Politische Strömungen innerhalb der bürgerlichen Bewegung


Hausarbeit (Hauptseminar), 1998

12 Seiten, Note: 2


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Inhaltsverzeichnis

1. Die Liberalen
1.1 Der südwestdeutsche Liberalismus und Rotteck
1.2 Der konservative Liberalismus und Dahlmann
1.3 Das Heppenheimer Programm

2. Die Demokraten
2.1 Die Republikaner und Siebenpfeiffer
2.2 Das Offenburger Programm der südwestdeutschen Demokraten

3. Die Konservativen
3.1 Die konservative Staatstheorie: Friedrich Julius Stahl

4. Politischer Katholizismus

(Verzeichnis der verwendeten Literatur und Quellensammlungen)

1. Die Liberalen

"In den frühen zwanziger Jahren waren viele, die sich der politischen Öffentlichkeit Deutschlands zurechneten, dazu übergegangen, sich als `Liberale´ zu sehen. Den aus dem zeitgenössischen spanischen Sprachgebrauch entlehnten Begriff eigneten sich fortschrittliche Kräfte in allen europäischen Ländern an. Von Anfang an bedeutete `Liberalismus´ allerdings für die unterschiedlichen Gruppen Unterschiedliches, wenngleich sich alle darin einig waren, daß liberal sein bedeutete, der Partei der Bewegung anzugehören, die Tyrannei zu hassen und die Freiheit zu lieben, Irrationalität zu verabscheuen und die Vernunft über alles zu stellen, gegen die Reaktion zu kämpfen und den Fortschritt zu fördern."

Die prominenten Wortführer der Bewegung kamen zumeist aus der akademischen Elite, besonders häufig aus den in der Verwaltungsbürokratie oder der Justiz Tätigen, seit den 30er Jahren auch aus dem Journalismus. Auch wenn die Motivation, sich in der Opposition zu betätigen, sich individuell oftmals unterschied, "trat gewöhnlich noch jene besondere Mischung aus Privileg und Frustration hinzu, die für die Stellung des Gebildeten in der deutschen Gesellschaft charakteristisch war." Zwar genossen Akademiker enorme gesellschaftliche Anerkennung, und der Staat unterstützte Bildungseinrichtungen, die zum Universitätsstudium führten, aber gleichzeitig wurden gerade Professoren, Verwaltungsbeamte oder Journalisten durch frustrierende Bestimmungen oder die Zensur stark in ihrer Unabhängigkeit eingeschränkt.

Unterhalb dieser Ebene rekrutierten sich die Liberalen in ihrer Mehrzahl aus der sogenannten mittleren Schicht Deutschlands. Was diese in sich relativ heterogene Gruppe liberal eingestellter Bürger moralisch zusammenschloß, war die gemeinsame Abneigung gegen diejenigen, die in der gesellschaftlichen Ordnung über oder unter ihnen angesiedelt waren, also der Adel und die Unterschicht. Die soziale Heimat des Liberalismus war also der Mittelstand, aber "Mittelstand war im liberalen Verständnis nicht nur eine soziale, sondern auch eine moralische Kategorie. Dieses Verständnis beruhte (...) auf der Annahme eines gemeinsamen Grundstocks an ethischen Tugenden. Mit diesen Tugenden war gemeint, daß der Mittelstand identisch war mit jenen aufgeklärten und fortschrittlichen Menschen (...), deren politische und soziale Tugenden letzten Endes den Sieg erringen und jene liberale Welt schaffen würden, die der Bewegung als Ziel vorschwebte."

Neben dieser gemeinsamen Überzeugung und den von Sheehan angeführten Idealen (siehe S.1, oben ) existierten im liberalen Lager aber auch viele Uneinigkeiten, die von Wahlrechtsfragen bis zur Wirtschaftspolitik reichten.

Dies führte allerdings nicht zu einer Zersplitterung der Bewegung; man tolerierte gegensätzliche Meinungen zu bestimmten Problemfällen, solange die gemeinsame theoretische Basis vorhanden war. Trotzdem lassen sich in einer groben Einteilungen zwei Richtungen trennen, die sich vor allem in verfassungspolitischen Fragen unterschieden.

