Wieviele Gehirne hat der Mensch?


Seminararbeit, 1999

39 Seiten, Note: sehr gut


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Inhaltsverzeichnis

Prolog

1. Die Evolution
1.1.Entwicklung des Zentralen Nervensystem
1.2.Verschiedene Aspekte des Lernens

2. Das Triptychon
2.1. Uneinigkeit des Trios
2.2. Gehirn als ,,Un-Einheit“
2.3. Separation der Gehirne
2.3.1. Reptilienhirn/Hirnstamm/Instinkte
2.3.2. Säugetierhirn/limbisches System/Emotionen
2.3.3. Menschenhirn/Neocortex/Gedächtnis
2.4. Resümee der Triptychon-Theorie
2.4.1. Kritik der Triptychon-Theorie

3. Die Hemisphärentheorie
3.1. Hemisphärenasymmetrie
3.2. Kommissurotomie
3.2.1. ,,Brainsplitting
3.2.2. Interpretation von Befunden
3.2.3. Cross Cueing
3.2.4. Sprache
3.2.4.1. Rechte Hemisphäre und Sprache
3.2.5. Visuell-räumliche Funktionen der Hemisphären
3.2.6. Informationsverarbeitung in den beiden Gehirnhälften
3.2.7. Quintessenz
3.3. Messungen der Gehirnaktivität an gesunden Personen
3.3.1. Untersuchungsmethoden
3.3.1.1. Zerebrale Angiographie
3.3.1.2. Computertomographie (CT)
3.3.1.3. Kernspintomographie
3.3.1.4. Elektroenzephalographie (EEG)
3.3.1.5. Magnetenzephalographie (MEG)
3.3.2. Weitere Untersuchungsmethoden (betreffend: Gehirndurchblutung)
3.3.2.1. Emissionscomputertomographie (ECT)
3.3.2.2. HMPAO-SPECT-Verfahren
3.3.2.3. Positronenemissionscomputertomographie (PET)
3.3.3. Bilanz
3.4. Entwicklungsstörung und Asymmetrie
3.4.1. Dyslexie
3.4.2. Stottern
3.5. Lateralität
3.5.1. Erziehung und Schule
3.5.1.1. Zeichnen - eine Fähigkeit der linken Hemisphäre ?
3.5.2. Spracheinflüsse auf die Lateralität
3.5.3. Menschliche Kultur als Produkt der Funktion des Corpus callosums?

Resümee

Anhang Glossar

Literaturverzeichnis

Prolog

Als ich hörte, daß es Autoren gibt, die das Gehirn in drei Teile gliedern, habe ich mich erst einmal gefragt, was ich eigentlich die ganze Zeit in der Schule gelernt habe. Die ,,Dreihirntheorie" war mir ein völlig neuer Begriff, denn bis dato war mir nur bekannt, daß es ein Gehirn mit linker und rechter Gehirnhälfte gibt. Die sog. ,,Triptychon-Theorie" erweckte mein Interesse und ich entschied mich, mehr darüber in Erfahrung zu bringen.

Wenn man in medizinischen Büchern, genauer genommen in Anatomie-, Physiologie-, Neurologie- oder Neurophysiologiebüchern herumblättert, trifft man immer wieder auf die ,,Zweihirntheorie". Es ist wohl jedem bekannt, daß damit die Unterteilung des Gehirns in seine zwei funktional unterschiedlichen Teile, die linke und die rechte Hemisphäre, gemeint ist. Was ist aber, wenn jemand behaupten würde es gäbe drei Gehirne? Dieser Mensch würde wohl für völlig verrückt erklärt werden. Doch bemerkenswerterweise gibt es immer noch einige Wissenschaftler, die jenes Modell bis heute noch in ihren Publikationen erklären und vertreten!

Ich werde zunächst im Groben einen Überblick über die zwei überaus unterschiedlichen Theorien verschaffen und knapp erläutern, worum es sich handelt; näheres hierzu wird sehr ausführlich auf den folgenden Seiten erklärt.

Die ,,Dreihirntheorie": Sie entspringt der These, daß die Evolution normalerweise in kleinen Schritten verläuft, und jeweils Sprünge macht, wenn Anpassungen an plötzlich eintretende neuartige Lebensumstände erforderlich sind. Um das Überleben in der veränderten Umwelt zu gewährleisten müssen quasi den schon erprobten Teilen des Nervensystems neue Systeme hinzugefügt werden. Demnach haben wir nicht nur ein typisch menschliches Gehirn, sondern auch Gehirnteile, wie sie für das Verhalten von Reptilien und Säugetieren verantwortlich sind. Trivial ausgedrückt, folgt unser Verhalten den Instruktionen verschiedener Kommandozentralen, in denen unterschiedliche Interessen verfolgt werden und die auch nur mäßig miteinander kooperieren.

Die Hemisphärentheorie: Betrachten wir das Großhirn von außen, so scheint dessen Hauptmasse aus den beiden Großhirnhemisphären zu bestehen; daher stammt auch die Bezeichnung der ,,Zweihirntheorie". Getrennt werden die Halbkugeln durch die Hemisphärenspalte (Fissura longitudinalis cerebri), welche bis zum Corpus callosum, einem die beiden Hirnhälften verbindenden Nervenfaserbündel, das als Kommunikationskanal dient, herunterreicht. Jede Hälfte des Gehirns steuert unterschiedliche Funktionen. Motorische und sensorische Grundfunktionen des Körpers sind gleichmäßig zwischen beiden zerebralen Hemisphären aufgeteilt. Die Zuordnung erfolgt kontralateral über sog. Pyramidenbahnen; so ist die linke Hemisphäre für die rechte Seite des Körpers und die rechte Hemisphäre für die linke Seite des Körpers zuständig. Aus makroskopischer Sichtweise scheinen die beiden Hemisphären symmetrisch, es ist aber nicht so, daß sich rechte und linke Seite der Hemisphären sich in jeder Hinsicht völlig entsprechen; wenn dies so wäre, könnten beispielsweise alle Menschen beidhändig fungieren; dem ist aber nicht so. Insofern spricht man auch von funktioneller Asymmetrie. Es gibt viele Hinweise dafür, daß das linke und rechte Gehirn, trotz äußerer Symmetrie, weder in ihren Fähigkeiten noch in ihrer Organisation identisch sind. Um diese ,,Divergenz" soll es im zweiten Hauptteil dieser Arbeit gehen.

1. Die Evolution

- Entgegen dem christlichen Standpunkt, nachdem sich alle Lebensformen seit Anbeginn der Schöpfung nicht verändert haben, bedeutet Evolution die immer fortwährende Entwicklung der belebten Natur. In der theoretischen Biologie herrscht keine Einstimmigkeit, es existieren verschiedene Evolutionstheorien. So kann die Evolution zielgerichtet sein und sich nach einem bestimmten, kontinuierlichen Grundmuster weiterentwickeln, weswegen aus einer gemeinsamen Entstehungsgeschichte heraus unterschiedliche Lebensformen hervorgehen können. Evolution kann aber auch entweder als ein in Sprüngen verlaufender oder aber als kontinuierlicher Prozeß aufgefaßt werden. Ferner ist man sich uneins über die Frage, ob die Evolution integrierte Produkte hervorbringt oder ob Strukturen und Funktionen aufeinander gestapelt werden. Allerdings beruhen letztendlich alle Evolutionstheorien auf einer Interpretation der paläontologischen Geschichte, so können sich z.B. aus einem Sachverhalt je nach Interpretationsweise mehrere sich unterscheidende Evolutionstheorien ergeben.

Vor dem 19. Jahrhundert interessierte sich die Gehirnforschung hauptsächlich für die Entstehensweise des Verstandes und der Vernunft. Durch die Entwicklung der Evolutionstheorien erkannte man allmählich gemeinsame Parallelen in der Entwicklung zwischen Mensch und Tier. Nicht nur auf Grund der vergleichenden Gehirnanatomie sondern auch auf der Verhaltensebene wurden Ähnlichkeiten zum Tier festgestellt, woraufhin sich die Sichtweise änderte, sie stellte nun nicht mehr nur den Verstand sondern auch Emotionen und Instinkte in den Mittelpunkt des Interesses. Es entwickelte sich der Standpunkt, daß sich durch Umwelt- und Klimaveränderungen das Gehirn, als eine Art Überlebensstrategie, anatomisch umstrukturiert um die Erhaltung der Spezies sicherzustellen.

Im 19. Jahrhundert kamen dann die miteinander konkurrierenden Evolutionstheorien von Lamarck und Darwin hinzu. Aus Lamarcks Sicht beginnt die Entwicklung des Menschen mit einem Keim bzw. einer Eizelle, der zunehmend komplexer wird, dem sich neue Aspekte hinzufügen, dabei aber primitive Strukturen und Mechanismen bis zu einem gewissen Grad erhalten bleiben und weitervererbt werden. Nach Lamarcks Auffassung verändert sich die genetische Ausrüstung auf Grund von Erfahrungen und Bestrebungen genauso wie auch das Gehirn durch sinnliche Erfahrungen lernt. Die Kommunikation läuft primär auf chemisch- hormonellem Weg und wird von einem Nervensystem versorgt, das durch den gesamten Körper verläuft. Es werden zunehmend kompliziertere Aufgaben und Funktionen ausgeführt, je komplexer ein Wesen ist. Die Evolution geht immer weiter, bis sie gegenwärtig beim Menschen als vorläufigem Höhepunkt endet. Nach seiner Überzeugung strebt die Evolution ein Ziel an und entwickelt sich nach einem bestimmten, kontinuierlichen Grundmuster weiter. Solcherlei Vorstellungen hatten auch Einfluß auf die Entwicklungspsychologie.

Darwin hingegen stellte sich die Evolution wie einem Baum vor, dessen Spitze eines Seitenzweiges den Menschen symbolisiere. Lebendige Wesen seien sehr unterschiedlich und wiesen stets andere Variationen (Erbmechanismen) auf, auch die Umgebung ändere sich dabei permanent. Umwelt- und Klimaveränderungen brächten es mit sich, daß manche Exemplare einer Art überlebten und andere nicht, somit entstünden durch Selektion und Variation neue Arten. Nach seiner Theorie ist die Evolution nicht auf ein Ziel gerichtet. Viele Veränderungen in der belebten Natur sind vom Zufall bestimmt; die Natur geht auch nicht den Weg mit dem Ziel einmal einen angestrebten Endpunkt zu erreichen, sondern sie entwickelt sich vielmehr einfach immer weiter, und dies nicht nur in eine bestimmte Richtung sondern verzweigt sich wie die Äste eines Baumes.

Darwins Theorie über die Evolution glich einem mechanistischen Weltbild, einfach ausgedrückt bedeutet dies, daß die Evolution einer Maschine gleicht die neu gebaut wird wobei Einzelteile aus der alten Maschine in die neue eingesetzt werden können. So ähnlich geschieht es auch beim Bauen neuer Organismen, und dies gilt auch für neue Systeme im Gehirn.

1.1. Die Entwicklung des ZNS

Alle Biologen haben behauptet, daß der Mensch ein hochentwickeltes Tier, und daß das Gehirn bis zu einem gewissen Grad eine Kombination von Strukturen sei, wie sie auch bei Tieren vorkämen. Danach verbreitete sich die Vermutung, das Gehirn bestünde aus relativ selbständig funktionierenden Teilsystemen unterschiedlichen phylogenetischen Alters.

Besonders unser Verhalten wird wesentlich von unserem Gehirn gesteuert. Im 19. Jahrhundert stellte ein Biologe Namens Häckel die sog. Rekapitulationstheorie auf. Diese spielt bei der Betrachtung über die Entwicklung des Zentralnervensystems (ZNS) immer noch eine große Rolle. Häckel verglich die embryonale Entwicklung bei Mensch und Tier miteinander und stellte erhebliche Parallelen fest. Nach Häckels Gesetz ist das Heranwachsen des menschlichen Gehirns eine beschleunigte Wiederholung der Evolutionsgeschichte. Dies wird besonders deutlich, wenn man sich einmal genauer die Entwicklung des Zentralnervensystems betrachtet.

Das ZNS wird beim menschlichen Embryo zu Beginn der dritten Woche als längliche, pantoffelförmige Platte (Neuralplatte) aus verdicktem Ektoderm angelegt. Auf der Neuralplatte bilden sich Neuralfalten, diese richten sich so weit auf, bis sie zu einem Neuralrohr verschmelzen. Aus dem unteren Abschnitt des Neuralrohres entwickelt sich das Rückenmark, aus dem oberen Abschnitt das Gehirn. Das obere Ende des Neuralrohres weist schon frühzeitig deutliche Erweiterungen auf (primäre Hirnbläschen) diese entsprechen später der Hirnrinde, dem Mittelhirn, dem Hinterhirn - in dessen Dach sich folgernd das Kleinhirn entwickelt - und dem Rückenmark. Die embryonalen Gehirnbläschen bleiben als Gehirnventrikel erhalten. Sie sind mit Zerebrospinalflüssigkeit (Liquor) gefüllt und stehen mit dem Zentralkanal des Rückenmarkes in direkter Verbindung.

