Die Kunstphilosophie bei Aristoteles unter besonderer Berücksichtigung der Malerei


Hausarbeit, 1999

21 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Aristoteles
2.1. Zum Leben
2.2. Textlage
2.3. Grundzüge der Philosophie

3. Metaphysische Grundlegungen
3.1. Stoff und Form
3.2. Substanz
3.3. Bewegtheit
3.4. Gottesvorstellung

4. Zur Kunstphilosophie
4.1. Kunstfertigkeit, Kunst und Wissenschaft
4.2. Sinne und Vernunft
4.3. Katharsis
4.4. Idealisierende Nachahmung

5. Ansichten zur Malerei
5.1. Qualitative Werkaspekte
5.2. Rangfolge der Künste
5.3. Vorzüge der Malerei
5.4. Fähigkeiten des Malers

6. Schlußbetrachtung

7. Literaturnachweise

1. Einleitung

Aristoteles ist vor allem durch zwei Dinge bekannt: Zum einen als der Begründer der formalen Logik und zum anderen als systematisierenden Naturkundler. Aristoteles hat aber auch, vor allem in Absetzung zu seinem Lehrer Platon, eine Metaphysik entwickelt, die Wesen und Erscheinung der Dinge auf ganz neue Art ansichtig werden ließ. Besonders für die Kunst war diese Arbeit von besonderer Bedeutung: Aristoteles gab den Kunstwerken eine legitimierte Stelle in der Gesellschaft zurück. Er integrierte sie in das philosophische Weltbild und löste damit neue schaffenskräftige Impulse aus.

Die Beschäftigung mit der Kunstphilosophie bei Aristoteles stößt auf einige Probleme. Viele seiner Texte haben die Jahrhunderte nicht überstanden - besonders Theoretisches zur Kunst und zur Malerei ist verschollen. Vieles ist von, verstreut über das Gesamtwerk, angedeutet worden, aber nichts davon ist mehr als zusammenhängendes Konstrukt vorhanden. Überhaupt macht die empirische Vorgehensweise Aristoteles` Schwierigkeiten: Das wenige, was von ihm überliefert ist, macht häufig den Eindruck, als seien es unsystematisch zusammengetragene Gedanken zu einzelnen Problemfeldern. Viele Autoren haben sich bereits bemüht, die Stringenz in der Aristotelischen Philosophie wiederherzustellen und die Gedanken zu ordnen. Auf ihre Interpretationen muß in dieser Arbeit zurückgegriffen werden, um Aristoteles` Gedanken näherzukommen; Originalzitate mußten deshalb dem besseren Verständnis halber oftmals zurücktreten.

Der Untertitel der Arbeit ,,unter besonderer Berücksichtigung der Malerei" mag angesichts der zutage geförderten Ergebnisse vermessen klingen, doch ist von Aristoteles selbst nicht viel zu dieser Kunst geäußert worden. Einige Stellen in der Poetik zitieren die Malerei als Beispiel, veranschaulichen den eigentlich auf das Drama bezogenen Gedankengang und auch in der Metaphysik sind vereinzelt Hinweise zu finden. Die Gedanken zur Malerei finden sich bei Aristoteles zwischen den Zeilen, sie müssen mitgedacht und herausgefiltert werden. Über weite Strecken gilt für sie das, was auch für die anderen Künste von Bedeutung ist. Die Besonderheiten fallen in Gegensatz dazu recht knapp aus und sind doch nicht minder markant.

Sie treten erst auf der Folie des allgemeinen Kunstverständnisses und dem mit Aristoteles vollzogenen Wandel hervor. Aristoteles war es vielleicht gar nicht so sehr an den schönen Künsten gelegen. Er rühmt sie nicht ihrer sinnlichen Eindrücke wegen, sondern schätzt sie als ein weiteres Medium zur verstandesmäßigen Auseinandersetzung. Er sieht sie als für den Staat wichtig, weil sie den Bürgern Reinigung verschafft. Er reiht sie ein in sein wissenschaftliches Weltbild, das sich empirische die Welt erschließt. Und doch wird mit Aristoteles die Kunst zu mehr als nur einer besonderen Begabung: Sie wird Zugang zu tiefer Einsicht. Der sie erschaffende Künstler rückt dabei auf zu wissenschaftlicher Anerkennung und bekommt Freiheiten und Verantwortung zugewiesen, wie sie zuvor für ihn nicht denkbar waren.

2. Aristoteles

2.1. Zum Leben

1 Aristoteles wurde 384 in Stagira auf Chalkidike geboren. 367 kam er nach Athen und wurde Mitglied der Akademie Platons, in der er 20 Jahre studierte. Daran schloß sich eine 12jährige Wanderzeit an, die von der Gründung seiner eigenen Philosophenschule in Athen beendet wurde. Diese ,,peripatetische" Schule leitete er 13 Jahre bis zu seinem Tod 322. Während seiner Wanderjahre war er als Erzieher des jungen Alexander tätig. In seiner Schule gründete er ein Museum für Naturgeschichte und eine Bücherei mit Sammlungen von Landkarten und Manuskripten. Seinem Tod ging eine Anklage wegen Gottlosigkeit voraus: Er wanderte auf sein Landgut bei Chalkis auf Euböa aus und verstarb kurze Zeit später dort.

2.2. Textlage

Von Aristoteles sind allgemein nur wenige Texte erhalten geblieben, die zudem allesamt den esoterischen Bereich, also dem internen Gebrauch der Schule, zugerechnet werden. Hinsichtlich der Kunstbetrachtung liegt vor allem das vor, was heute als die Poetik bekannt ist. Allerdings ist dieser Text unvollständig und in seinem Aufbau noch teilweise ungeklärt. Trotzdem wird Aristoteles ,,in Hinblick auf die Entwicklung der Kunsttheorie" neben Platon zu den ,,grundlegenden Pfeilern aller abendländischen Bemühungen" (Kultermann 1998:27) gezählt und die Stellung der Kunst in seinem Denksystem als ,,in angemessener Form repräsentiert" (ebd.) bezeichnet.

Nichtsdestotrotz bleiben vielerlei Anmerkungen Aristoteles` zur Kunst vage und unausgesprochen. Es bedarf an vielerlei Stellen der Interpretation und der Übertragung von Aussagen auf neue Zusammenhänge. Besonders in Hinblick auf die Malerei bleiben die Ausführungen unzufriedenstellend, zu kurz und zu beispielhaft sind hier die einschlägigen Stellen. Vielfach ist bereits der Versuch unternommen worden, die bestehenden Lücken zu überbrücken, so daß die Darstellung - wenn auch unter Vorbehalt - unternommen werden kann.

2.3. Grundzüge der Philosophie

Sehr früh setzte sich Aristoteles von der Lehre seines Lehrers Platon ab. Er behielt den an den Zwecken orientierten Rahmen der platonischen Philosophie bei, lehnte aber die platonische Ideenlehre als ,,leere Worte" und ,,poetische Metaphern" (Mittelstraß 1980:169) ab. Statt im Kosmos oder in den Ideen meint Aristoteles die Wirklichkeit in der Welt des Alltags zu finden.

Im Unterschied zu Platon, für den das Sein das Erkenntnisziel war, betont Aristoteles das Werden. Grundbegriff ist dabei die Bewegung, der in der Ausgestaltung des unbewegten Bewegers als erstem Ursprung alles Seins seine Vollendung findet. Besonders hervorzuheben ist Aristoteles` Bemühen um die Logik: Auf Aristoteles geht sämtliche formale Logik zurück, wobei er die axiomatische Methode und die Syllogistik in die Philosophie einführte. Besonders bemüht war Aristoteles um die empiristische Aneignung naturwissenschaftlicher Erkenntnis. Sein Prinzip basierte nicht nur auf der Sammlung von Fakten, sondern auch auf dem Bemühen, induktiv dafür Erklärungen zu finden. Eine Erklärung galt dann als hinreichend, wenn sie auf ein allgemeines Prinzip zurückzuführen war.