1.1 Der Südwestdeutsche Liberalismus und Rotteck

Wo zwischen 1800 und 1815 alte Loyalitätsbande zerstört und Oppositionsneigungen gefördert worden waren, dehnte sich der Liberalismus auffallend schnell aus. Die Menschen im Rheinland, in Baden und in der Bayrischen Pfalz beispielsweise hatten erlebt, wie schnell Machtverhältnisse radikal umgewandelt werden konnten, und diese politische Erfahrung ging dort so rasch nicht wieder verloren. Hier sollte sich im folgenden das entwickeln, was in der Forschung "südwestdeutscher" Liberalismus genannt wird. Seine Bedeutung verdankte er der Tatsache, daß er nach 1815 in den durch Verfassungen geschaffenen Landtagen in Süddeutschland ein politisches Betätigungsfeld erhalten hatte, das sonst nirgendwo bestand.

Bahnbrechend für den südwestdeutschen Liberalismus war das "Staats-lexikon". Es erschien von 1834 bis 1843 und wurde, zusammen mit Karl Theodor Welcker, von Karl von Rotteck herausgegeben. Rotteck wurde 1775 geboren, 1798 erhielt er eine Professur für Allgemeine Weltgeschichte an der Universität Freiburg.

Anhand seines Aufsatzes "Ideen über Landstände" von 1819 kann man einige verfassungspolitische Ideen der südwestdeutschen Liberalen nachvollziehen.

Geradezu revolutionär für damalige Verhältnisse war die Sicht der Beziehung zwischen Volk und Fürst, denn Rotteck ging von einer ursprünglichen Souveränität des Volkes aus, welche der Regierung lediglich übertragen worden war: "Sobald aber die Regierungsgewalt an eine physische oder moralische Person, wählbar oder erblich, ob mit oder ohne Verantwortlichkeit ü bertragen worden (ist); so entsteht eine Scheidung zwischen Regent und Volk im engeren Sinne, d.h. zwischen der positiv eingesetzten Staatsgewalt und ihren nat ü rlichen oder urspr ü nglichen Inhabern, zwischen den k ü nstlichen Organen des Gesamtwillens und den Wollenden selbst."

Die Stände als Volksrepräsentanten (Rotteck schwebte ein Klassenwahlrecht vor) standen der Regierung konkurrierend gegenüber: "Die Landstände sind wirklich das Volk im Kleinen, sind aus allen Hauptklassen zusammengesetzt oder wenigstens von allen Klassen gew ä hlt (...) und sprechen also (...) den wahren Volkswillen aus. Die Regierung dagegen, d.h. die Person des Regenten (...) kann sehr leicht ein von dem Volksinteresse verschiedenes, ja mit demselben streitendes Interesse und noch leichter eine verschiedene Neigung oder Ansicht haben. Auf jeden Fall steht sie dem Volk gegen ü ber oder ü ber demselben. Die Landstände aber sind eines mit dem Volk oder unter ihm."

Rotteck schwebte also eine konstitutionelle Monarchie vor, in der die Einheit des Staates institutionell durch die monarchische Regierung gewährleistet und die Rechte des Volkes durch die Stände gesichert sein sollten.

1.2 Der konservative Liberalismus und Dahlmann

Friedrich Christoph Dahlmann verkörperte den konservativen Typ des Liberalismus. Von Rotteck unterschied er sich vor allem darin, wie er politische Herrschaft und darin die Stellung des Monarchen legitimierte. Dahlmann wurde 1785 geboren, 1812 erhielt er einen Ruf auf eine Professur für Geschichte an der Universität Kiel. In Schleswig - Holstein lernte er altüberkommene, noch arbeitsfähige Ständevertretungen kennen. Er deutete deren Traditionen als fortwirkendes, historisch begründetes angelsächsisches - und noch weiter zurückgreifend - , als ursprünglich germanisches Recht. Er sah hier die Grundlagen einer deutschen Verfassung historisch begründet; er hielt nichts von Menschenrechten und französischen Verfassungen. Deshalb nennt man seinen Liberalismus auch "historisch - organischen Liberalismus".

