Lessing, G. E. - Emilia Galotti - Hettore Gonzaga als


Referat / Aufsatz (Schule), 1999

7 Seiten, Note: 1


Gratis online lesen

Gliederung

A) Erklärung des Konzepts der gemischten Charaktere

B) Der Prinz als gemischter Charakter nach Lessings Tragödientheorie
I. Negative Eigenschaften des Prinzen
1. Tugendlosigkeit des Prinzen
a) Überheblichkeit und Egoismus Gonzagas
b) Lasterhafter Lebensstil
2. Regierungsstil des Prinzen
a) Unfähigkeit Gonzagas
b) Willkür der Herrschaft
II. Positive Eigenschaften des Prinzen
1. Wertschätzung anderer Personen durch den Prinz
a) Anerkennung Odoardos
b) Lob an Appiani
2. Moralische Werte des Prinzen
a) Moralische Bedenken bei der Intrige
b) Menschlichkeit des Prinzen
III. Folgerung und Zusammenfassung

C) Relevanz des Stücks in der heutigen Zeit

Im Gegensatz zu Gottsched, dessen Intention didaktisch orientiert ist und einen moralischen Lehrsatz anschaulich darstellen will, deutet Lessing in seiner Tragödientheorie die Wirkungsabsicht der Tragödie anders. Er bezieht sich hierbei auf Aristoteles und interpretiert diesen neu. Nach Lessing meint Aristoteles mit Katharsis Mitleid und Furcht. Die Furcht des Zuschauers soll darin bestehen, dass er sich in der leidenden Person wiedererkennt (vgl. http://www.zum.de/ /aristote.htm). Die Tragödie soll nicht nur belehren oder abhärten gegen eigene Schicksalsschläge, sondern sie soll die seelische Empfindsamkeit des Zuschauers wecken und dadurch erweitern, dass man einübt, mit den Charakteren mit zu leiden. Sie ist also Mittel einer allgemeinen Humanisierung. Hieraus ergibt sich die Begründung für Lessings Forderung nach gemischten Charakteren, die auch Aristoteles schon geäußert hat: Die in der Tragödie vorkommenden Personen sollen sowohl schlechte als auch gute Charaktereigenschaften haben. Sie sollen gewissermaßen als ,,wahre Menschen", so wie das Publikum selbst, auftreten. Erst damit, dass sich die Zuschauer mit den Figuren der Tragödie identifizieren können, soll die vorhin genannte Furcht in ihnen entspringen, welche das Mitleid zur Reife bringt (vgl. Hamburgische Dramaturgie, 75. Stück, 1768 zit. nach Sedding). 1772 schrieb Lessing sein Bürgerliches Trauerspiel ,,Emilia Galotti", das natürlich nach seiner Tragödientheorie verfasst sein müsste. Inwieweit lässt sich die Forderung Lessings nach gemischen Charakteren am Beispiel der Figur des Prinzen Hettore anwenden? Zum Ersten weist der Charakter Gonzagas viele negative Aspekte auf. Der Prinz ist, wie in der Aristokratie üblich, launisch, egoistisch und überheblich. Nachdem Marinellis Plan, Appiani als Gesandten nach Massa zu schicken fehl schlägt, tadelt er Marinelli: ,,Ich versprach mir von ihrem Einfalle so viel! - Wer weiß, wie albern Sie sich dabei genommen" (36, 10f). Doch dieser Ausspruch ist kein einmaliges Vorkommnis, sondern obwohl ihm Marinelli nur helfen will und der Prinz ihn ebenfalls gerne als Freund betrachten würde, sobald es Probleme gibt oder dies zu seinem eigenen Nutzen wäre(vgl. 53, 1), behandelt er diesen stets von oben herab. So wird Marinelli von ihm unterwiesen, der Prinz ,,habe zu fragen, [...] nicht er" (14, 24). Der Prinz ist also in vielen Fällen unfreundlich und egoistisch, was eine seiner schlechten Seiten ist.

