Kalter Krieg im Netz. Die Position der NATO in einem neuen Wettrüsten


Hausarbeit, 2020

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Realismus, Wettrüsten und Balance of Terror
2.1 Realistische Schule und Balance of Power
2.2 Wettrüsten
2.3 Nuklearwaffenpolitik und Balance of Terror
2.4 Zwischenfazit

3. Vergleichbarkeit von Nuklearwaffen und Cyberwaffen
3.1 Cyberspace
3.2 Zerstörungskraft
3.3 Verteidigungsmöglichkeiten
3.4 Zählbarkeit
3.5 Potential zur Abschreckung
3.6 Zwischenfazit

4. Nuklear vs. Cyber? Das Problem der Anonymität

5. Fazit: Die Spirale dreht sich

6. Literaturverzeichnis

7. Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

In diversen Publikationen, die sich der Thematik des Cyberwars widmen, wird das Aufkommen eines Wettrüstens postuliert (vgl. Polli 2012: X, Bendiek et al. 2013: 6, Altmann 2019: 87). Begründet werden diese Vorhersagen nicht. Es stellt sich somit die Frage, ob ein Wettrüsten im Cyberbereich tatsächlich zu erwarten ist. Droht ein neuer Kalter Krieg im Internet? Weit her­geholt ist diese Vermutung nicht: Schon in der Vergangenheit hatte technologischer Fortschritt oftmals destabilisierende Wirkungen (vgl. Gassert 2019: 14). Oder werden hier vielleicht doch nur grundlos „Pferde scheu gemacht“? Für die NATO hat das Thema höchste Relevanz, das Gefahrenpotential von Cyberangriffen wird hoch eingestuft: „Cyber threats to the security of the Alliance are becoming more frequent, complex, destructive and coercive. [...] The Alliance needs to be prepared to defend its networks and operations against the growing sophistication of the cyber threats and attacks it faces.” (NATO 2019a: Abs. 1). Damit die NATO Strategien für den zukünftigen Umgang mit Cyberwaffen entwickeln kann, ist es relevant, dass sie zu­nächst Ihre gegenwärtige Position evaluiert. Somit stellen sich die beiden Forschungsfragen: „Droht die Gefahr eines neuen Wettrüstens von Cyberwaffen, vergleichbar mit dem Wettrüsten im Kalten Krieg? Falls ja, in welcher Position befindet sich die NATO hierbei?“

Da das Konzept des Wettrüstens der realistischen Schule entspringt, so wird auch die vorlie­gende Arbeit auf die realistischen Konzepte der Balance of Power und des Sicherheitsdilemmas zurückgreifen. Außerdem hat sich durch die Entwicklung von Nuklearwaffen eine besondere Form der Balance of Power herausgebildet: die Balance of Terror, welche zu einem extremen Ausmaß von Wettrüsten geführt hat. Cyberwaffen haben augenscheinlich einige Eigenschaften mit Nuklearwaffen gemeinsam. So ist weitgehend bekannt, dass auch Cyberwaffen zivile Inf­rastrukturen (mithilfe von Schadsoftware) in großem Maß zerstören können, und dass Cyber­waffen ähnlich wie Nuklearwaffen nur schwierig abzuwehren sind. Wir wollen deshalb unter­suchen, ob Cyberwaffen tatsächlich ähnliche Eigenschaften wie Nuklearwaffen besitzen. Stellt sich dies als zutreffend heraus, so ist bei Cyberwaffen mit einem Wettrüsten zu rechnen, das ähnliche Ausmaße wie im Kalten Krieg annehmen würde. Zur Überprüfung dieser Vermutung folgt nach der Darstellung der theoretischen Grundlagen ein Vergleich zwischen den Eigen­schaften von Nuklear- und Cyberwaffen. Anschließend wird ermittelt, inwieweit sich nukleare Abschreckung nutzen lässt, um Cyberangriffe zu verhindern - in diesem Fall würde eine Auf­rüstung von Cyberwaffen auch eine Aufrüstung von Nuklearwaffen nach sich ziehen. Im Fazit wird untersucht, welche Strategie die NATO aktuell konkret verfolgt. Außerdem werden Schlussfolgerungen aus den Ergebnissen der Arbeit gezogen und die Forschungsfrage abschlie­ßend beantwortet.

