Der Topos des Schweigens in der Literatur der Wiener Moderne. Literarische Strategien des Nicht-Sagens bei Hofmannsthal und Schnitzler


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

42 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Der Topos des Schweigens in seiner rhetorischen Beschaffenheit und poetischen Funktion
2.1 Sprechen und Schweigen
2.2 Literarisches Schweigen

3 Das Schweigen in der Literatur der Wiener Moderne

4 Literarische Strategien des Schweigens bei Hofmannsthal und Schnitzler
4.1 Hofmannsthal: Ein Brief
4.2 Hofmannsthal: Der Schwierige. Lustspiel in drei Akten
4.3 Schnitzler: Therese. Chronik eines Frauenlebens

5 Resümee

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Auseinandersetzung mit dem Schweigen gilt als charakteristisch für die Literatur der Wiener Moderne. Über das Schweigen wird unter anderem Protest, Rückzug und Individuation ausgedrückt, aber auch die Suche nach einer Erneuerung der Sprache kenntlich gemacht. Die Gründe dafür sind vielfältig, und auch die Umsetzung des Schweigens in der Literatur geschieht auf höchst unterschiedliche Weise.

In der vorliegenden Arbeit wird deshalb zuerst auf die Ursachen dieser Entwicklung eingegangen, um anschließend die expliziten und impliziten Manifestationen des literarischen Schweigens dieser Zeit zu betrachten. Anhand des Chandos-Briefes und des Lustspiels „Der Schwierige“ von Hugo von Hofmannsthal sowie des Romans „Therese“ von Arthur Schnitzler werde ich die Bedeutung des Schweigens in der Literatur der Wiener Moderne untersuchen. Dabei werde ich versuchen darzustellen, worin sich die darin zeigenden Schweigeformen unterscheiden und was sie in der erzählten Welt bewirken, indem ich unter anderem folgende Fragen an den Text stelle: Welche Figuren schweigen, und wer wird mit dem Schweigen konfrontiert? Um welche Schweigeform handelt es sich, und welche Auswirkungen hat sie auf den Verlauf der Handlung? Darüber hinaus werde ich auf das Schweigen als sprachliche Erscheinung eingehen, also erörtern, mit welchen Markierern die Schweigestellen verdeutlicht werden und wie sich ihre sprachlichen Aussagen erschließen lassen.

Unter diesen Aspekten ist das Thema Schweigen in der Wiener Moderne bislang, soweit ich es überblicke, noch nicht untersucht worden. Zu Hugo von Hofmannsthal gibt es eine Studie von Melanie Grundmann. In „Die Pragmatik des Schweigens bei Hugo von Hofmannsthal“1 bearbeitet sie das Thema, allerdings ausschließlich aus sprachwissenschaftlicher Sicht. Als weitere Arbeit zum Schweigethema ist Christiaan Hart Nibbrigs „Rhetorik des Schweigens“2 zu nennen, in der er einen Überblick gibt über die Topoi und Denkfiguren, welche den „Schatten literarischer Rede“ betreffen. Unter anderem bespricht er auch kurz das Schweigen bei Hofmannsthal und Schnitzler. Dann folgt Ernst Osterkamp, der sich in seinem Aufsatz „Die Sprache des Schweigens bei Hofmannsthal“3 zwar mit der Schweigethematik bei Hofmannsthal auseinandersetzt, für ihn tritt das Schweigen als künstlerische Ausdrucksform jedoch nach dem Chandos-Brief im Werk Hofmannsthals zurück. Eine Ansicht, die ich nicht teile, wie ich im Folgenden herausarbeiten werde. Lothar Wittmann untersucht in „Sprachthematik und dramatische Form im Werke Hofmannsthals“4 die sprachkritischen und metakommunikativen Aspekte bei Hofmannsthal, die unter anderen auch den Schweigetopos beinhalten. Mit dem Schweigen bei Arthur Schnitzler und anderen Autoren der Moderne hat sich Melissa De Bruyker in ihrer Arbeit „Das resonante Schweigen“5 auseinandergesetzt. Sie unternimmt den Versuch, die Problemkategorien Negation, Hybridität und Unzuverlässigkeit als Merkmale verschwiegener Erlebnisbereiche sichtbar zu machen. Auf die verschiedenen Schweigeformen nimmt sie in diesem Kontext nicht Bezug.

