Großstadt und Anonymität. Welche Prozesse bewirken und verstärken diesen Zustand ?


Bachelorarbeit, 2017

38 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sichtbarkeit
2.1 Das Sinnesorgan Auge
2.2 Sehen, Erkennen und Wahrnehmen
2.2.1 Signale
2.3 Sichtschutz in der Textilwissenschaft

3. Der städtische Raum
3.1 Raum
3.1.1 Öffentlicher und privater Raum
3.2. Großstadt
3.2.1 Definition
3.2.2 Urbanität
3.2.3 Die Stadt und die Fremde
3.2.4 Die Charaktereigenschaften der Großstädter
3.2.5 Öffentlichkeit in der Stadt

4. Anonymität
4.1 Anonymitätsbegriff
4.2 Anonymität in der Großstadt

5. Tarnung
5.1 Die Kunst der Anpassung
5.2 Camouflage
5.2.1 Ursprung der Camouflagetechnik- erster Weltkrieg
5.2.2 Camouflage und zweiter Weltkrieg
5.2.3 Camouflage heute- zwischen Natur, militärischer Strategie, Kunst und Alltagskultur
5.3 Tarnnetze

6. Gestalterische Umsetzung

7. Schluss

8. Anhang

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„London in eine Hauptstadt, eine Weltstadt, eine Metropole mit einem Zentrum und mit Zentren […] und Laut und Still, von Öffentlichkeit, Geschäftigkeit und privater Zurückgezogenheit und Einsiedelei. Nirgendwo kann man so einsam, so glücklich oder unglücklich einsam in der Menge sein.“1

Glaubt man dem deutschen Schriftsteller Wolfgang Koeppen, so handelt es sich bei der Metropole London um einen Ort der Größe, Vielfalt, Aufgeregtheit und des lauten Lebens, aber auch um einen Ort der inneren Stille, der Rückzugmöglichkeiten bietet. Überträgt man das auf andere Großstädte, so lassen sich schon einige Charakteristika festmachen, die eine Großstadt beschreiben und die das Leben in dieser prägen. Es gibt viele gute Gründe, in einer großen Stadt zu leben. Sei es ein Studium, das vielfältige Kulturangebot, die Masse an Möglichkeiten, die einem geboten werden oder auch der Wunsch nach Einsamkeit. Es mag zunächst konträr klingen - Ein einsames Dasein an einem Ort der dichten Besiedelung und des pulsierenden Lebens. Aber gerade dort, wo viele fremde Menschen aufeinandertreffen, genießt es manch einer in der Masse unterzugehen und so seinem Wunsch nach Anonymität ein Stück näher zu kommen.

Die Annahme, dass überhaupt der Zustand von Anonymität verstärkt in Großstädten herrscht, wird als gegeben betrachtet.

Der wissenschaftliche Teil dieser Arbeit verfolgt die Beantwortung der Frage: Wie kommt es zu Anonymität in der Großstadt und welche Prozesse verstärken diesen Zustand? Um sich systematisch diesen Aspekten zu nähern, ergibt sich eine Gliederung der Arbeit in fünf Teile.

Sehen und Gesehenwerden sind zwei wichtige Punkte, wenn es um Wahrnehmung und die damit verbundene Erkennbarkeit des einzelnen in der Masse geht. Wie genau der Prozess von Sehen eines Objekts bis hin zur Wahrnehmung des Selbigen funktioniert, stellt eine wichtige Grundlage dar, die im ersten Teil der Arbeit genauer erläutert werden soll. Wie genau funktioniert also unser Sehmechanismus und das damit verbundenen Erkennen und gibt es Methoden in der Textilwissenschaft, die diesen erschweren?

Sehen verortet uns im Raum. Im zweiten Teil soll sich daher auf der Grundlage vom Begriff des Raumes, sowie der Abgrenzung von öffentlichem und privatem Raum, dem Thema Großstadt genähert werden. Was ist städtischer Raum und Großstadt und welche Orte sind exemplarisch an denen Anonymität vorherrscht? Ob es Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit gibt, wo diese liegen und welchen Einfluss Öffentlichkeit in der Stadt auf Anonymität hat wird im Weiteren untersucht.

