25,7% aller Ortsnamen) der Kategorie c treffen zusätzlich die Typen d und g zu. Hierbei handelt es sich um sämtliche Ortsnamen mit deutschen Elementen im Namen. Dieses sind Orte wie †Brodesende, Dassendorf sowie †Klein-Anker und Groß- Zecher. Sie sind im slavischen Teil mittels Derivation entstanden. Betrachtet man aber den gesamten Ortsnamen, so ist dieser Ort zudem eine Komposition (d) und aus anderen Sprachen gebildet worden (g).

Bei fünf Orten gehe ich von einer Metonymisierung / Metaphorisierung aus, die damit zusätzlich zur Kategorie a (Toponymisierung) den Typen b aufweist (? †Kolatza, Nusse, Sterley, Tramm).

Ebenfalls fünfmal erfolgte der Zusatz des Typs f (präpositionaler Typ, ? s.o., immer in Zusammenhang mit Kategorie c).

Nur einmal taucht die Strukturmodellkategorie e in einem Ortsnamen auf (? Alt Mölln). Beachtet man aber die Schwierigkeit mit "Bindestrichnamen"17, so könnte dieser Typus ebensogut einige Ortsnamen mehr enthalten.

Bei sämtlichen unklaren Fällen handelt es sich um Ortsnamen, die aus Personennamen gebildet wurden, bei denen aber unsicher ist, ob sie der Strukturmodellkategorie a (Bildung ohne Suffix, Toponymisierung eines Personennamens) oder c (Bildung mit Suffix) angehören (? Anker: von Makar-j- / -j- Suffix / Kategorie c oder von Makare (Pl.) / kein Suffix18 / Kategorie a. Abschließend läßt sich feststellen, daß der prototypische slavische Ort im Kreis Herzogtum Lauenburg der ist, der aus einem Personennamen mittels Suffix -ov gebildet wurde und bei Pleskalová der Typisierung d/c (Possessivität / Derivation) entspricht.

Eine weitere Möglichkeit zur Kategorisierung zeigt Schmitz.19 Sie stellt eine Liste auf und kategorisiert die Ortsnamen in zwei Gruppen: in eine mit aus Appellativen gebildete und eine aus Personennamen gebildete Ortsnamen. Innerhalb dieser Sortierung teilt sie die Namen in primäre und sekundäre ein, wobei die primären

Ortsnamen dem Pleskalová-Terminus „Toponymisierung", sekundäre dem Terminus „Derivation" entsprechen.20 Diese Aufteilung nach Schmitz erscheint zunächst ausführlicher als die Aufteilung nach Strukturmodellen, da hier die einzelnen Suffixe getrennt aufgeführt werden. Durch die teilweise schwierige Bewertung vor allem der - ov-Suffixe, die ja teilweise sowohl bei Personennamen als auch bei Appellativa verwendet wurden, erscheinen hier fast überall Doppelnennungen. Diese werden aber bei einer einfachen Analyse in Strukturmodellen überhaupt nicht berücksichtigt und fallen somit bei einer Wertung heraus. Daher halte ich diese Aufteilung als Ergänzung für sinnvoll, läßt sich doch so auch bei unsicheren Ortsnamen zumindest feststellen, daß es bestimmte Tendenzen hin zu bestimmten Kategorien gibt oder eben nicht gibt, wie bei den Typen „Ortsnamen aus Personennamen" oder „Ortsnamen aus Appellativa" - beide Gruppen scheinen ähnlich produktiv gewesen zu sein.

Weiter kategorisiert Schmitz nach Motivierungen, ähnlich den Bezugsmodellen.21 Hier erscheinen fünf Gruppen:

A) Topographische Namen
B) Kulturnamen
C) Possessivische Ortsnamen
D) Menschengruppen
E) Unklare Fälle

Innerhalb dieser Gruppen unterteilt Schmitz noch einmal, so z.B. unter B in Siedlungstätigkeit, Ackerbau und Waldwirtschaft.