Grundsätzlich nimmt Aristoteles jedoch einen fundamental anderen Standpunkt gegenüber dem Wahrzunehmenden ein: Während Platon noch von einem abstrakten Ideal ausging, aus dem sich eine nicht wirkliche ideale Welt ableiten läßt, woran sich wiederum das Gegebene messen lassen muß, so geht Aristoteles nun von eben dieser Wirklichkeit aus und entwickelt aus dem Gegebenen das Ideal. Daraus ergibt sich die Aufgabe, das substantielle Ideal in der Wirklichkeit zu finden und aus ihr herauszufiltern. Eine Aufgabe, die nicht nur das Wesen der Wissenschaft, sondern auch das der Kunst bestimmen soll.

Aristoteles übernahm für die Kunst die Nachahmungstheorie Platons weitgehend. Die wichtigste Modifikation besteht darin, daß ,,die Gesamtexistenz der Kunst wertfrei artikuliert ist" (Kultermann 1998:28). Die Veränderung der Wertschätzung der Kunst ist auffallend: Verurteilte Platon die Künste noch als Abbilder von Abbildern und siedelte die Arbeit des Künstlers noch unter der des Handwerkers an, revididerte Aristoteles dieses Urteil. Grundlage dieses neuen Kunstverständnis war ein veränderter Wirklichkeitsbezug: Die Idee, die bei Platon noch hinter den Dingen als Ideal schwebte, findet sich bei Aristoteles als einheitsstiftendes Prinzip in den Dingen der Erscheinungswelt. Fr ihn ,,verwirklicht sich die Idee oder die Form des Tisches durch alle einzelnen Tische" (Fuhrmann 1992:75), wodurch der Künstler nicht mehr Abbilder zweiter Ordnung schafft, sondern an einem Prozeß der Kondensation des in der Vielfalt der Einzeldinge als Idee verborgenen Kerns teilhat und seine Fähigkeit dazu einsetzt, diese zum Ausdruck zu bringen. Es änderte sich der Nachahmungsbegriff: Durch die zusätzliche inhaltliche Komponente wurde sie zur spezifisch künstlerischen Tätigkeit.

Aristoteles vollführt eine Umkehrung des Standpunkts Platons zur Kunst. Das Kunstwerk ist nun das gereinigte Bild der Wirklichkeit und bringt in einer Art Destillationsprozeß die Idee zum Vorschein. Die Idee wird ,,befreit und gereinigt von den Schlacken und Verstümmelungen des Zufälligen und Unwahren in der Wirklichkeit [und] zu sich selbst zurückgeführt und wiederhergestellt" (Schasler 1971:135). Es wird damit etwas vom Wesen des Seins sichtbar.

Dieses Kunstverständnis gründet in der allgemeinen Philosophie Aristoteles`. Es wird erst mit einer weiteren Erläuterung der metaphysischen Grundlegungen erschließbar.

3. Metaphysische Grundlegungen

Der Weg zur Einsicht in die Idee oder zum ,,Wahrheiten" (Bröcker) des Wesens des Seins führt demnach bei Aristoteles über die äußere Welt, über Wahrnehmung der Umgebung. Den grundlegenden Antrieb bildet das menschliche Streben nach Einsicht, das Aristoteles schon an den Anfang seines Poetik setzt. Gleichwohl bieten sich mehrere Wege der Umsetzung an. Ganz im Gegensatz zu Platon sieht Aristoteles neben der Wissenschaft und der Philosophie auch die Kunst als einen der möglichen Wege an. Auch wenn Kunst immer mit dem Makel des Zufälligen behaftet ist (sie ist nicht ganz Herr über ihr Werk ist und deshalb nicht so rein beschaffen wie die anderen Fächer), wird ihr prinzipiell die Fähigkeit zuerkannt, das Ideal inmitten der schwierigen Aristotelischen Suche nach Substanz, Wesen, Stoff und Form hervorzubringen.

3.1. Stoff und Form

Substanz ist einer der vielschichtigsten Begriffe von Aristoteles. Er wird in dreierlei Hinsicht gebraucht (vgl. De anima II, 1.Kap. nach Ackrill 1985:105f): erstens ist es der Stoff oder das Material aus dem etwas ist. Zweitens ist es die Gestalt oder Form dieses Gegenstandes und drittens das aus diesen beiden zusammengesetzte. Damit scheint es, als wäre Substanz sowohl das Teil wie auch das Ganze. Die Teile lassen sich jedoch näher bestimmen:

Stoff wird gesehen als Potentialität, Form dahingegen als Wirklichkeit. Stoff ist das an sich Ungeformte und wird auch als ,,Materie" (Störig 1987:183) bezeichnet. Der Stoff, für sich genommen, hat noch keine Wirklichkeit. Erst wenn er in Form umgewandelt wird, ist seine Möglichkeit entfaltet. Völlig verwirklicht ist die Potentialität in ihrer der Form angemessenen Anwendung. Diese Verwirklichung vollzieht sich in einem zweigestaltigen Prozeß: So verhilft die Form dem Stoff zur Wirklichkeit, indem sie die Kraft ist, die vollbringt.

Gleichzeitig leistet der Stoff der Form Widerstand, obwohl er seiner Natur nach ,,ein Verlangen nach den Formen als dem Guten und Göttlichen" (Störig 1987:184) hat. Dieses Zusammenspiel erklärt die fortwährende Unvollkommenheit jeglichen Schaffens und deutet an, daß die Entwicklung der Natur sich langsam zu höheren Formen entwickelt. In den widerstreitenden Prozessen entsteht Bewegung. Diese Bewegung ist unendlich, da auch Stoff und Form seit aller Ewigkeit aufeinander einwirken. Ergebnis ist eine ständige Veränderung.

3.2. Substanz

Etwas muß es jedoch geben, das verändert wird und das in diesem Wandel konstant bleibt.

Die Substanz weist hier zunächst den Weg: ,,Die Substanzen sind die primären, selbständigen Existenzen" (Ackrill 1985:174) meint Aristoteles und widmet ihnen großen Raum. Ihre Erforschung leistet die erste Philosophie, dies auf zweierlei Weise: Einmal erforscht sie alles Seiende qua Seiendem (Metaphysik _.1.1003a21) und deren erste Ursachen. Zum anderen ist sie erste Wissenschaft, weil sie eine bestimmte Substanz, nämlich Gott erforscht (Ackrill 1985:176). Sie soll demnach beides leisten: Das Wissen von Gott erschließen und die Attribute des Seienden qua Seiendem untersuchen. Diese Attribute sind ebenfalls göttlich: Es sind die allgemeinen Kennzeichen aller Dinge, die Grundlage alles Existierenden, zu denen man über die Untersuchung der Einzeldinge gelangen kann und die dann als die Ursachen aller Dinge erfaßt werden können (vgl. Barnes 1992:43f).

