Staatsbürgerschaft im Spannungsfeld der Entgrenzung

Die Ausgestaltung des identitären Bezugsrahmens zur EU zwischen Wirtschaftsbündnis, Wertegemeinschaft oder politischer Union?


Hausarbeit, 2018

40 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Relevanz des vorliegenden Themas

3. Forschungsstand
3.1 Erkenntnisinteresse

4. Theoretischer Teil
4.1 Staatsbürgerschaft und Identität
4.2 Das Konzept der Europäischen Identität
4.3 Ausgestaltungsformen des identitären Bezugsrahmens zur EU
4.3.1 Die Europäische Union als Wirtschaftsbündnis
4.3.2 EU als politische Union
4.3.3. EU als Wertegemeinschaft

5. Darstellung aus forschungsmethodischer Sicht
5.1 Stichprobenauswahl
5.2 Datenaufbereitung
5.3 Auswertung der Daten
5.4 Einzelfallanalysen

6. Auswertung

7. Fazit

Literaturverzeichnis/Literaturüberblick

Anhang (Fallübersicht)

1. Einleitung

In der vorliegenden Forschungsarbeit geht es, grob formuliert, um die Konzepte Staatbürgerschaft und Identität, die durch das Phänomen der Entgrenzung zunehmend unter Druck geraten und herausgefordert werden. Dabei ist Staatsbürgerschaft und Entgrenzung ein sehr gegensätzliches Begriffspaar, welches sich durch ein beständiges Spannungsverhältnis auszeichnet. Staatsbürgerschaft kann als ein historisch gewachsenes Konzept angesehen werden, dessen Genese mit dem Aufkommen des modernen Nationalstaats einherging. Analog dazu entwickelte sich das herkömmliche Verständnis kollektiver Identität. Das Phänomen der Entgrenzung hingegen ist deutlich jünger und konstituiert sich durch mehrere jüngere Entwicklungen, als da wären Transnationalisierung, Globalisierung und Europäisierung. Dabei wird in der praktischen Umsetzung des Forschungsvorhabens insbesondere auf letztere eingegangen, da die Rückwirkungen der Europäisierung insbesondere bei der jüngeren Generation Deutschlands eine gewichtige Rolle spielt und deren Sozialisation außerdem nachhaltig geprägt hat. An dieser Stelle setzt das Erkenntnisinteresse der Forschung an, dabei interessiert in erster Linie das Vorhandensein der europäischen Identität, sowie deren Ausprägung. Dass neben der unbestreitbar vorhandenen nationalen Identität, eine europäischen Parallelidentität im Begriff ist sich zu entwickeln, scheint ebenfalls gesichert. Allerdings besteht Uneinigkeit über die Gestaltung derselben, sowie ihrer jeweiligen Art der Ausprägung. In der vorliegenden Forschungsarbeit soll zwischen mehreren möglichen Ausprägungsarten unterschieden werden, um dem diffus vorhandenen europäischen Identitätskonzept etwas mehr Kontur zu verleihen. Anfangs soll zuerst das Bestehen einer europäischen Identität festgestellt werden, um daraufhin eine Tendenz des identitären Bezugsrahmens innerhalb dreier Ausgestaltungsformen herauszuarbeiten. Dabei soll unterschieden werden zwischen Wirtschaftsbündnis, Wertegemeinschaft und politischem Bündnis. Dies soll im Fokus der vorliegenden Forschungsarbeit stehen, erfragt durch Erfahrungen und Beweggründe jüngerer deutscher Erwachsener, die den identitären Bezugsrahmen zur Europäischen Union beeinflussen und bestimmen.

Nachfolgend wird zuerst auf die Relevanz des vorliegenden Themas eingegangen, bevor anschließend ein Blick auf den gegenwärtigen Forschungsstand geworfen wird. Anschließend werden in einem theoretischen Teil die bereits eingangs erwähnten Begrifflichkeiten einer etwas genaueren Beobachtung unterzogen, um die relevante Problematik adäquat ersichtlich werden zu lassen und um ein ausreichendes theoretisches Fundament für die kommende Forschung bereitzustellen. Nach der Erläuterung der forschungsmethodischen Durchführung erfolgt die Auswertung der erhobenen Daten. Abschließend werden in einem Fazit die zentralen Erkenntnisse festgehalten und auf weitere Forschungsansätze verwiesen.