Diese Kategorien stellen eine Alternative zu denen von Pleskalová dar, da sie eine Sortierung bei der Frage nach der Motivierung vereinfachen. Ein Beispiel: Sahms kommt von *žaba = „Frosch“. Diese Feststellung erschwert bei Pleskalová eine Zuordnung, da sich die Frage stellt, ob die Frösche die Eigenschaft des Ortes sind, oder ob sich der Ort in einer froschreichen Gegend befindet. Bei Schmitz spielt dieses keine Rolle, es wird lediglich entschieden, daß die Tierwelt beim Benennungsakt eine Rolle gespielt hat. Andererseits können diese Kategorien nicht alle Fragen nach der Motivierung vollständig beantworten. Ein Ort wie †Wizok von *vysoky = „hoch“ ist anders motiviert als Segrahn, die nach Schmitz beide in die Kategorie A (topographische Namen nach Landschaftserhebungen) gehören. †Wizok bezeichnet eine Eigenschaft der Siedlung, Segrahn dagegen die Lage. Eine weitere große Schwierigkeit stellt meiner Meinung nach die Kategorie D (Menschengruppen) dar. In ihr müßten Ortsnamen auftauchen, die bereits in einer anderen Kategorie erfasst wurden. Bewohnernamen und Patronymika sind im Wesentlichen durch Affigierung entstanden (? Segrahn von *Zagor'ane: *za- + *gora + * '-ane) und können als Grundmotivierung durchaus einer anderen Kategorie angehören, bei Segrahn zum Beispiel der nach topographischen Erhebungen. Mittels topographischer Appellativa sind 37 der 109 Ortsnamen gebildet worden, das entspricht 33,9%. Um Kulturnamen handelt es sich bei acht Ortsnamen oder 7,3%.

43 Siedlungen, das sind 39,4%, tragen possessivische Ortsnamen, wobei auch die deutsch-slavischen Namen dazugezählt wurden, deren slavischer Teil einem Personennamen zugrunde liegt und unabhängig davon, ob das deutsche Grundwort einer anderen Kategorie zugerechnet werden müßte.22 Zu den unklaren Fällen zählen insbesondere die Ortsnamen, die zwar eindeutig slavisch sind, aber nicht bestimmt eingeordnet werden können, da sie mehrere plausible Etymologien enthalten können.

Doch auch unabhängig von allen Modellen gibt es Schwierigkeiten, so zum Beispiel die der Wüstungen (†). Nicht immer sind Wüstungen nicht mehr vorhandene Orte, manchmal wurden sie auch umbenannt. In einem solchen Fall ist unklar, welcher Ortsname Basis für die Arbeit sein soll. Eine Zuordnung ist dann schwierig, weil der heutige Ortsname völlig anders motiviert sein kann als der vor hundert und der vor fünfhundert Jahren, wie etwa bei †Kolatza, 1158 Kolatza, Grundform *Kolac von *kolac (‚runder Kuchen, rundes Flurstück‘) oder von PN *Kolac, vermutlich umbenannt in †Klotesfelde, niedergelegt 1573 und an seiner Stelle Gründung von Gut Althorst, umbenannt in Neurad, dann in Horst, urkundliche Erwähnung: 1323 „agri Horst“ und 1358 „agri dicto Clotesuelder Horst“. Gleiches kann bei †Wendisch- Pogeez, †Lalkau und †Pezeke beobachtet werden.23 Da ich von den Ortsnamen und nicht von der tatsächlichen Anzahl von Orten ausgehe, habe ich diese Orte mehrfach gezählt, unter ihrem Wüstungsnamen und unter dem heutigen Namen. Da für mich aber letztlich nur der slavische Ortsname von Belang ist und die neueren Benennungen alle deutsch sind, taucht eine Mehrfachzähl der 24 5 gesamten Ortsnamen auf.

