Wie gestaltet sich Sozialisation für einen unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten in einer fremden Gesellschaft? Analyse anhand einer subjektiven Landkarte


Akademische Arbeit, 2019

14 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Theoretischer Hintergrund

3. Forschungsstand

4. Forschungsmethode

5. Forschungsgegenstand

6. Forschungsergebnisse

7. Diskussion der Ergebnisse

8. Fazit

9. Quellenangaben

1. Einleitung

In der folgenden Ausarbeitung des Blockseminars „Lernen, Entwicklung und Sozialisation“ wird eine durchgeführte Forschungsarbeit im Bereich Sozialisation eines minderjährigen geflüchteten Menschen aus seinem Heimatland nach Deutschland dargestellt. Es soll veranschaulicht werden welche Sozialisationsinstanzen sich als subjektiv wichtige Räume herausbilden und für einen jungen geflohenen Menschen von Bedeutung sind. Als Raum wird hier ein sozial erzeugter Raum verstanden, welcher als gesellschaftlicher und menschlicher Handlungsraum bezeichnet werden kann und durch die Akteure selbst konstruiert wird (vgl. Kessl/Reutlinger 2007, S. 23). Damit wird über die Deutung der von Menschen erzeugten Räume das Ziel angestrebt, die Lebensbedingungen von Akteuren und Gruppen zu verändern bzw. zu verbessern und ihr Lebensumfeld zu analysieren (vgl. Deinert 2009, S.20 f.). Die Relevanz der vorliegenden und aktuellen Thematik der Flüchtlingslage in Deutschland wird anhand der BAMF-Statistik 2018 aufgezeigt. Im Jahr 2017 stellten 9.084 unbegleitete minderjährige Geflüchtete einen Asylantrag, davon sind 86% männlichen Geschlechts und 81% im Alter von 16-17 Jahren (vgl. Tangermann/Hoffmeyer-Zlotnik 2018, S. 18 ff.) . Zur Erfassung eines subjektiven Sozialisationsstands sowie einer daraus möglich erkennbaren Integrationsbestrebung bedarf es einer Auseinandersetzung mit der Thematik Flucht, welche nach Meißner 2003 zum Verlust kulturell bedingter Handlungskompetenzen, sowie der persönlich sozialen Position, durch einen im Herkunftsland erfahrenen Sozialisationsbruch führt. Je nach Entwicklung der Integration innerhalb der Aufnahmegesellschaft wachsen zunehmend Entfremdung und Distanz zur Ursprungsfamilie bisher bestehender Lebensperspektiven sowie der Herkunftskultur (vgl. Meißner 2003, S.145).

Im Folgenden, beginnend mit einer kurzen Erläuterung der erarbeiteten Forschungsfrage, sowie der zur Beantwortung dieser angewandten qualitativen Forschungsmethode der „subjektiven Landkarte“, fließen im weiteren theoretische Hintergründe, als gleich angeeignetes Fachwissen bezüglich der inhaltlichen Thematik mit in die Arbeit ein, um nach der Darstellung des aktuellen Forschungsstandes die Ergebnisse der subjektiven Landkarte aufzuzeigen, zu analysieren und zu diskutieren.

Forschungsfrage Nach einigen Überlegungen zu bisherigen beruflichen Tätigkeiten als Sozialpädagogin fiel das Interesse auf die in einer Clearinggruppe für unbegleitete minderjährigen Ausländer geleistete Arbeit. Thematisch ist der Schwerpunkt der Sozialisation in diesem Zusammenhang von Bedeutung. So wurde folgende Forschungsfrage entwickelt:

„Wie gestaltet sich Sozialisation in einer fremden Gesellschaft eines unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten?“

Persönliche Erwartungen: Eine Zeichnung subjektiver Sozialisationsinstanzen, welche für den geflüchteten Jungen wichtige Räume abbilden. Räume, die Zuflucht gewähren und möglicherweise mit Emotionen, Sicherheit, Freude, Zukunftsperspektiven, vielleicht aber auch mit Ängsten und Unsicherheit in Verbindung stehen.

2. Theoretischer Hintergrund

Ziel eines jeden Sozialisationsprozesses ist die menschliche Persönlichkeitsentwicklung. Der Begriff der „Sozialisation“ schließt damit auch den Begriff der Persönlichkeit mit ein, wobei mit Persönlichkeit das Konstrukt aus Merkmalen, Eigenschaften, Handlungskompetenzen und Einstellungen zu verstehen ist (vgl. Hurrelmann 1986, S. 14). Geulen und Hurrelmann entwickelten eine in der Sozialforschung noch heute akzeptierte Definition des Begriffs „Sozialisation“. Diese bezeichnet den „Prozess der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und materiellen Umwelt“ (Geulen/Hurrelmann 1980, S. 51). Hurrelmann definiert Sozialisation wie folgt: „Sozialisation bezeichnet [...] den Prozess, in dessen Verlauf sich der mit einer biologischen Ausstattung versehene menschliche Organismus zu einer sozial handlungsfähigen Persönlichkeit bildet, die sich über den Lebenslauf hinweg in Auseinandersetzung mit den Lebensbedingungen weiterentwickelt. Sozialisation ist die lebenslange Aneignung und Auseinandersetzung mit den natürlichen Anlagen, insbesondere den körperlichen und psychischen Grundlagen, die für den Menschen die ›innere Realität‹ bilden, und der sozialen und physikalischen Umwelt, die für den Menschen die ›äußere Realität‹ bilden“ (Hurrelmann 2002, S. 15).