Um den Terminus des literarischen Schweigens näher zu definieren und seine Charakteristika wie Grenzen aufzuzeigen, habe ich dem Hauptteil die Kapitel „Schweigen und Sprache“ sowie „Schweigen in der Literatur“ vorangestellt. Im ersten umreiße ich kurz die kommunikativen Aspekte des „Nicht-Redens“, im zweiten werden die Manifestationsformen und Bedeutungsspektren des literarischen Schweigens behandelt. Beide Kapitel bilden zusammen mit der Darstellung der kulturell-politischen Einflüsse auf die Dichter der Wiener Moderne die Grundlage für die Analysen, in denen ich den Versuch unternehme, diejenigen der vielfältigen Erscheinungsweisen des literarischen Schweigens, die programmatisch für die Wiener Moderne sind, aufzuzeigen und ihre textstrategische Funktion zu beschreiben.

2 Der Topos des Schweigens in seiner rhetorischen

Beschaffenheit und poetischen Funktion

2.1 Sprechen und Schweigen

„Man kann nicht nicht kommunizieren“ (Paul Watzlawick) 6

„Keine Rede ohne Schweigen, aber auch kein Schweigen ohne Rede“,7 so Monika Schmitz-Emans in ihrer Einleitung zum Sammelband „Schweigen und Geheimnis“, in dem sie zusammen mit Kurt Röttgers Formen der Evokation und der Inszenierung des Schweigens aufzeigt. Sprechen und Schweigen sind somit nicht als Gegensätze, sondern als einander bedingende Gesprächskomponenten aufgefasst, die sich ergänzen.

Gerade wie Sprache das Schweigen braucht, damit man sie versteht, beruht das Schweigen auf dem sprachlichen Ausdruck. Eines der größten Missverständnisse liegt in der gängigen Auffassung, dass Sprache und Schweigen totale (absolute) Gegensätze seien. Sie sind vielmehr als einander bedingende und simultane Gesprächskomponenten fassbar.8

Als konstitutiver Bestandteil menschlicher Kommunikation gehört das Schweigen also zu den Voraussetzungen, dass Informationsvermittlung gelingt.9 Zudem ist es selbst Bedeutungsträger, der syntaktische, semantische und pragmatische Funktionen enthält. Im Gegensatz zur Rede ist es jedoch nicht strukturiert, „sondern leer, amorph und chaotisch“.10 Indem ihm vermeintlich die materielle Substanz eines Signifikanten fehlt, scheint es folglich auch kein Signifikat zu besitzen. So erweist sich der Versuch, das Schweigen formal auf der Ebene des Signifikanten zu fixieren und ihm eine Bedeutung auf der Ebene eines Signifikats zuzuordnen, als problematisch.11 Seine Vieldeutigkeit und Unbestimmtheit – es kann beispielsweise sowohl für Einverständnis als auch für Ablehnung, für Kommunikationserwartung wie auch für -verwei- gerung als Indiz gewertet werden – lässt Schweigen zunächst als kaum decodierbar erscheinen. Erst der Einbezug des sprachlichen Ko- sowie des außersprachlichen Kontextes macht eine Interpretation des Schweigens möglich. Schweigen wird damit nach Wolfgang Iser zur „Leerstelle in den Gelenken der sprachlichen Darstellung“. Diese Leerstellen ziehen den Leser in das Geschehen hinein und veranlassen ihn, sich das Nicht-Gesagte als das Gemeinte vorzustellen. Daraus entspringt ein dynamischer Vorgang, denn das Gesagte scheint erst dann wirklich zu sprechen, wenn es auf das verweist, was es verschweigt. Da aber das Verschwiegene die Implikation des Gesagten ist, gewinnt es dadurch seine Kontur. Gelingt es, das Verschwiegene in der Vorstellung zu verlebendigen, dann bringt es das Gesagte vor einen Hintergrund, der es [...] ungleich bedeutsamer erscheinen läßt, als es das im Gesagten Bezeichnete vermuten läßt.12

Durch die Einbettung in Worte, die es umgeben und begrenzen, erlangt das Schweigen seine Kontur, durch die es mittelbar wird.13 Ähnlich beschreibt Wolfgang Heinemann das Phänomen Schweigen, nur verwendet er statt Isers Leerstellenmetapher den Begriff des „Lochs“:

So wie man etwa die Bedeutung des deutschen Lexems Loch nur erfassen kann, wenn man seinen semiologischen Kern in Beziehung setzt zu dem, was ihn umgibt, wodurch er begrenzt wird, so könnte es analog auch sinnvoll sein, die semiotische Nichtsubstanz des Schweigens einzugrenzen durch das, was dieses Phänomen umgibt, die vielfältigen Formen des Sprechens unter unterschiedlichen Bedingungen.14

Bezogen auf die Kommunikationssituation, in der Schweigen auftritt, besteht seine pragmatische Funktion darin, soziale Beziehungen zwischen den Sprechern zu organisieren. Da es nicht möglich ist, nicht zu kommunizieren,15 bleibt auch der beredt, der verstummt. Niemand kann sich der kommunikativen Situation entziehen, die er mit anderen teilt: „Die Situation, in der geschwiegen wird, wo man Rede erwartet, fängt selbst zu reden an.“16

Schweigen trägt in kommunikativen Situationen also immer Bedeutung. Die Leerstellenmetapher legt nahe, es analog zur Rede als „Nicht-Rede“ zu definieren. Damit wird es möglich, nicht nur die das Schweigen umgebenden Wörter, sondern auch den Bereich der nonverbalen Kommunikation, zu dem unter anderem Blicke, Körperhaltung und Gesten gehören, in die Analyse des Schweigens miteinzubeziehen. Der Körper wird so „zur Projektionsfläche, an der das Schweigen ablesbar wird.“17 Auf der performativen Ebene beginnt er gleichsam zu „sprechen“. „Der Körper verleiht dem Schweigen seine Materialität.“18

Dieser Aspekt kommt insbesondere bei der Analyse von Hofmannsthals „Der Schwierige“ zum Tragen. Der dramatische Text bietet die Möglichkeit, das Schweigen zusätzlich über Regieanweisungen zu gestalten und in der theatralischen Aufführung sinnlich erfassbar darzustellen.

Das Phänomen Schweigen ist nicht nur ein konstitutives Element jeglicher Kommunikation, es charakterisiert darüber hinaus auch soziale Beziehungen und lässt sich in seiner Funktion und Bedeutung für gesellschaftliche Systeme beschreiben.19 Für Luhmann ist Schweigen keine Operation, die außerhalb der Gesellschaft faktisch vollzogen wird, sondern nur ein Gegenbild, das die Gesellschaft in ihre Umwelt projiziert, oder auch der Spiegel, in dem die Gesellschaft zu sehen bekommt, daß nicht gesagt wird, was nicht gesagt wird.20

Über welche Themen eine Gesellschaft schweigt, offenbart viel über ihren inneren Zustand. Wenn eine ganze literarische Generation „die Lücke im Text“ thematisiert, dann ist das nicht als persönliche Vorliebe einzelner Dichter zu werten, sondern als Symptom einer gesellschaftlichen Entwicklung. Anhand von Hofmannsthals Chandos-Brief werde ich Aspekte des Schweigens als Symptom der Sprachnot der Dichtergeneration der Wiener Moderne beschreiben und im Lustspiel „Der Schwierige“ Hofmannsthals Folgerungen daraus aufzeigen.

Wer „das Sagen hat“, bestimmt, worüber geschwiegen wird. Für den privaten Bereich gilt dasselbe, wenngleich es sich anders äußert. Individuelle Unterdrückung, die gleichzeitig auf den gesellschaftlichen Umschwung in Wien vor der Zeit des ersten Weltkriegs verweist und sich über das Schweigen manifestiert, werde ich anhand des Romans „Therese“ von Schnitzler besprechen.

2.2 Literarisches Schweigen

Manifestationsformen und Bedeutungsspektren

Indem Schweigen offenbar untrennbar mit Worten verbunden ist, muss es folglich auch in literarischen Texten eine bedeutende Rolle spielen. „Geschwiegen wurde in der Literatur schon immer. Immer anders“, so Christiaan Hart Nibbrig,21 der in seinem eingangs erwähnten Buch „Rhetorik des Schweigens. Versuch über den Schatten literarischer Rede“ eine Typologie von Formen des literarischen Schweigens erstellt, die über das Motivgeschichtliche hinaus untersucht, „wie der geschichtliche Wandel des literarischen Schweigens den des literarischen Sprachverständnisses spiegelt“.22 Im „Schatten der literarischen Rede“ findet er genau das ausgestellt, „was eine Zeit in ihrem kulturellen Code für ihren nennbaren Besitz hält, und daß sie, in beredtem Schweigen artikuliert, was jener mangelt“.23