Die ersten beiden Teile dieser Arbeit legen also die Grundlage auf dem Weg zum Thema Anonymität und Großstadt fest und schaffen das Fundament für die Frage was Anonymität überhaupt ist. Im dritten Teil wird daher explizit der Begriff Anonymität erläutert und letztendlich auch, wie sich Anonymität im großstädtischen Raum verhält.

Da es, wie bereits erwähnt, in dem Zusammenhang mit dem Thema dieser Arbeit auch um Wahrnehmungsprozesse geht, ist es interessant zu untersuchen, ob es Techniken gibt, Sichtbarkeit aktiv zu beeinflussen. Daraus resultiert der vierte Teil der Arbeit, der vorerst Tarnungs- und Täuschungsmethoden in der Natur untersucht und dann eine Überleitung in die menschliche Alltagskultur schafft. Wie kann durch Tarnung getäuscht oder angepasst werden und somit Anonymität gewahrt werden? Bedeutend für diesen Vorgang ist die Technik der Camouflage. Die geschichtliche Entwicklung, bis hin zur heutigen Zeit, sowie der Bezug zur Kunst und zum Kubismus werden in diesem Teil verdeutlicht. Besonderer Augenmerk wird im Anschluss auf den Einsatz und die Herstellung von Tarnnetzen und die damit verbundenen Techniken der Camouflage gelegt.

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Anonymität und Großstadt bietet die Grundlage für die textile Umsetzung. Das Thema der Arbeit und die damit verbundene Kernfrage ‚Wie lässt sich die vorherrschende Anonymität in der Großstadt durch textile Gestaltung verdeutlichen?‘ ist das Fundament der künstlerischen Arbeit, die im fünften Teil genauer erläutert und dargestellt wird.

2. Sichtbarkeit

Mit Sichtbarkeit ist ein gewisser Grad des Erkennens gemeint. Diese Sichtbeziehungen spielen vor allem im städtischen Raum eine besondere Rolle. So ist das Sehen und Gesehenwerden im Raum, das Verbergen und Vorzeigen, sowie das Lenken von Blicken oder Reizen ein wichtiger Faktor für diejenigen die diesen Raum nutzen.2

2.1 Das Sinnesorgan Auge

„Seit altersher ist der Mensch bestrebt, seinen Lebensraum zu erforschen, auf ihn Einfluß zu nehmen.“3 Dieser Prozess geschieht in ständiger Wechselwirkung zwischen Umwelt und Organismus. Dabei hat jeder Ort eine spezifische Atmosphäre, die sich aus vielfältigen Informationen zusammensetzt, die jeder Mensch individuell aufnimmt. Diese Aufgabe wird von den menschlichen Sinnen bewältigt.4 Das evolutionsgeschichtlich jüngste Sinnesorgan des Menschen ist das Auge, durch das etwa 70-80 Prozent der umgebenden Informationen aufgenommen werden und somit die wichtigste Verbindung zur Umwelt darstellt.5

Durch den Aufbau des Auges ergeben sich allgemeingültige Sichtwinkel, die das Sehen von Objekten oder auch Städten und deren Bauten bestimmen, sodass sich zum Beispiel die Höhe eines Standbildes oder die Größe und Gestaltung eines Platzes bestimmen lässt.6

2.2 Sehen, Erkennen und Wahrnehmen

Um unsere Umwelt und unseren eigenen Körper wahrnehmen zu können, müssen wir Reize empfangen und diese verarbeiten. Sie werden unter Einschaltung verwickelter Vorgänge in Objekte und Ergebnisse umgedeutet. Somit haben wir nicht unmittelbar eine Verbindung zu den Dingen selbst.7