Unbegleitete minderjährige Geflüchtete unterliegen bestimmten Sozialisationsbedingungen in der westlichen Welt. Die Sozialisation eines unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten erfolgt innerhalb des Aufnahmelandes primär über das Erziehungs- und Bildungssystem (formelle- und informelle Bildungseinrichtungen wie z.B. Schule, Ausbildungsstätten, Freizeit- und Sportvereine, Sprachkurse etc.) ( vgl. Bulluseck 2003, S.159 ff.) . Laut Deinet erfolgt Bildung nicht essentiell in formellen Bildungseinrichtungen, sondern und vor allem in Lebenswelten und Sozialräumen als elementar prägende informelle Bildung internationaler Bildungsprozesse. Zugewinn und Entwicklung von Sozialkompetenzen durch den Umgang mit fremden Personen (innerhalb neuer Situationen) haben eine Erweiterung des persönlichen Handlungsraums, welcher das Repertoires an Verhaltensmechanismen und Handlungsstrategien erweitert, sowie die Fähigkeit zum Erwerb von Sprachkenntnissen, einhergehend mit erhöhten Chancen auf Bildungsabschlüsse zur Folge (vgl. Deinet 2010). Die hier zusätzlich erworbenen Fähigkeiten und die Erweiterung von Ressourcen sind entscheidend zur Erreichung „das Ziel der Optimierung des eigenen Lebens“ (Böhnisch 1999, S.17) trotz erschwerter Bedingungen wie sozialer Benachteiligung innerhalb schwieriger Lebenslagen, vergleichbar mit nicht geflohenen Minderjährigen (vgl. Böhnisch 1999, S.17).

In Deutschland lebende minderjährige Geflüchtete werden mit einer neuen Gesellschaft konfrontiert, welche andere Werte- und Normenvorstellungen, wie auch andere Verhaltensweisen aufweisen, als die ihres Heimatlandes. Sie befinden sich in ihrer Persönlichkeitsentwicklung und Identitätsbildung (vgl. Bulluseck 2003, S.144). Mit der Flucht geht ein Bruch in der Sozialisation der Geflüchteten in ihren Heimatländern einher, wodurch die Lebenssituation erschwert wird und sie die Werteordnung ihres Heimatlandes verlieren (vgl. Bulluseck 2003, S. 145). Ihre Sozialisation und Integration wird durch ihren unsicheren Aufenthaltsstatus beeinflusst (vgl. Bulluseck 2003, S. 83) . In Deutschland aufgenommene minderjährige Geflüchtete unter 18 Jahren unterliegen der Obhut des Jugendamtes und werden durch Sozialisationsinstanzen wie dem Sozialen Dienst der jeweiligen Stadt, Schulen, Pflege-/Gastfamilien und stationären Jugendhilfeeinrichtungen in ihrem Sozialisationsprozess aktiv unterstützt (vgl. Bulluseck, S. 200 ff.).

3. Forschungsstand

Es sind zahlreiche Studien zu dem Thema „unbegleitete minderjährige Geflüchtete“ erschienen, welche sich mit diversen Aspekten wie Gesundheit, Erwerbschancen, Hilfebedarf, Fluchttraumatisierungen, Entwicklungschancen in Deutschland, Aus- und Weiterbildung beschäftigen. Zudem sind Handbücher zum Umgang mit minderjährigen Geflüchteten für die sozialpädagogische Arbeit verfasst worden. Ein Großteil der Publikationen wurde nach der Flüchtlingskrise in Deutschland im Jahre 2015 veröffentlicht.

Es lassen sich nur unzureichend wissenschaftlich empirische Forschungsergebnisse und Veröffentlichungen mit explizitem Bezug zur tatsächlichen Sozialisation von minderjährigen unbegleiteten Geflüchteten in Deutschland finden. Die vorhandenen Veröffentlichungen beziehen sich auf bestimmte Sozialisationsinstanzen im Zusammenhang mit minderjährigen geflüchteten . Ebenfalls sind quantitative Datensätze zur Anzahl der Geflüchteten vorhanden, welche von Bundes- und Landesbehörden erstellt werden und laufend aktualisiert werden (vgl. Tangermann/Hoffmeyer-Zlotnik 2018, S18 fff.).

