Die offene Zukunft der Kernenergie. Bedingungen und Prognosen von Carl Friedrich von Weizsäcker zur friedlichen Nutzung der Kernenergie


Hausarbeit, 2018

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Verantwortung der Wissenschaft

3. Methodik zur Prognosen

4. Zukunftsprognosen

5. Gefahren der Kernenergie

6. Vorteile der Kernenergie

7. Positionen zu Weizsäckers Argumenten

8. Fazit

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mit dem von der Bundesregierung beschlossenen Ausstieg aus der Kernenergie bis 20221 ist eine neue und heftige Debatte über die Nutzung der Atomenergie und ihrer möglichen Gefahren entstanden. Wie schon bei ihrer Einführung sind die Fronten verhärtet und die Diskussion beinhaltet ein hohes Maß an Emotionen bei allen Beteiligten. Bei einem derart wichtigen Thema, wie der Energieversorgung, ist es jedoch nötig die verschiedenen Standpunkte anzuhören und zu verstehen, um zu einer wohlüberlegten Entscheidung zu kommen. In der Vergangenheit hat dies Carl Friedrich von Weizsäcker in über 50 Jahren wissenschaftlicher und politischer Tätigkeit getan, wobei er stets, von seinem philosophischen Hintergrund geprägt, auch die Frage nach der Verantwortung der Wissenschaft und ihrer Folgen gestellt hat. Um seine Meinung zur Kernenergie nachvollziehen zu können bedarf es nicht nur einer Analyse der Vor- und Nachteile dieser Technik, sondern auch der weltpolitischen Lage und wirtschaftlichen Prognosen seiner Zeit. Aufschluss darüber geben uns seine zahllosen Vorträge, Monographien, Vorlesungen etc., die er in seiner Rolle als Professor, politischer Berater und Direktor des Max-Plack-Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen in der wissenschaftlich-technischen Welt in Starnberg veröffentlicht hat. Einen weiteren Einblick in die wirtschaftlichen und politischen Hintergrundprozesse ermöglichen der Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit, der auch maßgeblich zur öffentlichen Meinungsbildung beigetragen hat, sowie das Buch „Aufstieg und Krise der deutschen Atomwirtschaft“ von Joachim Radkau. Ziel dieser Untersuchung soll es sein nachvollziehen zu können, unter welchen Aspekten Carl Friedrich von Weizsäcker die Kernenergie bewertet hat, in welchem Kontext er sie gesehen hat und inwieweit diese Erkenntnisse auch heute noch relevant in der Diskussion um die friedliche Nutzung der Atomenergie sein können. Der Fokus liegt dabei auf den zugrunde liegenden Prognosen und Veröffentlichungen der 1950er bis 1980er Jahre und soll versuchen Kontinuitäten aufzuzeigen, sowie eventuell veränderte Meinungen und Tendenzen zu erkennen und zu erklären. Sofern es nicht entscheidend für das Verständnis der Thematik ist, soll auf eine Erklärung der physikalischen Vorgänge weitgehend verzichtet werden. Ebenso auf eine unnötige Fülle von chemischen Prozessen, die für die naturwissenschaftlichen Entscheidungen zwar relevant sind, jedoch in der Öffentlichen Wahrnehmung nur eine untergeordnete Rolle spielen.