2. Relevanz des vorliegenden Themas

Geht es um das Thema Staatsbürgerschaft, so wird sich hier jeder Leser als Staatsbürger eines bestimmten Landes identifizieren, eventuell auch mehrerer. Manch einer identifiziert sich in nationaler Dimension, ein anderer wiederum eher als Europäer, es mag vielleicht sogar den einen oder anderen geben, der sich als Weltbürger bezeichnen würde.

Wie dem auch sei, Staatsbürgerschaft erscheint in nationaler Dimension nicht mehr wirklich zeitgemäß, zu omnipräsent drängen sich uns in atemberaubender Geschwindigkeit die Entwicklungen der Globalisierung auf, ob wir nun wollen oder nicht. Globalisierung ist ein Bestandteil der Entgrenzung, ebenso wie die Europäisierung. Die Europäische Union gilt als ein einzigartiges Projekt, als europäischer Staatsbürger kann man sich völlig frei innerhalb des Mitgliedsraumes bewegen und kein Schlagbaum hindert den Reisenden am Fortkommen. Je mehr Vorteile man als Europäer also genießen kann, desto förderlicher muss dies folglich für die Entwicklung einer europäischen Identität sein, so lautet die naheliegende Schlussfolgerung. Man könnte jetzt noch weitergehen, noch mehr Errungenschaften der EU aufzählen und somit indirekt das Todesurteil nationaler Staatsbürgerschaft begründen.

Leider holen uns an diesem Punkt die jüngsten Entwicklungen Europas aus dieser romantisch-naiven Vorstellung auf den Boden der Tatsachen zurück. Außerhalb Deutschlands scheint es um das Befinden einiger europäischen Mitgliedsländer nicht so rosig bestellt. Dem hochverschuldeten Griechenland drohte 2015 der „Grexit“, der jedoch in letzter Minute noch abgewendet wurde, seitdem bekämpft das Land seine enorme Schuldenlast mit wenig populären Mitteln, wie Rentenkürzungen beispielsweise. Sehr viel dramatischer ging es allerdings in Großbritannien zu, als Mitte des Jahres 2016 in einem Referendum für den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union entschieden wurde. Am schmerzhaftesten sind an dieser Stelle wohl die bewusste Ablehnung und offenen Ressentiments der Bürger Großbritanniens gegenüber der Europäischen Union, von den noch nicht absehbaren wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Auswirkungen ganz zu schweigen. In den Vereinigten Staaten, bis vor wenigen Monaten ein zumeist verlässlicher transatlantischer Bündnispartner, ist ein cholerischer und politisch völlig unerfahrener Donald Trump in das Oval Office eingezogen und beglückt das weltpolitische Establishment regelmäßig mit Überraschungen. Auffällig an seinem Politikstil und Wahlversprechen ist und waren die nationale Fixierung seiner Vorhaben, den Amerikanern endlich wieder „ihre Jobs“ wiederzugeben oder aber auch, das seit dem Ende des Kalten Krieges überwunden geglaubte Mittel, eine Mauer zu errichten, um illegale Einwanderung aus Mexiko zu unterbinden. Nichts unterstreicht ein Rückzug in Nationalismus so sehr wie der Bau einer Mauer. Bei aller Kritik, müssen wir bezüglich des Errichtens von Grenzwällen jedoch nicht den weiten Weg nach Amerika bemühen, sondern werden auch in der unmittelbaren Nachbarschaft Deutschlands fündig. Wir sind beim Thema Flüchtlingskrise angelangt, die wohl zur schwersten Krise der Europäischen Union seit ihrer Gründung geführt hat. Überfordert mit der enormen Anzahl von Asyl suchenden, die sich auf den Weg nach Deutschland machten, griffen einige Länder zu drastischen Mitteln und richteten kurzerhand Grenzkontrollen ein, Ungarn hat mittlerweile ein mit Stacheldraht bewehrten Grenzzaun entlang der serbischen, sowie kroatischen Grenze errichtet. Damit hat Europa einen Teil ihrer prestigeträchtigsten Errungenschaft eingebüßt, welches auch charakteristisch für das Phänomen der Entgrenzung ist; die Überwindung nationaler Grenzen.