Bis zur Ebene des phylogenetisch jüngsten Teils, des Cortex (hierzu gehören nicht Palaeocortex und Meso cortex), der im letzten Abschnitt seiner Entwicklung noch einmal einen gewaltigen Sprung nach vorn macht, entsteht das Gehirn relativ schnell. Die phylogenetisch älteren Teile wie Rückenmark, Hirnstamm, Kleinhirn und limbisches System sind dagegen schon früh beendet.

Häckel fand eine Ähnlichkeit zwischen den ersten Stufen der zerebralen Entwicklung bei Embryos und primitiven Tieren vor. Der Zusammenhang zwischen dem Häckelschen Gesetz und der Entwicklung des Nervensystems beruht auf der Erkenntnis, daß, je tiefer die Tiere auf der Evolutionsleiter angesiedelt sind, desto mehr ihnen auch höhere Systeme fehlen.

1.2. Verschiedene Aspekte des Lernens

"Das vergleichende Studium von Lernprozessen bei unterschiedlichen Tierarten deutet darauf hin, daß die Evolution nichts an dem Tempo verändert hat, in welchem einfache Gewohnheiten entstehen. Andererseits sehen wir, daß die Grenzen des Lernbaren und die Möglichkeiten, komplizierte Verhaltensweisen zu zeigen, sich verschieben und zunehmen, je höher eine Tierart auf der phylogenetischen Leiter steht",1 so der Psychologe Karl Lashley. Lashley forschte über die Beziehung zwischen Lernprozessen und Hirnrinde vornehmlich bei Tieren. Lernfähigkeiten sind evolutionsgeschichtlich in Schichten angeordnet. Nach Lashley gibt es eine Lernhirarchie, er bezeichnet sie als eine Art Stapelung von Prozessen und meint damit, daß höhere Tiere mehr Möglichkeiten hätten als niedere Tiere, und daß höhere Prozesse sich auf bereits bestehende Formen des Lebens stützen. In einem von Lashleys Experimenten wurden Ratten Läsionen im Gehirn zugefügt, danach stellte er die These auf, daß es entscheidend von der Menge des Cortexgewebes abhängt, wie stark das Gedächtnis gestört wird, nicht aber von der Lage der Läsion. Nach Lashley sind demnach alle Gewebe des Cortex gleich wichtig für das Gedächtnis.

Höhere Tiere mit einen größeren zerebralen Cortex können bekanntlicherweise mehr lernen als niedere Tiere, die weniger Cortex besitzen, das bedeutet allerdings nicht, daß die Lernfähigkeit ausschließlich in der Hirnrinde angesiedelt ist. Auch Tiere mit wenig oder keinem Cortex sind imstande zu lernen. Wenn man vermutet, daß die Evolution nicht gerne etwas wegwirft könnte man annehmen, daß unterschiedliche Lebensformen auf Strukturen unterschiedlichen phylogenetischen Alters beruhen. Die Fähigkeit der Habituation ist in Mensch und Tier beidermaßen verankert und die Gesetze, denen sie gehorcht, sind immer dieselben.

Was geschieht jedoch, wenn höhere Lernaufgaben an den Organismus gestellt werden? Für diese Art und Aufgabe ist wahrscheinlich der Neocortex zuständig. Es wird vermutet, daß die Hirnrinde für intelligentes Verhalten (Imitation, soziale Kontakte) sowie für die Wahrnehmung und für das Bilden "interner Modelle", eine Art Gedächtnisfähigkeit, verantwortlich ist. Zwischen der Menge des Cortex und der Gedächtnisfähigkeit besteht ein Zusammenhang, denn nach der Entfernung des Cortex kann diese Fähigkeit verlorengehen. Je mehr Hirnrinde ein Säugetier also besitzt, desto besser ist die Entwicklung "interner Modelle" der Außenwelt. Im Gegensatz zu niederen Tieren könnte die Zusammenarbeit zwischen Sinnesorganen und Cortex bei höheren Tieren bzw. bei Säugetieren besser funktionieren, weil bei denen letztgenannten eine bessere Vernetzung innerhalb der Hirnrinde vorliegt.

2. Das Triptychon

In der Psychologie gibt es eine beachtliche Anzahl allgemeiner Theorien, die jeweils für sich auf unterschiedliche Verhaltensweisen ausgerichtet sind. Diese Verhaltensweisen oder auch psychischen Prozesse beruhen überwiegend auf unterschiedlichen Strukturen im Gehirn. Gegenwärtig gibt es drei maßgebende Hauptströmungen, der Behaviorismus, die Tiefenpsychologie und die kognitive Psychologie; sie alle versuchen die Erklärung unseres Verhaltens zu monopolisieren. Dadurch besteht die Gefahr einer einseitigen Interessengewichtung. Dies passiert dort, wo bestimmte Verhaltensweisen für sehr wichtig, während andere für weniger beachtlich bewertet werden; daraus resultiert, daß sich Theorien häufig nicht in die Quere kommen und der kreative Disput ausbleibt. Ferner führt die Monopolisierung dazu, Verhalten bzw. psychische Prozesse aufgrund von Gesetzmäßigkeiten und Ausgangspunkten erklärbar zu machen, dies indes bedeutet, daß menschliches Funktionieren vornehmlich als einheitlich gesehen wird.

Weiterhin befassen sich diese drei psychologischen Ansätze schlicht mit drei unterschiedlichen Gehirntheorien, von denen ausgehend sie menschliches Verhalten untersuchen, erklären und deuten; damit verwickeln sie sich zwangsläufig in einen kontroversen unlösbaren Streit. So zum Beispiel achtet der Behaviorist auf das Verhalten und besonders auf die Möglichkeit, Mensch und Tier zu konditionieren. Als Basis dient dabei die Annahme, daß entsprechend der lerntheoretischen Konzeption jedes Verhalten (des Organismus) durch einen Lernprozeß erworben ist. Nach der psychoanalytischen Sichtweise hingegen wird das Augenmerk mehr auf die Ebene der Motivationen und Emotionen gelegt. Der kognitive Psychologe wiederum beschäftigt sich mit der Verarbeitung von Informationen. Dem Trias gemeinsam ist, daß alle davon ausgehen, daß der Mensch als ganzes von jeweils einem Gefüge von Prozessen oder Gesetzen beherrscht wird; bisher haben sie es jedoch nicht geschafft, eine gemeinsame Perspektive über Aspekte des Verhaltens und Erlebens beim Menschen zu finden.

Es ist möglich, daß für diese Zerrissenheit u.a. die Hypothese, daß der Mensch in seiner Vorgehensweise unterschiedlichen Gesetzen auf verschiedenen Ebenen folgt, verantwortlich ist. Demnach kann das Gehirn in Strukturen phylogenetisch unterschiedlichen Alters unterteilt werden, diese Strukturen können wiederum mit Funktionen unterschiedlichen Typs in Beziehung stehen.

Der englische Neurologe John Hughlings Jackson, der von vielen als Begründer der modernen Neurologie angesehen wird, entwickelte den Begriff des assoziativen Cortex, dem Sitz der höchsten Hirnzentren, auch ,,Highest Level" genannt, diesem ist die ,,mittlere Ebene", auch motorischer Cortex und schließlich die ,,niedrigste Ebene", bzw. Hirnstamm und Rückenmark untergeordnet. Nach seiner Theorie hat sich der ,,Highest Level", der Sitz der Ratio und des Bewußtseins, phylogenetisch am spätesten entwickelt und die älteren Hirnteile in hegemonialer Weise integriert und die Kontrolle über sie übernommen. Jackson sah psychische Erkrankungen als eine Auswirkung des Kontrollverlustes höchster Hirnzentren bei gleichzeitiger ,,Machtübernahme" durch die niedrigen Hirnzentren, demnach beruhen Hirnerkrankungen auf der Machtübernahme durch den Pöbel der subcorticalen Strukturen gegen den rationalen Cortex. Der amerikanische Neurologe James Papez postulierte 1937 die schon bereits 1878 von dem französischen Neurologen Paul Broca entdeckten subcorticalen Anteile des sog. limbischen Lappens als Sitz der Emotionen, in diesem Triebe und Gefühle unter Ausschluß des rationalen Cortex ihr ,,Unwesen" treiben. Der Neurologe Paul Mac Lean entwickelte das Konzept von Papez weiter und machte es populär. Er übernahm die Idee der ,,differenten Zentren" und deduzierte das Modell des ,,dreieinigen Gehirns" (,,triune brain"). Seinem Modell nach gliedert sich das Gehirn entsprechend der unterstellten stammesgeschichtlichen Entwicklung in drei Bereiche:

1. Reptilgehirn: dieses umfaßt im wesentlichen den Hirnstamm und ist für Reflexe und Instinkte zuständig
2. Säugetiergehirn: dieses umfaßt im wesentlichen das limbische Gehirn und ist für Gefühle und Triebe zuständig
3. das für den Menschen typisch fortgeschrittene Säugetiergehirn: dieses umfaßt im wesentlichen den Neocortex und ist für Lesen, Schreiben und Arithmetik zuständig und fernerhin für rationales, problemlösendes Verhalten.

Eine zentrale Aussage dieses Modells lautet, es gebe nur wenig anatomische Verbindungen zwischen dem primitiven (limbisches System) und dem entwickelten Säugetiergehirn (Neo- cortex) und dies sei der Grund dafür, daß es uns so schwerfällt, Affekte und Emotionen rational zu steuern. Nach Mac Lean sind wir Menschen als rational-corticale Wesen Reiter ohne Sattel und Zügel auf dem wilden Pferd des limbischen Systems. Verhalten und Erleben beruht auf drei biologischen Computern. Die Integration dieser drei Systeme ist dabei nur mäßig vorangekommen. Aus diesem Grund, so Mac Lean, seien wir psychisch und physisch gespalten (Schizopsychologie/Schizophysiologie); dies läge daran, daß unser Neocortex im Zuge einer raschen Evolution überaus gewuchert sei und jener deshalb nur in unvollkommener Weise die Kontrolle über psychische Prozesse ausübe.

2.1. Die Uneinigkeit des Trios

Kognitive Psychologen, Behavioristen und Psychoanalytiker haben zwar einen ertragreichen Ausgangspunkt, doch zieht dieser oft auf psychische Prozesse unterschiedlicher Art ab sowie auf unterschiedliche Organisationsebenen in unserem Verhalten und in unserem Gehirn. Innerhalb der kognitiven Psychologie gibt es keine Konditionierung. Die Psychoanalyse kennt weder Konditionierung noch Informationsverarbeitung und im Behaviorismus sind kognitive und Wahrnehmungsprozesse kaum der Rede Wert. Zum einen besteht der Unterschied zwischen diesen Ansätzen aus einem unterschiedlich gewichteten Interesse und zum anderen meint man oft zu Unrecht, daß die Gesetze, die ein System beherrschen, auch in anderen Systemen Geltung hätten. Dem kann man nicht zustimmen, da jedes dieser Systeme auch seine eigene Gesetzmäßigkeit hat.

Diese drei Therapieformen besitzen gewiß ihren jeweiligen Wert aber es ist falsch sie bei allen Störungen und Menschen in gleicher Weise einzusetzen.

2.2. Das Gehirn als ,,Un-Einheit"

Weiterhin wird dementiert, daß der Mensch (und sein Gehirn) als zusammenhängendes Ganzes gesehen wird. Demnach bildet das Gehirn also keine Einheit und besteht somit aus unterschiedlichen Systemen von unterschiedlichem Alter, die unterschiedliche Interessen verfolgen, unterschiedlichen Gesetzen gehorchen und die nicht gut miteinander zusammenarbeiten. Diese dürftige Zusammenarbeit könnte eine Art Aufgabenverteilung sein und solcherart ist sehr zweckdienlich da sie die Schnelligkeit und Stabilität des Systems insgesamt fördert.

2.3. Separation der Gehirne

Betrachtet man das Gehirn im Verlauf der Entwicklung auf einer Zeitachse gesehen, also von der Neuralplatte bis zur Ausreifung des Großhirns, so sieht man, grob erklärt, zuerst das Gehirn eines Reptils, dann das eines Säugetieres und schließlich das eines Menschen. Das erweckt den Eindruck, daß die Evolution nichts fortgeschmissen hat, sondern zu bereits bestehende Strukturen im Laufe der Entwicklung neue hinzugefügt hat. Besondere Beachtung gilt dem Neocortex, dieser macht zum Schluß dieser Entwicklungsgeschichte noch einmal einen gewaltigen, explosionsartigen Schub.