Existierende Arbeiten, die sich dem Vergleich der Eigenschaften von Cyber- und Nuklarwaffen widmen, sind dem Autor nicht bekannt. Richard A. Clarke und Robert K. Knake haben aller­dings bereits untersucht, ob sich bewährte Strategien im Umgang mit Nuklearwaffen auf Cy­berwaffen übertragen lassen (siehe Clarke et al. 2011: 229-273). Ihre Erkenntnisse werden in die vorliegende Arbeit mit einfließen.

2. Realismus, Wettrüsten und Balance of Terror

In diesem Kapitel werden zunächst die Grundzüge der realistischen Schule erläutert. Der Fokus liegt anschließend auf dem Konzept der Balance of Power, da diese die Grundlage für das so­genannte Wettrüsten darstellt. Andere Aspekte des Realismus, die für die Forschungsfrage nicht relevant sind, werden hierbei nicht erläutert.

Nachdem geklärt ist, wie ein Wettrüsten genau entsteht, wird die besondere Position der Nuk­learwaffen hierbei im Unterkapitel zur Balance of Terror nachgewiesen. Im Zwischenfazit wird abschließend erläutert, wieso die genauere Betrachtung von Nuklearwaffen notwendig ist, um ein zukünftiges Wettrüsten im Cyberbereich nachweisen zu können.

2.1 Realistische Schule und Balance of Power

Die realistische Schule der Internationalen Beziehungen entstand in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ihr prominentester Vertreter ist Hans J. Morgenthau, der liberale Theoretiker als zu optimistisch betrachtete und ihnen ein illusionäres Menschenbild unterstellte. Das Erkennt­nisinteresse teilte er allerdings mit ihnen: Wie kann Krieg zwischen Staaten verhindert werden? (vgl. Masala 2017: 143f.).

Laut Morgenthau hat der Mensch eine unveränderliche, egoistische Natur (vgl. Masala 2017: 145f.). Diese führe wiederum zu einer „Lust for Power“ (Morgenthau 1962: 8) und zu Wettbe­werb und Krieg auf Ebene der Politik (vgl. Masala 2017: 146), denn der Trieb zur Macht auf der individuellen Ebene überträgt sich auch auf staatliche Kollektive (vgl. Müller et al. 2006: 60, Masala 2017: 146). Das wichtige (Mess-)Instrument von Macht ist die militärische Kapa­zität. Die Kosten, die durch Rüstung entstehen, sind irrelevant. Nur der Ausbau der Macht zählt (vgl. Müller et al. 2006: 60). Bei der Verfolgung dieses Ziels handeln die Staaten rational, und wählen unter den (durch ihre Ressourcen ermöglichten) Handlungsalternativen stets diejenige aus, bei der ihnen der Nutzen am größten erscheint (vgl. Brummer et al. 2018: 22, Masala 2017: 151). Dem „Hunger nach Macht“ kann auf internationaler Ebene besonders gut nachgegangen werden, weil auf internationaler Ebene Anarchie herrscht, es existiert keine hemmende Autori­tät (Masala 2017: 147).

