Die attische Philosophie: Sokrates, Platon und Aristoteles


Hausarbeit, 1996

11 Seiten


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Die attische Philosophie: Sokrates, Platon und Aristoteles

Heinrich Friedrich 1996

mit einer Darstellung der Ideenlehre Platons und einer Untersuchung zum ontologischen Status der Ideen

In der Trias Sokrates, Platon und Aristoteles, jeder Schüler des vorigen, begegnen wir dem Höhepunkt der Griechischen Philosophie. Ich möchte sie wie folgt charakterisieren: Sokrates ist der Philosoph als Mensch und Persönlichkeit, mit seinem ganzen Leben bezeugt er die zweifelnde Suche nach dem wahren Wissen (epistemeim Gegensatz zur verbreiteten Meinungdoxa) und den Werten. Als gestaltgewordene Philosophie zeigt er den höchsten Auftrag des Menschen: "Erkenne dich selbst".

Bei Platon finden wir die Philosophie als geschlossenes weltanschaulich-politisches und logisch-ethisches System. Gewissermaßen mit dem Blick nach oben gewendet, erkennt er das wirkliche Sein in den ewigen und vollkommenen Ideen, aus dem die Dinge per Teilhabe ihre (Schein-) Wirklichkeit beziehen.

Aristoteles erhebt die systematisch-empirische Wissenschaft als Ergründung der realen Gegebenheiten zum Paradigma. Entgegen Platon erkennt er in der natürlichen Welt ein Prinzip der Vollkommenheit quasi als Werde-Gesetz: die Entelechie (en-telos). Könnte man Platon mit dem Schlagwort 'Die Welt in der Idee' charakterisieren, so muß es bei Aristoteles heißen 'die Idee in der Welt'.

Sokrates (469 - 399)

Es ist nicht ganz leicht, ein klares Bild von Sokrates zu gewinnen. Als Quellen kommen die Darstellungen bei Xenophon, Aristoteles und Platon in Frage. Letzterer hat seinem Lehrer in der Apologie, im Kriton und Phaidon sowie in der Alkibiades-Rede des Symposions ein Denkmal gesetzt. Platon idealisiert aber Sokrates und legt ihm auch ei-gene Gedanken in den Mund, so daß man wohl sagen kann: Der historische Sokrates wird von einem platonischen überdeckt .

Durch Sokrates wird die alte kosmologische Naturphilosophie und der ethische Relativismus der Sophisten überwunden. In der dialogischen Form von Frage und Antwort sucht Sokrates die Menschen zu einer klaren Begriffsbildung und zum sittlich Richtigen hinzuführen. Er selbst spricht hier von Mäeutik (Geburtshilfe, Hebammenkunst): durch geschicktes Fragen wird das Wissen vom Richtigen ans Licht gehoben, im Gegensatz zur Vermittlung fertigen Wissens. Häufig aber entlarvt Sokrates auch mit Mitteln der Ironie und Paradoxie ("Ich weiß, daß ich nichts weiß" ) scheinbares Wissen als ungenügend und zeigt, daß sich alle vorkommenden Meinungen in Selbstwidersprüche verwickeln, sobald man sie der Prüfung unterzieht. So nimmt es nicht Wunder, daß seine beklemmend weitgehenden Aporien ihm den Ruf eines ewigen Kritikers, Unruhestifters und Umstürzlers einbringen. Schließlich wird er zum Tode verurteilt, weil er die Jugend verderbe und neue Götter einführe. Er schlägt die Gelegenheit zur Flucht aus und trinkt gelassen den Giftbecher.

Sokrates Philosophie behandelt zwei zentrale Themen: das Problem des Wissens und das Wertproblem. Zum Wissen gehört nach Sokrates die Bildung von Allgemein-begriffen: durch das Studium vieler Einzelfälle erkennen wir das Gemeinsame. Über den Einzelfall kann man subjektiv meinen, er ist vorübergehend, erst das immer gleiche in der Summe der Einzelfälle führt zum bleibenden Wesentlichen. In methodologischem Ansatz bestimmt er somit Wissenschaft als das induktive Aufsuchen des Allgemeinen und bereitet damit den Weg zur platonischen Ideenlehre.