Die extremen Altersunterschiede der Gehirnteile scheinen sich auch in der Stabilität der Konstruktion auszudrücken. So lokalisieren sich z.B. apoplektische Insulte oder Hirnblutungen häufig nicht im Hirnstamm, dieser bleibt meistens unbetroffen. Jerison bemerkte hierzu ,,Ein gut funktionierendes Nervensystem ist, genau wie ein Computer, hierarchisch geordnet. Es braucht allgemeine Programme, Routinen und Subroutinen, um Daten gut und schnell verarbeiten zu können."2

Nach Jerison führt eine Änderung der Umgebung auch zu einer kleinen Veränderung im Gehirn; d.h. je größer die Veränderung der Umgebung, desto größer die Veränderung des Gehirns. Der "Reptil-Säugetier-Primat-Entwicklung" liegen seiner Meinung nach dennoch evolutionsgeschichtliche Sprünge zugrunde. Parallel hierzu entwickelte sich das Nervensystem ebenfalls weiter, es entstand das limbische System und der Neocortex.

Demonstration der Dreiteilung anhand des "Panik- Phänomens":

Panik geht mit körperlicher Erregung einher und ist die Summe aus der Hyperaktivität des Nervus Symphatikus einerseits, und einem Gefühl der Bedrohung andererseits. Daraus kann sich eine Angst vor weiteren Panikattacken entwickeln. Ein Panikanfall läßt sich in drei Phasen unterteilen, diese Sequenzierung läßt sich zur Dreiteilung des Gehirns in Beziehung setzen.

1. Phase: Überreizung des Hirnstamms (= "primitiver" Ursprung von Panik) _ Aktivität des Autonomen Nervensystem; dies führt zur Hyperventilation, Herz- klopfen u.a. als symphatische Reaktionen

2. Phase: leichte Reizung des limbischen Systems vom Hirnstamm _ Angst vor einem Anfall

3. Phase: phobisches Vermeidungsverhalten, dies steht im engen Zusammenhang mit der Hirnrinde _ einmal entstandene Phobien können lange fortdauern Eine Verhaltenstherapie, die höhere Zentren, welche bei Panik involviert sind, anspricht, könnte das Ausmaß phobisch erzeugter Symptome mildern. Man beachte jedoch, daß zu Beginn der Panik der Hirnstamm eine wesentliche Rolle spielt und dieser von einer Verhaltenstherapie unbeeinflußt bleibt.

2.3.1. Reptilienhirn/ Hirnstamm/ Instinkte

Zum Vergleich zwischen dem Gehirn des Menschen und dem eines Reptils sollen Analogien dienen, da ein direkter Vergleich zwischen den beiden Gehirnen nicht gemacht werden kann. Das Gehirn eines Reptils, sei es das einer Schlange, Krokodils, oder Eidechse, hat starke anatomische Ähnlichkeit mit unserem Hirnstamm. Der Hirnstamm besitzt eine geringe Lernfähigkeit, er enthält Programme für basale, überlebensnotwendige Verrichtungen (Essen, Trinken, Atmen und teilweise sexuelle Aktivität); er ist quasi für artspezifisches Verhalten verantwortlich. Das typische an Reptilien ist, daß sie wenig lernen, solitär leben, nicht mit ihren Artgenossen spielen, in einem eigenen Territorium leben und dies nötigenfalls verteidigen.

Wenn Reptilien Emotionen, die mit körperlichen Reaktionen einhergehen, ausdrücken (z.B. Wut) sind Hirnstamm und Hypothalamus eng involviert. Die Funktion des Hirnstammes gleicht einem Automaten, er besitzt so gut wie kein Lernfähigkeit, operantes Verhalten ist praktisch unmöglich. Das Reptilienhirn funktioniert wahrscheinlich auf der Grundlage ziemlich einfacher Regelkreise; diese behalten basale Bedürfnisse aufrecht. So befinden sich im Hypothalamus ein Hunger- und ein Sättigungszentrum. Dieser "gesunde" Regelmechanismus bestimmt die Kalorienmenge die ein Organismus zum leben benötigt. Je tiefer sich ein zentraler Prozeß im Gehirn abspielt und je phylogenetisch älter er ist, desto weniger Einfluß haben wir auf ihnen - das könnte der Grund des Scheiterns an Abmagerungskuren sein.

Der Hypothalamus, der etwas über dem Hirnstamm liegt; stimuliert ferner die Hypophyse und ist mittelbar für die Produktion des Streßhormons ACTH (Adrenocorticotrophes Hormon) verantwortlich. Im Hypothalamus finden sich dem vegetativen Nervensystem übergeordnete Zentren, welche die wichtigsten Regulationsvorgänge des Organismus zusammenfassend leiten z.B. Wärmeregulation, Wach- und Schlafmechanismus, Blutdruck- und Atmungsregulation, Fett- und Wasserstoffwechsel, Genitalfunktion und Schweißsekretion. Beschädigungen des Hypothalamus kann bei Tieren dazu führen, daß trotz des intakten Hormonspiegels, keine sexuelle Aktivität zustande kommt.

Bei Reptilien sind Hypothalamus und Hirnstamm der Ursprung aller Emotionen. Wird der Hirnstamm gereizt, kann das Tier in blinde Raserei (shame rage) verfallen; dieselbe Reizung kann beim Menschen ebenfalls reflexartige Wut, zudem aber auch zwanghaftes Lachen oder Weinen, erzeugen.

Parallelen bei Mensch und Tier finden sich auch beim "Abstecken" von Territorien, so werden z.B. Grundstücke mit Mauern, Hecken oder ähnliches umzäunt.

Menschen kennen vielerlei Formen von Routine und blindem Gehorsam. Wenn sie sich beispielsweise in einer hierarchisch geringeren Position befinden, führen sie sogar Befehle aus welche den Mitmenschen schaden (Milgram Experiment). Menschen sind, trotz ihrer Intelligenz, auf ritualistische Weise gehorsam, dabei weicht ihr Verhalten von ihren eigenen Normen ab. Staal beschreibt Rituale seien evolutionsgeschichtlich Regressionserscheinungen, in ihnen versuche der Mensch der unsicheren komplizierten Menschenwelt zeitweise zu entfliehen und begebe sich in zwar sinnleere aber feste Muster aus längst vergangener Zeit der Evolutionsgeschichte.3

Weitere menschliche Verhaltensweisen die auch im Tierreich anzutreffen sind sollen in der folgenden Tabelle kurz dargestellt werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.3.2. Säugetierhirn/ limbisches System/ Emotionen

Das mit den Säugetieren entstandene limbische System ist vor allem als das Steuerorgan der sozialen Bindungen und Beziehungen anzusehen. Es reguliert das Verhalten mittels Hormonausschüttung. Kurz gefaßt "residieren" im limbischen System die Emotionen. Über die Aussage, Emotionen seien erlernt, gibt es keine guten Gründe. So zeigt ein blinder Säugling bereits nach sechs Wochen sein lächeln; ein Homo ferus, dessen kognitiven Prozesse auf eine andere Art und Weise funktionieren, zeigt bei Emotionen "menschliche" Züge. Im Gegensatz zu vielen kognitiven Prozessen, die man kontrollieren kann, sind Emotionen relativ, genau wie Instinkte, unkontrollierbar.

Emotionen als allgemeine Verhaltensprogramme:

- Wie schon erwähnt, wird über das limbische System die Hormonausschüttung gesteuert. Das männliche Sexualhormon, Testosteron, ist in männlichen Gehirnen in bedeutend höherer Konzentration vertreten als in weiblichen. Es wird angenommen, Testosteron sei der Motor bestimmter Verhaltensweisen wie Aggressionen, sexuelle Aktivität, Dominanzstreben; vielleicht könnte dies ein Grund dafür sein, daß Männer und männliche Tiere diese Verhaltensweisen eher zeigen als ihre weiblichen Artgenossen.
- Die meisten (Srach-)Laute, die der Mensch von sich gibt, entstammen dem Neocortex. Vielleicht kann das limbische System ebenfalls Laute von sich bringen wenn Gefühle mit im Spiel sind. Vergleicht man das Weinen eines Säuglings, wenn es von der Mutter verlassen wird, mit dem eines Affen, so lassen sich Unterschiede kaum feststellen.
- Es ist möglich, daß starke Emotionen die Gehirnrinde hemmen, so kann bei einem Schrek- ken die Wahrnehmung schwinden, das Denken aussetzen und der erschrockene Mensch erlahmen. Der evolutionsgeschichtliche Hintergrund dafür könnte sein, daß der Schreck mit dem Anblick eines lebensbedrohlichen Raubtieres einhergeht. In einer solchen Situation ist es vielleicht vernünftiger, sich nicht zu bewegen in der Hoffnung nicht gesehen zu werden. Derartige Phänomene passen gut zu dem Standpunkt, daß Emotionen allgemeine Verhaltensprogramme darstellen.

Aus soziologischer Sichtweise ist auf der Ebene der Gefühle, der sozialen Bindungen und Beziehungen "funktionales Lernen" möglich. "...d.h. ein Lernen, das auf eine sichwandelnde Umwelt eingestellt ist und das durch Antriebshemmung und -verstärkung eine mehrfache Konditionierung des Verhaltens während der Lebenszeit eines Individuums ermöglicht. Beim Menschen erfolgt die Konditionierung praktisch immer in Verbindung mit sozialer Interaktion. Der Mensch steht unter einem sozialen Imperativ, d.h. unter der Notwendigkeit, daß ein antriebsmäßig angelegtes, aber noch ungerichtetes Verhalten durch die Interaktion (zunächst vor allen zwischen Mutter und Kind) so weit strukturiert und programmiert wird, daß das Überleben in einer Gesellschaft gewährleistet ist."4

2.3.3. Menschenhirn/ Neocortex/ Gedächtnis

Diskursive Leistungen des menschlichen Gehirns sind erst unter der Oberherrschaft des Neocortex zu realisieren. Allein scheint der Neocortex diese Leistungen jedoch nicht zu vollbringen, sondern nur in Verbindung mit den "subcorticalen" Ebenen des Gehirns; diese arbeiten relativ autonom und selbstregulierend.

Die neuen Teile der Hirnrinde ermöglichen dem Menschen Fähigkeiten wie Sprachgebrauch, Zeitbewußtsein, Planung kurzum intelligentes Verhalten.

Der Neocortex besteht aus zwei Großhirnhemisphären, der rechten und der linken Hemisphäre, die wie ein doppeltes Monitorsystem zusammenarbeiten. Die linke (verbale) Hemisphäre arbeitet vor allem analytisch und geht sequenzierend vor, während die rechte Hemisphäre mehr von intuitiven Gestaltzuordnungen ausgeht. Informationen werden also auf zweierlei Weise codiert und entsprechend den zwei Hemisphären zugeordnet; dort werden sie gespeichert und können jederzeit wieder aufgesucht werden. Viele Ereignisse werden auch doppelt codiert, das passiert dann, wenn wir von einer Bewegung sowohl ein visuelles Bild als auch ein Gesprächsfetzen im Gedächtnis behalten. Rechte und linke Gehirnhälfte stehen durch Querverbindungen in Interaktion. Liegt nun eine Erfahrung auf nonverbaler Ebene, so muß die linke Hemisphäre über die Querverbindungen zur rechten Hemisphäre gelangen und die Information decodieren bzw. übersetzen. Fällt nun eine Hemisphäre aus, z.B. durch Sektion der Querverbindungen oder durch die Anästhesie einer Gehirnhälfte, so ist es möglich, daß Menschen Erfahrungen gemacht haben, die sie auf verbaler Ebene nicht mehr so recht erreichen können, unter deren Einfluß sie aber dennoch stehen. In diesem Sinne kann an das Unbewußte bei Freuds Psychoanalyse gedacht werden.

Jugenderfahrungen können jemanden ein Leben lang verfolgen, ohne daß der Betroffenen heraus bekommt was damals vorgefallen war. Der Grund dafür, so Josef, könnte folgender sein: Angenehme sowie unangenehme Situationen werden im limbischen System und in der rechten Gehirnhälfte gespeichert. Erfahrungen in Form von Sprache können erst um das dritte Lebensjahr gespeichert werden, zudem sind die Querverbindungen noch lange Zeit hindurch schlecht entwickelt; so hat die linke Hemisphäre eines kleinen Kindes kaum Zugang zur rechten Hemisphäre. Deswegen sind Kinder nicht imstande über ihre Erfahrungen zu sprechen. Auch im späteren Alter können Erfahrungen nicht nachträglich von der ,,verbalen", linken Hemisphäre aufgerufen werden.5

Es kann auch vorkommen, daß eine Hemisphäre die andere Hemisphäre blockt und ihr Informationen vorenthält die sie nicht verarbeiten könnte; dies kann dann zu intrapsychischen Konflikten führen. Wir fühlen uns z.B. depressiv oder auch vergnügt, ohne zu wissen, weshalb. Möglicherweise erfährt dann die rechte Hemisphäre etwas, ohne daß die linke Hemisphäre einen Zugang zu diesem Prozeß erhält.