Aleida Assmann unternimmt den Versuch einer Gliederung der Topoi und Denkfiguren des Schweigens. In ihrem Beitrag „Formen des Schweigens“ des Sammelbandes „Schweigen. Archäologie der literarischen Kommunikation“ steckt sie den Raum ab, in dem sich Schweigen vollzieht, und unterteilt es in zwei Kategorien: einmal „bedeutungsvolles“ und einmal „strategisches Schweigen“.24 Das erste versucht wortlos etwas mitzuteilen, das zweite will etwas erreichen. Unter bedeutungsvollem Schweigen benennt sie unter anderem zustimmendes, liebendes, trotziges und hilfloses Schweigen. Diese Formen des Schweigens zielen darauf ab, vom Adressaten verstanden zu werden.25 Strategisches Schweigen verdeutlicht Aleida Assmann beispielsweise an Schweigen im Umgang mit Schuld, Scham und Schmerz, Schweigen aus Taktgefühl sowie opportunistisches, strafendes und transformierendes Schweigen. Hier geht es darum, Absichten zu verschleiern: Schweigen als Strategie, kommunikativen Kontakt zu vermeiden.26 Bei Schnitzlers Roman „Therese“ werde ich darauf noch zu sprechen kommen.

In der Sekundärliteratur zum Schweigetopos werden nicht nur unterschiedliche Formen des Schweigens diskutiert, sondern auch literarische Texte von Interpretationen erschlossen, die sich explizit mit dem Schweigen befassen, wie etwa Schweigen als Mittel zur Erneuerung der literarischen Sprache, als Zeichen einer dichterischen Abwehrhaltung oder als schriftstellerisches Scheitern am Wort aufgrund historischer Bedingungen. Auch religiöse oder moralische Schweigemotive werden beleuchtet und gesellschaftskritische Beweggründe hinterfragt. Einen Einblick in die Bandbreite des Themas Schweigen in der Literaturgeschichte gibt Stefan Krammer in seinem Buch „redet nicht vom Schweigen...“, in dem er exemplarisch einige Bespiele aus der Sekundärliteratur angibt und kurz kommentiert.27

Wie wird Schweigen in literarischen Texten ausgedrückt beziehungsweise sichtbar gemacht? Schweigen ist akustisch nicht fassbar, und deshalb stellt sich die Frage, inwieweit es überhaupt verschriftlicht werden kann, zumal das Alphabet keine Zeichen zu kennen scheint, um es zu visualisieren.

Eine Möglichkeit besteht darin, das Schweigen mit Worten zu beschreiben. Durch die schriftliche Benennung wird einerseits die Schweigestelle für den Leser eindeutig bezeichnet, andererseits wird damit gleichzeitig die doppelte Paradoxie des schriftlich benannten Schweigens deutlich:

Erstens wird das Schweigen deshalb konkret, weil da Wörter sind, die das Schweigen brechen. Und zweitens sind die Wörter, die das Schweigen brechen, in sich paradox, denn sie nennen das, was sie gerade nicht sind – ein Schweigen.28

Eine weitere Option ist das Setzen typografischer Zeichen, die auf Ausgelassenes hinweisen. Als wichtigste Markierer gelten Kommata, Punkte, Leerzeichen sowie Auslassungszeichen.29 Schweigen im Text wird zudem durch erweiterte Wortzwischenräume, unvollständig gefüllte Zeilen bei Abschnittsgrenzen und unbedruckte Flächen, sogenannte Weißräume, signalisiert.30

Darüber hinaus stehen verschiedene rhetorische Figuren der Weglassung zur Verfügung, um Schweigen zu markieren. Als die wichtigsten von ihnen gelten die Ellipse und die Aposiopese. Ellipsen sind Aussparungen von sprachlichen Elementen, deren Sinn leicht erschlossen werden kann. Unter Aposiopesen wird der überraschende Abbruch einer Rede oder eines Gedankens vor der entscheidenden Aussage verstanden. Damit verschweigen Aposiopesen die Hauptsache, während Ellipsen Nebensächlichkeiten auslassen.31

Des Weiteren kann sich literarisches Schweigen durch „das intendierte Nicht-Reden aus der Situation, in der Rede ausbleibt, und aus dem Partnerbezug, in dem sie erwartet wird“32 äußern. In dieser Form ist das Schweigen am schwersten zu erfassen. Es lässt sich ausschließlich aus dem Ko- und Kontext deuten.

Eine Sonderstellung nimmt das Schweigen im Drama ein. Hier konstituiert es sich gleich zweifach: zum einen im dramatischen Text, in dem es eine theoretische Existenz aufweist, die durch Regieanweisungen im Nebentext oder inhaltliche Thematisierung im Haupttext gestaltet wird, und zum anderen in der theatralischen Aufführung, in der es seine physische Existenz erhält, indem es auf der Bühne „gleichsam in Szene gesetzt wird“.33 Für die Analyse des Schweigens im Dramentext sind die „assoziierte Bühnenrealisation, die im Akt des Lesens entsteht, sowie die intendierte des Autors“34 wesentliche Voraussetzungen.

3 Das Schweigen in der Literatur der Wiener Moderne

Schweigen als Protest

Charakteristisch für die Literatur an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ist die intensive Auseinandersetzung mit dem Schweigen. Ein Rückzug vom Wort und eine Entfremdung von der Sprache werden von der gesamten literarischen Moderne, zu der auch die Wiener Moderne35 gezählt wird, als signifikant angesehen. „Schweigen wird geradezu zum spezifischen Indikator, zum Signum der Moderne hochstilisiert, das symptomatisch für die vermehrt thematisierte Sprachkrise steht.“36

Für die Avantgardisten der Wiener Moderne, der neben Hugo von Hofmannsthal und Arthur Schnitzler auch Stefan George, Hermann Bahr, Leopold von Andrian und Richard Beer-Hofmann angehören, ist Schweigen als Thema wie auch als narrative Strategie die Möglichkeit, auf die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen zu reagieren, denen sie sich zunehmend hilflos ausgeliefert sehen.37

Der sich ankündigende Zerfall des Habsburger Reichs, die fortschreitende Industrialisierung sowie die geänderten sozialen Verhältnisse führen zu einem Gefühl der Verunsicherung bis hin zu Angst. Der drohende Zerfall der Aristokratie wie der gleichzeitige Aufstieg des Kleinbürgertums gepaart mit antisemitischen Tendenzen stellen eine Bedrohung für die intellektuelle Schicht Österreichs dar, zu der auch die Dichter der Wiener Moderne gehören.38

Sie reagieren, indem sie sich in die Kunst, den Traum, das Irrationale flüchten und u. a. das Seelische und das Mystische thematisieren. Die Stimmung lässt sich als eine Mischung aus Narzissmus und Todessehnsucht beschreiben und findet ihren Niederschlag in der ästhetizistischen Literatur.39

Durch die rasche Modernisierung kommt es zu einer zunehmenden sozialen Entfremdung. Um sich von der anonymen Masse abzuheben, setzen die Dichter auf Individualität, durch die sie beabsichtigen, sich als Mitglieder einer künstlerischen Elite auszuweisen. Ihre Idee, dass es nur einem wirklich originellen Geist, einem Genie, möglich sei, Neuschöpfungen hervorzubringen, führt zu einer Form von Einzigartigkeit, die sie zwar von der Gesellschaft abhebt, aber auch gleichzeitig von ihr entfernt.40 Peter Fuchs weist auf die Kommunikationsschwierigkeiten hin, die sich aus diesem Individualisierungsdrang ergeben:

Die einzige Konsequenz, die konsequent aus dem Einzigartigkeitsparadox zu ziehen wäre, ist Schweigen. Aber genau das ist der Punkt, an dem das Paradox im Falle der Literatur besonders dramatisch greift: Wie immer einzigartig die Erfahrungen psychischer Systeme sein mögen, sie lassen sich poetisch nur im Medium der Sprache mitteilen, und eben dies lassen sie sich nicht.

Einzigartigkeit ist in einem sehr präzisen Sinne inkommunikabel. Jenseits von Kommunikation mag sie statthaben oder nicht; soll sie kommunikativ präsentiert werden, hebt sie sich kommunikativ auf.41

[...]


1 Grundmann, Melanie: Die Pragmatik des Schweigens bei Hugo von Hofmannsthal. Berlin: Wissenschaftlicher Verlag Berlin 2007.

2 Hart Nibbrig, Christiaan L.: Rhetorik des Schweigens. Versuch über den Schatten literarischer Rede. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1981.

3 Osterkamp, Ernst: Die Sprache des Schweigens bei Hofmannsthal. – In: Hofmannsthal. Jahrbuch zur europäischen Moderne 2 (1994), S. 111–137.

4 Wittmann, Lothar: Sprachthematik und dramatische Form im Werke Hofmannsthals. Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz: Kohlhammer 1966 (= Studien zur Poetik und Geschichte der Literatur. Bd. 2).

5 De Bruyker, Melissa: Das resonante Schweigen. Die Rhetorik der erzählten Welt in Kafkas „Der Verschollene“, Schnitzlers „Therese“ und Walsers „Räuber“-Roman. Würzburg: Königshausen & Neumann 2008 (= Epistemata, 616).

6 Watzlawick: Menschliche Kommunikation, S. 53.

7 Schmitz-Emans: Zur Einleitung, S. 12.

8 De Bruyker: Das resonante Schweigen, S. 19.

9 Vgl. ebd., S. 10.

10 Krammer: "redet nicht vom Schweigen…“, S. 33.

11 Vgl. ebd.

12 Iser: Der Akt des Lesens, S. 265 f.

13 Vgl. Krammer, "redet nicht vom Schweigen…“, S.38.

14 Heinemann: Das Schweigen als linguistisches Phänomen, S. 304.

15 Vgl. Watzlawick: Menschliche Kommunikation, S. 53.

16 Hart Nibbrig: Rhetorik des Schweigens, S. 41.

17 Krammer: "redet nicht vom Schweigen…“, S. 36.

18 Ebd.

19 Vgl. ebd., S. 43–44.

20 Luhmann, Fuchs: Reden und Schweigen, S.16.

21 Hart Nibbrig: Rhetorik des Schweigens, S. 49.

22 Ebd.

23 Ebd.

24 Vgl. Assmann: Formen des Schweigens, S. 51–63.

25 Vgl. ebd., S. 51–57.

26 Vgl. ebd., S. 57–63.

27 Vgl. Krammer: "redet nicht vom Schweigen…“, S. 53.

28 Schmitz-Emans: Zur Einleitung, S. 15.

29 Vgl. De Bruyker: Das resonante Schweigen, S. 19.

30 Vgl. Krammer: "redet nicht vom Schweigen…“, S. 45–46.

31 Vgl. Grundmann: Pragmatik des Schweigens, S. 18.

32 Hart Nibbrig: Rhetorik des Schweigens, S. 40.

33 Krammer: "redet nicht vom Schweigen…“, S. 47.

34 Ebd., S. 48.

35 Vgl. Metzler Literaturlexikon, S. 229, s. v. Wiener Moderne: Mit der Wiener Moderne, auch Zweite Moderne oder Jung-Wien genannt, wird der Dichterkreis um Hermann Bahr bezeichnet, der sich für die antinaturalistischen Literaturströmungen wie Symbolismus, Impressionismus und Neoromantik einsetzte.

36 Krammer: "redet nicht vom Schweigen…“, S. 53.

37 Vgl. Grundmann: Pragmatik des Schweigens, S. 43.

38 Vgl. ebd., S. 44.

39 Vgl. Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur, S. 9, s. v. Ästhetizismus: Als Ästhetizismus wird eine Geisteshaltung bezeichnet, die ganz auf ästhetisches Erleben und Genießen ausgerichtet ist. Gesteigert führt er zum Teil zu lebensfeindlicher Resignation und Wirklichkeitsflucht in eine harmonische Welt des schönen Scheins.

40 Vgl. De Bruyker: Das resonante Schweigen, S. 21.

41 Vgl. Grundmann: Pragmatik des Schweigens, S. 47.

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Der Topos des Schweigens in der Literatur der Wiener Moderne. Literarische Strategien des Nicht-Sagens bei Hofmannsthal und Schnitzler
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
42
Katalognummer
V957926
ISBN (eBook)
9783346300232
ISBN (Buch)
9783346300249
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schweigen, Schweigeformen, Wiener Moderne, Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, Chandos-Brief, Therese, der Schwierige, Wolfgang Iser, Niklas Luhmann, Aleida Assmann, Unsagbar, ineffabile, Hen kai pan, Leerstelle, Sprachkritik, Gesellschaftskritik, Subalterne, Macht, Minoritätsposition, Distanzierung, Stille, Ruhe, stumm.
Arbeit zitieren
Yvonne Joosten (Autor), 2015, Der Topos des Schweigens in der Literatur der Wiener Moderne. Literarische Strategien des Nicht-Sagens bei Hofmannsthal und Schnitzler, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/957926

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