2. Die Verantwortung der Wissenschaft

Nach der Entdeckung der Uranspaltung 1938 durch Otto Hahn und der Veröffentlichung seiner Ergebnisse wurde 1939 weltweit etwa 200 Physikern, die sich mit Atomphysik beschäftigten, bewusst, dass nun sowohl Atombomben, als auch Kraftwerke auf dieser Energieform möglich sein würden. Daraus ergab eine völlig neue Rolle der Wissenschaft für politische Entscheidungsprozesse und einerseits eine neue Machtposition durch Expertenwissen, sowie andererseits eine Machtlosigkeit gegenüber der Verwendung ihrer eigenen Forschungsergebnisse.2 Nicht zuletzt die Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki führten in der Folge zu einer kritischen Betrachtung der Auswirkungen wissenschaftlicher Forschung und ihrer Konsequenzen für Menschen und Politik. Für Weizsäcker, zu dieser Zeit mit anderen führenden deutschen Physikern in englischer Kriegsgefangenschaft, kam die Nachricht über die erfolgreichen Abwürfe überraschend und ließ ihn in den folgenden zehn Jahren in seinem physikalischen Eifer zaudern und eher philosophischen Themen zuwenden.3 Besonders die Verantwortung der Wissenschaft4 für ihre politischen Folgen wurde zu einem zentralen Bestandteil seiner Arbeit und die Frage, wie solch fatale Entwicklungen für die Zukunft zu vermeiden seien. Eine Nicht-Veröffentlichung von wissenschaftlichen Ergebnissen war für ihn keine Option, denn dies würden dem Grundcharakter von Wissenschaft generell widersprechen und nur eine Verzögerung bewirken, wie es sich beispielsweise an der parallelen Atombombenentwicklung in den USA und der Sowjetunion im kalten Krieg gezeigt hat.5 Auch die friedliche Nutzung der Kernenergie bedeutete ein großes Maß an Verantwortung, da die Auswirkungen in den späten 1940er Jahren noch nicht abzusehen waren.6 Ein spezielles Problem sah Weizsäcker in der sich immer weiter ausdifferenzierenden Wissenschaft in Spezialgebiete, die dazu führt, dass niemand mehr einen Überblick haben kann, an was gerade geforscht wird. Aufgrund dessen war eine Konzentration der Wissenschaftler auf sich ergebende Probleme schwierig und konnte nur mit erheblichem kommunikativen Aufwand zwischen den einzelnen Teilgebieten erfolgen.7 Ein Ausdruck eines solchen Zusammenschlusses war die von Weizsäcker formulierte Erklärung der „Göttinger 18“, mit der sich die Unterzeichner dazu verpflichteten auf militärische Herstellung oder Erprobung von Atomwaffen zu verzichten und ihre wissenschaftlichen Kapazitäten nur für die friedliche Nutzung der Kernenergie zur Verfügung zu stellen.8 Aus dieser Problematik folgerte er, dass sich eine Ethik der Technik entwickeln müsse, die den Wissenschaftler dazu anleiten solle sich seiner Verantwortung für Forschungsergebnisse ebenso bewusst zu sein, wie anderen Kennzeichen des wissenschaftlichen Arbeitens. Einen Vergleich zieht Weizsäcker dabei zum hippokratischen Eid der Mediziner, der in einer abgewandelten Form auch für Naturwissenschaftler gelten solle, um diese zu moralischem Handeln zu verpflichten.9