Diesen systemischen Aspekt hebt auch der „Neorealismus“ von Kenneth N. Waltz hervor, wo­bei hier allerdings nicht Machtmaximierung, sondern pures Überleben das zentrale Interesse von Staaten darstellt (vgl. Müller et al. 2006: 60f., Masala 2017: 151). Der Wille zum ständigen Machtausbau (und damit zur Aufrüstung) bleibt: In der Anarchie herrscht Unsicherheit über die Intentionen anderer Staaten (vgl. Müller et al. 2006: 61, 222). Wirkliche Sicherheit kann nur innerhalb von Staaten genossen werden (wegen dem Vorhandensein einer Ordnungsmacht). Sicherheit außerhalb des Staates sowie zwischen den Staaten ist nicht existent. Diesen Um­stand, dass die Bildung von sicherheitsgewährenden Staaten automatisch zu Unsicherheit und somit zu einem „Sicherheitsdilemma“ führt, beschrieb schon Thomas Hobbes (vgl. Jackson et al.: 2016: 69). Aus der Unsicherheit folgt: „Weil Staaten immer damit rechnen müssen, dass der Rivale heimlich aufrüstet oder die eigene Schwäche ausnutzt, bietet nur die optimale eigene Rüstung verlässlichen Schutz“ (ebd.). Die von den Staaten erwünschte Sicherheit lässt sich also nur durch Machtakkumulation herbeiführen (vgl. Masala 2017: 157).

Begrenzt wird exzessive Machtpolitik nach Morgenthau durch die Balance of Power 1 (vgl. Masala 2017: 147). Gemeint ist damit, dass Staaten stetig versuchen, den Status Quo der Macht­verteilung zu halten oder zu übertreffen, und sich somit gegenseitig ausbalancieren (vgl. Mor- genthau 1963: 145). Weil Macht nur durch Gegenmacht eingeschränkt werden kann, sorgt die Balance of Power für Stabilisierung (vgl. Morgenthau 1963: 147, Masala 2017: 147). Auch für Waltz stellt die Balance of Power eine Alternative zur Weltregierung dar und wirkt kriegshem­mend (vgl. Masala 2017: 164). Für Realisten ist die Balance of Power also erstrebenswert (vgl. Jackson et al.: 2016: 72). Beispielsweise wird angeführt, dass sie „die Hegemonie eines einzel­nen, übermächtigen Staates immer wieder verhindert hat“ (Herz 1974a: 57) und somit die Viel­falt unabhängiger Staaten sicherstellt (vgl. ebd.). Krieg ist in einem anarchischen System aber trotz einer Balance of Power stets möglich (vgl. Jackson et al. 2016: 76).

Kritisiert wird am (Neo-)Realismus beispielsweise, dass wichtige Faktoren wie nichtstaatliche Akteure, Völkerrecht und Kooperationsfähigkeit bei der Betrachtung der internationalen Politik nicht berücksichtigt werden (vgl. Jackson et al. 2016: 87). Auch die Kategorie des Vertrauens bleibt ungenannt (vgl. Müller et al. 2006: 222). Wieso etwa die Bedrohung durch französische Atomwaffen von den USA anders als die von russischen bewertet wird, kann aus realistischer Sicht nicht erklärt werden.

2.2 Wettrüsten

Wie führt das Konzept der Balance of Power nun zu der Rüstungsspirale, die wir gemeinhin als Wettrüsten bezeichnen? Der Schlüssel hierzu liegt grundsätzlich in dem „Aktions-Reaktions­Schema“:

„Zwei Staaten, die sich in einem politischen Konflikt gegenüberstehen, miteinander rivalisieren oder nur einfach ein unterschwelliges Misstrauen gegeneinander hegen, beobachten sorgfältig die Verteidigungspolitik des je­weils anderen. Auf rüstungspolitische Entscheidungen des Gegenübers wird sofort reagiert: Auch nicht die kleinste Überlegenheit des Rivalen wird zugelassen, sondern mindestens Gleichstand, besser aber noch ein eige­ner Vorteil angestrebt. Gegnerische Rüstungsprojekte werden also automatisch mit eigenen Rüstungsprojekten gekontert. Es entsteht ein Kreislauf von Aktion und Reaktion [Hervorhebung i. O.], bei der jede Reaktion eines Handlungskreises zur einleitenden Aktion des nächsten wird“ (Müller et al. 2006: 39).