Die vorangegangene, detaillierte Betrachtung jüngerer politischer Ereignisse hat den einfachen Grund aufzuzeigen, dass trotz Entgrenzungsphänomenen, wie beispielsweise Globalisierung oder Europäisierung, das herkömmliche Konzept der Staatsbürgerschaft nicht einfach als obsolet abgetan werden kann. Vielmehr wurde zu zeigen versucht, dass der Rückzug in nationale Gefilde in jüngerer Zeit immer mehr an Relevanz gewinnt, ein Trend, der sich in Zukunft nicht unbedingt abschwächen wird. In Bezug auf die Forschungsfrage impliziert dies Auswirkungen auf den Bestand einer europäischen Identität, sowie deren Konnotation.

3. Forschungsstand

In Anbetracht der Tatsache, dass die Europäische Union erst seit einigen Jahrzehnten existiert, haben wir es noch einem relativ jungen Forschungsfeld zu tun. In den 1990er Jahren gab es erstmals Debatten, inwiefern Nationalstaaten durch die Entwicklung der EU beeinflusst wurden. Haben sie „tatsächlich an Macht und Einfluss eingebüßt [...] oder wurden im Gegenteil dadurch erst - als Reaktion auf veränderte Rahmenbedingungen staatlichen Handelns und auf den Strukturwandel des Staates selbst - in ihrem Bestand und ihrer Vorrangstellung gesichert.“ (Bach 2000: 12) Einigkeit bestand in der Annahme, dass das Modell des Nationalstaats vor gänzlich neuen Herausforderungen steht.

In der Zeit um die Jahrtausendwende wurde bemerkt, dass „[t]rotz der sich offenkundig zunehmend erweiternden gesellschaftlichen Wirkungsfelder der europäischen Integration [...] bisher die unmittelbaren und indirekten gesellschaftlichen Effekte der politischen und ökonomischen Einigung weitgehend unerforscht [blieb]. “ (ebd. 2000: 13) Während im frühen 21. Jahrhundert im Zuge der zunehmenden Europäisierung die Interdependenzen und Verflechtungen vor allem ökonomisch immer mehr an Bedeutung gewinnen, so kann jedoch nicht von der Entstehung einer europäischen Gesellschaft gesprochen werden, so die übereinstimmenden Bestandsanalysen.

Bezüglich jüngerer Untersuchungen gibt es eine ganze Reihe von Arbeiten, die sich mit Themen wie Identität oder Zugehörigkeit innerhalb Europas beschäftigen. Diese Arbeiten sind überwiegend quantitativ-empirische Forschungen und haben zumeist die Mikroebene, also den Bürger oder die Bürgerin als Untersuchungsgegenstand. Dabei interessieren insbesondere die individuellen Einstellungen der EU gegenüber, sowie die Auswirkungen, die sich aus mehreren Identitäten ergeben.1

Das wohl bekannteste Erhebungsinstrument ist die Eurobarometerumfrage, die bereits seit Anfang der 1970er Jahre für die Generierung eines Meinungsbildes sorgt. Dabei werden durch gezielte Fragen die Bewertung der Mitgliedschaft des eigenen Landes erfasst, sowie nach der konkreten Wahrnehmung von Vorteilen gefragt. Hinsichtlich dieser Fragen lässt sich seit den achtziger Jahren eine steigende Zustimmung konstatieren, bis in den 1990er Jahren die Zustimmungswerte wieder sanken. Im Jahr 2003 lagen die Werte schließlich wieder unterhalb des Niveaus zu Beginn der 1980er Jahre. Markante Ergebnisse oder ins Auge stechende Entwicklungen sucht man hier vergebens, außerdem ist keine zunehmende Identifikation mit der Europäischen Union erkennbar. Im Jahr 2004 wurden im Eurobarometer Nr. 61 mehrere spezielle Fragen zur europäischen Identität formuliert, zur Kenntnis der europäischen Flagge, sowie nach der Europahymne, die dem letzten Satz der Choralsinfonie Beethovens entnommen wurde. Ersteres wurde von gut 80% erkannt, die „Ode to Joy“ jedoch lediglich von einem Viertel. Der EU ist damit ein Informationsdefizit zu konstatieren, die EU-Bevölkerung verbindet so gut wie keine konkreten Inhalte mit der Institution, ein Bestand, der eine der Hauptursachen war für die Ablehnung der EU-Verfassung im Jahr 2005. Ein bemerkenswerter Trend hin zu einer größeren Zahl von Menschen, die sich entweder ausschließlich oder wenigstens teilweise als Europäer verstehen, ist in gut 30 Jahren Eurobarometerumfrage nicht zu erkennen.