Zu unterscheiden ist das Sehen mithilfe unseres Sinnesorgans Auge und das daraus resultierende Wahrnehmen und Erkennen. Was wir sehen hängt von der Leistung unserer Fotorezeptoren im Auge ab, was wir erkennen darüber hinaus auf neuronalen Analyseprozessen. Diese beiden Prozesse sind beeinflusst von dem Zielobjekt, von der Umgebung des Zielobjekts und von der Sehleistung des Betrachters. Leicht können Objekte übersehen werden, wenn diese schwache oder keine Signale senden oder die Augen des Betrachters für andere Sehleistungen optimiert sind. Ebenso leicht verkennen Betrachter Objekte, die bereits bekannte und zu den Suchbildern des Betrachters gehörende Signal senden.8

Beim Sehen trifft der Sehstrahl auf die Netzhaut, die eigentliche Wahrnehmungsleistung vollzieht sich jedoch erst im Gehirn. Es werden vom Menschen keine analogen Bilder verarbeitet, sondern digitale Impulse. Von der Sehzelle abgelenkt, treffen Lichtquanten auf die Sehzellen, wo durch Zerfall der dort enthaltenen Sehfarbstoffe Potentialveränderungen entstehen. Die benachbarten Schaltzellen werden angeregt und leiten elektrische Impulse an das Zwischenhirn. Dort entsteht das räumliche Bild und die Information wird zum ersten Mal bearbeitet und nach Wichtigkeit sortiert.9

Das System Umwelt, Wahrnehmung und Handeln hat sich umweltanpassend über Jahrmillionen entwickelt. Der Prozess der Umweltwahrnehmung, der die Verarbeitung vielfältiger aufgenommener Informationen darstellt, wird durch Einflüsse wie Bildung, Erfahrung und Erziehung erst ermöglicht. Umweltwahrnehmung ist ein erlernbarer Prozess, der immer vom Kontext abhängig ist.10 Dieser Aspekt ist besonders Interessant in Hinblick auf die ‚dazugelernten‘ Erfahrungen in der Großstadt und wie diese erlernten Prozesse verändernd auf den Menschen und sein Verhalten wirken.

„Die Differenzierung eines Wahrnehmungsvorgangs verläuft immer nach demselben Schema:“11 So werden zu Beginn die Unterschiede in Farbe, Größe und Form geringer gesehen, als sie in Wirklichkeit sind. Dieses Phänomen stellt eine ökonomische Funktion der Sinne dar, die Menschen vor dem Stress von zu großen Informationsfluten schützt. Wird allerdings ein bestimmter Unterschiedsbetrag überschritten, erfolgt eine kontextunterstützende Differenzierung, bei der die Unterschiede klarer werden. Im letzten Schritt des Wahrnehmungsvorgangs wird nun der Seheindruck gespeichert, wobei bestimmte Unterschiede deutlich werden und andere übersehen werden.12

2.2.1 Signale

Im Alltag ist eine Vielfalt von Handlungsabläufen durch Signale geregelt. Das Klingeln in der Schule, das die Pause einleitet, die Ampelfarben im Straßenverkehr oder Signale beim Bedienen von Maschinen, sind nur wenige Beispiele dafür.13

Unter einem Signal wird meist die Struktur verstanden, die für die Kommunikationsfunktion entwickelt wurde. Empfängt man ein Signal, so handelt man typischerweise mit einer Verhaltensantwort auf dieses. Enthält ein Zeichen keinen expliziten Signalcharakter, kann dieses trotzdem vom Empfänger wahrgenommen werden. So kann zum Beispiel Kleidung hervorragend als Träger von Signalen fungieren. Neben ihrer Schutzfunktion, kann darüber hinaus Aufschluss über Herkunft, Identität, Alter, Geschlecht, Wohlstand, Gruppenzugehörigkeit und anderes mehr geben werden. Andersherum kann Kleidung nicht nur benutzt werden, um Informationen über ihren Träger zu liefern, sondern auch zur Desinformation. So kann das Getragene dabei helfen, Menschen jünger oder älter wirken zu lassen, schöner, stärker und größer.14 „Sie können sich auffällig herausputzen, aber auch unauffällig in der Masse verschwinden- eventuell, um ihre wahren Absichten zu verbergen.“15

