Der tragische Konflikt in Voltaires Drama "Zaïre". Kritik am Christentum?


Hausarbeit, 2012

14 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Figurenkonstellation

3 Entwicklung des Konflikts
3.1 Religion
3.2 Religion und Liebe

4 Katalysatoren für die Katastrophe

5 Voltaires Kritik

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Sekundärliteratur

1 Einleitung

Mit dem im Jahr 1732 verfassten Drama Zaïre gelang Voltaire eine Tragödie der Eifersucht, die bei der Uraufführung großen Beifall fand. Er wollte in einer einzigen Geschichte „l’honneur, la naissance, la patrie, la religion“ und „l’amour le plus tendre et le plus malheureux; les mœurs des mahométans et celles des chrétiens“1 kontrastieren, was ihm eindeutig gelungen ist. Es ist sehr interessant zu beobachten, wie er die soeben genannten Aspekte miteinander verknüpft und daraus einen Konflikt entstehen lässt.

In der vorliegenden Arbeit möchte ich die Entwicklung des tragischen Konflikts in Voltaires Werk Zaïre unter dem Aspekt der Figurenkonstellation betrachten. Dazu erstelle ich zunächst eine schematische Übersicht der Figuren mit entsprechender Erläuterung. Anschließend werde ich die bestehenden Konflikte im Werk untersuchen. Hierbei muss unterschieden werden zwischen dem Konflikt der Religionen und dem Konflikt von Liebe und Religion, in den die Figur Zaïre verwickelt ist. Zum Schluss möchte ich auf die Frage antworten, ob die Figurenkonstellation bloß ein strukturelles Mittel darstellt, um eine dramatische Entwicklung herbeizuführen oder ob diese gezielt Kritik an den Religionen ausüben soll.

Auf die Gefängnismetapher, welche einen weiteren interessanten Aspekt im Hinblick auf die Entwicklung des Konflikts und Voltaires Kritik darstellt, werde ich nicht eingehen, da dies den Rahmen der Arbeit sprengen würde. Gefängnismetapher sowie Raumsemantik stellen ein mögliches Thema für eine weitere Arbeit dar.

2 Figurenkonstellation

Das Stück spielt im Jerusalem des 13. Jahrhunderts, in dem wir zwei gegensätzliche Räume vorliegen haben. Auf der einen Seite haben wir den Palast des Sultans Orosmane, der als aufgeklärter und großzügiger Herrscher charakterisiert wird; auf der anderen Seite die gefangenen Christen im Harem. Der Palast ist ein christenfreier Ort, nur Muslime erhalten Zutritt. Dies wird direkt in Akt I deutlich, wenn Corasmin, der Vertraute des Sultans, sagt: „Seigneur, je n’ai pas cru qu’aux regards de son maître, / Dans ces augustes lieux, un chrétien pût paraître“2.

Der Harem des Palastes ist im Gegensatz dazu ein Ort der Christen, die dort gefangen gehalten werden. Zu ihnen gehören Lusignan, der spirituelle Führer der Christen und damit religiöser Feind von Orosmane, Nérestan, der tapfere Ritter, Zaïre, die Geliebte des Sultans, sowie Fatime, deren Vertraute. Im Laufe der Handlung erfahren wir, dass Nérestan und Zaïre Geschwister sind, die in Lusignan ihren Vater erkennen.

Zaïre steht zwischen den beiden Räumen und damit zwischen den Religionen; sie sieht sich als geborene Christin, fühlt sich aber mehr als Muslimin, da sie deren Religion während der langjährigen Gefangenschaft adaptiert hat. Die Figurenkonstellation ist im Folgenden noch einmal grafisch dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3 Entwicklung des Konflikts

3.1 Religion

Bereits in I,1 wird deutlich, dass Voltaire in Fatime und Zaïre zwei Figuren geschaffen hat, die gänzlich gegensätzliche Wertvorstellungen haben. Fatime ist sehr verwundert über den freudigen Gemütszustand von Zaïre, da sie selbst das Leben als Gefangene als karg und streng empfindet und in die Freiheit nach Frankreich zurückkehren möchte. Zaïre hingegen kennt nur den Harem des Sultans, da sie dort aufgewachsen ist. Sie zeigt keine Sehnsucht nach Frankreich, da sie dort nicht ihre Heimat findet.