3. Methodik zur Prognosen

„Seit der Mensch das mächtigste Lebewesen auf der Erde ist, hat er nichts so sehr zu fürchten, wie die Folgen seines eigenen Handelns“10, schreibt Carl Friedrich von Weizsäcker 1991 und wirft damit zugleich die Frage auf, wie dieses eigene Handeln bestimmt sein muss. In einer sich immer schneller verändernden Welt sind die Menschen, stärker als früher, auf Prognosen angewiesen, die ihnen verschiedene Handlungsspielräume vorgeben und deren Konsequenzen aufzeigen.11 Aus diesen Gründen folgt ein wachsendes Interesse nach Futurologie, um der ungewissen Zukunft dennoch mögliche Erkenntnisse abzugewinnen.12 Damit wird eine theoretische Planbarkeit der Zukunft erreicht13, ebenso wie ein verstärktes Machtpotential für wissenschaftliche Forschung, sollten sich ihre Vorhersagen bestätigen und eine zuverlässige Handlungsgrundlage bieten.14 Die ersten Prognosen bezogen sich auf Naturphänomene, wie beispielsweise eine Sonnenfinsternis und legten zugleich den Charakter für Zukunftsprognosen fest. Man beobachtet Vorgänge, leitet davon allgemeingültige Gesetze ab und wendet diese darauf folgend auf mögliche Sachverhalte in der Zukunft an.15 In den Naturwissenschaften bietet sich damit eine sehr sichere Möglichkeit Vorhersagen zu treffen, in den Geisteswissenschaften, die keine Gesetzeswissenschaft darstellen, stößt man schnell auf Grenzen, durch die unüberschaubar große Zahl von Variablen.16 Hier ist man auf eigene Erfahrungen angewiesen, indem man immer neue Prognosen für mögliche Entwicklungen erstellt und ihr Eintreffen überprüft, woraus sich für weitere Vorhersagen mögliche Kontinuitäten zeigen.17 Dies macht die geisteswissenschaftliche Prognose zu einem abwägen von Wahrscheinlichkeiten und ihre eigenen Vorhersagen zu einem Lernprozess, der im Unterschied zu den Naturwissenschaften nicht auf Basis von wiederholbaren Experimenten stattfindet, sondern im Spiegel einer ständigen Falsifizierung der Ergebnisse.18 Ihre Methode ist die Entscheidungs- bzw. Spieltheorie, bei der versucht wird eine möglichst große Zahl von Variablen miteinzubeziehen und somit zu vertretbaren, rationalen Entscheidungen zu gelangen.19 In der modernen Prognostik spielt dabei die Verwendung von Computern eine immer größere Rolle, deren Rechengeschwindigkeit maßgeblichen Einfluss auf den Umfang der Vorhersagen und deren Kontrolle hat.20

4. Zukunftsprognosen

Nachdem der methodische Hintergrund wissenschaftlicher Prognosen aufgezeigt wurde, kann sich nun den konkreten Vorhersagen gewidmet werden und ihrer Relevanz für kerntechnische Prognosen. 1969 wand sich Carl Friedrich von Weizsäcker von seiner Professur in Hamburg ab, um sich als Direktor des Max-Plack-Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen in der wissenschaftlich-technischen Welt in Starnberg verstärkt seinem Interesse der Kriegsverhütung zu widmen. Für ihn war die Gefährdung der Menschheit durch neue technische Entwicklungen und mögliche Kriege ein zentraler Forschungsaspekt, dem er hier unter besseren Bedingungen nachgehen konnte.21 In diesem Umfeld formulierte er drei Kernaussagen zur zukünftigen, technischen Welt, die den Rahmen seiner Arbeit bildeten:

1. Der Weltfrieden ist eine notwendige Bedingung für die Zukunft der wissenschaftlich-technische Welt
2. Der Weltfrieden wird noch nicht das goldene Zeitalter sein und zeichnet sich durch die Schaffung einer Welt-Innenpolitik aus
3. Das Erreichen des Weltfrieden erfordert eine außerordentliche moralische Anstrengung (Ethik)22

Dabei schloss er einen möglichen militärischen Konflikt zwischen den beiden Supermächten nicht aus, er hielt ihn sogar für ebenso wahrscheinlich, wie den Frieden.23 Jedoch lassen sich unter den chaotischen Bedingungen eines Krieges keine sicheren Prognosen erstellen, weswegen weitreichende Zusammenhänge für die Zukunft nur in einer friedlichen Welt erforscht werden können. Unter den Voraussetzungen eines atomaren Patts hielt Weizsäcker den Frieden so lange für stabil, wie die Zweitschlagkapazitäten der jeweiligen Atommächte ausreichen würden, den Krieg nach einem möglichen Erstschlag des Gegners fortzuführen.