Ein weiteres Problem ist, daß Ortsnamen häufig lautlich und formal an bereits vorhandene Ortsnamen, bzw. an bestehende appellativische Wörter, angeglichen werden (sekundäre semantische Motivierung). Dieses ist besonders bei den slavischen Suffixen ‚-ov-´ und ‚-ava-´ der Fall, die mit dem mnd. Grundwort ‚awe, owe, ouwe‘, nnd. ‚Au‘ (‚fließendes Gewässer, Bach, Gewässer‘), zusammenfallen. Dadurch sind vielerorts die Endungssuffixe ‚-ov-´ zu ‚-au‘ und ‚-ow‘ geworden und eine genauere Deutung schwierig, siehe Bälau (Belowe/bälo), Farchau (Ferchowe/faxau), Grabau (Grabowe/grabau), Linau (Linowe/lino), und weitere.

Dennoch handelt es sich um slavische Namen. Nur müßte noch geklärt werden, ob es sich um einen zweigliedrigen deutsch-slavischen Ortsnamen oder um einen rein slavischen mit Suffix -ov gebildeten Ortsnamen handelt. Die Germanen könnten durchaus an eine „Au“, die Slaven aber an ein Suffix -ov gedacht haben, zu klären ist das nicht.

Aber auch Entlehnungen gibt es, die durch sprachliches Unverständnis hervorgerufen wurden. So wurde aus Parketin (Grundform *Parchotin von Personenname *Parchota) Berkenthin, angelehnt an mnd. berke, barke (‚Birke‘). Die Germanen konnten mit einem Parchota nichts anfangen und tauschten P und B einfach aus, wodurch ein für sie logischer Zusammenhang zur Birke hergestellt wurde. Ähnlich verhält es sich mit dem Fall der falschen Abtrennung. Anker, 1230 Mancre von Personenname *Makar, taucht in einer Urkunde 1509 als thom Mangker auf. In der Sprache ist aus dem tom Manker(e) > tom Anker geworden. Hier könnte eine volksetymologische Umdeutung vorliegen zum ndt. ‚Anker‘. Schmitz überlegt, ob dabei an einen Wirtshausnamen gedacht wurde. Den Deutschen war es wohl egal, Anker jedenfalls verstanden sie besser als Mankar. Dieser Sprachfehler ist einmalig im Kreis Herzogtum Lauenburg.

5. Fazit

In linguistischer Hinsicht ist ein Fazit schwierig. Die Polaben im Gebiet Lauenburg waren bei der Auswahl ihrer Ortsnamen sehr produktiv und haben sowohl auf Appellativa, als auch auf Personennamen zurückgegriffen, im Norden genauso wie im Süden. Die fast gleiche prozentuale Aufteilung der Motivierungen veranschaulicht dieses deutlich. Die Besonderheit dieser Region liegt in den relativ häufigen deutsch- slavischen Mischnamen. In ihnen kann man die Besonderheit der Geschichte Lauenburgs ablesen, die linguistisch dadurch interessant wird, daß sie in einem Kontaktgebiet zweier Völker lag. Historische Fragen können durch linguistische Forschungen teilweise beantwortet oder zumindest konkretisiert werden.

6. Anhang

- Tabelle 1: Geschichte des Herzogtums Lauenburg 24 25

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

- Tabelle 2: Die Ortsnamen des Herzogtums Lauenburg in Zahlen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten26

- Tabelle 3 Einteilung der slavischen Ortsnamen in morphologische Kategorien nach Schmitz27:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

- Tabelle 4: Einteilung der slavischen Ortsnamen in lexikalische Kategorien nach Schmitz

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

- Tabelle 5: Die vollständigen slavischen Ortsnamen im Kreis Herzogtum

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anmerkung: Soweit nicht anders angegeben, handelt es sich bei den

Quellenangaben um die Form im Ratzeburger Zehntregister (ZR). Alle anderen Fundorte sind angegeben.

UStL: Urkundenbücher der Stadt Lauenburg MU: Mecklenburger Urkundenbücher LA: Landesarchiv

7. Literatur und Quellen

- Lauenburgische Akademie für Wissenschaft und Kultur / Stiftung Herzogtum

Lauenburg: Regionalatlas Kreis Herzogtum Lauenburg, Mölln 1989. Darin insbesondere die Karte 3.4.: Siedlungsentwicklung im Mittelalter, bearb. von Budesheim, W./Tockhorn, M.-L. und dem Studio für Landkartentechnik, Norderstedt.