Ne soupirez-vous plus pour cette liberté? Le sérail d’un soudan, sa triste austérité, Ce nom d’esclave enfin, n’ont-ils rien qui vous gêne? Préférez-vous Solyme aux rives de la Seine? On ne peut désirer ce qu’on ne connaît pas. Sur les bords du Jourdain le ciel fixa nos pas.3

Fatime erwähnt nun den “généreux Français”4, einen gefangenen Sklaven namens Nérestan, der nach Frankreich zurückgekehrt ist, um Lösegeld für die Gefangenen des Sultans zu holen und sie zu befreien, darunter auch Zaïre und Lusignan. Während Fatime immer noch darauf hofft, von ihm befreit zu werden, stellt die Rückkehr Nérestans für Zaïre keine Befreiung dar, sie findet ihre Heimat und Freiheit nicht in Frankreich, sondern in der Liebe zum Sultan. Die Rückkehr nach Frankreich würde für sie das Gefängnis bedeuten, welches Fatime im Harem des Sultans sieht.

Als Zaïre ihrer Vertrauten von der bevorstehenden Hochzeit mit dem Sultan erzählt, erinnert diese sie an ihren vermeintlich christlichen Ursprung, da sie mit Orosmane ihren „superbe vainqueur“5 heiraten wird. „[T]his allusion to family background touches her one weakness.“6 Zaïre beginnt, darüber nachzudenken, wer sie eigentlich ist, da sie keine Erinnerung an ihre familiäre und religiöse Herkunft hat.

Ne vous souvient-il plus que vous fûtes chrétienne? Ah! que dis-tu? pourqoui rappeler mes ennuis? Chère Fatime, hélas! sais-je ce que je suis? Le ciel m’a-t-il jamais permis de me connaître? Ne m’a-t-il pas caché le sang qui m’a fait naître?7

Anschließend erklärt sie ihrer Vertrauten, dass nicht die Geburt dafür verantwortlich ist, welche Religion man annimmt, sondern die Kultur, in der man lebt. Da Zaïre mit dem Islam und seinen Sitten aufgewachsen ist, fühlt sie sich mehr als Muslimin und hat keinerlei Beziehung zum christlichen Glauben. „Christianity is to Zaïre only a matter of hear-say, since she has never lived it“8.

La coutume, la loi, plia mes premiers ans A la religion des heureux musulmans. Je le vois trop: les soins qu’on prend de notre enfance Forment nos sentiments, nos mœurs, notre croyance. J’eusse été près du Gange esclave des faux dieux, Chrétienne dans Paris, musulmane en ces lieux.9

Ganz im Gegensatz dazu steht Fatime, die mit ihrem missionarischen Eifer immer wieder versucht, Zaïre zum Christentum zu bekehren. In dem Zusammenhang weist sie auf das Kreuz hin, welches Zaïre seit ihrer Geburt um ihren Hals trägt. Zaïre gibt dann zu, dass sie es manchmal mit Ehrfurcht und Respekt erfüllte, dass die Liebe zu Orosmane den Gedanken an das Kreuz aber ablöste. Orosmane ersetzt ihre Religion regelrecht. Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass sie das Kreuz umhängen oder auch wieder ablegen kann, ganz wie sie möchte. Da das Kreuz ein Zeichen der christlichen Religion ist, lässt sich aus dieser Beobachtung schließen, dass sie immer auch an eine Religion glauben kann oder nicht, ganz wie sie möchte. Das Kreuz um ihren Hals ist bislang der einzige Beweis dafür, dass sie Christin ist. Dies ändert sich mit der Rückkehr Nérestans, dem der christliche Glaube durch eine Narbe, entstanden durch die Kreuzzüge, in Fleisch und Blut übergegangen ist.10 Während eines Gesprächs zwischen Nérestan, Lusignan und Zaïre stellt sich heraus, dass Nérestan und Zaïre die beiden überlebenden Kinder Lusignans sind. Lusignan hat lange Zeit und mit Leidenschaft für das Christentum gekämpft und glaubt daran, dass man nur als Christ glücklich werden kann. Auch Nérestan kann als Fundamentalist gesehen werden. Als Zaïre erwähnt, dass sie Muslimin ist, bezeichnet Lusignan sie als Feindin, denn „Muslim is by definition inimical to the Christian people“11.

