Möglichkeiten und Grenzen eines "Neubürgermarketing" im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV)


Seminararbeit, 2019

28 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Zielsetzung
1.3 Vorgehensweise

2 Rahmenbedingungen des Neubürgermarketings im ÖPNV
2.1 Der ÖPV in Deutschland
2.2 Der ÖPNV in Deutschland
2.3 Marketing im ÖPNV
2.4 Grundlagen des Neubürgermarketings im ÖPNV

3 Maßnahmen des Neubürgermarketings im ÖPNV
3.1 Willkommenspakete für Neubürger
3.2 Direktmarketing
3.2.1 Neubürgerpakete
3.2.2 Schnuppertickets und Schnupperangebote
3.3 Mobilitätsberatungen

4 Praxisbeispiel: Neubürgermarketing München „Gscheid mobil“

5 Erfolgsfaktoren des Neubürgermarketings im ÖPNV

6 Fazit und Ausblick

Quellenverzeichnis

Anhangverzeichnis

Anhang 1: Bestellbogen für Neubürger des MVG

Abkürzungsverzeichnis

MIV Motorisierter Individualverkehr

MVG Münchner Verkehrsgesellschaft

ÖFV Öffentlicher Fernverkehr

ÖPNV Öffentlicher Personennahverkehr

ÖPRV Öffentlicher Personenregionalverkehr

ÖPV Öffentlicher Personenverkehr

ÖSPV Öffentlicher Straßenpersonennahverkehr

RegG Regionalisierungsgesetz

SPNV Schienenpersonennahvekehr

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Wirkung des Münchner Neubürgerpakets "Gscheid mobil"

1 Einleitung

1.1 Problemstellung

Der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) gilt für viele Deutsche immer noch als unattraktiv, kompliziert und teuer (Statista 2019a). Aus Gründen wie Unpünktlichkeit, Unzuverlässigkeit und einem schlechten Service bevorzugen vor allem viele Pendler tagtäglich das eigene Auto (Statista 2015). Doch der ÖPNV hat großes Potenzial in Deutschland. Laut einer Umfrage des ADAC wollen deutlich mehr Menschen in den deutschen Großstädten den ÖPNV nutzen (ADAC 2017). Knapp die Hälfte der Befragten kann sich einen Wechsel vom Individualverkehr auf öffentliche Angebote im Alltag vorstellen. Doch dieser Wechsel wird meist durch ein kompliziertes und unflexibles Tarifsystem oder zu teure Tickets vermieden (ADAC 2017).

Auch der Wunsch nach einer klimafreundlichen Alternative zum Auto ist ein wichtiger Treiber des ÖPNV (Statista 2019b). Die Deutschen werden zunehmend umwelt- und klimabewusster, weshalb viele einer Nutzung von öffentlichen Angeboten offen gegenüberstehen. Durch weiter steigende Energiepreise und die wachsende Unsicherheit gegenüber Kraftstoffen wie Diesel könnte die öffentliche Mobilität eine kostengünstige und klimafreundliche Alternative für Nutzer des motorisierten Individualverkehrs sein.

Experten sehen sogenannte Neubürger, d. h. Menschen, die erst kürzlich in eine neue Stadt oder Region umgezogen sind, als wichtige Zielgruppe für den ÖPNV. Das Neubürgermarketing ist bereits in vielen Verkehrsverbünden und Kommunen Thema. Durch die Umbruchsituation sind Neubürger empfänglicher für Verhaltensalternativen im Alltag und zeigen sich offener gegenüber Mobilitätsalternativen (NVBW o.J.:1). Jedes Jahr ziehen in Deutschland 8,5% der Bevölkerung in eine neue Stadt oder Gemeinde (Techem 2018). Dabei handelt es sich meist um junge und sehr gut ausgebildete Neubürger, die attraktive potenzielle Kunden für den ÖPNV darstellen (Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung o.J.).

1.2 Zielsetzung

Im Rahmen dieser Arbeit soll nun gezeigt werden, ob Marketingaktivitäten aus der Betriebswirtschaftslehre dazu beitragen können, den ÖPNV für Neubürger attraktiver zu machen und die Nutzung der öffentlichen Nahverkehrsmittel aufrechtzuerhalten.