Wie verhält es sich denn nun mit dem Persönlichkeitssystem?

Das menschliche Gehirn ist als subsidiäres hierarchisches System aufgebaut; das Persönlichkeitssystem wird weniger durch diese Hierarchie definiert. Hier geht es vor allem um den Modus der Integration dieser Ebenen:

- der funktionalen Grundprozesse _ in Sensorik und Motorik
- des adaptiven Lernens _ in Affekt und Kognition
- der Selbstorganisation _ in Wertintegration und Stileinheit

Von Mensch zu Mensch ist der Modus der Integration unterschiedlich definiert und er wechselt, je nach dem wie starr oder flüssig ein Übergang stattfindet, oder wie optimal die Balance zwischen reticularer Erregung, neocorticaler Informationsverarbeitung, emotionaler Stabilität, kognitiver Beweglichkeit etc. ist. Nun kommt es häufig zu verdeckten Überkreuztransaktionen (Ebenenvertauschung); so kann eine Person eine andere auf kognitiver Ebene ansprechen und dabei eine tiefgehende affektive Reaktion erfahren. In diesem Fall steht ein stabiler Systemzustand einem instabilen oder überlagerten Zustand gegenüber.

2.4. Resümee der Triptychon-Theorie

Im täglichen Leben gibt es einen permanenten Wetteifer zwischen drei Systemen. Sie jagen jeweils ihren eigenen Interessen nach und unterhalten lediglich nur notdürftige Kontakte miteinander. Häufig kommt es auch zum Streit, wenn wir z.B. von instinktiven Reaktionen und emotionalen Impulsen überfallen werden; unser Neocortex kommt kaum als ,,Streitschlichter" hinterher, da die zwei untergeordneten Systeme jeweils selbst das Sagen haben. Zudem überblickt der Neocortex häufig gar nicht was überhaupt vor sich geht. Und wenn er einmal etwas über die Emotionen erfahren hat, so folgt dem noch längst keine Verhaltensänderung. Der Neocortex ist dem limbischen System gegenüber ohnmächtig, meistens kann er nichts dagegen unternehmen; gleiches gilt auf der Instinkt-Ebene. So ist den Menschen, die in einer problematischen Beziehung leben, oft klar, daß die Beziehung keinen Bestand hat, anstatt diese nun zu beenden, wird sie bis zum bitteren Exzeß fortgeführt bis dann schließlich doch beide leer ausgehen. Der Mensch setzt alles dran, emotionale Kontakte, wie schlecht diese auch sein mögen, so lange wie möglich zu erhalten.

Diese Erkenntnis sollte für die Psychotherapie von großer Wichtigkeit sein. Statt dessen wird ein bestimmter Störungstyp mit einem bestimmten Therapietyp gekoppelt. Die Therapie wird dann vielleicht vornehmlich bei einer bestimmten Schicht unseres Funktionierens ansetzen.

Wenn nun eine Therapie erfolglos endet, dann vielleicht deshalb weil das eigentliche Problem nicht auf der Schicht lokalisiert ist, welche man gerade zu therapieren versucht; zudem kann der Patient, durch die therapeutische Intervention in einer anderen Schicht, noch zusätzlich Probleme hinzubekommen.

2.4.1. Kritik der Triptychon-Theorie

Diese zentrale Grundaussage, der ,,Triptychon-Theorie", daß verschiedene Gehirnteile nicht im engen Kontakt zueinander stehen und miteinander nur unzureichend, besser wohl mangelhaft, interferieren, kann man nach dem heutigen Stand der Kenntnisse schlicht als falsch bezeichnen. Nach derzeitiger wissenschaftlicher Sachlage wird die Theorie von den drei Gehirnen, welche besonders von Paul Mac Lean verfochten wird, nicht mehr als gültig angesehen. Die neueren Erkenntnisse in den letzten Jahren haben gezeigt, daß sich das Gehirn keineswegs über verschiedene hierarchische Strukturen entwickelt hat, sondern daß vielmehr alle Gehirnanteile, selbst bei primitiven Wirbeltieren schon alle wesentlichen Anteile des Gehirns vorhanden sind und diese sich lediglich im Laufe der Entwicklung unterschiedlich weit ausgebildet haben. Nach Untersuchungen von Gerhard Roth, Biologe und Direktor am Institut für Hirnforschung an der Universität Bremen - mit Forschungsschwerpunkten: vergleichende Neurobiologie, Evolution und Ontogenese komplexer funktioneller Systeme, kognitionstheoretische Untersuchungen, Netzwerkmodellierung zur visuellen Wahrnehmung und, Theorie und Philosophie der Biologie - stellt sich das Konzept von Mac Lean, daß heute noch ziemlich kritiklos in modernen neurobiologischen und neuropsychologischen Lehrbüchern wiedergegeben wird, als falsch heraus. Zum einen, weil die wesentlichen Teile des Wirbelgehirns in der Evolution gleichzeitig entstanden sind und somit keine phylogenetisch neuen Hirnregionen hinzugekommen sind. Zweifelsohne haben die verschiedenen Hirnteile in verschiedenen Wirbeltiergruppen ein sehr unterschiedliches anatomisches Schicksal erfahren. So kann der Neocortex sehr klein und einfach sein (bei Amphibien) oder auch groß und komplex (Menschen, Affen, Wale, Delphine). Zum zweiten zeigen neuroanatomische und neurophysiologische Untersuchungen, daß Hirnstamm, limbisches System und Neocortex anatomisch und funktional aufs engste miteinander verbunden sind. Das Papez-Mac Lean-Modell kennzeichnet seine Fehlerhaftigkeit neben der stammesgeschichtlich falschen Begründung in den unzutreffenden anatomischen Grundannahmen.

Tatsächlich handelt es sich aber beim limbischen System um ein Verhaltensbewertungssystem des Gehirns. Wie schafft der Organismus es in einer komplexen Umwelt, in der wir leben, mit ständig wechselnden und meist unkalkulierbaren Situation zu überleben? Womöglich spielt hierbei Erfahrung als Ergebnis von Lernen eine große Rolle. Heute weiß man, daß auch einfachste Lebewesen Lernvorgänge erkennen lassen, und daß sehr vieles von Lernen durchdrungen ist. Jedes Lebewesen benötigt in seinem Nervensystem eine Instanz, die dasjenige, was der Organismus tut, nach seinen Konsequenzen für den Organismus bewertet. Das Resultat dieser Bewertung wird dann im Gedächtnissystem festgehalten und für das weitere Verhalten genutzt. Insofern sind Gedächtnis- und Bewertungssystem im Gehirn unzertrennlich, da Gedächtnis ohne Bewertung nicht möglich ist und jede Bewertung aufgrund des Gedächtnisses geschieht.

Weiterhin gibt es, entgegen der Behauptung von Papez und Mac Lean, massive auf- und absteigende Verbindungen zwischen limbischen System und Neocortex.

Im Hirnstamm ist das Wachheits- und Aufmerksamkeitssystem angesiedelt. Es umfaßt Teile der Formatio reticularis und ist anatomisch und funktional stark untergliedert. Ein Teil des reticulären Systems kontrolliert den Wachheitszustand des Gehirns und ist an der Steuerung von Aufmerksamkeit und Bewußtsein beteiligt, überdies sendet es Erregungen gezielt in die unterschiedlichen Bereiche des Neocortex und es ist mit Teilen des limbischen Systems und dem basalen Vorderhirn - welches als Schaltstelle zwischen limbischen System und Neocortex angesehen wird - verbunden.

Neocortex, limbisches System, Stammhirn und basales Vorderhirn arbeiten eng zusammen und durchziehen praktisch das ganze Gehirn und beeinflussen alle seine Funktionen. Verhaltenssteuerung durch das Gehirn sind keinesfalls die alleinige Angelegenheit der corticalen Prozesse auf dem ,,Highest Level", die nach rationalen Aspekten vorgehen. Es geht um die Kooperation aller Systeme, und der Cortex bildet nur eines davon. Emotionen entspringen zum Teil dem limbischen System, Gefühle und kognitive Prozesse des Cortex bilden eine untrennbare Einheit, ohne diese Wahrnehmung, Erkennen, Denken und Handlungsplanung garnicht möglich wäre. Wahrscheinlich hat sich das Papez-Mac Lean- Modell so gut verkaufen lassen, weil es uns zu verstehen helfen will, warum es uns so schwerfällt, unsere Gefühle und Triebe zu beherrschen, zudem ist es sehr einfach nachzuvollziehen. Wahrscheinlich ist es einem ratiozentrischen und emotionsfeindlichen Weltbild entsprungen. Die moderne Hirnforschung hat jedoch gezeigt, daß diese Modell anatomisch, physiologisch und funktional völlig falsch ist.

3. Die Hemisphärentheorie

Ein unbekannter Landarzt Namens Marc Dax hielt 1836 in Montpellier auf einer Tagung der medizinischen Gesellschaft einen Vortrag. Dax entdeckte Parallelen zwischen dem Verlust der Sprache und der Seite der Hirnschädigung. Er stellte bei über vierzig Patienten mit einer Aphasie eine Verletzung der linken Hemisphäre des Gehirns fest. Bei keinem der Patienten stellte sich eine Verletzung der rechten Hemisphäre heraus. Dax kam zu der Schlußfolgerung, daß jede Hälfte des Gehirnes unterschiedliche Funktionen steuere und die linke Hemisphäre die Sprachkontrolle übernähme. Sein Deklamation scheint ein kompletter Reinfall gewesen zu sein. Er konnte kaum das Interesse der Zuhörer gewinnen und war bald vergessen. Dax starb 1837 ohne zu ahnen, daß er zum Vorläufer einer neuen Forschungsrichtung, der Hemisphärentheorie, geworden war...

3.1.Hemisphärenasymmetrie

Die beiden Großhirnhemisphären besitzen, trotz symmetrischen Aussehens, unterschiedliche Funktionen. Hinweise auf funktionelle Asymmetrien beruhen auf Beobachtungen (klinische Befunde) des Verhaltens hirngeschädigter Personen. Untersuchungen an Split-Brain-Patienten zeigten, daß die beiden Gehirnhälften Informationen verschieden verarbeiten. Das Denken in der linken Gehirnhälfte scheint analytisch zu sein (Zerlegung von Vorstellungen), linear (ein Gedanke nach dem anderen) und verbal (sowohl geschrieben als auch gesprochen). Die linke Seite ist auf Logik und Symbole spezialisiert, sie baut Sätze und löst Gleichungen, während die rechte Gehirnhälfte Experte bei der Wahrnehmung von Muster und Raum ist. Das Denken in der rechten Hemisphäre ist synthetisch (Zusammenfassung von Ideen), holistisch (Erkennen von Zusammenhängen während eines einzigen Schrittes) und schöpferisch (visuelles Denken mit dem geistigen Auge). Die rechte Seite hört Musik und hat ausgezeichnete Fähigkeiten für plastische Wahrnehmung. Die linke Hirnhälfte hat dem Menschen Wissenschaft und Technologie gebracht, während die rechte Seite für Kunst uns Phantasie verantwortlich ist. So entdeckte man bei linkshemisphärisch geschädigten Personen überwiegend sprachliche Beeinträchtigungen, dahingegen bei rechtshemisphärisch geschädigten Patienten eine Störung der Wahrnehmung und Aufmerksamkeit, ferner eine rezessive Orientierungsfähigkeit und ein schlechteres Gedächtnis für räumliche Beziehungen. Daneben kann eine Schädigung der rechten Hemisphäre zum Neglekt führen, so kann es passieren, daß der Patient seine linke Körperhälfte schlicht vernachlässigt. Bemerkenswert ist, daß eine gleichartige Schädigung der linken Hemisphäre gewöhnlich nicht zu einem rechtsseitigen Neglekt führt. Auch andere mannigfaltigen Problembereiche bleiben von den Erforschungen über die Gehirnasymmetrien nicht unberührt. So wird vermutet, daß zwischen Lernschwierigkeiten, Stottern und Schizophrenie ein Zusammenhang, bezüglich der Arbeitsteilung, zu den beiden Hemisphären besteht. Der Neurochirurg Joseph Bogen ist überzeugt, daß durch die Forschungsergebnisse einige Erziehungsfragen neu überdacht werden müssen. "Seiner Meinung nach wird mit der gegenwärtigen Betonung des Erwerbs sprachlicher Fertigkeiten und der Förderung von analytischen Denkprozessen die Entwicklung wichtiger nichtsprachlicher Fähigkeiten vernachlässigt. Auf diese Weise, so argumentiert er, ließen wir eine Hälfte des Gehirns "verhungern" und unterdrückten damit deren potentiellen Beitrag zur Gesamtheit der Person".6

3.2. Kommissurotomie

3.2.1. ,,Brainsplitting"

Bei einer Split-Brain-Operation (auch Kommissurotomie, lat. Commissura = Verbindungen) werden die in der weißen Substanz des Großhirns befindlichen Nervenfaserbahnen, welche die beiden Hemisphären verbinden, durchtrennt.