- Pleskalová, Jana: Morphologie und Wortbildung der Flurnamen: Slavisch; in:

Namenforschung, Name Studies, Les noms propres. Ein internationales

Handbuch zur Onomastik, Hg. von Eichler, Ernst u.a., New York 1996, S.1447- 1451.

- Schmitz, Antje: Die Ortsnamen des Kreises Herzogtum Lauenburg und der Stadt

Lübeck, Neumünster 1990.

- Šramek, R./Eichler, E. in: Sprachkontakt im Wortschatz. Dargestellt an Eigennamen (Wissenschaftliche Beiträge), Leipzig 1984

- Trautmann, Reinhold: Die Elb- und Ostseeslavischen Ortsnamen, Teil 1 + 2, Berlin 1948 + 1949; Teil 3 (Register), bearb. v. Schall, H., Berlin 1956.

- Trautmann, Reinhold: Die slavischen Ortsnamen Mecklenburgs und Holsteins, Berlin 1950.

- Walther, H.: Die Namenforschung als historische Hilfswissenschaft: Eigennamen als Geschichtsquelle (Studienmaterialien für die Aus- und Weiterbildung von Archivaren, Heft 1), Potsdam 1990.

[...]


1 Lediglich drei Ortschaften sind auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Diese Orte habe ich, da sie lange Zeit zu Lauenburg gehörten, mitgezählt.

2 Vgl. die Literaturliste am Ende der Arbeit

3 Schmitz, Antje: Die Ortsnamen des Kreises Herzogtum Lauenburg und der Stadt Lübeck, Neumünster 1990.

4 Regionalatlas Kreis Herzogtum Lauenburg, Hg. v. Lauenburgische Akademie für Wissenschaft und Kultur / Stiftung Herzogtum Lauenburg, unter der Leitung von Jaschke, Dieter, Mölln 1989. Darin insbesondere die Karte 3.4.: Siedlungsentwicklung im Mittelalter, bearb. von Budesheim, Werner / Tockhorn, Marie-Luise und dem Studio für Landkartentechnik, Norderstedt.

5 Vgl. den tabellarischen Geschichtsüberblick, Tabelle 1 im Anhang

6 Der Begriff 'toponymische Integration' stammt von Šramek, R./Eichler, E. in: Sprachkontakt im Wortschatz. Dargestellt an Eigennamen (Wissenschaftliche Beiträge), Leipzig 19

7 Hinzu kommen hier noch die Orte †Wendisch-Hollenbek, †Wendisch-Seedorf und †Wendisch-Sirksfelde, die zwar vom Namen nicht slavischer Herkunft sind, aber doch durch ihren Zusatz Wendisch- unzweif elhaft von Slaven bewohnt waren, was die These unterstützt.

8 Ein Vergleich von Schmitz und Trautmann ergibt eine Übereinstimmung von 242 Ortsnamen. Trautmann führt noch drei weitere Ortsnamen an, die im Gebiet der ehemaligen DDR liegen, aber historisch zu Lauenburg gehören (vgl. Gemeinderegister, Gebietsstand 1987).

9 Siehe hierzu auch Tabelle 2 im Anhang

10 Dieses sind die Ortsnamen Dahmker, Grambeck, Grönau, Grove, Kröppelshagen, Krummesse, †Pukendorf, Ratzeburg, Sirksfelde und †Wendisch-Sirksfelde

11 Pleskalová, Jana: Morphologie und Wortbildung der Flurnamen: Slavisch; in: Namenforschung, Name Studies, Les noms propres. Ein internationales Handbuch zur Onomastik, Hg. von Eichler, Ernst u.a., New York 1996, S.1447-1451.