Den Begriff des sittlich Guten entwickelt Sokrates parallel zur techné. Um einen guten Schuh herzustellen, braucht der Handwerker Wissen (arete: Tugend, tauglich). Das Wissen und die Einsicht in die Tauglichkeit einer Handlung bestimmen die höchste Tugend. Hieraus ergibt sich für Sokrates auch die handlungstheoretische Implikation: Wer Wissen vom Guten hat, wird zwangsläufig gut handeln. In der Bestimmung des höchsten Gutes bleibt Sokrates aber einigermaßen unklar - seine Position liegt zwischen einem intellektualistischem "das Wissen ist das Höchste" und der etwas zirkulären Definition "die höchste Tugend besteht in der Erkenntnis des Guten".

Platon (427 - 347)

Die Ideenlehre Platons

Die Abfassung der Dialoge Platons zog sich über etwa 50 Jahre hin, seine Philosophie zeigt sich in einer verwickelten und ständigen Umbildung begriffen. Auch ist die Auffassung des Systems durch die literarisch-künstlerische Form der Gestaltung erschwert. Giovanni Reale schildert diese Sachlage treffend, wenn er schreibt:

"Wahr ist auch, daß sich in Platons kaleidoskopischen Darstellungen der Ideen in zahlreichen Dialogen Begriffe und Bilder, Logos und Mythos verschiedentlich kreuzen und die Leser in arge Verlegenheit bringen; [...]" (Reale, S.155)

Hier zunächst eine Übersicht über die Ideenlehre, die den eigentlichen Kern der platonischen Philosophie bildet:

Seiendes existiert nie an sich, sondern als qualitativ bestimmtes Sein in der Welt der Sinne, z.B. ein großer Baum, ein alter Baum. Die Sinneswahrnehmung ist behaftet mit Unsicherheit: Veränderung durch Wachsen, Bewegung, Werden und Vergehen. Dies ist die Welt der Erscheinungen, über die man kein wirkliches Wissen (episteme) haben kann, sondern nur Meinungen (doxa). Das Allgemeine aber, als (Ober-)Begriff z.B. des Baumes, als Zusammenschau aller Exemplare und gewissermaßen Bauplan der Gattung, nennt Platon die Idee (auch eidos - Art, Form, Gestalt, Bild). Diese unterliegt nicht der Veränderung wie das einzelne Exemplar, die Ideen sind als solche ewig, unveränderlich und vollkommen. Von daher erklärt Platon sie für das wahrhaft Seiende. Dieses 'wirklichere' Sein inspirierte wohl die Bemerkung J.L. Austin's : "Plato thought all general terms were proper names[...]" (1) Diese Zweiteilung in Erscheinung und Idee findet ihrer Verbindung in dem Gedanken der Teilhabe (Methexis): jedes Exemplar hat Teil an der übergeordneten Idee. "Mir scheint nämlich, wenn irgend etwas anderes schön ist außer jenem Schönen selbst (der Idee des Schönen), daß es wegen gar nichts anderem schön sei, als weil es teilhabe an jenem Schönen..."

Die Entwicklung der Ideenlehre aus dem sokratischen Begriff

Mit der Suche nach dem einheitlichen Begriff in der Verschiedenheit der Einzelfälle hatte Sokrates die entscheidende Vorarbeit für die Ideenlehre geleistet.

"Verstehst du nicht, daß ich das suche, was in allen diesen dasselbe ist?" (Menon, 75a)

"[...] wenn ich fragte, was wohl die Geschwindigkeit ist, was sie nämlich sowohl im Laufen ist, als in der Musik, im Reden, im Lernen und in vielen anderen Dingen [...]" (Laches, 192a) "Denn der Mensch muß nach Gattungen (kat eidos, besser: dem Begriff nach) Ausgedrücktes begreifen, welches als eins hervorgeht aus vielen durch den Verstand zusammengefaßten Wahrnehmungen." (Phaidros 249c)

Indem Plato diesen Begriff von der Welt der Sinneserfahrung trennt und zum eigentlichen und wahrhaften Sein erhebt, vollzieht er den Übergang vom sokratischen Begriff zur platonischen Idee:

"Sollen wir also, sprach er, zwei Arten des Seienden setzen, sichtbar die eine und die andere unsichtbar? - Das wollen wir, sprach er." (Phaidon, 79a)

"[...] das übersehend, was wir jetzt für das Wirkliche halten, und zu dem wahrhaft Seienden das Haupt emporgerichtet." (Phaidros, 249c)

Von da an benutzt Platon entweder idea, eidos (etwa: Art, Form, Gestalt, ) oder folgende formelhafte Wendung, wenn er von den Ideen spricht:

"Denn es ist uns ja jetzt nicht eben mehr von dem Gleichen die Rede als auch von dem

Schönen selbst und dem Guten selbst und dem Rechten und Frommen und, wie ich sage, von allem, was wir bezeichnen als "dieses selbst, was es ist" (auto o esti) in unseren Fragen, wenn wir fragen, und in unseren Antworten, wenn wir antworten. (Phaidon 75 d)

Der ontologische Status der Ideen

Im Gegensatz zu den Veränderungen, denen die Sensibilia unterliegen, haben die Ideen ein ewig gleichbleibendes Sein:

"Oder verhält sich nicht jedes dergleichen als ein einartiges Sein an und für sich immer auf gleiche Weise und nimmt niemals auf irgendeine Weise irgendwie eine Veränderung an? - Auf gleiche Weise, sprach Kebes, und einerlei verhält es sich notwendig, o Sokrates." (Phaidon 78d)

"ein [...] Schönes erblicken, nämlich jenes selbst, o Sokrates, [...] welches zuerst immer ist und weder entsteht noch vergeht, weder wächst noch schwindet [...], sondern an und für und in sich selbst ewig überall dasselbe seiend, [...] wenn auch das andere entsteht und vergeht, jene doch nie irgendeinen Gewinn oder Schaden davon hat noch ihm sonst etwas begegnet." (Gastmahl, 210e - 211b)

Der direkten Erfahrung sind die Ideen nicht zugänglich, ausgehend von der Welt der Anschauung als dem Material der Erkenntnis kann die Idee nur durch Denken gewonnen werden:

"Und diese Dinge, sprach er, kannst du doch anrühren, sehen und mit den anderen Sinnen wahrnehmen; aber zu jenen sich gleichseienden Wesenheiten kannst du doch wohl auf keine Weise irgend anders gelangen, als durch das Denken der Seele selbst..." (Phaidon, 79a) "Das farblose, gestaltlose, stofflose, wahrhaft seiende Wesen, das nur der Seele Führer, die Vernunft, zum Beschauer hat [...]" (Phaidros, 247c)

Zur Methexis

Wie ist nun eigentlich das Verbindende im platonischen Dualismus beschaffen, auf welche Weise sind die Dinge der Sinnenwelt Instanziierungen der Ideen? Platon zeigt einiges Unbehagen bei seinen Erklärungen:

"[...] nenne es nun Anwesenheit oder Gemeinschaft, wie nur und woher sie auch komme, denn darüber möchte ich nichts weiter behaupten [...]" (Phaidon, 100d) "[...] nach diesen auf eine schwer auszusprechende, wundersame Weise geprägt [...]" (Timaios, 50e)

Abgesehen von der Teilhabe (methexis) als dem allgemeinen Oberbegriff, charakterisiert Platon die Ideen als paradeigmata (Urbilder) und die Ideate als deren unvollständiges Abbild: "[...] eigentlich scheint es mir sich so zu verhalten, daß nämlich diese Begriffe gleichsam als Urbilder (paradeigmata) dastehen in der Natur, die anderen Dinge aber diesen gleichen und Nachbilder sind; [...] " (Parmenides, 132c, d)

"[...] daß alles so in den Wahrnehmungen vorkommende jenem nachstrebt, was das Gleiche ist, und das es dahinter zurückbleibt" und "daß dergleichen alles zwar strebt zu sein wie jenes, aber doch immer schlechter ist."(Phaidon 75b),

Er spricht auch von mimesis (Nachahmung), parusia (Gegenwart) oder koinonia (Gemeinsamkeit):

"Das Ein- und Austretende [die Dinge] aber sind Nachbildungen (mimemata) der ständig seienden Dinge, nach diesen auf eine schwer auszusprechende, wundersame Weise geprägt [...]" (Timaios, 50e)