Kommissurotomien wurden früher therapeutisch an Epileptikern vorgenommen. Da sie nicht den durchschlagenden Erfolg erbrachten, wurden sie sehr bald wieder eingestellt. Etwa zehn Jahre später, in den 50 er Jahren, nahmen Joseph Bogen und Phillip Vogel die Split-Brain-Chirurgie wieder auf um hartnäckige Fälle der Epilepsie beim Menschen zu behandeln. Bogen und Vogel vermuteten, daß die damals durchgeführten Split-Brain- Operationen deswegen scheiterten, weil die Operateure keine vollständige Trennung der Kommissuren vollzogen hatten. Anders als ihre Vorgänger führten sie bei Patienten, die an einer therapieresistenten Epilepsieform litten, eine vollständige Kommissurotomie durch. Die Ergebnisse waren enorm; tatsächlich traten weniger Krampfanfälle auf, die Operation schien weder die Persönlichkeit, noch die Intelligenz, noch das allgemeine Verhalten der Patienten zu verändern.

3.2.2. Interpretation von Befunden

Die Übertragung der Ergebnisse von Split-Brain-Patienten auf gesunde Menschen ist mit wachem Interesse zu beachten.

Eine Epilepsie kann auf einen intrauterinen Hirnschaden beruhen und bedeutsame Veränderungen in der Organisation des Gehirns herbeiführen, diese können von jenen Hirnschädigungen abweichen, die nach der Geburt entstehen. Außerdem kann auch eine langjährige epileptische Erkrankung deutliche Veränderungen in der Hirnorganisation bewirken.

Stellt sich nun die Frage, ob sich die untersuchten Patienten, aufgrund der Besonderheiten ihrer Gehirnentwicklung und des Musters ihrer Nervenverbindungen, überhaupt mit gesunden Menschen vergleichen lassen...

3.2.3. Cross Cueing

In den Befunden von Split-Brain-Patienten traten immer häufiger Wiedersprüchlichkeiten auf. Patienten, die zunächst nicht in der Lage waren, Objekte, die sie in der linken Hand hielten, ohne zu sehen um was für ein Objekt es sich handelt, verbal zu identifizieren, brachten es plötzlich fertig eine Anzahl von Gegenstände exakt zu benennen.

Hierüber gibt es drei Interpretationen:

1. Die rechte Hemisphäre erlernte sukzessive die Fähigkeit zu sprechen
2. Die Informationen wurden auf Bahnen zwischen den Hemisphären, die von einer Kommissurotomie verschont blieben, umgeleitet
3. Der Versuch des Patienten, jeden möglichen Hinweisreiz (englisch cue ) zu benutzen um Informationen beiden Hemisphären betretbar zu machen Letzteres wurden von Michael Gazzaniga und Steven Hillard interpretiert; diese prägten auch den Begriff des Cross Cueing.

Cross cueing ermöglicht es der einen Hemisphäre, die andere darüber zu informieren, was sie gerade erlebt. Die Untersucher vermuten, daß die in der rechten Hemisphäre dargebotenen Reize bzw. Ziffern, von der linken Gehirnhälfte subvokal gezählt werden, ist die richtige Ziffer erreicht, signalisiert die rechte Gehirnhälfte der linken, daß sie aufhören zu zählen und die Ziffer laut benennen soll. Präsentierte man die Ziffern der linken Hemisphäre, so kamen die Antworten unverzüglich.

Cross Cueing spiegelt die natürliche Tendenz eines Organismus wieder, jede erreichbare Information zu nutzen, um Vorgänge sinnvoll erscheinen zu lassen.

3.2.4. Sprache

Bei dem Großteil der Menschen ist die Kontrolle der Sprache in der linken Gehirnhälfte lokalisiert. Eran Zaidel entwickelte eine neue Methode, mit deren Hilfe sich visuelle Reize auf eine Hemisphäre beschränken lassen. Er konzipierte eine Kontaktlinse, die sogenannte Z- Linse. Hierbei kann der Patient seine Augen frei bewegen während er etwas betrachtet, synchron dazu stellt die Z-Linse sicher, daß nur eine Hemisphäre die visuellen Informationen erhält. Bei dieser Gelegenheit kann das Verständnisvermögen jeder Hemisphäre untersucht werden. Zaidels Arbeiten manifestierten eine beeindruckend ausgeprägte und breit angelegte Verständnisfähigkeit der rechten Hemisphäre.

Rechte Hemisphäre und Sprache

Michael Gazzaniga gelangte durch seine Forschungsarbeiten über die Rolle der rechten Hemisphäre für die Sprache zu dem Schluß, daß die rechte gesunde Gehirnhälfte keine Sprache besitze. Ferner, das Anzeichen von sprachlichen Fähigkeiten in der rechten Hemisphäre von Split-Brain-Patienten durch eine linkshemisphärische Schädigung, im Zuge einer Reorganisation von Sprachfunktion in der rechten Gehirnhälfte geführt haben. Zaidel entgegnete jene Aussage und wies auf seine klinischen Befunde hin, diese spielen darauf an, daß die rechte Hemisphäre eine Rolle für die Sprache darstellt. Bei einigen Aphasikern erlangte die rechte Gehirnhälfte im unterschiedlichen Ausmaß die Sprachfunktion wieder. Durch verschiedene Arten von Verletzungen der linken Hemisphäre ist die Sprachfunktion der rechten Gehirnhälfte im unterschiedlich starken Ausmaß beeinträchtigt. Die Frage, in welchem Ausmaß die rechte Hemisphäre eines gesunden Gehirnes an der Sprache beteiligt ist, steht noch offen und befindet sich gegenwärtig im Zentrum vieler Forschungsbemühungen.

3.2.5. Visuell-räumliche Funktionen der Hemisphären

Die rechte Gehirnhälfte scheint der linken bei der Wahrnehmung der Beziehung zwischen einzelnen Teilen und dem ganzen überlegen zu sein. Untersuchungsergebnisse zeigen, daß die rechte Hemisphäre, wenn Gegenstände durch Berührung und visuelle Wahrnehmung zugeordnet werden sollen, beteiligt sein muß, da augenscheinlich bei einer Kommissurotomie die Leistung der rechten Hand stark abfällt. So konnten einige Patienten, die zuvor mit beiden Händen zeichnen konnten, nach einer Split-Brain-Operation nur noch schwach mit der rechten Hand zeichnen. Zeichnungen eines Würfels wurden von den Patienten besser mit der linken Hand als mit der rechten angefertigt. Die Zeichnung eines Würfels erfordert eine gewisse Fähigkeit an räumlichen Denken, was ja vermutlich in der rechten Hemisphäre angesiedelt ist; somit spricht das Ergebnis für eine Überlegenheit der rechten Hemisphäre bei räumlich-visuellen Fähigkeiten.

3.2.6. Informationsverarbeitungen in den beiden Gehirnhälften

Studien haben gezeigt, daß die Zuordnung von Reizen bei Split-Brain-Patienten je nach Funktion oder Erscheinungsbild unterschiedlich von den beiden Gehirnhälften verarbeitet werden. (Siehe Anhang Abb. 2) Je nach Interpretationsweise der Ergebnisse kann man sagen, daß die linke Hemisphäre die Reize eher nach der Funktion zusammenstellt und die rechte nach dem Erscheinungsbild. Demnach, arbeitet die linke eher analytisch, während die rechte Gehirnhälfte offenbar ganzheitlich vorgeht.

3.2.7. Quintessenz

Wir wissen, daß die Gehirnkommissuren Informationen, die eine Hemisphäre erhält, zur anderen Gehirnhälfte übertragen.

Wahrscheinlich haben sich im Laufe der Evolution die Funktionen der beiden Hemisphären graduell auseinanderentwickelt. Vielleicht ist die linke Gehirnhälfte wesentlich bei der sequentiellen Verarbeitung besonders geschickt, und gilt deshalb als die analytische der beiden Hemisphären. Im Kontrast hierzu spezialisierten sich die Gebiete der rechten Hemisphäre auf die parallele Verarbeitung von Informationen, die erforderlich ist, um räumliche Beziehungen wahrzunehmen. Deswegen gilt sie vermutlich als die Hemisphäre der ganzheitlichen Sichtweise. Einige Wissenschaftler nehmen an, daß sich die evolutionäre Entwicklung zweier Hemisphären aufgrund der Unvereinbarkeit unterschiedlicher Verarbeitungsstile ergeben haben.

Häufig ist von ,,zerebraler Dominanz" die Rede, was soviel bedeutet, daß normalerweise die linke Gehirnhälfte das Verhalten überwiegend allein kontrolliert. Frühere Experimente an Split-Brain-Patienten beinhalteten im allgemeinen sprachliche Reize und diese erforderten häufig verbale Antworten; unter diesen Bedingungen ist es nicht verwunderlich, daß sich die sprechende (linke) Hemisphäre als ,,dominant" prononcierte. Unglücklicherweise kann diese Bezeichnung zur Etikettierung der rechten Hemisphäre verleiten, und den Anschein erwecken, diese sei die unwesentliche der beiden Hemisphären. Dem ist nicht so, denn es ist nicht immer vorherzusagen, welche Gehirnhälfte eine Reaktion kontrollieren wird.

Die Funktionen der Gehirnkommissuren sind letztendlich noch nicht geklärt. Angeblich gelten der Balken und die Kommissuren als Vermittler zwischen den Hemisphären und stellen eine Art Leitung oder Kanal dar, über diese die Hemisphären untereinander Informationen austauschen. Es ist denkbar, das komplexe, aufbereitete Signale die Kommissuren überqueren und jede Gehirnhälfte über die Vorgänge und Operationen in der anderen Gehirnhälfte informiert und kontrolliert. Es steht offen, wann die Kommissuren ihre wichtigste Rolle im Leben eines Menschen spielen; möglicherweise sind die Hemisphärenunterschiede und die Verknüpfungen zwischen den Gehirnhälften schon bereits nach der Geburt festgelegt. Dies könnte ein Grund dafür sein, warum Split-Brain-Patienten keinen Hinweis auf gravierende Probleme zeigen, diesbezüglich haben wir ja auch schon einen Teil der Antwort und zwar, daß bei Split-Brain-Patienten die Trennung der Hemisphären de Facto nie vollständig war.

Die Hemisphärenspezialisierung stellt kein Alles-oder-Nichts-Phänomen dar, sondern residiert eher auf der Basis eines Kontinuums. Jede Gehirnhälfte besitzt die Fähigkeit, viele Arten von Aufgaben zu lösen. Die Hemisphären selbst, unterscheiden sich oft in ihrer Verschiedenheit der Vorgehensweise sowie der Leistungsfähigkeit voneinander. Höhere geistige Leistungen und beinahe alle menschlichen Verhaltensweisen greifen auf das zurück, was beide Hemisphären gemeinsam leisten. Nach Meinung einiger Forscher, ist die linke verbale Hemisphäre nicht mehr verfügbar für die Verarbeitung räumlicher Informationen, die stammesgeschichtlich zuvor von jeder Hälfte des Gehirns kontrolliert worden sei und das die rechte Hemisphäre sich aufgrund des linkshemisphärischen Defizits sich auf räumliche Fähigkeiten spezialisiert habe.

3.3. Messungen der Gehirnaktivität an gesunden Personen

Elektrophysiologische und bildgebende Verfahren (sog. brain imaging-Techniken) eröffnen die Möglichkeit, Korrelate der Gehirnaktivität normaler Personen während der Durchführung einer Aufgabe direkt zu beobachten. Verfahren, die Messungen am lebenden Gehirn erlauben, bieten Möglichkeiten, an entscheidenden Informationen, wie z.B. ob zwischen der anatomischen und funktionellen Asymmetrie ein bedeutungsvoller Zusammenhang besteht, heranzukommen. Allerdings stehen Untersuchungen der Beziehungen zwischen anatomischen Asymmetrien, funktionellen Asymmetrien und kognitiven Fähigkeiten noch ganz am Anfang. Die Aktivität des Gehirns ist sehr komplex; unzählig viele Neuronen erzeugen umfassende elektrische Aktivitätsmuster. Diese lassen sich, mit auf der Kopfhaut angelegte Elektroden, graphisch als Gehirnwellen darstellen; auf diese Art kann man Unterschiede zwischen den Hemisphären ermitteln. Ein nützliches Maß für die beidseitige Gehirnaktivität bilden die Durchblutung beider Hemisphären, wie auch die Unterschiede im Stoffwechsel bestimmter Nährstoffe bzw. Substanzen, die an der neuronalen Signalübertragung beteiligt sind, diese Abläufe können bildhaft dargestellt werden.