Aristoteles unterscheidet zwischen primären Substanzen, einzelnen Dingen, und sekundären Substanzen, die Arten und Gattungen bezeichnen (Ackrill 1985:178). Die wichtige Frage, was eine primäre Substanz ist, führt zu einer ersten Definition: Sie ist ein letztes Substrat und damit nicht abhängig, nicht Artefakt oder Teil. Letztlich sind nach Aristoteles alle Lebewesen im vollen Sinne substantiell: ,,Solche Dinge haben nicht nur ihre eigene Natur, sondern auch das Vermögen, sich zu erhalten und zu reproduzieren" (Ackrill 1985:180). Zu den Substanzen zählen somit nicht die Universalien, wie Platon annahm, und auch nicht die Zahlen. Die Aristotelischen Substanzen meinen Dinge, materielle Gegenstände von mittlerer Größe, die sich verändern und wahrnehmbar sind. Zu ihnen zählen Tiere und Pflanzen, Sonne, Mond und Sterne aber auch Tische, Stühle, Töpfe und Pfannen (vgl. Barnes 1992:73), ,,es sind Dinge, die herausgegriffen, identifiziert und individuiert werden können" (Barnes 1992:70) und deren ,,Existenz nicht davon abhängt, daß ein anderes Ding auf die eine oder andere Weise modifiziert wird" (Barnes 1992:71). Substanz ist die grundlegende Kategorie, die fundamentale Klasse der Prädikate der Dinge und des Seienden - und doch ist sie teilbar und veränderlich.

Substanzen bestehen aus den oben beschriebenen Teilen Form und Stoff. Diese sind ,,logische Teile der Substanzen" (Barnes 1992:76), die sich nicht in physisch und nicht-physisch unterscheiden lassen und in Substanzen immer gleichsam vorkommen müssen. Substanzen entstehen deshalb immer aus etwas Zugrundeliegendem, entweder durch Veränderung, durch Hinzufügung oder durch Wegnahme. Es gibt also etwas, das verändert wird und dabei konstant und kennzeichnend für das Ding bleibt. ,,Damit ein Ding sich verändern kann, muß es seine Identität bewahren, während es sich in einem bestimmten Aspekt ändert - in der Größe, Qualität, in der Lage" (Barnes 1992:76) - paradoxerweise kommt Aristoteles zu dem Schluß, daß nicht die Substanz das Ding sein kann, was konstant bleibt, denn dieses ändert sich. Vielmehr ist es der Stoff, der in der Veränderung weiter bleibt2. Der Stoff mit dem veränderten Prädikat ergibt weiterhin die Substanz. Damit ist das wesentliche Kennzeichen des Seienden benannt: Es kann sich verändern und aus seiner Wirklichkeit heraus einer Potentialität entgegenstreben.

3.3. Bewegtheit

Es gibt nun ein schlechthin Notwendiges, das Ursprung aller Substanz ist. Dies führt zu der Vorstellung des Bewegten und des Unbewegten. Ausgehend von der Annahme, die erste Ursache für alles Entstehen in der sublunarischen Welt sei in der natürlichen gleichmäßigen Bewegung der himmlischen Sphären zu finden sei (vgl. Brentano 1967:69ff), geht Aristoteles dazu über, keine Bewegung als erste Ursache zu akzeptieren, da sie selbst eine Ursache haben müsse. Gleichzeitig fordert er aber eine derartige erste Ursache, die Bewegung verursachen kann: Die Vorstellung ewiger Substanzen reicht ihm dabei nicht aus. Selbst wenn diese tätig sein könnten, so müßten sie dies nicht ewig leisten. Da es notwendig Bewegungen geben muß, muß es auch ein ewiges Prinzip geben, das diese leistet. (Metaphysik _.6.1071b4 nach Ackrill 1985:190). Im Bereich der begrenzten Körper allerdings läßt sich nichts denken, was unbewegt sein könnte: Die naturnotwendige Substanz muß geistig gedacht werden. Das Denken ist nach Ansicht Aristoteles` durchweg erstes Prinzip. Auch in der Natur, den Gestirnen, dem Aufbau von Pflanzen uvm. sieht Aristoteles ein Prinzip zugrundeliegen, daß einem ordnenden Verstand entsprungen sein muß (Brentano 1967:72f). Er vergleicht die Werke der Natur mit den Kunstwerken, die dem menschlichen Verstand entsprungen sind und findet bedeutende Ähnlichkeiten. Alles weist auf eine Motivation hin, auf ein Streben nach einem letzten Zweck. Sogar die Beziehungen zwischen den an sich schon wie verstandesmäßig geschaffenen Dingen sind zweckmäßig verknüpft. Der unbewegte Beweger, wie er genannt wird, muß aus diesen Gründen ein Verstand sein. Der Verstand muß der erste Grund überhaupt sein. Der Verstand ist nicht nur die Ursache für Bewegung und Ordnung, sondern auch die Ursache des Seins der Substanzen (Brentano 1967:77).

3.4. Gottesvorstellung

Die gleichmäßigen Himmelsbewegungen und die sich darin spiegelnde Vernünftigkeit machen es für Aristoteles notwendig, eine Gottheit zu begründen: Die ungeheure Genauigkeit und Gesetzmäßigkeit der Welt weist auf das Werk einer planenden Vernunft hin (Allan 1955:111). Die aristotelische Naturwissenschaft verlangte nach einem Glauben an ein höchstes Wesen. Dieses dürfte keine physische Existenz haben und müßte über mehr als die unzureichende menschliche Vernunft verfügen. Die immaterielle bewegende Ursache muß andererseits substantiell sein, da sie physischen Existenzen Bewegung verleihen muß (Buch __der Metaphysik). Sie muß ewig tätig sein, über Raum und Zeit erhaben sein, und auch auf die Planeten, Himmelskörper göttlicher Natur einwirken (die einzelnen Planetensphären werden nicht als selbständige personale Wesen, sondern als psychische Kräfte in einer komplexen Seele angesehen [Allan 1955:118]). Das höchste Wesen muß vollständig vernünftig sein

Dieser Gott ist reine Wirklichkeit und ohne jede Potentialität. Seine Tätigkeit impliziert keine Veränderung, ist nicht auf das Lösen von Problemen bedacht, sondern besteht aus Denken, der reinen Kontemplation (Ackrill 1985:196). Gott denkt dabei über Denken nach, Aristoteles besteht auf der ,,Reflexivität des Denkens des ersten Bewegers" (Oehler 1984:65); bei seinem reinen Denken gibt es keinen Unterschied zwischen Denken und Gedachtem mehr. ,,Der Gott des Aristoteles macht sich weder Gedanken über diese Welt der Veränderung, noch kümmert er sich um sie. Trotzdem hängt ihre Gleichmäßigkeit und Ordnung letztlich von ihm ab, da diese eine Folge davon sind, daß ihn alles auf eigene Weise nachahmt." (Ackrill 1985:196f). Diese Nachahmung zeigt sich in der stetigen Bewegung der Sterne, dem Wechsel der Jahreszeiten oder dem steten Reproduzieren der Lebewesen. In ihr wird der bewegende Gott sichtbar und für den forschenden Geist zugänglich.

4. Zur Kunstphilosophie

Was als Kunstphilosophie Aristoteles` übermittelt geblieben ist, findet sich zunächst in der Poetik. Diese Schrift ist den poietischen oder hervorbringenden Wissenschaften zugeordnet , insofern als daß es sich hierbei vor allem um die Bestimmung der Mittel für die Hervorbringung einer Kunst, hier speziell der Form des Dramas, handelt.

Kunst entspringt für Aristoteles aus dem Grundstreben des Menschen zum Wissen (vgl. Buch A der Metaphysik); es ist die Suche nach dem Wissen des Warum (Ulmer 1953:154). Ein großer Unterschied zur Auffassung Platons ergibt sich jedoch aus der Vernachlässigung der Frage des Nutzens oder der Brauchbarkeit der Künste für das Leben. Dies führt dazu, daß die Künste nicht mehr den anderen Gebieten der geistigen Betätigung untergeordnet, sondern ihnen zugestellt sind: Die Frage nach ihrem praktische Wert verliert ihre Relevanz (vgl Schasler 1971:198).

Drei Aspekte lassen sich hinsichtlich der Betrachtung von Kunst unterscheiden: Die Einstufung der Inspiration im künstlerischen Entstehungsprozeß, die Bedeutung der Technik und die Betrachtung der Wirkung, die das Werk auf Künstler wie auf Betrachter ausübt, in Bezug auf Verstand wie auf Emotion.