Am Beispiel der Zielgruppe der „Neubürger“ soll in dieser Arbeit aufgezeigt werden, wie ein erfolgreiches ÖPNV-Marketing gestaltet sein könnte. Anhand von verschieden Maßnahmen und anhand des Beispiels des Neubürgerpakets „Gscheid mobil“ der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) soll ein Überblick über die verschiedenen Möglichkeiten und Grenzen des Neubürgermarketings geschaffen werden und folgende Forschungsfrage beantwortet werden:

Können gezielte Marketingmaßnahmen des ÖPNV Neubürger bei der Wahl der Verkehrsmittel beeinflussen und die Attraktivität des ÖPNV erhöhen?

1.3 Vorgehensweise

Das erste Kapitel gibt einen kurzen Überblick bezüglich der Problemstellung, der Zielsetzung und den Gang der Arbeit.

Die Grundlagen des öffentlichen Personenverkehrs (ÖPV) in Deutschland sowie des Marketings im ÖPNV und näher des Neubürgermarketings als theoretische Basis, werden als Rahmenbedingungen des Neubürgermarketings im zweiten Kapitel näher behandelt.

Im dritten Kapitel werden verschiedene Möglichkeiten des Neubürgermarketings im ÖPNV sowie deren Chancen / Potenziale vorgestellt und erklärt.

Im vierten Kapitel werden weitere Maßnahmen des Neubürgermarketings anhand eines praktischen Beispiels in München nähergebracht.

Die Ergebnisse und eine Bewertung sowie eine Handlungsempfehlung auf Basis der Untersuchungen erfolgt im fünften Kapitel.

Das sechste Kapitel schließt mit der Beantwortung der Forschungsfrage in Form eines Fazits und gibt einen Ausblick.

2 Rahmenbedingungen des Neubürgermarketings im ÖPNV

2.1 Der ÖPV in Deutschland

Die allgemeine Mobilität der Menschen wird durch Mobilitätsprodukte und angebotene Verkehrsdienstleistungen ermöglicht bzw. erleichtert (Kummer 2010:373). Diese unterscheiden sich in den motorisierten Individualverkehr (MIV) und in den ÖPV (ebenda). Der ÖPV bezeichnet Verkehrsdienstleistungen, welche gegen Bezahlung von der breiten Öffentlichkeit genutzt und in drei Bereiche gegliedert werden können: Öffentlicher Personenfernverkehr (ÖFV), öffentlicher Personenregionalverkehr (ÖPRV) und ÖPNV (Kummer 2010:373; Henkel et al. 2015:25). Zum ÖFV zählen u. a. Angebote von Fernbussen und der Linienluftverkehr, d. h. alle überregionalen Verbindungen (Kummer 2010:373). Diese werden in der vorliegenden Arbeit nicht thematisiert. Unter ÖPRV versteht man Regionalbus- und Regionalbahnverbindungen, die auch ländliche Randregionen erschließen (Kummer 2010:373–374). Der ÖPNV hingegen bezeichnet Verkehrsdienstleistungen in Ballungsgebieten und in deren näheren Vororten (Ackermann 2016:42). Bislang existiert jedoch keine eindeutige Abgrenzung zwischen ÖPRV und ÖPNV, weshalb beide Bereiche in dieser Arbeit unter dem Begriff des ÖPNV zusammengefasst werden.

Der MIV beschreibt die persönliche Nutzung von Mobilitätsprodukten wie PKWs und Motorrädern, wobei der Nutzer uneingeschränkt über die Nutzungszeiten und -wege entscheiden kann (Ingenieurgruppe IVV GmbH & Co. KG o.J.; Ackermann 2016:42). In dieser Arbeit dient der MIV als allgemeine Mobilitätsalternative zum ÖPNV und wird zur Bewertung der Forschungsfrage hinzugezogen.