Je ne puis vous tromper: sous les lois d’Orosmane… Punissez votre fille… elle était musulmane… […] Dans un cachot affreux abandonné vingt ans, Mes larmes t’imploraient pour mes tristes enfants: Et lorsque ma famille est par toi réunie, Quand je trouve une fillle, elle est ton ennemie!12

Beide wollen sie Zaïre davon überzeugen, dass sie Christin ist. Als Lusignan zu ihr sagt „Dire: ‘Je suis chrétienne.’“, antwortet sie aus ihrem familiären Pflichtgefühl heraus „Oui… seigneur… je le suis“13 und verspricht ihrem Vater, dem Sultan nichts von ihrer familiären Beziehung und ihrer bevorstehenden Taufe zu erzählen. Ihr Vater liegt im Sterben und hat als letzten Wunsch, dass seine Tochter getauft wird. Er versucht Zaïre durch sich selbst und seine Taten an den christlichen Gott zu binden.

Ton Dieu que tu trahis, ton Dieu que tu blasphèmes, Pour toi, pour l’univers, est mort en ces lieux mêmes; En ces lieux où mon bras le servit tant de fois, En ces lieux où son sang te parle par ma voix. Vois ces murs, vois ce temple envahi par tes maîtres14 Nach der Überzeugungsarbeit ihres Vaters und Bruders stimmt sie einer Taufe noch vor der Hochzeit zu. „Oui, je te le promets:/ Rends-moi chrétienne et libre“15. Ihr Bruder denkt, dass die Taufe Zaïre zu sich selbst zurückführt: „par un heureux baptême/ T’arracher aux enfers, et te rendre à toi-même“16 und ihr das Gefühl der Zugehörigkeit zurückgibt. Doch mit der Zustimmung, Christin zu sein, zerstört sie ihr Zugehörigkeitsgefühl. Denn Identität und Zugehörigkeit erfährt sie nicht in Familie, Religion und Heimat - sie hat sie bereits in der Liebe zu Orosmane gefunden.17

3.2 Religion und Liebe

Für wahre Freiheit muss man sich von den Fesseln der Religion und Herkunft lösen. Zu Beginn des Dramas war Zaïre aus ihrem Gefängnis, dem Harem, durch ihre Liebe zu Orosmane befreit. Bereits in I,1 warnt Fatime Zaïre davor, den Sultan zu ehelichen, da sie so zum Feind der Christen wird. Für Zaïre hingegen ist die Liebe stärker als ein Glaube.

Peut-être sans l´amour j´aurais été chrétienne; Peut-être qu´à ta loi j´aurais sacrifié: Mais Orosmane m´aime, et j´ai tout oublié. Je ne vois qu´Orosmane, et mon âme enivrée Se remplit du bonheur de s´en voir adorée.18

Auch für Orosmane ist die Liebe wichtiger als der Glaube, da er entgegen der Sitten eine Christin heiraten wird. Zaïre und Orosmane stellen eine neue Generation von Muslimen dar, die mit alten Sitten brechen wollen. Sie werden beide als sehr tolerante und aufgeklärte Personen charakterisiert.