1835 erschien Dahlmanns Schrift "Die Politik auf den Grund und das Maß der gegebenen Zustände zurückgeführt". Schon im Titel ist angedeutet, daß es ihm zu weit ging, was seine liberalen Gesinnungsgenossen im Südwesten forderten. Nach seiner Anschauung kam dem Monarchen innerhalb der Machtverteilung im Staat das Übergewicht vor der Ständekammer zu. Im Kapitel "Die königlichen Rechte" heißt es: "Der König besitzt vermöge der Regierung die gesamte vollziehende Gewalt, und wie er schon auf die Beratung der Gesetze einigen Einfluß übt (...), so kommt kein Gesetz ohne des Königs Zustimmung zustande."Auch die Außenpolitik und das Militär sollten, so Dahlmann, ausschließlich dem König unterstehen. Zum Recht der Ständeversammlung befand er: "Der König beruft die Ständeversammlung und hat das Recht, sie nach Gefallen zu vertagen, zu entlassen und aufzulösen. Permanente Ständeversammlungen sind der Krone Sturz"

Diese Variante des Liberalismus betont einen starken Staat, Dahlmann sah zu dieser Zeit eher den Staat als Monarchie und nicht die Freiheit in Gefahr. Er schrieb: "So offenbart sich in der Probe der verschiedensten Zeiten und Verhältnisse, welch eine tiefsinnige Verfassung die Monarchie ist. (...) Die Mehrzahl des Volkes bedarf zu allen Zeiten dieser verständlichsten, gemütvollsten aller Regierungsweisen, und unzählige Male hat sich an die alte Treue für ein angestammtes Haus die Erhaltung des ganzen Staates geknüpft. (...) Wer in diesem unter der Last so manches unabwendbaren Wechsels fast erliegenden Weltteile noch die Monarchie entwurzeln möchte, der vergißt, daß zwar oftmals aus der Ordnung die Freiheit, nie aber aus der Freiheit die Ordnung hervorgegangen ist."

Es darf jedoch nicht übersehen werden, daß für Dahlmann die Verfassung das Fundament für Freiheit und Recht darstellte. Er war einer der sieben Göttinger Professoren, die 1837 gegen die Aufhebung der Verfassung durch den Hannoverschen König protestierten und darüber ihr Amt verloren.

1.3 Das Heppenheimer Programm

Die Aufspaltung der Bewegung war den Zeitgenossen nicht verborgen geblieben, man wollte aber keinesfalls die Einheit des Liberalismus in Frage stellen. Schließlich versuchte man sich im Oktober 1847 auf einer Besprechung in Heppenheim auf ein gemeinsames Programm zu einigen.

An erster Stelle wurde das Ziel der Einigung Deutschlands besprochen, das auch in der öffentlichen Diskussion immer mehr an Bedeutung gewonnen hatte. Der bestehenden Bundesversammlung wurde jegliche Effektivität abgesprochen, nun stellte man sich die Frage, "ob eine Vertretung der Nation bei der Bundesversammlung Besserung bewirken und daher als Strebziel der Vaterlandsfreunde aufzustellen sei". Hauptargument dagegen war, daß der Deutsche Bund Glieder enthalte, die nicht ausschließlich deutsche Mächte seien; man kam zu dem Schluß, daß eine nationale deutsche Politik eher zu verwirklichen sei, "wenn man die öffentliche Meinung für die Ausbildung des Zollvereins zu einem deutschen Vereine gewinne". Dem Verwaltungsapparat des Zollvereins sollte eine von den Kammern der "Vereinstaaten" gewählte Notablenvertretung zur Seite gestellt werden.

Dem Vorsatz, eine eventuelle spätere Möglichkeit der Einigung Deutschlands nicht verstreichen zu lassen, folgte eine Reihe liberaler Forderungen meist rechtsstaatlicher Art, und schließlich ernannte man eine Kommission, die zur Aufgabe hatte, "im nächsten Jahre über das Steuerwesen und die Zustände der ärmeren Klassen im Zusammenhang zu berichten".

Die teilweise mehr als vagen Formulierungen und das relativ dünne Ergebnis der Debatten zeigen, daß man sich in vielen Punkten mit der Einigung sehr schwertat; das Heppenheimer Programm blieb letztlich sehr von Kompromissen geprägt. Aber immerhin hatten es die Liberalen geschafft, am Vorabend der Revolution eine gemeinsame gesamtdeutsche Basis zu finden.