2.2 Der ÖPNV in Deutschland

Der ÖPNV in Deutschland wird im Sinne des §8 Absatz 1 des Personenbeförderungsgesetzes definiert: „Öffentlicher Personennahverkehr […] ist die allgemein zugängliche Beförderung von Personen [..] im Linienverkehr, die überwiegend dazu bestimmt [ist], die Verkehrsnachfrage im Stadt-, Vorort- oder Regionalverkehr zu befriedigen. Das ist im Zweifel der Fall, wenn in der Mehrzahl der Beförderungsfälle eines Verkehrsmittels die gesamte Reiseweite 50 Kilometer oder die gesamte Reisezeit eine Stunde nicht übersteigt.“. Er wird rechtlich gegliedert in den Schienenpersonennahverkehr (SPNV) und den Straßenpersonennahverkehr (ÖSPV) (VDV o.J.a). Die Aufgabenträger des SPNV sind seit der Regionalisierung1 1996 die jeweiligen Länder (Ackermann 2016:70). Zur Erbringung des SPNV werden Eisenbahnverkehrsunternehmen wie die Deutsche Bahn AG oder auch private Unternehmen wie bspw. die hessische Landesbahn beauftragt (Randelhoff 2013). Die Verkehrsmittel des SPNV begrenzen sich laut §61 Absatz 1 Satz 5 des Schwerbehindertengesetzes hauptsächlich auf Regionalbahnen und S-Bahnen; diese werden auch als Züge des Nahverkehrs bezeichnet. Für den ÖSPV sind die jeweiligen Kreise und kreisfreien Städte verantwortlich (Ackermann 2016:43). Dieser umfasst den straßengebundenen Nahverkehr, d. h. Linienverkehr mithilfe von Straßenbahnen, Bussen, U-Bahnen und Sonderformen wie Schwebebahnen oder Seilbahnen (ebenda).

Um ein einheitliches Tarifsystem und abgestimmte Fahrpläne zu schaffen, wurden die einzelnen Gebietskörperschaften und Verkehrsunternehmen in einer Region zu Verkehrsverbünden zur Durchführung des ÖPNV zusammengeschlossen (Ackermann 2016:68–69). Diese rechtliche und organisatorische Kooperation integriert das SPNV- und ÖSPV-Angebot in einer Region und zentralisiert die Aufgaben unter einer rechtlich selbstständigen Gesellschaft (Kummer 2010:395). Neben Aufgaben wie der Erarbeitung eines Gemeinschaftstarifs, der Koordination des betrieblichen Leistungsangebots und der Fahrpläne, sind Verkehrsverbünde auch für Fahrgastinformationen über das Verkehrsangebot und das Verbundmarketing in der Region zuständig (Ackermann 2016:69). Das Ziel ist es, die Attraktivität der regionalen ÖPNV zu steigern, diese zu vermarkten und ein einheitliches Bild des jeweiligen Systems zu transportieren. Dadurch soll die Nutzung der verschiedenen Verkehrsangebote für Fahrgäste erleichtert werden (ebenda).

2.3 Marketing im ÖPNV

Das Ziel des allgemeinen Marketings für Unternehmen ist das Erkennen von Anspruchsgruppen und deren Wünsche, um möglichst viele Personen zum Kauf eines Produktes oder zur Nutzung einer Dienstleistung zu bewegen (Ackermann 2016:103). Durch das Erstellen und Kommunizieren von Nutzenwerten des Produkts oder der Dienstleistung soll der Umsatz des Unternehmens gesteigert werden (AMA 2013). Die Aufgaben des Marketings richten sich auf die Gewinnung neuer Kunden, die Festigung von bereits vorhandenen Kundenbeziehungen und die Vermeidung von Kundenrückgang bzw. der Rückgewinnung von Kunden (Meffert et al. 2018:259). Dies kann auch auf das Fahrgastmarketing im ÖPNV übertragen werden. Bereits Sterzenbach (2001:10) formulierte, dass im ÖPNV „[…] im Gegensatz zu vielen Bereichen der freien Wirtschaft, die Bedeutung des Marketings lange Zeit unterschätzt [wurde]“. Denn auch hier können durch passende Produkt-, Preis-, Distributions- und Kommunikationspolitik und einer Segmentierung des Markts nach Zielgruppen Erfolge erzielt werden. Mittel wie die klassische Werbung, das Direktmarketing und die zielgruppenspezifische Neukundengewinnung sind bereits bei den Verkehrsverbünden fester Bestandteil des operativen Verbundmarketings (Langweg 2009:59). Neben Merkmalen wie Alter, Erwerbsstatus oder PKW-Verfügbarkeiten können Zielgruppen auch anhand von Merkmalen wie Nutzungshäufigkeiten von Verkehrsmitteln oder auch anhand von verschiedenen Lebensphasen eingeteilt werden (Ackermann 2016:105). Grundsätzlich sollte bei der Einteilung jedoch beachtet werden, dass das Marktpotenzial der einzelnen Gruppen die zusätzlichen Kosten der segmentspezifische Marketingaktivitäten tragen können (Ackermann 2016:103). Eine erfolgsversprechende Zielgruppe für das ÖPNV-Marketing sind sogenannte Neubürger.