Ähnlich argumentiert John H. Herz bei seiner Weiterentwicklung des bereits erwähnten Sicher­heitsdilemmas: Weil die Staaten in der Anarchie leben, müssen sie stets Angriffe von anderen Staaten fürchten. Weil sie nach Sicherheit streben sind sie gezwungen, immer mehr Macht zu akkumulieren (also zu rüsten), um der Macht der anderen begegnen zu können. Dies wiederum führt zu Unsicherheit und Angst bei den anderen Staaten, die dann wiederum aufrüsten (vgl. Herz 1974b: 39): „Da sich in einer Welt derart konkurrierender Einheiten niemand je ganz si­cher fühlen kann, ergibt sich ein Wettlauf um die Macht, und der Teufelskreis von Sicherheits­bedürfnis und Machtanhäufung schließt sich“ (ebd.).

Eine Abrüstung wird verhindert durch das „Gefangenen-Dilemma“. Aus diesem ergibt sich, dass unilaterale Abrüstung den Staaten keinen Vorteil bringen würde, für einen Vorteil müssten beide Staaten abrüsten. Aufgrund der mangelnden Sicherheit und Transparenz kann sich der einzelne Staat aber nicht darauf verlassen, dass der andere die Abrüstung auch wirklich voll­zieht. Weil Unterlegenheit am unsichersten wäre, ist Rüsten die „dominante Strategie“ (vgl. Müller et al. 2006: 44).2

Den Logiken von der Balance of Power und dem Wettrüsten widerspricht allerdings die Tatsa­che, dass es am Ende des kalten Krieges tatsächlich zu Entspannungspolitik, Abrüstung und der Etablierung von Waffenkontrollverträgen kam. Der bereits erwähnte Faktor des Vertrauens spielte hierbei eine große Rolle (vgl. Dülffer 2015: 171). Bis zum Beginn der Entspannung erwiesen sich die rationalistischen Annahmen des Realismus allerdings als durchaus zutreffend.

2.3 Nuklearwaffenpolitik und Balance of Terror

Der ehemalige nationale Sicherheitsberater und Außenminister der USA Henry Kissinger gilt als klassischer Realist (vgl. Jackson et al. 2016: 88), insbesondere die Theorie der Balance of Power hat ihn stark beeinflusst (vgl. Simowitz 1982: 3). Es ist deshalb anzunehmen, dass Mor- genthaus Thesen einen starken Einfluss auf die amerikanische Nuklearwaffenpolitik während des kalten Krieges hatten. Die Logik des Gefangenendilemmas lässt sich außerdem gut mit der Einführung der Mehrfachsprengköpfe bei Atomraketen nachvollziehen: Ein gemeinsamer Ver­zicht hätte USA und UdSSR viel Geld gespart, aber durch Unsicherheit und mangelnde Trans­parenz wäre das Risiko eines einseitigen Verzichts und somit großer strategischer Unterlegen­heit zu groß gewesen (vgl. Müller et al. 2006: 47).3

Vor allem aber haben Nuklearwaffen zu einer speziellen Form der Balance of Power geführt: der Balance of Terror. Diese Bezeichnung wurde erstmals Anfang der 1950er Jahre von Wins­ton Churchill genutzt, nachdem die Sowjetunion Thermonuklearwaffen entwickelt hatte (vgl. Snyder 1965: 184). Während das Aufeinandertreffen von konventionellen Streitkräften in der Vergangenheit eine valide Option war, um die Kräfte zu messen und eine Balance wiederher­zustellen (vgl. Snyder 1965: 191), so ist ein Aufeinandertreffen von Nuklearwaffen keinesfalls wünschenswert. Schon Morgenthau selbst schrieb, dass durch die Existenz von Nuklearwaffen Krieg kein rationales Mittel der Außenpolitik mehr sei (vgl. Morgenthau 1946: 156).