3.3.1.Untersuchungsmethoden

3.3.1.1. Zerebrale Angiographie

p>Bei dieser Methode wird ein Kontrastmittel in die Arteria carotis interna injiziert, das Kontrastmittel passiert u.a. die Arteria cerebri media, diese durchläuft den Temporallappen. Die mit Kontrastmittel gefüllten Blutgefäße werden mittels Röntgenbild sichtbar. Dank der zerebralen Angiographie können geschädigte Hirnregionen ermittelt werden.

3.3.1.2.Computertomographie (CT oder CT-Scan)

Es handelt sich hier um ein röntgendiagnostisches, computergestütztes bildgebendes Verfahren nach dem Prinzip der Tomographie. Mittels einer Röntgenröhre und eines Blendensystems wird ein variabel einstellbarer Fächerstrahl mit einem Winkel von ca. 42° als Röntgenpuls erzeugt. Dieser Fächerstrahl wird innerhalb der durchstrahlten Körperschicht der Person in Abhängigkeit von den vorhandenen Strukturen verschieden stark geschwächt. Mittels eines bis zu ca. 1000 Detektoren bestückten Detektorkranzes wird diese abgeschwächte Röntgenstrahlung als Signal empfangen, elektronisch aufbereitet und einem Rechner zugeführt. Anschließend dreht sich der Detektorkranz geringfügig weiter, um die ,,Personenschicht" wiederum mit einem Röntgenpuls zu durchstrahlen. Hierdurch werden 360 bzw. 720 verschiedene Projektionen der selben Schicht erzeugt und in Rechner über Dichtemessung zu einem Bild verarbeitet. Ort und Ausmaß von Hirnschädigungen können präziser bestimmt werden.

3.3.1.3. Kernspintomographie

Dieses computergestütztes, bildgebendes Verfahren der Tomographie beruht auf dem Prinzip der Kernspinresonanz bzw. der magnetischen Kernresonanz (NMR, engl. Nuclear magnetic resonance). Hierbei absorbieren Wasserstoffkerne (Protone) in einem Magnetfeld elektromagnetische Wellen, auf diese Weise kann man die Verteilung von Wassermölekülen im lebenden Gewebe ermitteln; so läßt sich auch die Dichte von Hirngeweben sehr genau berechnen. Auch kleinere anatomische Strukturen lassen sich durch NMR darstellen.

3.3.1.4. Elektroenzephalographie (EEG)

Methode zur Registrierung von Potentialschwankungen des Gehirns (Hirnstromwellen), die von auf der Kopfhaut angebrachten Elektroden erfaßt und über Verstärker mit Hilfe von Tintenschreibern fortlaufend aufgezeichnet werden. Die Leistung eines EEGs gibt an, wieviel elektrische Energie pro Zeiteinheit im Enzephalon produziert wird. Galin und Ornstein leiteten die EEG-Aktivität von symmetrischen Positionen auf jeder Kopfseite ab und fanden heraus, daß das Leistungsverhältnis zwischen rechter Hemisphäre und linker Hemisphäre bei den verbalen Aufgaben wesentlich größer war als bei den räumlichen Aufgaben. Das EEG setzt sich aus verschiedenen Aktivitätsrhythmen zusammen: _-Wellen mit 8-13Hz, _-Wellen mit 13-30 Hz, _-Wellen mit ½ -3 Hz. Das EEG einer ruhenden Person mit geschlossenen Augen zeigt größtenteils dominierende _-Wellen, beim Augenöffnen oder anderen psychosensorischen Reizen wird der _-Rhythmus blockiert (on/off-Effekt). Galin und Ornstein fanden heraus, daß bei einer Person, die eine sprachliche, linkshemisphärische Aufgabe ausführt die _-Aktivität geringer ist, als wenn sie eine räumliche Aufgabe gestaltet. Im EEG können pathologische Veränderungen graphisch sichtbar gemacht werden, wie diffuse zerebrale Funktionsstörungen (atrophische z erebrale Prozesse, erhöhter Hirndruck u.a.), lokale Hirnprozesse (ischämische zerebrale Insulte, lokale Entzündungsvorgänge u.a.) oder Krampfpotentiale. Aber Veränderungen, die im Zusammenhang mit spezifischen Reizen auftreten, lassen sich im EEG nur schwer beobachten. Elektroenzephalogramme allein reichen nicht aus, um die elektrische Aktivität des Gehirns präzise zu analysieren.

3.3.1.5. Magnetenzephalographie bzw. Magnetenzephalogramm (MEG)

Mittels MEG-Verfahren lassen sich elektrische Gehirnaktivitäten untersuchen. Die von den elektrische Strömen im Gehirn erzeugen Magnetfelder, lassen sich durch die sog. MEG- Sonden ermitteln. Auf diese Weise können Zellgruppen (Neuronen), die das magnetische Signal evozieren, exakt und dreidimensional lokalisiert und somit besser eingegrenzt werden. Die unterschiedlichen Magnetfeldstärken lassen sich graphisch durch sogenannte Kontur- und Isolinienkarten errechnen. MEG-Aufzeichnungen erlauben es einen Fokus durch einen epileptischen Anfall genau zu lokalisieren. Durch MEG-Geräte werden sich interhemisphärische Prozesse und hemisphärische Asymmetrien präziser messen lassen.

3.3.2. Untersuchungsmethoden die nur die Gehirndurchblutung betreffen

Aktivitätsveränderungen in verschiedenen Gehirnbezirken schlagen sich in der relativen Blutmenge, die dieses Gebiet durchfließt, nieder. Bei den unterschiedlichen menschlichen Verhaltensweisen, ändert sich je nach gesetzten Reizen die regionale Hirndurchblutung. In einem Versuchsverfahren ließ man Personen ein Gemisch aus Luft und Xenon, ein spezielles radioaktives Isotop (Xenon-133,133 Xe), einatmen; mittels bestimmter Detektoren wurde anschließend die Durchblutung des Gehirns gemessen. So hat man herausgefunden, daß die am Sehen beteiligten Hirnregionen stärker durchblutet sind, wenn die Person ein bewegliches Muster anschaut, und die am Sprechen beteiligten Hirnregionen, wenn der Person auditive Reize dargeboten werden. Das imposante war, daß die Durchblutungsmuster der beiden Hemisphären sich selbst bei so stark lateralisierten Aktivitäten wie beim Sprechen eminent kongruierten.

3.3.2.1. Emissionscomputertomographie (ECT), syn. Schichtszintigraphie

Die ECT ist ein rechengestütztes Schichtaufnahmeverfahren der Szintigraphie, was mit Hilfe einer rotierenden Gammakamara (Single-Photon-Emissions-Computer-Tomographie = SPECT) oder einer feststehenden Gammakamara ermöglicht, das zu untersuchende Organ aus unterschiedlichen Winkeln, dreidimensional zu betrachten. Beim SPECT-Verfahren werden intravenös biochemische Substanzen, die mit Radionucleiden versehen sind, injiziert. Diese sogenannten Radiopharmaka geben in alle Richtungen Gammastrahlen ab, die von der rotierenden Gammakamara erfaßt werden.

3.3.2.2. HMPAO-SPECT-Verfahren

Ein neueres Verfahren der ECT ist das sogenannte ,,Technetium-SPECT-Verfahren". Hierbei wird als Radiopharmakon99 mTc-Hexamethylpropylenaminoxim (HMPAO) verwendet, dies ist eine lipophile Substanz, welche die Blut-Hirn-Schranke überwinden kann. HMPAO wird proportional zur zerebralen Blutflußrate in das Gehirn aufgenommen. Die vom Radiopharmakon ausgehende Gammaphotonenstrahlung wird mittels ECT gemessen bzw. ,,gescannt". Die HMPAO-SPECT-Technik besitzt die Eigenschaft, einen augenblicklichen Aktivierungszustand, z.B. während eine Person eine geistige Aufgabe erledigt, festzuhalten oder ,,einzufrieren" und dann später zu messen. Leider kann man zu einem bestimmten Zeitpunkt jeweils immer nur einen Zustand messen, zudem beträgt die Eliminationszeit des Indikators zwei Tage.

3.3.2.3. Positronenemissionstomographie (PET); syn. Positronen-CT

Bildgebendes Verfahren, bei den Positronen-Strahler inkorporiert werden und die Aktivitätsverteilung computertomographisch aufzeichnet. Die PET wird bevorzugt zum Nachweis von lokalen Stoffwechselstörungen des Gehirns eingesetzt. Der zerebrale Sauerstoff- und Glucosestoffwechsel läßt sich quantitativ und dreidimensional exakt bestimmen.

3.3.3. Bilanz

Viele Studien, die mit bildgebenden Verfahren die Auswirkungen verschiedener Aufgaben auf die Gehirnaktivität untersuchen, verpassen unter Umständen existierende Hemisphärenasymmetrien, weil das Gehirn dazu neigt, symmetrische Aktivitätssteigerungen zu zeigen, obwohl eine Aufgabe in Wirklichkeit viel stärker von einer der beiden Seiten bearbeitet wird. Das wäre eine mögliche Erklärung für das bereits diskutierte überraschend hohe Ausmaß an bilateraler Aktivierung während der Sprachproduktion, das man bei Durchblutungsuntersuchungen mit der Xenon-Methode gefunden hat.7,, Zuerst einmal sollte man sich in Erinnerung rufen, daß die meisten bildgebenden Verfahren die Verteilung einer Indikatorsubstanz messen, die die relative Ausprägung eines bestimmten Aspektes des Hirnstoffwechsels wiedergibt. Der so angezeigte regionale Stoffwechsel ist seinerseits nur ein Indiz für die Aktivität in verschiedenen Hirnregionen und repräsentiert für sich genommen nicht den eigentlichen physiologischen Mechanismus, der der untersuchten geistigen Funktion zugrunde liegt. Genausowenig erklärt die Lokalisation einer Region höchster Aktivität während einer Aufgabenausführung oder einer mentalen Operation den Gehirnprozeß, der hinter diesen geistigen Vorgang steckt. Neurowissenschaftliche bildgebende Verfahren vermögen höchstens eine relativ grobe Übersicht darüber zu geben, wo einige Ereignisse stattfinden, die mit einer bestimmten Aufgabenbearbeitung verbunden sind."8

3.4. Entwicklungsstörung und Asymmetrie

3.4.1. Dyslexie

Einer der ersten der Lese-und Schreibschwächen und Lateralisierung miteinander verband war der Arzt Samuel T. Orton, als er bemerkte, das Kinder, die an einer solchen Störung litten, manchmal in Spiegelschrift schrieben, und auch beim Lesen häufig die Buchstaben umkehrten. Er interpretierte dies als Ursache einer unvollständigen zerebralen Dominanz. Orton behauptete, daß visuelle Reize in der linken dominanten Hemisphäre repräsentiert werden, während die Reize in der rechten, nichtdominanten, Hemisphäre in spiegelbildlicher Form vorliegen. Verwirrungen beim Lesen und Schreiben können dort entstehen, wo keine ausreichend entwickelte Dominanz vorliegt. Ortons Behauptung hat sich als falsch erwiesen. Er hätte allerdings durchaus recht haben können, wenn er seine Feststellung anders begründet hätte.

Beeinträchtigungen in der Lesefähigkeit ist bei Kindern im Schulalter zu etwa 2 bis 8% verbreitet. Meistens liegt das Problem nicht in der visuellen Wahrnehmung, als in der Sprache begründet. Dabei ist nicht das Leseverständnis an sich betroffen, sondern viel mehr das Entziffern und somit das fehlerfreie Lesen der Wörter. Eine große Hilfe für dyslektische Kinder wäre, wenn man ihnen Lesematerial anbieten würde, in denen sie einen Kontext zum Lesestoff herstellen könnten.

Verhaltensstudien in denen die funktionelle Lateralität bei Kindern mit Leseschwierigkeiten untersucht wurde, ergaben keine außerordentlichen Ergebnisse. M.P. Bryden, ein Psychologe der viele Untersuchungen zur Hirnasymmetrie inszeniert hat, gelang zu der Behauptung, daß "die Gerüchte über einen Zusammenhang zwischen Lesestörungen und Lateralität zumindest etwas Wahres enthalten. Zwar hat man im Laufe der Zeit fast alle möglichen Ergebnisse gewonnen, doch scheint das allgemeine Muster darauf hinauszulaufen, daß schwache Leser für rezeptive Sprachfunktionen weniger stark lateralisiert sind als gute Leser."9

In sezierten Gehirnen von vier dyslektischen männlichen Personen fanden der Neurologe Albert Galaburda und seine Mitarbeiter eine jeweils ungewöhnliche Symmetrie des Planum temporale. Das Planum temporale ist der Bereich des oberen Temporallappens hinter den Heschlschen Querverbindungen oder Gyri, dieser ist normalerweise, bei etwa 65-75% der Gesamtbevölkerung, auf der linken Seite viel größer ausgebildet als auf der rechten Seite. (siehe Anhang Abbildung 3) zeigt den Ort dieser Asymmetrien. Die Region in der linken Hemisphäre wird als Teil des für das Sprachverständnis bedeutsamen Wernickeschen Areals betrachtet.

