Arbeitszeitmodelle - Arbeitszeitkonzepte zur Senkung der Arbeitslosigkeit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001
26 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einordnung des Begriffs Arbeitslosigkeit
a) Entstehung von Arbeitslosigkeit aus neoklassischer Sicht
b) Arbeitszeit und Arbeitslosigkeit

2 Arbeitszeitkonzepte zur Senkung der Arbeitslosigkeit
a) Konzept der Transitional Labour Markets
b) Flexible Arbeitszeitmodelle
c) Konzept des Lebensarbeitszeitkontos
d) Altersteilzeit
e) Rente mit 60
f) Arbeitszeitmodelle im Ausland

1 Einordnung des Begriffs Arbeitslosigkeit

Der Begriff der Arbeitslosigkeit wird im Sozialgesetzbuch III (Arbeitsförderung) unter dem §118 (I) SGB III folgendermaßen definiert:

„Arbeitslos ist ein Arbeitnehmer, der

i. vorübergehend nicht in einem Beschäftigungsverhältnis steht (Beschäftigungslosigkeit) und
ii. eine versicherungspflichtige, mindestens 15 Stunden wöchentlich umfassenden Beschäftigung sucht.

a) Entstehung von Arbeitslosigkeit aus neoklassischer Sicht

Das Thema dieses Aufsatzes beschäftigt sich im Rahmen der Veranstaltung mit dem Titel „Europäische Wirtschaftspolitik: Auf der Suche nach den Ursachen der hohen Arbeitslosigkeit in Europa und die Möglichkeiten ihrer Bekämpfung“ insbesondere mit der Problematik der Entstehung bzw. Vernichtung von Arbeitsplätzen aufgrund determinierter Arbeitszeitstrukturen. In der Literatur und politischen Debatte bestehen unterschiedliche Auffassungen hinsichtlich der Erklärung von Arbeitslosigkeit aufgrund von bestehenden Arbeitszeitmodellen. Auf der einen Seite glaubt man Arbeitsplätze durch die Verkürzung der individuellen Arbeitszeit schaffen zu können, andere vertreten die Ansicht man müsse die Arbeitszeit verlängern um zusätzliche Beschäftigungseffekte zu erreichen. Es ist offensichtlich, daß das Phänomen Arbeitslosigkeit unter sehr vielfältigen Gesichtspunkten zu betrachten ist und es scheinbar keine Patentlösung für deren Abbau existiert.

Wenn man versucht das Phänomen der Arbeitslosigkeit zu erklären, so muß man alle Einflussfaktoren beschreiben, die deren Entstehung und Persistenz determinieren. Die Einflussfaktoren sind u.a. Lohnrigiditäten, Mismatch von Arbeitsangebot- und nachfrage, Mobilitätsdefizite, Mobilitätsbarrieren, Arbeitsschutzgesetze, Gewerkschaften und Arbeitgebverbände eben auch Arbeitszeitmodelle, dessen Auswirkungen später noch näher betrachtet werden.

Bevor ich auf den Zusammenhang zwischen Arbeitszeit und Arbeitslosigkeit eingehe stelle ich kurz die theoretische Erklärung der Entstehung von Arbeitslosigkeit aus neoklassischer Sicht dar.

Das neoklassische Modell setzt zunächst folgende Annahmen:

- Der Arbeitsmarkt besteht aus einer großen Zahl unabhängiger Unternehmen, die Arbeit nachfragen und aus Arbeitnehmern, welche Arbeit anbieten.
- Die Arbeitsplätze und Arbeitnehmer sind homogen, d.h. alle Bewerber besitzen die gleiche Produktivität und können alle zu besetzenden Stellen annehmen
- Es existieren keine Mobilitätsbarrieren
- Die Markteilnehmer besitzen vollständige Informationen über den Markt
- Der Markt agiert unter vollständiger Konkurrenz

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 A perfectly competitive labour market[1]

Das Modell erklärt zunächst die Interaktion von Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage.Das Arbeitsangebot ist die Bereitschaft von Arbeitnehmern zu einem bestimmten Reallohn Arbeit anzubieten. Dabei steigt die Zahl der Arbeitnehmer, die bereit sind zu arbeiten mit dem wachsenden Reallohn, der ihnen dafür angeboten wird. Sie haben folglich die Entscheidung zwischen Freizeit und Arbeit zu treffen und werden diese mit dem Ziel der Erreichung des individuellen Nutzenoptimums fällen (NS ). Im Gegenzug gibt es die Unternehmen, die Arbeit nachfragen. Die Unternehmen sind bestrebt ihrerseits den Nutzen zu maximieren, d.h. einen möglichst hohen Gewinn zu erzielen. So werden sie unter dieser Prämisse mehr Arbeitskräfte nachfragen, wenn der Reallohn sinkt (ND ).

In diesem Modell geht man davon aus, daß es eine natürliche Rate der Arbeitslosigkeit gibt, was bedeutet, daß auch bei Vollbeschäftigung ein gewisser Anteil an Arbeitslosen geben wird, die keine Beschäftigung suchen. Man spricht hier auch von freiwilliger Arbeitslosigkeit.