2. Die Demokraten

Der Beginn der Spaltung der bürgerlichen Bewegung in Liberale und Demokraten trat erstmals auf dem Hambacher Fest 1832 zutage. Bei einigen Rednern waren hier "ein antimonarchisches Ressentiment und die Forderung nach der deutschen Republik nicht mehr zu überhören".

Mit ein Grund für die Trennung war sicherlich, daß mit der Euphorie über die Pariser Julirevolution von 1830 auch die Enttäuschung über das Ausbleiben echter Fortschritte in Deutschland wuchs.

2.1 Die Republikaner und Siebenpfeiffer

Die Initiatoren des Hambacher Festes, die Juristen Siebenpfeiffer und Wirth, hatten sich bereits durch die Herausgabe radikaler Zeitungen und die Gründung des deutschen Pressvereins Anfang 1832 einen Namen gemacht. Doch zu Berühmtheiten über die Landesgrenzen hinaus wurden sie durch ihre glühenden Verteidigungsreden vor Gericht, als man sie im Zuge der Strafaktionen nach dem Hambacher Fest unter Anklage stellte, verurteilte und ins Gefängnis steckte.

In seiner Verteidigungsrede vor dem Schwurgericht in Landau 1833 hält Jakob Siebenpfeiffer auch ein Plädoyer für die Republik: "Ich halte die Repräsentativ - Republik für die einzige Staatsform, die einem größeren Volk, das seine Würde fühlt, geziemt, für die alleinige, die heute möglich. Sie allein kann freies Denken, freies Handeln geben, somit den Zweck der Völkerbewegung erfüllen. (...) Die konstitutionelle Monarchie, welche Republik und Fürstlichkeit vereinen soll, ist mir praktisch ein Unding. Nur ein Wille kann Staaten regieren; jene stellt aber einen zweifachen auf: den Willen des Monarchen und den des Volkes."

Im weiteren Verlauf versucht er Argumente zu entkräften, die auch von den Liberalen gegen die Republik angeführt wurden: "Sagt ihr aber, die heutigen Völker seien für republikanische Formen nicht tüchtig, so ist man versucht zu denken, ihr urteilt nach euch selbst. Meint ihr aber, sie seien dafür noch nicht reif, so brecht ihr euch den Stab und der Monarchie, die in tausend Jahren nicht fähig war, die Völker weiter zu bringen. Lauter nichtige Vorwände!"

Um Mißverständnissen vorzubeugen stellt er klar, daß auch die Republikaner keineswegs gewaltsame Gleichmacherei zum Ziel hätten. Siebenpfeifer erteilt hier der Utopie der Gütergemeinschaft eine deutliche Absage. "Man flüstert auch von Güterteilung, von Beraubung der Reichen zugunsten der Armen. Dergleichen gewaltsame Maßregeln könnten nur für kurze Zeit fruchten. Ungleichheit des Besitzes liegt in der Natur, welche die Menschen mit ungleichen Kräften und Neigungen ausstattet." Freiheit und Gleichheit sehe er vielmehr durch die Republik per definitionem verwirklicht.

Mit seinem Glauben an die Republik verknüpft Siebenpfeiffer die Notwendigkeit einer freien Presse; in ihr sieht er den Garant für den Fortbestand der demokratischen Staatsform: "Und ich habe den weiteren Glauben, daß die Republik, einmal wiedererweckt, nicht abermals untergehen wird: an ihrer Wiege steht nicht nur eine bluttriefende Stiefmutter, die Monarchie, sondern eine hellsehende Wächterin, welche die alten und neueren Republiken nicht kannten, die freie Presse, die mit tausend Argusaugen sie überwacht, damit die Schlangen des Ehrgeizes und der Selbstsucht sich in scheuer Ferne halten."