In drei weiblichen Gehirnen von dyslektischen Frauen fand man ebenfalls stark symmetrische Plana und deplazierte Neurone als neurologische Anomalie. Die Symmetrien dieser dyslektischen Personen sind auf eine Vergrößerung des rechten Planum temporale und nicht auf eine geringere Größe des linken Planum temporale zurückzuführen. Auch in bildgebenden Verfahren wie die Computertomographie oder das Magnetresonanzverfahren zeigten sich bei dyslektischen Personen sowohl stärkere Symmetrien als auch eine Umkehrung der normalen Asymmetrie; diese ergaben sich entweder durch rechtsseitige Vergrößerung oder durch linksseitige Verkleinerungen. In manchen Studien wurde auch über eine Vergrößerung des Corpus callosum berichtet. Möglicherweise beruht die Vergrößerung auf eine Zunahme an Nervenfasern in dieser Region und diese sich dann mit der vergrößerten rechten Temporalregion verbindet. Summa summarum sprechen die oben angeführten Befunde eventuell für einen Zusammenhang zwischen Hemisphärenasymmetrie und Lesestörung. Auch wenn dieser Zusammenhang eindeutig bewiesen wäre, könnte man nicht sicher sein ob die Lesestörung auch tatsächlich durch das Ausmaß der Lateralisierung festgelegt werden kann. Denn zum einen gibt es Menschen, die trotz geringer Anzeichen eine Asymmetrie, keinerlei Probleme beim Lesen haben und zum anderen können dyslektische Personen durchaus eine normale Lateralität aufweisen. Somit stellt eine verminderte Lateralisierung kein eindeutiges Indiz für Leseschwierigkeiten dar.

Die Lateralisierung ist nur ein Gesichtspunkt unter vielen, genauer gesagt ist sie eines unter einem ganzen Netzwerk von Hirnfunktionen, die das neurologische Fundament des Lernens bilden.

3.4.2. Stottern

Stottern gilt als eine Störung mit vielen möglichen Ursachen, nicht auszuschließen wäre, daß vielleicht eine der Ursachen mit der Hirnorganisation zu tun haben könnte. Etwa 1% der Bevölkerung stottern in einem gewissen Ausmaß. Samuel Orton nahm an, daß Stottern das Ergebnis der im Wettstreit um die Sprachkontrolle ringenden Hemisphären sei. Die Belege für die Rolle der Hirnasymmetrie beim Stottern sind insgesamt sehr dürftig und führten zu keiner durchschlagenden Überzeugung; dies mag möglicherweise daran gelegen haben, daß man einzelne spezielle Untergruppen nicht zu identifizieren vermochte. Durch zu unterschiedliche Zusammensetzungen der Probandengruppen ließen sich schlicht manche Versuchsergebnisse nicht reproduzieren. Desweiteren gibt es nur wenige Untersuchungen und somit Belege für die Beziehung zwischen Stottern und Hemisphärenorganisation.

3.5. Lateralität

In der Geschichte haben Philosophen und Geistesforscher den Intellekt des Menschen öfter in zwei Klassen eingeteilt. Hierzu folgendes Zitat eines Yogaphilosophen aus dem Jahre 1910: ,, Der Intellekt ist ein Organ, welches sich aus mehreren Gruppen von Funktionen zusammensetzt, die man wiederum in zwei Hauptklassen einteilen kann - die Funktionen und Fähigkeiten der rechten Seite und die Funktionen und Fähigkeiten der linken. Die Fähigkeiten der rechten Seite sind umfassend, kreativ und synthetisch, die Fähigkeiten der linken kritisch und analytisch... Die linke Seite beschränkt sich auf die bestätigte Wahrheit, die rechte bemächtigt sich dessen, was noch unsicher und nicht bestätigt ist. Beide sind wesentlich für die Vollständigkeit der menschlichen Vernunft. Diese wichtige Funktionen des Menschen müssen alle auf ihren höchsten und besten Leistungsstand gebracht werden, wenn man ein Kind nicht unvollständig oder einseitig erziehen will."10

Seit den ersten Split-Brain-Operationen hat man immer wieder versucht die Prozesse, die sich in den beiden Gehirnhälften abspielen, zu kategorisieren. Die am häufigsten verwendeten Attribute der beiden Hemisphären, werden am folgenden theoretischen Modell erläutert:

- linke Hemisphäre rechte Hemisphäre
- verbal - nichtverbal, visuell-räumlich
- sequentiell, zeitlich, digital - gleichzeitig, räumlich, analog
- logisch, analytisch - ganzheitlich, synthetisch
- rational - intuitiv
- westliches Denken - östliches Denken

,, digitaler Computer" ,,analoger Computer"

Nach diesem Modell verarbeitet die linke Hemisphäre vornehmlich schnelle zeitliche Veränderungen und analysiert Reize auf ihre Einzelheiten und Merkmale, während sich die rechte Hemisphäre eher global mit den Reizmustern beschäftigt und prävalent simultane Beziehungen verarbeitet. Das Konzept der Lateralität entspringt der Vorstellung, daß den beiden Gehirnhälften eine unterschiedliche Denkweise zugesprochen wird. Tendiert eine Person an ein Problem analytisch und verbal heranzugehen, gilt dies als Hinweis linksseitiger Lateralität, demgegenüber wird einer Person rechtslaterale Neigung zugesprochen, wenn sie das Problem ganzheitlich und intuitiv zu lösen versucht. Manche Menschen behaupten, die Lateralität bestimme nicht nur das Denken und die Wahrnehmung, sondern auch den Intellekt und die Persönlichkeit.

3.5.1.Erziehung und Schule

Joseph Bogen, einer der Neurochirurgen in der Split-Brain-Forschung, ist überzeugt, daß die Untersuchungen über Hemisphärenunterschiede wichtige Beiträge zu Erziehungsfragen leisten können. Seiner Meinung nach vernachlässigen wir eine Gehirnhälfte und dessen potentiellen Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung indem wir durch analytische Denkprozesse und sprachliche Fähigkeiten überwiegend die linke Hemisphäre fördern. Bogen setzte sich für die Förderung der Entwicklung eines "appositionellen Denkens" in der Schule ein. Dieses Programm beinhaltet eine deutliche Kennzeichnung der Lateralisierung und zielt auf die Verarbeitung von Informationen in der rechten Hemisphäre bei Rechtshändern.

In unserem Gesellschaftssystem wird, so Bogen, die linke Gehirnhälfte auf Kosten der rechten Gehirnhälfte überbetont. Geht es beispielsweise um den zukünftigen Erfolg einer Person in der Gesellschaft, so werden künstlerische Kreativität und andere schwer qualifizierbare rechtshemisphärische Fertigkeiten außer acht gelassen, während Überlegungen die überwiegend der linken Hemisphäre entspringen, wie finanzieller Wohlstand oder Produktivität, ein Maß für gesellschaftlichen Erfolg darstellen.

Auch andere Autoren behaupten, daß die Qualitäten der rechten Hemisphäre meistens nur ungenügend entwickelt sind, dabei ist gerade die rechte Gehirnhälfte für schöpferische Erkenntnis unabdingbar. Warum wird gerade die rechte Hemisphäre so vernachlässigt? Der folgende Textauszug gibt stellvertretend eine verbreitete Interpretation wieder: " Weil wir in einer so folgerichtig erscheinenden Welt leben und weil das logische Denken der linken Hemisphäre in unserer Kultur so verehrt wird, sind wir dabei, den Beitrag unserer rechten Gehirnhälfte immer mehr einzudämmen, zu entwerten und zu mißachten. Es ist nicht so, daß wir gänzlich aufhören, uns ihrer zu bedienen; sie wird bloß infolge eingefahrener Strukturen immer weniger verfügbar für uns."11

Es mag sein, daß unser Erziehungssystem unzureichend entwickelt ist und ein breites Spektrum menschlicher Fähigkeiten einschränkt, ferner mag es ebenso sein, daß es eine Hälfte des Gehirns nur unzureichend trainiert; doch es gibt keine schlüssigen Beweise dafür, daß Denkstiele so einfach nach Hemisphären getrennt werden können. Vielleicht werden sogar Talente beider Hemisphären vernachlässigt. Zudem sind die Erkenntnisse über die Hemisphären noch sehr dürftig als daß sie ,,Lateralisierungsmethoden", wie z.B. die Aufbesserung von ,,linkshirnigen" Texten durch Bilder, Zeichnungen und Graphiken, rechtfertigen.

3.5.1.1. Zeichnen - eine Fähigkeit der rechten Hemisphäre?

Die Kunsterzieherin B.Edward hat eine besondere Methode des Zeichenunterrichtes entwickelt. Nach Edward ist Zeichnen ein Produkt der rechten Hemisphäre, diese müßte allerdings Gelegenheit dazu haben ihre Talente zu entfalten, greift nun die linke, verbale, analytische Hemisphäre ein, wird die rechte geblockt bzw. gehemmt. Der Mensch besitzt eine natürliche Neigung ein Bild erst zu benennen oder analysieren bevor er es malt und genau darin liegt das Problem. Ihre Methode zielt nun darauf ab Beziehungen zu schaffen die das Ausmaß des linkshemisphärischen Einflusses am Zeichenprozeß verringern.

Die Aufgabe bestand nun darin, Schüler eine um 180° gedrehte Skizze eines Menschen abzeichnen zu lassen. Der Hintergrund dabei ist, daß eine auf dem Kopf gestellte Skizze nicht mehr so leicht zu erkennen ist und die rechte Gehirnhälfte eine Kopieaufgabe vornehmen kann ohne von der linken gestört zu werden. Die Ergebnisse waren verblüffend. Hierzu gab es zwei Kritikpunkte:

1. Die Übungen, die Edward zur Aktivierung bzw. zur Unterdrückung rechts- oder linkshemisphärischer Funktionen vorschlägt sind nie wissenschaftlich überprüft worden.
2. Der Erfolg der Methoden könnte darauf begründet sein, daß die angebotenen Kurse freiwillig waren und diesbezüglich ein gewisses Interesse der Teilnehmer/Schüler am Zeichnen bestand.

Edwards Ergebnisse lassen sich allerdings auch auf eine ganz andere Weise erklären. Die Drehung der Vorlage bewirkt möglicherweise keine störende Beteiligung der rechten Gehirnhälfte. Vorstellbar wäre auch, daß sich der Zeichner vielmehr auf die Fähigkeiten der linken Gehirnhälfte verläßt, die das Bild in kleinste Teile zerlegt und es dann Merkmal für Merkmal und Linie für Linie abzeichnet.

Es bleibt also der zukünftigen Forschung überlassen, herauszufinden auf welchem Mechanismus der Erfolg der Methode beruht.

3.5.2. Spracheinflüsse auf die Lateralität

Das bestimmte Fähigkeiten aufgrund erblich fixierter Anlagen im Neocortex lokalisiert sind ist trotz aller Lateralitätsbefunde und hoher Übereinstimmung von Untersuchungsergebnissen keineswegs nachgewiesen worden. Die Lateralisierung von Hirnfunktionen stellt einen Entwicklungsprozeß, der sich bis in das Jugendalter hineinzieht, dar. Denkbar nahe liegt, daß die ,,genetische Exposition" einer Vielzahl von Einflußfaktoren ausgesetzt ist. Es existieren Untersuchungsergebnisse, die kulturelle Einflüsse auf die Hemisphärenspezialisierung im Bereich der Sprachfunktionen nahelegen. Die Untersuchungen gehen auf einen japanischen Neurologen Namens Tadanobu Tsunoda zurück. Tsunoda untersuchte weltweit Apoplektiker und fand heraus, daß bei Menschen aus allen Kontinenten vorzugsweise die rechte Hemisphäre isolierte Vokale verarbeitete, nur bei Japanern war es umgekehrt. Es stellte sich heraus, daß in Japan aufgewachsene Europäer und Amerikaner sich ebenfalls die linke Hemisphäre funktionell für bestimmte Aufgaben spezialisierte. Insofern ist es möglich, daß der Einfluß der gesprochenen Sprache auf die Entwicklung der Hemisphärenspezialisierung für bestimmte Bereiche bedeutend wesentlich ist. Die Hemisphärenspezialisierung kann also vom Sprachraum abhängen. Es ist aber auch vorstellbar, daß sich solcherlei Differenzen aufgrund anderer Erfahrungen herausgebildet haben, wie die Dekodierung nicht verbalen Ausdrucksverhaltens (z.B. Körpersprache), den Zusammenhang von Wort und Klang, die Bedeutung von emotional relevanten Geräuschen oder sonstigen Erfahrungen. Tsunoda legte eine starke Gewichtung auf die Muttersprache, er glaubte an einem starken Einfluß der Muttersprache auf die Hemisphärenspezialisierung und kommentierte folgendes:

Die Muttersprache

...unterscheidet genau die Art und Weise, wie Menschen Geräusche der äußeren Umwelt aufnehmen, verarbeiten, fühlen und verstehen;

...ist mit ihrer Entwicklung emotionaler Mechanismen im Gehirn eng verbunden;

...die in der Kindheit erlernt wurde, ist wahrscheinlich eng verknüpft mit der Bildung einer einzigartigen Kultur von Mentalität jeder ethnischen Gruppe.