"[...], daß jede [Seele] durch Anwesenheit (parousia) der Gerechtigkeit eine solche werde[...]" (Sophist 247a)

"Es ist also etwas Einerlei in beiden, was eben macht, daß sie schön sind, dies Gemeinsame, was ihnen beiden gemeinschaftlich zukommt [...]" (Hippias I, 300a)

W. D. Ross versucht mit ausführlichen Wortlisten und Zitatstellen (S.228) eine Entwicklung von der Immanenz zur Transzendenz zu zeigen:

"It is clear that there is a general movement from immanence towards trancendence. In the early period almost everything speaks of immanence" (l.c. S.230), gibt aber zu, "that he continues in later dialogues to use to some extend the language of immanence." (S.231), um schließlich zu folgendem Ergebnis zu kommen:

"The only conclusion possible seems to be that, while he was not satisfied with either expression, he saw no way of getting nearer to the truth than by using both, the one stressing the intimacy of the link between a universal and its particulars, the other stressing the failure of every particular to be a perfect exemplification of any universal. He may have had an inkling of the fact that the relation is completely unique and indefinable. Both 'sharing' and 'imitating' are metaphors for it, and the use of two complementary metaphors is better than the sole use of either." (S.231)

Kommentare und Interpretationen

Die Frage nach dem ontologischen Status der Ideen zieht als eine fundamentale Achse durch die gesamte Philosophie: vom erstaunlichen Mißverstehen des Aristoteles (Ideen haben Substanz), über die Kyniker und die Stoa, von der Auffächerung im Universalienstreit, den zwei Welten Kant's (intelligibel-empirisch) bis zum deutschen Idealismus, dem Empirismus, der epoché und eidetischen Reduktion des Phänomenalismus bis hin zum Existentialismus Sartres und Heideggers. Letzten Endes handelt es ich um den 'unentwirrbaren Weltknoten' Schopenhauers.

Platon selbst sieht die Schwierigkeit für den naiven 'Alltags-Realismus' und die Philosophie- Didaktik:

"[...] wenn diese [Begriffe, hier: eidh] Ideen (ideai) der Dinge sein sollen und jemand jedes an sich [die berühmte Formel!] als Begriff setzen will. So daß, wer es anhört, bedenklich werden muß und bestreiten, daß es dergleichen überhaupt gäbe, oder wenn ja, daß sie ganz notwendig der menschlichen Natur unerkennbar sein müßten. [...] Und sehr wohlbegabt muß der sein, der dies soll begreifen können, daß es eine Gattung gibt jedes einzelnen und ein Wesen an sich; noch vortrefflicher aber der, welcher es herausfindet und dies alles gehörig auseinandersetzend auch andere lehren kann." (Parmenides 135a)

Der Tübinger Philologe und Philosophiehistoriker Wilhelm Nestle kommentiert die Ideenlehre folgendermaßen:

"Im Mittelpunkt steht 'der Riesenkampf um das Sein' (Sophistes 246a). Er [Platon] sucht den Gegensatz zwischen dem ewigen Werden und Vergehen des Heraklit und dem unvergänglichen Sein des Parmenides aufzulösen, in dem er jenes der Welt der Materie, dieses der Welt der Ideen zuweist. So erweitert sich ihm der von den Phythagoreern übernommene anthropologische Dualismus von Leib und Seele zu einem kosmischen." (Nestle, Vorwort XXII )

Paul Natorp zum Sein der Ideen:

Für Paul Natorp als Neukantianer der Marburger Schule sind die Ideen, als "reine Erkenntnisse" aus den "Gesetzen des Denkverfahrens selbst entwickelt" (S.34), gewissermaßen "die Entdeckung desa priori" (S.42). Er der Ansicht, "daß die Ideen Gesetze, nicht Dinge bedeuten." (Vorwort, X) und erläutert dies an anderer Stelle so: "So war dieses Wort [eidos] wie ausersehen um die Entdeckung des Logischen, das ist der eigenen Gesetzlichkeit, kraft deren das Denken sich seinen Gegenstand gleichsam hinschauend gestaltet [...] auszudrücken [...]" (S.1)

Dies ist für Johannes Hirschberger eine "typisch moderne Umdeutung", die "darauf hinausläuft, die idee als etwas objektiv Wirkliches zu beseitigen. [...] So dachte kein Grieche.