Erst am Ende seiner Rede beginnt er seine Verteidigung, die zugleich jedoch eine Anklage gegen das bestehende System ist. Er meint, daß Gewalt einzig und allein von den Regierungen ausgeübt worden sei: "Nicht wir unterdrückten die Meinungen anderer, nicht wir verboten eure Staats- und Lohnblätter, nicht wir besiegelten eure Pressen und verfolgten die Schriftsteller eurer Partei." Siebenpfeiffer stellt klar, daß die Demokraten nicht grundsätzlich gegen eine Politik der allmählichen Reformen, wie sie auch von den Liberalen propagiert wurde, seien. Er bezweifele aber, daß diese unter den gegebenen Bedingungen möglich sei und das erst der Rahmen dafür geschaffen werden müsse: "Sichert dem wahren Volksinteresse ein reines, unbestechliches und unwiderstehliches Organ, d.h. eine frei erw ä hlte Nationalversammlung, gest ü tzt auf eine wahre Nationalmacht - ja, dann mögt ihr von allmählichen Reformen reden!"

2.2 Das Offenburger Programm der südwestdeutschen Demokraten

Das Hambacher Fest und seine Folgen hatten zwar Aufsehen erregt, doch der Einfluß der Demokraten auf die durch die Verfassungen geregelten politischen Entscheidungen blieb gering. Das einzige Land, in dem radikale Abgeordnete Zutritt zu den Kammern erhielten und hier aktiv zur Oppositionsbildung beitragen konnten, war Baden. "Die anerkannten Führer der badischen Radikalen waren Gustav von Struve, der als Advokat und Redakteur verschiedener Blätter in Mannheim heftige Kämpfe mit der Zensur ausfocht, und Friedrich Hecker, ebenfalls ein Advokat, der dem Landtag seit 1842 angehörte. (...) Auf einer Volksversammlung am 12. September 1847 in Offenburg verkündeten die badischen Demokraten, die sich zur Abgrenzung von den halbherzigen Liberalen die `Ganzen´ nannten, ein politisches Aktionsprogramm."

Zu den aufgestellten Forderungen zählten die Pressefreiheit (Artikel 2), die Glaubensfreiheit (Artikel 3), "persönliche Freiheiten" wie Vereins- und Versammlungsfreiheit (Artikel 5), eine Volksvertretung beim deutschen Bund (Artikel 6) und eine volkstümliche Wehrverfassung (Artikel 7). Die demokratische Tendenz und ein sozialpolitischer Einschlag zeigten sich besonders in Artikel 8, der eine progressive Einkommenssteuer forderte, und in Artikel 9, welcher Chancengleichheit in der Bildung verlangte.

In Artikel 1 fällt die Formulierung "unveräußerliche Menschenrechte" auf; sie zeigt, daß die Demokraten die Grundrechte als Naturrechte ansahen, die nicht erst durch Gesetze festgeschrieben werden, sondern dem Menschen eigen sind.

Ebenfalls auffällig ist, daß die Forderung nach der Republik im Offenburger Programm gänzlich fehlt. In der Forschung wird dies oft mit taktischer Zurückhaltung begründet, es könnte jedoch auch dem Einfluß einer Gruppe von gemäßigteren Demokraten zuzuschreiben sein, zu der auch Friedrich Murhard zählte. In seinem Aufsatz "Die Volkssouveränität im Gegensatz der sogenannten Legitimität" hatte er bereits 1832 eine Möglichkeit vorgestellt, nach der seiner Meinung nach Volkssouveränität auch ohne eine Republik zu verwirklichen sei. Er meinte, wenn zwischen dem eigentlichen Inhaber der Souveränität, also dem Volk, und seinem beauftragten Regenten eine ständige Kommunikation in Form einer freien Presse herrsche, so sei de facto die Volkssouveränität gewährleistet.

3. Die Konservativen

Der Konservatismus war vor allem auf dem Lande beheimatet, hatte aber auch städtische Bastionen. Beim Landadel und der bäuerlichen Bevölkerung war der tiefgreifende Umbau der ländlichen Sozialverfassung mit Skepsis aufgenommen worden. Die Schwierigkeiten, die unweigerlich bei der Umstellung auftraten, nährten Zweifel an den Reformparolen der Linken. Ähnlich empfanden viele Handwerker, denen der Strukturwandel im gewerblichen Leben zu schnell von statten ging; sie suchten Schutz im konservativen Traditionalismus. Auch der Einfluß der Kirchen ist nicht zu unterschätzen. "Zwar hatte der Theologische Rationalismus in beiden Konfessionen weithin Fuß gefaßt, womit eher den Liberalen zugearbeitet wurde, aber es gab hier wie dort auch zahlreiche orthodoxe Geistliche, die ihr Mißfallen an der neueren Entwicklung nicht verhehlten."