2.3 Sichtschutz in der Textilwissenschaft

Wie oben erwähnt, spielt Kleidung eine wichtige Rolle, wenn es um senden von Signalen geht. Kleidung schützt uns aber nicht nur im Sinne eindeutiger Informationsendung über den Träger. Als Mensch verfügen wir weder über gegebene Angriffswaffen, wie zum Beispiel Krallen, noch über Schutzmittel wie ein Panzer oder Fell. Doch der Mensch kann sich mithilfe kultureller Techniken auch an unliebsame Umweltbedingungen anpassen und so Bekleidung, neben dem Wohnraum, zu einer schützenden Hülle werden lassen.16 Auffällig ist bereits die etymologische Vergleichbarkeit von ‚Haus‘ und ‚Kleid‘ . Beide Begriffe gehen auf die gleichen sprachlichen Wurzeln zurück, nämlich auf das Wort Hülle. Ebenso die Wörter ‚Wand‘ und ‚Gewand‘ , die die selbe etymologische Abstammung haben. Bereits in frühen Arbeiten zur Kulturgeschichte zeigt sich, dass die zivilisatorische Entwicklung des Menschen seit Beginn von einem Tarn- und Schutzbedürfnis beeinflusst wurde.17

Kleidung als Hülle bewirkt eine Interdependenz von Blick und Sozialität, die Grenzen konstituiert und erkennbar macht. Sie trennen Körper des Menschen von der umgebenden Außenwelt. „Die spezifische Gestaltung der ‚Hüllen‘- die Art der verwendeten Materialien und der Verarbeitung können Normen und Wertvorstellungen symbolisieren und unterschiedliche Grade von Privatheit kennzeichnen.“18 So lässt sich durch sie ein Gefühl von Intimität und Rückzug aus der Öffentlichkeit erfahren. Besonders deutlich wird dieser Zusammenhang am Beispiel der Verwendung von Tarnfarben beim Militär oder bei der Jagd. Ein unauffälliges Anschleichen, Verstecken oder Beobachten wird dadurch möglich.19

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass um den Menschen sowohl in seiner individuellen Erscheinung als auch in sozialen Kontexten und seiner symbolisch-künstlerischen Äußerung besser verstehen zu können, eine Auseinandersetzung mit dem Thema Tarnung relevant ist, da diese Blicklenkung ermöglicht, Sichtschutz gewährt und so unauffällige Teilhabe am sozialen Leben gestattet.

3. Der städtische Raum

Will man sich der Beantwortung der Frage, wie städtische Räume mit Anonymität verknüpft sind, nähern, so gilt es zuerst zu klären, was unter dem Begriff Raum zu verstehen ist. Im Weiteren wird daher darauf eingegangen, was öffentlicher und privater Raum sind, wie Großstädte definiert werden und was ihre Bewohner auszeichnet. Urbanität und die Einbeziehung des Terminus Fremde spielen im Verlauf dieser Erörterung eine wichtige Rolle, sodass die Umgebung, die Anonymität ermöglicht, dargestellt werden kann.

3.1 Raum

Raum lässt sich mindestens zweifach bestimmen. Zum einen konzeptionell, zum anderen historisch. „Diese Aspekte stehen selbst wiederum im Spannungsverhältnis von Natur und Kultur bzw. von Wahrnehmung oder Bewusstsein und Technik oder Medien.“20 Aufgrund der Schwierigkeit fachlich zu vereinheitlichen, lassen sich allenfalls Tendenzen, die die Ansätze interdisziplinär vergleichen, bestimmen. Historische Ansätze tendieren zu Determinismus. So kann das geschichtliche Geschehen naturräumlich und klimatisch bedingt rekonstruiert werden. Soziologische Ansätze hingegen sehen Räume als Produkt der Gesellschaft bzw. Gemeinschaft.21 So auch der französische Philosoph Henri Lefebvres mit seinem französischsprachigen Werk La production de l’espace aus dem Jahr 1974. „Lefebvre versteht Raum als gesellschaftliches Produkt, welches auf drei Ebenen generiert wird: der physischen, der mentalen und der sozialen Ebene.“22