Sehr aufschlussreich ist außerdem eine Studie aus dem Jahr 2003, welche den Titel „Orientations of Young Men and Women to Citizenship and European Identity“ trägt. Ebenso wie die Eurobarometerumfrage wurde das Forschungsprojekt von der Europäischen Kommission in Auftrag gegeben. Dabei handelte es sich um eine repräsentative Umfrage unter ca. 400 zufällig ausgewählten Jugendlichen und 100 Jugendlichen, die einen Studiengang mit europäischer oder internationaler Prägung absolvieren. (vgl. Fuß 2002) Dabei geht es, ebenso wie bei der Eurobarometerumfrage, natürlich nicht nur um eine deutschlandweite Umfrage, sondern es wurden vielmehr Jugendliche aus zehn europäischen Städten befragt. Die Ergebnisse fallen für die deutschen Befragten recht positiv aus, im Ländervergleich weisen die deutschen Jugendlichen eine starke europäische Identität auf, dabei fühlen sich knapp zwei Drittel Europa sehr verbunden. Bei den Befunden auffallend ist außerdem der Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Hintergrund und der jeweiligen Verbundenheit mit Europa. Je höher der entsprechende Bildungsabschluss und je mehr Auslandserfahrung, desto offener erwiesen sich die deutschen Jugendlichen Europa gegenüber. Bei der Frage nach der Ausprägung nationaler oder eher europäischer Identität ist eine parallele Existenz festzustellen, die eine schließt die andere nicht aus und die meisten Jugendlichen fühlen sich gleichberechtigt sowohl als Deutsche und Europäer. Lediglich bei Befragten mit niederem Bildungsniveau ist der nationale Bezug stärker ausgeprägt. Auffallend ist der positive Einfluss, den ein Auslandsaufenthalt auf das Meinungsverhalten ausübt, so weisen fast drei Viertel der Jugendlichen mit Auslandserfahrung eine positive Identifikation mit Europa auf.

Erwähnenswert ist ebenfalls eine von der Tui-Stiftung vorgelegte Studie „Junges Europa“, bei der 6000 Jugendliche im Alter von 16 - 26 Jahren aus sieben EU-Ländern befragt wurden. Entscheidende Erkenntnis dieser Studie bestand in der Feststellung, dass die Europäische Union hauptsächlich als Wirtschaftsbündnis unter den Jugendlichen und weniger als Wertegemeinschaft angesehen wird. Die Identifikation mit der EU erfolgte damit hauptsächlich über materielle Gegebenheiten. Dennoch ist die Mehrheit der Jugendlichen für einen Verbleib ihres jeweiligen Herkunftslandes in der Europäischen Union. Außerdem wurden die Jugendlichen nach ihrer jeweiligen Zufriedenheit mit der Nationalregierung, sowie der EU-Regierung gefragt. In allen Fällen waren die Jugendlichen mit der EU-Politik deutlich zufriedener als mit der nationalen Politik. Lediglich in Deutschland war die Differenz weniger stark ausgeprägt, 53% der Befragten waren mit der eigenen Regierung zufrieden, gegenüber 61%, die mit der europäischen Regierung zufrieden waren. Hierbei stellt sich die Frage, wieso die Mehrheit der Jugendlichen mit der europäischen Regierung so viel zufriedener ist als mit der nationalen, wo doch die Identifikation mit der EU mehr unter ökonomischen Gesichtspunkten eine Rolle spielt und die politische Dimension mehr oder weniger unwichtig ist. Dennoch kann man auch an dieser Stelle festhalten, dass innerhalb deutscher Befragter die Identifikation mit der Europäischen Union deutlich stärker ausgeprägt ist und die Zufriedenheit allgemein höher.