4.1. Kunstfertigkeit, Kunst und Wissenschaft

Bei der Bestimmung der Kunst bei Aristoteles ergibt sich die Notwendigkeit einer weiteren Herleitung und genaueren Eingrenzung. Kunst wird in der Antike zunächst als Kunstfertigkeit, als techne begriffen. Bei genauerer Betrachtung zeigen sich jedoch vielfältige Abstufungen hinsichtlich der Einschätzung von Art und Qualität bei der Ausübung der verschiedenen techne.

Aristoteles unterscheidet zunächst zwei Arten von Kunst: die gebrauchende und die, die fähig ist herzustellen. Die gebrauchende Kunst schreibt die Gestalt des Werkes aus dem erkannten Gebrauch heraus vor. Sie kann dementsprechend anleitend dem gegenüber sein, der die Fähigkeit besitzt, die Gestalt mit Hilfe des richtiges Werkzeugs und des richtiges Stoffs werden zu lassen (Ulmer 1953: 151). Beispiel für den gebrauchenden Künstler ist der Architekt, für den erstellenden der Maurer oder der Handwerker. Es wird gleichwohl angemerkt, daß der Handwerker, der eine einfache, nur Werkzeug gebrauchende Tätigkeit vollzieht, im Sinne der herstellenden Kunst kunstlos ist: Er weiß nicht ,,über die Möglichkeit eines Herstellens und seine Ursachen" (Ulmer 1953:152) zu entscheiden. Der Kunstfertige weiß einen Grund für sein Handeln zu nennen, was seine Tätigkeit als mit höherer Einsicht versehen erscheinen läßt: ,,Die Einsicht des Kunstfertigen ist also ein Verstehen aus dem Grunde" (Bröcker 1935:12).

Verstehen ist ein wichtiges Kriterium bei der Einstufung der Fertigkeiten. Für den Kunstfertigen bedeutet sie zunächst das Erkennen von Nutzen, für den Künstler auch dessen Grund. Verstehen bedeutet aber mehr bei Aristoteles: Es umfaßt die Einsicht in die Verfaßtheit der Welt. Der Kontakt mit diesen Bereichen erhebt die Kunst erst in Sphären, die bis dato nur der Wissenschaft zugestanden haben.

Der Mensch ist besonders dadurch ausgezeichnet, daß er die Dinge in ihrem Wesen offenbar machen kann (Ulmer 1953:127). Dieses Vermögen bezeichnet Ulmer als Wahrheiten; ein Vorgang, der besonders in der Kunst Verwirklichung findet. Kunst besteht dabei immer aus zwei Teilen, die erst in ihrem Zusammensein die Kunst ergeben. Diese sind einmal das Kennen des Allgemeinen, zum anderen die Fähigkeit, die Herstellung im einzelnen zu vollziehen. Kunst ist menschliche Tätigkeit, die aus dem vielfältig Möglichen der Wirklichkeit das kondensiert, was der Substanz der Dinge näherkommt: ,,Es betrifft aber jede Kunst ein Werden, und ihr Werk ist das Bewerkstelligen und Betrachten, daß und wie etwas von dem, was sein und auch nicht sein kann, wird, und von dem der Grund in dem Herstellenden, aber nicht in dem Hergestellten liegt." (1140 a 10 f).

Der Kern des Kunstschaffens findet sich denn auch in der ,,ganz bestimmte Verfaßtheit des sich Verstehens auf Herstellung" (Ulmer 1953:160). Kunst bestimmt sich ,,von ihrer höchsten Möglichkeit her" (Ulmer 1953:161) und wird ,,zurückgeführt auf ein eigenes Vermögen des Offenbarmachens, auf den Seelenteil, der das Wort hat und auch Verstand genannt wird" (ebd.). Offenbar werden soll die Wahrheit; beständige Gründe des Seienden sind notwendige Voraussetzung für das Kunstschaffen des Künstlers.

Kunst stellt nach diesem Verständnis Aristoteles` das Verstehen auf Herstellung zurück und betont die verstandesmäßige Leistung des Offenbarmachens. Das Herstellen selbst ist damit nicht der kennzeichnende Teil der Tüchtigkeit der Kunst, da das Herstellenkönnen schon tüchtig sein kann, auch wenn es sich nicht auf das Offenbarmachen und das Denken des Wahren konzentriert. Kunst besteht vielmehr aus einem besonderen Verstandesvermögen, der Verfassung des Wahrheitens. Hinzu kommt ,,auch ein bestimmtes Streben sowie eine bestimmte Verfassung von Wahrnehmung und Phantasie" (Ulmer 1953:163). Erst in diesem Dreiklang aus Fertigkeit, Denken und Phantasie hebt sich der Künstler aus dem Kunstschaffenden hervor und wird auf eine höhere Stufe der Einsicht gestellt.

Mit diesem Kunstbegriff wird Kunst von der Erfahrung abgegrenzt und auf die Stufe anderer Möglichkeiten des Offenbarmachens gestellt. Es ist ein Wahres und Allgemeines gesetzt, auf das sich das Offenbaren in mehrfacher Art bezieht. Kunst ist nach Aristoteles in diesem Verständnis einer der Wege der Annäherung an das Wahre. Kunst dient damit nicht der Ausbildung der Erfahrung auf der Ebene der Herstellung, sondern ist Teil der philosophischen Bestimmung des Menschen. Ihr kommt desweiteren ein gesellschaftlicher Auftrag zu und es sind auf inhaltlicher wie auf formaler Ebene Kriterien zu nennen, die den Wirkungsbereich der Kunst weiter präzisieren.

4.2. Sinne und Vernunf

Einsicht ist für Aristoteles in irgend einer Art das Bekanntwerden mit dem Seienden (Bröcker 1935:10). Dabei spielen sie Sinneseindrücke eine besondere Rolle, da über sie Umwelt wahrgenommen wird.

Die Sinne können einzelne Qualitäten von Dingen erfassen. So erfaßt der Geschmackssinn das Süße oder Saure, der Gesichtssinn die Farbe. Das Sehen wird dabei in Bezug auf die Lebensnotwendigkeit als der wichtigste Sinn betrachtet; hinsichtlich des Wissen und der Intelligenz wird das Hören als wichtiger eingestuft, da über diesen Sinn das vernünftige Reden aufgenommen wird (Ackrill 1985:99).

Die Erfassung von Qualitäten wie Gestalt, Bewegung oder Anzahl wird von mehreren Sinnen vollzogen, weshalb dies dem Gemeinsinn zugeordnet wird (vgl. Allan 1955:72). Dieser Sinn ,,vollzieht unausweichlich eine Verbindung unter den Gegebenheiten der besonderen Sinne und leistet damit den ersten Schritt zur Erlangung des Wissens" (Allan 1955:72). Er ist nicht mit Phantasie gleichzusetzen, da durch ihn lediglich schwächere Abbilder der Wirklichkeit erzeugt werden, die dann aber in Träumen auftauchen können. Es gilt bei Aristoteles der Satz, daß nichts im Verstande ist, was nicht irgendwie der Wahrnehmung entstammt (Brentano 1967:43). Jedoch tritt das Ding durch die Wahrnehmung nicht in seiner Totalität in das Bewußtsein ein: Wahrnehmung nimmt nur die Bilder, die Zustände und Qualitäten auf (Kafka 1922:106).

Es ergibt sich bei Aristoteles eine Stufenreihe von Vermögen in der Reihe besonderer Sinn, Gemeinsinn, Vorstellung, Verstand. Vorstellung stellt dabei eine Menge vergangener Eindrücke zur Verfügung. Der Vernunft obliegt es, gesetzliche Beziehungen zu entdecken und allgemeine Begriffe zu bilden (Allan 1955:77). Über angeborene Erkenntnisse verfügt diese Vernunft nicht, vielmehr wird ihr, besonders im Zustand der Erkenntnis oder der Intuition, eine Form oder Wesenheit eingeprägt.