Immer wieder stößt man auf die Unterscheidung von einem absolutistischen und einem relationalen Raumverständnis. Das absolutistische Raumverständnis geht dabei von der Annahme aus, dass Raum eine Art Container sei, in dem Objekte und Lebewesen ihren Platz haben oder dort platziert werden. Dieses Verständnis reicht von der Antike bis in das heutige Alltagsverständnis, mit dem die Menschen in der westlichen Welt weitestgehend sozialisiert werden. Es wird davon ausgegangen, dass der Raum ein uns umgebender Behälter ist, der unabhängig von den materiellen Körpern in diesem Raum existiert. Der Raum scheint in diesem Sinne also eine zweifellose Naturgegebenheit zu sein.23

Jedoch zeigt schon unsere Alltagserfahrung, dass diese Vorstellung von Raum als übergeordneter Realität unvollständig ist, wenn wir etwa auf unterschiedliche Räume Bezug nehmen, wie der öffentlich Raum und der private Raum.24

3.1.1 Öffentlicher und privater Raum

Zwei klassische Typen von Räumen sind private und öffentliche Räume. Der räumlichen Polarität der beiden Räume wird eine besondere Relevanz zugeschrieben, da sich das Individuum als bürgerliches Subjekt zwischen diesen beiden Bereichen bildet und darstellt. Zudem lässt sich darüber Stadt definieren:

Eine Stadt ist demnach eine Ansiedlung, in der sich das alltägliche Leben polarisiert und entweder im sozialen Zustand der Öffentlichkeit oder in dem der Privatheit stattfindet. Eine öffentliche und eine private Sphäre bilden sich, die in engem Wechselverhältnis stehen. Je Stärker diese Polarität zwischen den beiden Sphären ist, desto städtischer ist, soziologisch gesehen, die Ansiedlung.25

Die Begriffe öffentlicher Raum und privater Raum gehören zum allgemeinem Sprachgebrauch und werden, unklar gezogener Grenzen, gebraucht. Doch was genau verbirgt sich hinter den Begrifflichkeiten?

Laut Definition aus heutiger Sicht, können als öffentliche Räume in der Regel Parks, Plätze und Promenaden in den Städten, die sich im öffentlichen Eigentum befinden und öffentlich verwaltet werden, verstanden werden. Zudem kann alles als öffentlicher Raum gezählt werden, was von der Öffentlichkeit, zu jeder Zeit unbeschränkt zugänglich, genutzt werden kann. Daraus resultiert, dass die hier agierenden Personen für andere sichtbar werden.- Sowohl ihr Tun, als auch ihre eigene Person.26

Im Gegensatz dazu steht der private Raum, in dem für Außenstehende die Aktion, die dort stattfindet, weitgehend verborgen bleibt. Der Allgemeinheit ist dieser Ort nicht zugänglich, denn er steht nur einer einzelnen Person oder einer bestimmten, eingegrenzten Gruppe von Personen zur Verfügung. Als signifikantes Beispiel für solch einen Raum, kann die Wohnung beziehungsweise das Haus genannt werden, welche von der Außenwelt getrennt sind und somit Rückzugsmöglichkeiten und auch Schutz bieten.27

Beide Typen der Räume sind stehen im ständiger Wechselwirkung zueinander. Verändert sich eine Sphäre, so hat dies Auswirkungen auf die jeweils andere.28

Oftmals kommt es zu dem Problem, dass keine klaren Grenzen zwischen den beiden Räumen gezogen werden kann. Dieser Zwischenbereich kann einem Funktionswechsel, der abhängig von der gesellschaftlichen Praxis ist, entsprechen. Maßgeblich ist dann nicht die ursprüngliche Ortszuweisung, sondern mehr die soziale Ortszuweisung in der Nutzung.29 Dies stellt für die Nutzer eine Herausforderung dar. Denn auch wenn Räume ineinander verlaufen und sich Zwischenbereiche bilden, ist es für die Verhaltenssicherheit der Nutzer wichtig, dass Grenzen zwischen den Räumen identifizierbar sind.30