In der neuen Balance of Terror kann der Status Quo nur durch politischen Zwang geändert werden, genauer gesagt durch Erpressung (vgl. Snyder 1965: 189): „that is, by a process of blackmail supported by the threat of severe punishment“ (ebd.). Ein Gleichgewicht herrscht, wenn die Abschreckung, also das Erpressungspotential beider Seiten, gleich groß ist. Hierbei ist allerdings nicht die rein quantitative Anzahl von Raketen und Bomben entscheidend. Viel­mehr geht es darum, wie viel Schaden die Widersacher jeweils zu akzeptieren bereit sind (vgl. ebd.).

“Thus, in contrast to the old balance of power, in which the state of the equilibrium could be objectively - if roughly- determined by the uninvolved observer, such an observer can only intuitively guess at equilibrium in the balance of terror, since it depends principally on whether the gains to be made or losses to be avoided by striking first are less than the costs to be incurred - all as subjectively valued in the minds of the decisionmak­ers” (ebd.).

Die einzelnen Staaten wissen zwar, wie hoch ihre Toleranz für Schaden im eigenen Land ist, aber die Einstellung ihres Gegners können sie nur erraten. Die Einschätzung, ob ein Gleichgewicht überhaupt existiert, ist also ein „guessing game (vgl. ebd.). Somit kann es auch sehr unterschiedliche Ansichten darüber geben, ob ein Gleichgewicht gerade vorhanden ist oder nicht - etwa, wenn die amerikanischen Atomraketen zahlenmäßig zwar (schätzungs­weise) mehr sind, die Opferbereitschaft der Sowjets aber höher als die der Amerikaner einge­schätzt wird.

2.4 Zwischenfazit

Wie gezeigt wurde, hat das Konzept der Balance of Power sich in besonderer Weise in der Nuklearwaffenpolitik manifestiert: Die speziellen Charakteristika der Nuklearwaffen, insbe­sondere ihre immense Zerstörungskraft, führten zu einer Balance of Terror. In dieser geht es nicht darum, welcher Staat einen anderen bei einem Konflikt besiegen und sein Land erobern könnte, sondern darum, wer dem anderen mehr Schaden zufügen kann als dieser (vermeidlich) zu tolerieren bereit ist. Weil ein tatsächliches Aufeinandertreffen von Nuklearwaffen nicht wünschenswert ist, so zählt das Erpressungspotential von Nuklearwaffen.

Nicht nur die konkrete Rüstungssituation des Gegners ist undurchsichtig, sondern auch seine Schadenstoleranz. Diese starke Unsicherheit führt zu einem umso stärkeren Wettrüsten: Da man nie sicher sein kann, wie viel der Gegner „einzustecken“ bereit ist, ist es sicherer, die Abschreckungskapazität möglichst weit auszubauen. Es ist somit fragwürdig, ob es hier wirk­lich noch um die Herstellung eines Gleichgewichts geht. Eher lässt sich von einem Wettrüsten „ins Unendliche“ sprechen.

Wenn also Cyberwaffen ähnliche Eigenschaften wie Nuklearwaffen aufweisen, so lässt sich hier ebenfalls ein Wettrüsten erwarten, das die gleichen Ausmaße wie das des Kalten Krieges annehmen wird. Aus diesem Grund wird im nächsten Kapitel untersucht, inwieweit sich Cyber- und Nuklearwaffen einander ähneln.

3. Vergleichbarkeit von Nuklearwaffen und Cyberwaffen

Herkömmliche Waffen, so auch Nuklearwaffen, können sich entweder in der Luft, auf dem Boden oder im Wasser befinden. Cyberwaffen jedoch können in einer völlig neuen Dimension operieren. Diese soll im ersten Unterkapitel vorgestellt werden, zu diesem Zweck erfolgt eine kurze Erläuterung der Begriffe Cyberspace, Cyber Security und der Arten von Cyberwaffen. Anschließend werden Nuklear- und Cyberwaffen anhand verschiedener Merkmale verglichen, die besonders zur Bildung einer Balance of Terror führen. Hierfür wurden die Bereiche Zerstörungskraft, Verteidigungsmöglichkeiten, Zählbarkeit und das Potential zur Abschre­ckung bzw. zur Vergeltung konventioneller Angriffe ausgewählt.