Eine weitere ungute Eigenschaft von ihm wird noch deutlicher dargestellt, nämlich seine Flüchtigkeit in Beziehungen zu Frauen. Der Prinz hat an Frauen ein rein sexuelles Interesse. Dies zeigt sich etwa darin, wie er über die Gräfin Orsina redet. Er ist sich nicht sicher, ob er sie je geliebt hat, jedoch gewiss nicht mehr in der Gegenwart (vgl. 6, 4ff). Auch an Emilia Galotti ist sein Interesse rein sexueller Art, denn als ihr Vater sie in einem Kloster in

Sicherheit bringen will, fragt er ob ,,So viel Schönheit [...] in einem Kloster verblühen" (71, 19f) soll. Auch sonst steht bei ihm, wenn er von Emilia Galotti redet, nur deren Schönheit im Vordergrund (vgl. 11, 19ff). Dies drückt aus, dass es sich nie um Liebe, sondern stets um Begehren handelt - ein weiterer negativer Zug des Charakters des Prinzen. Neben der moralischen Komponente existiert natürlich noch eine andere wichtige, die politische. Es zeigt sich, dass der Prinz nicht fähig oder willens ist, selbstständig logisch zu denken oder Entschlüsse zu fassen, er wird sogar an manchen Stellen als naiv bis dumm dargestellt. So antwortet der Prinz, nachdem der Plan, Appiani außer Landes zu bringen fehl schlägt, auf Marinellis Vorschlag, dass ,,man auf etwas anders denken"(16, 21) müsste: ,,Und auf was? - Liebster, bester Marinelli, denken Sie für mich. Was würden Sie tun, wenn Sie an meiner Stelle wären?" (16, 22ff). Daraus lässt sich folgern, dass der Prinz unfähig und nicht in der Lage ist, seinen Untertanen ein guter Herrscher zu sein. Somit wird wiederum eine Charakterschwäche seiner Persönlichkeit dargestellt.

Im weiteren Verlauf wird ersichtlich, dass der Prinz seine Staatsgeschäfte nicht immer nach bestem Wissen und Gewissen führt, sondern nach Laune und Gutdünken. Ihm ist nicht bewusst, welchen Ernst er seinen Aufgaben entgegen zu bringen hätte. Er will beispielsweise ein Todesurteil unterschreiben, ohne es zu lesen und auch nachdem der Rat des Prinzen, Camillo Rota nachhakt, es handle sich um ein Todesurteil, (vgl. 18, 16ff) erwidert er, er ,,höre ja wohl. - Es könnte schon geschehen sein" (18, 21). Er nimmt sich also nicht einmal die Zeit, sich den Grund durchzulesen, bevor er einen Menschen exekutieren lässt. Eine weitere Stelle lässt auf die Willkürherrschaft des Prinzen schließen, da er aus den an ihn gerichteten Bittschriften nicht die wichtigste oder am besten begründetste auswählt, sondern die, deren Absender Emilia heißt, so wie seine Angebetete (vgl. 5, 13f). Er geht sogar noch weiter, denn er gibt an, er ,,erschrecke vor einem kleinen Verbrechen nicht" (51, 19). Diese Stellen offenbaren deutlich die Willkürherrschaft des Prinzen und dass er sogar, ob bewusst oder unbewusst, seine Macht zu seinem Vorteil gebraucht und seine Position ausnutzt, worin sich eine weitere verwerfliche Seite des Prinzen zeigt.

Würde Lessing hier die Charakterisierung des Prinzen beenden, käme ein arger Bösewicht heraus, der im aristotelischen Sinne beim Zuschauer keine Katharsis auslösen würde. Wenn Lessing in der Person des Prinzen die Konzeption der gemischten Charaktere anwendet, so darf dieser nicht nur negative Seiten aufweisen, sondern muss auch positive menschliche Seiten haben, damit der Zuschauer auch mit ihm mitleiden kann. Lessing weist dem Prinzen folgende gute Eigenschaften zu:

Gonzaga sieht also nicht nur in sich selbst das Gute, sondern schätzt auch andere Menschen hoch. Besonders deutlich wird dies darin, wie löblich er über Odoardo spricht, der ja zu seinen politischen Gegnern zählt. Er bezeichnet ihn als alten ,,Degen, stolz und rauh, sonst bieder und gut!" (9, 20). Noch deutlicher wird dies in seiner Beurteilung Appianis, den er ebenfalls lobt, obwohl er der Verlobte seiner Angebeteten und so ein noch größerer Konkurrent, ja Gegner ist, denn seiner Meinung nach ist Appiani ,,bei alledem [...] ein sehr würdiger junger Mann, ein schöner Mann, ein reicher Mann, ein Mann voller Ehre" (13, 33ff).Daraus lässt sich folgern, dass er kein reiner Egoist ist, sondern sehr wohl auch anderen Menschen seine Wertschätzung zeigt. Der Prinz ist fast ohne eigenes Verschulden in die Intrige, die Appianis Tod zur Folge hat, verwickelt worden, die ja Marinellis Werk ist. Obwohl diese natürlich zum Nutzen des Prinzen ist, kann der Prinz den Tod des Grafen Appiani nicht mit seinen moralischen Wertvorstellungen vereinbaren: ,,Bei [...] dem allgerechten Gott! Ich bin unschuldig an diesem Blute. - Wenn Sie mir vorher gesagt hätten, daß es dem Grafen das Leben kosten werde - Nein, nein!" (49, 39ff). Nachdem er weiß, dass Marinellis Pläne nicht unbedingt moralisch richtig sein müssen, warnt er ihn vor neuen Aktionen, um Schlimmeres zu verhindern. Als Marinelli ihm eine neue Vorgangsweise erklären will, ermahnt er ihn ,,(drohend) [...] Nur, Marinelli!" (68, 9). An diesen angeführten Stellen wird ersichtlich, dass der Prinz nicht grundsätzlich als moralisch schlecht beurteilt werden kann. Die wichtigste positive Eigenschaft Hettore Gonzagas ist seine Menschlichkeit. Er ist nicht nur kalt und berechnend, sondern häufig ergriffen und fühlt mit anderen mit. Der Prinz ist nicht überlegen, er hat menschliche Schwächen und wird teilweise sogar als hilflos dargestellt. Als Conti ihm ein Portrait der Emilia Galotti zeigt, ist er natürlich überrascht und aufgeregt. Er versucht seine Liebe zu dieser ,,mit einer erzwungenen Kälte" (10, 9) zu verheimlichen. An einer anderen Stelle kommt seine Hilflosigkeit zum Ausdruck, als unerwartet Orsina ihn besucht und er befürchtet, die Intrige könnte auffliegen: ,,Was will die Närrin? Was untersteht sie sich? [...] Sollte sie wohl schon etwas vernommen haben? - Ah, Marinelli! So reden Sie, so antworten Sie doch!" (52, 34ff). Als er mit Emila in der Kirche spricht, empfindet er Mitleid für sie und hinterfragt sich selbst. Er gesteht sich einen Fehler ein und schämt sich dafür: ,,Stumm und niedergeschlagen und zitternd stand sie da; wie eine Verbrecherin, die ihr Todesurteil höret. Ihre Angst steckte mich an, ich zitterte mit und schloss mit einer Bitte um Vergebung. Kaum getrau ich mir, sie wieder anzureden." (41, 16ff). Gonzaga ist folglich ein Mensch, der mit dem Herz denkt und kein kalter Übermensch. Man sieht also, dass sich der Prinz auf der einen Seite zwar überheblich und egoistisch verhält und Frauen lediglich benutzt. Er ist sich auch nicht gewahr, dass er seine Macht sinnvoll für das Volk einsetzen soll. Andererseits ist er auch nicht der Hauptintrigant und ihm ist bewusst, dass das, was er zu verantworten hat nicht richtig ist. Hettore ist menschlich bisweilen sogar hilflos und auch eine Wertschätzung anderer lässt er nicht missen. Der Prinz wird auf diese Weise als normaler Mensch, mit all seinen guten und schlechten Eigenschaften dargestellt, wobei sich diese natürlich nicht die Waage halten müssen, in jenem konkreten Fall überwiegen deutlich die negativen Charaktermerkmale. Durch dieses Zusammenspiel der beiden Kräfte kann sich der Zuschauer in Hettore hineinversetzen und in ihm wird im aristotelischen Sinne Katharsis ausgelöst. Folglich kann der Prinz einwandfrei als gemischter Charakter identifiziert werden.