Unter der Annahme, daß ein Reallohn von W1 auf dem Arbeitsmarkt herrscht besteht Unterbeschäftigung. Die Haushalte bieten mehr Arbeit an, als die Unternehmen bereit sind nachzufragen (N2). Die Unternehmen fragen nur Arbeit in Höhe von N1 nach. Es besteht Arbeitslosigkeit in Höhe von N2-N1. Sinken nun die Löhne durch moderate Lohnpolitik, so sinkt das Arbeitsangebot der Haushalte bei gleichzeitigem Anzug der Nachfrage nach Arbeit seitens der Unternehmen. Durch die gesunkenen Arbeitsentgelte sinken die Preise für Güter, so daß eine Nachfragestimulierung bei den Unternehmen den Bedarf an Arbeitskräften steigert. Dieser Prozeß dauert so lange an, bis ein Gleichgewicht bei einem Reallohn W* und einem Beschäftigungsniveau N* erreicht ist. Der Mechanismus dieses Modells funktioniert in gleicherweise, wenn man von einer Überschußnachfrage nach Arbeit seitens der Unternehmen ausgeht.

Die Reallöhne liegen unter dem markträumenden Reallohn von W*, so daß wenig Arbeit seitens der Haushalte angeboten wird. So sind die Unternehmen bereit einen höheren Reallohn zu zahlen, um ihre Produktionspläne zu verwirklichen. Dabei wächst die Bereitschaft seitens der Haushalte mit steigenden Löhnen Arbeit anzubieten. Dieser Prozeß dauert solange, bis das Beschäftigungsgleichgewicht (W* / N*) erreicht ist.

Dieses Modell erklärt Arbeitslosigkeit nur Aufgrund der Veränderungen der Reallöhne und der Reaktion der Unternehmen. Zwei Ursachen werden dazu angeführt:

- „Es liegt ein Widerstand gegen Reallohnsenkungen vor, der sich (bei gegebenen Preisniveau) in einer mikroökonomischen bedingten Starrheit der Nominallöhne ausdrückt“[2].
- „Trotz nachgebender Nominallöhne erweist sich der Reallohn „ex post“ als rigide...“[3].

Arbeitslosigkeit resultiert also aus der Nichtanpassung der Reallöhne bzw. aus dem Ausbleiben von Beschäftigungseffekten trotz Anpassung der Reallöhne.

Die Implikation des Modells der Nutzenmaximierung seitens der Haushalte (Wahl zwischen Freizeit und Arbeit) läßt in Hinblick auf die Veränderung der Arbeitszeitmodelle seitens des Staates und /oder Tarifparteien die Frage aufkommen, inwiefern die Arbeitszeitpräferenzen der Haushalte beeinflußt werden können, um beispielsweise eine Beschäftigungswirkung durch die Reduktion von Arbeitszeit – in Form von steigender Präferenz zur Freizeit der Haushalte - erreichen zu können. Vor diesem Hintergrund thematisiere ich im folgendem den Einflußfaktor Arbeitszeit bzw. Lebensarbeitszeit hinsichtlich der Beschäftigungswirkung auf dem Arbeitsmarkt.

b) Arbeitszeit und Arbeitslosigkeit

Die Arbeitslosigkeit ist wie im vorangegangenen Abschnitt beschrieben eine Ungleichgewichtssituation, der bereits schon seit Mitte der 70er Jahre versucht wird mit einer aktiven Arbeitsmarktpolitik auch insbesondere auf europäischer Ebene zu begegnen. Es ist sowohl in der politischen Debatte, als auch in der Wissenschaft streitig, inwiefern die Arbeitszeitorganisation der Unternehmen Auswirkungen auf die Beschäftigung hat und welche Konzepte zur Verringerung der Arbeitslosigkeit in Europa Erfolg versprechen. So sind in der Literatur grundsätzlich zwei Strömungen vertreten. Die erste behauptet die Arbeitslosigkeit durch die Reduzierung der Arbeitszeit der Individuen entgegnen zu können. Die Argumentation ist schlichtweg jene, daß durch die Arbeitszeitverkürzung der Arbeitnehmer die Besetzung der freiwerdenden Stellen aufgrund der geplanten Produktion der Unternehmen über die individuelle Arbeitszeit der derzeitig Beschäftigten hinaus zusätzliche Beschäftigungseffekte erzielbar sind. Konzepte wie die Teilzeitarbeit, Altersteilzeit, Bildungsurlaub, Überstundenabbau, Sabbatical, Rente mit 60 etc. sollen dazu beitragen die kurzfristig geplante Arbeitszeit (Tag,Woche, Jahr) und die langfristig geplante Lebensarbeitszeit neu zu strukturieren. „Die Umverteilung des existierenden Arbeitszeitvolumens zwischen Arbeitenden und Arbeitssuchenden erscheint in dieser Situation als Chance, wieder mehr Menschen eine Erwerbstätigkeit zu ermöglichen. Dabei besteht auch bei engagierten Befürwortern der Arbeitszeitverkürzungen weitgehend Einigkeit darüber, daß arbeitszeitpolitische Maßnahmen nur einen Teilbeitrag zum Abbau der Arbeitslosigkeit leisten können... “[4]. Die andere Strömung vertritt die Meinung, man müsse die Arbeitszeit verlängern. Insbesondere die Verlängerung der Lebensarbeitszeit solle die Finanzierung des Alterssicherungssystem gewährleisten. Die Finanzierung des Rentensystems scheint im Zuge der demographischen Entwicklung der Bevölkerung, nämlich der gestiegenen Lebenserwartung nicht gesichert, so daß eine Anhebung der Altersgrenzen nötig sei. Abgesehen davon wird argumentiert, daß mit der Frühverrentung