Zu Beginn des Jahres 2017 wurde die bisher größte, europäische Jugendstudie abgeschlossen. Initiiert wurde sie von ZDF, BR und SWR. Die mit „Generation What?“ betitelte Umfrage kam im Vergleich zu den vorangegangenen Studien zu ähnlichen Ergebnissen. Betrachtet man die Identifikation mit Europa länderübergreifend, so fällt das Ergebnis absolut ernüchternd aus, lediglich 11% identifizierten sich bewusst mit Europa. Allerdings bestehen innerhalb der unterschiedlichen Länder erhebliche Unterschiede, am europäischsten sind die Luxemburger, doch auch die deutschen Befragten befinden sich in der Spitzengruppe. Interessant ist an dieser Stelle auch die Erkenntnis, dass Patriotismus beziehungsweise der nationale Bezug in Deutschland sehr gering ausfällt, dabei werden als Erklärungsfaktor die prekären historischen Erfahrungen Deutschlands angeführt. Die breite Mehrheit der Jugend in Europa befürchtet einen immer mehr zunehmenden Nationalismus, wobei insbesondere Deutschland einen Spitzenplatz einnimmt, wenn es um die Skepsis Nationalismus gegenüber geht, hier fürchten 78% zunehmenden Nationalismus.

Abschließend kann man formulieren, dass „mit der EU als neuem Adressaten von Ansprüchen und Verantwortungszuschreibungen seitens der europäischen Bürger ein weiteres Objekt für kollektive Identitäten entstanden [ist], [wobei] eine belastbare Identifikation mit dem europäischen Projekt fast nur in Elitenkreisen zu finden ist, die breitere Bevölkerung dagegen kognitiv in einem national bis nationalistisch codierten Partikularismus und einem diffusen Euroskeptizismus verharrt.“ (Bach 2015: 12)

3.1 Erkenntnisinteresse

Im vorangegangenen Teil wurde auf die Relevanz des vorliegenden Themas und auf den diesbezüglichen Forschungsstand hingewiesen. Bevor nun die theoretische Eröffnung des beschriebenen Themas erfolgt, soll in einem Zwischenschritt nochmals detailliert auf das Erkenntnisinteresse eingegangen werden.

Das Konzept der Staatsbürgerschaft entwickelte sich analog mit dem Aufkommen des Nationalstaats, entsprechend formierte sich im Laufe der Jahrzehnte auch eine nationale Identität, das Gemeinschaftsbewusstsein, oder Wir-Gefühl, innerhalb einer Nation. Heutzutage besitzen wir jedoch nicht nur die nationale Staatsbürgerschaft, sondern zusätzlich das Äquivalent auf europäischer Ebene. Damit ist es nur folgerichtig davon auszugehen, dass dies zur Herausbildung eines zusätzlichen identitären Bezugsrahmens auf supranationaler Ebene geführt hat. Angesichts des, aus zeitlicher Perspektive, noch nicht lange bestehenden institutionellen Referenzpunkts einer europäischen Identität, stellt sich nun unmittelbar die Frage nach der Ausgestaltungsform dieses diffusen Konzepts europäischer Identität. Insbesondere im qualitativen Bereich gibt es hier kaum erwähnenswerte Forschungsergebnisse. Des Weiteren ist bei vorliegenden quantitativen Untersuchungen zur EU ein eindeutiger „EU-Bias“ gegeben, da ein Großteil der Arbeiten von EU-Institutionen initiiert wurden.