2.4 Grundlagen des Neubürgermarketings im ÖPNV

In der vorliegenden Arbeit werden Neubürger nach Anlehnung einer Definition des Statistischen Bundesamts (2018) charakterisiert: Personen, die in eine neue Stadt oder Gemeinde ziehen, über Gemeindegrenzen oder auch Bundesgrenzen hinweg. Unbeachtet bleiben in dieser Arbeit Umzüge innerhalb einer Gemeinde. Durch den Umzug in eine neue Stadt oder Gemeinde müssen Neubürger in meist kurzer Zeit zentrale Lebensbereiche neu organisieren und ihren Alltag neu strukturieren. Laut einer Statistik des Statistischen Bundesamts zeigen vor allem viele junge Menschen zwischen 18 und 20 Jahren eine hohe Wanderungsaktivität, da sie meist in dieser Zeit das Elternhaus verlassen, um in einer anderen Stadt zu studieren oder eine Ausbildung anzufangen (Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung o.J.). Mit dem Beginn der Erwerbstätigkeit wechseln diese Menschen dann erneut den Wohnort. Danach nimmt die Wanderungsintensität langsam ab (ebenda). Man kann also darauf schließen, dass der Auslöser für einen Umzug in eine andere Gemeinde oder Stadt meist der Wechsel des Arbeitsplatzes oder der Bildungseinrichtung ist. Genauere stadt- und wohnungsbezogene Aspekte werden meist erst während des Einzugs oder nur kurz danach geklärt (Langweg 2009:65). Diese Umbruchsituation bedeutet eine Neustrukturierung des Alltags und resultiert in einem hohen Informationsbedarf der Neubürger. Verfestigte Routinen werden durch einen Umzug aufgebrochen, neu aufgebaut und weiterentwickelt (Lanzendorf/ Tomfort 2010:63). Die hohe Empfänglichkeit für neue Informationen und für Handlungsalternativen grenzen sie von bereits ansässigen Bürgern der Stadt oder Gemeinde ab (IVM GmbH 2010). Neubürger müssen die Stadt oder Region kennenlernen und verschiedene Lebensbereiche werden je nach Priorität umorganisiert (Lanzendorf/ Tomfort 2010:63). So auch die Mobilität. Dadurch werden Neubürger vor allem bei den Verkehrsverbünden als wichtige Zielgruppe für Neukunden wahrgenommen.

Die Verkehrsmittelwahl der Menschen für eine alltägliche Ortsveränderung, bspw. der Weg zum Arbeitsplatz oder zur Bildungseinrichtung, wird mit einem sehr geringen kognitiven Aufwand betrieben (Langweg 2009:34). Das Verkehrsverhalten ist weitestgehend stabil und läuft nach einer alltäglichen Routine ab (ebenda). Oftmals verhindern Informationsdefizite über öffentliche Verkehrsangebote und zentrale Motivationsdefizite den Wechsel von Verkehrsmitteln (Langweg 2009:66–67). Das zumeist schlechte Image und das häufig als kompliziert wahrgenommene System des ÖPNV schreckt viele Menschen im Alltag ab, sich mit Informationen zu öffentlichen Verkehrsangeboten zu beschäftigen (Langweg 2009:68). Das Ausprobieren dieser Mobilitätsangebote erfordert eine hohe Motivation der Menschen (ebenda). Durch den Wohnortwechsel kommt es jedoch zu erheblichen Veränderungen in der Alltagsroutine, die auch eine Neuorganisation des Mobilitätsverhaltens mit sich bringen (Körber 2018). Deshalb stehen Neubürger meist auch umweltfreundlicheren Mobilitätsalternativen zum MIV offener gegenüber (VDC o.J.b). Verkehrsverbünde und Verkehrsunternehmen versuchen deshalb mithilfe eines gezielten ÖPNV-Marketings für Neubürger und verschiedenen Kommunikationsmaßnahmen Informations- und Motivationsdefizite abzubauen und eine Alternative zum eigenen Auto darzustellen. Die Schwierigkeit liegt hierbei darin, dass das Zeitfenster „Umzug“ sehr kurz ist. Den Aufgabenträgern des ÖPNV-Marketing bleibt daher nur wenig Zeit, Neubürger zu erreichen (VDC o.J.b). Verschiedene Handlungsmöglichkeiten des Neubürgermarketings im ÖPNV werden im folgenden Kapitel näher erläutert.