Bedenken äußerte er vor allem darüber, dass diese Situation durch die Entwicklung weiterer Waffensysteme, wie beispielsweise Flugabwehrraketen, zu einem Krieg führen könnten, wenn ein militärischer Sieg der angreifenden Nation möglich erscheinen würde.24

Abgeleitet von seinen früheren Erfahrungen in der Atomphysik engagierte sich Weizsäcker nach dem Zweiten Weltkrieg stark im Bereich der friedlichen Nutzung der Kernenergie. Grundannahme für ihn war, dass die Weltbevölkerung in der Zukunft durch die Verbreitung der modernen Medizin und neue Verfahren in der Landwirtschaft stark anwachsen und mit diesem Anstieg ein deutlich erhöhter Bedarf an Energie einhergehen würde.25 Dieser verstärkte Bedarf nach Energie würde sich in der absehbaren Zukunft nur durch Atomenergie decken lassen, denn im Gegensatz zu den meisten anderen Verfahren zur Energiegewinnung, die auf chemischen Vorgängen in der Atomhülle beruhen, greifen Kernspaltung und Fusion auf die millionenfach höhere Energie der Atomkerne zu.26 Daher war für Weizsäcker bereits in den 1950er Jahren klar, dass nur die technische Erschließung dieser Energiequelle den wachsenden Energiebedarf der Menschheit würde decken können und es darüber hinaus unerlässlich sein würde neben den bestehenden Leichtwasserreaktoren die Entwicklung Schneller Brüter voranzutreiben.27 Diese Euphorie hielt in den 1960er Jahren nicht nur an, sie steigerte sich sogar noch und ließ Weizsäcker in diesen Jahren von der Kernenergie als „wichtigster Quelle“28 mit „fundamentaler Bedeutung“29 sprechen. Dabei sollte zunächst die Kernspaltung mit angereichertem Natururan-235 erschlossen werden, da diese technisch weniger anspruchsvoll ist und eine Übergangslösung bieten sollte, bis fortschrittliche Brutreaktoren die Spaltprodukte Uran-238 und Plutonium-239 als Brennstoff würden nutzen können. Wann diese Brutreaktoren kommen würden war zu diesem Zeitpunkt noch nicht sicher, Weizsäcker vermutete 1969 etwa weitere zehn Jahre Forschung.30 Kritisch ist diese Prognose insofern zu sehen, als dass verschieden Arbeitsgruppen, unter anderem im Kernforschungszentrum Karlsruhe, an der Brütertechnologie arbeiteten, jedoch noch keine Praxiserfahrungen vorlagen und Ergebnisse noch nicht vorhandener Grundlagenforschung in den weiteren Prozess eingerechnet wurden.31 Dennoch war der Schnelle Brüter das Hauptargument für eine weitere Entwicklung der Kernenergie, mit geschlossenem Brennstoffkreislauf und sich ergebenden günstigen und vor allem konkurrenzfähigen Energiepreisen.32 Kennzeichen der 1960er Jahre war die optimistische Prognose für den weiteren Ausbau der Kernenergie in den kommenden Jahrzehnten und damit die Deckung des menschlichen Energiebedarfs bis zum endgültigen Übergang auf eine unbefristete Energiequelle, zum Beispiel Kernfusion, Sonnenenergie oder Wasserkraft, ab 1990 oder zu Beginn des nächsten Jahrtausend.33