Bieten Tsunodas Beobachtungen nun weiterhin Anlaß zu reinen Spekulationen? Oder gibt es tatsächlich eine qualitative Disponiertheit in bestimmten Hirnregionen des Großhirns? Angesichts der gegenwärtigen Forschungslage trifft dies eher nicht zu. Es ist aber denkbar, daß allgemeine Unterschiede in der ,,Verarbeitungs-" oder ,,Speicherungsbereitschaft" der beiden Hemisphären genetisch festgelegt sind - zumindest im Zusammenhang zwischen neuronaler Erregung und beobachtbaren Verhalten. Nach Tsunoda scheint es so, daß vorzugsweise die rechte Hemisphäre für komplexe Anforderungen geschaffen ist, während sich die linke Hemisphäre als träge und weniger reaktiv interpretieren läßt. In Untersuchungen zur Leistungsfähigkeit beider Hemisphären hat man herausgefunden, daß die rechte Gehirnhälfte akustisch dargebotene Silben zwar besser erfaßt, die linke jedoch bei schneller Aufeinanderfolge der Silben, der rechten Gehirnhälfte überlegen ist.

3.5.3. Menschliche Kultur als Produkt der Funktion des Corpus callosums ?

Carl Sagan ein Astronom und Biologe von der Cornell University hat über die wechselseitige Beeinflussung der beiden Varianten - linke analytische und rechte intuitive Hemisphäre - reflektiert, inwiefern sie Leistungen unserer Zivilisation hervorzubringen vermochten. In seinem Buch ,,Die Drachen von Eden", in welchem er über die Evolution der Intelligenz schreibt, typisiert er die rechte Hemisphäre als Koryphäe von bestimmten Erkennungsschemen, die im Verhalten von Menschen wie in Naturereignissen teils reale, teils eingebildete Muster entdeckt. Die rechte Hemisphäre ist emotional skeptisch, denn sie sieht Verschwörungen sowohl dort, wo keine sind, als auch da, wo tatsächlich welche existieren.

Sie braucht die linke Hemisphäre, um die Muster, die sie hervorbringt, kritisch zu analysieren und ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Das rechtshemisphärische Denken bedeutet Muster zu abstrahieren, dabei entsprechen nicht alle angenommenen Muster den vorhandenen Daten, hierzu ist linkshemisphärisches Denken erforderlich, da die angenommenen Muster durch das Sieb der kritischen Analyse gefiltert werden müssen. So sind die schöpferischen Errungenschaften einer Kultur aus der Koproduktion von linker und rechter Hemisphäre hervorgegangen; die Kultur entsprang somit dem Kollektiv beider Hemisphären. Das Corpus callosum stellt die Verbindung beider Hemisphären dar und verknüpft ,,analytisches" mit dem ,,intuitiven" Denken. Faktisch reicht diese Erklärung allein jedoch nicht aus, um die Frage, ob menschliche Kultur das Produkt aus der Funktion des Corpus callosum ist oder der Weg in die Zukunft allein durch den Balken führt, zu klären. Hierfür ist das Corpus callosum monokausal nicht verantwortlich, da jede Struktur im Gehirn eine Rolle im menschlichen Verhalten spielt und weil menschliche Kultur abermals eine Funktion menschlichen Verhaltens ist.

Resümee

Bei der Hirnforschung über die Hemisphärenunterschiede handelt es sich um ein sehr großes Lehrgebiet und man wird sich sehr schnell bewußt, wie begrenzt doch die Möglichkeiten der Forschungen sind. Menschen die glauben, alles erklären zu können werden hier sehr schnell an ihre Grenzen stoßen. Aber das ist ja auch gut so. Ich glaube, daß der Mensch gar nicht dazu geeignet ist, alles Wissen des Universums in sich zu haben, er käme wahrscheinlich schnell in die Versuchung, viele Dinge zu seinen Gunsten auszulegen, weiterhin kann ich mir auch vorstellen, daß er leicht geneigt wäre die Natur auszubeuten.

Die Hirnforschung hat es beträchtlich weit gebracht, wenn ich mir überlege, daß bis vor 150 Jahren, die Menschen noch nicht einmal gewußt haben, daß jede Hälfte des Gehirns unterschiedliche Funktionen steuert.

Ich habe gelesen, daß Deutschland insbesondere im Hinblick auf die Hirn- und Verhaltensforschung, die biologisch-naturwissenschaftliche Psychologie und die experimentelle und klinische Neuropsychologie immer noch ein Stiefkind ist. Das liegt nicht daran, daß sich keiner hierfür interessiert, aber irgendwie finden keine Bemühungen statt, ein solides Fundament für die weitere Entwicklung dieses Fachgebietes zu schaffen. Sehr oft werden die Lücken alter Ideen mit neuen neuropsychologischen Erkenntnissen gestopft; quasi wie wenn man alten Wein in neue Schläuche füllt. Zudem besteht die Gefahr, daß übertriebene und ungerechtfertigte Erwartungen an Trainings- und Therapieformen geweckt werden, indem man sie als ,,auf neusten Ergebnissen der Hirnforschung basierend" propagiert. Um diese Situation positiv zu beeinflussen, müssen große Anstrengungen zur Verbesserung der Ausbildung unternommen werden. Dazu gehören auch bessere Informationen über die in einer Vielzahl von wissenschaftlichen Veröffentlichungen publizierte Forschung. Daneben gehört auch, daß Wissenschaftlern aus anderen Bereichen Informationen zugänglich gemacht werden, die den Stand der augenblicklichen Forschung adäquat widerspiegeln. Ebenso hat auch die Öffentlichkeit ein Recht auf eine sachliche und verständliche Darstellung der existierenden Befunde.

Die Attraktivität des Konzeptes der zerebralen Asymmetrie beruht einerseits darauf, daß es sich um ein des täglichen Lebens relevant erscheinendes Forschungsfeld handelt und andererseits neue Gerätschaften und physiologische Meßmethoden die Aufmerksamkeit und das Interesse der Forscher wecken. Diese eröffnen großartige Perspektiven für die weitere Entwicklung der Hirnforschung, die Kehrseite der Medaille ist, daß diese Methoden z.B. durch bunte Bilder über relative Unterschiede in der neuronalen Aktivierung den Eindruck erwecken, man könne dem Gehirn bei der Arbeit zu schauen; als wenn das so einfach wäre... Die Realität der Hemisphärenunterschiede eröffnet einige überaus beeindruckende Möglichkeiten und zwar jene Hirnmechanismen besser zu verstehen, die den höheren geistigen Funktionen zugrunde liegen. Warum aber weist so vieles in der Natur spiegelsymmetrische Strukturen auf, und warum hat sich eigentlich das Gehirn größtenteils spiegelsymmetrisch entwickelt? Vielleicht weil eine doppelt angelegte Struktur weniger verletzungsanfälliger ist?! Dabei verschwand doch mit der Entwicklung der Asymmetrie dieser Vorteil. Durch die integrierte Tätigkeit der asymmetrischen Komponenten konnte dieser Verlust jedoch kompensiert werden und zwar durch den gesteigerten Überlebenswert der Sprache, das verfeinerte räumliche Vorstellungsvermögen und sonstigen Begabungen. Forscher haben unterschiedliche Prozesse und Mechanismen im Gehirn entdeckt, dessen Ergebnisse fördern die Vorstellung, daß sich geistige Fähigkeiten auf diesem Weg erklären lassen.

Es liegt gewiß noch ein sehr langer steiniger Weg vor uns, der uns beim Erforschen des Gehirns noch häufig Kopfzerbrechen bereiten wird...

Anhang

Abbildung 212

Abbildung 313

Glossar

Arteria carotis interna innere Hals- bzw. Kopfschlagader Arteria cerebri media mittlere Hirnschlagader Atrophie Schwund

Ektoderm äußeres Keimblatt des Embryoblasten, ca. 7.-8.Tag nach der

Befruchtung

Formatio reticularis netzartige Anordnung von Nervenzellen und -fasern in verschiedenen Gehirn- und Rückenmarksanteilen, die lebenswichtige reflektorische Erregungen, die Steuerung vegetativer Funktionen, die Koordination von Reflexen zu Bewegungsabläufen und die Verarbeitung afferenter (aufsteigender) Erregungen steuern.

ischämische zerebrale Insulte Schlaganfall infolge Unterbrechung der Durchblutung lipophil fettliebend, fettfreundlich, wasserabweisend Liquor Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit Meso- der mittlere, zwischen Neglekt Vernachlässigung(z.B. der gelähmten Körperseite nach einem Schlaganfall)

Neuralplatte erste Anlage des Zentralnervensystems Palaeocortex phylogenetisch alter Teil der Großhirnrinde; z.B. Hippocam- pus

Literaturverzeichnis

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Kahle,Werner: Taschenatlas der Anatomie. Nervensystem und Sinnesorgane, 6.Auflage, Thieme Verlag, Stuttgard, New York 1991

Langmann, Jan: Medizinische Embryologie. 8.Auflage, Thieme Verlag, Stuttgart, New York 1989

Pschyrembel,Willibald: Pschyrembel. Klinisches Wörterbuch, 255. Auflage, Walter De Gruyter Verlag, Berlin, New York 1986

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Vroon, Piet: Drei Hirne im Kopf, Kreuz Verlag AG, Zürich 1993

[...]


1 Vroon, Piet, 1993, Seite 172; vgl. Lashley, K.S. (1929) Nervous mechanisms in learning. In. C. Murchison (Hrsg.), The foundation of experimental psychology. Clark University Press, Worsester (MA), 524-563.

2 Vroon, Piet, 1993, Seite 203; vgl. Jerison, H.J. (1973) Evolution of the brain and intelligence. Academic Press, New York

3 Vroon, Piet, 1993, S.221; vgl. Staal, F. (1989) Een wijsgeer in het oosten. Meulenhoff, Amsterdam.

4 Bühl,W.L., 1987, Seite 63; vgl. d`Aquil, 1972, Seite 4ff.

5 Vroon, Piet, 1993, Seite 231; vgl. Roseph,R. (1988) The right cerebral hemisphere: emotion, music, visual- spatial skills, body-image, dreams and awareness. Journal of Clinical Psychology, 44,5,630- 673.

6 Vgl. Springer, Sally P. und Deutsch, Georg (1998) Seite 24

7 Springer, P.Sally und Deutsch,Georg, 1995, Seite 128

8 Springer, P.Sally und Deutsch,Georg, 1995, Seite 131

9 Springer, Sally P. und Deutsch, Georg, 1995, Seite 266, vgl. M.P.Bryden, "Does Laterality Make Any Diffe- rence? Thoughts on the Relation Between Cerebral Asymmetry and Reading", in Brain Lateralization in Child- ren Hrsg. D. Molfese und S. Segalowitz ( New York: Guilford Press, 1988).

10 Springer, Sally P. und Deutsch, Georg, 1995, Seite 281, vgl. S. Aurobindo, zitiert in J.E.Bogen, ,,The Other Side of the Brain. VII: Some Educational Aspects of Hemispheric Specialization" , UCLA Educator 17 (1975): 24-32.

11 Springer Sally P. und Deutsch Georg, 1995, Seite 290; vgl. G.Prince, ,,Putting the Other Half of the Brain to Work", Training. The Magazine of Human Resources Development 15 (1978): 57-61

12 Springer, Sally P. und Deutsch Georg, 1995, Seite 69

13 Springer, Sally P. und Deutsch Georg, 1995, Seite 105

39 von 39 Seiten

Details

Titel
Wieviele Gehirne hat der Mensch?
Hochschule
Hochschule Ludwigshafen am Rhein
Veranstaltung
Seminar: Hirntheorien
Note
sehr gut
Autor
Jahr
1999
Seiten
39
Katalognummer
V95813
Dateigröße
566 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wieviele, Gehirne, Mensch, Seminar, Hirntheorien
Arbeit zitieren
Inge Martini (Autor), 1999, Wieviele Gehirne hat der Mensch?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/95813

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