4. Forschungsmethode

Die Forschungsmethode der „subjektiven Landkarte“ zur Erforschung kindlicher Lebenswelten, ist den qualitativen Forschungsmethoden zuzuordnen und gilt als offenes und aktivierendes Verfahren (vgl. Krisch 2009, S.110f). Kinder oder Jugendliche zeichnen eine (Land-)Karte, welche mit persönlich bedeutenden Lebensräumen (Stadtteil, Region, Institutionen, virtuellen Räumen/Chatrooms, Heimatländer o.ä.) ausgestattet werden, ausgehend von einem Fixpunkt. Bedeutend sind hierbei nicht detailgetreue, proportionierte Darstellungen geographischer Distanzen oder Zusammenhänge, sondern das subjektive Erleben des Sozialraums. Eine „dichte“ Ausarbeitung der Landkarte wird durch Fragestellungen gefördert und motiviert zur Weiterentwicklung der Karte. Eine fachspezifische Auseinandersetzung des Zeichnenden mit seiner Landkarte, zuzüglich einer gemeinsamen Reflexion beenden die Forschungsdurchführung (vgl. ebd.).

Ziel ist das Hervorheben subjektiv bedeutender Räume wie Aufenthaltsorte, informelle/non-formale Bildungsorte, Schutz- und Angsträume etc. im Umfeld des Zeichnenden. Dies ermöglicht es, aus unterschiedlichen Perspektiven heraus, Netzwerke und Lebensräume als gesamte Umwelt von Kindern und Jugendlichen vielschichtig zu erfassen (vgl. ebd.).

Die Begründung zur Auswahl der o.g. Forschungsmethode stellt das Erkunden der Lebenswelt eines geflüchteten jungen Menschen nach Deutschland dar. Ebenfalls eignet sich diese offene und freie Methode der Forschung zur Kompensation sprachlicher Barrieren.

5. Forschungsgegenstand

Forschungsgegenstand: A.; unbegleiteter minderjähriger Geflüchteter.

Biographische Daten: Geboren am 02. April 2001 in Guinea; Alter: 17 Jahre, Einreisealter nach Deutschland: 16 Jahre. Erste Registrierung in Deutschland: Mai 2016 in Karlsruhe. Aufnahme Clearinggruppe für unbegleitete minderjährige Ausländer (umA): 01.06.2017. Verbleib Clearinggruppe: Bis zum 31.07.2018, dann trägerinterner Wechsel in eine Starter-Wohnung (WG) zur Verselbstständigung, angegliedert an eine reguläre Wohngruppe in Emden. Schulbesuch: Oberschule, seit August 2017; aktuell 10. Klasse Hauptschule. Aufenthaltstitel: Subsidiärer Schutz, bis zur Volljährigkeit, vermutliche Verlängerung um 24 Monate. Familienkontakte: Über Dritte über Facebook zum jüngeren Bruder, der älteren Schwester und der Mutter, alle lebend in der guineischen Hauptstadt Conakry. Sprachkenntnisse: Fullah und Französisch (Landessprachen Guinea), bisher erlangte Deutschkenntnisse sind mittelmäßig bis gut.

6. Forschungsergebnisse

Auf der subjektiven Landkarte, welche ausschließlich mit einem Bleistift gezeichnet wurde, Ausnahme eines Baumes, welcher mit grüner Farbe ausgemalt wurde, sind zwei Räume zu erkennen. Durch eine diagonale Linie in der Mitte der Karte getrennt voneinander, als erster und prägnanter Raum die Zukunft. Zu erkennen ist hier ein Haus, ein Auto, vier Kreise (kommuniziert als Frau und Kinder/eigene Familie) und zwei Bäume. Als zweiten Raum, gezeichnet die Gegenwart, mit einer Schule, einem Calisthenics Sportpark und der Wohngruppe als aktueller Wohnraum. Die Gebäude sind mit der jeweiligen Bezeichnung beschriftet.

Zu Beginn der Forschungssituation wurden die aktuellen Zukunftswünsche gezeichnet, welche den Hauptteil der Zeit beanspruchten. Diese wurden detailgetreu anhand visueller Vorlagen aus dem Internet erstellt. Innerhalb der Konversation wurde deutlich, dass ein großes Bestreben besteht, das weitere Leben in Deutschland zu verbringen. Aussagen wie „das Haus ist in Deutschland. In Hannover. Niedersachsen“ (Interview 00:26:06) verdeutlichen dies.

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Wie gestaltet sich Sozialisation für einen unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten in einer fremden Gesellschaft? Analyse anhand einer subjektiven Landkarte
Hochschule
Universität Bremen  (Erziehungs- und Bildungswissenschaften)
Veranstaltung
Lernen, Entwicklung Sozialisation
Note
1,3
Jahr
2019
Seiten
14
Katalognummer
V957894
ISBN (eBook)
9783346316004
ISBN (Buch)
9783346316011
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geflüchtete, Sozialisation, Unbegleitete minderjährige Geflüchtete, Entwicklung, Forschung, Deutschland
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Wie gestaltet sich Sozialisation für einen unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten in einer fremden Gesellschaft? Analyse anhand einer subjektiven Landkarte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/957894

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