Bei der folgenden Untersuchung werden ausschließlich die sogenannten „strategischen“ Nuk­learwaffen betrachtet. Diese können große Strecken zurücklegen und haben das Potential, große Teile der gegnerischen Infrastruktur zu zerstören. „Taktische“ Nuklearwaffen (auch Gefechts­feldwaffen genannt, vgl. Krell 1982: 45) dagegen haben kürzere Reichweiten und sind für die direkte Verwendung gegen gegnerische Truppen auf dem Schlachtfeld konstruiert (vgl. Woolf 2019: 3). Da ihr Drohpotential und somit ihre Bedeutung im Wettrüsten deutlich geringer ist als bei strategischen Waffen, sind sie für die vorliegende Arbeit weniger relevant. Bestimmte technische Besonderheiten, wie etwa der Unterschied zwischen Trägerraketen mit Fest- oder Flüssigtreibstoff, sind für die Beantwortung der Forschungsfrage ebenfalls nicht ausschlagge­bend.

Auch Cyberwaffen lassen sich in „taktisch“ und „strategisch“ einordnen. Eine taktische An­wendung wäre es beispielsweise, wenn mithilfe von Cyberwaffen die Kommunikation (und somit die Koordination) von Militäreinheiten gestört wird (vgl. Betz et al. 2011: 94) oder ab­sichtlich falsche Befehle übermittelt werden (vgl. Betz et al. 2011: 149). Strategisch sollen hier Cyberwaffen genannt werden, die große Teile der feindlichen Infrastruktur angreifen und somit potentiell auch viele zivile Todesfälle herbeiführen können. Auch hier wird sich die vorliegende Arbeit auf die strategischen Waffen konzentrieren.

Nachdem die Charakteristika beider Waffenarten untersucht wurden, wird ein Resümee über Gemeinsamkeiten und Unterschiede sowie die zugehörigen Schlussfolgerungen gezogen.

3.1 Cyberspace

„Der Cyberspace umfasst sämtliche Computernetze der Welt und alles, was sie steuern und miteinander verbin­den. Er ist nicht auf das Internet beschränkt. [...] Aus jedem an das Internet angeschlossene Netz sollte es mög­lich sein, mit jedem Computer zu kommunizieren, der an irgendein anderes Netz im Internet angeschlossen ist.

Der Cyberspace beinhaltet das Internet zuzüglich [Hervorhebung i.O.] vieler weiterer Computernetze, die eigent­lich nicht vom Internet aus zugänglich sein sollten“ (Clarke et al. 2011: 103).

Der Begriff „Cyber Security“ bezeichnet den Schutzstand all dieser Objekte, die im virtuellen Raum verknüpft sind. Dazu zählen Computer und andere von Prozessoren gesteuerte Geräte (Hardware), ihre Software, Netzwerkgeräte und Leitungen, und die in den Computern archi­vierten Daten. Angriffsmöglichkeiten ergeben sich durch organisatorische Mängel, fehlerhafte Hard- und Software sowie Nutzerfehler („menschliches Versagen“) (vgl. Unger 2011: 189). Um diese Schwachpunkte ausnutzen und sich dagegen verteidigen zu können, existieren grund­sätzlich drei Arten von Cyberwaffen (vgl. Heickerö 2013: 26f.):

- Computer Network Exploitation. Hier geht es um das Ausspähen der gegnerischen Sys­teme und das Vorbereiten von Angriffen.
- Computer Network Attacks: Nach der erfolgreichen Exploitation ist ein Angriff mög­lich. Diese Angriffe können sehr unterschiedliche Formen annehmen, etwa das Stören der gegnerischen Informationsübermittlung oder die Zerstörung seines Equipments. Es können aber auch nur unauffällig Daten kopiert werden.
- Computer Network Defence: Hier geht es darum, die eigenen Systeme, Netzwerke und Software vor gegnerischen Eingriffen zu schützen.