Er versteht den 'Gegenstand' immer realistisch und dualistisch, läßt ihn wirklich dem Geiste gegenüberstehen [...]." (Hirschberger, S. 98)

Auch Wilhelm Windelband sieht die Ideen als "metaphysische Realität" oder "immaterielle Wirklichkeit". "Diese unkörperliche Welt ist auch nicht bloß ein Reich logisch bestimmter Formen, für die [...] nicht ein Sein oder ein höheres Sein, sondern 'ein Gelten' in Anspruch genommen würde." Diese Auffassung liege "freilich für das moderne, durch Kant bestimmte erkenntnistheoretische Denken nahe [...]. Aber man muß sich darüber klar sein, daß es eine Umdeutung ist, die dem historischen Platonismus durchaus fern liegt." (Windelband- Heimsoeth, S. 97) (2)

Für Paul Natorp aber hat sich erst durch die Rezeption der aristotelischen Kritik eine unangemessene Hypostasierung der Ideen durchgesetzt. Wie "hypnotisiert" sehe Aristoteles überall Substanzen, wo von Gegenständen einer Erkenntnis die Rede ist:

"Wenn sie es auch nicht gehörig zergliedern" (deutlich auseinanderlegen, diardrousin), "so ist es doch das, was sie wollen, und sie müssen notwendigerweise es so meinen, daß jede Idee eine einzelne Substanz und nicht bloß etwas sei, das von einem anderen prädiziert wird. (1002b 26)" (Natorp, S.424)

Aber dies ist natürlich im aristotelischen Begriffssystem: Ein ursprünglich seiendes Einzelwesen kann nur Substanz haben, Substanzloses kann nicht fundamentaler oder früher sein als die Substanz. "Aber das ist am Ende der Fehler dieses Systems." (ibid.) Idealistisch gedacht ist das Gesetz des Logischen aber früher als das konkrete Sein, ist 'über' dem Sein, etwa so wie in den Begründungstheorien Axiome und Theoreme logisch außerhalb der Wissenschaften liegen ('früher', 'fundamentaler', 'übergeordnet'; ebena priori). Natorp spart nicht an harscher Kritik:

"[...] man sich allerdings nicht genug wundern könnte, wie ein unmittelbarer Schüler PLATOS darüber so ganz hat hinweglesen können - bewiese nicht seine ganze eigene Philosophie eine vollkommene Unfähigkeit, sich in den Gesichtspunkt des methodologischen Idealismus auch nur vorübergehend zu versetzen."(S.147)

und

"Erst die Wiedergeburt des Kantischen Idealismus hat zugleich für den Idealismus Platos volles Verständnis gezeitigt." (Vorwort, X)

Giovanni Reale's Interpretation

Reale faßt die grundlegenden Charakteristika der Ideen zu 6 Punkten zusammen:

1) Intelligibilität - nur durch das Denken zu erfassen
2) Unkörperlichkeit - dem Körperlich-Sinnlichen völlig verschiedenen Dimension angehörig
3) Sein im vollsten Sinne - Die Ideen als wahrhaftes Sein
4) Unveränderlichkeit - jeder Form von Veränderung enthoben
5) Perseität - Sein in und durch sich selbst, d.h. absolut objektiv
6) Einheit - die Ideen sind jede für sich eine Einheit (Reale, S. 159f)

Auch G. Reale zitiert aus der Metaphysik des Aristoteles:

"Unter den vielfältigen Schwierigkeiten, die mit der Ideenlehre verbunden sind, liegt die größte Ungereimtheit in der Behauptung, es gebe gewisse Wesenheiten außer denen in unserer Welt, diese aber seien dieselben wie die Sinnendinge, außer das die einen ewig- bestehend, die anderen vergänglich seien. [...] , [Metaphysik, B2, 997b 5ff]" (Reale, S.169) Diese These kennzeichnet er mit Schlagworten wie "die Ontologisierung des Begriffes" oder die "Hypostasierung des Universalen" und sagt, daß sie "lange Zeit für die Platoninterpretation maßgebend war". (Reale, S.169). Dies treffe aber nicht das eigentliche Wesen der Ideenlehre, denn:

"In Wirklichkeit hat die absolute Objektivität der Ideen bei Platon einen viel komplexeren und systematisch weitaus konsistenteren Sinn; denn Platon hatte seine Ideenlehre gerade gegenüber zwei eng miteinander zusammenhängenden Formen von Relativismuszum Reifen und zum Abschluß gebracht." (S.170)

Nämlich:

a) den Relativismus heraklitischen Ursprungs, der "den immerwährenden Fluß und die radikale Veränderlichkeit aller Dinge" verkündet und dahin gelangt, "jedes Ding in eine Vielheit relativer veränderlicher Zustände aufzulösen" und es somit "unfaßbar, unerkennbar, unintelligibel zu machen".

b) die sophistisch-protagoreische Form des Relativismus, die "jede Wirklichkeit und jede Handlungauf etwas rein Subjektives reduziertund aus dem Subjekt selbstdas Maß, d.h. das Wahrheitskriteriumaller Dinge macht." (lc.) (3)

Aristoteles (384 - 322)

Aristoteles begründet ein System von philosophisch-wissenschaftlichen Disziplinen.

Grundlagen sind die Logik (Analytik) als methodologische Propädeutik und die Metaphysik.

Die Logik

Als erster analysiert Aristoteles in abstrakt-methodologischen Ansatz die Grundelemente des Denkens und der Sprache. Er tut dies so differenziert, daß Kant noch 1781 sagt: "die Logik hat seit Aristoteles keinen Schritt vorwärts tun können". Er findet in den 6 Büchern des Organons als Wichtigstes die Grundgesetze von Begriff, Urteil und Schluß und beschäftigt sich mit den Verfahren des Beweises und der Definition. In der Syllogistik (Schlusslehre) wird gemäß dem bekannten Beispiel "Alle Menschen sind sterblich ; Sokrates ist ein Mensch; also ist Sokrates sterblich" untersucht, ob mit Hilfe eines Zwischenbegriffes die Unterordnung eines Begriffes unter einen anderen statthaft ist.

Die Kategorienlehre

Aristoteles' Neigung zum Systematisieren und Klassifizieren zeigt sich in seiner Kategorienlehre. Hier ordnet (das Verb kategorein bedeutet ursprünglich 'anklagen'; über 'einteilen' ist die Verwandschaft sinnfällig) er die Begriffe, die wir immer wieder in unseren Sätzen miteinander verbinden, in typische Gruppen ein. Entweder gehören sie zur Kategorie 'Substanz' (ousia), wesenhaft in sich Seiendes wie etwa 'Sokrates', oder diesem wechselnd zukommende Eigenschaft: Akzidenz. Von letzteren unterscheidet er die Angaben der Quantität, Qualität, Relation, des Ortes, der Zeit, der Lage, des Sichverhaltens, des Tun und des Leidens. Substanz und Akzidenz sind ontologisch gedachte Gegenpole für Seinsweisen, allerdings untrennbar aufeinander bezogen: Substanz ist nicht ohne Akzidenzien erfahrbar, und diese sind wiederum ohne Substanz nicht denkbar.

Das System der Entwicklung

Aristoteles überwindet den Gegensatz zwischen der heraklitischen und der eleatischen Metaphysik durch seine Bestimmung des Seins als 'das sich in den Erscheinungen selbst entwickelnde Wesen'. Dieses den Dingen innewohnende Werde-Gesetz nennt er 'Entelechie' (das sich im Ziel haben). In neuen metaphysischen Ansätzen versucht er, das Verhältnis von Stoff und Form zu klären: Dies führt ihn zu dem Begriffspaar Akt (als Wirklichkeit, energeia) und Potenz (als Möglichkeit, dynamis).

