„Ni Dieu ni Maître!“, „Weder Gott noch Meister!“, so lautet der berühmte Spruch der Anarchisten. Ebendiese Worte ließ der russische Anarchist Pëtr Alexejewitsch Kropotkin (*1842 - †1924) den titelgebenden Rebellen am Ende des zweiten Kapitels von Paroles d’un révolté (1885) am Sterbebett sprechen , während Friedrich Nietzsche (*1844 - †1900) den Spruch im kommenden Jahr in Jenseits von Gut und Böse als ein weiteres Anzeichen der „Herdentier-Moral“ der Anarchisten abtun sollte. Meist wird der Ursprung dieses Aphorismus auf eine gleichnamige Tageszeitung zurückgeführt, die Louis-Auguste Blanqui (*1805 - †1881), ein Mitglied der Pariser Kommune, ein Jahr vor seinem Tod ins Leben rief. Der Historiker Maurice Dommanget (*1888 - †1976) stimmt dem anarchistischen Autor Louis Louvet (*1899 - †1971) in seiner Ansicht zu, dass der französische Revolutionär den Spruch vermutlich Le Festin de pierre, Jean de Villiers’ tragikomischer Fassung von Don Juan, entnommen hat. Dort verkündet der Protagonist in Akt 1, Sz. 2: „Je ne voudrais ni Dieu, père, maître, ni roi!“ („Ich wünsche weder Gott, noch Vater, noch Meister, noch König [Übersetzung D.D.]“). Louvet und Dommanget gehen davon aus, dass der Bühnendichter sich hierbei eines deutschen Sprichwortes bediente und tatsächlich scheint die früheste Version des Spruches aus den religiösen Schriften des deutschen Theologen und Dominikaners Meister Eckhart (*1260 - †1328) zu stammen. Sein Gebot „der gerehte mensche endienet weder gote noch den crêatûren, wan er ist vrî“ („der gerechte Mensch dient weder Gott, noch Kreaturen, denn er ist frei“) ist zwar immer noch ein Appell gegen Herrschaft, war aber im Gegensatz zu den oben genannten Fassungen nicht antitheistisch, sondern bedeutet, so der Prior Mauritius Wilde, „daß Gott den Menschen ledig [Hervorhebung D.D.]“ mache.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Bakunins Position zu Religion
3. Kropotkins Position zu Religion
4. Historischer Vergleich. Religion und Staatsgewalt
5. „Mystischer Anarchismus“ im Zarenreich
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Verhältnis zwischen religiösen Überzeugungen und anarchistischen Gesellschaftsmodellen. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwiefern eine Vereinbarkeit zwischen spiritueller Bindung und der kompromisslosen Ablehnung staatlicher Herrschaft in der Geschichte und Theorie besteht.
- Philosophische Auseinandersetzung mit den Positionen von Michail Bakunin und Pëtr Kropotkin.
- Analyse des Zusammenhangs zwischen Staatsgewalt und religiösen Institutionen im historischen Vergleich.
- Untersuchung proto-anarchistischer Strukturen in religiös geprägten Gemeinschaften, wie den Hügelvölkern Südostasiens.
- Betrachtung des „mystischen Anarchismus“ und christlich motivierter antistaatlicher Bewegungen im russischen Zarenreich.
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
„Ni Dieu ni Maître!“, „Weder Gott noch Meister!“, so lautet der berühmte Spruch der Anarchisten. Ebendiese Worte ließ der russische Anarchist Pëtr Aleksejewitsch Kropotkin (*1842 - †1924) den titelgebenden Rebellen am Ende des zweiten Kapitels von Paroles d’un révolté (1885) am Sterbebett sprechen, während Friedrich Nietzsche (*1844 - †1900) den Spruch im kommenden Jahr in Jenseits von Gut und Böse als ein weiteres Anzeichen der „Herdentier-Moral“ der Anarchisten abtun sollte. Meist wird der Ursprung dieses Aphorismus auf eine gleichnamige Tageszeitung zurückgeführt, die Louis-Auguste Blanqui (*1805 - †1881), ein Mitglied der Pariser Kommune, ein Jahr vor seinem Tod ins Leben rief. Der Historiker Maurice Dommanget (*1888 - †1976) stimmt dem anarchistischen Autor Louis Louvet (*1899 - †1971) in seiner Ansicht zu, dass der französische Revolutionär den Spruch vermutlich Le Festin de pierre, Jean de Villiers’ tragikomischer Fassung von Don Juan, entnommen hat.