Mit diesen Sinnen zu operieren schafft nach Aristoteles Vergnügen: Das größte Vergnügen erwächst dabei durch die Erkenntnis, die vielfach auf sinnlichen Eindrücken basiert. Das Vergnügen beim Betrachten der Malerei ergibt sich etwa aus dem Ziehen des Schlusses, daß etwas Abgebildetes etwas Bestimmtes sei. Das Identifizieren des Dargestellten, ist der erfreuende Vorgang, da im Zuge dessen gelernt wird und sich Erkenntnis ergibt:

,,Da das Lernen Vergnügen bereitet und das Sich-Wundern, ist notwendigerweise auch dies vergnüglich, etwa das nachahmende Darstellen wie die Malerei, die Bildhauerkunst und die Dichtkunst, sowie jedes Erzeugnis geschickter Nachahmung, auch wenn der nachgeahmte Gegenstand selbst kein Vergnügen hervorruft. Denn nicht darüber freut man sich; es findet vielmehr ein Schlußverfahren statt, daß dieses das sei, so daß sich ein Lernen von etwas zuträgt." (Rhetorik 1,11 71b 3ff, nach: Fuhrmann 1992:20)

So betont Aristoteles die intellektuelle Seite des Kunstgenusses. An anderer Stelle (4.Kap Poetik) verweist er aber auch darauf, daß eine Nachahmung wegen der Ausführung oder der Farbe Vergnügen bereiten könne (in der Tragödie wären es Melodie und Rhythmus), allerdings wird dies nicht den Anspruch auf Erkenntnisgewinn ersetzen können. Zwei Stufen des ästhetischen Vergnügens ergeben sich aus dem Dargestellten: Sinnliche Reize, ausgelöst durch technische Perfektion und intellektuelle Betätigung, ausgelöst durch die angestoßene Frage nach der Identität des Dargestellten.

4.3. Katharsis

Die Lehre der Katharsis ist zentrales Element dessen, was von Aristoteles zum Thema Kunst überliefert geblieben ist: In ihr zeigt sich die neue Bedeutung, die Aristoteles der Kunst zuwies. War Kunstgenuß bei Platon noch eine gefährliche Emotionalisierung des Zuschauers, eine gefährliche Steigerung der Leidenschaftlichkeit, die die Vernunft zersetzt, so deutet Aristoteles die Erregung von Gefühlen als positives Element der Kunst um. Grundsätzlich ,,galten ihm die Affekte nicht als etwas schlechthin Minderwertiges und Sinnloses; er deutete sie vielmehr als notwendige Stimulantien des habituellen Verhaltens" (Fuhrmann 1992:75). Die Katharsis der Affekte Jammern und Schaudern (sie waren bereits durch Gorgias von Leoninoi benannt [Fuhrmann 1992:95]) wird als ihre eigentliche Aufgabe hervorgehoben. Leider ist sie nur an wenigen Stellen und auch dort nur sehr unzureichend erläutert. Nicht einmal die Übersetzung des Ausdrucks mit seiner Genitiv-Konstruktion ruft Übereinstimmung hervor: So kann sowohl die Reinigung der Affekte wie die Reinigung von den Affekten gemeint gewesen sein oder auch den Affekten selber die reinigende Kraft zugeschrieben werden. Letztere Deutung erhält heute weitgehend den Vorzug, da Aristoteles in Hinblick auf hypersensible Naturen der Kunst eine kathartische Wirkung zuschrieb. ,,Denn die ,heiligen Gesänge` sollen die Seele des Psychopathen in einen Organismus des Affektes versetzen, sie dadurch erleichtern und reinigen" (Kafka 1922:173f). Kafka sieht demzufolge den Vorgang der Katharsis mit dem zusammenfallen, was heute psychologisch als ,,`abreagieren` verdrängter oder gehemmter Affekte" (Kafka 1922:174) bezeichnet wird. Er schließt daraus, daß Kunstgenuß ,,auf einen psychotherapeutischen Zweck" eingeschränkt und ,,zu einem Akt geistiger Hygiene" herabgesetzt wird (ebd.).

Schasler betont die kathartische Wirkung der Kunst stärker in Bezug auf Wirklichkeit: Das Kunstwerk sieht er als ,,Gereinigtes Bilde der Wirklichkeit" (Schasler 1971:136) und überträgt die Reinigung damit auf einen ideellen Sinninhalt.

Fuhrmann bemüht sich, die vielfältigen Interpretationsansätze zu ordnen und unterteilt sie in drei Weisen des Verständnisses: Er unterscheidet ein ethisches, ein medizinisches und ein intellektuelles Verständnis. Für alle lassen sich Belege bei Aristoteles finden - die Katharsislehre bleibt aber ,,eines der schwierigsten Elemente der aristotelischen Poetik" (Fuhrmann 1992:101). Die ethische Deutung bestand vor allem bis Mitte des 19.Jahrhunderts. Lessing, als einer ihrer herausragenden Vertreter, verstand die Reinigung in der ,,Verwandlung der Leidenschaften in tugendhafte Fertigkeiten" (Fuhrmann 1992:102). Dahingegen deutete Bernays, als Vertreter des medizinischen Ansatzes die Katharsis als Heilung, als Therapie, ,,welche seelisch Beklemmendes ,nicht zu verwandeln oder zurückzudrängen sucht, sondern es aufregen, hervortreiben und dadurch Erleichterung des Beklommenen bewirken will`" (Fuhrmann 1992:102). Die neueste, intellektualistische Position sieht die emotionalen Erregungs- und Entlastungsprozesse und deutet die Katharsis als eine ,,Klärung durch den Verstand" (Fuhrmann 1992:109): Die Musik ,,reinigt den Zuschauer, indem sie ihm die Grenzen und die Gefährdung menschlicher Existenz vor Augen führt und indem sie ihm auf diese Weise zur Selbsterkenntnis nötigt" (Fuhrmann 1992:110). Der Weg zu jeder Art der Reinigung führt über die künstlerische Darstellung. Hierin findet Kunst eine ihrer wensentlichen Bestimmungen und Kennzeichen für die weitere Kategorisierung. Kunst bleibt, ganz in der Tradition der Antiken Kunstvorstellung der Nachahmung verpflichtet; doch ist sie um die Aufforderung zur Idealisierung entscheidend erweitert.

4.4. Idealisierende Nachahmung

Im ersten Kapitel der Poetik unterscheidet Aristoteles implizit zwei Hauptbereiche der abbildenden Künste: Zum einen die Poiesis, zum anderen die bildenden Künste, die Malerei und die Plastik. Wie die Poiesis Sprache, Rhythmus und Melodie verwendet, verwendet der bildende Künstler Formen und Farben. Allesamt sind sie nachahmend tätig, sie ahmen Handelnde Menschen nach. Nachahmen begreift hier jedoch nicht das getreuliche Abbilden einer vorhandenen Wirklichkeit, da zwei Aspekte betont werden: Ein notwendiger kathartischer Effekt und - daraus abgeleitet - die Glaubwürdigkeit des Werkes.

Aus der Betonung der kathartischen Effekte der Kunst erklärt sich die Verformung des Nachahmungsbegriffes: zu kathartischen Zwecken kann sie nun auch idealisierend und karrikierend arbeiten. Nicht nur das, was geschehen ist, sondern auch das, was geschehen kann, soll dargestellt werden, wobei die Regeln der Wahrscheinlichkeit und der Notwendigkeit Beachtung finden müssen. Nicht einmalige und wirkliche, sondern allgemeingültige und mögliche Handlungen sind nach Aristoteles` Postulat Gegenstand der Dichtung.

