Diese Arbeit befasst sich damit, inwieweit die Gemeinsamkeiten von Pentekostalismus und Reformislam Rezeptionsprozesse aufzeigen, also die direkte Reaktion einer Gruppe auf ihren Gegenüber darstellen und weitergehend die Aufnahme fremder Denkens- und Handlungsweisen in die eigenen belegen.
Nigeria – sowie der gesamte westliche Teil des afrikanischen Kontinents – erlebt seit einigen Jahrzehnten eine religiöse Revitalisierung. Diese ist auf zwei maßgebliche Bewegungen herunter zu brechen: Den Pentekostalismus im Süden des Landes und den Reformislam im Norden. Beide Gruppen erlangten ihre Prominenz in den 1970er Jahren und entwickelten sich durch ihre fundamentalistischen und teilweise absolutistischen Ansichten zu verbitterten Konkurrenten. Trotz des antagonistischen Wesens ihrer Beziehung, sind noch deutlich mehr Gemeinsamkeiten zwischen den Bewegungen in Nigeria festzustellen, als nur ihr zeitlich vergleichbarer Ursprung. Larkin und Meyer beschreiben beide sogar als verfeindete „Doppelgänger". Ob diese Beschreibung zutrifft und worauf sie sich bezieht, soll in dieser Arbeit geklärt werden.
Zu diesem Zweck wird zu Beginn versucht das Phänomen des Pentekostalismus für die vorliegende Arbeit einzugrenzen und in diesem Zuge die Herausforderungen der Pentekostalismusforschung darzulegen. Danach soll die Entstehung und Entwicklung des Pentekostalismus in Nigeria kurz beschrieben werden, wofür ein kurzer Abriss der Geschichte des Christentums in Nigeria hilfreich sein wird. Das Wesen des Pentekostalismus in Nigeria wird nachfolgend auf vier charakterisierende Punkte heruntergebrochen. Es folgt die Entwicklung des Reformislam, aufbauend auf einer kurzen historischen Darstellung des nigerianischen Islams. Der Reformislam soll darauf nach drei Aspekten in seiner Parallelität zum Pentekostalismus dargestellt werden. Abschließend soll die Aus-angsfrage beantwortet werden, welche Rezeptionsprozesse zwischen Pentekostalismus und Reformislam nachzuweisen sind.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Klassische und moderne Ansätze der Pentekostalismusforschung
3. Christentum in Nigeria
4. Pentekostalismus in Nigeria
4.1 Bruch mit der Vergangenheit
4.2 Der Wettstreit um den öffentlichen Raum
4.3 Die Dämonisierung des Islams
4.4 Der Umgang mit Gewalt
5. Islam in Nigeria
6. Reformislam in Nigeria
6.1 Reformislam als Islamkritik
6.2 Inhalte der Reform
6.3 Methoden zur Verbreitung der Botschaft
7. Rezeptionsprozesse
8. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die religiöse Revitalisierung in Nigeria und analysiert die Interaktion sowie die wechselseitigen Rezeptionsprozesse zwischen dem Pentekostalismus im Süden und dem Reformislam im Norden. Im Zentrum steht dabei die Forschungsfrage, inwieweit diese beiden religiösen Strömungen, trotz ihres antagonistischen Wesens, gemeinsame Reaktionsmuster auf gesellschaftliche Herausforderungen aufweisen und wie sie Elemente des jeweils anderen in ihre eigene Lehre und Praxis integrieren.
- Historische und soziologische Grundlagen der religiösen Entwicklung in Nigeria.
- Analyse der Dynamiken und Strategien des Pentekostalismus.
- Untersuchung der Entstehung und Ausrichtung des islamischen Reformismus (Izala-Bewegung).
- Vergleich der Methoden zur Verbreitung religiöser Botschaften und zur Nutzung öffentlicher Räume.
- Identifikation von Rezeptionsprozessen, wie die gegenseitige Übernahme von Werbestrategien und politischem Engagement.
Auszug aus dem Buch
4.1 Bruch mit der Vergangenheit
Der Pentekostalismus in Nigeria zeichnet sich, ähnlich wie die ersten Versuche christlicher Mission, durch einen starken Widerstand gegen – oder wie es Larkin und Meyer noch drastischer ausdrücken, einen nachhaltigen Angriff auf – lokale kulturelle und religiöse Traditionen aus. Traditionelle Kultur wird als Angelegenheit der Vergangenheit instrumentalisiert, in die man nur zurückrutschen könne. Bekannte Praktiken wie das Ausgießen von Trankopfern werden den neuen Gläubigen als dämonische, okkulte, mit dem Teufel verbundene Handlungen präsentiert, die den Fortschritt in ihrem Leben verhindern würden.
Demgegenüber positioniert sich die pentekostale Gemeinde bewusst und wirksam als Bote von Modernität und Fortschritt. Dieses Image baut sie u. a. durch die Errichtung von massentauglichen Kirchenhäusern, den Gebrauch von moderner audio-visueller Technologie, die Produktion von eigenen TV- und Radiosendungen, riesige Evangelisationsveranstaltungen und die Betonung der Zugehörigkeit zu einem internationalen, globalen Netzwerk auf. Insbesondere der Medieneinsatz und die globale Orientierung der Bewegung suggerieren den pfingstlerisch-christlichen Glauben als Unterstützung Erfolg und Modernität zu implementieren und als Chance zur Überwindung lokaler Herausforderungen und Gebundenheiten durch eine delokalisierte Form der Gemeinschaft und Identität.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die religiöse Revitalisierung Nigerias ein und formuliert das Ziel, die Rezeptionsprozesse zwischen Pentekostalismus und Reformislam zu untersuchen.
2. Klassische und moderne Ansätze der Pentekostalismusforschung: Hier werden theoretische Ansätze zur Definition und Kategorisierung des Pentekostalismus sowie die Herausforderungen der wissenschaftlichen Forschung in diesem Bereich diskutiert.
3. Christentum in Nigeria: Dieses Kapitel skizziert die historische Ausbreitung des Christentums von den ersten Missionsversuchen im Süden bis zur Herausforderung durch den islamisch geprägten Norden.
4. Pentekostalismus in Nigeria: Dieser Abschnitt beschreibt die Entstehung der pfingstlerischen Bewegung in Nigeria, ihre aggressive Evangelisationsstrategie und die zunehmende Politisierung innerhalb der nigerianischen Gesellschaft.
4.1 Bruch mit der Vergangenheit: Hier wird der radikale Bruch der Pfingstler mit traditionellen kulturellen Praktiken und deren Deutung als dämonisch analysiert.
4.2 Der Wettstreit um den öffentlichen Raum: Dieses Kapitel thematisiert die zunehmende Präsenz pentekostaler Gruppen im öffentlichen Raum und die damit einhergehende Konfrontation mit islamischen Akteuren.
4.3 Die Dämonisierung des Islams: Hier wird die Einführung des Konzepts der „geistlichen Kriegsführung“ beschrieben, durch welches das Feindbild des Islams als religiöser und gesellschaftlicher Gegner gefestigt wurde.
4.4 Der Umgang mit Gewalt: Dieses Kapitel befasst sich mit der Entwicklung der Strategie im Umgang mit Gewalt, vom anfänglichen Prinzip des Nicht-Widerstands hin zu einer aktiveren Gegenwehr.
5. Islam in Nigeria: Ein Überblick über die historische Etablierung des Islams in den Hausastaaten und die Rolle der Kolonialherrschaft für die islamische Hegemonie im Norden.
6. Reformislam in Nigeria: Dieses Kapitel stellt die Entstehung des islamischen Reformismus in den 1970er Jahren vor, der eine Rückkehr zu den Ursprungstexten des Korans fordert.
6.1 Reformislam als Islamkritik: Hier wird die fundamentale Kritik der Reformer an traditionellen sufistischen Praktiken und deren Auswirkungen auf die innerislamische Einigkeit dargestellt.
6.2 Inhalte der Reform: In diesem Teil werden die konkreten Kritikpunkte der Reformer, wie die Ablehnung von Heiligenverehrung und kulturellen Bräuchen, detailliert aufgeführt.
6.3 Methoden zur Verbreitung der Botschaft: Dieses Kapitel beleuchtet, wie Reformer moderne Medien und Massenveranstaltungen nutzten, um ihre Lehren einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
7. Rezeptionsprozesse: Hier werden die fünf zentralen Aspekte zusammengefasst, die die gegenseitige Beeinflussung und strukturelle Angleichung von Pentekostalismus und Reformislam belegen.
8. Fazit: Das Fazit resümiert, dass die Ähnlichkeiten der Bewegungen primär auf einer gemeinsamen Reaktion auf sozioökonomische Herausforderungen der Zeit beruhen.
Schlüsselwörter
Pentekostalismus, Reformislam, Nigeria, Evangelisation, Izala-Bewegung, Rezeptionsprozesse, Religiöse Revitalisierung, Öffentlicher Raum, Geistliche Kriegsführung, Modernität, Christentum, Islam, Säkularisierung, Politisierung, Identitätsstiftung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die religiöse Dynamik in Nigeria seit den 1970er Jahren und analysiert die verblüffenden Parallelen in der Entwicklung und den Strategien von Pentekostalismus und Reformislam.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zu den zentralen Themen gehören die religiöse Identitätsbildung, die Instrumentalisierung moderner Medien für religiöse Zwecke sowie die Konkurrenz um den politischen und gesellschaftlichen Einfluss im öffentlichen Raum.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie diese religiösen Gruppen durch wechselseitige Rezeptionsprozesse – etwa durch das Kopieren von Werbestrategien oder politischem Engagement – auf ihre Konkurrenten und die gesellschaftlichen Bedingungen reagieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine tiefgehende Literaturanalyse und vergleicht die Ansätze der Pentekostalismus- und Islamforschung, um theoretische Konzepte auf die nigerianische Situation anzuwenden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Aufarbeitung des Christentums und Islams in Nigeria sowie eine detaillierte Gegenüberstellung der Arbeitsweisen von Pfingstkirchen und islamischen Reformgruppen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Besonders prägend sind Begriffe wie „Rezeptionsprozesse“, „religiöse Revitalisierung“, „Bruch mit der Vergangenheit“ und „öffentlicher Raum“.
Inwiefern hat die Kolonialgeschichte die aktuelle religiöse Lage beeinflusst?
Die Arbeit zeigt auf, dass die Kolonialpolitik, insbesondere die Trennung von Nord- und Süd-Nigeria durch das Modell des „indirect rule“, die religiöse Landkarte und die Entstehung der heutigen Konfliktlinien maßgeblich mitgeprägt hat.
Was macht die Izala-Bewegung für die Untersuchung so bedeutend?
Die Izala-Bewegung gilt als das bedeutendste Beispiel für den Reformislam in Nigeria; ihr rationalistischer und Sufismus-kritischer Ansatz bietet direkte Anknüpfungspunkte für den Vergleich mit den Reformtendenzen der Pfingstbewegung.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2019, Die Rezeption des Pentekostalismus bei Muslimen am Beispiel Nigeria, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/958045