3.2 Zerstörungskraft

Das prägnanteste Charakteristikum von Nuklearwaffen ist deren „überdimensionale Zerstö­rungskraft“ (Miksche 1972: 17). Diese Zerstörungskraft ergibt sich aus der Freisetzung von Druckwelle, Hitze, radioaktiver Strahlung und elektromagnetischem Impuls, die bei der Deto­nation entstehen. Heutige Nuklearwaffen haben ein immens höheres Zerstörungspotential als die Bomben, die von den USA gegen Japan eingesetzt wurden: Während die auf Hiroshima abgeworfene Bombe „Little Boy“ eine Sprengkraft hatte, die in etwa äquivalent zu 15 Kiloton­nen TNT ist, so können moderne Sprengköpfe Energien im Megatonnenbereich freisetzen (vgl. Sauer 2017: 925).4 Dadurch ist es möglich, ganze Großstädte mit einer einzigen Bombe zu vernichten. Je nach Windrichtung- und Stärke werden außerdem große Landstriche radioaktiv verstrahlt. Jede einzelne Nuklearwaffe hat das Potential, mehrere hunderttausend Menschen zu töten.

Das Zerstörungspotential von Cyberwaffen ergibt sich aus deren Fähigkeit, sogenannte „kriti­sche Infrastruktur“ zu attackieren. Zu dieser Infrastruktur zählen beispielsweise Banken und Finanzinstitute, Telekommunikationssysteme oder Stromnetze (vgl. Heickerö 2013: 25) sowie Transportnetzwerke, Kraftstoffversorgung, Notdienste, Sozialdienste, Justiz und Gesundheits­dienstleitungen (vgl. Lukasik et al. 2003: 5). All diese Sektoren sind stark von Computern und deren Vernetzung abhängig (ebd.). Die verschiedenen Systeme untereinander sind interdepen­dent, schon die kleinste Störung eines Systems kann sich sehr schnell auf andere Systeme aus­weiten. (vgl. Lukasik et al. 2003: 7, Petermann et al. 2011: 34, Heickerö 2013: 25).

[...]


1 Die Grundidee der Balance of Power existiert schon äußerst lange, angefangen bei dem indischen Philosophen Kautilya ca. 300 v. Chr. (vgl. Seabury 1965: 7).

2 Für eine genaue Erläuterung des Gefangenendilemmas siehe Müller et al. 2006: 40-46.

3 Die Rüstungsdynamik im kalten Krieg kann auch als „Chicken Game“ betrachtet werden. Hierbei handelt es sich um eine Abwandlung des Gefangenendilemmas. Siehe Müller et al. 2006: 47-51.

4 Die Zerstörungskraft von Nuklearwaffen wird auf der Website https://nuclearsecrecy.com/nukemap/ sehr an­schaulich dargestellt. Hier kann der Nutzer eine virtuelle Nuklearwaffe in einer beliebigen Stadt detonieren lassen, verschiedene Waffen stehen zur Auswahl. Die Radien von Strahlung, Feuerball, Druckwelle und Hitze werden grafisch dargestellt, ebenso Opferzahlen und die Ausbreitung des Fallouts.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Kalter Krieg im Netz. Die Position der NATO in einem neuen Wettrüsten
Hochschule
Universität Trier  (Fachbereich III Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Aufgaben, Strukturen, Probleme Internationaler Organisationen: Die NATO
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
24
Katalognummer
V958374
ISBN (eBook)
9783346298768
ISBN (Buch)
9783346298775
Sprache
Deutsch
Schlagworte
NATO Cyber Warfare Wettrüsten Realismus Militär Kalter Krieg USA China
Arbeit zitieren
Matthias Hartig (Autor:in), 2020, Kalter Krieg im Netz. Die Position der NATO in einem neuen Wettrüsten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/958374

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