ein erhebliches Potential an erfahrenen Mitarbeitern verloren geht, wobei prognostiziert wird, daß ein Arbeitskräftemangel aufgrund von Migration innerhalb Europas kaum durch die Ausbildung junger qualifizierter Arbeitskräfte auszugleichen ist[5]. Im Zuge der Rentenreform von 1992 sollen die jeweiligen Altersgrenzen ab dem Jahr 2001 sukzessive auf 65 Jahre angehoben werden. Bei Vorruhestand sind demzufolge mit Rentenabschlägen zu rechnen, so daß die Wahrscheinlichkeit dafür sinkt, daß Personen frühzeitig in Rente gehen.

Der Sachverständingenrat rät grundsätzlich von der Verlängerung der Arbeitszeiten ab. Er argumentiert auf Basis des Arbeitsvolumens, welches bei der Verlängerung der Arbeitszeit auf weniger Arbeitnehmer verteilt würde. Die vorangegangenen Beschäftigungseffekte von insgesamt 700.000 neuen Stellen würden damit zunichte gemacht. Lohn- und Nachfrageausfall aufgrund geringerer Zahl Beschäftigter hätte zudem eine negative Beschäftigungswirkung[6]. Die Arbeitszeitverkürzung scheint für viele eine Möglichkeit der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit zu sein. Nicht zuletzt die Gewerkschaften und Betriebsräte setzen sich seit Beginn der 90er Jahre für Arbeitszeitverkürzung aufgrund des Drucks der Androhung von Massenentlassungen ein. Die Gewerkschaften haben zudem die gesellschaftliche Verantwortung auch die Arbeitslosen zu vertreten. Insbesondere flexible Arbeitszeitmodelle sind Thema der Tarifvertragsparteien. Dabei entsteht eine zunehmende Konkurenzsituation zwischen der Lohn- und Arbeitszeitpolitik. Die Zielsetzung der Gewerkschaften der verteilungsneutralen Durchsetzung von Arbeitszeitverkürzungen ist kaum noch realistisch.

Denn sie müssen bei einer moderaten Lohnpolitik zusätzlich Arbeitszeitverkürzungen hinnehmen, so daß sie verständlicherweise auf Unverständnis seitens iherer Mitglieder stoßen. So stellt sich hier auch die Frage, inwieweit die Reduktion der individuellen Arbeitszeit existenzbedrohend für die Betroffenen sein wird und dies nicht einen Anreiz zur freiwilligen Arbeitslosigkeit aufgrund des Kalküls der Beschäftigten Transferleistungen aus dem Sozialsystem in Anspruch zu nehmen, anstatt eine Beschäftingung aufzunehmen.

[...]


[1] Vgl.European Labour Market, Analysis and Poilicy, Nick Adnett 1996, Seite: 50 Figure 2.2

[2] Spahn (1996), S.146

[3] Spahn (1996), S.146

[4] Monika Langkau-Herrmann /Udo Scholten (1986), Seite 12

[5] Vgl. „Die Entwicklung der Lebensarbeitszeit“ in „Zeitschrift für Unternehmensgeschichte“ Hrsg. Hans Pohl und Wilhelm Treue (1992), S.80

[6] Vgl. Sachverständigenrat 1993, Ziffer 380 entnommen aus :Hartmut Seifert in: Arbeitszeitmodelle, Hrsg. Dieter Wagner (1995)

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Arbeitszeitmodelle - Arbeitszeitkonzepte zur Senkung der Arbeitslosigkeit
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Volkswirtschaftspolitik)
Veranstaltung
Seminar Europäische Wirtschaftspolitik
Note
2,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
26
Katalognummer
V9583
ISBN (eBook)
9783638162463
ISBN (Buch)
9783638641159
Dateigröße
830 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Aufsatz zum Seminar mit dem Thema Europäische Wirtschaftspolitik: Auf der Suche nach den Ursachen der hohen Arbeitslosigkeit in Europa und Möglichkeiten ihrer Bekämpfung. Vollständige Zitierung innerhalb der Fußnoten - kein extra ausgewiesenes Literaturverzeichnis.
Schlagworte
Arbeitszeitmodelle, Arbeitszeitkonzepte, Senkung, Arbeitslosigkeit, Seminar, Europäische, Wirtschaftspolitik
Arbeit zitieren
Florian Schoetzke (Autor), 2001, Arbeitszeitmodelle - Arbeitszeitkonzepte zur Senkung der Arbeitslosigkeit , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/9583

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