3 Maßnahmen des Neubürgermarketings im ÖPNV

3.1 Willkommenspakete für Neubürger

Durch den Umzug und dem damit verbundenen Neuaufbau von unterschiedlichen Lebensbereichen in der neuen Stadt oder Gemeinde sind Neubürger oftmals dazu gezwungen, Informationen über regionale und lokale Angebote selbstständig einzuholen (Langweg 2009:68). Viele Bereiche müssen sie sich selbst erschließen, was zu einem hohen Zeitaufwand führt (Nach Umzug rasch über lokale Mobilitätsangebote informieren 2016). Kommunen nutzen meist sogenannte „Willkommenspakete“ oder auch „Neubürgermappen“. Diese werden meist bei der Anmeldung im Einwohnermeldeamt der jeweiligen Stadt oder Gemeinde überreicht (Verbraucherzentrale 2015:18). Sie beinhalten oftmals Gutscheine und Informationen von verschiedenen Anbietern der Stadt oder Gemeinde, allgemeine Informationen über die nähere Umgebung und kleine Giveaways (NVBW o.J.:3). Neben kommerziellen Partnern können sich hier auch Verkehrsverbünde und Verkehrsunternehmen beteiligen. Beliebte Mittel sind hier die Beteiligung an einem Gutscheinheft mit einem Schnupperticket sowie die Bereitstellung von Broschüren über regionale Mobilitätsangebote oder Liniennetzpläne (VDV 2012:41). Da es sich hier meist um standardisierte Pakete bzw. Mappen handelt, ist die Beteiligung an einem derartigen „Willkommenspaket“ mit wenig Aufwand und geringen Kosten für die ÖPNV-Anbieter verbunden. Durch die breite Masse an Informationen von verschiedenen Anbietern werden die Pakete bzw. Mappen jedoch oftmals mehr als Werbemedium verstanden und weniger als Hilfestellung (VDV 2012:41). Informationen oder Gutscheine könnten somit untergehen.

3.2 Direktmarketing

Stattdessen greifen viele Aufgabenträger des ÖPNV zu einem eigenständigen ÖPNV-Marketing für Neubürger als Direktmarketing-Ansatz. Durch ein gezieltes und individuelles Marketing soll die Zielgruppe der Neubürger angesprochen und informiert werden und somit die Grundlage zur Neukundengewinnung und Kundenbindung geschaffen werden. Direktmarketing, auch Direktkommunikation genannt, bezeichnet die individuelle Kundenansprache mithilfe verschiedener Medien und Kommunikationsmittel mit dem Ziel, eine interaktive Beziehung zu dem Kunden herzustellen (Wirtz 2009:11–13). Über verschiedene Kommunikationskanäle können bei dem Neubürgermarketing standardisierte oder auch individuell auf die Zielperson zugeschnittene Informationen übermittelt und Anreize zum Ausprobieren neuer Mobilitätsalternativen geschaffen werden. Der einfachste und schnellste Kommunikationsweg stellt dabei die digitale Informationsbereitstellung über den Internetauftritt dar. ÖPNV-Anbieter und Kommunen können hier sehr kostengünstig und mit geringem Aufwand eigene Rubriken für Neubürger auf der eigenen Website oder in sozialen Netzwerken errichten und Informationen allein für bestimmte Zielgruppen darstellen (NVBW o.J.:4). Im vierten Kapitel dieser Arbeit werden weitere Möglichkeiten des digitalen Auftrittes der Verkehrsanbieter für Neubürger anhand des praktischen Beispiels des MVG näher erläutert.