12 Vgl. Šramek/Eichler, S.16

13 Vgl. hierzu Tabelle 5 im Anhang, in der die Entschlüsselungen der Namen ersichtlich ist

14 Dieses ist nur eine mögliche Etymologie.

15 Pleskalová sieht auch die Pluralbildung als Derivation an. Ich meine allerdings, daß es hier einen Unterschied zwischen lexikalischen und grammatischen Affixen geben muß und zähle Ortsnamen, die außer einer Pluralbildung keine weiteren Affixe aufweisen, zum Strukturmodelltypen a.

16 Eine Schwierigkeit bei der Unterscheidung sind die sogenannten "Bindestrichnamen". Zählen sie zum Typen d oder e? Ich habe sie zur Gruppe d einsortiert, ebensogut hätte ich sie aber auch zur Gruppe e einsortieren können.

17 Siehe Fußnote 16

18 Bei der Behandlung von Ortsnamen fällt es mir schwer einen mit Pluralsuffix existierenden Ort einem Ort mit onymischen Suffix gleichzusetzen,siehe Fußnote 15.

19 Schmitz, S.460-470.

20 Siehe Tabelle 3 im Anhang

21 Siehe Tabelle 4 im Anhang. Diese Einteilung ist der von H. Walther ähnlich, siehe Walther, H.: Die Namenforschung als historische Hilfswissenschaft: Eigennamen als Geschichtsquelle (Studienmaterialien für die Aus- und Weiterbildung von Archivaren, Heft 1), Potsdam 1990.

22 Hier erscheinen die meisten der deutsch-slavischen Ortsnamen, da diese bei dieser Einordnung eher den Aspekt der Possessivität denn der Siedlungstätigkeit angeben, ? †Cemerstorp = "Dorf des Cemir". Schmitz ordnet auch †Gardensee den Siedlungstätigkeiten zu, obwohl -see nach Pleskalová eigentlich das Grundwort ist und somit zu den mit Gewässer verbundenen Namen einzusortieren wäre. Hier erfolgt eine Einteilung also nach rein slavischen Gesichtspunkten, das jeweils deutsche Kompositum bleibt unberücksichtigt.

23 †Wendisch-Pogeez, 1230 ZR Pogatse, *Pogat’e von *gat (‚Strauchwerk‘), wird seit 14.Jh. Holstendorf genannt. †Lalkau, 1230 ZR Lelecowe, *Lel-kov- von PN *Lel-k-, seit 16. Jh. der neugegründete Meierhof Franzhagen. †Pezeke, 1230 ZR Pezeke, *Pesky von *pesky (‚Sand‘), im 15.Jh. Marienwohlde: 1436 „ville Petzke et ex nunc Marienwold vulgariter dicte...dat dorp Petzke, dat nu Marienwold is.“

24 Natürliche Grenzlinie, die Flüssen, Sümpfen und Tälern folgte: von der Kieler Förde entlang der alten Schwentine und der Gegend um Bad Segeberg, längs der Trave bis Bad Oldesloe, von dort über Bille-Quelle bis zur Elbe bei Boizenburg

25 vermutlich Gründer oder Namensgeber von Ratzeburg

26 Eigentlich sind es 20 Ortsnamen, da bei drei Orten der "Namenspartner" in einem anderen Kreis liegt und bei der eigentlichen Zählung nicht berücksichtigt werden sollte (? Klein-Boden und Klein-Grönau im Kreis Stormarn, Klein-Schenkenberg im Kreis Lübeck)

27 Alle unterstrichenen Ortsnamen tauchen noch einmal in einer Kategorie auf.

41 von 41 Seiten

Details

Titel
Die slavischen Ortsnamen im Kreis Herzogtum Lauenburg
Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,7
Autor
Jahr
1999
Seiten
41
Katalognummer
V95735
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Einführung sollte bewusst populärwissenschaftlich geschrieben werden, da überlegt wurde, die Einführungen den regionalen Zeitungen anzubieten.
Schlagworte
Ortsnamen, Kreis, Herzogtum, Lauenburg
Arbeit zitieren
Henning Koepp (Autor), 1999, Die slavischen Ortsnamen im Kreis Herzogtum Lauenburg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/95735

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