Im Liebesgeständnis Orosmanes wird deutlich, dass er absolute Hingabe und Treue von seiner Zukünftigen erwartet. Damit wird Zaïre schon deutlich unter Druck gesetzt, da Orosmane sie sehr stark, fast schon obsessiv, liebt.19

Als Nérestan aus Frankreich zurückkehrt, um die Christen zu befreien, darunter auch Zaïre und Lusignan, dringt er in die Liebesbeziehung zwischen Zaïre und dem Sultan ein.20 Nérestans ausdrücklicher Wunsch, Zaïre freizulassen, stößt beim Sultan auf Misstrauen - erste Eifersucht macht sich bemerkbar: ”ses yeux se sont tournés vers elle”21. Gleichzeitig stellt sich nun bei Zaïre ein innerer Konflikt ein, da sie in einem Gespräch mit Nérestan und Lusignan ihre Familie erkennt. Die beiden christlichen Fundamentalisten verlangen von ihr absolute Hingabe und Treue zum christlichen Gott.

[...]


1 Voltaire, Zaïre. Tragédie en cinq actes et en vers. Hg. v. Dr. S. Waetzoldt. O.O.: Adamant Media Corpora- tion 2006 (¹1732), 7.

2 Ebd., I, 3, 6/7.

3 Ebd., I, 1, 15-20.

4 Ebd., I ,1, 28.

5 Ebd., I, 1, 131.

6 Price, L. B., Symbolic Temporal Prisons in Voltaire's Zaïre“, in: College Language Association Journal 20 (1976), 42.

7 Voltaire, Zaïre. Tragédie en cinq actes et en vers. Hg. v. Dr. S. Waetzoldt. O.O.: Adamant Media Corpora- tion 2006 (¹1732), I, 1, 86-90.

8 Cherpack, C., Love and Alienation in Voltaire's Zaïre“, in: French Forum 2 (1977), 50.

9 Voltaire, Zaïre. Tragédie en cinq actes et en vers. Hg. v. Dr. S. Waetzoldt. O.O.: Adamant Media Corpora- tion 2006 (¹1732), I, 1,103-108.

10 Vgl. Weber, C., Voltaire's Zaïre: Fantasies of Infidelity, Ideologies of Faith“, in: South Central Review: The Journal of the South Central Modern Language Association 21.2 (2004), 50.

11 Ebd., 48.

12 Voltaire, Zaïre. Tragédie en cinq actes et en vers. Hg. v. Dr. S. Waetzoldt. O.O.: Adamant Media Corpora- tion 2006 (¹1732), II, 3, 128-137.

13 Ebd., II, 3, 175.

14 Ebd., II, 3, 152-156.

15 Ebd., III, 4, 125/126.

16 Ebd., III, 4, 131/132.

17 Vgl. Cherpack, C., Love and Alienation in Voltaire's Zaïre“, in: French Forum 2 (1977), 52.

18 Voltaire, Zaïre. Tragédie en cinq actes et en vers. Hg. v. Dr. S. Waetzoldt. O.O.: Adamant Media Corpora- tion 2006 (¹1732), I, 1, 134-138.

19 Vgl. Cherpack, C., Love and Alienation in Voltaire's Zaïre“, in: French Forum 2 (1977), 50.

20 Vgl. Price, L. B., Spatial Relationships in Voltaire's Zaïre“, in: French Review 50.2 (1976), 253/54.

21 Voltaire, Zaïre. Tragédie en cinq actes et en vers. Hg. v. Dr. S. Waetzoldt. O.O.: Adamant Media Corpora- tion 2006 (¹1732), I, 5, 2.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Der tragische Konflikt in Voltaires Drama "Zaïre". Kritik am Christentum?
Hochschule
Universität Paderborn  (Romanistik)
Note
1,7
Jahr
2012
Seiten
14
Katalognummer
V958655
ISBN (eBook)
9783346309914
ISBN (Buch)
9783346309921
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Voltaire, Zaire, Figurenkonstellation, Drama, Konflikt
Arbeit zitieren
Anonym, 2012, Der tragische Konflikt in Voltaires Drama "Zaïre". Kritik am Christentum?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/958655

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