Herauszufinden, wie die europäische Identität ausgestaltet ist und wie sie sich artikuliert, ist zentrales Anliegen der vorliegenden Forschungsarbeit. Um die Forschungsfrage der Ausgestaltung europäischer Identität etwas näher einzugrenzen, werden nachfolgend unterschiedliche Möglichkeiten der Gestaltungsform theoretisch eröffnet. Diese drei Gestaltungsformen versuchen die europäische Identität etwas näher zu charakterisieren, entsprechend dazu wurden auch die Hypothesen entwickelt. Anhand einer Grundhypothese, die dazu dient, die weiteren Hypothesen überhaupt einer Untersuchung zugänglich zu machen, soll der allgemeine Bestand einer europäischen Identität überprüft werden. Der erwartungsgemäßen Bestätigung folgt eine grobe Einordnung bezüglich deren Konnotation und es wird untersucht, ob eine eindeutig positive Identifikation der Befragten mit der EU gegeben ist. Anschließend folgen Hypothesen, die genauer auf die Art und Weise der Ausgestaltung des identitären Bezugsrahmens zur Europäischen Union zugeschnitten sind. So besteht beispielsweise die Hypothese, dass die EU vordergründig als Wirtschaftsbündnis gesehen wird, eng damit verknüpft ist außerdem die Hypothese, dass die EU in erster Linie als Wohlstandgarant fungiert und die Ausgestaltung des identitären Bezugsrahmens entsprechend auf materiellen Gegebenheiten beruht. Des Weiteren werden die Thesen aufgestellt, dass gemeinsame europäische Werte nachrangig, beziehungsweise eine untergeordnete Rolle spielen. Abschließend erfolgt noch die Prüfung der Hypothese, ob die EU in erster Linie als politisches Bündnis anerkannt wird.

Entsprechend der oben genannten Hypothesen gilt es zu erwähnen, dass es erwartungsgemäß zahlreiche Überschneidungen geben wird, da eine trennscharfe Einteilung zwischen den Bereichen Wirtschaftsbündnis, Wertegemeinschaft und politisches Bündnis schwierig umsetzbar ist. Allerdings ist es erklärtes Anliegen der Forschungsarbeit, eine klare Tendenz in der Art der Ausgestaltung festzustellen.

4. Theoretischer Teil

4.1 Staatsbürgerschaft und Identität

Zur Einordnung des vorliegenden Themas soll zu Beginn der Begriff der Staatsbürgerschaft genauer untersucht werden. Die historische Entwicklung des Konzepts der Staatsbürgerschaft ist eng verknüpft mit der Genese des modernen Nationalstaats und kann grob auf das späte 18. und frühe 19. Jahrhundert datiert werden. Großes historisches Ereignis, das begünstigend auf die Herausbildung des Konzepts einwirkte, war die Französische Revolution im Jahr 1789. In allgemeiner Form können die einander bedingenden Konzepte Nationalstaat und Staatsbürgerschaft wie folgt definiert werden. „The essence of the nation-state is the institution of citizenship: the integration of all the inhabitants of a territory into the political community, and their political equality as citizens.“ (Castles/Davidson 2000: 2)

Das Konzept der Staatsbürgerschaft zeichnet sich durch eine außerordentliche Vielschichtigkeit aus, da es politische, soziale und rechtliche Aspekte zum Gegenstand hat. In der politischen Dimension ist das Recht auf politische Partizipation der Kernpunkt. Diese beinhaltet unterschiedliche Formen der Teilhabe am politischen Prozess innerhalb des Mitgliedschaftsraumes, an erster Stelle wären hier natürlich das aktive und passive Wahlrecht zu nennen, das jeder Staatsbürger ab einem gewissen Alter beanspruchen kann. Es gibt jedoch noch andere Möglichkeiten der politischen Partizipation, die das Konzept beinhaltet, beispielsweise die Teilnahme an Petitionen, Unterschriftenaktionen oder auch Volksbegehren oder ähnlichem. „Die politischen Partizipationsrechte garantieren jedem Bürger in gleicher Weise, mit darüber zu entscheiden, wer für einen begrenzten Zeitraum legitimiert wird, politische Macht auszuüben.“ (Mackert/Müller 2007: 11)

Des Weiteren werden dem Bürger soziale Rechte gewährt, hierbei besteht das Recht auf den Bezug wohlfahrtsstaatlicher Leistungen, Zugang zu Bildungsinstitutionen und natürlich der Zugang zum Gesundheitswesen. Diese Anrechte verkörpern die Risikovorsorge des Bürgers, die er gegenüber dem Wohlfahrtsstaat geltend machen kann. Die genaue Bestimmung sozialer Rechte fällt allerdings recht schwer, insbesondere bei kapitalistischen Gesellschaften, denn „[...] it cannot imply complete equality in a capitalist society, where inequality of wealth and income is seen as vital to economic efficiency.“ (Castles/Davidson 2000: 110)