In den 1970er Jahren änderten sich diese Prognosen teilweise und es kamen neue Gedankenansätze hinzu, insbesondere das Energiesparen und eine kritische Betrachtung aller auf begrenzten Rohstoffen beruhender Energieformen. In diesem Zeitraum betonte Carl Friedrich von Weizsäcker die Wichtigkeit einer langfristigen Energiepolitik und distanzierte sich damit von einer Versorgung, die noch immer stark auf fossile Brennstoffe ausgerichtet war.34 Hierzu zählte er in eingeschränktem Maße auch die Kernenergie, denn bei den vorherrschenden Leichtwasserreaktoren wurde nur das angereicherte Uran-235 genutzt, die Spaltprodukte Uran-238 und Plutonium-239 jedoch nicht, weshalb bei einem weiteren Ausbau der Atomenergie auf Natururan Basis die Uranvorräte kaum länger halten würden, als die prognostizierten Reserven an Erdöl und Erdgas. Zuversichtlich war er weiterhin im Bezug auf die Schnellen Brüter, die genau diese Problematik beseitigen und die Energieversorgung bis zu einem Übergang auf neue Formen der Energieerzeugung gewährleisten sollten.35 In diesen Reaktoren können die Spaltprodukte der Leichtwasserreaktoren weiter genutzt werden und führen damit zu einer um den Faktor 50 höheren Energieausbeute, wodurch die Uranreserven nicht für mögliche 50, sondern womöglich Jahrtausende halten würden. Damit wurden Brüter im Bereich der Kernspaltung zur einzigen zukünftigen Entwicklung, die eine Rechtfertigung für den Ausbau der Atomenergie darstellten.36 In der Abfolge von Energietechniken sah Carl Friedrich von Weizsäcker zunächst die fossilen Energieträger, allen voran die Kohle, als relevant an. Aufgrund ihrer beschränkten Verfügbarkeit und Umweltproblematik sollten sie jedoch von der Kernspaltung abgelöst werden, bevor ein Wandel zu beinahe unerschöpflichen Quellen, in Form von Sonneneinstrahlung, Kernfusion und Geothermik, erfolgen würde.37 Ein Anliegen seiner späteren Prognosen war eine Verschiebung der Hauptenergielast von Kernenergien, zu alternativen Lösungen und zugleich eine Fokussierung auf Energiesparmöglichkeiten, die einen weiteren Energiebedarf bremsen sollten.38 Unter der weltweiten Problematik begrenzter Rohstoffe erschien Weizsäcker dies die einzige Möglichkeit eine zunehmende Umweltverschmutzung zu vermeiden, die er später als Hauptgrund für die Grenzen des weiteren Wachstums sah.39

5. Gefahren der Kernenergie

Normalbetrieb: Unter diesen Umständen sah Carl Friedrich von Weizsäcker keine großen Gefahren in den Atomkraftwerke und andere Industriezweige als deutlich gefährlicher an.40 Die Umwelt würde durch die geringeren Schadstoffemissionen, im Vergleich zu fossilen Brennstoffen, geschont werden und lediglich eine höhere Abwärme freisetzen.41 Ungewissheit herrschte im Bezug auf die Risiken durch Strahlenbelastung, jedoch setzen Atomkraftwerke nur eine sehr geringe Radioaktivität frei, die örtlich unter den natürlichen Strahlenwerten liegt. Über die zur Strahlenkrankheit führende Dosis, sowie Langzeitwirkungen war wenig bekannt. Im Uranabbau kam es zu einer Häufung von Lungenkrebs Erkrankungen, jedoch waren die Arbeiter dort wesentlich länger und höheren Strahlenwerten ausgesetzt.42 Eine Schädigung des Erbgutes erschien zwar als Möglichkeit, jedoch nur schwer zu überprüfen und tatsächlich auf die Strahlendosis im Kernkraftwerk zurückzuführen.43 Einzig die Anlagerung von Strontium-90 an menschlichen Knochen hielt Weizsäcker für möglicherweise gefährlich, jedoch wären auch hier langfristig Untersuchungen nötig, um die Folgen abzuschätzen.44 Über die Radioaktiven Stoffen, die am Ende des Kernspaltungsprozesses übrig blieben, werde ich später noch genauer eingehen.