3.2.1 Neubürgerpakete

Eine weitere Möglichkeit Informationen über ÖPNV-Angebote mit Neubürgern zu teilen, ist die Übergabe von Neubürgerpaketen. Ob diese wie das „Willkommenspaket“ der Kommunen persönlich bei der Anmeldung im Einwohnermeldeamt bzw. Bürgerbüro oder unpersönlich per Post verschickt werden, hängt von den Kapazitäten der Einwohnermeldeämter und den Präferenzen der Aufgabenträger ab. Die persönliche Übergabe bietet den Vorteil, dass Neubürger einen ersten persönlichen Kontakt und eine persönliche Begrüßung der Stadt erfahren können (Langweg 2009:70). Die Zusendung per Post hingegen bietet die Möglichkeit, individualisierte Pakete zu versenden, welche die Neubürger in privater Umgebung und Zeit öffnen können (ebenda). Der Inhalt könnte hier an den neuen Wohnort oder auch an das Geschlecht oder Alter angepasst werden. Beliebte Artikel in solchen Neubürgerpaketen, ob nun individuelle oder standardisierte Pakete, sind Broschüren über verschiedene Verkehrsmittel, allgemeine Informationen über den Verkehrsverbund, Fahrpläne, Städtepläne oder Materialen zur multi- und intermodalen Mobilität im jeweiligen Verkehrsnetz. Auch kleine gebrandete Giveaways sollen die Verkehrsverbünde bei den Neubürgern als wiedererkennbare Marke etablieren und somit Qualität und Vertrauen vermitteln (Ackermann 2016:447).

3.2.2 Schnuppertickets und Schnupperangebote

Um die Hemmschwelle zur Nutzung des ÖPNV bei den Neubürgern zu senken, enthalten viele Neubürgerpakete sogenannte Schnuppertickets. Schnuppertickets dienen als Anreiz zum Testen der Verkehrsmittel des ÖPNV für Neubürger. Schnuppertickets sind Probetickets, die eine kostenfreie Nutzung des ÖPNV über eine gewisse Zeit ermöglichen (Loose 2004:1). Diese können entweder direkt in den Willkommens- oder Neubürgerpaketen enthalten sein, über Gutscheine ausgegeben oder online bestellt werden (Langweg 2009:75; NVBW o.J.:4). Neben diesen klassischen Schnuppertickets sind auch Individualisierungen nach den Bedürfnissen der verschiedenen Neubürger möglich. Für Neubürger, die aufgrund einer Bildungseinrichtung den Wohnort gewechselt haben, wird oftmals ein Semesterticket bereitgestellt (HNV 2018). Für Berufspendler ein sogenanntes Jobticket (ebenda). Durch Vereinbarungen zwischen den ÖPNV-Anbietern und den jeweiligen Bildungseinrichtungen oder Arbeitgebern bringen diese Tickets den Vorteil, dass sie meist nach Ablauf einer kostenlosen Testphase zu einem vergünstigten Tarif weitergeführt werden können (HNV 2018). Dies soll einen finanziellen Vorteil gegenüber dem MIV erzeugen und Pendler zum Umsteigen auf öffentliche Angebote bewegen (ebenda). Auch besondere Vergünstigungen von klassischen Monats- und Jahreskarten können Neubürgern als Anreiz dienen, den ÖPNV nach der Schnupperticket-Testphase zu nutzen. Bereits 2018 wurden Schnupperangebote wie das sogenannte 365-Euro-Jahresticket für Neukunden des ÖPNV in verschiedenen Städten Deutschlands thematisiert (DPA 2018). Nach dem Vorbild der österreichischen Hauptstadt Wien können auch deutsche Neubürger in einigen Städten bereits für einen Euro pro Tag das ganze Jahr alle Verkehrsmittel des ÖPNV nutzen und ausprobieren (Münch 2019). Ziel ist es, vor allem alltägliche Autofahrten einzusparen und Kunden längerfristig an den ÖPNV zu binden (VDC o.J.b).

[...]


1 Das Regionalisierungsgesetz (RegG) von 1996 bezeichnet eine Bahnreform in Deutschland und gilt als Grundlage der Organisation des ÖPNV (VDV o.J.b). Neben der Verteilung der Finanzmittel des SPNV wurden hier auch die Bundesländer als Aufgabenträger festgelegt. Vor 1996 lag die Verantwortung auf Bundesebene (ebenda).

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Möglichkeiten und Grenzen eines "Neubürgermarketing" im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV)
Hochschule
Hochschule Worms
Veranstaltung
Verkehrsträgermanagement
Note
2,0
Jahr
2019
Seiten
28
Katalognummer
V958325
ISBN (eBook)
9783346302144
ISBN (Buch)
9783346302151
Sprache
Deutsch
Schlagworte
möglichkeiten, grenzen, neubürgermarketing, personennahverkehr, öpnv
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Möglichkeiten und Grenzen eines "Neubürgermarketing" im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/958325

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