Dort verkündet der Protagonist in Akt 1, Sz. 2: „Je ne voudrais ni Dieu, père, maître, ni roi!“ („Ich wünsche weder Gott, noch Vater, noch Meister, noch König [Übersetzung D.D.]“). Louvet und Dommanget gehen davon aus, dass der Bühnendichter sich hierbei eines deutschen Sprichwortes bediente und tatsächlich scheint die früheste Version des Spruches aus den religiösen Schriften des deutschen Theologen und Dominikaners Meister Eckhart (*1260 - †1328) zu stammen. Sein Gebot „der gerehte mensche endienet weder gote noch den crêatûren, wan er ist vrî“ („der gerechte Mensch dient weder Gott, noch Kreaturen, denn er ist frei“) ist zwar immer noch ein Appell gegen Herrschaft, war aber im Gegensatz zu den oben genannten Fassungen nicht antitheistisch, sondern bedeutet, so der Prior Mauritius Wilde, „daß Gott den Menschen ledig [Hervorhebung D.D.]“ mache.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den historischen Ursprung und die unterschiedliche Deutung des bekannten anarchistischen Mottos „Ni Dieu ni Maître!“ unter Einbezug philosophischer und theologischer Quellen.
2. Bakunins Position zu Religion: Dieses Kapitel analysiert Bakunins scharfe Ablehnung des Glaubens, den er als Stütze staatlicher Hierarchien betrachtet und mit dem „Opium des Volkes“ in Verbindung bringt.
3. Kropotkins Position zu Religion: Hier wird Kropotkins Sichtweise dargestellt, der Religion eher als historisch überholtes, aber staatlich instrumentalisierbares Machtmittel sieht, wobei er dem frühen Christentum durchaus revolutionäre Ansätze einräumt.
4. Historischer Vergleich. Religion und Staatsgewalt: Es wird untersucht, wie sich Herrschaftsstrukturen durch die enge Verknüpfung von Klerus und Krone universalhistorisch manifestieren und welche Rolle religiöse Nischengruppen dabei spielen.
5. „Mystischer Anarchismus“ im Zarenreich: Das Kapitel widmet sich spezifischen Bewegungen wie der Kolonie Krinica und der Haltung Lew Tolstois, die den Anarchismus aus einem christlichen Kontext heraus begründeten.
6. Fazit: Die abschließende Zusammenfassung konstatiert, dass ein praktischer Anarchismus nicht zwingend atheistisch sein muss, sofern eine Unabhängigkeit von staatlich verordneter Religion gewahrt bleibt.
Schlüsselwörter
Anarchismus, Religion, Staatsgewalt, Michail Bakunin, Pëtr Kropotkin, Lew Tolstoi, Christentum, Mystischer Anarchismus, Geschichte, Herrschaftskritik, Zarenreich, Meister Eckhart, Atheismus, Autonomie, Sozialphilosophie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem spannungsreichen Verhältnis zwischen religiösem Glauben und der anarchistischen Ideologie im Kontext historischer und gesellschaftlicher Entwicklungen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die philosophische Religionskritik prominenter Anarchisten, die Verbindung von Staatsmacht und Kirche sowie alternative, oft religiös motivierte, staatsferne Lebensentwürfe.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es zu ergründen, ob Religion und Anarchismus in der Praxis vereinbar sind, wobei insbesondere die Frage nach der notwendigen Atheistik anarchistischer Bestrebungen beleuchtet wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um einen universalhistorischen Vergleich, der theoretische Schriften anarchistischer Denker mit anthropologischen Beobachtungen und historischen Fallbeispielen verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die konträren Positionen von Bakunin und Kropotkin zur Religion, zieht Vergleiche zu vormodernen Gesellschaften in Südostasien und untersucht christlich-anarchistische Strömungen im Zarenreich.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Anarchismus, Religion, Staatsgewalt, Herrschaftskritik, Autonomie und der spezifische Begriff des mystischen Anarchismus.
Inwieweit lässt sich das Christentum als anarchistisch interpretieren?
Die Arbeit zeigt auf, dass es innerhalb des Christentums sowohl antistaatliche Erzählungen als auch Akteure gab, die ihre Ablehnung menschlicher Herrscher explizit aus ihrem Glauben an Gott begründeten.
Warum ist die geographische Lage für das Entstehen anarchistischer Kommunen entscheidend?
Wie am Beispiel Zomias oder des Goldenen Dreiecks erläutert, ermöglichte eine abgelegene geographische Lage den Rückzug aus dem Einflussbereich von Zentralstaaten und deren staatlich sanktionierter Religion.
- Arbeit zitieren
- Dimitri Dikhel (Autor:in), 2018, "Ni Dieu ni Maître?" Ein universalhistorischer Vergleich zur Vereinbarkeit von Anarchismus und Religion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/958315