Drittens sind die bürgerlichen Rechte zu nennen, die für uns heutzutage selbstverständlichen Rechte beinhalten, zum Beispiel die persönliche Freiheit, das Recht auf freie Meinungsäußerung und Religions- und Versammlungsfreiheit, um nur die wichtigsten zu nennen. „Die bürgerlichen Freiheitsrechte schützen das Individuum vor der arbiträren Gewalt des Staates und verpflichten ihn zugleich auf den Schutz der Bürger vor inneren und äußeren Feinden.“ (ebd. 2007: 11)

Eingangs wurde bereits der enge Bezug der Staatsbürgerschaft zum nationalstaatlichen Modell erwähnt. Im oben genannten Zitat zu den bürgerlichen Freiheitsrechten ist bereits ein wichtiges Charakteristikum der Staatsbürgerschaft enthalten, nämlich die Inklusions­und Exklusionsmechanismen, die mit diesem Konzept einhergehen. Der Staat gilt als absolut zentraler Akteur, denn dieser ist dafür verantwortlich, sein Staatsvolk vor Bedrohungen von außen zu schützen. Als außen gilt, nationalstaatlich gedacht, alles außerhalb der territorialen Grenzziehung des entsprechenden Staatsgebiets. Diese aus heutiger Sicht sehr stringente Zugehörigkeitsregelung bedingt jedoch auch innerhalb der staatlichen Grenzziehung zahlreiche Mechanismen und führt durch die klare Abgrenzung zur Herausbildung einer exklusiven Solidargemeinschaft, der logischerweise nur die Bürger innerhalb des gegebenen Territoriums angehören.

Der klare Bezugsrahmen führt damit in einem weiteren Schritt zur Entstehung einer kollektiv geteilten Identität, die sich durch das tägliche Miteinander, die gemeinsamen Werte, Normen und Institutionen konstituiert. Bei einer allerersten Annäherung an das Konzept der Identität muss grundlegend unterschieden werden, zwischen individueller und kollektiver Identität. Bei der vorliegenden Forschungsarbeit interessiert uns vor allem letzteres, da es Anliegen dieser Arbeit ist herauszufinden, inwiefern eine kollektive europäische Identität in entsprechenden Ausprägungen vorhanden ist und mit der herkömmlichen nationalen Identität koexistiert. Bei kollektiven Identitäten steht etwas Gemeinschaftliches im Vordergrund, das außerdem oftmals symbolischen Bezugscharakter aufweist und sich durch ein Mindestmaß an Institutionalisierung auszeichnet. Damit bezieht sich der Begriff auf „ Ordnungsvorstellungen wie sie ethnische Gemeinschaften, Nationen, soziale Klassen, Berufsgruppen und dergleichen verkörpern, [...] [und] ist außerdem mit Herrschaftsstrukturen verknüpft, deren Grenzen kulturell oder politisch definiert werden.“ (Bach 2015: 162) Absolut zentral ist dennoch der Gemeinsamkeitsbezug.

[...]


1 Diese quantitativ-empirischen Untersuchungen sind jedoch nicht unumstritten, da die Operationalisierungen und Indikatoren, die diesen Befragungen zugrunde liegen, überwiegend im Hinblick auf nationale Identitäten entwickelt wurden. (vgl. Wiesner 2017: 35 ff)

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Staatsbürgerschaft im Spannungsfeld der Entgrenzung
Untertitel
Die Ausgestaltung des identitären Bezugsrahmens zur EU zwischen Wirtschaftsbündnis, Wertegemeinschaft oder politischer Union?
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
40
Katalognummer
V958880
ISBN (eBook)
9783346306296
ISBN (Buch)
9783346306302
Sprache
Deutsch
Schlagworte
EU, Europäische Union, Staatsbürgerschaft, Identität, Entgrenzung, Staatsbürger, Wirtschaftsbündnis, Wertegemeinschaft
Arbeit zitieren
Samuel Kohnle (Autor), 2018, Staatsbürgerschaft im Spannungsfeld der Entgrenzung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/958880

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