Die Dinge der Erscheinungswelt bestehen aus geformten Stoff. Aristoteles bestimmt den Stoff als die Möglichkeit dessen, was in den fertigen Dingen durch die Form Wirklichkeit geworden ist. So bildet er also die platonische Ideenlehre um: Das Allgemeine (die Idee) ist als Möglichkeit eine frühere Erscheinung des Wirklichen - es verwirklicht sich durch die Form im Besonderen. Diesem durch die Form verwirklichten Einzelding kommt aber wirkliches Sein (Substanz) zu, nicht dem Allgemeinen (der platonischen Idee). Diese antithetische Stellung zu Platon bildet den Ausgangspunkt des Universalienstreites, der in der Philosophie des Mittelalters große Bedeutung hatte (universalia in re, oder ante rem?).

Wirkursache, Theorie der Bewegung

Ausgehend von dem grundlegenden Axiom eines Kausalitätsprinzips, nämlich: "Alles, was bewegt wird, wird notwendig von einem anderen bewegt" (Phys.H,1), schreitet Aristoteles nun die Ursachenkette zurück und postuliert den ersten unbewegten Beweger. Dieser ist als vollkommenes Sein die reine Form, die Zweckursache aller Materie. Einerseits wurzelt diese immaterielle Idealisierung ideengeschichtlich noch im Platonismus, andererseits aber wird dieser Gott des reinen Denkens (als in sich selbst ruhende Tätigkeit, in der Möglichkeit und Wirklichkeit zusammenfällt) als Übergang zum Monotheismus interpretiert.

Anmerkungen

(1) " [...] and Leibniz that all proper names were general terms". (zit. n. R.M. Rorty, The linguistic turn, S.364)
(2) Windelband bezieht sich hier allerdings auf LOTZE, Logik (1874), § 317ff.
(3) siehe "homo mensura-Satz" bei den Sophisten.

Literaturangaben

Aristoteles: Hauptwerke. Ausgew., übers. u. eingel. von Wilhelm Nestle. Stuttg. 1977. (Kröners Taschenausgabe. Bd. 129)

Hirschberger, Johannes: Geschichte der Philosophie. Freiburg 1952 Krämer, Hans: Platons Ungeschriebene Lehre. S.249ff und Reale, Giovanni: Die Begründung der abendländischen Metaphysik:PhaidonundMenon. S.64ff

in: Platon. Seine Dialoge in der Sicht neuer Forschungen. Kobusch, Theo u. Mojsisch, Burkhardt (eds.). Wiss. Buchges. 1996

Natorp, Paul: Platos Ideenlehre. Eine Einführung in den Idealismus. 3.Aufl. Wiss. Buchges. 1961

Nestle, Wilhelm: Einleitung zu: Platon. Hauptwerke. Stuttg. 1973. (Kröners Taschenausgabe. Bd. 69)

Platon: Werke in acht Bänden. Wiss. Buchges. Darmstatt 1990

Reale, Giovanni: Zu einer neuen Interpretation Platons. Eine Auslegung der Metaphysik der großen Dialoge im Lichte der "ungeschriebenen Lehren". Paderborn. 1993 Ross, W. David: Plato's Theory of Ideas. Oxford 1966

Sloterdijk, Peter: Zur Welt kommen - Zur Sprache kommen. Frankfurter Vorlesungen. dar.: 3. Die Sokratische Maieutik und die Geburtsvergessenheit der Philosophie (S.60ff). edition suhrkamp 1505, 1988

Windelband, Wilhelm: Lehrbuch der Geschichte der Philosophie. Tübingen 1948

11 von 11 Seiten

Details

Titel
Die attische Philosophie: Sokrates, Platon und Aristoteles
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Autor
Jahr
1996
Seiten
11
Katalognummer
V95875
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Mit einer Darstellung der Ideenlehre Platons und einer Untersuchung zum ontologischen Status der Ideen
Schlagworte
Philosophie, Sokrates, Platon, Aristoteles, Universität, Duisburg
Arbeit zitieren
Heinrich Friedrich (Autor), 1996, Die attische Philosophie: Sokrates, Platon und Aristoteles, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/95875

Kommentare

  • Gast am 19.4.2002

    Hirschbergereien.

    Im Ernst: Das kann doch bestenfalls eine Proseminararbeit gewesen sein. Und die Hälfte ist aus dem Hirschberger abgeschrieben.

  • Gast am 4.5.2002

    re.

    eine sehr gute arbeit

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