Die Wortführer der Konservativen waren meist Adelige, die aufgrund ihrer sozialen Stellung leichten Zugang in Behörden und Landtage hatten. So hatten sie ein dichtes informelles Beziehungsnetz. Aber erst als um 1840 herum erkennbar wurde, wie stark die liberale Meinungsführerschaft fortgeschritten war, bemühte man sich, die konservative Position auch in der Öffentlichkeit zu stärken.

3.1 Die konservative Staatstheorie: Friedrich Julius Stahl

Der wohl bedeutendste konservative Denker war Friedrich Julius Stahl, Mitglied der hochkonservativen Kamarilla um Friedrich Wilhelm IV. Sein Werk Philosophie des Rechts von 1830/37 lieferte dem Konservatismus die nötige theoretische Basis, mit der er sich in den Auseinandersetzungen um das monarchische Prinzip, um Adelsprivilegien und die künftige Rolle des Repräsentativgedankens im politischen System erfolgreich behaupten konnte.

Im Kapitel Das Wesen des Staates legte er dar, daß die menschliche Rechtsordnung Bindekraft besitze, da sie der Verwirklichung der gottgewollten Ordnung diene: "Recht und Staat zusammen in dieser ihrer unauflöslichen Verbindung sind das äußere Reich Gottes, sie sind jener Leib für seine Einwirkung auf die Menschen, durch die er hienieden seine Ordnung unter ihnen erhält und sie nach seinem Ziele leitet."

Den Staat als "äußeres Reich Gottes" zu sehen, ist sein Hauptargument gegen die liberale Staatsauffassung: "Ist diese Darstellung vom Wesen des Staates richtig, so folgt daraus von selbst die Nichtigkeit jener Lehre, welch den Staat als eine Gesellschaft der Menschen zum gegenseitigen Schutz ihrer Freiheit betrachtet: die Lehre des Naturrechts, des Liberalismus, der Revolution. - Der Staat ist nicht ein Zusammentritt, eine Gesellschaft von Menschen, sondern eine Anstalt, ein organisches Ganzes über ihnen, dem sie als dienende Glieder angehören, ein jegliches zu seiner bestimmten Stelle und Verrichtung."

Im Folgenden spricht er sich für die absolute Einheit der Staatsgewalt aus, diese könne weder in mehrere Gewalten geteilt noch mehreren Subjekten zugeteilt werden. In dieser Einheit der Staatsgewalt liegt für Stahl die "Souveränität", die er auch "Staatshoheit, Machtvollkommenheit" nennt..

Nachdem er diese Voraussetzungen dargestellt hat, skizziert Stahl sein Verfassungsideal, eine Art dreistufiges Staatsmodell. Die "oberste Machtvollkommenheit" (also die Souveränität, s.o.) hat der König. Stahl spricht sich für das erbliche Königtum aus und begründet dies auch: "Es gewährt dem Staate die Persönlichkeit der Herrschaft - der König vereinigt alle Gewalt in seinem persönlichen Herrscherwillen (...).Es gewährt ihm die Ursprünglichkeit der Herrschaft - der König ist von selbst König durch seine Geburt (...)" Den König sollten untergebene Ämter bei der Ausübung der Herrschaft unterstützen, zusammen bildeten König und ausführende Ämter "die eine Anstalt und Macht der Regierung".

Als zweite Macht im Staat, und hier löst sich Stahl von altkonservativem Gedankengut und beugt sich den realen Gegebenheiten, sieht er die Volksvertretung. Allerdings räumt er ihr lediglich eine Mittlerrolle und beratende Funktionen ein, und nur eine Elite sollte Zutritt zu ihr haben. "Dem entspricht die Versammlung der Angesehensten aus allen Ständen."