Um die affektische Wirkung der Kunst zu erzielen, muß der Zuschauer das Dargestellte auf sich beziehen, obwohl er selbst nicht Gegenstand der Darstellung ist. Daraus leitet Aristoteles die Forderung ab, nicht Einmaliges, sondern Allgemeingültiges solle dargestellt werden (Kap.9): ,,ihre Figuren sind Symbole, die von ihr geschilderten Ereigniszusammenhänge sind Modelle" (Fuhrmann 1992:31). Damit löst sich Kunst von der Wirklichkeit.

Orientierungspunkt ist nunmehr die Glaubwürdigkeit, die erst aus dem Dargestellten ein wirkendes und künstlerisches Werk macht. Zu diesem Zweck sind auch Abwandelungen erlaubt und notwendig, da sonst nicht das Allgemeine erreicht werden könnte und das Sujet nicht mitzureißen vermöge. Fuhrmann warnt jedoch davor, ,,aus der aristotelischen Poetik das Postulat einer wahrhaft autonomen poetischen Welt herauszulesen" (Fuhrmann 1992:34). Die Abwandlungen, als Steigerungen der Kunst begriffen, bleiben weiterhin durch den alles überragenden Leitgedanken der Nachahmung begrenzt; die nun eingeführte Forderung nach einer Steigerung der Kunst bezieht sich auf Ganzheit, Einheit und den inneren Zusammenhang.

Durch die Hinzunahme der Abwandelungsmöglichkeit zum Nachahmungsdogma der Antike eröffnet sich trotz weiterbestehender Grenzen eine neue Freiheit des Künstlers: Wenn er sich nun der Nachgestaltung einer Idee widmet, ist seine nachahmende Tätigkeit quasi von der Wirklichkeit losgelöst. Seine Tätigkeit geht über die Wirklichkeit hinaus und schafft ein ideales Werk. Schasler nennt diese nachahmende Handlung ,,freies Gestalten" (Schasler 1971:137) und merkt an: ,,bei Aristoteles fällt der Begriff des ,Nachahmens` mit dem des Idealisierens (d.h. Realisierens der Idee in individueller Form) zu dem des Gestaltens zusammen" (ebd.). Die Aufgabe des Künstlers besteht nunmehr in der Idealisierung der Idee. Dies geschieht durch das zunächst subjektive Erfassen durch Denken und fließt in eine objektiv faßbare Darstellung dieser. Damit bringt er, wie auch der Wissenschaftler und die Philosophie, die Idee zum Ausdruck. Er wandelt Natur um und bringt sie in einen neu begriffenen Zustand der Schönheit, zur ,,ideellen Reinheit" (Schasler 1971:140). Nachahmung bei Aristoteles meint damit die ,,subjektive Gestaltung des Wirklichen nach Maßgabe des Ideals" (Schasler 1971:140). Nachahmung bezieht sich dadurch nicht mehr rein auf das Äußerliche, sondern betont die darin enthaltene Idee (Schasler 1971:143). Was die Wahl der Objekte angeht, ist die Kunst trotzdem nicht frei: Sie ist weiterhin an das Wahrhafte und an das Ideelle gebunden; nur diese Bindung führt zu der Vorgabe, im Kunstwerk Wirklichkeit verändern zu dürfen.

5. Ansichten zur Malerei

Durch die realistische Wirklichkeitsauffassung Aristoteles` wird die Malerei philosophisch positiv bewertet. Seine Lehre stellt allgemeine Anforderungen an alle Künste und unterscheidet ihren Rang in der ihnen innewohnenden Fähigkeit, diese bestmöglich umzusetzen.

5.1. Qualitative Werkaspekte

Aristoteles unterscheidet zwischen formalen, konkreten und ethischen Aspekten des Kunstwerks (vgl. Schasler 1971:125ff). Hinsichtlich der Formalia läßt sich anführen, daß es die Kriterien der Begrenzung (als Unterscheidung des Einen gegen Viele), der Ordnung (die vollständig insofern sein soll, als daß seine Einzelteile durch Veränderung in Unordnung gebracht würden) und das Kriterium des Ebenmaßes gegeben werden (Schasler 1971:129). Hinsichtlich der konkreten Merkmale eines guten Werks führt Aristoteles einzig die Größe an: Da die Schönheit nur durch das schauende Subjekt zu beurteilen ist, muß das Kunstwerk eine angemessene, also nicht zu kleine oder zu große Größe besitzen. Es würde seine Wirkung verlieren, wenn es nicht angemessen wahrgenommen werden könnte. Am Beispiel einer Statue führt Aristoteles aus: ,,...ein schöner Gegenstand, ob es sich um einen lebendigen Organismus oder um jedes andere, aus Teileinheiten gemachte Ganze handelt, muß nicht nur eine geordnete Komposition von Teilen, sondern muß auch von einer bestimmten Größe sein; denn Schönheit hängt von der Größe und von der Ordnungsgesetzlichkeit ab." (Aristotle: On Poetry and Musik, S.11, hrsg. Von Milton C. Nahm, zit. nach: Kultermann 1998:29). Schönheit ist darum für Aristoteles ein individuelles Kennzeichen, das in der jeweils vollendeten Einheit von Form und Inhalt erreicht ist.

Inhaltlich macht Aristoteles eine weitere bedeutsame Einschränkung: Kunst muß seiner Ansicht nach menschliche Stimmungen und Handlungen nachahmen. Daraus resultiert, daß bei dieser Festlegung in der Plastik keine Darstellungen von Göttern und in der Malerei nur eine eng begrenzte Zahl von Motiven möglich sind, die als Kunst anerkannt werden können. Das Ethische, das erdachte Ideal, ist jedoch das eigentliche Ziel der Kunst: Das Unvollkommene in der konkreten Welt wird notwendigerweise vervollkommnet und der ihr basierenden Idee angenähert. Das gute Handeln ist hierbei für den Handelnden selbst mit Glückseligkeit, für den Zuschauer mit dem Gefühl des Angenehmen verbunden. In der Kunst kann sich dann der Betrachter mittels seines Verstandes an dem dargestellten Ideal erfreuen, weil er aus ihm lernt. Außerdem wird seine Seele von Affekten gereinigt werden. Zu diesen Zwecken eignen sich nach Aristoteles` Auffassung die verschiedenen Künste allerdings in unterschiedlichem Ausmaß.

5.2. Rangfolge der Künste

Mit Hilfe des Bewegungsbegriffs unternimmt Aristoteles eine Kategorisierung der Künste: Er unterteilt in bewegte und unbewegte Gattungen. Zu den nachahmende Künsten der Bewegung rechnet er Musik, Tanz oder auch Poesie (als Bewegung des Wortes); als Künste der Ruhe begreift er nur die Plastik und die Malerei. Architektur bleibt von dieser Kategorisierung ausgeschlossen und darf sich nicht als Kunstgattung begreifen. Der Grund liegt im Nachahmungsbegriff begründet: Notwendig für ein Werk sind die Darstellung von Gemütsstimmung, Leidenschaft und Handlung. Diese Nachahmung kann die Architektur nicht leisten und bleibt deshalb ausgeschlossen. In ihr (wie in dem Stilleben oder der Landschaftsmalerei) kommt die menschliche Sphäre nicht zum Ausdruck. Die Ablehnung als Werk der Kunst erschließt sich auch daraus, daß sie nicht in der Lage wären, kathartisch zu wirken und nicht ausreichend die Idee vermitteln können.

Deutlich wird hier, daß Aristoteles nicht die künstlerische Gestaltung, sondern den subjektiven Sinn betont - und deshalb gezwungen ist, sein Kunstverständnis derart eng auszulegen.

