Als am 4. Dezember 2001 die Ergebnisse des PISA - Berichtes veröffentlicht wurden, in dem deutsche Schülerleistungen im internationalen Vergleich weit unter dem OECD-Durchschnitt zu finden waren, war die deutsche Bildungskatastrophe in aller Munde. Der Spiegel titelte prompt: ,,Sind deutsche Schüler doof?"1, und auch bei Politikern aller Parteien gewann das Thema Bildung plötzlich an Priorität. Dennoch wird ein wichtiger Befund bei der Rezeption der PISA-Studie häufig außer Acht gelassen: es erschreckt nicht nur die geringe durchschnittliche Leistungskompetenz der Schüler in Deutschland, sondern auch deren besonders enger Zusammenhang mit der sozialen Herkunft eines Kindes. Doch welchen Einfluss hat die Herkunftsfamilie auf die Bildung des Kindes knapp 40 Jahre nach der Bildungsexpansion? Um dieser Frage nachzugehen, werde ich aufzeigen, wie sich die Reproduktion sozialer Ungleichheiten im Bildungssystem seit der Bildungsexpansion entwickelt hat. Denn gerade die Bildungsreformen der 60er und 70er Jahre hatten zum Ziel, den Zugang zur Bildung gerechter zu gestalten. Aus diesem Grund werde ich mich auf einige empirische Untersuchungen beziehen, die sich mit der Frage beschäftigen, was die Bildungsexpansion für benachteiligte soziale Schichten erreichen konnte. Während es in diesen Studien vor allem um die unterschiedliche Bildungsbeteiligung über mehrere Geburtskohorten geht, liegt der Schwerpunkt bei der PISA-Studie auf dem Vergleich von erworbenen Kompetenzen am Ende der Pflichtschulzeit im Jahr 2000. PISA 2000 ergänzt die wissenschaftliche Diskussion um wichtige Ergebnisse in Bezug auf den Zusammenhang von Kompetenzerwerb und sozialer Herkunft sowie den Einfluss des traditionellen dreigliedrigen Schulsystems in Deutschland auf die Leistungen der Schüler und Schülerinnen. Aufgrund der Aktualität und Brisanz der Studie wird ihr der größte Teil dieser Arbeit gewidmet, dennoch können aus Platzgründen nicht alle Befunde der Studie aufgezeigt werden. Im Folgenden werde ich deshalb lediglich den Bereich der Lesekompetenz herausgreifen, auf dem auch der Schwerpunkt der Studie liegt. Abschließend wird es um die Frage gehen: Wie lassen sich herkunftsspezifische Bildungsbenachteiligungen erklären?
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Bildungsexpansion und Chancengleichheit
2.1) Die Bildungsdebatten der 60er und 70er Jahre
2.2 Die Auswirkungen der Bildungsexpansion
3. PISA 2000
3.1. Anliegen und Methoden von PISA
3.2 Lesekompetenz
3.2.1 Kompetenzstufen
3.2.2 Allgemeine Befunde zur Lesekompetenz
4. Soziale Herkunft und Bildungsbeteiligung der Testpersonen
4.1. Die Herkunftsfamilien der Schüle rinnen und Schüler
4.2 Sozialschichtzugehörigkeit und Lesekompetenz
4.3 Sozialschichtzugehörigkeit und Bildungsbeteiligung
4.4 Lesekompetenz nach Bildungsgang
5. Erklärungsansätze für herkunftsspezifische Bildungsbenachteiligungen
5.1 Institutionelle Gründe für Bildungsbenachteiligungen
5.2 Das kulturelle Kapital als symbolisches Machtmittel
6. Schlussbemerkungen
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft und den Bildungschancen von Kindern in Deutschland rund 40 Jahre nach der Bildungsexpansion. Ausgehend von der PISA-Studie 2000 wird analysiert, inwieweit soziale Ungleichheiten im Bildungssystem fortbestehen und durch welche institutionellen sowie kulturellen Faktoren diese Reproduktion von Benachteiligungen erklärt werden kann.
- Historische Entwicklung der Bildungsexpansion in den 60er und 70er Jahren.
- Analyse der PISA-Ergebnisse 2000 mit Fokus auf die Lesekompetenz.
- Zusammenhang zwischen sozialer Schichtzugehörigkeit und Bildungsbeteiligung.
- Erklärungsmodelle zur Bildungsbenachteiligung (institutionelle Mechanismen und Bourdieus Theorie des kulturellen Kapitals).
Auszug aus dem Buch
5.2 Das kulturelle Kapital als symbolisches Machtmittel
Der französische Soziologe Pierre Bourdieu hat seit den 60er Jahren die Diskussion über den Zusammenhang von sozialer Herkunft und Lebenschancen um die Theorie des kulturellen Kapitals erweitert, um die Ungleichheit der schulischen Leistungen von Kindern aus verschiedenen sozialen Klassen erklären zu können. Das kulturelle Kapital tritt bei Bourdieu in drei Formen auf: In inkorporiertem Zustand, dass heißt, von einer Person verinnerlicht (z.B. in Form von Wissen oder Sprache); in objektiviertem Zustand als kulturelle Güter (z.B. Bücher, Gemälde) und im institutionalisiertem Zustand in Gestalt von Titeln, Zeugnissen oder Diplomen, die kulturelle Kompetenz bescheinigen.
Diese verschiedenen kulturellen Ressourcen dienen als symbolische Machtmittel zur Bestandserhaltung der Werte einer Gesellschaft und werden somit auch von ihr honoriert: Nach Bourdieu ist das Bildungssystem eine Mittelschichtinstitution, die die Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata, den sogenannten Habitus verlangt, wie er im Normalfall von Mittelschichtfamilien ausgebildet wird. Mit dieser Theorie erklärt Bourdieu die Benachteiligung von Kindern aus unteren Gesellschaftsschichten im Bildungssystem, da die Aneignung von kulturellem Kapital sehr zeitaufwendig ist und schon vor dem Besuch der Grundschule beginnt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Bildungsbenachteiligung vor dem Hintergrund der PISA-Studie und Fragestellung nach dem Einfluss der sozialen Herkunft.
2. Bildungsexpansion und Chancengleichheit: Diskussion der Bildungsreformen der 60er und 70er Jahre und deren Auswirkungen auf die Bildungsbeteiligung in Deutschland.
3. PISA 2000: Vorstellung der PISA-Studie, ihrer Methoden und der speziellen Ergebnisse zur Lesekompetenz der Schülerinnen und Schüler.
4. Soziale Herkunft und Bildungsbeteiligung der Testpersonen: Untersuchung des Zusammenhangs zwischen der sozialen Schicht der Familie, der Lesekompetenz und dem gewählten Bildungsweg der Jugendlichen.
5. Erklärungsansätze für herkunftsspezifische Bildungsbenachteiligungen: Theoretische Analyse der Ursachen für ungleiche Bildungschancen, unterteilt in institutionelle Faktoren und Bourdieus Theorie des kulturellen Kapitals.
6. Schlussbemerkungen: Fazit zur Persistenz sozialer Ungleichheit trotz Bildungsexpansion und Ausblick auf notwendige politische Reformen.
Schlüsselwörter
Bildungsexpansion, Chancengleichheit, PISA 2000, Lesekompetenz, soziale Herkunft, Bildungsbenachteiligung, Sozialschicht, Bildungssystem, kulturelles Kapital, Pierre Bourdieu, Habitus, Bildungsbeteiligung, Schulsystem, Selektion, soziale Ungleichheit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Frage, wie stark die soziale Herkunft eines Kindes in Deutschland auch Jahrzehnte nach der Bildungsexpansion noch dessen schulischen Erfolg beeinflusst.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen sind die historische Entwicklung des deutschen Bildungssystems, die Ergebnisse der PISA-Studie 2000, der Einfluss der sozialen Schicht auf die Lesekompetenz sowie soziologische Erklärungsansätze für Bildungsungleichheit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie sich soziale Ungleichheiten im Bildungssystem reproduzieren und warum die Bildungsreformen der 60er und 70er Jahre den Zusammenhang zwischen Herkunft und Bildungschancen nicht auflösen konnten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf empirischen Sekundärdaten der PISA-Studie 2000 sowie soziologischen Theorien, insbesondere der Kulturkapitaltheorie von Pierre Bourdieu, basiert.
Welche Aspekte werden im Hauptteil fokussiert?
Der Hauptteil konzentriert sich auf die Analyse von PISA-Daten zur Lesekompetenz in Abhängigkeit von der sozialen Schicht sowie auf die institutionellen Selektionsmechanismen des deutschen Schulsystems.
Was zeichnet die Arbeit inhaltlich besonders aus?
Die Arbeit verbindet aktuelle Leistungsdaten aus der PISA-Studie mit klassischen soziologischen Erklärungsansätzen, um die Ursachen für die hartnäckige Kopplung von Herkunft und Bildungserfolg in Deutschland zu beleuchten.
Wie bewertet die Autorin die Rolle des dreigliedrigen Schulsystems?
Sie kritisiert das System aufgrund der frühen Selektionsmechanismen, die Kinder aus bildungsfernen Schichten benachteiligen, und verweist auf skandinavische Gesamtschulmodelle als potenzielle Alternativen.
Welche Bedeutung hat das „kulturelle Kapital“ nach Bourdieu in diesem Kontext?
Das kulturelle Kapital fungiert als symbolisches Machtmittel; Kinder aus privilegierten Familien bringen einen Habitus mit, der den Erwartungen der Bildungsinstitutionen entspricht, während Kinder aus unteren Schichten diesen Vorsprung kaum kompensieren können.
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- Inken Seinsche (Author), 2002, Herkunftsspezifische Bildungsbenachteiligungen in Deutschland, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/9573