3.2. Großstadt

„[…] Millionen Gesichter: Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick, die Brauen, Pupillen, die Lider- Was war das? Vielleicht ein Lebensglück… vorbei, verweht, nie wieder. […]“31

Dass Großstädte Orte der Anonymität sind, wusste schon der Dichter Kurt Tycholski. Der Auszug stammt aus seinem Gedicht Augen in der Großstadt. Was genau sind aber die Voraussetzungen und Gegebenheiten für die Vorherrschende Idee der Fremde und Anonymität? Was zeichnet eine Großstadt im Allgemeinen und als öffentlichen Raum aus und gibt es besondere Charaktereigenschaften der Großstadtbewohner, die diesen Zustand begünstigen?

3.2.1 Definition

Eine einheitliche Definition des Begriffs der Großstadt lässt sich nur schwierig fassen, deswegen ist es sinnvoll sich dem Begriff auf unterschiedlicher Weisen zu nähern.

So findet sich in den meisten gängigen Lexika die Definition, dass eine Großstadt nach Festlegung des Internationalen Instituts für Statistik (1887), eine große Stadt mit mehr als 100 000 Einwohnern ist, die mit pulsierendem Leben gefüllt ist.

Aus geographischer Sicht, wird die Großstadt als ausgedehnte, geschlossene Ortsform mit einem überregionalen Einzugsgebiet definiert, das auch Mittel- und Kleinstädte umschließen kann. Typisch bei vielen Großstädten ist eine innere Differenzierung mit Ausbildung eines Stadtkerns geprägt von Geschäfts-, Banken-und Bürohausvierteln, sowie von Wohn- und Industrievierteln.32

Versucht man die Großstadt rein ökonomisch zu definieren, wäre sie eine Ansiedlung von Insassen, die zum überwiegendem Teil von dem Ertrag gewerblichen oder händlerischen Erwerbs leben, und nicht hauptsächlich vom landwirtschaftlichen.33

Ein weiterer wichtiger Aspekt um sich einer Definition von Großstadt zu nähern, ist die Betrachtung der soziologischen Sicht. So kann sie soziologisch „als eine relativ große, dicht besiedelte und dauerhafte Niederlassung gesellschaftlich heterogener Individuen“34 bezeichnet werden. Die Überlegungen dazu beruhten im 19. und frühen 20. Jahrhundert darauf, dass die Stadt eng verknüpft mit gesellschaftlichen Wandlungsvorgängen ist. Rasantes Bevölkerungswachstum, Migration, Verfall von ganzen Gesellschaftssystemen, wie auch Gliederungsvorgängen, Isolierung, Vereinsamung und psychischer Verfall der Bewohner kennzeichnen großstädtisches Leben.35

3.2.2 Urbanität

„Urbanität heißt städtische Lebensweise, das, was die Lebensart des Stadtbewohners von der der Landbevölkerung unterscheidet.“36

Abhängig von dem Typus der Gesellschaft, die betrachtet wird, ist was diese Differenz alles beinhaltet. So fallen die Differenzen zwischen Land und Stadt abhängig von der geschichtlichen Epoche und der vorherrschenden Gesellschaftsformation aus.37 Spricht man von Urbanität, so handelt es sich laut Konversationslexika um eine Lebensweise, die als „[…] verfeinert, gebildet, weltgewandt […]“38 gilt. Also um eine, in bestimmter Hinsicht, bessere Lebensweise. Aber nicht nur die Differenz zwischen Stadt und Land wird durch den Begriff Urbanität beschrieben. Ebenso wird mit ihm eine normative Vorstellung von der Qualität des städtischen Lebens verbunden. Die Tatsache in der Stadt zu leben, reicht also nicht aus um von urbanem Leben zu sprechen. Viel mehr ist Urbanität als Ort und Ergebnis der Kultivierung zu sehen. Ein Ort der Befreiung.39

Georg Simmel analysiert in seinem Essay „Die Großstädte und das Geistesleben“ (1903) die Konsequenz der industriellen Urbanisierung für die städtische Lebensweise. Indem die Großstadt geprägt von der Dichte wechselnder Bilder, der sich plötzlich aufdrängenden Eindrücke und der kurzen Abstände innerhalb dessen, was man mit einem Blick erfasst, ist, „[…] stiftet sie schon […] in dem Bewußtseinsquantum […] einen tiefen Gegensatz gegen die Kleinstadt und das Landleben, mit dem langsameren, gewohnteren, gleichmäßiger fließenden Rhythmus ihres sinnlich-geistigen Lebensbildes.“40

Urbanität zeichnet sich durch physische Nähe bei sozialer Distanz aus. Somit bedeutet urbanes Leben soziale und kulturelle Heterogenität und damit Koexistenz einander fremder Personen im öffentlichen Raum der Stadt. Urbanität meint aber mehr als nur Heterogenität. Vor allem ist ein spezieller Verhaltenstypus gemeint, der aus der Ambivalenz von Nähe und Distanz resultiert. Dieser zeichnet sich durch zwei Varianten aus. Entweder, das Individuum akzeptiert Differenz mit Fremden und damit Toleranz gegenüber Verhalten, das anders ist, oder aber es isoliert sich mental. Das heißt nur wenige, der vielfältigen Reize werden wahrgenommen. Die Deviation wird dann nicht toleriert, sondern ignoriert. Diese beiden Möglichkeiten von Toleranz und Ignoranz ermöglichen dem Individuum eine konfliktfreie Synchronität von unterschiedlichen Verhaltenserwartungen.41

3.2.3 Die Stadt und die Fremde

„Stadt ist der Ort, wo Fremde wohnen.“42

Im Gegensatz dazu scheint es auf dem Dorf ganz anders. Man dreht seinem Kopf nach jedem Fremden und sind es zu viele, kommt schnell die Befürchtung seine Heimat zu verlieren. So ist man in der Stadt doch eher überrascht ein bekanntes Gesicht zu sehen. Und geschieht dies häufiger, so beschleicht einen das Gefühl, nicht eigentlich in der Stadt zu leben, sondern in einer Provinz. Fremdsein ist, anders als man wohl vermutet, keine Eigenschaft, sondern immer ein Verhältnis zwischen Menschen. Die Einschätzung, ob es sich um einen Fremden handelt, wird immer von einer Gruppe oder einer Person getroffen. Ebenso sind es auch die Begegnungen mit anderen Menschen, aus denen das subjektive Fremdheitsgefühl resultiert. Fremdsein ist also eine Reaktion auf das Verhalten der Umwelt.43

Eng verbunden mit dem Fremdsein sind also Menschen, die dieses Gefühl auslösen bzw. innehalten. Hier kann von den Fremden gesprochen werden.

Ohne die Fremden, und somit ohne Zuwanderung, gäbe es keine großen Städte. Als weiteres Beispiel für die Anschwemmung von Stadtbewohnern, kann die industrielle Urbanisierung im 19. Jahrhundert genannt werden. So kam eine proletarisierte Landbevölkerung in die Städte, wo sie, trotz deutscher Staatbürgerschaft, den Einheimischen wie Fremde vorkamen.44

„Die Fremden sind nicht nur Füllmasse, um die demographischen Lücken auf den deutschen Wohnungs- und Arbeitsmärkten und im Rentensystem zu schließen.“45 Sie machen ebenso eine produktive Stadtkultur aus, die urbane Stadt als Ort, an dem verschieden Lebensweisen, Kulturen und Anschauungen koexistieren können.46

Die Fremde liegt in der großen Stadt sehr nah. Doch kann sich mit der Dschungelhaftigkeit, Anonymität und Isolation auch eine Hoffnung verbinden: Dass die Großstadt ein Ort ist, an dem man ungestört von Verwandten oder Nachbarn sein eigenes Leben leben kann. Die vorherrschende Anonymität in der Großstadt ist Vorbedingung dafür, dass nicht jedes Verhalten, jede Regung sofort auf die Konventionen zurechtgestutzt wird. Die Vorstellung, dass einen dort niemand kennt, lässt viele auf einen Neuanfang hoffen, ohne von Bekannten auf die alte biographische Identität verpflichtet zu werden.47

Der sozialen Situation des Fremden wird, nach Simmel, eine besondere Rolle zugeschrieben. Er kenne zwei Kulturen, ohne einer von ihnen ganz anzugehören. Zum einen der, aus der er kommt und zum anderen, die Kultur, der er beiwohnen möchte. Durch diesen Umstand sei er in besonderem Maße zur kritischen Selbstreflektion genötigt und ist so zu besonderen „künstlerischen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Leistungen befähigt.“48

Zum einen treibt die Stadt, als Ort von Heterogenität und Fremdheit, die Individualisierung positiv voran, indem sie eine individualisierte Lebensweise eröffnet. Zum anderen negativ, indem sie den einzelnen aus sozialer Kontrolle und Traditionen herauslöst.49 So scheint es nicht verwunderlich, wenn das Individuum zum Schutz eine Selbstpanzerung, durch Gleichgültigkeit, Intellektualität und die Fähigkeit zu distanzierender Reflexion, aufbaut und so weder der sozialen, noch der psychischen Integration, fähig ist.50 Es wird also deutlich, dass die Großstadt Einfluss auf die Charaktereigenschaften, der dort lebenden Bewohner hat. Diese Eigenschaften werden im Weiteren genauer betrachtet.

[...]


1 Koeppen 1986, 215.

2 Gliemann 2011, 31.

3 Klebe 1984, 7.

4 Benk 1994, 8.

5 Vgl. Klebe 1984, 7.

6 Vgl. Benk 1994, 10.

7 Vgl. Oerter 1974, 9ff.

8 Vgl. Lunau 2011, 212.

9 Vgl. Benk 1994, 12.

10 Vgl. Benk 1994, 14.

11 Benk 1994, 14.

12 Vgl. Benk 1994, 14.

13 Vgl. Oerter 1974, 13.

14 Vgl. Lunau 2011, 215ff.

15 Lunau 2011, 219.

16 Vgl. Gliemann et al. 2011, 25.

17 Vgl. ebd., 25f.

18 Gliemann et al. 2011, 27.

19 Vgl. Gliemann et al. 2011, 28.

20 Günzel/Böhm, 2013, 326.

21 Vgl. Günzel/Böhm, 2013, 326.

22 Keckeis 2016, 21.

23 Vgl. Keckeis 2016, 22.

24 Vgl. Löw 2001, 81.

25 Vgl. Bahrdt 1989, 81ff.

26 Vgl. Gliemann 2011, 32.

27 Vgl. ebd.

28 Vgl. ebd.

29 Holland-Cunz 1993, 38.

30 Vgl. Gliemann 2011, 37.

31 Tucholsky 1932, 379.

32 Vgl. http://universal_lexikon.deacademic.com/35009/Großstadt

33 Vgl. Weber 2005, 923.

34 Herlyn 1974, 84.

35 Vgl. Bertels 1997, 14.

36 Siebel 2000, 264.

37 Vgl. Siebel 2000, 264.

38 Siebel 2000, 264.

39 Vgl. Siebel 2000, 264.

40 Simmel 1903, 117.

41 Vgl. Maibaum/Wehrheim 2006, 2517.

42 Siebel 1999, 83.

43 Vgl. Nuscheler 2013, 41.

44 Vgl. Siebel 1999, 83.

45 Siebel 1999, 83f.

46 Vgl. Siebel 1999, 84.

47 Vgl. ebd., 84.

48 Vgl. Siebel 2000, 270.

49 Vgl. Siebel 2000, 270.

50 Vgl. Siebel 2000, 271.

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Großstadt und Anonymität. Welche Prozesse bewirken und verstärken diesen Zustand ?
Hochschule
Technische Universität Dortmund
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
38
Katalognummer
V957878
ISBN (eBook)
9783346313782
ISBN (Buch)
9783346313799
Sprache
Deutsch
Schlagworte
großstadt, anonymität, welche, prozesse, zustand
Arbeit zitieren
Laura Groß-Bölting (Autor), 2017, Großstadt und Anonymität. Welche Prozesse bewirken und verstärken diesen Zustand ?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/957878

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