Die Ausdrucksmöglichkeiten der Kunstgattungen lassen Aristoteles weiter die Künste einordnen. So können Künste der Bewegung Stimmungen und Gefühlsausdrücke wirklich nachahmen, die bildenden Künste aber nur symbolische Andeutungen davon machen (vgl. Schasler 1971:196): Die Künste der Bewegung sind aus diesem Grund als die höheren zu bewerten. Die Fähigkeit zur Nachahmung liegt in zweierlei Bewegung begründet: Bewegung findet Aristoteles bei Wechseln der Farbe und in der Form bei Rhythmen. Da Farbwechsel in den bildenden Künsten nicht dargestellt werden können, bleibt für sie allein das Formkriterium. Weil in der Plastik das Stoffliche stärker betont ist als die äußere Ausschmückung (ganz im Gegensatz zur Malerei, die die Farbe betont) ergibt sich, daß die Plastik der Malerei überlegen ist (vgl. Schasler 1971:197).

5.3. Vorzüge der Malerei

Drei für das menschliche Leben positive Elemente beinhaltet die Malerei: Sie verschafft ästhetisches Vergnügen, bietet einen Lerneffekt und ermöglicht kathartische Wirkung. Damit erfüllt sie die grundlegenden Kriterien des Kunstwerks.

Das Vergnügen entsteht aus der Schönheit der Darstellung heraus und durch maßvolle und harmonische Abbildung. Außerdem durch die Kunstfertigkeit des Malers, die sich im Bild zeigt sowie die gute Farbgebung. Gelernt werden kann im Gemälde, was ein jedes ist. Man kann einen bekannten Menschen wiedererkennen und Dinge sehen lernen, die man nie zuvor zu Gesicht bekommen hat. In diesem Fall wirkt die Malerei quasi photographisch nachahmend. Trotzdem kann Malerei nicht alles künstlerisch darstellen. Die inhaltlichen Vorgaben grenzen beispielsweise Stilleben und Landschaftsmalerei aus. In ihnen fehlt das Menschliche, wodurch weder Stimmungen und Handlungen dargestellt werden können, noch reinigend gewirkt werden kann.

Zudem ist das Wesen der Dinge durch die Malerei erlernbar. Dies besonders in dem Fall, in dem sie idealisierend nachahmt. Die idealisierte Form wird durch das Zusammenbringen von getrennt Zerstreutem in eines erreicht (Thommes, 1996:21). Dieses sich ergebende ideale Objekt dient dazu, die Dinge in ihrem Wesen darzustellen. Weiterhin kann die Malerei von den Affekten Mitleid und Furcht (übers. Nach O. Gigon, Stuttgart 1969) reinigen. Thommes führt das Beispiel der Darstellung des Todes als einen Zustand des Einschlafens eines noch bei Verstand seienden Menschen in angenehmer familiärer Umgebung an, das dem Betrachter die Furcht vor dem Tod nehmen soll und dadurch kathartisch wirkt.

5.4. Fähigkeiten des Malers

Drei Eigenschaften benötigt der Maler für seine Tätigkeit: Wissen, Phantasie und Können. ,,Er benötigt das Wissen vom Wesen der Dinge (zumindest ansatzweise), und er muß über Phantasie verfügen, um dieses Wissen angemessen wiedergeben zu können." (Thommes 1996:21). Zudem muß er sein Handwerk beherrschen. Der Maler rückt demnach in die Nähe des Wissenschaftlers und ist nicht mehr der unwissende Scheinbildner, den Platon noch in ihm sah. ,,Der Maler ist nach Aristoteles nicht nur bloßer Abbilder des Vorhandenen, sondern im wesentlichen der idealisierende Umgestalter des Gegebenen. Das Wesen der Dinge ist das eigentliche Ziel der Malerei." (Thommes 1996:21)

Dem Künstler allgemein wie dem Maler im speziellen kommt in der Philosophie Aristoteles erstmals das zu, was ihm heute zwingend zugeschrieben wird: Phantasie. Jedoch ist die Bedeutung entscheidend eingeschränkt: Die Phantasie ist immer auf das gedachte Ideal hin ausgerichtet. Sie folgt den Vorgaben des Verstandes.

Es bleibt ein Künstlerverständnis, daß stark rationalistisch geprägt ist. Kunst ist im wesentlichen ,,Erzeugungen einer Techne" (Fuhrmann 1992:81) und die Vermittlung einer verstandesmäßig erfaßten Idee. Die subjektiven Voraussetzungen sind bei Aristoteles nicht sehr ausgeprägt: Statt der Eingebung Gottes, wie sie früher schon dem Künstler noch zugeschrieben worden war, bliebt dem Künstler nun noch etwas Talent, dem Dichter die Anlage, Metaphern zu finden und dem Maler etwas Phantasie. Im Gegensatz zu Platon ist sein anerkannter Spielraum dennoch erweitert.

Zur Befähigung des Dichters beispielsweise werden ,,die hierfür besonders Begabten" genannt. Dies kann als ,,unemphatische Formel" begriffen werden, die auf eine Disposition verweist, die ,,sich nur wenig von der Norm, vom durchschnittlichen künstlerischen Vermögen beliebiger Menschen unterscheide" (Fuhrmann 1992:23). Vielmehr würden sie nur als Werkzeuge eines quasi naturgesetzlichen Vorgangs etwas Vorgezeichnetes vollenden, ohne dabei wesentlich spontan handeln zu müssen oder auf rational nicht vorhersehbares oder erklärbares zurückgreifen zu müssen.

Für den ausübenden Künstler ergeben sich weitere Einschränkungen: Aristoteles ist der Ansicht, daß jede Kunst banausisch werde, die für Lohn und in übertriebenem Ausmaß betrieben wird. ,,Besonders dadurch, daß solcher Beruf als Broderwerk betrachtet wird, werde die Kunst, die dazu dienen soll, entwürdigt" (Schasler 1971:200). Als Kennzeichen echter Kunstausübung bringt Aristoteles die Freiheit an, in materieller wie in geistiger Hinsicht. Übertrieben wird Kunst im Virtuosentum: wenn es Künstlern ,,gar nicht auf die Kunst und die künstlerische Wirkung ankomme, sondern lediglich auf Erregung sinnlichen Ergötzens und staunender Verwunderung" (Schasler 1971:200), werde der Zweck der Kunst, die Lust am Schönen zu erwecken verfehlt und dem Künstler selbst Schaden angetan.

6. Schlußbetrachtung

Zweierlei hat sich in der Auseinandersetzung mit Aristoteles gezeigt: Mit seiner Philosophie ist sowohl das Phantasievolle wie auch das höchst Verstandesmäßige in die Vorstellung von Kunst eingetreten. Dabei ist die Frage unvermeidbar, welchen dieser beiden Pole Aristoteles denn nun betont hat. Wenn Kunst nicht die unzulängliche Wirklichkeit nachahmen soll, sondern das verschüttete Ideal zum Ausdruck bringen soll, braucht es die Phantasie des Künstlers um ein Bild des Ideals zu schaffen, nach dem das Kunstwerk gerichtet werden soll. Diese Fähigkeit besteht ,,in der angeborenen Gabe, sich lebhaft Alles im Innern gleichsam als Bild vor den inneren Blick zu stellen (Schasler 1971:147). Das Werk würde dadurch zu einer Nachahmung eines Phantasiebildes, ganz wie Platon es anprangerte. Das Bild ist aber nicht willkürlich, sondern dem Ideal verpflichtet, die Phantasie ist zielgerichtet. Sie ist Instrument für ein aus dem Verstand entstammendes Bild und deshalb nachgeordnet.