Natürlich hat das Bürgerliche Trauerspiel (vgl. Naumann & Göbel, Illustrierte Geschichte der Literatur Band II) Emilia Galotti heute hauptsächlich den selben Sinn wie damals für den Leser, nämlich ihn zu unterhalten und seine Fähigkeit mit zu fühlen mit anderen Personen und somit deren Empfindungsfähigkeit zu trainieren. Politisch und literarisch jedoch hat es heute eine ganz andere Bedeutung als damals. Die Kritik am Absolutismus (vgl. Von Jan Dirk- Müller, Erläuterungen und Dokumente zu Emilia Galotti, S. 72) wurde beispielsweise damals noch gar nicht von der Mehrzahl der Zuschauer verstanden. So äußerte sich Kaiser Joseph II. positiv über Emilia Galotti: ,,Das muss ich aber auch gestehen, daß ich in meinem Leben in keiner Tragödie so viel gelacht habe." (vgl. der Spiegel). Literarisch grenzt sich Lessing mit Emilia Galotti deutlich von Gottscheds Regeltheater und den subjektiv - punktuellen Sturm - und Drang - Stücken ab und wird dadurch zum Wegbereiter der deutschen Klassik.

Literatur:

G. E. Lessing, Emilia Galotti, (Stuttgart, 1994) der Spiegel (Nr. 23/1971)

Fricke / Schreiber, Geschichte der deutschen Literatur (Paderborn, 1974)

Gerhard Sedding, Lektürenhilfe zu Nathan der Weise (Stuttgart, 1996)

Gero von Wilpert, Sachwörterbuch der Literatur (Stuttgart, 1989)

Hoffmann / Rösch, Grundlagen, Stile, Gestalten der deutschen Literatur (Berlin, 1996) http://www.zum.de/schule/Faecher/D/Saar/gym/aristote.htm

Johannes Hartmann, Das Geschichtsbuch (Frankfurt am Main, 1970)

Naumann / Göbel, Illustrierte Geschichte der deutschen Literatur (Köln, ohne Jahr)

Von Jan-Dirk Müller, Erläuterungen zu G. E. Lessing Emilia Galotti (Stuttgart, 1993)

7 von 7 Seiten

Details

Titel
Lessing, G. E. - Emilia Galotti - Hettore Gonzaga als
Note
1
Autor
Jahr
1999
Seiten
7
Katalognummer
V95758
Dateigröße
407 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In diesem Aufsatz stecken über 50 Stunden Arbeit, ich hoffe ihr könnt ihn brauchen
Schlagworte
Emilia Galotti
Arbeit zitieren
Jimbo Jones (Autor), 1999, Lessing, G. E. - Emilia Galotti - Hettore Gonzaga als, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/95758

Kommentare

  • Gast am 4.2.2001

    DANKE !!.

    Danke für die Erörterung, mir sind jetzt einige Lichter aufgegangen.

  • Gast am 20.2.2001

    Dankeeeeeeeeeeeeee!!!.

    DANKEEEEEEEEEEEEEEEe!!!
    Genau das habe ich gesucht und jetzt gefunden :-)

  • Gast am 15.11.2001

    t..

    total gute erarbeitung!!!!!!

  • Gast am 16.12.2001

    Sehr gute Arbeit.

    Du hast dir sehr viel Mühe gegeben und ich finde es gut,daß du diese Arbeit ins Netz bei www.hausarbeiten.de gesetzt hast.

  • Gast am 17.3.2002

    Echt Super!.

    Du bist ja irre! Vielen Dank für die Mühe!

  • Gast am 6.6.2002

    50 Stunden ¿?¿?¿.

    lol 50 Stunden glaub ich nicht. Da wird man ja matschig in der Birne.

  • Gast am 24.9.2002

    der Hammer....danke.

    Der Hammer....danke

Im eBook lesen
Titel: Lessing, G. E. - Emilia Galotti - Hettore Gonzaga als



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden