Auswirkung von parodontal pathogenen Keimen auf die Karzinogenese. Eine ausführliche Literaturübersicht


Bachelorarbeit, 2019

53 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Einführung Karzinogenese
1.1.1 Zellzyklus und gesunde Zellen
1.1.2 Zellzyklus und maligne Zellen
1.2 Einführung Parodontitis
1.2.1 parodontaler Biofilm
1.2.2 Markerkeime der Parodontitis
1.2.2.1 Aggregatibacter actinomycetemcomitans (A.a.)
1.2.2.2 Porphyromonas gingivalis (P.g.)
1.2.2.3 Tannerella forsythia (T. f.)
1.2.2.4 Treponema denticola (T. d.)
1.2.2.5 Fusobacterium nucleatum (F.n.)
1.3 Relevanz der Arbeit

2. Material und Methode
2.1 Keywords
2.2 Literatursuche
2.3 Ein- und Ausschlusskriterien
2.4 Studienauswahl

3. Ergebnisse

4. Diskussion

5. Fazit

6. Zusammenfassung / Abstract
6.1 Zusammenfassung
6.2 Abstract

7. Literaturverzeichnis

8. Abkürzungsverzeichnis

9. Abbildungsverzeichnis

11. Danksagung

1. Einleitung

Weltweit erkranken jährlich rund 14,1 Millionen Menschen an Krebs. In Deutschland beläuft sich die Zahl der Neuerkrankungen auf ca. 480.000 und belegte mit 223.000 Todesfällen im Jahr 2014 den zweiten Platz in der Rangfolge der häufigsten Todesursachen. Bei mehr als 100 verschiedenen Krebsformen kann fast jedes Organ im menschlichen Körper betroffen sein. Die Veränderungen in den jeweiligen Zellen sind sehr unterschiedlich, komplex und individuell (Robert Koch-Institut, 2017, S. 7). Neben Risikofaktoren, wie beispielsweise Tabak- und Alkoholkonsum, unausgewogener Ernährung oder UV-Licht, sind auch chronische Erkrankungen als Risikofaktor für einige Krebsarten bekannt (Robert Koch-Institut, 2017, S. 19f). Neuesten Studien zufolge besteht ein Zusammenhang zwischen parodontal pathogenen Erregern und dem Risiko, an Krebs zu erkranken (Shamami & Amini, 2011).

Weltweit ist die Parodontitis (PA) eine der häufigsten chronisch-entzündlichen Erkrankungen. In Deutschland beläuft sich die Zahl der Erkrankten auf ca. 31 Millionen (Holftreter, Kocher, Hoffmann, Desvarieux, & Micheelis, 2010). Die Daten der deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS V) zeigen zwar einen leichten Rückgang der Parodontitis, dennoch wird Prognosen zufolge der Behandlungsbedarf aufgrund des demografischen Wandels stetig steigen (Jordan & Micheelis, 2016).

Die Parodontitis wird als eine entzündliche Erkrankung des Zahnhalteapparates verstanden, welche durch Knochen-, Kollagen- und Attachmentverlust charakterisiert ist (Deschner & Eick, 2011). Das zentrale Problem von parodontalen Erkrankungen stellt bis heute der Biofilm mit seiner Zusammensetzung aus verschiedenen Bakterien, die zusammen agieren und sich gegenseitig stabilisieren, dar (Holz, et al., 2000; Kielbassa & Jaroch, 2011; Ligtenberg, de Soet, Veermann, & Amerongen, 2007; Marsh & Bradshaw, 1995). Eine Reihe von Forschungsergebnissen stützen die Theorie sogenannter „krebsassoziierter Biofilme“ (Shamami & Amini, 2011).

1.1 Einführung Karzinogenese

Unter der Gruppe der malignen (bösartigen) Tumorerkrankungen werden mehr als einhundert Krankheitsbilder zusammengefasst (Kreibich-Fischer, 1994, S. 19). In der westlichen Welt stellen Karzinomerkrankungen, neben Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die zweithäufigste Todesursache dar (Robert Koch-Institut, 2017, S. 12). Der hochkomplexe menschliche Organismus besteht aus Milliarden von lebenden Zellen (eukaryotische Zellen), wovon jede aufgabenspezifisch aufgebaut ist. Um das Überleben des Körpers bzw. die Reproduktion der Gene aufrechtzuerhalten, ist eine gegenseitige Abstimmung der Zellen untereinander notwendig (Evan & Vousden, 2001).

1.1.1 Zellzyklus und gesunde Zellen

Die grundlegende Voraussetzung für das Überleben eines Zellverbandes ist die Zellteilung. Um den Bestand an Zellen aufrechtzuerhalten und das Gewebe durch Differenzierung an neu entstandene Bedürfnisse des Organismus anzupassen, ist es notwendig, dass aus einer Zelle Tochterzellen hervorgehen (Evan & Vousden, 2001). Dies geschieht durch den Zellzyklus, welcher aus der der M-Phase (Mitose und Cytokinese) und der Interphase besteht. In der M-Phase findet die Zellkernteilung mit anschließender Teilung des Zytoplasmas (Cytokinese) statt. Dabei lässt sich die Interphase in drei Phasen (G1, S und G2) untergliedern. Die G1-Phase beschreibt die Vorbereitung der DNA-Replikation, die Biosynthese von Zellorganellen und das Wachstum. Anschließend wird in der S-Phase die DNA exakt repliziert. In der G2-Phase können Fehler, welche eventuell in der S-Phase aufgetreten sind, repariert werden. An diese Phase schließt sich die Mitose an. Zellen, die nicht mehr am Zellzyklus teilnehmen, befinden sich in der G0-Phase. Um den korrekten Ablauf des Zellzyklus zu gewährleisten, sorgt eine homöostatische Kontrolle, welche aus cyclin dependent protein kinases (CDKs) besteht, für eine reibungslose Zellteilung (Jacks & Weinberg, 1998). Zudem haben die CDKs die Aufgabe, die DNA-Replikation zu Beginn der S-Phase zu aktivieren und die Metaphase einzuleiten (Stillmann, 1996). Um die genetische Stabilität aufrechtzuerhalten, existieren im Zellzyklus verschiedene Reparatursysteme (Checkpoints), die je nach Schädigung (beispielsweise durch UV- oder Röntgenstrahlen) zum Einsatz kommen (Hoeijmakers, 2001).

1.1.2 Zellzyklus und maligne Zellen

Bei maligne veränderten Zellen ist im Gegensatz zu gesunden Zellen die oben beschriebene Homöostase des Zellzyklus in Richtung Proliferation verschoben. Die Zellen weisen eine erhöhte Mitoserate und eine erniedrigte Apoptoserate auf. Ein typisches Merkmal von malignen Zellen sind Mutationen in Zellzyklusregulationsgenen. Zum einen mutieren normale zelluläre Proto-Onkogene zu Onkogenen. Sie sind in der Signalübertragung zur Steuerung der Zellproliferation aktiv. Zum anderen sind Mutationen, welche die Tumorsuppressorgene betreffen, von Bedeutung. Hierbei spielt der Tumorsuppressor p53 eine wichtige Rolle. Dieses Protein inhibiert die DNA-Reparatur die Apoptose und die Angiogenese (Collins, Jacks, & Pavletich, 1997; Hartwell & Kastan, 1994; Stewart & Pietenpol, 2001) Spontane Mutationen in den Genen reichen jedoch nicht aus, um eine Änderung der DNA-Struktur hervorrufen zu können. Hauptsächlich sind Schädigungen von außerhalb (UV-Strahlung, gentoxische Chemikalien etc.) für diese Entartungen verantwortlich (Hoeijmakers, 2001). Die Karzinogenese, in der sich aus benignen Läsionen eine maligne Läsion entwickeln, ist ein Prozess mit einer Latenzzeit von Jahren bis Jahrzehnten (Barrett, 1993; Greim & Deml, 1996; Nowell, 1976). Das tumoröse Gewebe mit seinen Zellen durchläuft dabei verschiedene morphologische Stufen. Über diverse benigne Zwischenschritte (Hyperplasie und Dysplasie) erreicht sie schlussendlich das Stadium der Neoplasie. Im Gegensatz zu den Zellen im hyperplastischen Stadium, welche durch Stimulation durch beispielsweise Hormone abhängig sind, ist das Stadium der Neoplasie durch autonomes Wachstum gekennzeichnet (Barrett, 1993). Im Allgemeinen wird angenommen, dass die Umwandlung von einer normalen Zelle in eine Tumorzelle durch einen Mehrstufenprozess geschieht, der in drei Stadien unterteilt werden kann (Hanahan & Weinberg, 2000).

Die Initiation (Auslösung) beschreibt ein Mutationsereignis der DNA in einer einzelnen Zelle. Kanzerogene Reize, wie z.B. UV- bzw. radioaktive Strahlung, Tabakrauch oder Dioxine, oxidativer Stress und Fehler während der Zellteilung, können Auslöser dieses Mutationsereignisses und der damit verbundenen Veränderung der DNA sein. In der Regel werden solche Mutationen durch DNA-Reparaturmechanismen der Zelle erkannt. Sie behebt dann entweder den Fehler oder löst den Zelltod (Apoptose) der Zelle aus. In seltenen Fällen kann es passieren, dass solche Mutationen nicht erkannt werden und die Zelle eine dauerhafte Veränderung ihrer DNA aufweist (Schulte-Hermann & Parzefall, 2010).

Im zweiten Stadium, der Promotion (Förderung), werden die nicht „reparierten“ Mutationszellen durch einen Wachstumsreiz zur Vermehrung angeregt. Diese Reize können nicht-gentoxische Karzinogene (fördern Entzündung, lösen aber keine gezielte Mutation in der DNA aus wie z.B. chronische Entzündungen oder Hormone (z. B. Östrogene) sein und die Tumorzelle zur Proliferation (Teilung) anregen (Balkwill & Mantovani , 2001). Durch die Zellproliferation wird der DNA-Schaden an die Tochterzelle weitergegeben und das Risiko für weitere Mutationen in Tumorsuppressorgenen steigt. Durch den ständigen Wachstumsreiz entstehen präneoplastische Zellen, also die Vorstufe von malignen Zellen. Ein benigner (gutartiger) Mikrotumor, der aus maximal 10 Millionen mutierten Zellen besteht und einen maximalen Durchmesser von 0,5 mm hat, ist entstanden. Dieser wächst begrenzt und ist nicht in der Lage zu metastasieren. Dies geschieht nur in sehr seltenen Fällen, da nicht jede Veränderung der DNA einer Zelle zu einer Entartung führt (Li et al., 2011).

In der Progressionsphase (Steigerungsphase) wird die eigentliche Malignität der entarteten Zellen erreicht. Damit aus dem Mikrotumor ein Tumor entstehen kann, benötigen die Mutationszellen sauerstoffreiches Blut, welches sie aus der Bildung von neuen Blutgefäßen (Angiogenese) erhalten. Die Angiogenese setzt allerdings besondere Eigenschaften der Zellen voraus, die erst durch weitere Mutationsereignisse erhalten werden können. Die Folge einer Angiogenese im Bereich der Tumorzellen ist ein exponentielles Wachstum. Die Tumorgröße kann innerhalb von kurzer Zeit um das bis zu 16.000-fache ansteigen (Béliveau & Gingras, 2010). Die Tumorzellen sind nun potenziell bösartig und teilen sich stetig ohne Unterbrechung, bekommen die Fähigkeit zur Invasion und Metastasierung (Balkwill & Mantovani , 2001).

Ein Karzinom lässt sich also als ein maligner Tumor beschreiben, der ungeordnet, unkontrolliert (invasiv) wächst und in umliegendes Gewebe eindringt (infiltriert), es zerstört und verdrängt (destruierend) und zudem in der Lage ist, Tochtergeschwülste zu bilden (metastasiert). Die enorme und unkontrollierte Zellteilung, sowie das schnelle Wachstum sind seine gefährlichsten Eigenschaften. Das Kontrollsystem des Körpers hat keinen Einfluss mehr auf das bösartige Zellwachstum. Übliche Gewebegrenzen werden überschritten und der Tumor wächst in die Organe und Gefäße ein. Die Folge ist die Destruktion des Gewebes und die Zerstörung der funktionellen Leistung, was Organausfälle oder im schlimmsten Falle den Tod nach sich ziehen kann (Balkwill & Mantovani, 2001; Béliveau & Gingras, 2010; Schulte-Hermann & Parzefall, 2010).

1.2 Einführung Parodontitis

Hinweise, dass chronische Erkrankungen und Entzündungen des Zahnhalteapparates mit einem erhöhten Risiko der Karzinogenese einhergehen, gibt es in der Literatur mehrfach (Arora et al., 2010; Chung et al., 2016; Hujoel et al., 2003; Sfreddo et al., 2017). Die chronische Freisetzung von Prostaglandinen, Wachstumsfaktoren und Enzymen sowie inflammatorischen Zytokinen und Chemokinen während des Prozesses der Genese der Parodontitis können mit der Karzinogenese in Verbindung gebracht werden (Tezal, et al., 2007).

Die Parodontitis beschreibt die entzündlich bedingte irreversible Erkrankung des Zahnhalteapparates (Deschner & Eick, 2011). In der Entwicklung einer Parodontitis ist gewöhnlich das Vorhandensein pathogener bakterieller Plaque (Biofilm) als primäre Ursache anzusehen. Dabei werden das Ausmaß, die Schwere und der Verlauf der Parodontitis durch die immunvermittelte Entzündungsreaktion des Wirts bestimmt. Aufgrund der hohen Widerstandsfähigkeit des Biofilms ist es den Bakterien möglich, sich erfolgreich der Wirtsabwehr zu entziehen und bakterielle Stoffwechsel- und Zerfallsprodukte (Endotoxine) in das angrenzende Gewebe abzugeben. Das Immunsystem reagiert mit der Bildung von Abwehrzellen, was im weiteren Verlauf zu einer gestörten Homöostase und somit zum Verlust von Kollagen, Matrix und Knochen führt (Thorbert- Mros, Larsson , & Berglundh, 2014). Obwohl das Ziel der Wirtsabwehr darin besteht, die parodontale Infektion zu kontrollieren beziehungsweise zu eliminieren, trägt sie entscheidend zur parodontalen Destruktion bei. Durch Knochen-, Kollagen- und Attachmentabbau wird der benötigte Platz für die Abwehrzellen bereitgestellt (Deschner & Eick, 2011).

1.2.1 parodontaler Biofilm

Der Biofilm spielt in der Entstehung der Parodontitis die wichtigste Rolle. Unter ihm versteht man eine komplexe Zusammensetzung von Mikroorganismen. Sie wählen ihre Partner selektiv aus und agieren als sogenannte Bakterienfamilien. Sie kommunizieren untereinander, um sich gegenseitig zu stabilisieren und hochgradig pathogene Biofilme zu bilden (Haffajee et al., 1998; Kielbassa & Jaroch, 2011; Ligtenberg et al., 2007; Marsh & Bradshaw, 1995). Die Zusammensetzung wird im Wesentlichen von der Entzündungsreaktion des Wirts bestimmt (Van Dyke, 2009; Finlay & Medzhitov, 2007). Zu Beginn der Plaquebildung reift auf dem „absolut“ sauberen Zahn ein zellfreies Pellikel aus. Auf diesem Pellikel siedeln sich die ersten Pionierkeime, vorwiegend Actinomyceten (grampositive Kokken) an. Sie sind in der Lage aus Saccharose extrazelluläre 5

Polysaccharide (EPS) zu bilden, was die Mikroorganismen in ein Netz einmauert. Hier bilden sich Mikrokolonien, die weitere Bakterienspezies nach sich ziehen können. Das Ausreifen des Biofilms hat zur Folge, dass sich vermehrt andere Mikroorganismen, wie Spirochäten und Spirillen, ansiedeln können. Es befinden sich nun mehrere hochstrukturierte Biofilme auf dem Zahn. Sie agieren als Gesamtorganismus, indem sie losgelöst voneinander Stoffwechselprodukte, Resistenz- und Virulenzfaktoren untereinander austauschen (Cescutti et al., 1999; Kielbassa & Jaroch, 2011). Das Keimreservoir der Mundhöhle besteht aus ca. 700 bis 900 Bakterienarten, aber nur wenige davon sind pathogenetisch bzw . für die Entwicklung einer Krankheit (Pathogenese) bedeutsam (Keijser, et al., 2008).

Um das Vorkommen verschiedener Bakteriengruppen in den verschiedenen Stadien der entzündlichen Veränderung am Parodontium zuordnen zu können, entwickelte Dr. Sigmund Socransky im Jahr 1998 ein Modell, in dem er die parodontalpathogenen Organismen in mikrobiologische Komplexe einteilte, um sie genauer differenzieren zu können (Abb.1) (Socransky et al.,1998).

Den relativ gering pathogenen Mikroorganismen machen es rezeptorähnliche Moleküle möglich, den Sulkus als Erstes zu besiedeln. Sie sind in dem violetten bzw. orange­assoziierten Komplex anzutreffen. Vertreter dieses Komplexes bilden die primäre Biofilmschicht. Sie dient als Grundlage für weitere Bakterien mit höherer Pathogenität.

Moderat bis stark pathogene Bakterien werden dem orangenen Komplex zugeordnet. Sie stellen durch ihren Stoffwechsel (Bereitstellung von Nährstoffen, anaerobes Milieu) die Lebensgrundlage zwischen den Frühkolonisierern und den strikt anaeroben sowie stark pathogenen Mikroorganismen des roten Komplexes im Sulkus her. Durch die Produktion von Enzymen und Toxinen ist deren pathogenes Potenzial deutlich erhöht (Socransky et al., 1998).

Die finale Kolonisierungsphase bilden die Keime des roten Komplexes. Charakteristisch stellen sie das Ende einer stabilen, strukturierten bakteriellen Gemeinschaft dar. Die Destruktion des Weich- und Knochengewebes wird durch diese Vertreter massiv beeinflusst. Sie weisen durch die Produktion verschiedener Enzyme, potenter Virulenzfaktoren und der Fähigkeit, in das Gewebe einzudringen, die höchste Pathogenität auf (Haffajee et al., 1998). Ein wesentlicher Unterschied spiegelt sich in der subgingivalen Plaque in parodontal erkranktem und gesundem Umfeld wieder. Hier zeigt sich ein vermehrtes Aufkommen an Mikroorganismen des orangenen und roten Komplexes (Ximinez-Fyvie, Haffajee, & Socransky, 2000).

1.2.2 Markerkeime der Parodontitis

In der entzündlich veränderten parodontalen Umgebung befinden sich mehrere hundert unterschiedliche Bakterienspezies (Marsh, 2005). Sie fördern den Übergang von einer heterogenen Symbiose der Mikroorganismen zu einer Dysbiose (Marsh, Heas, & Deyine, 2015). Nur wenige dieser Bakterien werden mit aktivem Kollagen-, Knochen- und Attachmentverlust in Verbindung gebracht (Marsh, 2005). Bei einem kulturellen Nachweis sind häufig nur vier bis fünf Parodontalpathogene in der subgingivalen Flora der entzündlichen Umgebung nachzuweisen (Haffajee & Socransky, 1994). Hierzu zählen Mikroorganismen wie der A. actinomycetemcomitans, P. gingivalis, T. denticola und T. forsythia. Zahlreiche Studien haben deren pathogenes Potential belegt (Genco, 1996; Moore & Moore, 1994; Takeuchi, et al., 2001). Eine besondere Schlüsselrolle in der Biofilmbildung nimmt das Fusobacterium nucleatum (F.n.) ein, indem es, wie oben schon beschrieben, die Basis zur Etablierung der gramnegativen Parodontalpathogene des roten Komplexes bildet (Feres et al., 2004).

Im Folgenden sollen die wichtigsten Parodontalpathogene, die in der hier vorliegenden Arbeit vorgestellt wurden, näher charakterisiert werden.

1.2.2.1 Aggregatibacter actinomycetemcomitans (A.A .)

A.a. ist ein kleines, unbewegliches Stäbchenbakterium mit abgerundeten Enden, welches gramnegativ und fakultativ anaerob ist. Es gehört zu der Familie der Pasteurellaceae. Durch enzym katalysierte Reaktionen ist es in der Lage, eine Reihe von Virulenzfaktoren zu synthetisieren. Zum einen sekretiert es ein Protein-Toxin (Leukotoxin (LtxA)), das dem Bakterium hilft, die Immunreaktion des Wirts während der Infektion zu umgehen, zum anderen sondert es gewebezerstörende Kollagenasen (Hyaluronidasen, Chondroitinsulfatasen, Neuraminidasen) aus, wodurch es in der Lage ist, in das umliegende Gewebe einzudringen und die Bestandteile des Parodontium zu destruieren. Die Hemmung des Fibroblastenwachstums und die Aktivierung der Osteoklasten tragen zu einem Abbau von Bindegewebe und Knochen bei (Fives-Taylor et al., 1999; Müller, 2001; Socransky et al., 1999).

1.2.2.2 Porphyromonas gingivalis (P. G .)

P.g. ist ein kurzer, gramnegativer, unbeweglicher, anaerober Bazillus aus der Familie der Porphyromonadaceae (Naito et al., 2008). Er kann an zahlreichen Bakterien durch Koaggregation haften und produziert ein breites Spektrum an potenziellen Virulenzfaktoren, die an der Gewebedestruktion sowie an der Wirtabwehrreaktion beteiligt sind (Holt et al., 1999; Mayrand & Holt, 1988). Verschiedene Proteasen und Peptidasen, Endotoxin, Knochenresorption-Induktionsfaktor sowie saure und alkalische Phosphatasen tragen dazu bei, dass die Interzellularsubstanz aufgelöst wird und die Mikroorganismen leichter in das Gewebe eindringen können. Adhäsine und Invasine sorgen für eine Anhaftung bzw. das Eindringen in Zellen oder Epithelzellen, und Lipopolysaccharide hemmen die Diapedese der polymorphkernigen Granulozyten (Cutler, Kalmar , & Genco, 1995; Socransky et al., 1999). Diesem Keim wird eine enge klinische Korrelation bei schwerer und aggressiver Form der Parodontitis zugeschrieben (Pfister & Eick, 2001).

1.2.2.3 Tannerella forsythia (T. F .)

T.f. ist ein gramnegatives Mitglied der Cytophaga-Bacteroidetes-Familie. Es ist ein spindelförmiges, anaerobes, pleomorphes Stäbchen. T.f. ist in der Lage mit anderen Parodontalpathogenen, wie beispielsweise F.n. oder P.g., bei Entzündungen wie der Parodontitis synergetisch zu agieren (Sharma, 2010). Charakteristisch ist, dass T.f. bei schweren chronischen Formen der Parodontitis in Verbindung mit starken Knochendefekten anzutreffen ist. Es aktiviert die Immunreaktion des Wirts nicht so vielseitig und stark ausgeprägt wie P.g., allerdings ist es mit seinen wenigen Virulenzfaktoren sehr effektiv. Zum einen werden kollagenabbauende Enzyme (Glycosidasen) produziert und zum anderen wird die Selbstzerstörung der Wirtszellen durch Oberflächenlipoproteine aktiviert (Sharma, 2010; Tanner & Izard, 2006).

1.2.2.4 Treponema denticola (T. D .)

Das gramnegative, anaerobe orale Spirochät T. d. hängt mit der Häufigkeit und dem Schweregrad der Parodontalerkrankung zusammen. Diese Spezies gehört zu der Familie der Spirochaetaceae und ist ein helicoidales, bewegliches Bakterium (Sela, 2001). Es ist in der Lage, die Proliferation von Fibroblasten zu unterdrücken und die Kollagenphagozytose durch Gingivafibroblasten zu verstärken. T.d. hat die Fähigkeit, an Epithelzellen, Fibroblasten, wie aber auch an Bestandteilen der extrazellulären Matrix zu haften. Sein invasiver Charakter wird durch seine hochgradige Beweglichkeit, seine zytolytischen Faktoren und Peptidasen beschrieben. Dieser Spirochät wurde im engen Maße nicht nur mit der aggressiven Form der Parodontitis gebracht, sondern auch mit der nekrotisierenden, ulzerierenden Gingivitis (Sela, 2001; Simonson et al., 1988).

1.2.2.5 Fusobacterium nucleatum (F. N .)

F.n. gehört zu der Familie der Fusobacteriaceae und ist ein spindelförmiger, nicht sporenbildender Bazillus, der zudem anaerob und gramnegativ ist. Obwohl dieser Anaerobier für sich allein keine große Rolle in der Pathogenese der Parodontitis spielt, besitzt er die Fähigkeit, an verschiedene Arten von Bakterien (z.B. P.g. oder T.f.) zu adhärieren und die Etablierung dieser Spezies zu erleichtern (Kapatral, et al., 2002). Damit spielt es eine Schlüsselrolle bei der Bildung des Biofilms (Rickard et al., 2003) . F.n. besitzt die Fähigkeit, in Epithel- und Endothelzellen einzudringen (Han, 2015) und ruft eine Vielzahl von Wirtsantworten hervor (Han, 2011). Zum Beispiel ist es ein starker Stimulator für pro­inflammatorische Zytokine, wie Interleukin-6 (IL-6), Interleukun-8 (IL-8) und Tumornekrosefaktor-a (TNF-a), und aktiviert dadurch die Entzündungsreaktion bei der Parodontitis (Chaushu et al., 2012). Die Prävalenz von F.n. nimmt mit dem Schweregrad der Erkrankung, dem Fortschreiten der Entzündung und erhöhter Taschentiefe zu (Han, 2015).

1.3 Relevanz der Arbeit

Maligne Tumore stellen weltweit ein Risiko für die Gesundheit und das Überleben dar. Neben umweltbezogenen Risikofaktoren und Prädispositionen scheinen auch parodontalpathogene Keime in der Pathogenese der Karzinome impliziert zu sein (Shamami & Amini, 2011). Eine systemische Entzündung im Zusammenhang mit Parodontitis, kann die Ausbreitung von oralen Bakterien und deren Virulenzfaktoren auf andere Teile des Körpers fördern (Heikkilä et al., 2018).

In der Zahnmedizin, speziell in der Dentalhygiene, ist es durch prophylaktische und parodontale Maßnahmen möglich, die Verschiebung des ökologischen Gleichgewichts hin zur Homöostase zu fördern.

Das Ziel dieser Literaturrecherche ist es, die Beziehung von den parodontalen Keimen A.a., P.g, T.f., T.d. und F.n. zu der Pathogenese von Karzinomen darzustellen und anhand aktueller Forschungsergebnisse zusammenzufassen.

2. Material und Methode

Zur Bearbeitung der Thematik wurde eine systematische Literaturrecherche durchgeführt. Die Durchführung unterteilte sich in folgende Arbeitsschritte:

1. Festlegung von Keywords (Schlüsselwörter, Suchbegriffe).
2. Die eigentliche Literatursuche erfolgte über die Datenbank PubMed.
3. Sichtung der Literatur und Auswahl der relevanten Studien mit Hilfe definierter Ein- und Ausschlusskriterien
4. Bewertung der Literatur nach Relevanz
5. Dokumentation der Ergebnisse

2.1 Keywords

Dem Thema entsprechend wurden folgende Keywords abgeleitet:

- Aggregatibacter actinomycetemcomitans
- Porphyromonas gingivalis
- Tannerella forsythia
- Treponema denticola
- Fusobacterium nucleatum
- cancer
- cancer risk

2.2 Literatursuche

PubMed ist die weltweit größte medizinische, bibliographische Datenbank, in der medizinische Fachartikel dokumentiert werden.

Durch den Bool'schen Mengenoperator „AND“ wurden die Keywords miteinander verknüpft. Um die Trefferanzahl der Recherche teilweise einzuschränken, wurden die Filter „ 5years “ und „ humans “ benutzt.

2.3 Ein- und Ausschlusskriterien

Einschlusskriterien:

- Literatur in Deutsch oder Englisch
- Begriffe, die für die parodontalen Keime und die Karzinogenese von Bedeutung sind, wie:
- Periodontal disease
- Periodontal Pathogen(s)
- oral microbiome
- Oral bacteria
- Incident Cancer
- Carcinoma
- Neoplasms

Ausschlusskriterien:

- Die Zielsetzung und Fragestellung der Studie waren nicht klar definiert
- Studien zu oralen Karzinomen
- Kein Abstract vorhanden
- Studien älter als 5 Jahre
- Artikel, die für die Hypothese dieser Arbeit nicht relevant waren
- Doppelte Studien
- Tierversuche
- Reviews

2.4 Studienauswahl

Aus dieser Literaturrecherche wurden 10 Studien systematisch ausgewählt. In Tabelle 1 wird die jeweilige Suchfunktion und in Abbildung 2 anhand eines Flowchart die gesamte Suche über die relevanten Studien dargestellt. Nicht alle diese Studien waren frei verfügbar oder zugänglich. Sie wurden aus der medizinischen Zentralbibliothek (ZB MED) Köln gewonnen.

Tabelle 1 PubMed Suchfunktion

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Details

Titel
Auswirkung von parodontal pathogenen Keimen auf die Karzinogenese. Eine ausführliche Literaturübersicht
Hochschule
praxisHochschule
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
53
Katalognummer
V957826
ISBN (eBook)
9783346311054
ISBN (Buch)
9783346311061
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Karzinogenese, Zellzyklus, Parodontitis, Parodontaler Biofilm
Arbeit zitieren
Christina Eilers (Autor:in), 2019, Auswirkung von parodontal pathogenen Keimen auf die Karzinogenese. Eine ausführliche Literaturübersicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/957826

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