Diese Arbeit widmet sich Fällen, in denen Pflegekräfte bewusst oder unbewusst das pflegerische Ethos verletzt haben, speziell solchen, in denen Machtgefüge zu diesen Grenzüberschreitungen führten.
Anhand einiger Fallbeispiele sollen Situationen beleuchtet werden, die zu Verletzungen des pflegerischen Ethos geführt haben. In den Fallbeispielen beinhalten diese Überschreitungen die Tötung von Patient*innen. Aus diesen Beispielen sollen Handlungsempfehlungen erwachsen, welche die Wahrscheinlichkeit für solche Grenzüberschreitungen minimieren. Als Grundlage für die Auswahl und Analyse der Fallbeispiele sollen verschiedene Betrachtungsweisen von Macht dienen. Speziell die Theorien von Michael Foucault und Max Weber. Wobei erster sich vor allem mit seinen Überlegungen zu Biomacht gut für Fragestellungen im medizinischen Sektor einigt und zweiter als Grundlage in jeder machttheoretischen Betrachtung Anwendung finden kann. Doch zunächst soll das pflegerische Ethos definiert werden, welcher unabhängig von persönlichen ethischen Vorstellungen das Handeln von Pflegekräften leiten soll.
Die Pflege als Profession hat zur Aufgabe, Gesundheit zu fördern, Krankheit zu verhüten, Gesundheit wiederherzustellen, Leiden zu lindern. Dieses Selbstbild der Pflege bietet eine wohlklingende Grundlage für Leitbilder diverser Krankenhäuser, Pflegedienste und -einrichtungen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Das Ethos der Pflege
2.1. Was ist Ethik?
2.3. Das Berufsethos der Pflege
3. Theorien der Macht
3.1. Max Weber
3.2. Michel Foucault
4. Fallbeispiele
4.1. Euthanasie „lebensunwerten Lebens“ im Dritten Reich
4.1.1. Rahmenbedingungen für die Beendigung „lebensunwerten Lebens“
4.1.2. Margarete T.
4.1.3. Anna G.
4.1.4. Relevante Machtstrukturen für die Anstalt Meseritz-Obrawalde
4.2. Zeitgenössische Fälle
4.2.1. Rudi Z.
4.2.2. Niels H.
5. Ergebnisse
Zielsetzung & Themen
Diese Bachelorarbeit untersucht, wie Machtstrukturen Pflegekräfte dazu bringen können, das pflegerische Ethos zu verletzen, bis hin zur aktiven Tötung von Patienten. Anhand theoretischer Machtkonzepte von Max Weber und Michel Foucault werden sowohl historische Fälle aus der NS-Euthanasie als auch zeitgenössische Beispiele analysiert, um Präventionsmöglichkeiten abzuleiten.
- Analyse des pflegerischen Ethos und seiner theoretischen Grundlagen.
- Anwendung der Machttheorien von Weber und Foucault auf pflegerische Kontexte.
- Untersuchung von historischen und aktuellen Fällen pflegerischer Grenzüberschreitungen.
- Identifikation von Faktoren, die das pflegerische Handeln in Machtstrukturen beeinflussen.
- Ableitung von Handlungsempfehlungen zur Stärkung der ethischen Reflexion in der Pflege.
Auszug aus dem Buch
3.1. Max Weber
„Die Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel, worauf diese Chance beruht.“ (Weber 1985, S. 28). Diese Definition von Max Weber beschreibt Macht als eine asymmetrische soziale Beziehung, weil eine Person der anderen ihren Willen aufzwingen kann. Dabei ist es unerheblich woraus diese Asymmetrie resultiert (vgl. Müller 2007, S. 121). Die Definition von Weber lässt sich in vier Elemente zerlegen:
1. Macht findet nur in sozialen Beziehungen statt und setzt folglich Verhältnis der Interaktionspartner*innen voraus (vgl. Kaven 2006, S. 45). Sie bezeichnet die Möglichkeit einer Beziehung einen besonderen Charakter zuzuweisen. Macht findet nur innerhalb bereits bestehender Beziehungen statt, kann jedoch keine neuen schaffen. Macht ist an soziales Handeln und somit auch an Sinn gebunden. Sie dient der Durchsetzung und Stärkung der eigenen Position. Von daher ist ein entsprechender Wille, der gegen einen anderen Willen antritt, Voraussetzung für Machtausübung (vgl. ebd., S. 45 ff.). Dies bedeutet, dass ein Machtverhältnis nur zwischen mündigen und willensfähigen Individuen bestehen kann. Also beispielsweise zwischen Arbeitskolleg*innen aber auch zwischen Pflegekraft und Patient*in. Nicht jedoch, wenn diese aufgrund eines Komas nicht über einen eigens vertretenen Willen verfügt.
2. Bei der Ausübung von Macht geht es um die Durchsetzung des Willens aufgrund verschiedener Werte oder Interessen. Laut Weber gibt es einen Polytheismus der Werte, der sich aus überschneidenden Lebensordnungen wie Kunst, Politik, Religion und Wirtschaft ergeben kann. Da es in Webers Weltbild keine übergeordnete Instanz gibt, welche in Fällen eines Widerspruches entscheiden kann, welche Werte die richtigen sind, bleibt die individuelle Entscheidung als oberste Instanz. Diese getroffenen Wertentscheidungen können in Folge mit anderen in Konflikt geraten (vgl. ebd., S. 49 f.) Macht dient also dazu, die eigenen Werte gegen die Wertvorstellungen anderer zu behaupten und ihnen so Geltung verleihen zu können. So haben sich die angestellten Pflegekräfte nach dem Pflegeverständnis des sie Beschäftigenden Unternehmens zu richten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Diese Einleitung stellt die pflegerische Profession und deren Ethos dar und erläutert die Forschungsfrage bezüglich der Verletzung dieses Ethos durch Machtstrukturen.
2. Das Ethos der Pflege: Das Kapitel definiert Ethik und Ethos, beleuchtet zentrale Ethiktheorien (Tugend-, Pflicht-, Nutzenethik) und beschreibt die historische Entwicklung des pflegerischen Berufsethos.
3. Theorien der Macht: Hier werden die machttheoretischen Ansätze von Max Weber (soziale Beziehung, Herrschaftstypen) und Michel Foucault (strukturelle Macht, Biomacht, Gouvernementalität) detailliert analysiert.
4. Fallbeispiele: Dieser Hauptteil widmet sich vier Fallbeispielen von Tötungen durch Pflegekräfte, unterteilt in die NS-Zeit (Margarete T., Anna G.) und zeitgenössische Fälle (Rudi Z., Niels H.), und analysiert diese machttheoretisch.
5. Ergebnisse: Die Ergebnisse fassen die Analyse zusammen, identifizieren gemeinsame Muster in den Fällen und betonen die Notwendigkeit ethischer Reflexion und Supervision in der Pflegeausbildung und -praxis.
Schlüsselwörter
Pflegeethos, Macht, Max Weber, Michel Foucault, Euthanasie, Biomacht, Herrschaft, Patientenwohl, Pflegeausbildung, Berufsethik, Grenzüberschreitung, Krankenhaus, Verantwortung, Normalisierung, Pflichtbewusstsein.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld, in dem sich Pflegekräfte bewegen, und analysiert, warum und unter welchen Bedingungen Machtstrukturen dazu führen, dass das pflegerische Ethos verletzt wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Arbeit verknüpft ethische Grundlagen der Pflege mit machttheoretischen Konzepten, um die Ursachen von schwerwiegenden Grenzüberschreitungen bis hin zu Tötungsdelikten in der Pflege zu verstehen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aus einer machttheoretischen Analyse von Fallbeispielen Handlungsempfehlungen abzuleiten, welche die Wahrscheinlichkeit für ethische Grenzüberschreitungen in der Pflege verringern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch fundierte Analyse, die Fallbeispiele heranzieht und diese durch die theoretischen Brillen von Max Weber und Michel Foucault betrachtet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung zu Macht und Ethik sowie eine detaillierte Fallanalyse, die sowohl historische NS-Euthanasie-Fälle als auch aktuelle Fälle wie Niels H. umfasst.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Pflegeethos, Macht, Biomacht, Herrschaft, Berufsethik und Patientenwohl.
Wie unterscheidet sich die Machtausübung bei den historischen Fällen von den zeitgenössischen Beispielen?
Die historischen Fälle sind stark von einer institutionalisierten Hierarchie und dem blinden Gehorsam gegenüber dem NS-System geprägt, während die zeitgenössischen Täter oft aus individueller Sucht nach Anerkennung oder zur Entlastung des Arbeitsalltags agierten.
Was schlussfolgert der Autor aus der Analyse für die Pflegeausbildung?
Der Autor fordert eine stärkere Verankerung der ethischen Reflexionsfähigkeit in der Pflegeausbildung sowie eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Implementierung von Supervisionen im Berufsalltag.
- Arbeit zitieren
- Michael Frenzel-Simon (Autor:in), 2020, Macht und ethische Grenzüberschreitungen in der Pflege, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/957927