Unfälle: In diesem Bereich muss man einerseits zwischen menschlichem und technischem Versagen unterscheiden und andererseits die Risiken eines tatsächlichen Unfalls abwägen. Für technische Probleme gibt es nach Weizsäcker auch immer technische Lösungen,45 und ihre Beherrschbarkeit muss durch ein automatisches Sicherheitssystem, das ständig an den neuesten Stand der Forschung angepasst wird, gewährleistet sein.46 Die Gefahr durch menschliches Versagen einen Störfall zu verschulden sah Weizsäcker hingegen als das größere Problem an und forderte daher für den Betrieb eine besondere Sorgfaltspflicht.47 Durch einen verantwortungsbewussten Umgang mit der Technik und einer Voraussicht auf mögliche Probleme, sollten diese Sicherheitsvorkehrungen ausreichen, um einen Unfall als sehr unwahrscheinlich zu betrachten. Bestätigt sah sich Weizsäcker darin dadurch, dass es nach seiner Aussage noch nie zu einem schwerwiegenden Unglück gekommen war und bei allen bisherigen Störfällen das Sicherheitssystem funktioniert hatte oder die verantwortlichen Arbeiter das Problem beheben konnten.48 Damit erschien ihm die Kerntechnik, im Vergleich zu anderen Techniken, als sicher und ihre spezifischen Gefahren nicht größer, als die der Chemieindustrie oder einem Unglück bei einem Staudammprojekt.49 Auch die schlimmsten anzunehmenden Unfälle stellte er immer in den Kontext anderer, durch Technik verursachter, Schäden. Die Zahl der Todesopfer durch Verkehrsteilnehmer im Autoverkehr oder Flugbetrieb überstieg die der möglichen Opfer eines Reaktorschadens um ein Vielfaches. Auch der Größte Anzunehmende Unfall (GAU) würde nach Weizsäckers Prognose nur wenige Todesopfer fordern, denn eine Kernschmelze sei immer lokal begrenzt und würde nur in einem kleinen Gebiet eine Strahlenbelastung verursachen.50 In den Leichtwasserreaktoren verdampft bei einer Unterbrechung des Kühlsystems das im Reaktorkern vorhandene Wasser, wodurch die Kettenreaktion abbricht, „weil die Neutronen nicht mehr gebremst werden (inhärente Sicherheit)“51.

[...]


1 Bundesregierung: „Bundesregierung beschließt Ausstieg aus der Kernkraft bis 2022“, in: Energiewende, https://www.bundesregierung.de/Content/DE/StatischeSeiten/Breg/Energiekonzept/05-kernenergie.html.

2 Vgl. C.F.v.Weizsäcker: Atomenergie und Atomzeitalter: zwölf Vorlesungen, Frankfurt a.M., 1957, S.69.

3 Vgl. C.F.v.Weizsäcker: Der Mensch in seiner Geschichte, München, 1991, S.231.

4 Vgl. C.F.v.Weizsäcker: Wahrnehmung der Neuzeit, München, Wien, 1983, S.428f.

5 Vgl. Weizsäcker: Der Mensch in seiner Geschichte, S.231f.

6 Vgl. Michael Drieschner: Carl Friedrich von Weizsäcker zur Einführung, Hamburg, 1992, S.63.

7 Vgl. C.F.v.Weizsäcker: Zum Weltbild der Physik, Stuttgart 101963, S.193.

8 Vgl. C.F.v.Weizsäcker: Die Verantwortung der Wissenschaft im Atomzeitalter, Göttingen, 41963, S.50f.

9 Vgl. Weizsäcker: Verantwortung der Wissenschaft, S.15.

10 Weizsäcker: Der Mensch in seiner Geschichte, S.238.

11 Vgl. C.F.v.Weizsäcker: Gedanken zur Zukunft der technischen Welt, In: UMSCHAU in Wissenschaft und Technik (1969), S.13-30, S.20.