"Die Gemeinschaft der politischen Gesinnung" nennt er die dritte Macht, die von den beiden anderen Mächten ausgehe: "Sie bildet sich (...) durch die Öffentlichkeit der Staatslenkung, welche mittels der Volksvertretung und deren öffentlichen Verhandlungen vollständig zustandekommt, dann durch die öffentliche Mitteilung (insbesondere der Presse), wie sie von den Untertanen gepflogen, aber von der Regierung beaufsichtigt wird." Die politische Gesinnung solle eine moralische Macht sein, die Regierung, Ständevertretung und Untertanen miteinander verbinde.

4. Politischer Katholizismus

Schon seit etwa 1810 begann sich in Deutschland eine spezifisch Katholische Richtung zu entwickeln, der politische Katholizismus. Maßgeblich für die Entstehung dieser Strömung waren die vielfältigen Probleme, die für die Kirche durch die territoriale Neuordnung Deutschlands und die Säkularisation entstanden waren. "Die Vorkämpfer des Politischen Katholizismus wollten der Kirche eine unabhängige und privilegierte Stellung im Staate (als öffentlich-rechtliche Körperschaft) verschaffen. Die staatliche Kirchenhoheit sollte abgebaut werden, die Kirche ihre Angelegenheiten völlig selbständig regeln und auf das Bildungswesen sowie das Institut der Ehe maßgeblichen Einfluß haben."

In den ersten beiden Jahrzehnten war die Bedeutung dieser Bewegung eher gering und lokal begrenzt. Bundesweite Aufmerksamkeit erfuhr der Politische Katholizismus erst während der sogenannten Kölner Wirren, dem Mischehenstreit zwischen Preußen und der katholischen Kirche, der 1837 mit der Verhaftung des Kölner Erzbischofs v. Droste seinen Höhepunkt erreichte. Der ehemalige Jakobiner Joseph Görres verteidigte in seiner weitverbreiteten Flugschrift `Athanasius´ die Rechte der Kirche; er sollte auch in der Folgezeit als Mitherausgeber der `Historisch - Politischen Blätter für das katholische Deutschland´ der bedeutendste katholische Publizist bleiben.

Der Kölner Konflikt mit dem im Rheinland so unbeliebten preußischen Staat hatte zur Folge, neben den Politischen Katholizismus konservativer Prägung nun auch eine liberalere Richtung trat, die den Konstitutionalismus befürwortete. Doch "trotz des Politisierungsschubs durch den Mischehenstreit hatte der Politische Katholizismus vorerst noch keine Massenbasis (...)".

Verwendete Literatur und Quellensammlungen

Brandt, Hartwig (Hg): Restauration und Frühliberalismus 1814-1840. - Darmstadt 1979. (Quellen zum politischen Denken der Deutschen im 19. und 20. Jahrhundert; 3)

Faber, Karl Georg: Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Teil 2. Restauration und Revolution: von 1815- 1851. - Wiesbaden 1979.

Fenske, Hans: Deutsche Parteiengeschichte: Von den Anfängen bis zur Gegenwart. - Paderborn/München/Wien/Zürich 1994.

Gall, Lothar (Hg): Der europäische Liberalismus im 19. Jahrhundert. Texte zu seiner Entwicklung. Band 1. - Frankfurt a.M./Berlin/Wien 1981.

Hardtwig, Wolfgang / Hinze, Helmut (Hg): Vom Deutschen Bund zum Kaiserreich 1815-1871. - Stuttgart 1997.

Huber, Ernst Rudolf (Hg): Deutsche Verfassungsdokumente 1803-1850. - Stuttgart/Berlin/Köln/Mainz 1978.

Sheehan, James J.: Der deutsche Liberalismus. - München 1983.

Sheehan, James J.: Der Ausklang des alten Reiches 1763 - 1850. - Berlin 1994.

Wende, Peter: Radikalismus im Vormärz: Untersuchungen zur politischen Theorie der frühen deutschen Demokratie. - Wiesbaden 1975

11 von 12 Seiten

Details

Titel
Politische Strömungen innerhalb der bürgerlichen Bewegung
Note
2
Autor
Jahr
1998
Seiten
12
Katalognummer
V95889
Dateigröße
352 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
die Liberalen, die Demokraten, die Konservativen, Politischer Katholizismus
Schlagworte
Politische, Strömungen, Bewegung
Arbeit zitieren
Stefan Strasser (Autor), 1998, Politische Strömungen innerhalb der bürgerlichen Bewegung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/95889

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