Auch Aristoteles geht davon aus, daß ein Kunstwerk nie vollkommensein kann. Es bleibt stets eine Differenz gegen das Phantasiebild und damit auch eine Differenz gegenüber dem eigentlichen Ideal. Dies ist Aristoteles durchaus bewußt und gerade der letzte Punkt ist seinem philosophischen Ideal immanent. Nicht hinter der sichtbaren Welt, sondern gerade in ihr, durch fortschreitende Verbesserung und Annäherung ist das Ideal zu finden. Daß das Werk aber eine Darstellung künstlerischer Phantasie werden könnte, das impliziert Aristoteles nicht. Kunst ist gerade Teil geworden am Prozeß der empirischen Annäherung an das Ideal, sie ist jetzt verstandesgelenkt und hat Teil an der Erforschung der uns umgebenden Wirklichkeit.

Aristoteles vertraut in unsere Sinne und vertraut auch in die Kunst. Er überträgt ihr Aufgaben und schreibt ihr Fähigkeiten zu, die sonst nur Philosophen eigen sein konnten. Gleichzeitig schränkt er ihren Radius ein und dämpft den ihr zugeschriebenen Einfluß. Die Kriterien, die Aristoteles zu ihrer Unterscheidung zu anderen Geistestätigkeiten und auch zur Differenzierung untereinander anführt, sind streng und heute unvertraut.

Aristoteles war durchaus Wegbereiter: Dreierlei Andeutungen eines sehr modernen Kunstverständnisses werden sichtbar: Zum einen ist es der sich bis heute stetig vollziehende Prozeß der Annäherung der Kunst an einen vorgestellten Gegenstand, der in seiner idealen Form nur im Innern des Schaffenden existieren kann: Es ist die erste Beschreibung des inneren Ringens des Künstlers um die richtige, die angemessene Form für eine in ihm nicht zum Ausdruck zu bringende Vorstellung eines idealisierten Bildes, die uns heute so vertraut klingt. Damit geht die Öffnung für Phantasie einher. Bei Aristoteles hatte sie noch nicht die Implikation des genialischen Gestalters mit ihm eingegebenen Bildern. Er läßt der Phantasie den ersten vernunftgeleiteten Spalt in die Welt der Kunst, der sich von nun an immer weiter geöffnet hat.Und drittens klingt der Appell um Zweckfreiheit der Kunst nur allzu vertraut in heutigen Ohren. Schon Aristoteles war der Ansicht, daß die berufsmäßige Ausübung der Kunst schaden würde - und sah sich aller Wahrscheinlichkeit nach dem auch heute zu beobachtenden Effekt gegenüber, daß sowohl künstlerischer Erfolg weitere Tätigkeit schafft, wie auch hohe Kunst nur mit dauerhafter Auseinandersetzung erlangt werden kann, so daß sein Idealbild des Künstlers mit der Wirklichkeit kontrastierte.

An mancher Stelle hat Aristoteles sein Weltbild in Bezug auf Kunst eng geschnürt und ist, wie es seine Art war, streng an Prinzipien heftend zur Analyse geschritten. Dabei fielen Klassen von Werken aus einem einsichtigen Kunstverständnis heraus, weil er dem Gedanken Vorrang vor dem Können gegeben hat. Kunst hat bei Aristoteles Funktion und ist noch lange nicht bei ihrer modernen Zweckfreiheit angelangt. Kritiker nennen sein Kunstverständnis ,,Nützlichkeitsfanatismus" (Kafka 1922:175) und werfen ihm die Betonung der Erziehung und Entlastung der gemeinen Menschen vor. In ihren Augen ist von der als Phantasie eingeführten Idealisierung eigentlich nur ein Abklatsch übriggeblieben, der, vom Ziel geleitet, den vorgegebenen moralischen Prämissen frönt. Kunst trägt unzweifelhaft bei Aristoteles Aufgaben und muß sich in den Dienst der Gemeinschaft stellen. Von Kunst um der Kunst willen ist noch nichts zu spüren, auch ihre Betätigung kann nicht für den eigenen Genuß geschehen. Aristoteles hätte dies auch nie gutheißen können: Da stand ihm schon die Verehrung seines eigenen Verstandes im Wege.

7. Literaturnachweise

Aristoteles: Poetik. Übersetzt und herausgegeben von Manfred Fuhrmann. Stuttgart 1982.

Aristoteles: Metaphysik. Übersetzt und herausgegeben von Franz F. Schwarz. Stuttgart 1970.

John L. Akrill: Aristoteles - Eine Einführung in sein Philosophieren. Berlin 1985.

D.J. Allan: Die Philosophie des Aristoteles. Hamburg 1955.

Jonathan Barnes: Aristoteles - Eine Einführung. Stuttgart 1992.

Franz Brentano: Aristoteles und seine Weltanschauung. Darmstadt 1967. Erstmals Leipzig 1911.

Walter Bröcker: Aristoteles. Frankfurt, 1935.

Manfred Fuhrmann: Dichtungstheorie der Antike - Aristoteles, Horaz, ,Longin`. Darmstadt 1992.

Gustav Kafka: Aristoteles. München 1922.

Udo Kultermann: Kleine Geschichte der Kunsttheorie. Darmstadt 1998.

Jürgen Mittelstraß (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie Band 1. Mannhein, Wien, Zürich 1980.

Karl Ulmer: Wahrheit, Kunst und Natur bei Aristoteles. Ein Beitrag zur Aufklärung der metaphysischen Herkunft der modernen Technik. Tübingen 1953.

Klaus Oehler: Der Unbewegte Beweger des Aristoteles. Frankfurt 1984.

Max Schasler: Ästhetik als Philosophie des Schönen und der Kunst. Aalen 1971, erstmals Berlin 1872.

Armin Thommes, Philosophie der Malerei, Von Platon bis zu Jean-Francois Lyotard. Mainz, 1996.

Max Wundt: Untersuchungen zur Metaphysik des Aristoteles. Stuttgart 1953.

[...]


1 Vgl. Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie Band 1, herausgegeben von Jürgen Mittelstraß. Mannhein, Wien, Zürich 1980, S168f.

2 Diese Deutung ist nicht unumstritten: So nennt Ackrill die Form als primäre Substanz: Hauptmerkmal der Substanz ist die ,,individuelle, selbständige Existenz" (Ackrill 1985:185), obwohl es so scheint, als müsse man erst jede Qualität, Quantität usw. abziehen (die nur von Substanz getragen werden können), um zu ihr zu gelangen (Metaphysik Z 3.1028b33). ,,Die allgemeine Position des Aristoteles ist danach die folgende. Die Individuen wirklicher Arten bilden die fundamentalen Substanzen (selbständige, erkennbare Subjekte der Prädikation), und ihr Wesen oder ihre Form gibt ihnen dieses substantielle Sein. Also ist von dem Trio: Form, Stoff, Zusammengesetztes die Form die ,primäre Substanz`, da sie die ,Ursache` des substantiellen Seins des Zusammengesetzten ist." (Ackrill 1985:188). Es ist anzumerken, daß der Bergiff der ,,primären Substanz" zu den Schwierigkeiten führt. Einmal bezeichnet er die Wirkung, im anderen Fall das, in das gewirkt wird. Beides ließe unter Absehung des strittigen Begriffs durchaus kombinieren.

21 von 21 Seiten

Details

Titel
Die Kunstphilosophie bei Aristoteles unter besonderer Berücksichtigung der Malerei
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Veranstaltung
Fachbereich Philosophie, Übung: Philosophie der Malerei
Autor
Jahr
1999
Seiten
21
Katalognummer
V95884
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kunstphilosophie, Aristoteles, Berücksichtigung, Malerei, Fachbereich, Philosophie
Arbeit zitieren
Philipp Müller (Autor), 1999, Die Kunstphilosophie bei Aristoteles unter besonderer Berücksichtigung der Malerei, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/95884

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