12 Vgl. C.F.v.Weizsäcker: Die Einheit der Natur: Studien, München, 21981, S.21.

13 Vgl. Weizsäcker: Die Einheit der Natur, S.23.

14 Vgl. Ebd., S.24.

15 Vgl. Weizsäcker: Gedanken zur Zukunft, S.18.

16 Vgl. C.F.v.Weizsäcker: Aufbau der Physik, München, Wien, 1985, S.592.

17 Vgl. Ebd., S.79.

18 Vgl. Weizsäcker: Gedanken zur Zukunft, S.20.

19 Vgl. Ebd., S.21.

20 Vgl. Ebd., S.19.

21 Vgl. Michael Drieschner: Carl Friedrich von Weizsäcker zur Einführung, Hamburg, 1992, S.63.

22 Vgl. C.F.v.Weizsäcker: Der bedrohte Frieden: politische Aufsätze 1945-1981, München [u.a.], 21981, S.126.

23 Vgl. Weizsäcker: Gedanken zur Zukunft, S.25.

24 Vgl. C.F.v.Weizsäcker: Der Atomschirm hat Löcher, In: Interviews (1972), S.169-177, S.171f.

25 Vgl. Weizsäcker: Atomenergie und Atomzeitalter, S.133.

26 Vgl. Weizsäcker: Zum Weltbild der Physik, S.77.

27 Vgl. Weizsäcker: Atomenergie und Atomzeitalter, S.83f.

28 C.F.v.Weizsäcker: Der ungesicherte Frieden, Göttingen, 1969, S.62.

29 Weizsäcker: Gedanken zur Zukunft, S.16.

30 Vgl. Ebd., S.17.

31 Vgl. Weizsäcker: Der ungesicherte Frieden, S.64.

32 Vgl. C.F.v.Weizsäcker: Über die Kunst der Prognose: Vortrag anläßlich der Jahresversammlung 1968 des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft, Essen, 1968, S.13.

33 Vgl. Weizsäcker: Gedanken zur Zukunft, S.17.

34 Vgl. C.F.v.Weizsäcker: Wege in der Gefahr, München, Wien, 1976, S.21.

35 Vgl. Ebd., S.24.

36 Vgl. C.F.v.Weizsäcker: Diagnosen zur Aktualität: Beiträge, München, Wien, 1979, S.17.

37 Vgl. Weizsäcker: Wege in der Gefahr, S.33-36.

38 Vgl. Weizsäcker: Wege in der Gefahr, S.35.

39 Vgl. C.F.v.Weizsäcker: Bewußtseinswandel, München, Wien, 1988, S.57.

40 Vgl. Weizsäcker: Diagnosen zur Aktualität, S.21.

41 Vgl. Weizsäcker: Wege in der Gefahr, S.24.

42 Vgl. Weizsäcker: Atomenergie und Atomzeitalter, S.114-116.

43 Vgl. Ebd., S.119f.

44 Vgl. Ebd., S.124.

45 Vgl. Weizsäcker: Wege in der Gefahr, S.28.

46 Vgl. Ebd., S.29.

47 Vgl. C.F.v.Weizsäcker: Deutlichkeit: Beiträge zu politischen und religiösen Gegenwartsfragen, München, 41986, S.45f.

48 Vgl. Weizsäcker: Diagnosen, S.21.

49 Vgl. Weizsäcker: Wege in der Gefahr, S.26.

50 Vgl. Weizsäcker: Atomenergie und Atomzeitalter, S.115.

51 Karl G. Tempel: Kernenergie in der Bundesrepublik Deutschland, Berlin, 1981 (= Politik in Schaubildern 10), S.98.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die offene Zukunft der Kernenergie. Bedingungen und Prognosen von Carl Friedrich von Weizsäcker zur friedlichen Nutzung der Kernenergie
Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig  (Institut für Geschichtswissenschaft)
Veranstaltung
Die Berechnung der Zukunft. Technikfolgenabschätzung und Zukunftsforschung im Kalten Krieg
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
19
Katalognummer
V958314
ISBN (eBook)
9783346299246
ISBN (Buch)
9783346299253
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kernenergie, Weizsäcker, Kalter Krieg, Technikfolgenabschätzung, Verantwortung, Zukunftsforschung, Atomforschung, Risiken, Mentalität, Nutzung, Atomausstieg, Carl Friedrich Weizsäcker, Atomenergie, Verantwortung der Wissenschaft, Technikgeschichte, Club of Rome, Radkau, Atombombe, Philosophie, Prognosen, Konsequenzen, Futurologie, Max-Planck-Institut, Weltfrieden, Moral, Atomphysik, Uranverein, Uran, Plutonium, Schneller Brüter, Vorteile, Energiequelle, Atomkraftwerk, Atomkraftwerke, Realisierbarkeit, Kalkar
Arbeit zitieren
Christian Sorge (Autor), 2018, Die offene Zukunft der Kernenergie. Bedingungen und Prognosen von Carl Friedrich von Weizsäcker zur friedlichen Nutzung der Kernenergie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/958314

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